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Johann Richard zur Megede: Modeste - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Richard zur Megede
titleModeste
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid561f31cc
created20070114
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8

Herr Romeit blieb in der Tat. Ob aus Kontraktrücksichten, ob aus Schwäche – jedenfalls empfand Modeste eine beinahe verächtliche Regung für den Mann. Wer so behandelt wird, der geht doch! Die heiße und die kühle Frauenmoral unterschieden sich noch immer sehr.

Im übrigen wurde der Stern von Barginnen von den Ballvorbereitungen vollauf in Anspruch genommen. Eine Königsberger Schneiderin kam, beherrschte Modeste eine Woche absolut und wäre von dem Ordensschlosse dankbaren Herzens geschieden, wenn der alte Lindt nicht bei der Abreise erklärt hätte, daß er die Rückfahrt grundsätzlich nur vierter vergüte. Darauf helle Empörung, eisiges Adieu. Es war nicht das Geld, es war die Zumutung. Gute Schneiderinnen haben noch immer auf Ehre gehalten... Diesmal stand Modeste auf seiten der Schneiderin. Das hellblaue Kleid war wirklich gelungen.

In der menschenfreundlichen Stimmung, die solche Tatsache verleiht, schlenderte sie am Vorabend des Balles über den Hof. Herr Romeit schalt gerade mit einem Knecht, daß es nur so schallte. Seit er im Inspektorhause aß, hatte sie ihn kaum wiedergesehen. Als er das Fräulein bemerkte, verstummte er sofort. – Aus einer Stalltür drang leises Hundegewinsel. Modeste horchte auf.

»Die Juno hat Junge, gnädiges Fräulein,« erklärte Herr Romeit.

Das war dem Fräulein sehr interessant. Sie gingen also gemeinsam in den Remontestall, wo Juno in einer warmen Ecke auf dem Stroh lag. Um sie eine äußerst possierliche braune Gesellschaft mit langen Ohren und törichten Augen, die tolpatschig auf der Alten 'rumkletterte und, dabei ungestüm wedelnd, übertriebene Anforderungen an die mütterliche Langmut stellte. Juno knurrte beim Anblick der Fremden leise, leckte gleich darauf zärtlich die Kleinen und benahm sich wahllos verliebt wie jede junge Mutter.

Es war ein warmes, frohes Bild. Modeste schaute fröhlich amüsiert. »Darf man anfassen?«

»Ja, aber nicht rausnehmen, sonst beißt die Juno.«

Das Fräulein beugte sich zu den Tieren. Während ihre Hand die dicken, samtweichen Körper streichelte und dabei die köstliche Wärme des molligen Nestes spürte, überkam sie ein Anflug von Neid. »Wie gut die's haben! So wundervoll warm... Eigentlich viel besser als wir!«

Herr Romeit hob den dicksten braunen Schlingel heraus und präsentierte den ängstlich Zappelnden.

»Das ist der Beste!«

»Soll ich ihn haben?« fragte Modeste lachend zurück.

»Aber ja, gnädiges Fräulein!«

»Ich sagte nur so...«

»Gnädiges Fräulein würden mir eine große Freude machen.«

Modeste betätschelte den Kleinen, während die Mutter mißtrauisch blinzelnd zuschaute. Etwas von der warmen Mütterlichkeit rieselte auch zu dem Mädchen hinüber. »Ich möchte ihn schon nehmen – und gut würde er's auch haben! Tiere mag ich überhaupt gern... Aber wie ihn in das Turmzimmer einschmuggeln? – Denn ein Stallhund ist doch eigentlich kein Hund!«

»Nehmen gnädiges Fräulein doch!« bat er ungelenk.

»Na gut, ich nehme ihn dankbar an, Herr Romeit. Doch erst nach Weihnachten. Da verreist nämlich Frida. Wenn sie wiederkommt, ist er bereits einquartiert. Und will sie ihn trotzdem rausgraulen, beißt er hoffentlich... Er soll nämlich auch beißen können, ordentlich beißen!«

»Ich danke sehr, gnädiges Fräulein.«

»Nein, ich habe zu danken, Herr Romeit.«

Er ließ den Hund ins Lager zurückfallen.

»Haben Sie schon mein neues Ballkleid gesehen?« fragte sie, gewissermaßen zur Belohnung. Im Augenblick hatte sie die feste Überzeugung, daß sich um dieses neue Ballkleid eigentlich das ganze Weltall drehte.

»Nein, gnädiges Fräulein.«

»Nun, dann kommen Sie morgen nachmittag gleich nach Kaffee in den Flur. Da können Sie mich vor der Abreise noch einmal bewundern – natürlich, wenn Sie es interessiert.«

»Es interessiert mich schon, gnädiges Fräulein.«

»Können Sie eigentlich tanzen?«

»Aber gewiß.«

»Es soll ein ganz großartiger Kotillon werden! Ich habe mir auch vorgenommen, so viel zu tanzen wie noch nie in meinem Leben.«

Sie maß den jungen, hübschen Menschen keck vom Kopf bis zu Fuß. »Sie müßten eigentlich recht gut tanzen können! Aber ich tanze auch recht gut. Sie sollten mich mal sehen.«

Herr Romeit schwieg.


Am Ballmittage sagte der alte Lindt sehr würdig: »Herr Romeit wünscht, glaube ich, auch mitkommen zu dürfen. Natürlich nur als Zuschauer. Es ist zwar ein sonderbares Ansinnen... Aber ich möchte dem jungen Menschen nichts in den Weg legen. Der Baron hat ihm nämlich eine Einladungskarte geschickt und will ihn auch in seinem Schlitten abholen... Bißchen zu liberal gedacht für meinen Geschmack! Was soll so 'n Mensch da? ... Aber da der Baron durchaus will...« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Auf dem zweiten Schlitten ist noch ein Bockplatz frei. Da kann er meinetwegen mitfahren. Wenn die Geschichte lange dauert... Der zweite Kutscher säuft sowieso 'n bißchen... Auf zurück fährt dann Herr Romeit. Hoffentlich ist er nüchtern. Ich habe wenigstens noch nichts bemerkt...«

»Also Herr von Falkner kommt doch?« fragte Modeste möglichst gleichgültig.

»Es scheint wenigstens so, liebes Kind.«

Frida verzog die welken Lippen zu einem häßlichen Lächeln.

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