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Johann Richard zur Megede: Modeste - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Richard zur Megede
titleModeste
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid561f31cc
created20070114
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4

Regentage kamen. Die litauische Ebene schwamm in Nebeln. Das Ordensschloß starrte aus dem Grau wie eine Ruine. Der Graf versuchte auf Jagd zu gehen, aber die Hühner lagen fest in dem feuchten Klee; den Hunden wurde die Nase stumpf beim Suchen. Herrn Romeits brauner Setter, der einst dem Jagdkönig so trefflich vorgestanden hatte, strich wie schuldbewußt hinter seinem Herrn durch die Felder. Der neue Inspektor nahm seine Pflichten unhöflich ernst. Auch als ihn der Graf einmal um den Hund ersuchte, erwiderte sein Besitzer ruhig, daß er seine Juno niemals aus der Hand gebe. Erika fand den Refüs empörend. »Inspektorenfrechheit!« Ihr Gemahl gab Herrn Romeit dagegen recht: »Es ist sein Hund, und ich würde in seinem Falle wahrscheinlich ebenso abgelehnt haben.« – Frida klimperte den ganzen Tag auf dem Klavier und sang mit ihrer passierten Stimme. Modeste langweilte sich.

Der Kampf der Schwestern tobte häßlicher als je.

Zur Dämmerung fand sich die Familie in dem einfachen Wohnzimmer zusammen. Ein spärliches Kaminfeuer knisterte, der niederströmende Regen draußen gab die Begleitmusik. Die ungleiche Gesellschaft saß um den Tisch herum. Herr Lindt kam aus seinem Arbeitszimmer heraufgestelzt, das genau wie ein Kontor eingerichtet war: ein Schreibtisch, ein Drehstuhl, ein Geldschrank. Der alte Knochenmehlhändler hätte wohl lieber allein dort die Kurse studiert, aber der Gedanke an eine unnötige Lampe trieb ihn herauf. Die Mutter und die Gräfin erschienen spät. Erika hatte das Haus durchstöbert nach allen möglichen und unmöglichen Dingen für den kleinen Dagobert. Die Alte, die sich schwer von den Sachen trennte, war argwöhnisch mitgegangen... Während Herr Lindt mit Schlafrock und Pfeife den Rauch einsog wie ein Patriarch, blätterte Graf Axsil in einem alten Gartenlaubenkalender. Zuweilen stand er auf und klopfte ans Barometer.

Dann sagte Modeste hoffnungsvoll: »Morgen wird's sicher schön!«

Frida antwortete bissig: »Wahrscheinlich! Falb hat dir wohl persönlich telegraphiert?«

»Laßt doch die ewige Zankerei!« lispelte die Gräfin.

So ging es den ganzen Abend hin und her mit häßlichen Sticheleien bis zum Abendbrot, das im Gegensatz zu den Prunkdiners äußerst einfach und kärglich war.

Zuweilen fühlte Modeste Gewissensbisse wegen der ewigen Szenen, zuweilen nicht.


Eine Woche später nach dem Regen, der alle Hoffnungen hinweggeschwemmt hatte, drängte der Graf zur Heimfahrt. Der Star allein brachte die Geschwister nach Tilsit aufs Schiff. Das hübsche Mädchen winkte mit dem Taschentuch, bis die Personen auf Deck auch ihren jungen Augen verschwammen. Dann ging sie seelenvergnügt in eine Konditorei und lud noch einen kleinen Vetter, der sich auf der Quarta des Gymnasiums plagte, zu Schokolade und Kuchen ein. Geizig war sie gar nicht. Das gab ihr manchmal zu denken, denn zu Lindts gehörte der Geiz wie zum Teufel der Pferdefuß. Und während die beiden wie zwei rechte Kinder in Schlagsahne und Baisers schlemmten, bis der Junge beklommen sagte: »Ich glaube, mir ist schon übel,« wunderte sich Modeste innerlich, daß sie so gar keinen Schatten von Sehnsucht nach den Abgereisten empfand. Sie kamen, sie gingen, ein blasses Erinnern blieb zurück. Auch nach Hause sehnte sie sich nicht. Konnte sie sich überhaupt sehnen!... Und doch gab es in diesem Innern warme, ja heiße Regungen – ein dumpfer Trieb nach Liebe, Glück. Das war aber immer draußen, in Barginnen verdorrte alles schnell.

Als sie zurückfuhr, fegte ein scharfer Herbstwind die letzten Regenwolken. Modeste lehnte sich aus dem geschlossenen Wagen und wäre am liebsten auf den Bock zum Kutscher geklettert – so sehr zog es sie aus der dumpfen Enge in die freie Weite. Und dieser Zug wurde stärker, immer stärker. Wohl eine Meile vom Schloß stieg sie aus und ließ die alten Pferde allein weitertraben. Der Wind war zum Sturm geworden. Und wie die welken Blätter von den Chausseebäumen im Tanze wirbelten und rauschten, jauchzte sie zu dem tollen Spiel. Ihre Augen glänzten. Sie schaute aus wie die Jugend selbst.

Vielleicht war sie doch keine Lindt.

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