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Mönch und Landsknecht

Max Eyth: Mönch und Landsknecht - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorMax Eyth
booktitleFeierstunden
titleMönch und Landsknecht
publisherCarl Winter's Universitätsbuchhandlung
printrunDritte vermehrte Auflage
year1904
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070204
projectid4f5c2727
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VI.

Als am andern Morgen die klare Frühlingssonne aufging und die Glocken, wie gewöhnlich, mit feierlichen Tönen den Sonntag begrüßten, konnte man keine Spur von der verflossenen Nacht mehr entdecken. Alles ging wieder seinen geregelten Gang und kein Mensch wagte es, etwas von dem Ereignis zu erwähnen, das so plötzlich einen aus ihrer Mitte gerissen hatte. Nur der ernstere Schritt, der trübe Blick, das gesenkte Haupt von einzelnen der Mönche ließ noch auf etwas Ungewöhnliches schließen. Selbst der Prior, der sich alle Mühe gab, der unbehaglichen Eindrücke, die ihn verfolgten, los zu werden, ließ, nachdem er sein Mittagsschläfchen gemacht, sich den Vesperwein auf seine Zelle bringen, wo er freilich einer eigentümlichen, nicht gerade geistlichen Beschäftigung oblag, in welcher ihn zwei Brüder eifrig unterstützten.

Das sogenannte Narren- und Eselsfest stand nämlich vor der Türe, wobei der Einzug Christi auf einer Eselin der Geistlichkeit jener Zeiten Veranlassung gab, dieses Tier, welches schon damals das Sinnbild der Torheit war, und ebendamit die Torheit selbst in möglichst komischer Weise zu feiern. Wie bei solchen Gelegenheiten das Heiligste entweiht, Kanzel und Altar, Kelch und Hostie ein Spiel der Narren wurde, ist längst bekannt, und es versteht sich leicht, daß die Vorbereitungen auf das genannte burleske Kirchenfest weit mehr Zeit, Fleiß und! tätigen Eifer erforderten als die auf Ostern oder Pfingsten selbst.

Hiermit beschäftigte sich gerade der Prior. Auf einem langen Tisch in seiner Zelle, die jedoch eher ein helles, prachtvoll ausgestattetes Zimmer genannt werden mußte, lag ein buntes Gewirre von farbigen Papieren, Tüchern, falschen Steinen und Perlen, Zirkeln, Scheren, Farbenschalen, Pinseln, Papp- und Leimschüsseln, – kurz alles, was ein Tausendkünstler nötig hat, um einen Priester in einen Narren zu verwandeln. In diesem Chaos wühlten emsig sechs Hände, um eine solche Verwandlung zu bewerkstelligen. Der Prior Gregor saß zusammengekauert auf einem kleinen Stühlchen und bemühte sich, einer noch weißen Maske, die auf seinen Knien lag, den lachenden Mund glänzend rot anzustreichen. Einer der Mönche schnitt aus einem großen Stück hellgrünen Tuchs die spitzigen Zacken eines Narrenkleides aus; der andere schien seiner Hände Werk absichtlich hinter einem Gebirge von allen möglichen Dingen, die er um sich aufgehäuft hatte, zu verbergen. Nur sein Pinsel, der manchmal hastig in ein halbzerbrochenes, schmutziges Farbenglas fuhr, verriet, daß auch er male. Die Stille des Gemachs wurde nur zuweilen durch die ungeduldigen Töne des Priors unterbrochen, dem seine Maske immer noch nicht genug lachen wollte, trotzdem, daß er ihr die Mundwinkel immer höher hinaufzog.

Jetzt erhob sich der zweite Mönch und warf dabei ein Kästchen zu Boden. Die beiden andern sahen bei dem Geräusch hastig in die Höhe, um sogleich in ein fast endloses, schallendes Gelächter auszubrechen, welches dem dicken Prior das Wasser in die Augen trieb. Jener hätte nämlich seine soeben fertig geworbene Maske bereits aufgesetzt, die an komischem Ausdruck wirklich alles übertraf, was die damalige Klosterkunst zu leisten imstande war. Zwischen der niedern, wulstigen Stirne und den ölglanzenden Pausbacken blinzelten zwei triefende, langgeschlitzte Äuglein voll schelmischer Lust hervor; der weite, lachende Mund zeigte, wie gesund noch die Eßwerkzeuge seien, und, das volle Kinn wie die kupferfarbene Nase bekundeten, daß sie stets in Übung erhalten wurden, über das ganze Gesicht schwamm Fett und Lust in seliger Vereinigung.

»Herrlich! Herrlich! Das ist dein Meisterstück, Bruder Augustin!« rief der Prior und lachte noch immer aus vollem Hals. »Steht mir's nicht gut?« fragte der gepriesene Künstler schmunzelnd.

»Die Maske ist über allen Tadel erhaben«, meinte Gregor; »aber zu dieser Gestalt paßt sie eigentlich doch nicht ganz. Ich wäre sicherlich geeigneter, sie zu tragen. Höre, Bruder, um welchen Preis würdest du sie mir wohl abtreten?«

»Ich bin nicht würdig, etwas zu besitzen, das Ihr, mein Vater, zu haben wünschet«, entgegnete Augustin mit schalkhafter Demut und band sich die Maske los; »hier nehmt sie, aber es wundert mich fast, daß Ihr meines elenden Machwerks sollt bedürfen, da Ihr doch selbst gewiß – ich wollte sagen: da Ihr selbst« – – –

»So geschickt seid, vielleicht?« ergänzte der Prior wohlgefällig, ohne die schelmischen Blicke zu bemerken, welche die Mönche wechselten. »Nein, mein Sohn, du bist zu bescheiden; hierin erkenne ich recht gerne deine Meisterschaft an. Ich glaube fast, dies wird die Krone des ganzen Festes werden. – Ei, Emmerich, hast du die Mitra für den Esel noch nicht herausgeschnitten? Mach sie doch ein wenig schmaler! Man sieht ja den natürlichen Hauptschmuck des lieben Tierchens, das herrliche Ohrenpaar! – Ach, wenn nur meine Maske nicht eher heulen würde, als lachen! Ich möcht' sie zerreißen! – Augustin, jetzt sag mir nur: wie fängst denn du's an?«

»Nun – 's ist nicht so schwer«, erwiderte der Mönch; »zuerst seh' ich mir einen an, der so recht aus dem Herzen lacht«– –

In diesem Augenblick wurde die Türe rasch aufgerissen; ein Mönch stürzte herein und auf den Prior zu. Dieser erbleichte und fragte hastig: »Was bringst du, Glück oder Unglück?«

»Unglück, Vater, glaub' ich«, rief der Gefragte; »der Schäfer von Kessach ist da!«

»Will er wieder einmal drohen, der kindische Griesgram?« spöttelte Gregor und seine Züge hellten sich ein wenig auf.

»Er will Euch sogleich sprechen; laßt ihn vor!« bat der Mönch ängstlich. Aber der Angemeldete war bereits eingetreten; sein Gesicht glühte zwischen den weißen Locken; die Brust hob und senkte sich heftig unter dem groben Wamse. Ernst stellte er sich vor den Prior und sagte: »Was ich längst prophezeit, trifft ein! Eilt, hochwürdiger Herr, daß es nicht zu spät wird!«

Der Prior wurde abermals bleich und stammelte: »Ist es wahr?«

»Wahr?« rief fast höhnisch der Schäfer; »in weniger als drei Stunden werdet Ihr's merken, wie wahr es ist, wenn Ihr mir nicht gehorcht!«

»So kommt – kommt schnell zum Abt!« sagte fast bittend Gregor und eilte mit dem Alten zum Zimmer hinaus.

Erschrocken und erstaunt blieben die drei andern zurück. Sie wußten nicht, was sie zu befürchten hätten, und doch steigerte sich ihre Angst immer mehr. Sie zerbrachen sich den Kopf mit Vermutungen; das richtige ahnte keiner. Endlich verließen sie das Zimmer, um auch den übrigen Mönchen ihre Besorgnis mitzuteilen.

Den Bruder Elias hatte man an diesem Tage fast nirgends bemerkt. Bis gegen Nachmittag war er in seiner Zelle eingeschlossen geblieben und gab keinem seiner Freunde Antwort, wenn sie an seine Türe pochten. Wie es schon Abend werden wollte, hatte ihn der Pförtner langsam und gesenkten Hauptes zum Tore hinaus und nach dem nahen Kreuzberg wandeln gesehen. Dorthin war er wirklich gegangen.

Auf dem Gipfel des Berges stand schon damals eine Kapelle, klein und altersgrau, und vor derselben streckte eine mächtige Linde ihre noch kahlen Äste zum Himmel. Unter jenem Baume setzte sich der müde Mönch ins dürre Riedgras und blickte traurig in die tausend und abertausend Stengelchen, die zu seinen Füßen im Abendwind wisperten. Manchmal schaute er auch das Tal hinauf oder hinab; sein Auge ruhte auf dem falben Grün, das dessen Sohle schmückte; aber so oft es den Türmen der Klosterkirche begegnete, schlug er den Blick wieder erschrocken zu Boden. Lange saß der alte Mann so da in trübem Schweigen; die Sonne ging klar hinunter; rings lagerte sich allmählich die Dämmerung über die stillen Fluren; nur noch hie und da flog ein einsamer Vogel zwitschernd von der Linde seinem Neste zu; da wurden, als hätten sie sich bei Tage gescheut, die Züge des Greises belebter und er murmelte halb hörbare Worte vor sich hin.

»Er war unschuldig!« flüsterte er. »Ganz gewiß, er war's! O Gott, niemand hört's, niemand darf es hören als du! Jetzt ringt er mit dem Tode! Großer Gott, kannst du solch ein Unrecht dulden? Und ich, – ich bin schuldig dran! Ich war zu schwach, zu feig und der Herr hätte mir so gewiß geholfen! O wieviel schreckliches Elend haben doch schon diese freundlichen Klostermauern bedecken, welche Frevel beschützen müssen! Schläfst du denn, o barmherziger Gott im Himmel? – Bernhard, Bernhard, du liebes, frommes Kind, wo hab' ich dich verloren? O Gott, jetzt wird er röcheln in seiner schwarzen Gruft und um seinen Tod flehen und noch lange, lange drum weinen und wimmern, Tag und Nacht! – Nein, das ertrag' ich nimmer; mein altes Herz ist zu fest an das seinige gewachsen! Hinunter will ich! Herr, gib mir Mut und Kraft, meinen – – meinen Eid blinden Gehorsams zu brechen, wenn ich Mördern gehorchen soll! Ja, ich will ihnen sagen, was sie sind, was sie getan haben! Und wenn Hunderte gegen ihn zeugen, – er ist unschuldig!«

Elias sprang auf und blickte, von wunderbarem Mut ergriffen, in die Ferne. Da stieg plötzlich drüben, hinter dem dunkeln Wald eine tiefe Röte zum Himmel auf; immer heller, immer höher wurde die purpurne Glut und zog sich in einem gelben Streifen am Horizonte hin.

»Herr Gott, das bist du!« rief Elias, nachdem er lange hingesehen hatte; »das ist dein Zorn! Wie hell! Das ist kein Haus, das ist eine halbe Welt! – Was mag es wohl sein in dieser Richtung? – Dummer Kahlkopf, ich weiß es ja: Gottes Zorn ist's; das ist genug, übergenug. – Aber jetzt hinab! Ich will ihnen sagen, daß die Rache kommt, – schneller als der Blitz. Sie sollen zittern in ihren Sünden!«

Der Alte raffte sich auf und eilte schnell den Berg hinunter, unverwandt den Blick auf den glühenden Himmel gerichtet; denn immer heller wurde die Flamme und es schien ihm oft, als hörte er ein leises, undeutliches Rauschen und Knistern aus jener Gegend. – –

Indessen war der Prior längst mit dem alten Schäfer beim Abte angekommen. Gregor hatte zuerst um Erlaubnis bitten wollen, daß jener das Zimmer betreten dürfe, aber der Schäfer, der doch sonst immer so demütig, so ehrerbietig gewesen war, achtete nicht darauf und drang, wie beim Prior selbst, so auch hier ungeheißen vor Eberhard.

»Was ist dein Begehr?« fragte der Abt, entrüstet über dieses Benehmen. Aber sogleich flüsterte ihm der Prior dringend zu: »Bei allen Heiligen, laßt ihn gewähren; er ist ein alter Mann! Erzürnt ihn nicht, bis er uns gesagt, was er sagen will!«

»Was mein Begehr sei?« wiederholte der Bauer und lachte bitter; »begehre nichts, ja wahrlich nichts, hochwürdiger Herr, als Euch nicht stecken zu lassen.«

»Bedenke, mit wem du sprichst!« sagte Eberhard finster.

»Bedenk's schon, Herr Abt!« meinte Jakob; »hab's früher nur zu wenig bedacht. Mit Euch, ihr Herren, muß man grob schwätzen, wenn's was helfen soll!«

»Welche Frechheit!« seufzte der Prior und sah erschrocken, wie Eberhard rot wurde vor Zorn.

»Nein, wahrlich nein!« sagte der Schäfer; »'s ist keine große Frechheit, wenn einer zu mir sagt: ›Pass' auf, Esel! 's Messer steckt dir an der Gurgel!‹ – Ja, ja, Ihr Herren, – guckt mich nur an wie ein gestochener Bock; 's ist mir ernst; Ihr dürft mir's glauben!«

»Und wenn es wirklich so wäre«, sprach der Abt mit verbissenem Ärger; »so darfst du doch nicht vergessen, daß ich dein Herr bin. Unglück und Not kann uns nicht entwürdigen!«

»Richtig! Wenn man aber die Not selber verschuldet hat, Herr Abt?« fragte der Bauer lachend. »Und das habt Ihr! Wie oft bin ich schon im Kloster gewesen und hab' leis und laut meine Meinung gesagt, daß mir's oft fast übel ergangen wär'! Jetzt sag' ich's wieder und in drei Stunden wird's Euch schrecklich in den Ohren summen. Ihr habt die Bauern geschunden wie das liebe Vieh, bestohlen wie die dummen Heiden, und – im Vertrauen gesagt! – gemordet wie Hunde und Ketzer. Jetzt aufgepaßt! So halten sie's nicht mehr aus, hab' ich damals gesagt; Ihr treibt's zu arg; endlich bricht's los und's ist losgebrochen!«

Der Schäfer hatte die letzten Worte mit fester, drohender Stimme gesprochen. Einen Augenblick schwieg er und sah – ein eigentümliches Bild! – mit verächtlichem und zugleich mitleidigem Lächeln auf die beiden prächtig gekleideten Mönche. Dann fuhr er fort: »Was zittert Ihr so? Die Not kann ja niemand entwürdigen! Doch – was ich Euch sagen wollte: drüben vom Schüpfergrund zieht ein heller Haufe mit Stangen und Gabeln, mit Keulen und Messern gegen Euer Kloster und will Euch an den Hals; seht Euch vor!«

Der Bauer wandte sich rasch um und ging der Türe zu. Der Prior wollte ihn zurückhalten, aber ein Blick des Abts verbot ihm dies, so gerne beide noch mehr erfahren hätten. Bevor aber der Schäfer die Klinke erfaßt hatte, fuhr die Türe auf und Elias trat ein. Er stand ruhig und ernst vor dem staunenden Abt und erhob drohend die vor Aufregung zitternde Hand.

»Ihr habt einen Unschuldigen gemordet!« sprach er mit dumpfer Stimme; »die Rache des Herrn ist schneller als der Blitz!«

»Er ist wahnsinnig geworden, der Alte!« sagte der Abt und wandte sich mit stolzem Lächeln um; »führt ihn weg!«

»Wahnsinnig?« rief der Mönch plötzlich in fieberhafter Heftigkeit; »bei Gott, es wäre kein großes Wunder, wahnsinnig zu werden in einer solchen Welt! Aber – da seht her!«

Elias trat an das Fenster, das, da schon ein Licht im Zimmer brannte, durch schwere, seidene Vorhänge verhängt war. Ein rascher Griff und sie waren auf die Seite gerissen. »Da seht her! Ist das Wahnsinn?«

Erschrocken blickte der Abt und der Prior nach der angegebenen Richtung und sahen die rote Glut über dem Walde schweben und den Qualm sich dick und langsam am Horizonte hinwälzen.

»Heilige Mutter Gottes, was ist das?« rief der Prior und sank in einen Stuhl; der Abt preßte die Stirne an die kalten Fensterscheiben; seine bleichen Lippen rührten sich nicht.

»Was das sei, fragt Ihr noch?« fuhr Elias immer heftiger fort. »Wahnsinn ist's, reiner Wahnsinn! Lachet doch! Ja, ja, Ihr habt sie wahnsinnig gemacht, die Bauern; jetzt bändigt sie auch!«

»Wir wollen den Konvent berufen«, meinte der Prior in seiner Todesangst und blickte flehentlich zu Eberhard hinauf, der noch immer stumm dastand.

»Ganz recht, beruft den Konvent!« lachte Elias bitter; »beratet Euch, wie man dem dummen Bauernvolk gehörig die Hölle heiß macht, daß es zahmer wird! Und nebenbei will ich Euch auch den Rat geben: – ermordet niemand!«

»Schäfer!« rief Eberhard und wandte sich vom Fenster in das Zimmer zurück; aber der Bauer hatte es schon lange verlassen und niemand wußte, wohin er gegangen war. Hierauf wandte sich der Abt ohne seinen Unmut merken zu lassen, an Elias und sprach: »Fasse dich, Bruder! Du weißt nicht, was du redest. Wir haben nach unserem besten Willen und Wissen, – wir haben gerecht gerichtet. Willst du, alter Mann, noch in deinen späten Tagen dein Gelübde brechen und dich auflehnen gegen deine Vorgesetzten und gegen die heilige Kirche? Nein, Elias, gehe hin im Frieden! – Vielleicht findest du doch den Bauern noch; versuche alles, ihn herbeizubringen; wir bedürfen seiner!«

Elias fuhr mit der Hand über seine glühende Stirne und entfernte sich schweigend.

Der Abt blickte wieder zum Fenster hinaus und sagte nach einer langen Pause zum Prior: »Jetzt kann's ernst werden, Gregor! Gott weiß, alles haben wir nicht verschuldet!«

»Was sagst du, mein Bruder?« seufzte der Angeredete, der noch immer halbtot vor Angst und Schrecken in seinem Sessel lag und nicht wagte, hinauszusehen. »O Gott, mir ist der ganze Schrecken in den Magen gefahren! Das ganze Dorf dort droben muß in Flammen stehn! Steigt die Glut noch?«

Eberhard konnte nicht antworten; denn bereits hatte sich die Türe abermals geöffnet und ein Mönch trat gegen die Fensternische. Der Abt erkannte sogleich den Bruder Robert. Mit tiefer Verbeugung näherte sich dieser und sagte, als der Prior eine ängstliche, ungeduldig fragende Bewegung machte, halb zu diesem gewendet: »Verzeiht, meine ehrwürdigen Väter, daß ich die Kühnheit hatte, zu so ungewohnter Stunde unangemeldet einzutreten; aber die schlimme Kunde, deren Bote ich leider sein muß, nötigt mich zu diesem traurigen Schritt!«

»Bringst du keine beruhigende Nachricht über den schrecklichen Brand hinter dem Wald?« fragte der Abt.

»Hierüber weiß man noch nichts Gewisses«, entgegnete Robert; »alles rennt zusammen, staunt den Himmel an, fragt und rät, aber ein dunkles Gerücht hält jedermann ab, sich weit von dem Kloster zu entfernen.«

»Und! wie lautet das Gerücht?« fragte Eberhard weiter. »Ich bitt' Euch«, antwortete Robert; »hört zuvor, weshalb ich hierher gesendet wurde. Soeben kam einer unserer Laienbrüder in großer Eile an und berichtete, das ganze Kochertal sei im Aufruhr; aus den vollen Schenken rennen die Bauern, schreien nach Waffen und rotten sich in drohenden Haufen zusammen, um sich an Ritterschaft und Geistlichkeit zu rächen, wie sie sagen. Ja, Lichteneck, drüben bei Ingelfingen, soll schon in hellen Flammen stehen, nachdem es der wütende Pöbel geplündert!«

»O du Hiobsbote!« seufzte der Prior und sank wieder in den Stuhl zurück.

»Auch will man bereits wissen, daß gegen Mergentheim im Taubertal selbst der Aufstand ausgebrochen sei!« fuhr Robert fort.

»Im Taubertal, im Jagsttal, im Kochertal, überall Empörung und Aufruhr!« sprach der Abt nachdenklich. »Das ganze Land ein brausendes Meer! Aber mittendrin soll das Kloster stehen wie ein Fels; nicht wahr, Prior?«

»O heilige Maria, Mutter Gottes, hilf uns!« betete der geängstigte Priester und blickte zum Himmel; – »es wird immer heller dort drüben!«

»Weil die Nacht dunkler wird!« rief der Abt unwillig und wandte sich wieder gegen Robert. »Du sagtest vorhin von einem Gerücht, das deine Brüder abhalte, sich vom Kloster zu entfernen. Was befürchten sie denn?«

»Man sagt«, entgegnete Robert, »daß die Bauern schon sehr nahe seien.«

»Die Tore sind doch geschlossen?« unterbrach ihn Eberhard.

»Es ist alles zu!« versicherte der Mönch und fuhr dann fort: »Zwei der mutigsten unserer Brüder begaben sich wirklich, als die Dämmerung anbrach und sich bereits die Feuersbrunst am Himmel zeigte, auf Kundschaft und erzählen: als sie sich dem Storchenturm genähert, sei ein Haufe von etwa zwanzig Leuten in dem Gebüsch am Waldessaum gelegen und habe in das Kloster hinabgesehen; dann aber seien sie leis und vielleicht in der Meinung, nicht bemerkt zu werden, wieder in den Wald zurückgeschlichen. Die Brüder aber glaubten, keiner weiteren nutzlosen Gefahr sich aussetzen zu dürfen und kehrten in das Kloster zurück.«

»Höret Ihr nichts?« fragte der Abt nach einer langen Pause, worin er zu überlegen schien, was er unter solchen Umständen zu tun habe.

Der Prior und Robert lauschten, konnten jedoch nichts vernehmen. Eberhard glaubte, sich getäuscht zu haben.

»Wenn uns der Himmel nicht bald Hilfe sendet, so weiß ich wirklich nicht, was geschehen soll. Mein Bruder Gregor hat, nach seinen Mienen zu schließen, scheint's auch keinen besseren Rat. Überall Empörung! Und so plötzlich! An einem einzigen Tag! Wunderbar! Es muß ein teuflischer Mann sein, der ein so träges Volk mit einem Schlag zum Aufruhr bringt!«

»Oder das Ganze wie ein Mann in solcher Sache!« rief Elias, der soeben eingetreten war.

»O Himmel, jetzt kommt auch der wieder!« klagte der Prior leis.

»Ich werde dir sagen, wann du sprechen sollst!« herrschte der Abt finster.

»Ja, mein Vater!« sagte Elias und trat einige Schritte weiter vor; »aber das Gewitter zieht sich immer schwärzer über uns zusammen und dann hat jedermann das Recht und die Pflicht, zu raten und zu helfen, daß wir ohne Hagelschlag durchkommen. Und ich weiß es und ich muß es Euch sagen, warum uns Gott so grimmig zürnt; o höret mich!«

»So sprich doch!« sagte der Prior aufatmend, als er etwas vom »Helfen« vernahm. Elias wandte sich gegen den Abt, der düster, mit verschränkten Armen dastand, und sprach stehend: »O, glaubt es doch, teurer Vater, wir haben unschuldig Blut verdammt! Grabt ihn aus und die Glut am Himmel droben wird verschwinden!«

»Gib nach, mein lieber Bruder!« bat der Prior dringend.

»Wie? Auch du?« rief der Abt und sah stechend auf Gregor. »Still, abergläubige Schwätzer, schweigt! Kein Wort mehr von dem verfluchten Ketzer bei eurem priesterlichen Gelübde, – kein Wort mehr hierüber mit mir oder einem andern! – Hast du den Schäfer nicht mehr gefunden?«

»Nein, Herr!« antwortete der Bursarius mit niedergeschlagenen Augen und wagte, von Jugend auf an Gehorsam gewöhnt, keine Silbe mehr von Bernhard zu erwähnen; »aber sagen soll ich Euch, daß soeben zwölf Ritter aus der Mergentheimer Gegend ins Kloster eingelassen wurden und Euch zu sprechen wünschen.«

»Mergentheimer!« jubelte der Abt und sprang vom Sessel auf. »Das ist Hilfe vom Himmel!«

Nur Robert schwieg und wandte sich um, damit niemand die Blässe seiner Wangen bemerken sollte; doch bald hatte er sich wieder zusammengerafft.

»Bringt ihren Anführer sogleich hierher und bewirtet die andern gut!« befahl Eberhard und Elias entfernte sich schweigend. Gleich darauf ertönten schwere Schritte und Sporengeklirr im Gang und eine hohe, derbkräftige Gestalt zeigte sich unter der Türe. Der Ritter trat ein und verneigte sich tief vor dem Abt, der diese Ehrenbezeugung nur mit einem leichten Kopfnicken erwiderte.

»Seid willkommen in unseren Mauern, edler Ritter«, redete ihn Eberhard an, »und verzeiht, wenn Euch diesmal die Gastfreundschaft unseres Klosters nicht bieten kann, was Ihr in ruhigeren Tagen hier genossen hättet; denn wahrlich, es pokuliert sich übel beim Leuchten brennender Dörfer!«

»Verzeiht zuvörderst uns, hochwürdiger Herr«, entgegnete der Ritter höflich, »daß wir so unberufen in Euer Kloster eingedrungen. Aber auch uns hat die Not, ja die Not dazu gezwungen.«

»Wie? Ihr kommt nicht als Gäste?« fragte der Abt mit scheinbarem Erstaunen.

»Als Gäste leider am wenigsten«, entgegnete der Ritter, ein Herr von Bebenburg; »wir kommen teils als Boten, teils um Schutz zu suchen, teils, wie wir zuversichtlich hoffen, auch um Schutz zu bringen.«

»Ein Schutz wäre uns sehr nötig, Herr Ritter«, meinte der Prior, der sich hinter den Abt gestellt hatte.

»Welche gute Botschaft bringt Ihr uns, wenn ich fragen darf, edler Herr?« sagte jetzt Eberhard.

»Gute Botschaft leider nicht«, antwortete Bebenburg. »Laßt den Boten die Kunde nicht entgelten! Denn auch im Taubertal ist, wie hier, der tolle Aufruhr losgebrochen. In Mergentheim stürzten sich die wütenden Haufen auf Euren dortigen Hof. Man bot alles auf, um Eure Güter zu retten, aber endlich mußte die Tapferkeit der Überzahl weichen. Wir zwölf wurden nun abgesandt von der dortigen Ritterschaft, Euch diese Nachricht und im Notfall Hilfe zu bringen. Durch die ganze Gegend mußten wir uns durchschlagen und noch unterwegs vernahmen wir das schreckliche Gerücht, daß auch unsere eigenen Burgen gebrochen sind, und die übrigen Ritter, die den Dreschflegeln des gemeinen Pöbels entkommen, hätten sich gen Würzburg zurückgezogen. Wir sind abgeschnitten von den Unsrigen und können vorderhand an keine Rückkehr denken. Wir bieten daher Euch, hochwürdigster Herr Abt, unsern Arm zu Schutz und Trutz an und wir glauben nicht, daß Ihr Ursache habt ihn auszuschlagen.«

»Ihr bringt böse, böse Kunde, Herr Ritter«, sprach der Abt; »aber, des seid gewiß, nichts könnte uns lieber sein als Eure Ankunft zu dieser Stunde. Vielleicht schon in der nächsten wäre jeder Zugang zum Kloster versperrt.«

»Und was gedenket Ihr dann zu tun?« fragte Bebenburg nicht im mindesten erschrocken.

»Wenn Ihr das Kloster nur bis übermorgen zu halten vermögt«, erwiderte Eberhard, »so hoffe ich bis dorthin bestimmt auf Entsatz von Öhringen, Neuenstein oder Weinsberg her.«

»Dann steht ja alles wohl«, meinte der Ritter mit gutmütigem Lächeln; »die Mauern und Tore sind, soviel ich im Dunkeln bemerkt, dick und stark; Donnerbüchsen besitzt fast keiner von den Hunden und gegen ein solch Pack getrau' ich mir ein festes Kloster vier Wochen zu halten.«

»Gott Lob und Dank!« seufzte Gregor aus tiefstem Herzen. »Wär's aber nicht auch Zeit, den edlen Herren jetzt einige Ruhe zu gönnen? 's ist bald Mitternacht.«

Der Ritter verneigte sich mit freundlich dankender Miene; der Abt, der diese Worte überhört zu haben schien, fuhr fort: »Es wäre also nur die beste Art der Verteidigung zu verabreden. Eurer Knechte, die Ihr mitgebracht, sind's nicht viel und man darf wohl darauf achten, wie sie am geeignetsten verwendet werden. Du, Robert, kennst ja doch gewiß noch einiges von dem Kriegshandwerk und kennst auch die Örtlichkeit; vielleicht vermögtest du uns einen guten Rat zu geben.«

Robert, der den prüfenden Blick des Ritters kühn ausgehalten, versetzte: »Zunächst müssen wir bedacht sein, Leute zu sparen, um die schwächeren Punkte gehörig zu besetzen. Eine Stelle, durch die eigene Lage gesichert, ist nach meinem Ermessen der Eckturm an der alten Abtei und diese selbst; denn ein tiefer, schlammiger Graben und eine glatte, hohe Mauer bis zu den vordersten Fensteröffnungen deckt sie vor jedem Angriff eines ungeübten Kriegers.«

»Aber dort befindet sich gerade das Haupttor!« – warf der Abt nachdenklich ein.

»Eben deswegen fürchte ich dort noch weniger einen Angriff, weil sicherlich die Bauern dort am ehesten eine hartnäckige Verteidigung vermuten!« entgegnete Robert.

»Ich muß deinen Gründen recht geben, mein Sohn!« sagte der Abt, der völlig überzeugt war; »du hast über dem Paternoster doch die alte Kriegskunst nicht ganz vergessen. Um so mehr werden wir aber das hintere Pförtchen und die schwachen Mauern gegen den Benediktusberg zu beachten haben. Seid Ihr nicht auch dieser Meinung, Herr Ritter?«

»Ich werde Eurer Hochwürden in jedem Stück gehorchen!« entgegnete Bebenburg mit einer Verbeugung.

»Wenn nur die zwei wahnsinnigen Brüder, welche noch in der alten Abtei wohnen, nicht in ihrer Narrheit die Bauern etwa zum Fenster hereinziehen!« warf Elias ein, der bisher still im Hintergrunde gestanden war.

»Die wollen wir schon hüten!« versetzte Robert in einem eigentümlichen Tone; »auch wird ihre Tollheit schwerlich soweit gehen. Zudem sind ja alle Fenster fest vergittert.«

»So wäre also alles bereinigt«, sprach der Abt. »Verzeiht, edler Herr, daß ich Euch solange von der Ruhe abgehalten, die Ihr doch viel nötiger bedürft als wir selbst. Holt jetzt das Versäumte nach und auch wir werden sie um so angenehmer empfinden, da wir wissen, daß sie von so treuen Händen beschützt ist wie die Euren. Der Friede des Herrn sei mit Euch!«

Alle verbeugten sich und verließen das Zimmer. Robert, der immer zögerte und daher der letzte in der Reihe war, hielt plötzlich still und wandte sich um. Der Abt sah ihn fragend an und der Mönch sprach, nachdem er die Türe geschlossen hatte: »Erlaubt mir noch zwei Worte, mein Vater! Ihr habt soeben einen Rat von mir verlangt und ich habe ihn nach bestem Wissen und Gewissen gegeben. Verzeiht, wenn ich Euch jetzt einen weiteren Rat geben möchte, den Ihr nicht selbst verlangt habt. Hört ihn wenigstens an. Die friedlichen Zeiten sind dahin und sind mit einemmal stürmisch geworden. Da darf man wohl an Dinge denken, die noch zuvor die Haut schaudern machten. Wäre es nicht, trotz der Hilfe der Ritter, immerhin möglich, daß das Kloster überrumpelt und dennoch genommen würde und wir dann alle flüchten müßten? Dann aber würden all die milden Gaben, die uns Gott in seiner Gnade geschenkt, den räuberischen Bauern in die Hände fallen, und ehe wir wieder zurückkehren könnten, wären unsere Reichtümer, Kleinodien und Schätze in alle vier Winde zerstreut. Deshalb – sollte man sie nicht in kleine Teile teilen und dann an versteckten Plätzen vergraben, wo die Bauern sie nicht leicht finden und, wenn sie je etwas entdecken, sich doch nur mit wenigem begnügen müssen?«

»Du bist ein guter, eifriger Sohn, Robert«, antwortete der Abt. »Ich habe dich lange Zeit verkannt, was mir der Himmel und du verzeihen mögen. Dein Rat ist gut, sehr gut. Ich beauftrage dich selbst, ihn auszuführen. Nur bitte ich dich: tu es in gehöriger Stille, ohne Aufsehen, daß besonders die Ritter nicht allzuviel davon vermerken.«

»Noch diese Nacht werde ich Eure Befehle ausführen«, sagte Robert. »Kein Mensch, außer den wenigen, die ich zur Hilfe brauche, soll etwas erfahren. – Und nun mein zweites Wort! Glaubt es, mein Vater, es kommt aus einem wohlmeinenden Herzen: hütet Euch vor dem Bruder Elias!«

Der Mönch entfernte sich. Eberhard sah ihm lange nach und stand noch immer so, als dessen Tritte bereits verhallt waren. Endlich wandte er sich wieder gegen das Fenster, öffnete es und sah hinaus. Der Mond schien hell am klaren Himmel; man konnte auf eine halbe Stunde Entfernung im Tal und auf den Höhen alles deutlich unterscheiden. Vom »Storchenwald« herüber tönte ein seltsames Rauschen und Schwirren, wie wenn der Wind in den Blättern rasselt, und doch war's wieder anders. Die helle Glut am Himmel war allmählich blässer und immer blässer geworden; jetzt hing nur noch ein gelber, rauchiger Schein regungslos über dem Walde.

Gespannt sah der Abt nach jener Gegend. Er glaubte am Waldsaume im Mondschein Gestalten zu bemerken, die sich bewegten; auch traf oft plötzlich ein kleines, kaum merkliches Blitzen, wie von blanken Waffen, sein Auge. Das Geräusch wurde stärker, der schwarze Waldsaum schien sich an manchen Stellen vorzuschieben und bald breiteten sich die dunkeln Massen über den ganzen kahlen, sanftgesenkten Abhang des Berges aus.

»Das sind die Bauern!« rief Eberhard, nachdem er lange das ungewohnte Schauspiel betrachtet hatte, fast unwillkürlich aus. Noch einmal warf er einen Blick auf den summenden, wispernden Ameisenhaufen, der im klarsten Mondlicht vor ihm lag; dann schloß er die Fensterflügel, ergriff die Lampe, die nur noch trüb, halbverglommen brannte, und trat in das anstoßende Alkovengemach, um nach der Aufregung eines solchen Tags dem erschöpften Körper wenigstens eine kurze Ruhe zu gestatten, da er die Wachen von den Rittern pünktlich ausgestellt glauben durfte und immerhin in den allernächsten Stunden noch keine wirkliche Gefahr zu drohen schien.


Als die Sonne am nächsten Morgen kalt und klar aufging, hatten die Bauern bereits ihr Lager auf dem Storchenberg aufgeschlagen. Freilich, man konnte hier kaum von Lager reden! Zelte hatten sie nur zwei oder drei; nur notdürftig gaben sie sich die Mühe, aus Baumzweigen einige Hütten zu errichten. Das Hauptquartier ihres Anführers, des Metzler von Ballenberg, befand sich in dem kleinen Wartturm auf dem Gipfel des Bergs, von wo man das ganze Tal samt dem Kloster übersehen konnte. Metzler selbst schlief noch auf einem Haufen aufgeschütteter Blätter, trotz des Lärms, der mit anbrechendem Tag um das Türmchen schwirrte. Vor der Türe desselben standen gravitätisch zwei riesige Bauern, der eine mit einem Dreschflegel, der andere mit einer rostigen Hellebarde bewaffnet, und bewachten, bald einem Kameraden zurufend, bald pfeifend und lachend, den festen Schlaf ihres Hauptmanns. Der ganze Platz bot einen wirklich überraschenden Anblick dar. Dieses bunte, lärmende Treiben und Jagen, in dem kein Funke von Ordnung zu entdecken war, – dieses Tosen eines tollen, immer größer werdenden Haufens, der in dummer Wut nach einem unklar bewußten Ziele hindrängte, überstieg alle Begriffe. Hier lagen noch einige auf der bloßen Erde und schnarchten laut fort, wenngleich alle Augenblicke einer ihrer Kameraden ihnen über die Füße stolperte, während dort andere plaudernd und mit komischer Eitelkeit ihre alten, ein wenig gereinigten Waffen anprobierten oder zurechtmachten und im stillen die Mistgabel- und Dreschflegelmänner verlachten, die jedoch mit eben demselben Stolz auf ihre einfachste Ausrüstung einherschritten und ihrerseits die ›Bauernjunker‹ gleichfalls mit neidischer Verachtung anschauten. Dort stand mit gespitzten Ohren ein Trupp Neuangekommener, denen ein wildaussehender Kerl von einem hohen Stein herab mit heiserer Stimme die 12 Artikel vorlas, wobei er sich alle Mühe gab, einen benachbarten Haufen, der um ein Faß herumlag und ein Trinklied brüllte, zu überschreien. Dort auf der Seite standen wieder andere, die mit zornigen Gebärden bald auf das Kloster hinabsahen, bald erwartungsvoll den Saum des jenseits des Tales gelegenen Waldes betrachteten, indes hinter ihnen ein Landsknecht mit grauem, mächtigem Schnurrbart sich bemühte, einem jungen, frischen Bauernburschen das Laden einer verrosteten Donnerbüchse beizubringen, obwohl zwei andere, Arm in Arm vorübergehende Kriegsknechte denselben gründlich auszulachen sich anstrengten. In weitem Kreis um dieses sogenannte Lager standen dann noch einzelne Posten, denen man freilich mit der besseren Bewaffnung nicht zugleich eine bessere Wachsamkeit geben konnte; denn hie und da hatte sich der eine oder andere behaglich an einen Baum angelehnt oder auf einen Stein gesetzt und war, erschöpft von der verflossenen Nacht, selig entschlummert.

Nicht weit von der Brücke, die über die Jagst führt, kaum zweihundert Schritte von der Klostermauer entfernt, stand oben auf dem grasigen Rain, der dort jäh hinaufsteigt, ein solcher Posten. Es war eine gefährliche Stellung; eine Kugel vom Kloster her hätte ihn jeden Augenblick niederschmettern können. Aber der Landsknecht (als solchen verriet ihn seine Kleidung) schien wenig hierauf zu achten. Nachdenklich stützte er sich auf seine Donnerbüchse, eine der wenigen, die im Bauernlager zu finden waren, und blickte ernst zum Kloster hinüber. Mit seinen blonden Locken spielte der kalte Morgenwind und trieb das Blut in die jugendlich frischen Wangen.

So stand er noch, als einer der Bauern sich ihm von hinten näherte und ihm vertraulich auf die Schulter klopfte: »Auch hier, Rudolf? freut mich!« rief er vergnügt lachend. Der Landsknecht wandte sich rasch um und blickte, sich besinnend, in das trotzigwilde Gesicht des Bauern.

»So, du bist's, Andres?« sagte er nach einer langen Weile; »Herr Gott im Himmel, wie siehst du aus! Hab' dich fast nimmer erkannt!«

»'s gibt noch viele Leute, Bruder, die uns nimmer erkennen werden«, meinte der Bauer; »ja, ja, sie werden die Augen heillos weit aufreißen, wenn die dummen, zahmen Hunde sind Waldwölfe worden! Doch – was ich wollt' – ich bring' dir eine lustige Nachricht, – heißt das: im Vertrauen vorderhand!«

»Und die wäre?« – fragte Rudolf.

»Der Metzler macht dich heut' noch zum Hauptmann über dreihundert Mann!« sagte Andres leis.

»Mich? Ja, warum denn?« rief Rudolf erstaunt.

»Numero eins: Weil du Landsknecht gewesen und Götzens Reiter«, erklärte der Bauer; »weil du also was verstehst – Nummer zwei – vom Kriegswesen; – Numero vier: du mußt auch eine Prob' ablegen; so 'was hat er gesagt; aber ich seh' schon, sie wird nicht gar so schwer sein; der Metzler mag dich mehr, als all' die andern. – Blitz, Numero drei hab' ich vergessen! Also Numero drei: Weil du eine Donnerbüchs hast. Wie, laß einmal sehn! Das ist ja ein flotter Prügel!«

Der Bauer nahm die Büchse und betrachtete sie von allen Seiten. »So«, fuhr er fort, indem er sie wieder zurückgab; »jetzt hab ich dir 'was Lustiges gesagt und jetzt ist's an dir. Eine Hand wascht die andere. Und nun erzähl' mir doch, wie ihr, du und der Jörg, seid vom Götzen losgekommen? Der Jörg sitzt dort drüben bei dem Faß und schüttet einen Humpen nach dem andern hinunter. Ich bin, glaub' ich, auch ein wenig zu lang dabei gesessen. Wir arme Teufel können halt das Ding noch nicht so vertragen wie ihr Herren! Da sitzt er also und schwätzt kein Wort, man mag machen, was man will, und ein Gesicht schneidet er, als hätt' er zwei Dutzend Spinnen gefressen auf einen Sitz. – Hat's noch was bei euch gegeben zu guter Letzt?«

»Grad' nichts Besonderes«, antwortete der Landsknecht; »'s darfs wenigstens jedermann wissen. Der Jörg hat zuerst gemeint, wir sollten gestern früh fort, ohne 'was zu sagen. Das wollt' ich aber um keinen Preis und endlich gab er nach. Wir blieben also, daß nichts verraten werde, bis Mittag im Schloß; dann, wie der Götz eben zu Mittag gegessen, gingen wir in den Saal und ich sagte: er möcht' uns aus seinem Dienst entlassen; wir wollten keinen Lohn; wir hätten schon andere Dienste genommen! Er mußte schon wissen, wo, denn er sagte betrübt: ›Wollt ihr mich denn alle verlassen, wenn der Sturm losbricht?‹ Das tat mir weh und ich sagte: ›Herr, wenn ihr ein biederer Ritter seid, wie ich wohl weiß, so stehn wir bei der nämlichen Fahne; ihr müßt den armen Bauern helfen!‹ Da hat er mir lächelnd die Hand gegeben und hat mir diese Büchse geschenkt zum Andenken; dem Jörg gab er eine Kette und Geld. So gingen wir denn. In Kessach schlugen gerad' die ersten Flammen aus den Häusern, als wir dorthin kamen, und es gereute uns beide fast, daß wir unsern Herrn verlassen, und das wurmt dem Jörg immer noch; deshalb ist er so still. Ich halt's mit euch, weil ihr mich dauert; wenn ich aber mit dem Kloster meine Rechnung abgemacht hab' und ihr treibt's noch immer wie gestern im ersten Rausch, dann weiß ich, was ich tu', ob ich Hauptmann bin oder nicht!«

»Pah! meinst wir wollen Wasser saufen, wenn wir Blut abzapfen müssen?« lachte Andreas; – »horch! Hörst du nichts?«

»Es rauscht und murmelt schon eine Weile dort über den Wald herüber!« sagte Rudolf und horchte wieder.

»Bei Gott! das sind die Hohenloher! Sie riechen den fetten Braten da unten!« rief der Bauer jubelnd. »Sieh dort, auf der Spitze des Benediktusberges ziehen sich schon ihre Haufen herüber. Dort werden sie sich setzen, um den Schnabel zu wetzen für morgen, die hungrigen Kerls!«

Pferdegetrappel unterbrach den Bauer in seinen Bemerkungen. Ein Reiter, in alter, abgetragener Rüstung, mit Staub und Schmutz bedeckt, sprengte spornstreichs und mit verhängten Zügeln über die Brücke auf Rudolf zu.

»Halt! Wer da?« rief der Landsknecht und das schnaubende Roß hielt an.

»Florian Geyer, – Hauptmann der Hohenloher!« antwortete der Ritter in nachlässigem Tone; »wo ist Euer Oberster, der Metzler?«

»Droben im Wartturm!« entgegnete Rudolf, nachdem er mit kriegerischem Anstand den Fremden begrüßt hatte. »Reitet nur zu; Ihr werdet ihn dort unfehlbar treffen!«

Der Ritter ließ sein Pferd langsam den steilen Abhang hinaufklimmen und ritt, als der Berg sanfter aufstieg, im Trab dem Türmchen zu.

Metzler war indessen erwacht und sah zu einer der Fensteröffnungen hinaus, die sich in dem oberen Stockwerk des Wartturms befanden. Es kam ihm selbst wunderlich vor, wie er, der Ochsenwirt von Ballenberg, nun plötzlich der Herr von mehr denn 5000 Mann geworden, die sich zu seinen Füßen herumtrieben; aber er war nicht der Mann, der sich lange mit solcherlei Gedanken abgab. Er hatte bereits im Sinn, hinabzusteigen und mit seinen Leuten ein kräftiges Frühmahl einzunehmen, als das Erscheinen des Hohenloher Haufens am Saume des gegenüberliegenden Waldes seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Mit gespanntem Blick verfolgte er ihren Zug, bis sie auf der Hochebene des Benediktusberges, gerade im Osten vom Kloster, Halt machten. Er hatte, in diesen Anblick verloren, sogar übersehen, daß ein leeres Pferd bereits an dem Türpfosten unten angebunden stand, und wandte sich erst um, als die schwachen, hölzernen Stiegentreppen unter schweren Reiterstiefeln erdröhnten.

»Guten Morgen, Bruder Metzler!« rief ihm Florian entgegen und bot ihm treuherzig den Blechhandschuh.

»Ei, gebt mir Eure fleischerne Hand; macht keine Ritterfaxen!« rief Metzler; »Bundschuh und Ritterstiefel taugen nicht zusammen!«

Der ritterliche Bauernfreund tat lachend, was der bäurische Ritter wollte, und bald war der Friede, dem ein solch unbedeutender Vorfall den Todesstoß hätte geben können, wiederhergestellt. Die beiden Anführer vertieften sich rasch in ein lebhaftes Gespräch, worin sie teils den Erfolg des gestrigen Tages, teils ihre Erwartungen und Pläne für die Zukunft sich mitteilten. Als dies gehörig abgemacht war, sagte Metzler nach einer längeren Pause: »Wenn gleich unsere Aussichten für später noch ungewiß sind, glaub' ich doch, daß wir's morgen gewinnen!«

»Du willst das Kloster überfallen heute nacht, wie ich vernahm?« fragte Geyer.

»Das will ich«, entgegnete Metzler; »mein Kriegsplan ist gut, wenn's auch mein erster ist!«

»Du bist nicht auf den Kopf gefallen, das sieht man dir gleich an«, sagte her Ritter gutmütig lachend; »du hast wahrscheinlich einen von den Pfaffen bestochen?«

»Der Zipfel lief mir selber ins Gesicht«, erwiderte der Bauer mit verächtlichem Ton; »es scheint mir fast, er will bei uns den Herrn spielen, weil er ein lumpiges Kloster ausliefert. Er wird sich brennen!«

»Verräterei ist schlimm«, meinte Geyer; »aber wenn's eben sein muß. – – Wie soll denn eigentlich der Angriff gemacht werden?«

»Ganz einfach«, sagte Metzler; »der Pfaffe zieht in der Nacht einen Haufen von uns an einem Strick in die alte Abtei hinauf, die dort drunten die gescheiten Leute für allzu sicher hielten, um sie besonders besetzen zu müssen. Ich lasse dann auf zwei andern Seiten anrennen und während die kleine Besatzung von Mergentheimern, die sich hineingeschlichen hat, auf die Mauern eilt, fegen meine Bursche das Nest von innen heraus!«

»Der Plan ist trefflich!« rief der Kriegsmann und klopfte dem Bauern auf die Schulter.

»Es fehlt mir jetzt nur noch ein guter Anführer für die, so ins Kloster hineinsteigen sollen«, fuhr Metzler fort; »und sollte der, den ich im Aug' habe, die Sach' nicht gern annehmen, so müßt' ich dich bitten.« – –

»Laß ihn kommen, wenn er in deinem Lager ist«, sagte Florian; »das wird sich bald entscheiden. Wie heißt denn dein Auserwählter?«

»Er hat beim Götz gedient; überall heißt man ihn den Rudolf«, sagte Metzler und trat an die Fensteröffnung. »Kennt einer von euch den Reiter Rudolf?« rief er hinab; die Antwort lautete bejahend.

»Er soll sogleich hierherkommen; holt ihn!« befahl er weiter und wandte sich dann wieder gegen Florian: »'s ist ein braver, tapferer Bursche, der Rudolf; darauf dürfen wir uns verlassen!«

»So?« sagte der Ritter nachdenklich; »hab' auch schon von ihm gehört. Ob er nun auch den heimlichen Angriff annimmt?«

»Pah!« sagte der Bauer; »er hat ohnedies einen Ingrimm auf das Kloster; Gott weiß, warum. Da hat's keine Not!«

Rudolf kam und Metzler teilte ihm seine Pläne mit. Er schloß seine Rede mit den Worten: »Ich weiß, daß es dir nicht gebricht an Mut und Tapferkeit; ja, ich halte dich für den besten Mann dazu. Deshalb hoff' ich, daß du den Auftrag freudig übernimmst. Des Lohns dafür und der Ehre darfst du gewiß und versichert sein!«

Rudolf maß mit ernsten Blicken bald Metzler, bald den Ritter; endlich sagte er, gegen den Bauern gewendet: »Mußt dich nicht wundern, wenn ich Nein! sage. Schick mich allein gegen zwanzig Ritter und ich will nicht zaudern. Aber heimlich in ein Kloster schleichen, das ist soviel als Meuchelmord!«

»Du willst also nicht?« fragte Metzler in aufwallendem Zorn.

»Nicht?« – wiederholte Geyer langsam.

»Ich bin gekommen, um den Bauern ehrlich zu dienen, nicht als Schlächter und Räuber wie gestern im Dorf, und nicht als Dieb und Meuchelmörder, wie ihr's jetzt von mir verlangt. Soll dies die Probe sein, die mich zum Hauptmann macht, so verzicht' ich drauf und begehre der Ehre nicht.«

»Starrkopf!« rief der Bauer und biß sich in die Lippen.

»Laßt mich heute nacht die erste Leiter an die Mauer legen und den Sturm beginnen am gefährlichsten Ort, aber das andere – laßt einen andern tun!« bat der Landsknecht.

»Geh, Bursche!« sagte Geyer; »mit dir ist nichts anzufangen! Am Ende muß ich doch die Sache noch selbst auf mich nehmen!«

»Du?« fragte Rudolf erstaunt; »warst du nicht einstmals ein Ritter? Wäre das Rittersitte gewesen? Nein, Bruder, wir wollen das Kloster stürmen, jetzt am hellen Tag! Die schwachen Mauern widerstehen nicht lang, und dann haben wir doch nicht unsern ersten Sieg uns heimlich erschlichen!«

»Geh, – du hast uns keinen Rat zu geben!« – rief Metzler wild. Rudolf drehte sich, bevor er wegging, noch einmal um und sagte zu Florian: »Herr Ritter, Ihr werdet unserem ersten Ruhm diese Schande nicht antun; das weiß ich gewiß!«

Als er den Turm bereits verlassen hatte, sah ihm Geyer nach und sprach sodann zu Metzler: – »Ich sag' dir, Metzler, da hast du einen wackern Burschen unter deinen Leuten! Höll' und Teufel! ich wär' fast rot geworden vor dem Buben!«

»Ich hab' schon lang was auf ihn gehalten«, entgegnete der Bauer; »aber er ist zu naseweis, viel zu naseweis!«

»Nur zu ehrlich für den Krieg«, meinte der Ritter; – »so bringt er's nun einmal zu nichts in aller Welt. Aber hör, wenn du ihn nicht zum Hauptmann machst, so nehm' ich ihn auf der Stelle mit!«

»Er soll's werden!« versetzte Metzler. »Komm, Geyer, wir wollen's ihm gleich selber sagen und auch im Lager uns ein wenig umschau'n!«

Der Ritter war damit einverstanden und die beiden Anführer verließen nun Arm in Arm den Turm, um tausendstimmiges Vivat! in ihren Ohren brausen zu hören.

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