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Johann Richard zur Megede: Modeste - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Richard zur Megede
titleModeste
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid561f31cc
created20070114
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7

Eines Morgens – es war tief im November – erwachte Modeste von einem Blinken und Flimmern, das ihr die Augen beizte.

»Schnee, Schnee!« rief sie und sprang auf. Die Ebene lag ganz weiß, sonnig. Die Fichten des Parkes beugten sich unter der weißen Last. »Aber so mach doch wenigstens die Augen auf, Frida!«

Frida drehte sich verschlafen nach der andern Seite. »Laß mich zufrieden!«

Heute sollte Kränzchentag sein. Und der Schnee hatte immer etwas Frohes, Frisches. Die Jugend liebt den strahlenden Frost. Der Stern von Barginnen lief freudig in dem ungeheizten Zimmer auf und ab. Das Wasser plätscherte, das Mädchen schüttelte sich unter dem eisigen Naß. Dazwischen lachte sie.

»Es ist gräßlich mit dir, Modeste! Du störst mich jeden Morgen.«

»Zieh doch aus!«

»Ach du!...«

Darauf dachte Modeste an das Kränzchen, an Schlittengeläute, an den Reserveball. Das Leben ist doch schön! – Und versöhnlich ging sie an der Schwester Bett. »Warum bist du eigentlich immer so, Frida?«

»Weil ich Lust habe...«

»Frida, warum ärgern wir uns eigentlich fortgesetzt gegenseitig an? Es ist so dumm!« fügte sie nachdenklich hinzu. »Wollen wir uns versöhnen – aber ganz, weißt du?«

»Modeste, laß mich!« Dabei richtete sich Frida halb auf. »Aber wenn du denn durchaus wissen willst, warum ich dich nicht mag – weil du eine schamlose Egoistin bist ...«

»Das bist du wohl nicht, Frida?«

»Siehst du, mein Kind, die Wahrheit verträgst du nicht. Du bildest dir ja auch natürlich ein, du wärest ganz fix und fertig, müßtest jedem gefallen! ... Aber wart nur ab, liebes Kind: es kommt ganz anders. Du wirst auch schon deine Enttäuschungen erleben. Was du denkst, das ist nicht!«

»Was ich denke?« fragte Modeste kopfschüttelnd.

»Ach, tu dich nur nicht!«

Modeste vollendete schweigend ihre Toilette. Dann sagte sie ruhig, ohne Groll: »Ich mag nichts taugen – gut – aber dann taugen wir Lindts alle nichts! Ich möchte aber was taugen ... Willst du nun, Frida, oder willst du nicht? Ich bitte nicht gern ... Jetzt aber bitte ich dich ernstlich und von Herzen: begraben wir alles! Ich habe schuld, du hast schuld. Also?«

Die ältere Schwester schaute mit funkelnden Augen. »Ich begraben? Ich? Liebes Kind, ich werde dir das Jagddiner nicht vergessen. Ich werde dir keine Gemeinheit vergessen – nichts, nichts! ... Ich werde alles tun ... alles ...« Die Stimme versagte ihr. Sie drehte sich nach der Wand zu und sprach kein Wort mehr.

Auch Modestes Gesicht wurde eisig. »Gut – ich werde dir ebenfalls nichts vergessen – nichts.« Nachmittags kam das Kränzchen, Frau Murrmann an der Spitze. Als sich die Damen aus dem Pelz wickelten, fragte Modeste verwundert: »Kommt denn Judith nicht?«

»Nein,« berichtete Frau Murrmann. »Sie war den Vormittag bei mir. Ihr möchtet entschuldigen, aber sie fühlte sich nicht wohl ...«

»Wenn sie bis zu Ihnen fahren konnte!« antwortete Modeste spitz.

Die Murrmann nahm sie mütterlich beim Arm. »Aber sie ist doch so zart! – Sie lebt wahrscheinlich nicht lange ... Der Doktor hat mir selbst gesagt, wenn sie sich nicht außerordentlich schonte ... Sie soll zwar keine Tuberkeln haben – aber Sie können sich darauf verlassen – sie hat! Ich kenne das.« Und mit strahlenden Augen begann sie die Krankheitsgeschichte einer Schwägerin zu erzählen, die mit zweiundzwanzig Jahren gestorben war, jung, blühend. »Ach die arme Judith!« Während sie sich mit dem Handschuh eine Träne aus der Augenecke wischte, schloß sie sehr freundschaftlich: »Da hilft eben absolut nichts, liebe Modeste! Ich weiche der Judith darum auch nach Möglichkeit aus, so was überträgt sich leicht ... Und ich habe sie doch so furchtbar lieb, die arme Judith!«

Aber Modeste, die viel zu frisch und jung war, um einen andern natürlichen Tod als den alter Leute zu begreifen, verzog nur die Lippen: »Sie überlebt uns noch alle! ... Ich glaube vielmehr, daß sie eine ganz andre Krankheit hat.«

»Welche? Erzählen Sie doch, liebes Modestchen! ... Es ist so interessant ...« Frau Murrmann war ganz nahe herangetreten, um auch eine geflüsterte Vertraulichkeit deutlich zu verstehen.

Auch die andern jungen Damen engagierten sich.

»Denkst du vielleicht an einen Mann?«

»Vielleicht gar an Falkner von Öd?«

»Er ist aber sechzehn Jahre älter als sie,« mahnte die kleine Meyners. »Er schließt sich übrigens jetzt ganz ab, war seit Wochen nicht in Bussardshof. Es ist also ganz unmöglich, daß Judith ...«

»Nichts ist unmöglich,« korrigierte freundlich Frau Murrmann. »Wenn Modeste weiß ...«

Aber Modeste schämte sich doch des gemeinen Vertrauensbruches. Das Bild damals in Bussardshof hatte wohl ihre schlechten Instinkte aufgewühlt, aber auch ihre guten. »Ich dachte nur so ... Es kann ja auch ein andrer sein. Was weiß ich!«

Darauf schüttelte die jüngere Kürassierdame den Kopf. »Wer so reich ist wie Judith und wer so aussieht! Die könnte in der ganzen Provinz jeden haben, den sie wollte.«

»Aber wenn er nun gerade nicht wollte?« antwortete Modeste mit zweideutigem Lächeln.

»Klascht nicht, Kinder, klatscht nicht,« mahnte Frau Murrmann. »Aber sagen Sie mir nur ruhig, Modestchen! Sie scheinen doch etwas zu wissen ...«

»Ich weiß nichts.«

Dann gingen sie in den Salon, der sonst immer kalt, bei Besuch aber regelmäßig überheizt war. Herr Lindt revidierte dann selbst und legte noch eigenhändig große Stücke Holz auf ... Grillparzers »Sappho« sollte mit verteilten Rollen gelesen werden. Wie gewöhnlich blieb's beim Versuch. Das ist Dichterlos im Kränzchen. Man beschwert sich eben lieber den Magen als den Kopf. Nur Frau Murrmann begann von Byron zu schwärmen: »Dieser große Dichter, dieser wahrhaft illustre Geist!« Der Reserveball wurde besprochen, die Toiletten. Die Kürassierdamen taten geheimnisvoll. Modeste beschrieb ihr Kleid.

Als das Kränzchen diesmal sofort nach dem Kaffee aufbrach wegen Schneesturmbefürchtungen, nahm Frau Murrmann, von einer schrecklichen Ungewißheit die ganze Zeit über gequält, Modeste noch einmal beiseite. »Sagen Sie mal, Modeste: der Falkner hat Judith die Cour gemacht, nicht auffällig, aber doch immerhin. Könnte er sich vielleicht einen Korb geholt haben? Es wäre sehr interessant.«

Modeste antwortete: »Ich verstehe immer ›er‹.«

Der Nachmittag war sehr hübsch gewesen, für Modestes Geschmack. Der Stern von Barginnen amüsierte sich immer, wo er als erster strahlte. Der Abschied von den Kränzchenschwestern tat ihr diesmal wirklich leid. Sie selbst war draußen und half die Damen in die Pelzdecken packen. Es wehte eine feuchte Schneeluft, und der Horizont bewölkte sich verdächtig. Da ergriff sie eine abenteuerliche Lust, ein Stück in diese Schneedämmerung mit hineinzufahren. Kam der Schneesturm nicht – gut; kam er – um so besser! »Kinder, ich komme mit!« Und ehe die andern noch recht protestieren konnten, kam sie in Baschlik und hohen Gummischuhen lachend herausgestelzt und schwang sich rasch zu dem Kutscher. »Los, los,« drängte sie und griff selbst in die Leinen.

»Aber du mußt doch frieren in deinem dünnen Jackett, Modeste,« meinte die kleine Meyners.

»Nein, ich friere nicht, ich friere nie. Euer Kutscher fährt mir nur zu langsam. Ach, was die Schneeluft wohl tut!« Sie hatte nicht einmal Handschuhe und machte während der ganzen Zeit die komischsten Kapriolen mit den Händen, um sich zu erwärmen.

Die Sonne versank drüben im Wald, blaß, kraftlos. Die leuchtenden Schneefelder sahen auf einmal stumm, tot. Flocken begannen zu rieseln, groß, wässerig. Jetzt schien auch der Himmel tiefer und tiefer sinken zu wollen. Ein dichtes Flockengewimmel verhüllte auf einmal die Landschaft. Da sprang Modeste vom Bock: »Adieu, adieu!« Und gleich war sie auch in der Dämmerung verschwunden. – Nach einer Weile schaute sie sich um. Die Wagen wie verschluckt vom rieselnden Schnee – fernes Radknirschen – leiser Hufschlag. Auch das verschwamm. Es wollte Modeste bänglich werden. So totenstill alles und sie so mutterseelenallein...

Dann aber freute sie sich wieder dieser Schneestimmung, die sie dicht und weich einhüllte. Die Flocken prickelten angenehm. – Modeste schlenderte die Chaussee zurück. »Wenn ich immer so weiter, immer weiter ginge,« sagte sie, »und endlich todmüde in einen Dorfkrug käme – es wäre doch hübsch! Ich möcht's rasend gern... Das wär' doch noch mal was ...« Und während sie sich das ausmalte, kam ihr etwas Dunkles entgegen, was sehr schnell wuchs, ein Mensch, wahrscheinlich ein Mann. Sie wollte schon in den Chausseegraben schlüpfen. Der Gedanke an trunkene Knechte machte ihr Grauen. Aber als der Mann näher kam, trieb ihr der Luftzug seinen Zigarettenrauch entgegen. Sofort erkannte sie auch den Mann: es war der Majoratsherr von Eyselin, der so tief in Gedanken dahinschritt, daß sie ihn fast streifte. Als er vorüber, rief sie ihm lustig nach: »Guten Tag, Herr Baron, und gleichzeitig: gute Nacht!«

Er blieb stehen und faßte nach seinem Lodenhut: »Pardon, ich weiß nicht wer?«

»Modeste Lindt.«

»Ach so!« Sie begrüßten sich. »Ich war mal wieder in schlechter Gesellschaft, das heißt mit meinen Gedanken allein.«

»Ich höre, Sie kapseln sich jetzt vollkommen ein, Baron.«

»Ich nehme Unterricht in der doppelten Buchführung.«

»So wollen Sie sich doch in die Gegend einleben?«

»Ich muß. Leider.«

»Ich glaube, Sie sind furchtbar hochmütig,« sagte Modeste ehrlich.

»Vielleicht. Aber jedenfalls nur für mich. Standeshochmut ist mir unbekannt... Ich begleite Sie selbstverständlich nach Haus.«

Er sprach dann weiter, höflich, glatt, ohne Interesse. Dennoch fühlte sie wieder den fremden Reiz. ›Ob er wirklich so abgeblaßt ist?‹ dachte sie.

Und als ob er ihre Gedanken erriete, unterbrach er sich plötzlich: »Sie möchten noch immer wissen, mein gnädiges Fräulein, wer ich eigentlich bin? Das möchte ich eigentlich auch wissen...«

»Dabei käme vielleicht etwas Unglaubliches heraus,« scherzte Modeste.

»Jedenfalls etwas Halbes. Denn ich bin gut und schlecht, ganz nach Bedarf. Als Mann können Sie sich unbedingt auf mich verlassen, und wenn's Ihnen einmal übel gehen sollte, auch – aber als Frau... Ich war merkwürdig neulich – was? Das passiert mir öfters ... Ich habe Sie übrigens noch gar nicht wieder zu Pferde gesehen seit damals. Haben Sie Angst?«

»Vor Ihnen?« fragte Modeste verwundert.

»Nein, vor sich ... Glauben Sie übrigens, daß ich Sie sehr genau kenne? – Sie sind eine kleine Leichengängerin. – Sie kennen den Ausdruck natürlich – das soll aber beileibe kein Vorwurf sein! Denn alle kräftigen Naturen sind Leichengänger, so oder so ... Das ist nur logisch. Wenn wir nicht den Leuten auf den Rücken steigen, so steigen uns die Leute auf den Rücken ... Sie sind eine Leichengängerin, meine Gnädigste, dennoch rate ich Ihnen Vorsicht. Sie haben nämlich einen großen Fehler.«

»Der wäre?«

»Sie sind maßlos eitel, und diese Eitelkeit legt sich bei Ihnen wie ein Schleier vor die Augen. Sie würden in jeden Abgrund fallen, weil Sie ihn nicht sehen.«

Modeste war stehengeblieben, das Blut schoß ihr nach den Schläfen. »So wollen Sie, Baron, vielleicht behaupten, daß Sie kein Leichengänger sind und nicht maßlos eitel? – Ich kenne Sie auch.«

Er lüftete ironisch den Hut. »Die Leichen, über die ich in meinem Leben gegangen bin, waren nichts wert, sie tun mir nicht die Spur leid – aber die letzte anständige Leiche, über die ich gehen werde, die werde ich selbst sein. Verlassen Sie sich darauf!«

Die Lichter von Barginnen tauchten umflort aus dem Park auf.

»Da wären wir ja glücklich!« rief Modeste, »und die Wahrheit hätten wir uns auch genügend gesagt. Wenn Sie sich nur nicht irren, Baron...«

»Warum soll ich mich nicht irren? Ich bin alt genug, um mich irren zu dürfen.«

Am Lindenweg trennten sie sich.

Er sah ihr dabei lächelnd ins frische, junge Gesicht. »Ich irre mich doch nicht, ich irre mich ganz gewiß nicht... Aber Sie sehen wunderhübsch aus – wunderhübsch!« Sie ertrug seinen Blick, obgleich er sie häßlich prickelte.

»Kommen Sie lieber noch auf ein Glas Tee zu uns hinauf!« lachte sie.

»Nein, das werde ich ganz bestimmt nicht tun.« Er verbeugte sich höflich und ging.

›Was ist das nun für ein Mensch!‹ dachte Modeste. ›Ich kann ihm nicht so scharf antworten, als ich ihm wohl antworten möchte. Und seine Art mag ich auch nicht, und ihn mag ich erst recht nicht. Und er mag mich auch nicht, mag mich ganz gewiß nicht! ...‹ Und dann dachte sie wieder: ›Ob er wohl zum Reserveball kommen wird und mit mir tanzen? Nm Ende mag er mich doch.‹ Und sofort war ihr ganzes Sein wieder mit dem Reserveball ausgefüllt.


Oben klopfte der alte Lindt seine lange Pfeife – die Bismarckpfeife – wie er als Feudaler zu sagen pflegte, bedächtig aus, während Modeste von dem Spaziergang berichtete. »Er ist doch ein sehr tüchtiger Mann, der Baron! Doppelte Buchführung, das imponiert mir... Dem Romeit ist das nicht beizubringen. Sonst zuverlässiger Beamter! ... In Geldangelegenheiten traue ich nun allerdings keinem Inspektor. Wo die Bande Geld sieht, regt sich sofort die schlummernde Bestie. Der Baron läßt ja den alten Oberinspektor Krischkat auch endlich gehen. Allerdings erst, nachdem der sich vollgesogen hat wie 'n Schwamm... Wenn's in der Herrschaftsküche nach Erbsensuppe roch, duftete es im Inspektorhaus nach Lampreten. Ich habe so meine Quellen... Bin neugierig, was für 'n Oberinspektor jetzt dahin kommen wird. Doch eine sehr verantwortliche Stellung! ... Unsrer war heute so widerhaarig. Bildet sich wahrscheinlich ein, weil er die Eyselinschen Stuten hat besehen dürfen, daß die Oberinspektorstelle für ihn gerade gut genug wäre. Die Kerls kriegen mit der Zeit alle den Größenwahn.«

»Ja, selbstverständlich!« rief Frida.

Modeste drehte sich gereizt um: »Falkner hat ihm die Stelle schon vor einem Monat angeboten, liebe Frida. Du brauchst dich also gar nicht so zu engagieren!«

Der Alte nickte beifällig? »So, so! Das beweist mir doch wieder, daß der Baron viel Blick hat... Es wäre mir zwar nicht angenehm – zum Glück hab' ich dem Romeit vom Gehalt auch noch einbehalten – aber da Eyselin jetzt partout die Remontenzucht forcieren will... Soll 'n außerordentlicher Pferdekenner sein, der Romeit... Wie hat sich denn der junge Mann zu der Frage gestellt?«

»Ich glaube: glatt nein gesagt, Papa.«

Der Alte schüttelte wieder mit dem Kopf, diesmal aber sorgenvoll. »Natürlich steht sich der Kerl dann besser hier, das heißt, er bestiehlt mich hinten und vorn... Da werden wir also nächstens ein sehr ernstes Wort miteinander sprechen müssen, lieber Herr Romeit!«

»Tu's lieber nicht!« riet Modeste.

»Du meinst, weil er jung und dreist ist? Und sich allerlei rausnehmen könnte? Dafür haben wir ja 's Strafgesetzbuch... hm...«

»Nein, Papa, deswegen gar nicht. Ich glaube nur, daß er unbedingt ehrlich ist und auch recht anhänglich. Und daß er darum bleibt.«

Der Alte fuhr sich nach dem Kopf. »Um Gottes willen, Kind! Dann ist der Mensch eben ein Phantast... Die kann ich nun schon gar nicht gebrauchen! ... Wenn einer das Doppelte kriegen kann und nimmt's nicht – dann ist er ein unbrauchbarer Mensch. Nicht das Leder wert! ... Was heißt Anhänglichkeit? – Die Groschen sind mir lieber! ... Denkst du vielleicht, liebes Kind, ich habe mein Vermögen mit Anhänglichkeit verdient? Das wäre 'n netter Geschäftsmann! ...«

Aber als reputierlicher alter Herr fügte er sehr würdig hinzu: »Natürlich, ein gewisses Maß von Anhänglichkeit muß man von seinen Untergebenen verlangen können. Darauf habe ich stets gehalten.«

In dem Augenblicke klopfte es. Herr Romeit trat mit einer wirtschaftlichen Meldung ins Zimmer. Die schlanke, straffe Reitergestalt, die in Modestes Herzen nie, wohl aber in ihren Sinnen eine Rolle gespielt hatte, stand wieder vor ihr.

Der alte Lindt lehnte die Bismarckpfeife in die Ecke. »Ich möchte Sie noch sprechen, Romeit,« sagte er im Geschäftstone. »Und ihr, Kinder, habt wohl die Liebenswürdigkeit, ins Nebenzimmer zu gehen.«

Im Nebenzimmer – es war das Eckzimmer mit den Plüschmöbeln und dem Grafenkalender – nahmen die Mutter und die ältere Tochter sofort ihre Handarbeit wieder auf, während Modeste auf und ab ging.

Anfangs war die Unterhaltung drüben gedämpft. Der alte Lindt predigte salbungsvoll.

Aber auf einmal schwoll die junge Männerstimme so an, daß der Mutter die Häkelnadel aus der Hand fiel.

»Ich lasse mir das von Ihnen nicht sagen! ... Ich soll unehrlich gewesen sein – ich? Sagen Sie doch lieber gleich, ich hätte Ihren Geldschrank erbrochen... Ich schmeiße Ihnen hiermit die ganze Sache vor die Füße. Ich hab's längst satt!«

Die alte Lindt flüsterte derweilen ganz blaß: »Hört ihr nebenan? Dieser gemeine Mensch... Und der engelsgute Papa.«

Modeste war stehengeblieben und schaute mit gefalteter Braue nach der Tür, während Frida ihre Mutter streichelte.

Darauf nebenan zur Abwechslung die ölige Stimme des Hausherrn – ruhig, würdevoll. »Warum schreien Sie denn eigentlich so, Herr Romeit? – Es sind Damen nebenan – Damen! ... Was habe ich denn nun eigentlich gesagt? – Nichts, absolut nichts! ... Ich warnte Sie nur väterlich, wofür Sie mir hätten dankbar sein sollen... Ich habe ja gar keine Beweise dafür, daß Sie unehrlich sind. Und die müßt' ich doch erst haben! ... Was wollen Sie von dem Geldschrank? – Ich habe die Schlüssel hier in meiner Tasche. Aufbrechen ist nicht... Die jungen Leute heutzutage! Nicht mal von Möglichkeiten darf man sprechen. 's ist alles möglich, lieber Romeit, alles – sage ich Ihnen aus fünfzigjähriger Erfahrung! Ich bin aber viel zu viel Gemütsmensch, viel zu viel! Sie werden sich nach so 'nem Prinzipal noch mal umsehen... So kommt man nicht durch die Welt! Die Ohren ankneifen, junger Mann! Wozu haben Sie überhaupt die Ohren? ... Und wenn Sie gehen wollen, gehen Sie in Gottes Namen... Aber Sie werden damit kontraktbrüchig – Sie! Verstehen Sie? Die Konsequenz können Sie tragen.« Und Herr Lindt schnaubte sich hörbar.

Im Nebenzimmer flüsterte die Mutter: »Das hat man nun von seiner Güte! Der Mensch ist so roh und gefühllos, daß er sich an euerm guten Vater vergreifen könnte.«

Modeste drehte sich jäh um. »Er ist ein absolut anständiger Mann, absolut!«

Drüben begann Herr Romeit wieder, aber die Stimme so heiser und wuterstickt, daß sich der alte Knochenmehlhändler keines guten Endes versah. »Was Sie gesagt haben, Herr Lindt, haben Sie gesagt! Und was ich gesagt habe, das habe ich erst recht gesagt... Ich gehe eben. Mein Gehalt können Sie behalten... Sie brauchen aber nicht etwa Angst zu haben, daß ich schnurstracks zum Baron in Eyselin gehe und mich anbiete. Ich habe einmal nein gesagt – und ich sage nicht urplötzlich ja... Aber von Ihnen will ich die Bescheinigung haben, daß meine Bücher in vollkommener Ordnung sind und daß der Verdacht dieserhalb der Grund meines Austritts ist.«

Der alte Lindt schnaubte beharrlich weiter.

»Und wenn sich mein Nachfolger das gefallen läßt, was Sie mir eben gesagt haben, so ist er eben der Schuft, der ich nicht bin.« Er ging ohne Gruß.

Die alte Lindt nahm die verlorne Masche wieder auf. »Gott sei Dank!« murmelte sie erleichtert. »Er ist weg.« Sie hatte noch ganz andre Aussprachen erlebt früher – und immer hatte der alte Knochenmehlhändler gesiegt.

In demselben Augenblick verließ Modeste ohne ein Wort das Zimmer.

»Wohin willst du?«

»Zu Herrn Romeit!«

Die Seelenvorgänge während der Zeit bei Modeste waren dunkel. Aber war es nur der Mann oder das Recht, die sie führten – sie wankte nicht.

In der nächsten Minute stand der Stern von Bürginnen im Flur bei dem Inspektor. Der Mann war blaß wie die Wand, aber die Augen funkelten ihm und die Hand bebte. »Herr Romeit,« sagte sie rasch, »Sie werden bleiben!«

»Ich werde nicht bleiben!«

»Sie müssen!«

»Ich kann nicht...«

»Aber wenn ich Sie bitte, Herr Romeit? – Ich habe auch nicht eine Sekunde an Ihnen gezweifelt.«

Er blickte vor sich auf den Boden. »Nein, ich kann nicht – ich kann nicht!« Er biß die Zähne zusammen und wandte sich zum Gehen.

»Sie werden bleiben, Herr Romeit!« rief sie ihm nach. »Sie dürfen mir diese Bitte nicht abschlagen – um Ihrer selbst willen nicht.«

Aber Herr Romeit ging.


Gleich darauf folgte im Wohnzimmer eine für Barginner Verhältnisse unbegreifliche Szene.

Die Mutter: »Du bist von Sinnen, Modeste!«

Modeste: »Das seid ihr!«

Die Mutter: »Aber Kind, so überlege doch! Ein Inspektor – ein ganz gemeiner Inspektor!«

Modeste: »Aber er ist hier so infam behandelt worden... Sagt mir, was ihr wollt, aber ein anständiger Mensch ist und bleibt er!«

Frida rief höhnisch dazwischen: »Heirate ihn doch! Trauzeugen: der Hofmann und der Kutscher.«

Der alte Lindt, der indessen die Bismarckpfeife wieder in Brand gesetzt hatte, räusperte sich, machte eine großartige Handbewegung, etwa wie Poseidon, wenn er die von kleinen Wassergeistern erregten Wogen glättet. »Nur keine häuslichen Szenen, Kinder! Kommt nie was dabei raus. Weibergezänk – adieu Vernunft! ... Modeste ist seit acht Tagen glücklich zwanzig Jahr – unverdaute Ideen in Menge natürlich! ... Gibt sich, liebes Kind, gibt sich unbedingt... Aber was die Hauptsache ist: die Fehler sind dazu da, daß man sie nach Möglichkeit gutmacht. – Ich habe selbst einen Fehler gemacht, bin zu direkt vorgegangen... Beleidigen kann mich so ein Mensch nicht, ausgeschlossen bei meiner Stellung. Der Bengel ist natürlich schon fest engagiert vom Baron. Mir ganz klar! Die Gelegenheit bei Schopf gefaßt – konnte ihm ja gar nicht günstiger kommen – frech geworden, alles hingeschmissen. Hat ganz geschäftlich gehandelt, der Baron. Erst den Nachfolger engagiert, dann den Vorgänger abgewimmelt... Imponiert mir.... Nur daß sich der alte Lindt nun einmal nicht auf der Nase herumtanzen läßt! Jetzt bestehe ich nämlich auf meinem Schein. Der Kontrakt läuft bis zum ersten Juli... Ich bin Modeste eigentlich gewissermaßen dankbar für das kleine Intermezzo. Ist zu gutherzig, das Kind, wie ich in meiner Jugend auch, hat zu viel Rasse... Wenn also nachher der Mensch mit den Büchern kommt, sage ich nur ganz ruhig: Herr Romeit, hier ist Ihr Kontrakt. Bis zum ersten Juli bleiben wir also noch zusammen. Sie brauchen nichts zu vergessen – ich vergesse sowieso nichts, da verlassen Sie sich schon drauf! ... Und wenn's Ihnen angenehm ist, drüben im Inspektorhaus Ihre Mahlzeiten einzunehmen – bitte – mir ist's auch angenehmer... Weitere Einmischungen verbitte ich mir entschieden, Modeste!«

Die Familie beugte sich schweigend vor dieser Logik. Modeste, die vielleicht innerlich den raschen Impuls schon bedauerte, sah in den Schoß. Es war ein ehrlicher Entschluß gewesen, der den Stern von Barginnen wirklich adelte für den Moment. Aber es ist der Fluch solcher Menschen, daß sie sich der guten Regungen doch innerlich schämen... Eine fremde Natur war heut zum erstenmal in Modeste aufgeflammt, stark, mutig – vielleicht ihre eigentliche Natur –, nun schloß sich wieder die kalte Lindtsche Eigenart über der heißen Regung, so daß ihr von dem Frühlingshauch nichts blieb als ein winterliches Frösteln.

Der alte Lindt stand auf, in sein Bureau hinabzugehen. In der Tür blieb er aufhorchend stehen. »Da reitet ja einer mit stumpfen Eisen Galopp durch den Park. Hört ihr's nicht glitschen auf dem gefrorenen Boden?«

Modeste trat ans Fenster und versuchte durch die beschlagenen Scheiben hinauszusehen.

Der Alte lächelte innerlich. »Streng dich nur nicht unnötig an, liebes Kind! Es dürfte dein Herr Romeit sein, dem es beliebt, schon heute sich in Eyselin vorzustellen... Nicht so eilig, mein Sohn! Hast noch über ein halbes Jahr Zeit.«


Eine halbe Stunde später saßen Falkner von Öd und der Inspektor Romeit in dem Arbeitszimmer des Besitzers von Eyselin. Der Kamin knisterte, Grog dampfte.

»Machen Sie nur Ihren Maitrank recht steif, Herr Romeit! Der Rum ist mein bester. Ich selbst kann leider nur in Mosel mittun... Tut mir leid, daß Sie definitiv ablehnen! – Was haben Sie nur eigentlich an diesem gottverlassenen Barginnen für einen Narren gefressen? Intensiv wirtschaften werden Sie da nie können...«

»Ich bleibe auch nicht in Barginnen, Herr Baron.«

»Gratuliere.« Herr von Falkner setzte den Weinkelch langsam ab und strich sich den Schnurrbart. »Weswegen gehen Sie nun eigentlich so plötzlich? – Wegen dem jungen, hübschen Mädchen, das mehr wie eine Sünde wert ist – oder wegen dem alten geizigen Schurken!«

Herr Romeit schwieg.

»Demnach muß es eine sehr scharfe Auseinandersetzung gewesen sein.«

»Er hat mich einen Betrüger genannt!« stieß Herr Romeit noch zornbebend hervor. »Natürlich nicht das Wort...«

»Und das hat Sie beleidigt?« Herr von Falkner lächelte. »Sie sind doch ein fabelhafter Enthusiast! ... Sich von Herrn Lindt aus Köln beleidigt zu fühlen! ... Und was sagte die Tochter dazu – die hübsche natürlich?« Herr von Falkner stand auf und ging im Zimmer umher. »Hm... Schwer da zu raten... Außerdem gehen Sie gar nicht gern.«

»Ich wechsele überhaupt ungern, Herr Baron.«

»Na, dann bleiben Sie doch!« Er legte mit lässiger Vertraulichkeit seine Hand auf Herrn Romeits Schulter. »Liebster, Bester! Simson hat sich die Haare von seiner Delila scheren lassen. Andre haben desgleichen getan. Bekam ihnen allen schlecht... Darum rate ich Ihnen freundschaftlich: machen Sie trotzdem, daß Sie fortkommen; – aber gehen Sie weit weg – sehr weit! ... Ich bin keineswegs blind – auch der Schönheit von Fräulein Modeste Lindt gegenüber nicht. Solange die Dinge noch im Werden sind, heilt Entfernung sie leicht; sind sie erst geworden, gibt's kaum ein ätzenderes Gift... Ich glaube, ich bin zehn Jahre älter als Sie. In Wahrheit sind's mehr als hundert. Also gehen Sie!«

Herr Romeit war unter der Berührung der fremden Hand leicht zusammengezuckt. Er schwieg noch immer. Falkner von Öd setzte sich wieder, während sein Gast nach der Uhr sah. »Reisende soll man nicht aufhalten... Wegen Ihrer Absage bin ich Ihnen übrigens gar nicht böse... Sie werden also trotzdem in Barginnen bleiben?«

»Ich bleibe nicht, Herr Baron.«

»Sie werden aber doch bleiben, lieber Romeit – und gerade darum, weil Sie es eben nicht dürften! Das liegt so in unsrer Natur...« Er sah nach dem Schreibtisch hinüber, wo die Einladung zum Reserveball lag. »Interessiert Sie so was?«

Herr Romeit antwortete nur: »Damit hat doch ein Inspektor nichts zu tun.«

Herr von Falkner zuckte die Achseln. »Sehe ich gar nicht ein! Was ist überhaupt Gesellschaft – zumal solche? – Blague, nur blague! ... Wenn Sie sich den Scherz aber doch ansehen wollen, lade ich Sie hiermit feierlichst ein. Von Geist wird bei der Gelegenheit zwar nichts verzapft, von Gemüt noch weniger – dennoch kann Ihnen vielleicht gerade diese Einladung von Nutzen sein. Sie ist Ihnen eine Ehrenerklärung, so stark wie kaum eine andre, wenn ich Herrn Lindt richtig beurteile. Sie würden den alten Gentleman damit gehörig ärgern und das junge Mädchen dekolletiert sehen... Es lohnt beides. Verlassen Sie sich darauf.«

Herr Romeit lehnte frostig ab und ging gleich darauf.

»Ich heb' Ihnen die Einladung auf,« rief ihm Herr von Falkner nach. »Es sind noch gute vierzehn Tage hin. Und vielleicht besinnen Sie sich derweil eines Besseren.«

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