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Mondschein

Guy de Maupassant: Mondschein - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMondschein
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume5
year1919
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidc3622c14
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Fräulein Cocotte

Wir wollten eben das Irrenhaus verlassen, als ich in einer Ecke des Hofes einen großen mageren Mann gewahrte, der fortwährend so that, als riefe er einen Hund, der gar nicht da war. Er rief mit weicher, zärtlicher Stimme:

– Cocotte! Meine kleine Cocotte! Komm mal her! Komm her! Cocotte! Hierher. So ist's schön!

Dabei schlug er sich auf den Schenkel wie man es thut, um einen Hund herbei zu locken. Ich fragte den Arzt:

– Was hat denn der?

Er antwortete:

– Ach, der ist nicht weiter interessant, das ist ein Kutscher, Franz geheißen, der verrückt geworden ist, nachdem er seinen Hund ertränkt hat.

Ich bat:

– Erzählen Sie mir doch seine Geschichte. Oft ergreifen uns die einfachsten, gewöhnlichsten Dinge am allermeisten.

Hier folgt seine Geschichte, die man ganz genau erfuhr durch den Stallburschen, einen Kameraden von ihm.

In der Nähe von Paris lebte eine reiche Rentiersfamilie. Sie bewohnten eine Villa an der Seine, mitten in einem Park gelegen. Ihr Kutscher war eben dieser Franz, ein Bauerssohn, etwas dumm, leicht hinters Licht zu führen, ein schwerfälliger, ungeschickter aber sehr gutmütiger Mensch.

Als er eines Abends nach Haus kam, folgte ihm fortwährend ein Hund. Zuerst achtete er nicht darauf, aber da sich das Tier beharrlich an seine Fersen heftete, so blickte er sich um. Er sah den Hund an, ob er ihn vielleicht kennte. Nein, er hatte ihn nie gesehen.

Es war eine fürchterlich magere Hündin, mit großen hängenden Zitzen. Sie trottete hinter dem Mann, traurig und verhungert ausschauend, her, mit eingekniffenem Schwanze und hängenden Ohren, blieb stehen, wenn er stehen blieb und folgte ihm, wenn er ging.

Er wollte das Gerippe fortscheuchen und rief:

– Mach, daß Du fortkommst! Marsch!

Sie ging ein paar Schritte davon und setzte sich wartend, aber sobald der Kutscher wieder anfing zu gehen, folgte sie ihm von neuem.

Da that er, als höbe er einen Stein. Das Tier riß ein wenig weiter aus, während die schlaffen Zitzen hin und her baumelten. Aber sobald der Kutscher den Rücken gedreht hatte, folgte es wieder.

Da lockte Franz, den das Mitleid packte, die Hündin an sich. Ängstlich näherte sie sich, mit krummem Rücken, man konnte die Rippen durch das Fell zählen. Der Mann strich ihr über die spitzen Knochen und sagte, weil das elende Tier ihn jammerte:

– Komm, komm mit!

Sie wedelte sofort ein wenig mit dem Schwanze, da sie sich gut behandelt fühlte und fing nun an, statt dem neuen Herrn zu folgen, ihm voraus zu springen.

Er brachte sie auf dem Stroh in seinem Stalle unter. Dann ging er in die Küche, um Brot zu holen und als sie sich satt gefressen, rollte sie sich zusammen und schlief ein.

Am anderen Tag erzählte der Kutscher seinem Herrn die Geschichte und jener erlaubte, daß das Tier dableiben dürfe. Es war wirklich ein gutes Vieh, treu, anhänglich und klug.

Aber bald kam ein furchtbarer Fehler zum Vorschein. Sie war das ganze Jahr läufig, vom ersten Tage bis zum letzten. Nach kurzer Zeit hatte sie die Bekanntschaft sämtlicher Hunde der Nachbarschaft gemacht, die nun anfingen, sie Tag und Nacht zu umschwärmen. Sie wandte ihnen allen mit der Gleichgültigkeit einer Dirne ihre Gunst zu, schien mit allen auf bestem Fuße zu stehen und hinter ihr her lief immer eine ganze Meute der verschiedensten Vertreter des Hundegeschlechts. Darunter welche nur so groß wie eine Faust, andere von der Größe eines Esels. Überall, wohin sie lief, folgte ihr die ganze Schar und wenn sie sich niederließ, um im Grase auszuruhen, standen sie um sie herum und betrachteten sie mit heraushängender Zunge.

Die Leute sahen sie an wie ein Wunder. So was hatte man noch nie erlebt! Der Tierarzt begriff es nicht.

Wenn sie abends wieder im Stalle war, belagerte die Hundegesellschaft förmlich die ganze Besitzung. Durch alle Löcher der Hecke, die um den Park lief, schlüpften sie herein, verwüsteten die Beete, rissen die Blumen aus, kratzten Löcher und brachten den Gärtner zur Verzweiflung. Die ganze Nacht hindurch heulten sie um das Haus herum, in dem ihre Freundin wohnte. Es gab keine Möglichkeit sie zu vertreiben.

Am Tage drangen sie selbst bis ins Haus. Es war der reine Überfall und wurde zu einer förmlichen Landplage. Überall begegneten der Herrschaft auf der Treppe, sogar in den Zimmern, kleine gelbe Kläffer mit einem Schwanz wie ein Federbusch, Jagdhunde, Buldoggen, große, schmierige, herrenlose Wolfshunde, Bummler, die niemandem zu gehören schienen und riesige Neufundländer, die den Kindern Schrecken einjagten.

Es tauchten in der Gegend Hunde auf, die man zehn Meilen in der Runde nicht kannte. Sie waren gekommen, man wußte nicht woher, sie lebten, man wußte nicht wovon, und dann verschwanden sie wieder plötzlich.

Aber Franz liebte Cocotte zärtlich. Er hatte sie Cocotte genannt, ohne Hintergedanken, aber sie machte ihrem Namen alle Ehre. Und er sagte immerfort:

– Das Tier ist wie ein Mensch, es kann bloß nicht sprechen.

Er hatte ihr ein prachtvolles Halsband aus rotem Leder machen lassen, das eine Kupferplatte trug mit den Worten darauf graviert: «Fräulein Cocotte. Besitzer: Kutscher Franz.«

Sie war riesig geworden; so mager sie erst gewesen, so fett war sie jetzt, mit einem aufgedunsenem Leib unter dem immer die langen Zitzen hin und her bammelten. Endlich konnte sie nur noch mit Mühe laufen, indem sie die Pfoten wie dicke Menschen ihre Füße weit auseinander setzte, mit offenem Maule schnaufend und immer außer Atem, sobald sie ein paar Schritte gelaufen.

Übrigens war sie von unglaublicher Fruchtbarkeit. Kaum hatte sie Junge gehabt, so war sie wieder trächtig und gab in einem Jahr vier Mal einer Menge kleiner Tiere das Leben, die allen Spielarten des Hundegeschlechts angehörten. Franz wählte jedesmal ein Junges aus, das er ihr ließ, um die Milch abzuziehen. Dann nahm er die anderen in seine Schürze, und warf sie ohne Mitleid in den Fluß.

Aber bald vereinigte die Köchin ihre Klagen mit denen des Gärtners. Sie fand Hunde sogar unter ihrem Herde, in der Vorratskammer, im Kohlenverschlag und sie stahlen, was sie nur kriegen konnten.

Der Hausherr mochte das nicht mehr mit ansehen und befahl Franz, die Cocotte fortzuschaffen. Der Kutscher war verzweifelt und suchte sie bei jemand unterzubringen. Aber niemand wollte sie haben. Da beschloß er sie irgendwo los zu lassen. Und er vertraute sie einem Fuhrmann an, der sie auf freiem Felde jenseits von Paris bei Joinville le Pont aussetzen sollte.

Am selben Abend war Cocotte zurück.

Da mußte ein großer Entschluß gefaßt werden und man übergab sie einem Zugführer des Zuges nach Havre, der sollte sie für fünf Franken dorthin mitnehmen und loslassen.

Nach drei Tagen kam sie ganz erschöpft, kraftlos und zerschunden in ihren Stall zurück.

Der Hausherr war mitleidig und erlaubte, daß Cocotte dableiben dürfe.

Aber bald erschienen die Hunde noch zahlreicher und beharrlicher denn je und als man eines Abends ein großes Diner gab, stahl eine Dogge der Küchin, die sich nicht zu wehren wagte, ein getrüffeltes Huhn vor der Nase.

Jetzt ward der Herr aber wirklich böse, rief Franz und sagte wütend:

– Wenn Sie nicht bis Morgen früh dieses Biest ins Wasser geschmissen haben, setze ich Sie vor die Thür. Verstanden!

Der Mann war außer sich und ging in sein Zimmer hinauf, um seinen Koffer zu packen. Er wollte lieber die Stelle verlassen. Dann dachte er aber nach, daß er doch nirgends einen Dienst finden könnte, wenn er dieses unbequeme Tier mit sich schleppte. Er überlegte sich, daß er in einem guten Hause war, guten Lohn hatte und gutes Essen, und sagte sich, daß das so ein Hund wirklich nicht wert sei. Endlich, entschloß er sich dazu, sich bei Tagesgrauen der Cocotte zu entledigen.

Die Nacht verbrachte er schlaflos und sobald es hell ward, stand er auf, nahm einen starken Strick und holte die Hündin. Sie erhob sich langsam, schüttelte sich, streckte sich und leckte ihrem Herrn die Hände.

Da fehlte ihm wieder der Mut. Er liebkoste sie zärtlich, strich ihr die langen Behänge, küßte sie auf die Schnauze und gab ihr alle Schmeichel-Namen die er nur kannte.

Aber eine benachbarte Uhr schlug sechs. Er durfte nicht mehr zögern. Er öffnete die Thüre und sagte:

– Komm!

Das Tier wedelte mit dem Schwanze, weil es ins Freie sollte.

Sie gingen an das Ufer, und er wählte eine Stelle, wo das Wasser tief schien. Dann band er das Ende eines Strickes an das schöne Lederhalsband, holte einen großen Stein und knüpfte ihn am anderen Ende fest. Darauf nahm er Cocotte auf den Arm, küßte sie leidenschaftlich, wie jemanden, von dem man Abschied nimmt. Er drückte sie an die Brust, wiegte sie hin und her, nannte sie: »Meine schöne Cocotte, meine kleine Cocotte!« Sie ließ es sich gefallen und grunzte vor Vergnügen.

Zehn Mal setzte er an, sie ins Wasser zu werfen und zehn Mal fehlte ihm das Herz.

Aber plötzlich kam ihm doch der Entschluß und er schleuderte sie mit aller Kraft soweit als möglich hinaus. Zuerst versuchte sie zu schwimmen, wie sie es that, wenn sie gebadet ward, aber der Stein zog ihren Kopf immerfort wieder hinab. Und sie warf ihrem Herrn verzweifelte Blicke zu wie ein Mensch und wehrte sich wie jemand, der ertrinkt. Dann tauchte der ganze Vorderteil des Körpers unter, während noch die Hinterpfoten wie wahnsinnig über dem Waffer strampelten. Endlich verschwanden auch sie.

Fünf Minuten lang stiegen Luftblasen auf und platzten an der Oberfläche, als ob das Wasser des Flusses kochte. Franz blickte mit klopfendem Herzen verzweifelt hin und meinte immer, Cocotte sich dort unten am Grunde im Schlamm abquälen zu sehen. Und in seiner einfachen Bauernseele sagte er sich: «Was mag das Vieh wohl jetzt von mir denken!«

Er hätte beinahe den Verstand verloren. Einen Monat hindurch war er krank; jede Nacht träumte er von seiner Hündin. Er fühlte, wie sie ihm die Hände leckte, er hörte sie bellen. Ein Arzt mußte gerufen werden. Endlich ging es ihm besser. Und seine Herrschaft nahm ihn gegen Ende Juni mit auf ihre Besitzung Biessard bei Rouen. Da war er wieder am Ufer der Seine.

Dort badete er jeden Morgen. Mit dem Stallknecht ging er hinunter und sie schwammen über den Fluß. Da rief eines Morgens, als sie im Wasser ihren Unsinn machten, Franz seinem Kameraden zu:

– Sieh mal, was da getrieben kommt. Ich werde Dir mal ein Kotelett davon geben.

Es war ein riesiges, aufgetriebenes, totes Tier, das mit den Pfoten in der Luft die Strömung herabtrieb. Franz näherte sich ihm schwimmend und setzte seine Späße fort:

– Donnerwetter noch einmal, frisch is er grade nich! Und mager ooch nich! Aber 'n feiner Fang!

Und er schwamm darum herum, indem er sich ein Stück von dem in Verwesung übergegangenen Tier entfernt hielt.

Dann schwieg er plötzlich und betrachtete es aufmerksam, näherte sich ihm, als wollte er es berühren, blickte starr auf das Halsband, streckte den Arm aus, packte den Hals, ließ das Aas herumschwenken, zog es ganz nahe heran und las auf dem oxydierten, grün gewordenen Kupfer, das noch an dem entfärbten Leder haftete:

»Fräulein Cocotte. Besitzer: Kutscher Franz.«

Die tote Hündin hatte ihren Herrn wiedergefunden – sechzig Meilen fern von Hause.

Er stieß einen fürchterlichen Schrei aus und schwamm mit aller Kraft ans Ufer zurück, indem er fortwährend laut brüllte. Und sobald er das Land erreicht hatte, lief er wie rasend, nackt wie er war, landeinwärts davon. Er war verrückt geworden.

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