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Mondschein

Guy de Maupassant: Mondschein - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMondschein
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume5
year1919
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidc3622c14
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Eine Witwe

Es war zur Jagdzeit im Schlosse von Banneville. Der Herbst war traurig und regnerisch, die welken Blätter raschelten nicht unter den Füßen am Boden, sondern faulten, infolge des fortwährenden Regens, in den ausgefahrenen Wegen.

Der fast entlaubte Wald war feucht wie ein Badezimmer. Wenn man unter die großen regengepeitschten Bäume trat, schlug einem ein Schimmelgeruch, ein Wasserdunst, den Gras und nasse Erde ausströmten, entgegen. Die Jäger, die sich fortwährend in dieser Nässe befanden in Gesellschaft ihrer Hunde, die sie mit eingezogenem Schwanze und auf dem Rücken klebendem Haar begleiteten, und die jungen Jägerinnen, die in ihren anliegenden Tuchkleidern durch den Regen gingen, kehrten abends immer müde an Körper und Geist zurück.

Im großen Salon spielte man nach dem Diner Lotto. Aber niemandem machte es rechten Spaß. Der Wind tobte, daß die Fensterläden klappernd anschlugen, und die alten Wetterfahnen sich wie Kreisel drehten.

Da wollte man Geschichten erzählen, nach berühmten Mustern. Aber niemandem fiel etwas Unterhaltendes ein. Die Jäger erzählten Jagdabenteuer und die Damen zerbrachen sich den Kopf, ohne in sich die Fantasie einer Scheherezade entdecken zu können.

Schon wollte man auf diese Zerstreuungsart verzichten, als eine junge Frau, die gedankenlos mit der Hand ihrer Tante, einer alten Jungfer, spielte, einen kleinen Haarring daran bemerkte, den sie schon oft gesehen, ohne sich etwas dabei zu denken.

Da fragte sie, während sie den Ring leise um den Finger drehte:

– Sag mal, Tante, was ist denn das für ein Ring, das sieht ja aus wie Kinderhaar.

Das alte Mädchen ward rot, dann bleich und sagte darauf mit zitternder Stimme:

– Das ist so traurig, so traurig, daß ich davon nicht sprechen mag. Das ganze Unglück meines Lebens kommt daher. Damals war ich ganz jung und die Erinnerung ist für mich so traurig, daß ich immer noch jedesmal weinen muß, wenn ich daran denke.

Nun wollte man natürlich die Geschichte hören, aber die Tante mochte nicht erzählen. Endlich bat man solange, bis sie nachgab:

– Ich habe Ihnen oft von der Familie de Santèze erzählt, die heute ausgestorben ist. Ich habe die drei letzten männlichen Sprossen gekannt. Alle drei sind auf dieselbe Art und Weise gestorben. Das sind die Haare des letzten. Er war dreizehn Jahr als er sich das Leben nahm – um meinetwillen. Das kommt Ihnen sonderbar vor, nicht wahr?

Ach, das war ein eigentümliches Geschlecht diese Santèze, verrückt, wenn man so will, aber es waren doch reizende Verrücktheiten: sie waren verrückt durch die Liebe. Alle hatten, als echte Sprossen ihrer Familie, gewaltige Leidenschaften, große Regungen, die sie zu den überspanntesten Dingen trieben, zu fanatischer Hingebung, selbst zum Verbrechen. Das lag so in ihrer Natur wie in manchen Seelen unerschütterlicher Glauben. Wer Trappist werden will, kann nicht dieselben Anlagen haben wie ein Salonlöwe. In der Verwandschaft sagte man wohl: »verliebt wie ein Santèze.« Wenn man sie bloß sah, wußte man schon, woran man war. Sie hatten alle etwas tief in die Stirn hängendes lockiges Haar, einen gepflegten Bart, große Augen, deren Strahlen ordentlich in einen hineindrängen und einen ganz verwirrt machten, ohne daß man wußte, warum.

Der Großvater desjenigen, dessen einziges Andenken dieser Ring ist, erlebte viele Abenteuer. Duelle und Entführungen spielten eine große Rolle in seinem Leben. Da verliebte er sich, als er schon fünfundsechzig Jahre alt war, in die Tochter seines Pächters. Ich habe sie beide gekannt. Sie war blond und bleich, sah sehr gut aus, hatte eine langsame Art zu sprechen, eine weiche Stimme und einen so süßen Blick, wie eine Madonna. Der alte Herr nahm sie zu sich und war bald so in ihrem Banne, daß er nicht eine Minute ohne sie sein konnte. Seine Tochter und seine Schwiegertochter, die auch im Schlosse wohnten, fanden das ganz natürlich, so war die Liebe in diesem Hause zur Überlieferung geworden. Wenn es sich um irgend eine Leidenschaft handelte, so setzte sie gar nichts mehr in Erstaunen. Und wenn man in ihrer Gegenwart von den Hindernissen, die einer Liebe entgegenstanden, von einem getrennten Liebespaar, oder gar von der Rache nach einem Verrat sprach, so sagten sie beide mit demselben Ton: »Ach, wie er (oder sie) hat leiden müssen, ehe es dahin kam.« Weiter nichts. Alle Liebesdramen rührten sie tief, empörten sie dagegen nie, selbst wenn sie verbrecherisch endeten.

Da ging eines Herbstes ein Herr de Gradelle, der zur Jagd eingeladen gewesen, mit dem jungen Mädchen durch.

Herr de Santèze blieb ganz ruhig, als ob gar nichts geschehen sei. Aber eines Tages fand man ihn im Hundezwinger mitten unter seinen Hunden erhängt.

Sein Sohn starb auf dieselbe Art in einem Hotel in Paris, während einer Reise, die er 1841 unternommen, nachdem er von einer Opersängerin betrogen worden.

Er hinterließ ein Kind von zwölf Jahren und eine Witwe, die Schwester meiner Mutter. Sie zog mit dem Jungen zu meinem Vater auf unser Gut Bertillon. Ich war damals siebzehn Jahre alt.

Sie können sich gar nicht vorstellen, welch erstaunlich frühreifes Kind dieser kleine Santèze war. Es war, als ob alle Liebesfähigkeiten und die ganze Überspanntheit seines Geschlechtes in ihm, dem letzten, vereinigt worden. Er träumte immer und lief ganz allein stundenlang in den großen Ulmenalleen spazieren, die vom Schlosse in den Wald führten. Von meinem Fenster aus sah ich ihn immer, den sentimentalen Jungen, wie er mit ernsten Schritten, gesenkter Stirne, die Hände auf dem Rücken, dahinging, ab und zu stehen blieb und den Kopf hob, als ob er Dinge sähe, verstünde und empfände, die über sein Alter gingen.

Oft sagte er mir nach dem Essen an einem hellen Abend:

– Komm, Cousine, wir wollen träumen gehen.

Und wir gingen zusammen in den Park. Plötzlich blieb er dann an einer Lichtung stehen, auf der jener weiße Dunst lag, den der Mond auf die hellen Stellen im Walde zaubert und dann sprach er zu mir mit einem Händedruck:

– Sieh mal das, sieh mal das an! Aber Du verstehst mich nicht, das fühle ich. Wenn Du mich verstündest, so würden wir glücklich sein, dazu muß man lieben.

Ich lachte und küßte den Jungen, der sterblich in mich verliebt war.

Oft setzte er sich auch nach Tisch meiner Mutter auf den Schoß und bat:

– Tante bitte, erzähle uns Liebesgeschichten.

Und meine Mutter erzählte ihm im Scherz alle Legenden seiner Familie, alle leidenschaftlichen Abenteuer seines Vaters. Denn Tausende und Tausende liefen um, falsche wie wahre. All diese Männer hat der einmal bestehende Ruf der Familie ins Verderben gestürzt. Das stieg ihnen zu Kopf, sie setzten geradezu eine Ehre darein, den Ruf ihres Hauses nicht Lügen zu strafen.

Der Kleine begeisterte sich an diesen zärtlichen oder furchtbaren Erzählungen. Und manchmal klatschte er in die Hände vor Freude, indem er rief:

– Ich auch, ich auch! Ich kann besser lieben als sie alle!

Da fing er an, mir den Hof zu machen, schüchtern und sehr zart, sodaß man darüber lachte, so komisch war es anzusehen. Jeden Morgen bekam ich Blumen, die er gepflückt, und jeden Abend küßte er mir, ehe er auf sein Zimmer ging, die Hand und murmelte dabei:

– Ich liebe Dich.

Ich war schuldig, sehr schuldig, und ich weine noch heute darüber. Ich bin alte Jungfer geworden deshalb, oder vielmehr, mir ist als wäre ich eine verwitwete Braut, – seine Witwe. Mir machte diese kindliche Zärtlichkeit Spaß und ich feuerte sie sogar an. Ich war kokett und verführerisch wie gegen einen Mann, zärtlich und niederträchtig. Ich machte dieses Kind ganz verrückt. Für mich war es ein Spiel und für seine und meine Mutter eine scherzhafte Unterhaltung. Er war zwölf Jahre alt. Denken Sie nur, wie hätten wir bloß dieses Atom von einer Leidenschaft für Ernst nehmen können! Ich küßte ihn so oft er wollte. Ich schrieb ihm selbst Liebesbriefe, die unsere Mütter zu lesen bekamen und er antwortete mir in feurigen Zeilen, die ich mir aufhob. Er glaubte, unsere Liebe sei anderen verborgen, als wäre er ein Mann. Aber wir hatten vergessen, daß er ein Santèze war.

Das dauerte fast ein Jahr und eines Abends im Park fiel er vor mir auf die Kniee und sagte, während er glühend den Saum meines Kleides küßte:

– Ich liebe Dich! Ich liebe Dich! Ich sterbe vor Liebe. Hörst Du, wenn Du mich je betrügst, wenn Du mir jemals einen anderen vorziehst, dann mache ich es wie mein Vater.

Und er fügte mit tiefer Stimme, daß es einen überlaufen konnte, hinzu:

– Du weißt, was er gethan hat.

Als ich erschrocken schwieg, stand er auf, hob sich auf die Fußspitzen, um bis zu meinem Ohr zu reichen, denn ich war größer als er, und sagte meinen Vornamen Genovefa mit einem so süßen, so niedlichen, so zärtlichen Ton, daß es mir durch und durch ging.

Ich stammelte:

– Wir wollen nach Hause gehen.

Er sagte kein Wort mehr und folgte mir. Aber als wir eben über die Stufen der Veranda gingen, hielt er mich noch einmal zurück:

– Du weißt es also: wenn Du mich verlässest, töte ich mich.

Jetzt sah ich ein, daß ich zu weit gegangen war und wurde zurückhaltender. Als er mir eines Tages Vorwürfe darüber machte, antwortete ich:

– Weißt Du, Du bist jetzt zu alt, um zu spielen und für eine ernstliche Liebe noch zu jung. Ich werde warten.

Und ich glaubte ihn damit abgefunden zu haben.

Im Herbst kam er in eine Pension. Als er den folgenden Sommer wiederkehrte, war ich verlobt. Er merkte es sofort und war acht Tage hindurch so in sich gekehrt, daß es mich sehr beunruhigte.

Am neunten Tage fand ich früh, als ich aufstand, auf meiner Schwelle ein kleines Stück Papier, das unter der Thüre durchgeschoben worden. Ich nahm es, öffnete es und las:

»Du hast mich verraten und Du weißt, was ich Dir gesagt habe. Du hast damit meinen Tod befohlen. Damit mich niemand anders finden soll als Du, so komme in den Park, gerade an die Stelle, wo ich Dir voriges Jahr gesagt, daß ich Dich liebe, und sieh in die Höhe.«

Es war mir, als sollte ich verrückt werden. Ich zog mich in rasender Eile an und lief, daß ich beinahe erschöpft zusammengebrochen wäre, bis an die Stelle, die er bezeichnet. Seine kleine Schülermütze lag am Boden im Schmutz. Es hatte die ganze Nacht hindurch geregnet. Ich blickte auf und sah etwas, das sich in den Blättern bewegte, denn es war starker Wind.

Ich weiß nicht, was ich dann gethan habe, ich muß zuerst geschrien haben, vielleicht bin ich ohnmächtig geworden und gefallen und dann ins Schloß gelaufen. Erst im Bett kam ich wieder zur Besinnung, als meine Mutter an meiner Seite saß.

Mir war, als hätte ich das alles in einem furchtbaren Traum geträumt und ich stammelte:

– Und Gontran?

Ich bekam keine Antwort; es war Wirklichkeit.

Ich wagte nicht, ihn wieder zu sehen, aber ich bat um eine lange Locke von seinen blonden Haaren. Da, das ist sie.

Und die alte Jungfer zeigte den Ring an ihrem Finger mit verzweifelter Miene.

Dann schnaubte sie sich ein paar Mal, wischte sich die Augen und sagte:

– Ich habe mein Verlöbnis zurückgehen lassen, ohne den Grund anzugeben, und bin immer die ... die Witwe dieses dreizehnjährigen Knaben geblieben.

Dann sank ihr Kopf auf die Brust und sie weinte eine lange Weile Thränen des Gedenkens.

Und als man zum Schlafengehen hinaufstieg, sagte ein dicker Jäger, den sie aus der Fassung gebracht, seinem Nachbar ins Ohr:

– Ist es nicht schrecklich, wenn man so sentimental ist?

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