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Mönch und Landsknecht

Max Eyth: Mönch und Landsknecht - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorMax Eyth
booktitleFeierstunden
titleMönch und Landsknecht
publisherCarl Winter's Universitätsbuchhandlung
printrunDritte vermehrte Auflage
year1904
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070204
projectid4f5c2727
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II.

Indessen ritt Bernhard, der wirklich, ohne ein Wort zu verlieren, die Pflicht des Geistlichen auf sich genommen hatte, an der Seite des Landsknechts talabwärts. Der Sturm hatte etwas nachgelassen und die müden Pferde zogen langsam ihre kotigen Beine nach sich. Ein feiner, durchdringender Regen rieselte herab und trieb, vom Winde gejagt, in dichten, nebligen Gestalten quer über die schmale Fläche. Endlich unterbrach der Reiter das lange, unbehagliche Schweigen.

»'s ist mir recht lieb«, sagte er, »daß Ihr mitgeht, Pater Bernhard! Mit Euch kann man doch auch ein ordentlich Wörtlein reden; die andern, nehmt's nicht für ungut, – die wissen fast nichts zu fragen, als ob man auch fleißig opfere und sich für jede Sünde gewiß seinen Ablaßzettel im Kloster hole? Und wenn sie merken, daß man nicht grad' allzuoft in den Säckel greift, um dem lieben Herrgott sein Gebet besser ans Herz zu legen, so ist gleich Feuer im Dach!«

Bernhard antwortete nicht und der Landsknecht fuhr fort: »Da starb vergangenen Herbst in Jagsthausen ein armes, altes Weib und hat ihrem einzigen Mädle nichts hinterlassen als ein Stück Rind im Stall und ein gotziges Fleckle Wiesen beim Pfizhof draußen. Und wie sie gestorben ist, hat der gnädig' Herr die Kuh genommen für den Sterbfall und wie man's untersucht hat, ist's 'rausgekommen, daß die Alte ihr Stückle Feld, das doch dem Mädle gehört hat, an das Kloster geschenkt, und das arm' Ding hat nichts gehabt als ihre Kleider auf dem Leib. Ich bin des Götz sein Reiter und wer: nein! sagt, dem schlag' ich eins auf den Schnabel, daß er g'nug hat, aber selbigsmal hat mich's doch verzürnt – rechtschaffen, daß er die Kuh genommen hat! – Und das weiß man auch – Euch darf man's schon sagen, Ihr seid keiner von denen –, wie's die Pfaffen machen, wenn sie was erben wollen.«

»Es sind manche nicht, wie sie sein sollen«, entgegnete Bernhard mit trauriger, leiser Stimme, »das ist wohl wahr, aber man darf deshalb nicht meinen: die Sache sei nichts, der sie dienen!«

»Ei beileib'!« rief der Landsknecht eifrig, »aber verzeih mir's der Himmel und all seine Heiligen, so wahr ich Jörg Haas heiße – Blitz, Hagel! – verzeiht, Herr Pater! –, damals fuhr mir's in die Faust; ich hätt' das ganze Kloster zusammenschmeißen mögen!«

Er schwieg; nach einigen Augenblicken sagte Bernhard: »Erzählt mir jetzt lieber, wenn Ihr's wißt, wer denn der Mann ist, dem ich den letzten Dienst erweisen soll. Wie kam er denn nach Jagsthausen? Sprecht!«

»Recht gern, Herr Pater!« sagte Jörg und ließ die Zügel seines Pferdes fallen. »Das ging so zu. Letzten Donnerstag, nein, 's war erst vorgestern, da kam der Herr von Sickingen auf unser Schloß. Der hat, Ihr wißt es ja, voriges Jahr das gnädig' Fräulein, meines Herrn Schwester, heimgeholt und seitdem ist er ein seltener Gast. Wir haben uns alle geputzt und die Gäule gestriegelt, daß es eine Pracht war, und reiten ihm entgegen. Aber er hat uns nicht drum angesehen und ist gleich zum Götz hingeritten und hat so heimlich getan wie eine Katz' vor dem Mausloch, und den ganzen lieben langen Tag sind die zwei beieinander gesteckt und's durfte niemand in ihre Stub' als die gnädig' Frau, wenn sie wieder einen neuen Weinkrug hereinbracht'. Das hat mich einmal geärgert! Wir haben gar nicht gewußt, woran wir sind, und laufen vom Hof in den Stall und vom Stall in den Hof, bis es Abend wird. Da schreit auf einmal der Götz zum Fenster heraus: »Aufgesessen! Schnell!« Wie der Blitz sitzen unsrer zwanzig im Sattel und schon ist der Herr mit dem Sickinger vornen draus und jagt zum Tor hinaus. Ha, das ist gegangen! Wir haben gar nicht gewußt, wohin? und ließen eben laufen. Wie wir in Widdern über die Brück' jagen, ist's schon stockfinstre Nacht. Endlich mitten im Harthäuser Wald wird Halt gemacht. Wir steigen ab und legen uns am Weg hinter die dicken Büsche, die ganze Nacht durch. Kaum wird der Himmel ein wenig rot am Morgen, da hört man in der Ferne ein Getrappel. Ich lag ganz am Rand und konnte gut auf die Straße sehen. Neben mir stand der Götz und sagt: wenn er pfeife, sollen wir alle auf sie los! Jetzt biegen sie um die nächste Ecke und ich seh' fünf Reiter mit den Heilbronner Farben, die ihre langen Hälse in die Höh' strecken und sich in die Brust werfen und ihre Hüte mit den langen Federn aufsetzen, grad' als ob ihnen die ganze Welt gehörte; die hochmütigen Städter! Das hat mich nicht wenig geärgert, aber nicht faul, – nehm' ich meine Büchs' und schmeiß' einem, dem allerlängsten, seinen hohlen Schädel ein. Aber just, wie ich losdrück' und wie's knallt, da schlägt mir der Götz eins hinter die Ohren – Blitz, Hagel, verzeiht, Herr Pater! –, ich konnt' gar nichts anders mehr denken als Höllsapperlot! Und wie ich das eine Weil' gedacht hab', ist der Mordspektakel um mich her schon losgegangen und's ist alles hintereinander. Jetzt denk' ich: Esel, du mußt deine Dummheit wieder gutmachen! und fahr' in den Haufen hinein und schrei' und hau' und stech' und mach' die Augen zu, daß mich nichts draus bringt, bis ich merk', daß wieder alles in Ordnung ist. Wie ich nun aufschau', kommt der Götz auf mich zu, legt seine eiserne Hand auf die meine und sagt: ›Vorhin hast du sie hinter den Ohren gespürt; warum bist du auch ein solcher Dummkopf und hättest uns schier den ganzen Fang verscheucht? Jetzt nimm sie so; du bist doch mein bravster Reitersknecht!‹ Hei, Pater Bernhard, wie ich mich da gefreut hab'!«

»Und der Sterbende?« fragte Bernhard, als Jörg schwieg.

»Ja so, hätt's fast vergessen!« sagte der Reiter, »da lagen so ein paar auf der Straß herum; von denen ist der Alte einer, zu dem Ihr kommen sollt! Er wird wohl sterben; 's ist schad um so einen braven alten Mann. Er hat auch einen Kameraden gehabt, einen jungen flinken Gesellen, mit dem hab' ich mich tüchtig herumgebissen, aber zuletzt wurd' er doch gefangen und der Sickingen hat ihn mitgenommen, um ihn heimzuschicken!«

Nun schwiegen beide. Der Landsknecht fing an, ein lustiges Liedlein zu pfeifen und so ritten sie an dem nächsten Dörflein Berlichingen vorbei, von dem etliche Lichter über die rauschende Jagst herüberglänzten. Vor ihnen gingen, dicht in ihre schwarzen Mäntel gehüllt, zwei Bauern, die den leisen Tritt der im Kot watenden Pferde nicht zu hören schienen und eifrig ihr Gespräch fortsetzten. Bernhard lauschte unwillkürlich auf ihre Worte.

»Der erst' ist recht und der zweit' ist auch recht, das wollt' ich vor unserem Herrgott beschwören, wenn er die Straß' daherkäm'!« sagte der eine, nach der Stimme zu schließen, der ältere.

»Fürs dritt', – aber, Schäfer, du sahst doch nichts weiter? Ich bitt' dich, nur bis zum Christtag behalt's bei dir! Dann – – – «

»Nur zu, nur zu! Ich hab' noch keinen verraten und kann schon schweigen; fürs dritt' also –?«

– »Wollen wir keine Hunde mehr sein; denn die Menschen sollen alle frei sein und man braucht keine Leibeigenen mehr. So steht's in der Schrift!«

»'s ist, als ob's ein Heiliger gemacht hätt', die Artikel! Wenn nur der Herr seinen Segen dazu gibt! Viertens?«

»Zum vierten soll nimmer, was uns unziemlich und unbrüderlich dünkt, dem armen Mann das Wild und die Vögel und die Fische verboten sein zu fangen; denn die Tiere gehören allen Menschen zu und nicht bloß den Adeligen und Geistlichen. Und zum fünften soll jeglicher sein Holz umsonst in den Wäldern holen dürfen, die nicht verkauft sind. Was sagst du dazu?«

Jörg hatte unterdessen lustig weitergepfiffen und schien an etwas anderes zu denken. Plötzlich hörte er auf, lauschte einen Augenblick, warf einen scharfen, verstohlenen Blick auf Bernhard und rief dann mit unbefangenem Ton: »Wir müssen eilen, Herr Pater!« und schlug, während er seinem eigenen Tiere die Sporen eindrückte, mit einem kräftigen Gertenhieb das Pferd Bernhards, daß es laut wiehernd einen Seitensprung machte. Wie der Wind stoben die beiden Reiter nun an den Bauern vorüber, die erschrocken auf die Seite gesprungen waren.

Bald standen sie vor dem Tore der Burg. Jörg rief, die Zugbrücke rasselte herab und sie ritten durch die düstere Wölbung in den Hof. Dort sprangen sie von den Pferden, die sodann mit tiefgehängten Köpfen dem Stalle zugingen. Jörg sah ihnen einen Augenblick nach und sagte dann: »'s schläft schon alles; kommt, ich will Euch in das Stüblein führen, wo der Kranke liegt. Ihr bleibt doch die Nacht bei ihm und wenn morgen das Wetter noch nicht besser ist, bring' ich Euch selber wieder ins Kloster nach Schöntal!«

Sie traten in das düstere Haus; Jörg schritt voran. In den winkeligen Gängen war es todstill und finster. Sie brauchten lang; bald ging's hinauf, bald herab; endlich sagte der Landsknecht: »So, hier ist die Türenschnalle! Noch ein wenig weiter zu mir her! Habt Ihr sie? 's ist schon ein Lämplein drinnen. So! Gut' Nacht derweilst!«

Nach diesen Worten stolperte er den Gang zurück, während Bernhard geduldig mit den Händen an der Wand hin- und herfuhr, um die verborgene Klinke zu finden.

Leises Murmeln und Stöhnen führte ihn endlich zu seinem Ziel. Er öffnete still und trat ein. Die kleine Kammer war von einem Lämplein, das an der Wand über der halbzerbrochenen Bettstatt hing, matt erleuchtet; an der Decke schwebten die grauen, staubigen Netze der Spinnen und eine schwarze Maus huschte raschelnd in einen Bund faulen Strohs, der in der Ecke lag. Auf dem harten Lager ruhte ein Alter, die Stirne mit einem weißen Tuche verbunden. Er schlief. Ein zarter, weißer Bart floß um seinen Mund und erhöhte noch die freundliche Würde seiner Züge, die nur, wenn sich ein tiefer Seufzer seiner Brust entrang, durch ein schmerzliches Jucken entstellt wurden. Seine Hand ruhte auf einem aufgeschlagenen Buche, das auf der Bettdecke lag. Bernhard blieb stehen, er wollte den Schlummernden in seiner Ruhe nicht stören; aber ein sonderbares Gefühl ergriff ihn beim Anblick dieses stillen Greises. »O, 's ist hart«, sagte er leise, »so allein zu sein!«

Plötzlich regte sich der Kranke. Seine Lippen murmelten, wie im Schlafe, unverständliche Töne. Immer unruhiger warf er sich hin und her, ohne zu erwachen; immer lauter und deutlicher wurden seine Worte. Der Mönch stand von tiefem Mitleid ergriffen am Lager des Fiebernden und lauschte.

»Nein, niemals! Gib mir Kraft, o Gott im Himmel!« rief jener mit dumpfer, heftiger Stimme. »O, meine Kinder! – Gebt sie her; ich fleh' euch auf den Knieen an! – Wollt ihr mir das Herz aus dem Leibe reißen?

– O Gott, ich schwöre, ich schwöre!« – Und der Kranke hob dabei drei Finger in die Höhe und rief mit wimmerndem Tone, der bald in ein lautes Geheul ausbrach: »Bei Gott dem Allmächtigen, Allgegenwärtigen und Heiligen, der in das Verborgene sieht, schwör' ich, – – helft mir, ich schwöre, – daß mein Glaube Lüge ist und eine Ausgeburt der Hölle, – – o, meine Kinder! – und wer ihn erfunden hat, war ein Teufel, hu! – –Weiter schwör' ich bei dem allwissenden und gerechten Gott, wenn ich je wieder umkehre zu dieser Ketzerei der Hölle, dann – dann soll mein Leib und meine Seele schmachten durch alle Ewigkeit – im Pfuhl der Hölle – zertreten von den Teufeln – zerrissen von den Krallen des Satans – hu, wie heiß, wie heiß! – Bernhard, komm, Bernhard! – haut sie ab, um Gottes willen haut sie ab, die Finger! – Wasser! Nur einen Tropfen! Zertreten von den Teufeln! – Dort, dort kommt einer! O Gott! – Weiche von mir! Fort, weißer Satan! Weiche von mir! Was willst du von mir? – Wie die Finger brennen! – Weg, weg von mir! – O Gott, fort mit dir!«

Der Alte hatte sich rasch aufgerafft, faßte das Buch und schleuderte es wütend gegen Bernhard. Es flog an die Wand; der Mönch stürzte erschrocken herbei und der taumelnde Greis sank mit einem wimmernden Schluchzen an seine Brust. Lange hielt er ihn so und seine Tränen flössen auf die blutige Stirnbinde herab. Man hörte nichts mehr als das tiefe Atmen des Alten.

Endlich kam der Kranke wieder zu sich und schlug ruhig und freundlich die Augen auf. Dieser Blick drang Bernhard durch Mark und Bein. Er wußte selbst nicht, wie und warum: – aber eine Ahnung, die ihn schon beim ersten Anblick ergriffen hatte, durchzuckte ihn immer heller und bestimmter. Er wußte ja, wer sein Vater gewesen war, wie er selbst heiße, wie er in das Kloster gekommen war; dies alles hatte ihm der alte Schäfer der Abtei einmal insgeheim erzählt.

Der Kranke zeigte jetzt stumm auf das Buch, das am Boden lag. Bernhard brachte es herbei. Die abgemagerten Finger des bemitleidenswerten Mannes deuteten zitternd auf das Titelblatt. Dort stand in großen, roten Buchstaben: »Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments« und unten halbverwischt: »Immanuel Puschka«. Mit einem Schrei stürzte Bernhard in die Arme seines – Vaters!

»Und wo ist mein Bruder?« rief er nach einer langen, schmerzlichsüßen Weile.

»Tod!« erwiderte der alte Puschka, dem allmählich das klare Bewußtsein zurückkehrte; »tod! Sonst hätte er seinen kranken, seinen sterbenden Vater nicht verlassen!

Nie und nimmer! Ich wollte dich suchen, teurer Bernhard, und zog mit den Kaufleuten in diese Gegend. Ich fand dich und verlor Rudolf. Aber wie Gott will! Ich werde auch ihn bald, bald wiederfinden! Und weißt du auch, wie du von ihm und von mir bist hinweggerissen worden?«

»Ich weiß alles«, versetzte Bernhard; »o Vater!«

»Aber das weißt du nicht«, sprach der Greis, mit verklärtem Lächeln, »daß ich versöhnt bin mit dem, der mich richten wird. Ich habe ein schweres, schmerzvolles Leben durchgerungen und das hat mich gereinigt und geläutert. Nun ist's zu Ende. Und wenn auch manchmal noch ein böser Traum mich schrecken will: – er kommt nur, um mir immer und immer wieder zuzurufen: ›Sei fröhlich und getrost, dein Erlöser lebt!‹«

»Gott sei gelobt!« rief Bernhard aus tiefstem Herzen und wie ein Stein fiel's ihm von seiner Brust.

»Nun denn«, fuhr der Sterbende fort, »du kamst, um einen, den du nicht kanntest, in das Jenseits die letzte Wegzehrung zu geben. Tue das jetzt deinem sterbenden Vater; ich werde den Morgen nimmer sehen. Gib mir jetzt, ich bitte dich, Bernhard, mein Sohn, mein Sohn! – gib mir jetzt das Mahl unseres teuren Heilands, daß ich ruhig hinüberziehen möge zu ihm!«

Bernhard zauderte. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirne; sein Herz klopfte heftig. – –

»Du willst nicht? Du willst nicht, daß ein Ketzer die heilige Hostie entweihte? Du darfst mir nicht das Blut meines Erlösers reichen? O das ist bitter, das ist hart!«

»Ich will«, rief nach einer Pause der Mönch freudig; »ja, ich will! hat doch er selbst seinen Leib für den Schächer am Kreuz hingegeben!«

Die heilige Handlung ging still vorüber. Der Hussite küßte seine Bibel; es ward ihm wunderbar leicht. Er raffte sich auf und las manchen Spruch aus dem Buch der Bücher, und Bernhard, welcher, mit dem Antlitz auf den gefalteten Händen liegend, vor dem Lager kniete, war es, als ob ein Stern um den andern am nächtlichen Himmel aufginge, um ihm den düsteren Pfad, auf dem er Gott und die Erlösung gesucht hatte, zu erleuchten. So, in stiller Seligkeit ging die Nacht vorüber und durch das kleine Fenster graute der Morgen. Da wurde plötzlich die Stimme des Alten schwächer; die Hand, welche das Buch gehalten, sank herab und er schwieg.

»Vater, gehst du jetzt?« sagte Bernhard und richtete den tränenden Blick freundlich zu ihm empor.

»Heim, ja heim«, lispelte der Greis, »und der Herr wird auch dich führen; das weiß ich, du teures, verlorenes Kind, daß auch du die Heimat findest. – Ich weiß, daß mein Erlöser lebt! Komm, du Gnadensonne!«

Er richtete sich mit der letzten Anstrengung auf und die Sonne, die eben in goldener Pracht emporstieg, schien ihm hell in das verklärte Auge. Noch ein Seufzer, – dann sank er langsam, von den Armen seines Sohnes aufgefangen, in das Kissen zurück.

»Schlaf wohl, lieber Vater!« sagte Bernhard und keine Träne netzte mehr seine Wangen; »in einer Nacht gefunden und verloren! 's ist herb und süß! Aber verloren? Nein, verloren nicht!«

Mit diesen Worten nahm er ihm sanft die Bibel aus seiner Hand und drückte ihm die Augen zu. Ein heißer Kuß auf die kalten, bleichen Lippen, dann noch ein Blick – und er schloß die Türe des stillen Totenkämmerleins hinter sich; denn die Pflicht rief ihn ins Kloster zurück.

Als er den Schloßhof durchschritt, führte eben Jörg die Pferde zur Tränke. »Guten Morgen, Herr Pater!« rief er ihm entgegen; »nun, ich brauch' Euch heute nicht heimzuführen; das Wetter ist ja herrlich geworden! Ist er gestorben?«

»Ja, er ist tot!« versetzte der Mönch.

»Er dauert mich recht; 's ist schad um ihn«, rief der Knecht; »ich hab' ihn eben auch gar zu grob hinter die Ohren geschlagen.«

»Sorgt ihm für ein ehrliches Begräbnis, Jörg«, sagte Bernhard, indem er mit Mühe ein Gefühl gegen den Mörder seines Vaters niederrang, das ihm in Anbetracht der Umstände denn doch ungerecht dünkte.

»Soll schon geschehen! Gehabt Euch wohl, Herr Pater!« rief ihm jener nach und der Mönch schritt schweigend seines Weges dem Kloster zu. – –

Es war am Abend des ereignisvollen Tags. Im stillen Kämmerlein schlummerte der Tote und durch die Gänge und aus dem Hof erschallten die frohen Lieder der Kriegsknechte, die sich des reichen Fanges freuten und auf das Wohl ihres Herrn gar manchen Humpen leerten. Die Zugbrücke war, wie immer bei Tage, herabgelassen und nur eine Wache stand auf derselben, die blanke Hellebarde nachlässig im Arm. Man sah's dem Menschen wohl an, wie wenig ihm heute das einsame Wachestehen behagte, während drinnen seine Kameraden jubelten. Er blickte manchmal verdrießlich zum Mond hinauf, dessen weiße Scheibe soeben über dem waldigen Berg des nahen Stolzenhofs aufging. Er tat es weniger ohne Zweifel, um sich an solcher himmlischen Schönheit zu erfreuen, als vielmehr, um daran den Fortschritt der Nacht zu ermessen, die ihn mit dem Aufziehen der Zugbrücke von seinem lästigen Posten erlösen sollte. Es war niemand anders als Jörg, Götzens »brävster Reitersknecht«, welchen Ehrentitel er sich seit gestern früh so oft als möglich beizulegen bestrebte.

Seine nüchterne Mondsbeobachtung hätte wohl noch lange fortgedauert, wenn nicht ein Geräusch in den Büschen, die sich längs des Grabens bis zur Brücke hinzogen, seine Aufmerksamkeit dorthin gewendet hätte. »Ein Überfall!« dachte der brave Bursche und setzte sich flugs in Positur, Alarm zu schlagen. Doch besann er sich noch eines Besseren und fürchtete: das leichte Geräusch könnte wohl gar am Ende von einem harmlosen, unschuldigen Häslein oder dergleichen herrühren und dann sein eignes Gelärm höchst entbehrlich und lächerlich erscheinen. Aber wiederum raschelt's, es wird doch immer bedenklicher; es ist, als schleiche jemand der Brücke zu. Jörg faßte die Hellebarde und stach dem gefährlichen heranrauschenden Ding auf gut Glück entgegen. Da biegen sich die letzten Zweige zurück.

»Ha, willst du die Burg überfallen, Blitzkerl?« schrie der Landsknecht und stemmte den Spieß in die Hüften.

»Still, still! Ums Himmels willen, still!« rief der andere und trat vollends hervor. Es war ein Jüngling von schönem, kräftigem Wuchs; unter einer Binde hervor träufelte dickes Blut über die blonden Locken, die ihm bis auf die Schultern herabreichten. In seiner Hand hielt er einen zerbrochenen, gleichfalls mit Blut überzogenen Degen. Sein weißes Koller, die weiten Pumphosen, alles war mit Blut überströmt und seine bleichen Wangen zeigten deutlich genug, daß es kein fremdes war. Jörg starrte ihn einen Augenblick an, dann rief er erstaunt: »Blitz Hagel, du bist's? Sapperlot, mach, daß du fortkommst! Da wohnt ja der Götz! Willst vom Regen in die Dachtrauf'?«

»Habt Ihr meinen Vater noch?« fragte der Fremde. »War's dein Vater? Ja, den haben wir noch«, sagte der Landsknecht leiser; »geh, geh, du dauerst mich!«

»Ist er verwundet? schwer?« drängte der andere heftig.

»Maustot! Maustot!« rief Jörg herzlich traurig; »aber jetzt mach, daß du fortkommst! Du bist ein braver Kerl! Himmel, den Sickingischen durchbrennen, die dich heimführen sollten! Dein Vater ist maustot; geh doch, geh!«

»Ich muß ihn sehen, ich muß!« rief der Jüngling; »laß mich hinein und wenn mich der Götz mein Lebtag in sein Verließ würfe!«

»Sei kein Narr«, ermahnte Jörg; »dein Vater sieht aus wie andere Tote auch. Ich will ihm deinen letzten Gruß bringen, wenn wir ihn dort hinuntertragen auf den Kirchhof. Aber jetzt mach, daß du fortkommst!«

»Laß mich hinein, Kamerad!« sagte der junge Kriegsmann innig und trat auf Jörg zu; »laß mich!«

»Nun, wenn du mit Teufelsgewalt dein Unglück willst«, brummte der Landsknecht, – »wir haben uns genug gebalgt; ich will dir jetzt einmal auch was zu Gefallen tun. So komm! Aber leis, sag' ich dir!«

Sie schlichen über die Brücke. Jörg ließ, da keine Gefahr vorhanden war, seine Hellebarde für sich Wache stehen.

Im Hof war noch immer ein tolles Treiben. Ein helles, hochaufflackerndes Feuer warf sein zuckendes Rot auf die düsteren Gebäude, die den wilden Lärm staunend anzusehen schienen. Die Sickingischen und die Götzischen Krieger suchten sich im Jubeln und Trinken zu überbieten und verpraßten wetteifernd die Güter der beraubten Handelsleute.

Jörg warf nur einen scheuen Blick auf seine fröhlichen Kameraden und huschte dann in ein Pförtlein, das er schnell wieder verschloß. Treppauf, treppab ging's in den finsteren Gängen; nur selten warf der Mond seinen matten Strahl durch ein kleines, von Menschen und Spinnen festvergittertes Fensterlein und zeichnete auf der gegenüberliegenden Wand ein feucht und grünlich schimmerndes Viereck ab. Und wenn dann die zwei vorüberschritten, seufzte ihnen wohl auch aus der Nische eine glotzende Eule entgegen oder flatterten etliche Fledermäuse spielend um die Eisenstäbe. Eine enge, steile Wendeltreppe führte sie jetzt nochmals hinauf und sie standen an ihrem Ziel.

»Da drinnen liegt er«, sagte Jörg, »heut' ist kein Lämplein mehr drinnen. Du brauchst's auch nicht, der Mond scheint ja, und wenn du für ihn beten willst, – ich will dich nicht stören; in einer halben Stunde hol' ich dich wieder ab. Aber mach keinen Lärm, hörst du?«

Der Jüngling war schon hineingeschlüpft und an dem Lager niedergesunken. Er warf nur einen schmerzvollen Blick auf das bleiche Antlitz des Greises, dessen Lippen sich im zitternden Mondstrahl, wie im Traume, zu bewegen schienen. Dann barg er sein Gesicht in dem rauhen Kissen, auf dem sein Vater lag, und erstickte den schluchzenden Seufzer, der sich seiner Brust entrang. Endlich erhob er sich und sagte leise: »Du kannst mir deinen Segen nicht mehr geben, teurer Vater, aber ich hab' ihn gewiß; das weiß ich wohl. Gib mir noch dein letztes, heiligstes Gut auf Erden, dann muß es sein!«

Er warf einen forschenden Blick auf das Bett; er lüftete das Kissen; er sah unter der Bettstatt; immer ängstlicher wurde sein Suchen, immer heftiger prägte sich die bange, erwartungsvolle Furcht auf den gespannten Gesichtszügen des Jünglings aus. »Es ist fort! Es ist geraubt, gestohlen!« rief er verzweifelt, nachdem alle seine Forschungen vergeblich gewesen waren. »O Gott, willst du mir denn gar nichts lassen? Willst du mir alles, alles nehmen mit dem geliebten Vater? O Vater, wie soll dein Kind ohne dich, ohne das Wort, das dich geführt hat, die rauhe Straße seines Lebens gehn?«

In diesem Augenblick trat Jörg wieder ein. Rudolf schwieg plötzlich und starrte ihn finster an.

»Sei doch still, Narr!« flüsterte der Landsknecht nach seiner Art; »aber eil dich jetzt; du mußt fort! Jeden Augenblick kann die Zugbrücke aufgezogen werden; dann bist du schön in der Falle! Schnell, schnell!«

»War jemand bei ihm, als er starb, mein guter Vater?« fragte Rudolf und warf nochmals einen Blick in die Kammer zurück.

»Kein Mensch«, erwiderte Jörg, »als der brävste Zisterzienser, der je in unserem Kloster Messe gelesen!«

»Ein Mönch, ein Mönch?« murmelte Rudolf und biß dabei die Lippen zusammen; »armer Vater!« Dann blieb er einen Augenblick nachdenklich stehen und als er weiterging, klirrten seine Sporen und sein schwerer Reiterstiefel trat fest und sicher auf das Steinpflaster, daß es weithin durch den stillen Gang hallte.

»Still doch!« rief Jörg erschrocken, »willst du mich und dich ins Unglück bringen?« Aber Rudolf gab keine Antwort und schritt weiter. Als sie am Pförtlein angekommen, durch das sie vorhin in den Gang gelangt, riß er es auf, daß die rostigen Angeln laut pfiffen, und trat mitten in den Kreis der fröhlichen Knechte. Vom Wein erhitzt begrüßten diese den Unbekannten jubelnd und drängten sich um ihn her mit den vollen Humpen, um ihm lachend zuzutrinken. »Wo ist Euer Herr?« fragte er endlich einen der lustigen Zecher.

»Dort steht er!« sagte der Reiter und deutete in den tiefen Schatten eines Gebäudes. Rudolf trat näher. Zwei Gestalten standen dort mit verschränkten Armen und sahen stumm in das lärmende Gewühl.

»Ich möchte gern in Euren Dienst treten, edler Ritter von Berlichingen!« sagte der Jüngling, als er nahe genug war, indem er sich rasch aufs Geratewohl an den einen wandte.

»Kannst du reiten?« fragte jener kurz und maß ihn mit scharfen Blicken.

»Ja!« versetzte Rudolf unbefangen, »und ich begehr' keinen Lohn; ein anderer Grund treibt mich in Eure Dienste. Nehmt mich, ich bitte.«

»Du hast geblutet?« fragte Götz.

»Ich hab' mit einem Eurer Landsknechte nähere Bekanntschaft gemacht im Harthäuser Wald; Jörg heißt er.«

»Wie kommst du hierher, Bursche?« sagte Sickingen, der ihn bisher schweigend betrachtet hatte. »Bist du mir durchgebrannt? Aber ich will dir's verzeih'n, wenn du zum Götzen willst. – Götz, nimm ihn; ich kenn' ihn seit gestern wohl, er ficht wie ein angeschossener Eber.«

»So geh zu den andern«, sagte Berlichingen, indem er sich zu Rudolf wandte, »und sag ihnen, du seist ihr Kamerad!«

Rudolf verbeugte sich dankend und schritt dem Feuer zu. Der erste, der ihm jubelnd die Hand drückte, war Jörg, des Götzen »brävster Reitersknecht«.

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