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Mönch und Landsknecht

Max Eyth: Mönch und Landsknecht - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMönch und Landsknecht und anderes
authorMax Eyth
firstpub1882
year1930
publisherHesse & Becker Verlag
addressLeipzig
titleMönch und Landsknecht
pages1-184
created20050911
sendergerd.bouillon
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VII.

Mit ungeduldigen Schritten durchmaß Robert seine kleine Zelle. Bald blieb er vor dem Pulte stehn und sah nachdenklich in die Flamme des Lämpchens, das darauf stand, bald öffnete er wieder das Fenster leis und vorsichtig und blickte prüfend in den schwarzen Hof und in die grauen Wolken, die von stürmischen Winden zerrissen darüber hinfuhren. »Will's denn heute nicht Nacht werden?« flüsterte er vor sich hin, während er den Fensterflügel wieder schloß, und seine Stimme verriet mehr eine fieberhafte Spannung und Angst als den kalten Unmut, den er hineinlegen wollte. Jetzt faßte er das Lämpchen und verließ geräuschlos die Zelle.

Wie ein Schatten schwebte seine Gestalt durch die hohen, schweigenden Gänge; ein Pförtchen führte ihn ins Freie. Immer noch hielt er das brennende Licht in den Händen und suchte ängstlich die flackernde Flamme zu verbergen und zu schützen. In kurzer Zeit hatte er den stillen, leeren Hof, von niemand bemerkt, überschritten und stand vor der Türe des alten Abteigebäudes. Die Türe war nur angelehnt, wie gewöhnlich. Robert schlüpfte hinein und schlich auf den Zehen, mit beiden Händen sein Licht bedeckend, die morsche, unter jedem Tritt knarrende Stiege hinauf. Ein mit ausgetretnen Backsteinen gepflasterter Gang nahm den Mönch auf. Er schritt darin weiter, indem er sorgfältig die Stellen vermied, wo der graue Schein, der durch die Fenster fiel, ihn irgend treffen konnte. Lautlos hatte er den Hintergrund erreicht, den die runde Mauer des anstoßenden Eckturms bildet. Das kleine, schwere Türchen, das tief in der Mauer liegt, war verschlossen und Robert mußte alle Kraft aufwenden, den rostigen Schlüssel, der im Schlosse steckte, umzudrehen, bis es endlich laut knarrend aufsprang.

Jetzt befand er sich in einem runden, niedern Stübchen, an dessen staubiger, schwarzer Balkendecke aufgescheuchte Fledermäuse ängstlich herumflatterten. Kaum konnte er sein Licht brennend erhalten; denn durch die drei hohlen, vergitterten Fensteröffnungen pfiff der Wind. Er stellte es in einer Ecke auf den Boden und trat, nachdem er eine Zeitlang gelauscht, ob sich niemand nähere, sodann an das mittlere Gitter. Als er die Hand an die Stäbe legte, zeigte ihr Schwanken, daß der größte Teil derselben bereits abgebrochen sein mußte. Auch jetzt zog Robert unter seiner Kutte eine alte Feile hervor und bemühte sich, mit größter Vorsicht die wenigen noch übrigen Stücke zu durchsägen. Lange hörte man nichts in dem Gemach als das Sausen des Winds und das gleichmäßige, eintönige Rascheln der Feile. Endlich hielt der Mönch inne und sah freudig, daß das ganze Gitter nur noch auf einem einzigen Stabe schwanke. Er versuchte, diesen vollends aus dem Gestein herauszuziehen; aber Stab und Stein waren zusammengelötet. Unverdrossen machte er sich also an den letzten Teil seiner mühsamen Arbeit.

Nicht lange hatte er wieder gefeilt, daß ihm trotz der Kälte dicke Schweißtropfen auf der Stirne standen – da hörte er etwas hinter sich rauschen. Wie vom Blitz getroffen, blieb er einen Augenblick ganz erstarrt, und als er sich umwandte, erblickte er eine hohe Gestalt vor sich, auf deren bleiches Gesicht das Lichtchen in der Ecke einen hellen Schein warf. Die Feile fiel ihm aus den Händen und er starrte schweigend in die verzerrten Züge des Menschen, der vor ihm stand und sein unstet rollendes Auge auf ihn warf. Mit leiser, hohler Stimme, die, so tief und klanglos sie war, doch die Leidenschaft des Sprechenden verriet, fragte die fremdartige Erscheinung: »Bist du auch hier nicht, Klothilde, mein süßes Leben?«

»Nein, Theodorich!« antwortete Robert leise, nachdem er sich rasch gesammelt hatte; – »sie ist wohl drunten im Garten und harret dein!«

»Im Garten?« fragte jener, sich besinnend; »im Garten? Nein, nein! – Tot ist sie, tot! Gemordet von euch, ihr verruchten Pfaffen!« Und so still, als er gekommen, entfernte sich der Wahnsinnige wieder und verschwand draußen im Gange.

Robert verschloß jetzt unmutig die Türe, indem er vor sich hinmurmelte: »Müssen denn selbst Narren kommen, mich zu stören in dem, was ich erreichen will? Pah, wenn Himmel und Hölle kämen, – mein Ziel bleibt unverrückt und mein Stern leuchtet am hellsten in der Dunkelheit!«

Der letzte Stab brach und das Gitter sank dem Mönch in die Hände. Frohlockend legte er es auf den Boden, ergriff sein Lämpchen und trat damit an die Fensteröffnung. Aber kaum hatte er's dort hingestellt, als ein Windstoß durch den Turm fuhr und die schwache Flamme, mit welcher er ein Zeichen nach außen zu geben beabsichtigte, erlosch. »Tat das der Himmel oder die Hölle?« rief Robert halblaut und stampfte vor Zorn mit dem Fuß auf den Boden. Doch alsbald erlangte er seine Besonnenheit wieder und lehnte sich horchend weit über den Sims hinaus. Tief unter ihm lag regungslos der schwarze Wasserspiegel; gerade gegenüber stieg eine Mauer empor, aus deren weiten Spalten sich mancher verkrüppelte Busch herauszwängte; oben auf dieser Mauer, wo der ebene Boden wieder beginnt, wuchs dichtes, hohes Gesträuch, das jede weitere Aussicht, besonders bei Nacht, versperrte. In dem Gebüsch selbst, auf das Robert unverwandt hinblickte, regte sich nichts; nur schien es ihm, als schlichen manchmal unter den grauen, unbelaubten Zweigen dunkle Gestalten vorsichtig und eilig am Rand des Grabens hin.

Plötzlich rauschte etwas an der Mauer hinunter; ein Stein fiel mit hohlem Geplatsche ins Wasser Robert beugte sich weit hinab; er hörte, wie die Binsen und der Schilf im Graben schwankten, wie die Ringe klatschend an das Gemäuer des Turmes schlugen und die dünnen, wispernden Eisscheibchen, die sich an das Schilfrohr angesetzt hatten, auseinandertrieben. Zur Erwiderung dieses Zeichens warf er schnell das Lämpchen hinab und gleich darauf ertönte aus dem Gebüsch ein leiser Pfiff. Robert erwiderte auch diesen deutlich, jedoch möglichst schwach. Dann ließ er einen langen, dicken Strick, dessen eines Ende an einem starken Kloben befestigt war, hinabgleiten. Schon wurde es an der andern Seite und unten im Graben lebendiger. Die Bauern stiegen, indem sie sich an den zähen Wurzeln und Zweigen festhielten, langsam und vorsichtig in den Graben hinab und versuchten, indem sie bis an die Brust in das dicke, trübe Schlammwasser versanken, die andre Seite zu erreichen.

Robert sah hiervon wenig; es war zu finster. Plötzlich aber bemerkte er, wie der Strick straff wurde und unten am Turm ein Geräusch entstand, das von einem Heraufsteigenden herrühren mußte. Schon faßten zwei Hände den Sims, und gleich darauf zeigte sich ein Kopf in der Fensteröffnung. Der Mönch faßte den Einsteigenden mit beiden Händen an den Schultern und hielt ihn zurück.

»Die Losung?« fragte er leis.

»Pfaffenblut, Bauernwut – ist für alle Schäden gut!« antwortete jener barsch und stieg vollends herein.

»Wie? Bist du nicht der Florian Geyer?« fragte Robert erstaunt, als er ihm lange ins Gesicht gesehen hatte.

»Was geht dich mein Name an?« erwiderte der Gefragte in demselben Ton, und jede seiner Bewegungen zeigte, daß ihm etwas unbehaglich und widrig sein müsse; aber was, konnte Robert nicht erraten.

Indessen waren bereits wieder etliche hereingestiegen, und bald war das kleine Gemach voll von Bewaffneten. Florian (denn er war es wirklich) übersah sein Bauernhäuflein und fragte den Nächststehenden: »Wo ist denn der Rehbach von Forchtenberg? Und noch einen vermiß ich.«

»Die armen Teufel sind gerad' erstickt,« antwortete der Bauer; »sie sind zu weit rechts in den tiefen Schlamm gekommen und versunken!«

Nach diesen Worten wurde es wieder still; alle warteten auf das Zeichen zum Hervorbrechen. – –

Indessen schlief der edle Ritter von Bebenburg noch wohlgemut auf den seidnen Kissen in einem der prunkvollsten Gastzimmer des Klosters; denn der Abt tat alles, um ihn, die andern Ritter und ihre wenigen Mannen bei guter Laune zu erhalten. Hoffte er doch mit Bestimmtheit, in wenigen Tagen entsetzt zu werden, obgleich auf sein dringendes Schreiben an die benachbarten Fürsten und Grafen, das er durch verkleidete scheinbare Bauern abgesandt hatte, noch nicht einmal eine Antwort erfolgt war.

Zwar hatte er strengen Befehl erteilt, die Wachen sollten ihn bei der geringsten Bewegung der Bauern sogleich wecken; aber diese waren trotz der augenscheinlichen Gefahr, erschöpft von dem angestrengten Dienste und weil sie bei der großen Überzahl der Feinde keinen heimlichen Angriff erwarteten, fast alle auf ihrem Posten eingeschlafen. Erst das Geschrei der gegen die Mauern heranziehenden Bauern rüttelte sie auf.

Noch schlaftrunken stürzte einer der Landsknechte in das Kloster und durchrannte mit dem schrecklichen Geschrei: »Die Bauern! Die Bauern!« die eben noch so stillen Gänge. Wie mit einem Zauberschlag wurde es jetzt lebendig. Oft nur halb angekleidet rannten die Mönche aus ihren Zellen. »Auf die Mauern! Auf die Mauern!« rief dort einer und eilte mit einem flackernden Licht ins Freie hinaus. »Flieht zum Tore hinaus! Sie kommen hinten herein!« schrie ein andrer, dem ein ganzer Haufe todesblasser Menschen folgte, und eilte ebenfalls fort. »Kyrie eleison!« jammerte hier ein dritter. »Kommt, Brüder, in die Kirche! Sie werden uns doch dort verschonen, die Barbaren! – Wo sind denn die Schlüssel? – Macht den hintern Gang auf! – Wie sie toben, die Heiden! – O Herr, errette deine arme Herde! – Wo ist der Prior? – Man sucht ihn überall! – Um Christi willen, auf die Mauern! – Sind sie noch nicht droben?«

So schrie und lärmte es durch Hof und Hallen. Alle liefen, und keiner wußte, wohin? Vier, fünf Lichter brannten, und doch stießen die Menschen aneinander wie in der dichtesten Finsternis.

Nur Bebenburg schien die Besonnenheit nicht verloren zu haben. Blitzschnell hatte er sich bei dem ersten Lärm in die Rüstung geworfen und eilte auf die Mauer. Als er auf der Zinne ankam und hinabsah, waren die Bauern kaum noch fünfzig Schritte entfernt und nur zehn von seinen Mannen auf dem Platz. Augenblicklich schickte er einige der Mönche, die ihm, zur äußersten Notwehr entschlossen, gefolgt waren, in die Klosterräume zurück, um die Fehlenden aufzusuchen und herbeizubringen. Auch befahl er, auf der ganzen Ringmauer Mönche wenigstens als Wachen aufzustellen, um nirgends einem zweiten unerwarteten Angriff ausgesetzt zu sein.

Bereits konnte man deutlich jeden der Angreifenden unterscheiden. Im Nu waren sie am Rande des Grabens. Mehr als fünf Leitern glitten hinab und standen auf dem Boden fest, da hier der Grund des Grabens bedeutend höher lag und deshalb beinahe völlig ausgetrocknet war. Die Masse stürzte sich hinunter; doch wagte noch keiner, sich dem Fuße der gegenüberliegenden Mauer zu nähern. obgleich noch kein Schuß gefallen war. Bebenburg hatte verboten zu schießen, ehe jeder Schuß seinen Mann treffen mußte. Ohne die mindeste Unruhe zu verraten, stand er, die glimmende Lunte in der Hand, auf dem äußersten Mauerrande und blickte nach der andern Seite des Grabens hinüber.

Jetzt richtete sich dort eine ungeheure Leiter in die Höhe und blieb kerzengerade in der Luft stehn. Sie bewegte sich langsam vorwärts. Man sah es deutlich: Drei Männer hielten sie an den untern Sprossen aufrecht und schritten so fort, während schon ein andrer schwarzer Haufe murmelnd hintendrein drängte, um sogleich, wenn sie angelegt wäre, darauf hinanzuklimmen. Kaum waren sie noch fünf Schritte vom Fuß der Mauer entfernt; oben war es noch immer todstill; wie Bildsäulen standen die Landsknechte da und schauten unverwandt hinunter.

»Feuer!« schrie endlich Bebenburg mit Donnerstimme. Hell blitzte es durch die Nacht; ein fürchterlicher, vielstimmiger Krach durchschnitt die Luft; alles schwamm in weißem Pulverdampf, aus dem ein wildes Geheul hervorbrach. Nur die Spitze der Leiter ragte noch drüber hinaus. Sie wankte. Noch einmal schien sie aufrechtstehn zu wollen; dann stürzte sie unaufhaltsam mit sausendem Schwirren auf die schreiend zerstiebende Masse der Stürmenden zurück.

Das Wutgeheul der Bauern übertäubte den Jubel der Landsknechte Bebenburgs. Ein Hagel von Steinen und Prügeln und manchmal auch ein Pfeil oder eine Lanze flog auf die Mauern. Dagegen blitzte Schuß auf Schuß in den Graben hinab. Was in demselben vorging, bedeckte ein dicker Pulverdampf. Plötzlich gewahrte der Ritter mit Schrecken wieder eine neue Leiter über dem Qualm. Er schoß; eine Sprosse fiel zersplittert hinab; die Leiter wankte, aber nicht rückwärts; einen Augenblick darauf lag sie an der Zinne. Mit Riesenkraft suchte er sie umzuwerfen, aber es gelang nicht; unten mußten schon mehrere daraufstehn. Er rief dem nächsten Landsknecht zu, ihm zu helfen; dieser hörte es nicht, und schon war es auch zu spät. Bereits tauchte eine Sturmhaube aus dem Nebel auf. Ein fürchterlicher Schlag mit Bebenburgs Büchsenkolben traf den Kopf des ersten, der mit einem durchdringenden Schrei hinunterstürzte. Der zweite hatte, ehe der Ritter wieder ausholte, die Zinne erreicht und faßte mit der einen Hand den Fuß desselben, während die andre den Morgenstern schwang. Doch eine Kugel fuhr ihm in dem gleichen Augenblick durch die Brust, und er stürzte, seinen Hintermann mit sich reißend, gleichfalls hinunter.

»Wir müssen vor den andern im Kloster sein!« rief jetzt eine durchdringende Stimme auf der Leiter, welche von allen Seiten beschossen ward. Der unermüdliche Bebenburger richtete sich zu einem neuen Schlag, und schon zeigte sich die Sturmhaube, welcher er gelten sollte; da sah er plötzlich einen schwarzen Büchsenlauf aus dem Dampf hervorragen; es blitzte; ein fürchterlicher Stoß auf den Eisenpanzer warf ihn etliche Schritte zurück, und bevor er selbst wieder festen Fuß fassen konnte, standen bereits zwei der Stürmenden auf der Zinne und schlugen wie rasend um sich. Schon wollte sich auch ein dritter hinaufschwingen, – da verschwand er plötzlich wieder; ein in dem grausigen Tumult kaum hörbares Krachen – ein dumpfer, alles übertönender Fall – gellendes Geschrei und Geheul folgten sich Schlag auf Schlag. Die Leiter war gebrochen. Kaum fanden die beiden Kämpfenden Zeit, sich umzusehen; denn jeden Augenblick standen sie in Gefahr, hinabgeschleudert zu werden. Die blonden Locken des einen flatterten wild um seinen Kopf, wie er mit Blitzesschnelle, nach allen Seiten hin, sein auf den Rüstungen klapperndes Schwert niederfallen ließ.

»Ergib dich!« rief Bebenburg, einen solchen Heldenmut bewundernd. Aber statt aller Antwort beugte sich der Jüngling ein wenig über die Mauer und rief, so stark er konnte: »Jörg, nimm die andre Leiter! Um Gotteswillen, stürm'!« Es war die gleiche Stimme, die schon vorher alles durchdrungen hatte.

Der Ruf schien nicht überhört zu sein; denn bereits lag auch die dritte Leiter an, und als sich Bebenburg umsah, der alle Hände voll zu tun hatte, war dort ein neuer Kampf im Gange. Gleich darauf gelang es dem blondlockigen Burschen, den Ritter auf die Seite zu drängen, einen Landsknecht, der im Wege stand, über die Mauer hinabzustoßen und so die Leiter zu erreichen. Mit ein paar fürchterlichen Hieben machte er ein wenig Raum und bot dem zunächst Heraufkletternden die Hand.

»Du lebst noch, Rudolf?« rief dieser jubelnd, sprang vollends herauf und stürzte sich in demselben Augenblick wütend gegen die entmutigten Landsknechte. Unaufhaltsam drang es jetzt nach. Die Mergentheimer wichen Schritt vor Schritt, und als vollends ein Steinwurf ihren Anführer zu Boden schmetterte, jagten sie in wilder Flucht, von den jubelnden Mördern verfolgt, die Treppe hinunter. Rudolf und Jörg (denn sie waren es, die sich mitten im Kampfgewühl begrüßt hatten) suchten vergeblich, dem Blut- und Rachedurst der Bauern Einhalt zu tun; wie ein entfesselter Strom stürzte die Masse auf die Zinnen.

Noch leistete hier und dort ein Häuflein der Tapfersten eine verzweifelte Gegenwehr; da ertönte plötzlich von dem andern Ende der Klostermauer wildes, verworrnes Geschrei. Fliehende Mönche waren nach jener Seite geeilt und wandten jetzt erschrocken wieder um, als sie auch dort die Feinde eingedrungen sahen. Das Tor war bereits aufgerissen; die Bauern stürmten herein und erfüllten mit ihrem Kriegsgeschrei den Hof. Hie und da drängte sich, von der Dunkelheit begünstigt, ein zitternder Mönch durch die verworrnen Massen und zum Tore hinaus, um im nächsten Walde Schutz zu suchen.

Kräftige Axtschläge donnerten jetzt gegen die Türe der Abtei, die noch immer verschlossen war. Sie brach krachend zusammen und der Strom ergoß sich lärmend in die Gänge.

Gerade unter dem Portal traf Florian Geyer und Rudolf aufeinander. Florian streckte freudig die Hand dem Landsknechte entgegen und rief: »Weiß Gott, diesmal hat der gemeine Kriegsknecht einen bessern Ruhm errungen als der Ritter. Ihr habt ja gefochten wie toll! Es sollte ja dort bei Euch nur blinder Lärm sein!«

»Ich wollt' nur zeigen,« versetzte Rudolf; »daß man auch ohne Hinterlist den Sieg gewinnen kann!«

Er wollte noch mehr reden, als er merkte, daß Florian durch diese Worte beleidigt war; aber die hinten nachdrängenden Bauern drückten ihn von dem Ritter hinweg und er folgte dem Sturm, von Jörg und einem Haufen seiner Leute begleitet, um vielleicht Unheil zu verhüten, das die Bauern in ihrer Wut hätten anrichten können. Und wären nicht fast alle Mönche entflohen gewesen, so hätten sie Gelegenheit genug gefunden, den Mord an Wehrlosen zu verhindern, wenn man aus dem Ingrimm schließen durfte, den die wilden Rotten jetzt sogar an leblosen Gegenständen ausließen, als sie durch die Prunkgemache des Abts und des Priors stürmten – Orte, welche noch die frischesten Spuren des üppigen Lebens dieser Zisterzienser an sich trugen.

Jörg hatte in dem Getümmel bereits wieder seinen Freund verloren und suchte nun, weil alle plünderten, auch für sich selbst seinen Teil zusammenzuraffen. Mit einigen andern hatte er die Türe gesprengt, die in das Schlafzimmer des Priors führte, und drang, eine brennende Fackel in der Hand, zuerst hinein. Schreckliche Unordnung herrschte in dem kleinen, luxuriös ausgestatteten Gemache. Über das ebenholzne Tischchen, das neben dem Bette stand, träufelte noch der Wein herab, der aus einem, allem Anschein nach erst kürzlich umgeworfnen Becher floß. Der eine Vorhang vor dem seidnen Bette war heruntergerissen und aus dem Boden herumgezogen, wie wenn sich jemand mit den Füßen darin verwickelt hätte. Das Bett selbst ließ deutlich erkennen, daß es noch nicht lange verlassen sein konnte. Übrigens war nirgends mehr eine Menschenseele wahrzunehmen.

Die Bauern überließen sich jedoch nicht lange solchen müßigen Betrachtungen. Der eine griff nach dem silbernen Waschbecken, während ein andrer die Marmorplatte zerschlug, worauf es gestanden war. Dort zerdrückte ein dritter mit seinen schrammigen Fingern den goldnen Becher und schob ihn in die Tasche. Wieder andre durchstachen das Bett oder zertümmerten die Spiegel, um die goldnen Rahmen zu benützen. Jetzt rissen sie die Wandkästen auf. Einen Augenblick blieben sie staunend, mit neugieriger Scheu stehn und betrachteten die blanken Geräte und Schmucksachen, die ihnen beim Fackelschein entgegenschimmerten. Dann aber fielen sie mit jubelnder Gier darüber her, um soviel als möglich fortzuschleppen. Es war ein fürchterlicher Lärm, den das Geschrei der Bauern, das Klirren und Stoßen mit den Waffen, die zerbrechenden Gläser und Kristalle, das klingende Gold und Silber hervorbrachten Schon waren zwei Kästen aufgebrochen und vollkommen ausgeleert; da flog eine dritte verborgne Tür auf, die in einen kleinen, versteckten Raum führte, und ein donnerndes, immer neu erwachendes Gelächter erstickte alle andern Töne.

Tief in die Ecke dieses Raumes gedrückt, hockte eine mit weißer Kutte bekleidete Gestalt. Auf dem dicken, possierlichen und vor Angst zitternden Körper saß ein ebenso possierlich dicker, zitternder Kopf, dessen Gesicht über alle Maßen lächerlich war: niedre Stirne – fette rote Nase und Wangen – breites doppeltes Kinn – ein breiter, hellachender Mund und glänzende Äuglein voll spitzbübischer Schelmerei, tief im Fett der Wangen und Stirne schwimmend. Ein solches Gesicht auf einem wie Espenlaub bebenden Korpus – ja in der Tat, ein derartiges Bild hätte selbst dem finstersten Menschenkind ein Lächeln entlockt; was Wunder, daß die stets zur lärmenden Freude geneigte Bauernschaft ihrem Zwerchfell die freieste Bewegung gestattete? Sie gaben sich nicht einmal die Mühe, dem armen Prior seine Maske, die er, Gott weiß, von welchem Sinn oder Unsinn geleitet, in der Verwirrung seiner geängsteten Seele aufgesetzt hatte und die ihm jetzt wirklich ganz unverhofft das Leben rettete, von seinem echten, natürlichen Angesicht abzureißen. Lachend zerrten sie ihn aus dem Kasten; ein paar derbe Püffe warfen ihn in die heilsame Dunkelheit hinaus, wo er leicht und unbemerkt in dem schrecklichen Durcheinander ein geöffnetes Tor erreichen konnte und so, freilich vor Entsetzen und Angst halbtot, in dem sichern Wald für den Augenblick Schutz vor den groben Barbaren zu finden hoffen durfte.

Sein prunkvolles Schlafgemach schien endlich den Bauern so ziemlich leer und ausgefischt. Sie entfernten sich daher größtenteils, um andern Platz zu machen, welche, zu spät gekommen, sich nun freilich mit einer bloßen Nachlese begnügen mußten.

Jörg wußte anfangs nicht, wohin er sich wenden sollte. Er glaubte, seine Taschen gehörig angefüllt zu haben; wenigstens wollte er sich für jetzt mit dem Gesammelten begnügen, das ihm so sauer verdient und so ehrlich erworben schien, daß er mit stiller Befriedigung an das Sprüchlein dachte, welches ihm einmal ein Pater gesagt hatte: ›Der Arbeiter ist seines Lohnes wert‹.

Der Lärm zog ihn die steinernen Staffeln wieder hinunter und bald stand er vor den weit aufgerißnen, von Feuchtigkeit und Alter schwarzbraunen Torflügeln des Kellers. Die Treppen, welche hinabführten, waren tief ausgetreten, und zeigten, wie oft sie schon begangen worden waren. Auch jetzt gingen manche der Bauern hinauf und hinab; denn hier war der Hauptsammelplatz, hier das Ziel, über das kaum einige hinausgedacht hatten. Flink stürzten sie hinunter mit wildem, gierigem Geschrei und bereits im Vorgefühl einer Wonne, die sie schon lange sich kaum zu träumen gewagt hatten; andre taumelten herauf, von einem Kameraden gestützt oder an der nassen Wand sich haltend und mit lallender Zunge ein Lied singend, während ihr gläsernes Auge irre die grüßenden Bekannten anstarrte.

Selbst dem Landsknecht, dem solche Szenen doch nicht unbekannt sein mußten, kam ein Bild in solcher Graßheit widerlich vor. Er blickte eine Zeitlang in die Höhle hinab, aus der ein matter, qualmiger Schein heraufdrang und wildes, verworrnes Geschrei ertönte; dann wollte er umwenden.

»Ei, Landsmann, wohin?« schrie ihm eine bekannte Stimme ins Ohr; »willst nicht hinunter? Schäm dich! 's geht lustig drunten her! Komm!«

Der Sprecher ergriff ihn am Arm und zog ihn hinab. Doch durfte sich Jörg nicht sehr auf seinen Führer verlassen; denn dieser mußte schon einmal drunten gewesen sein und suchte jetzt mit einer fast allzugroßen Eile abermals den Boden des Kellers zu erreichen, so daß jener Mühe hatte, sich und ihn aufrechtzuerhalten. Es war Andres.

»Ihr habt ja verflucht gefochten Jörg – hab' ich gehört!« schrie nun der Bauer wieder und es war allerdings nötig, zu schreien; denn mit jedem Schritt nahm der Tumult von unten herauf in schrecklicher Weise zu. »Dummköpfe seid ihr gewesen! Wer wird sich denn so schinden um etwas, das man schon hat? Aber Respekt vor solchen Dummköpfen, sag' ich! Euer Rudolf muß ja eine wahre Bestie gewesen sein. Er soll auch belohnt werden, extra, besonders vom Geyer. Der mag ihn wie seinen Bruder. Wein her, Wein her, oder ich fall' um, fall' um! Wo steckt er denn, der Duckmäuser? Weißt's nicht? – Wein her, Wein her! Vorhin bin ich ihm begegnet, dem verfluchten Kerl! Droben reißt er alle Kästen auf und stiert wie närrisch in den alten Papieren und Reisachbüscheln herum – wie närrisch. sag' ich, – und steckt seine Nase in den alten Staub, bedächtig wie ein Ochs im Schwabenalter – und wenn er wo ein Stücklein Gold blitzen sieht, so schmeißt er's auf den Boden und tritt darauf. Jetzt sind wir ja drunten! Lustig, Bruder, lustig! Wein her! Würfel her!«

Andres hatte sich freilich ein wenig getäuscht. Sie waren noch nicht unten; nur der Bauer war trotz der Anstrengung Jörgs rücklings auf die Staffeln gefallen; jedoch mußte er seinen Irrtum sogleich eingesehen haben; denn mit großer Behendigkeit legte er lachend den Rest des Wegs auf allen Vieren, oder vielmehr durch den tätigen Beistand der Mutter Erde unterstützt in der möglichst kurzen Zeit zurück.

Jörg bemühte sich jetzt ernstlich, dieses Gesellen los zu werden. Er drängte sich durch die dichten Massen und suchte in seinen weiten Pumphosen nach einem Trinkgeschirr; denn er wußte, daß er die silberne Schale, die in des Priors Zimmer gestanden war und dessen Seife enthielt, zu sich gesteckt hatte. Freilich war sie klein, aber hier, wo jedes irgend brauchbare Geschirr seine zwei, drei Herren hatte, war auch das kleinste willkommen.

Aber welch ein Bild bot heute der Klosterkeller dar! In langer Reihe lagen zwischen den niedern, dicken Pfeilern die tiefbauchigen Fässer; es schien, als ob sie ernst und zürnend auf das bacchantische Getümmel herabblickten, dessen Ursache sie selbst sein mußten. Einige Fackeln waren an der Wand befestigt und verhüllten die Decke mit grauem Qualm, während sie nur einen matten Schein auf die Gruppen warfen, die sich zwischen den Fässern bewegten. Hoch oben an der Wandung drang dann durch ein paar niedre Kellerlöcher der erste Schimmer des Tags. Die Bauern kümmerten sich jedoch wenig weder um die Beleuchtung, noch um den Tag. Um jedes Faß saß oder stand ein Häuflein dichtgedrängt. Dort führte einer einen mächtigen, goldglänzenden Humpen zum Mund; hier hielt ein andrer eine halbzerbrochne Porzellanvase unter den sprudelnden Hähnen, während neben ihm ein dritter ein blechernes zertretnes und zerschlagnes Waschbecken leerte, das er mit beiden Händen festhielt und wobei es ihn wenig störte, daß der köstliche Falerner ihm aus beiden Mundwinkeln über Hals und Brust herniederströmte. Dort waren sie lustig und schwatzhaft wie Zeisige; hier vertilgten sie mit wildem Ingrimm, noch immer von Rachedurst lechzend, den edelsten Wein und bedachten, wie lange sie selbst schon darben mußten, bis die Pfaffen von ihrem Gelde solche Schätze aufgehäuft hatten. Selbst auf den Fässern saßen einzelne und warfen die drei Würfel, um bald ihrer Beute los zu sein oder von einem geärgerten Mitspieler auf die unten Trinkenden hinabgestoßen zu werden. Auch in dem mittlern Gang, der durch den Keller führte, waren einige Bretter herübergelegt. um darauf zu würfeln; aber nur allzuoft geschah es, daß ein grober Flegel über die künstlichen Tische hineinstolperte und dann unter den zornigen Flüchen der Spielenden die eiligste Flucht ergreifen mußte, nachdem er ihnen das schönste Spiel verdorben hatte.

Im dunkelsten Hintergrund standen in einer Ecke drei Männer. Der eine war Florian Geyer, der zweite Metzler, und den dritten konnte man, obgleich er die Kutte abgelegt halte, leicht als den Bruder Robert erkennen. Sie ließen sich durch den entsetzlichen Tumult nicht im geringsten in ihrem eifrigen Gespräche stören, das besonders zwischen Metzler und Robert hitzig gewesen zu sein schien. Jetzt hatte sich Robert zu Geyer hingewendet, der ruhig lächelnd mit übergeschlagnen Armen dastand.

»Wende dich mit beidem an die Bauern!« sagte der Ritter. »Beim ersten wollen wir nichts entscheiden; beim zweiten können wir nichts sagen, weil das alle angeht.«

»Aber bei diesem Lärm?« rief fragend der ehemalige Mönch und sah im Keller umher.

»Soll ich Stille schaffen? Das wird nicht so schwer sein!« meinte Geyer; »willst du?«

»Meinetwegen!« sagte Robert und schlug nachdenklich die Augen nieder.

Der Ritter ergriff die nächste Fackel und riß sie von der Wand. Dreimal schwang er sie mit der Rechten im Kreis herum, daß die Funken hinausstoben; dann schleuderte er sie mitten durch den Keller, so daß sie an der Treppe glosternd niederfiel. Alle duckten sich unwillkürlich, als der Feuerbrand über sie hinflog, und sofort war es still; man hörte nur noch den langsam singenden Ton der sprudelnden Weinfässer. Da ergriff Geyer das Wort und rief mit Donnerstimme:

»Haltet einmal eure Mäuler, liebe Brüder! Ein Freund will euch etliche Worte sagen, darüber ihr richten sollt. Paßt auf!«

Ein dumpfes Murmeln folgte. Robert hatte schnell das größte, im Hintergrund liegende Faß erstiegen. von wo aus er den ganzen mittlern Gang bis zur Treppe übersehen konnte. Rasch musterte er mit prüfendem Blick die Menge, die allmählich ihre Augen auf ihn gerichtet hielt. Dann sprach er:

»Bauern, hört mich an; es wird euch nicht gereuen. Schon vielfach ward ich gefragt, wo denn die Schätze des Klosters verborgen liegen? Manche wollen sich nicht mit der Beute begnügen, die ihnen gerad' in die Hände fiel; in Kellern und Gewölben wollten sie suchen, um die Goldkästen der Pfaffen zu entdecken. Selbst mich hat man schon mißtrauisch angesehen, wenn meine Antwort nicht nach Erwarten lautete. Bauern, ich habe kein Mißtrauen verdient und will euch gerne sagen, was ich weiß. Beim ersten Lärm des Aufstands ließ der Abt alsbald alles wertvolle Gemeingut des Klosters zusammenraffen und der festen Reichsstadt Heilbronn zuführen. Ob die schweren Kisten dort glücklich angekommen sind, weiß ich nicht: ich zweifle fast daran. Aber ihr seht: hier konnt' ich nichts zum Besten unsrer Sache tun, der ich mit Leib und Seele stets zum Dienst bereit bin! – Mein zweites Wort ist erfreulicher. Das Kloster ist jetzt ausgeplündert. Manche haben viel darin gefunden, manche wenig und manche gar nichts. Aber Gleichheit, Gleichheit soll sein in der Welt von einem Ende bis zum andern. Drum laßt auch uns brüderlich teilen, was wir besitzen! Laßt uns alles auf einen Haufen zusammenwerfen und dann – ›jedem das Seine!‹, damit alle froh werden unsers ersten rühmlichen Sieges. Wollt ihr oder wollt ihr nicht?«

Ein fürchterliches Geschrei entstand nach diesen Worten. Die, welche viel gewonnen hatten, sträubten sich mit Händen und Füßen gegen den Vorschlag; die andern, von denen sich mancher mit einem zinnernen Salzfaß oder ein paar silbernen Schnallen hatte begnügen müssen, schrien lauten Beifall. Als der Tumult sich etwas gelegt, fuhr Robert fort:

»Mein drittes Wort betrifft mich selbst; hört es an! Sagt: wem verdankt ihr diesen Sieg, diesen herrlichen Sieg? Ich will nicht reden von der reichlichen Beute, die ihr gemacht, noch von der Lust, die euch aus diesen Gewölben entgegenjubelt, nachdem ihr solange gedurstet und gedarbt; ich rede nur von dem Ruf und Ruhm, der jetzt von euch durch alles Land ertönen wird. Wem verdankt ihr das? Und was habt ihr dem versprochen, der euch solches bereitet hat mit Müh' und Gefahr, und hat euch in schlaflosen Nächten den Weg gebahnt? Nichts! Aber er tat es doch; er nahm die Gefahr aller auf sich und es gelang. – Was habt ihr ihm gegeben zum wohlverdienten Lohn? Nichts! – Was wollt ihr ihm vielleicht noch geben zur schuldigen Vergeltung? Nichts, abermal nichts! O ihr Undankbaren! könnte ich rufen; lohnt und vergeltet ihr so denen, die für euch alles zu opfern bereit sind? Ich rufe es nicht. Schweigend will ich diesen Undank tragen; denn die Sache, der ich mich geweiht, ist edel und gut; sie muß mich lohnen! Ja, ich rufe es nicht; denn mein einziger Ruf ist: Recht und Gerechtigkeit dem bedrängten Bauernvolke! Fluch und Rache unsern Drängern und Tyrannen!«

Robert schwieg. Durch den Keller murmelte es zuerst leise und undeutlich; dann aber erhob sich ein lautes Beifallsgeschrei, als sollten die dicken Gewölbe bersten.

»Vivat! Vivat Robert!« schrie alles durcheinander. »Er soll uns führen! Vivat unser Feldhauptmann! Vivat der Bauernkönig!«

Metzler wurde dunkelrot vor Wut. Mit Blitzesschnelle hatte er das Faß erklettert und stand neben Robert.

»Haltet ein!« rief er; »haltet ein mit euerm tollen Geschrei! Ich, ich hab' euch bis hierhergeführt; ich hab' euch aus eurem Schlaf gerüttelt; wollt ihr jetzt auf einmal mich wegschmeißen wie faule Äpfel? Wollt ihr euch schon wieder von einem Pfaffen an der Nase herumführen lassen? Höllsakrr – – – meint ihr, ich lasse mich nur so – – Bauern!«

»'runter Metzler! 'runter mit dem Ochsenwirt!« schrie die Menge; »Vivat der Bauernkönig! Vivat Robert!«

»Nein, Bauern!« rief jetzt Robert, und das Geschrei verstummte plötzlich; »macht mich nicht zu euerm Fürsten und Herrn! Frei sollt ihr sein wie der Vogel in der Luft! Ihr dürft das Joch nicht wechseln! Laßt mich einen der Geringsten sein unter euch! ich werd' euch ebenso treu dienen bis zum letzten Augenblick. Seht, nur einen einzigen Schatz weiß ich unter diesen Mauern begraben, hier unter diesem Faß. Wie leicht hätt' ich ihn für mich behalten können! Aber nehmt ihn hin; ich fordre keinen Dank dafür. Rächt euch und eure Brüder an den Bluthunden; dies ist der einzige Dank, des ich begehre!«

Jetzt wuchs das Geschrei zum äußersten Tumult an. »Vivat Robert! Hacken her! Der Bauernkönig soll leben! Vivat! Vivat!« Sonst verstand man nichts mehr in diesem Chaos von Tönen.

Da sprang Florian Geyer auf einen Stein. Sein Gesicht glühte, seine breite Brust wölbte sich hoch auf, als er mit donnernder Stimme rief: »Still, ihr Hunde, Bestien, wollt ihr eure versoffnen Mäuler halten? Wenn ihr nicht augenblicklich gehorcht, so geh' ich meiner Wege, und der Hippler und Metzler auch, und alle, die euch hierhergeführt. Dann lachen wir uns die Haut voll, wenn der Truchseß kommt und schneidet euch die Ohren ab! – Still dort hinten! – Was ich sagen wollt': ins Regieren habt ihr nichts dreinzureden! Wir werden den Mönch schon belohnen ohne euer Geschrei. Er soll Führer werden, aber nicht Fürst und König. Wir brauchen keinen König. Wer nochmals schreit, den hau' ich auf der Stelle nieder. Und jetzt Friede – aber Krieg den Tyrannen!«

Die Bauern sahen bald sich, bald Robert und Geyer verdutzt an und griffen wieder nach ihren Bechern. Um ihren Grimm an etwas anderm auszulassen, begann einer ein Lied zu brüllen, in das die gesamte Gemeinde sogleich einstimmte. Er sang:

 
Was sprüht dort am Himmel flammpurpurrot?
    Sturmglocken durchheulen die Nacht!
Die Mönch' in dem Kloster, sie schreien zu Gott;
Die Pfaffen, sie heulen; die Pfaffen sind tot;
Das macht: –
Der Bauer erwacht!
 
Was sprüht dort am Himmel flammpurpurrot?
    Was stoben die Funken hinauf?
Dort brechen die Burgen, die Ritter sind tot;
Das färbet den Himmel so purpurrot;
Frischauf!
Der Bauer steht auf!
 
Was sprüht dort am Himmel flammpurpurrot?
    Was heult es durch Gassen und Haus?
Dort jammern die Städter in schwerer Not;
Die Pfaffen, die Ritter, die Städter sind tot!
O Graus!
Der Bauer haut aus!

Während des Singens wurde der Boden unter dem Faß von mehr als zwanzig Händen aufgewühlt. Ein Freudenschrei entfuhr dem Mund der Grabenden, als ein Beil gerade beim Schluß des Liedes auf klirrendes Metall prallte. Gleich darauf wurde ein schweres, eisernes Kistchen aus dem Boden gezogen. Ein Schlag auf das Schloß sprengte den Deckel auf und der Mönch stand schon bereit, mit beiden Händen hineinzugreifen und die blitzenden Goldstücke auf die Köpfe der Umstehenden zu werfen.

Jetzt drängte sich ein Bauer hastig durch das Gewühl auf Florian und Metzler zu; es war einer aus Geyers Haufen. Mit nicht gerade ehrerbietigem Gruß rief er seinem Anführer zu: »Ihr sollt heraufkommen, Hauptmann! Eben ziehn die aus der Heilbronner Gegend durchs Tor; der Jäckle von Böckingen ist vorne dran!«

»Das sind die Schlimmsten! Jetzt wird's erst recht losgehn!« flüsterte der ehemalige Ritter dem Metzler zu und beide verließen eilig den Keller.

Jörg, der Landsknecht, saß indessen ein wenig abseits hinter einem Faß und ließ sich das köstliche Rebenblut trefflich schmecken. Da klopfte ihm jemand auf die Schulter, und eh' er sich recht umsehen konnte, saß auch Andres wieder an seiner Seite auf dem feuchten, schwärzlichen Gebälke, darauf die Fässer lagen. Er schien ein wenig nüchtern geworden, obgleich sein Gesicht den Weinglanz noch nicht verloren hatte.

»Du!« sagte er leis und heimlich, indem er noch näher zu dem Landsknecht heranrückte; »hast's gehört, was der Robert gesagt hat?«

»Jawohl! Was weiter?« fragte Jörg etwas neugierig auf die Eröffnungen, welche Andres schon durch den Ton seiner Stimme anzudeuten schien.

»Glaubst's?« fuhr der Bauer fort.

»Ja, warum denn nicht?« meinte der treuherzige Kriegsknecht.

»O du Dralle!« rief Andres, seiner Überlegenheit bewußt; – »meinst denn, der pfiffige Pfaff hab' sich nicht selber so ein Kistchen beiseit gestellt zur Vorsorg'? Wie wär's, wenn wir das Ding finden täten?«

»Nicht so übel!« schmunzelte Jörg, dem die Goldgulden doch auch einzuleuchten anfingen; »aber wo suchen?«

»Da laß mich sorgen,« sagte Andres mit sichrer Bestimmtheit; »suchet, so werdet ihr finden! heißt's in der Schrift. Wollen wir's probieren?«

»Derweilst saufen die andern die Fässer aus,« bemerkte Jörg; »das ist übel! Nur noch einen Schluck; dann geh' ich schon mit!«

Der bedungne Schluck war bald ausgeführt. Andres nahm vom Boden eine halbverbrannte Pechfackel, zündete sie an und deutete schweigend auf ein niedres Pförtchen, das sich in der Wand des Kellers befand. Der Riegel wurde hinweggeschoben; sie schlüpften, ohne bemerkt zu werden, hinein und verschlossen dann die Türe von innen wieder, damit ihnen niemand folgen könne.

»Der Kuckuck weiß, wo dieser Dachsgang hinführt!« sagte der Bauer, als sie langsam in den schmalen, dumpfigen Gängchen voranschritten. »Paß auf! Da biegt sich's rechts herum! Überall, aus jedem Stein blinzelt einem doch das heimtückische Pfaffenwesen entgegen! – Ich sag' dir: paß nur recht auf; wir können sonst über das Kistchen tappen, ohne dran zu denken!«

Andres beleuchtete bei diesen Worten die Wände und den Boden, der mit tiefem Schutt und feuchtem Staub bedeckt war. Sie schritten weiter. Nach einer kurzen Zeit weiterte sich der Gang plötzlich und sie standen erstaunt in einem runden, verliesartigen Raum, von dessen Decke dicke Tropfen taktmäßig auf die Steinplatten fielen.

Lange blieben die beiden Schatzgräber mitten in dem Gewölbe stehn, ohne zu wissen, was sie wollten.

Endlich sagte Andres: »Du, Jörg – wollen wir nicht wieder in den Keller zurück?«

»Warum denn?« fragte der beharrlichere Landsknecht; »wir haben ja mit keinem Aug' noch ein Kistchen gesehen!«

»Ach was!« rief der Bauer ungeduldig; »wir haben keins gesehen und werden auch keins sehen; das merk' ich schon! 's ist eine Dummheit von uns gewesen! Und 's ist auch so kalt und finster da unten; komm!«

Der Bauer wandte sich um und schritt der Türe zu.

»Da sind wir nicht hereingekommen!« rief plötzlich Jörg, als der Bauer eben in das Gängchen treten wollte.

»Was? Du würdest mich freuen!« versetzte Andres erschrocken und leuchtete herum. Und wirklich, jetzt erst gewahrten sie mit Entsetzen, daß das kreisrunde Gemach, worin sie sich befanden, vier vollkommen gleiche Ausgänge hatte, die man unmöglich unterscheiden konnte.

»Hinauskommen müssen wir!« sagte der Landsknecht endlich. »Dort, glaub' ich, sind wir hereingekommen. Vorwärts!«

»Nein, eher dort!« meinte der Bauer mit trauriger Miene und schritt nach einer andern Seite.

Als aber Jörg fest auf seiner Meinung beharrte und sogar Anstalt machte, diesen Weg allein zu gehn, folgte ihm endlich der Bauer notgedrungen und sie schritten schweigend durch das Gängchen.

»Nicht wahr, ich hab's ja gesagt!« rief plötzlich der Bauer. »Da kommen ja Staffeln! Wir sind keine Staffeln herauf.« – Und in der Tat führten steile Treppen in die finstre Tiefe, und beide blieben unentschlossen stehn.

»Vorwärts!« rief Jörg wieder; »irgendwohin muß dieser Weg auch führen. Und ich möcht' wissen, wohin.«

Er nahm dem zitternden Bauern die Fackel aus der Hand und schritt vorwärts. Jener folgte geduldig. Jetzt ging es wieder eine kleine Strecke eben fort und bald standen sie in einem engen, niedern Gewölbe, das keinen weitern Ausgang zeigte. Andres blickte den Landsknecht trostlos an. Doch dieser, der noch keineswegs im Sinne hatte, umzukehren, leuchtete an den kahlen Wänden umher, um vielleicht doch noch einen Ausweg zu entdecken. Da stieß sein Fuß an etwas Hartes, das wie Metall klang; er bückte sich und hob es auf.

»Sieh doch!« rief er verwundert und zeigte dem Bauern eine Kelle; »das Ding kann noch nicht lange hier liegen; sonst müßt' es rostig sein! Aufgepaßt! Am Ende finden wir doch noch das Kistchen. Was meinst?«

»Am liebsten wär' ich draußen aus diesen verfluchten Gängen,« erwiderte Andres und sah die Kelle zweifelnd an; »das Kistchen hol' der Kuckuck! Aber – horch!«

»'s wird dir eine Fledermaus um die Ohren geflogen sein,« tröstete der Landsknecht den Bauern, der sich erschrocken umsah; »jetzt bin ich einmal soweit und tapp' vielleicht um das Gold herum, jetzt – – o Andres, ist denn all dein bißchen Mut zum Teufel gegangen?«

»Hörst du denn um Gottes willen nichts, du dickohriger Kerl?« flüsterte der Bauer, vor Unwillen und Schrecken zitternd.

»Nichts Merkwürdiges!« versetzte halb höhnisch Jörg, indem er immer an der Mauer hinzündete; »nichts als die fette Kröte, die sich dort im Winkel aufbläst, als wollt' sie bersten. Rumort dir dein Rausch immer noch in den Ohren?«

»Komm, Jörg; wir wollen anderswo sehn, wo wir hinauskommen!« bat der Bauer.

»Nichts da!« war die barsche Antwort. »Gelt, dir schlägt das Gewissen, weil du dran schuld bist, wenn wir hier verdursten, während die andern sich droben toll und voll saufen! Oder am End' ließt du mich gern hier stecken, wenn nur du mit heiler Haut davon wärst! Nichts da, Bruder! – Sieh, da liegt noch ganz nasser Mörtel! Heisa, jetzt hab' ich's! Komm her, Andres! Guck, wie der weiße Speis zwischen den schwarzen Steinen hängt! Und wie ihn die Kerls so schlampig draufgeschmiert haben! Du bist doch ein gescheiter Kerl, Andres! Da können wir unsre Taschen füllen! Hast kein Beil da?«

Der Bauer war neugierig nähergetreten und betrachtete die angegebnen Merkmale. Auf seinem Gesicht kämpfte die Freude mit der Angst, als er das Beil aus dem Gürtel zog.

»Aber« – sagte er; »wenn wir einen Stein herausgebrochen haben und nichts drunter ist, dann gehn wir doch?«

»Wenn du nichts von den Goldvögeln willst,« versetzte Jörg, »so geh'! Ich will bald fertig sein und hab' nicht im Sinn zu verhungern. – 's muß doch eine Gewaltseule in der Nähe gilfen! Ich hör's jetzt auch deutlich.«

»Der Vogel bedeutet Unglück,« warnte Andres bedenklich; »wollen wir nicht lieber fort?«

»Esel, mach' einmal!« rief der Landsknecht mit ernstlicher Ungeduld; »setz' dein Beil dort links in die Spalte und drück' zu mir herüber! Holz her! Hup! Hup! Ich nehm' den Spieß. Der Stein sitzt verflucht fest; mein Spieß bricht fast ab. Noch einmal: Hup! Hup! Hup! – Jetzt geht's! Kräftig, Andres! Hup! Hup!«

Mit dumpfem Gepolter stürzte der Stein zu Boden; zwei andre fielen nach einigem Wanken hintendrein und ein mächtiges, schwarzes Loch klaffte in der Mauer. Mit neugieriger Hast wollten Andres und Jörg hineinsehen; sie fuhren beide mit dem Kopf gegen die Öffnung, aber wie vom Blitz getroffen, prallten sie wieder zurück. »Heilige Mutter Gottes!« schrie Jörg und die Fackel sank ihm aus der Hand und wollte am Boden verlöschen.

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