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Mondschein

Guy de Maupassant: Mondschein - Kapitel 17
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMondschein
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume5
year1919
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidc3622c14
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Unsere Briefe

Nach acht Stunden Eisenbahnfahrt schlafen die einen ausgezeichnet, die anderen können gar nicht schlafen. Ich für mein Teil gehöre zu den letzteren, die in der Nacht darauf keinen Schlaf finden können.

Ich war gegen fünf Uhr bei meinen Freunden Muret d'Artus angekommen, um auf ihrer Besitzung Abelle drei Wochen zuzubringen.

Das Wohnhaus ist ein hübsches Gebäude. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts hatte es einer ihrer Ahnen gebaut, seitdem war es in der Familie geblieben. So besaß es das Anheimelnde einer Wohnung, die immer von denselben Leuten bewohnt, möbliert und belebt gewesen ist. Nichts wird dort geändert. Immer spürt man das Wehen desselben Geistes in den Zimmern; sie werden nie ausgeräumt, die Tapeten nie abgerissen, die so abgenutzt sind und verblichen an den alten Mauern. Man trennt sich von keinem der alten Möbel, höchstens werden sie einmal umgestellt, um Platz zu schaffen für ein neues Stück, das dann aussieht wie ein neugeborenes Kind unter älteren Geschwistern.

Das Haus liegt auf einem Hügel mitten in einem Park, der sich bis zum Flusse herabzieht, über den sich ein steinerner Brückenbogen spannt. Jenseits des Baches erstrecken sich Wiesen, und dort werden schleppfüßige, dicke Kühe, die das saftige Gras fressen und in deren feuchtem Auge die Frische der Weide zu glänzen scheint. Ich liebe dieses Haus wie etwas, das man sehnlichst gern besitzen möchte. Alle Jahre im Herbst kehre ich dort ein und freue mich jedesmal unglaublich. Wenn ich fort muß, bin ich sehr traurig.

Nachdem ich mit meinen Freunden, von denen ich wie ein Verwandter aufgenommen wurde, gegessen hatte, fragte ich meinen alten Freund Paul Muret:

– Was für ein Zimmer hast Du mir denn dieses Jahr gegeben?

– Das Zimmer von Tante Röschen.

Eine Stunde später führte mich Frau Muret d'Artus, von ihren drei Kindern, zwei große Mädchen und einer Range von Jungen gefolgt, zum Zimmer von Tante Röschen. Ich hatte dort noch nie gewohnt.

Als ich allein war, betrachtete ich die Wände und Möbel, die ganze Physiognomie des Raumes, um damit vertraut zu werden. Ich kannte ihn schon, war ein paarmal hineingegangen und hatte mit gleichgültigen Blicken dort ein Pastellbild von Tante Röschen gesehen, das dem Zimmer seinen Namen gab.

Mit ihren Haarwickeln sah diese alte Tante Röschen, deren Bild hinter dem Glase gedunkelt war, für mich ziemlich nichtssagend aus, wie eine jener braven Frauen, die nach Prinzipien und Regeln leben und die ebenso stark sind in Moralsprüchen wie in Küchenrezepten. Sie machte den Eindruck jener alten Tanten, die alle Heiterkeit verscheuchen und in den Provinzfamilien die mürrischen, alten Hausgeister sind.

Übrigens hatte ich nie von ihr sprechen hören. Ich wußte nichts von ihrem Leben und nichts von ihrem Sterben. Hatte sie in diesem Jahrhundert gelebt oder im vergangenen? Hatte sie die Erde nach einem ruhigen oder einem stürmischen Dasein verlassen?

Hatte sie dem Himmel das reine Herz einer alten Jungfer übergeben oder das stille Herz einer Gattin? Das zärtliche Herz einer Mutter? Oder ein Herz durchtost von Liebesstürmen? Was ging mich das an? Nur der Name, ›Tante Röschen‹ erschien mir lächerlich, gewöhnlich, abgeschmackt.

Ich nahm einen Leuchter, um in ihr ernstes Gesicht zu sehen, das mir aus einem alten vergoldeten, holzgeschnitzten Rahmen entgegenschaute. Ich fand es nichtssagend, unangenehm, sogar unsympathisch. Und ich betrachtete die Einrichtung. Alle die Möbel mußten aus der Zeit Ludwig des Sechzehnten aus der Revolution oder dem Directoire stammen.

Seitdem war in diesem Zimmer nichts, kein Stuhl, kein Vorhang hinzugekommen. Ein Duft der Erinnerung lag über allem, ein feiner Duft nach Holz, Stoffen, Stühlen, Tapeten wie dort, wo einmal Menschen gelebt, geliebt und gelitten haben.

Dann ging ich zu Bett, aber ich konnte nicht schlafen. Nachdem ich mich ein oder zwei Stunden hin und her gewälzt, entschloß ich mich endlich aufzustehen und ein paar Briefe zu schreiben.

Ich öffnete einen kleinen Mahagonischreibtisch, der mit Metallleisten eingefaßt war und zwischen den beiden Fenstern stand. Ich hoffte Tinte und Feder zu finden. Aber ich entdeckte nichts als einen alten am Ende abgekauten Federhalter der aus der Borste eines Stachelschweins verfertigt war. Ich wollte schon das Möbel wieder zumachen, als mir ein leuchtender Punkt ins Auge fiel. Es war eine Art von gelbem Nagel, der einen kleinen, runden Knopf bildete, gerade an der Ecke eines Brettchens.

Als ich ihn mit dem Finger berührte, war es mir, als bewege er sich. Ich klemmte ihn zwischen zwei Fingernägel und zog daran so stark ich konnte. Er gab langsam nach. Er war eine lange goldene Nadel, die in ein Loch im Holz geschoben und versteckt worden.

Wozu? Sofort dachte ich daran, daß sie wohl dem Zweck dienen würde, irgend eine Feder in Bewegung zu setzen, die ein Geheimnis barg. Und ich fing an zu suchen. Nachdem ich wenigstens zwei Stunden lang allerlei Versuche angestellt, entdeckte ich ein anderes Loch beinahe dem ersten gegenüber, aber in einer Rille. Ich steckte meine Nadel hinein und ein kleines Brettchen sprang mir entgegen. Da sah ich zwei Packete vergilbter mit einem blauen Band zusammengebundener Briefe. Ich habe sie gelesen und zwei davon abgeschrieben. Sie lauten:

Meine geliebte Freundin!

Ich soll Dir also Deine Briefe zurückgeben? Hier hast Du sie. Aber es thut mir sehr weh! Wovor hast Du denn Angst? Daß ich sie verliere? Sie sind ja eingeschlossen! – Daß man sie stiehlt? – Aber ich bewache sie ja so gut, sind sie doch mein teuerster Besitz.

Ja, das thut mir sehr weh und ich habe mich im Innern meines Herzens gefragt, ob Du etwa bedauerst, nicht etwa – mich geliebt zu haben, denn ich weiß, Du liebst mich noch immer – sondern dieser heißen Liebe auf weißem Papier Worte geliehen zu haben in jenen Stunden, da Dein Herz seine Geheimnisse anvertraute – nicht mir, wohl aber der Feder, die Du in der Hand hieltest.

Wenn wir lieben, haben wir das Bedürfnis uns jemandem anzuvertrauen, ein zärtliches Bedürfnis, zu reden oder zu schreiben, und wir reden und wir schreiben. Gesprochene Worte entschweben, süße Worte, voll Musik und Wohllaut und Zärtlichkeit, heiße Worte, gehaucht mehr denn gesprochen, die unvergänglich nur in unsrer Erinnerung leben, aber die man nicht sehen, nicht berühren, nicht küssen kann, wie die Worte, die Deine Hand geschrieben. Deine Briefe? Ja ich gebe sie Dir zurück. Aber ich bin traurig, so traurig, so traurig!

Du hast gewiß hinterher über die Worte, die sich nicht mehr verlöschen lassen, keusche Scham empfunden. Du mit Deiner zarten furchtsamen Seele, die unter jedem rauhen Hauch erzittert, hast bedauert, überhaupt einem Manne geschrieben zu haben, daß Du ihn liebst. Die Worte sind Dir wieder ins Gedächtnis gekommen, die Dich einst bewegt und Du hast Dir gesagt, sie müssen zu Asche werden.

Sei zufrieden, sei glücklich. Hier sind Deine Briefe, ich liebe Dich.


Lieber Freund!

Nein, Du hast mich nicht verstanden, hast meine Absicht nicht erraten. Ich bedauere es nicht und werde es auch nie bedauern, daß ich Dir meine Neigung gestand. Schreiben werde ich Dir immer, aber Du mußt mir meine Briefe zurückgeben, sobald Du sie erhalten.

Wenn ich Dir den Grund für diesen Wunsch sage, so verletzt er Dich wahrscheinlich, denn dieser Grund ist nicht so poetisch wie Du denkst, sondern ganz praktisch. Ach, vor Dir fürchte ich mich nicht, aber vor dem Zufall. Ich bin schuldig geworden und ich will nicht, daß meine Schuld andere trifft als mich allein.

Weißt Du, wir können beide sterben, Du und ich. Du kannst mit dem Pferde stürzen, denn Du reitest täglich, kannst plötzlich im Duell fallen, von einem Herzschlag ereilt werden, einen Unglücksfall mit dem Wagen haben, kurz auf tausenderlei Art sterben. Wenn es auch schon nur einen Tod giebt, so giebt es doch mehr Todesursachen als wir Tage zu leben haben.

Dann werden Deine Schwester, Dein Bruder, Deine Schwägerin meine Briefe finden.

Glaubst Du, daß sie mich lieben? Ich glaube es kaum. Und selbst wenn sie mich anbeteten, ist es etwa möglich, daß zwei Frauen und ein Mann ein Geheimnis kennen, und noch dazu ein solches Geheimnis, ohne daß sie davon sprächen?

Es klingt sehr häßlich, wenn ich erst von Deinem Tode spreche und dann noch die Diskretion der Deinen in Frage ziehe.

Aber wir sterben ja alle, heute oder morgen, nicht wahr? Und es ist doch beinahe sicher, daß einer von uns beiden den anderen überleben wird. Man muß also alle Gefahren vorhersehen, auch diese.

Ich aber werde Deine Briefe neben meinen in einem Geheimfache meines kleinen Schreibtisches aufbewahren und ich will sie Dir dort zeigen in ihrem seidegefütterten Versteck, wie sie, die unsere Liebe gestehen, Seite an Seite ruhen, wie zwei Liebende in einem Grabe.

Du wirst sagen: aber wenn Du nun zuerst stirbst so wird Dein Mann diese Briefe finden.

O, ich befürchte nichts: einmal kennt er das Geheimnis meines Schreibtisches nicht und dann wird er nichts suchen. Und selbst wenn er nach meinem Tode etwas fände, so brauche ich immer noch nichts zu fürchten.

Hast Du schon einmal gedacht an alle die Liebesbriefe, die man im Schreibtisch einer Toten findet? Ich denke daran schon seit langer Zeit und eben weil ich lange darüber nachgedacht, bin ich dahin gekommen, die Briefe von Dir zurück zu erbitten.

Vergiß nicht, daß eine Frau niemals die Briefe verbrennt, zerreißt oder vernichtet, in denen man ihr Liebe gestanden. Darin liegt unser ganzes Leben, all unsere Hoffnung, unsere Erwartung, unser Traum vom Glück. Diese kleinen Blätter, die unseren Namen tragen und uns schmeicheln mit süßen Worten, sind Reliquien, und wir Frauen lieben die Kirchen, vor allem die, deren Heilige wir selbst sind. Unsere Liebesbriefe sind die Bescheinigung unserer Schönheit, unserer Liebenswürdigkeit, unserer Unwiderstehlichkeit, der geheime Stolz jeder Frau, das Schatzkästlein ihres Herzens. Nein, nie wird eine Frau die köstlichen Geheimakten ihres Lebens zerstören.

Aber wir sterben wie alle Welt und dann – dann wird man unsere Briefe finden. Wer findet sie? Der Ehemann. Was macht er damit? Nichts, er verbrennt sie.

O, ich habe viel darüber nachgedacht. Bedenke doch, daß alle Tage Frauen sterben, die Liebhaber hatten, daß täglich die Spuren, die Beweise ihrer Schuld, dem Gatten in die Hände fallen. Und trotzdem hört man nie etwas von einem Skandal, niemals giebt's darum ein Duell.

Bedenke, lieber Freund, wie der Mann ist, wie sein Herz ist. An einer Lebenden rächt er sich, er schlägt sich mit dem, der seine Ehre verletzt, er tötet ihn, solange die Frau lebt, weil ... Ja, warum? Ich weiß es nicht bestimmt. Aber wenn man nach dem Tode seiner Frau solche Beweisstücke findet, so verbrennt man sie, man weiß von nichts, man giebt wie früher dem Freunde der Toten die Hand. Man ist beruhigt und befriedigt, daß diese Briefe nicht in fremde Hände gefallen sind und freut sich, daß sie vernichtet sind.

O, ich weiß, daß mehrere meiner Freunde solche Beweisstücke verbrannt haben müssen, und jetzt thun, als wüßten sie von nichts, während sie sich mit Wut geschlagen hätten, wenn sie dieselben zu Lebzeiten ihrer Frau gefunden hätten. Aber sie ist tot. Der Ehrbegriff hat sich geändert. Das Grab ist für den Ehebruch wie die Verjährung für ein Verbrechen.

Ich kann also die Briefe, die in Deiner Hand für uns beide gefährlich sind, ruhig behalten.

Kannst Du sagen, ich hätte unrecht?

Ich liebe Dich und küsse Dich auf die Stirne.

Rosa.

Ich hatte die Augen zu dem Bilde von Tante Röschen erhoben, sah ihr ernstes, runzliges, ein wenig böses Gesicht an, und da dachte ich an all die Frauenseelen, die wir nicht kennen, die wir ganz anders taxieren, als sie wirklich sind, deren angeborene Schlauheit, deren eherne Stirn, deren Doppelzüngigkeit für uns unüberwindlich sind, und Alfred de Vigny's Verse fielen mir ein:

»Und immer den zur Seite, deß' Herz Du doch nicht kennst!«

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