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Johann Richard zur Megede: Modeste - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Richard zur Megede
titleModeste
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid561f31cc
created20070114
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27

Es war in der Tat kein Liebesbrief!

Ein Rechtsanwalt aus Königsberg teilte mit, daß ein Herr Lindt von Barginnen auf Barginnen die Errichtung eines Fideikommisses beschlossen habe, dergestalt, daß das Gut und gleichnamige Schloß nach seinem Ableben als Majorat auf seinen Enkel Grafen Dagobert von Axsil übergehen solle mit der Bestimmung, daß der jedesmalige Besitzer den Namen Lindt von Barginnen vor dem eignen zu führen habe. Den beiden älteren Töchtern des Erblassers: Erika, Gräfin Axsil, und Frida, Freifrau von Mieritz, sei die entsprechende Summe in Wertpapieren und mündelsicheren Hypotheken ausgesetzt, während der jüngsten Tochter Modeste, verehelichten Romeit, die in offenbarer Auflehnung gegen die väterliche Gewalt dauernd gehandelt habe, nur ein Pflichtteil zustehe in der Höhe von siebenundzwanzigtausend Mark, welche Summe der Erblasser freiwillig auf dreißigtausend Mark abgerundet habe, jedoch mit der ausdrücklichen Klausel, daß etwaige Ansprüche an das großmütterliche Erbe als ein für allemal erledigt erklärt werden müßten.

Die Originalurkunde des Testaments sei während eines Monats bei dem Unterzeichneten täglich in den Bureaustunden einzusehen.

Justizrat X. X.

Der alte harte, eitle Schurke starrte aus den Zeilen. Überall die Klausel, die Hintertür – der gemeine Geschäftssinn des Wucherers mit der lächerlichen Blindheit des Parvenüs gepaart.

Modeste hatte nie etwas andres erwartet. Dennoch sank ihr die Hand.

Ihr Gatte stand verlegen dabei.

»Also darum all die hellen Fenster gestern,« sagte Modeste leise, »darum ... Man feiert das neue Fideikommiß ... Eingefädelt hast du die Sache ganz gewiß nicht, mein lieber Schwager Axsil – dafür bist du doch zu vornehm! ... Dazu hast du ja auch eine Frau – eine sehr gute Frau! ... Aber daß du es doch für deinen Sohn nahmst, weil sie dich drängten, das war nicht schön, das hätte ich dir nie zugetraut!« Ein harter, höhnischer Zug flog dabei um ihren Mund.

»Du willst wieder klagen,« erwiderte Herr Romeit etwas nervös. »Ich seh's dir an ... Gewiß – aber mir ist's gräßlich! ... Warum wühlt der alte Mann uns wieder alle häßlichen Gefühle auf? – Solange wir nichts hatten – manchmal weniger als nichts –, sind wir glücklich gewesen. Du auch, Modeste – du erst recht! ... Jetzt fängt die alte Leier wieder an ... Aber recht hast du schließlich, Modeste! Es ist ja auch wegen der Kinder und allem. Und wenn du auch die Ausgestoßene bist – du bist's doch nur wegen mir ... und im Grunde deines Herzens bist du doch besser als die ganze Gesellschaft!« Er warf den Brief zornig auf den Tisch. »Ich möchte, weiß Gott, es regnete mal wieder Pech und Schwefel!«

Modeste schien ihn kaum gehört zu haben. Sie sah sich scheinbar interesselos in dem Zimmer um, wo die Kinder spielten, wo der Jagdhund philosophisch am kalten Ofen lag, wo die ganze schlichte, ehrliche Einfachheit des alten Eller noch jetzt die Luft erfüllte mit einem warmen, altväterischen Hauch. – Dann ging sie langsam auf und ab, die Augen auf dem Boden. »Ich möchte schon prozessieren! ... Denn arm sind wir schließlich heute noch – wenigstens wenn man an die Kinder denkt, und daß man auch früh sterben könnte ... Denn die dreißigtausend Mark – und wenn ich sie so nötig brauchte wie das Leben – die kann und will ich nicht nehmen! Das hieße feige kuschen, sich selbst unehrlich machen ... Und kuschen tue ich nicht, auch für meine Kinder nicht! ... Wie ich nun einmal bin, sagt' ich ihnen doch lieber: das ist euer Großvater, und das sind eure Tanten – und man soll sein eignes Fleisch und Blut achten und ehren, solange man kann –, ich aber wünsche, daß ihr lieber betteln geht, als daß ihr von jenen nehmt, und daß sie euch lieber verwünschen, als daß sie euch segnen in euerm Leben! ... Und das wäre richtig, und das wäre konsequent – und anständig verhungert ist noch immer vornehmer gewesen als unanständig geschlemmt ... Aber zu guter Letzt bin ich doch ich, schiele nach dem Gelde, nach der Vergangenheit ...«

»Dann laß doch den ganzen Krempel zum Teufel gehen!« rief er. »Und sieh mal, Modeste – wir sind ja noch so jung, wir können arbeiten ... Ich jedenfalls bin es nie anders gewöhnt, und du bist's ja auch gewöhnt! ... Das andre Geld ist schmutzig, schmutzig – sage ich dir!« –

Sie nickte wie geistesabwesend. »Schmutzig – schmutzig ... Gewiß! – Aber schmutzig ist schließlich alles Geld. Und wer fragt heute noch danach?« Sie streichelte die beiden Kinder, die verständnislos vom Spiel aufsahen. »Warum sollt ihr denn durchaus die räudigen Schafe sein? – Und ihr seid doch gewiß Kinder der Liebe im besten Sinne! ... Und der talgige Dagobert Axsil durchaus der große Herr? – Und es ist doch kein Saft und keine Kraft gerade in dieser erbärmlichen Vernunftehe!« ... Dann schüttelte sie wieder den Kopf. »Ich weiß nicht: soll ich nun den Prozeß riskieren und vielleicht verlieren – für mich? – Oder soll ich das Geld nehmen – für meine Kinder? ... Mütter haben sich schon ganz anders gedemütigt ...« Da zuckte sie aber auch schon zusammen wie bei einer ekeln Berührung: »Nein, das Gnadengeld, das nehm' ich nicht! Und was ich auch den andern hinter meinem Rücken heißen mag, vor mir selbst wenigstens will ich nicht feil sein!«

Sie sah wunderschön aus, wie sie so dastand, die Hand geballt, die Augen blitzend.

Herr Romeit trat zu ihr und küßte ihr den Nacken mit dem blonden Flaum. »Es tut mir immer weh, Modeste. Aber du bist doch zu mir herabgestiegen! ... Da draußen hab' ich es weniger gespürt – hier fühl' ich's wieder sehr stark! Ich bin doch der Klotz an deinem Fuß ...«

Da wandte sie sich jäh um und umarmte ihn leidenschaftlich fest. »Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr! Sondern ich bin zu dir emporgestiegen ... Aber die Lindt ist noch nicht tot in mir – und die muß erst sterben – sie muß!« Darauf begann sie leidenschaftlich zu schluchzen.

Er aber küßte sie und streichelte sie. Und die Kinder kamen mit ihrer ungeschickten Rührung. Auch der alternde Unhold erhob sich schnuppernd von seinem Ofenplatz. »Du mußt's beschlafen, Schatz!« tröstete der Mann. »Und wozu du dich dann entschließt, das wird auch das Richtige sein! ... Ich kenne dich doch! Ich mache vielleicht den Skandal, werde wild – aber die es durchreißt schließlich, das warst noch immer du!«

Da lächelte Modeste wieder. »Du bist doch ein Phantast! Ich hab's immer gesagt ...«

»Bin ich auch!« lachte er. »Denn wenn man das Leben in das traurige Rechenexempel auflöste, wie es in Barginnen Mode ist ... Nein, so elend und so nüchtern ist das Leben, Gott sei Dank, doch nicht!«

Da richtete Modeste sich von seiner Schulter auf. »Und soll's auch nicht werden! ... Jetzt aber, Schatz, wollen wir von etwas ganz anderm sprechen ... Du wolltest doch immer nach Tilsit auf den Pferdemarkt ... Brennst ja drauf! Und ich seh' dich doch noch als großen Remontezüchter sterben ... Da aber jemand doch noch mal an den Rhein muß, so will ich dieser Jemand sein. So lange hat ja die andre Angelegenheit Zeit. Und vielleicht kommt guter Rat wirklich einmal über Nacht.«


Die Geschäfte am Rhein hatten viel länger gewährt, als Modeste geglaubt. Jetzt war sie auf der Rückfahrt. Endlich! Sie sehnte sich nach der Heimat.

Bei Wiesbaden hatte noch ein milder Spätsommer ins Coupé gelächelt, doch nach Berlin kroch bereits ein eisiger Herbst durch die Fensterritzen. – Es war der Nachtkurierzug. – Modeste, von der langen Fahrt auf harten Bänken mißgestimmt, fröstelnd, erhob sich, durch den Außengang zu wandeln. Die Herren, die da noch rauchend und träumend lehnten, schauten ihr alle nach. Sie aber schlenderte gleichgültig den ganzen Zug entlang bis zu dem Erstklassewaggon mit seiner weichen, staubigen Matratzenluft. Die Vorhänge bereits geschlossen, dahinter gedämpftes Licht, Ungewisse Schatten.

›Hier ist es doch besser als »dritter«!‹ dachte sie mit dem Neid der Müden. ›Aber ob sie so viel glücklicher sind?‹ ...

Da wurde dicht an dem Fenster, wo Modeste stand, ein Coupévorhang weggezogen, die Schiebetür stöhnte. Zwei Damen traten heraus, in kostbaren Pelzmänteln, die Gesichter verschleiert. Fremde, vornehme Damen. Dennoch kamen sie Modeste merkwürdig bekannt vor.

Die ältere holte ein verknittertes Zeitungsblatt aus der Kuriertasche und reichte es der jüngeren: »Lies! Ich kaufte es schon in Frankfurt. – Jedenfalls nimm dich zusammen! ... Es ist ein Unglück – und zugleich ein Glück. Ich hab's dir ja immer gesagt: ›Un fou, un grand fou – pas plus, pas moins ...‹« Dann zischelte sie auf französisch weiter mit einem halben hochmütigen Blick nach Modeste hin.

Die jüngere nahm das Zeitungsblatt, las, las, indes ihr die Hand zitterte. Sie schob den Schleier hoch, nach den feuchtschimmernden Augen zu tasten – schönen, heiligen Augen. Der Moment genügte. Modeste hatte die Dame erkannt, die Falkner von Öds törichte Träume so lange erfüllt. Sie wollte ihr fast leid tun, die Frau, die bei aller Schönheit, bei allem Glanz vielleicht viel ärmer war als sie. Wer kannte denn dieses Schicksal? Und hatten sie nicht am Ende ihr beide unrecht getan damals – sowohl Falkner von Öd als Frau von Bussard?

Da stöhnte die Schiebetür noch einmal. Der Kopf eines großen, kurzsichtigen, aber offenbar vornehmen Mannes tauchte auf – ein gutmütig-törichter Kopf. Die Dame, die nicht Zeit gehabt hatte, den Schleier wieder herabzuziehen, lächelte aus feuchten Augen so liebenswürdig glücklich zurück, daß Modeste angesichts dieser Wandlung graute.

»Il fait froid, là dehors,« sagte der Mann.

»Tu as raison, mon ami,« antwortete die Dame wieder mit einem dankbaren Kinderlächeln, während die Zeitung in ihre Tasche glitt.

Die Tür schloß sich. Modeste starrte ihr mit bösen Augen nach. »Und du bist doch eine Dirne!«

Dann ging sie langsam zurück in ihre dritte Klasse und dachte, in ihren Mantel gehüllt, über all die seltsamen Zufälle nach, die unser sogenanntes Leben ausmachen. Alles so verlogen, feige! Wo einmal ein heißes Gefühl aufzuckt, immer gleich der nüchterne Wasserstrahl hinterher ... Bei dem Grübeln begann die Müde einzuschlummern, fest, tief, wie nur junge, gesunde Menschen. Sie erwachte erst über den Stimmen von zwei neuen Reisenden, die einander »Guten Morgen« wünschten – breite, behäbige Litauer mit wetterharten Bauerngesichtern.

»Was doch die Sonn' jetzt spät aufgeht!« sagte der Dicke und paffte sich eine Zigarre an.

Der andre sah nach der Uhr. »Fünf Minuten vor sechs. Gereift hat's auch wieder die Nacht.« Und er sah auf die Ebene, wo träge Morgennebel wallten. »Wo kommen Sie eigentlich her, Batschat?«

Der Dicke stemmte den Stock auf. »Aus Eyselin. Das heißt, gestern. Ich hatte nämlich 'nen ›Kleinen‹ genommen und war in den falschen Zug gestiegen. Da mußt' ich schließlich die Nacht in Korschen bleiben.«

»Aus Eyselin? – Da ist doch der dammlige Baron?«

Der Dicke spuckte breitspurig aus. »War, Männchen, war!«

»I, was Sie sagen!«

Der Dicke tat einen noch tieferen Zug aus der Zigarre. »Na, lesen Sie denn die Zeitung nicht, Mannchen? Stand doch 'ne ganze Seit' davon!«

»Ich war auf 'em Pferdskauf. Fand aber nichts Rechts ...«

Der Dicke schnob verächtlich. »Taugen 'en Dreck was, die Füllen heutzutage! ... Aber um auf Eyselin zu kommen: mein Ohm war da früher Oberinspektor. Hat sich gut angemastet auf der Stell'! ... Also vorigte Woch' Donnerstag, paar Tag' darauf, wo das gnädige Fräulein aus Bussardshof begraben wurde, da hatte sich der dammlige Baron so 'n paar Berliner eingeladen zur Jagd – sie mögen auch von selbst gekommen sein. Und hübsche Marjellens dabei, auch aus Berlin. Also – Vorred' gibt keine Nachred' – da haben sie zuerst ein feines Diner gehabt, und dann haben sie gespielt, die Dausende man immer hin und her! Und die Marjellens haben Sekt getrunken und vor Vergnügen immer gequietscht dazu. Ich hab' was gehört von fünfzigtausend Talern, die der Baron verloren haben soll ... Blieb aber immer vergnügt, bis plötzlich eine Marjell nach Selterwasser schreit. – Da sagt der Baron zum Diener – es soll so 'n neuer und 'n Windikus mit einem Arm gewesen sein, den er von der Straß' aufgelesen hat, aber horchen tat er dem Baron wie ein Hund –: ›Bringen Sie mir doch gleich aus meiner Schlafstub' die Rhabarbertinktur mit! Sie steht auf der Kommod'! Es ist nur eine Flasche – und Sie können sich gar nicht irren...‹ Und die Marjell trinkt ihr Selterwasser, und der Baron trinkt seine Medizin. Und wie er fertig ist, da sagt er: ›Donnerwetter, schmeckt das Zeug aber bitter! Das ist ja zum Katzen und Hunde vergiften! ...‹ Und da kommt auch schon der andre, der alte Diener gelaufen, den sein Onkel selig noch gehabt haben soll, und schreit: ›Um Gottes willen, Herr Baron, das war ja das Strychnin für die Füchse!‹ – Und da lacht der Kreth, der Baron, nur und fragt: ›Für wieviel Füchse?‹ – ›Ich glaub' für hundert!‹ – Und da meint der Baron wieder, aber ohne mit der Wimper zu zucken: ›Na, da wird's wohl hoffentlich auch für mich langen!‹ ... Da haben sie ihm denn nachher noch Milch eingegeben und nach 'm Arzt geschickt. Der Arzt kam auch, aber wie gewöhnlich so die Ärzte kommen – 'ne Stund' zu spät ... Dagegen munkelt man, daß die Baronin aus Bussardshof noch im Morgengrauen gekommen wär' und ihm die Augen zugedrückt hätt'. Verlangt haben nach ihr soll er aber nicht! ... Bis hierher hört sich die Geschichte ja ganz hübsch an, aber nun kommt die Dammligkeit: er hat nämlich nie was am Magen gehabt, der Baron, und die Magentropfen sind überhaupt nie im Haus gewesen!« Der Dicke faßte sich nach der Stirn: »Vollkommen dammlig, der Kreth! – Dann haben sie noch nach seinem Bruder telegraphiert, der das Gut erbt und da beinahe in Frankreich leben soll. Der ist sogar Graf ... Kurz und gut, auch die Doktors sind sich einig geworden, daß der Baron reell verrückt gewesen ist! ... Und das ist nicht etwa so hingeschabbert, sondern ich hab's von der alten Mamsell selbst, die zugehört hat, wie er dem Einarm noch diktiert hat: ›Mein bewegliches Vermögen, über das noch nicht verfügt ist, vermache ich den vier Damen, die mir heute die Ehre gaben. Für den, der mein Leben kennt, ist auch dieser mein letzter Wille nur zu verständlich!‹« – Darauf spuckte der Dicke wiederum aus, diesmal aber mit ehrlicher bäuerischer Verachtung. »Das schöne Geld – und den Frauenzimmern!«

Modeste aber, der kein Wort dieser Unterhaltung entgangen war, ging hinüber nach dem Speisewagen, weil sie den stumpfen Anblick dieser beiden Bauern nicht mehr ertragen konnte. Im Speisewagen saß sie aus Zufall neben den beiden Damen und dem Herrn aus der »ersten Klasse«, die wie sie ihr Frühstück hier nahmen. Es war Mann, Frau und Schwägerin, wie sie aus der Unterhaltung heraushörte. Und angeekelt im tiefsten Innern, wie sie war, wäre sie am liebsten aufgestanden und hätte zu der lächelnden Heiligen gesagt: »Die Dirne, an welcher der Mann gestorben ist, warst du!« Und der Zug eilte weiter durch die östliche Ebene. Modeste altvertraute Bilder zogen vorüber: die Koppeln mit den weidenden Pferden, die einsamen Gehöfte, der monotone Wald, an ihn gelehnt die verlorenen Holzkabachen der litauischen Kossäten. Und darüber gespannt der weite, weite Himmel mit dem trostlos fernen Horizont. – Und doch war's die Heimat und ihr herber Hauch der Heimatlosen von Herzen lieb.

In Insterburg mußte sie umsteigen. Der Bahnhof sehr belebt – meist vornehme Leute. Fremde prunkende Uniform, spiegelnde Lackstiefel. Neben dem Adlerhelm des Gardedukorps der ehrwürdige Landzylinder. Es war, als wenn eine Fürstlichkeit mit dem nächsten Zuge passierte.

»Ist der Kaiser in Rominten?« fragte Modeste unwillkürlich den Gepäckträger.

»Ach, Sie meinen von wegen die vielen Menschen! ... Die warten alle auf den Zug nach Tilsit. Der Herr Baron aus Eyselin wird heute begraben.«

Da konnte Modeste nur bitter lächeln. ›Wie viel Menschen um einen Menschen, der sich nie aus den Menschen etwas gemacht hat!‹ – Den Lebenden hatte keiner recht leiden mögen; den Toten hätten sie am liebsten alle zur Gruft getragen. Es war eben der exklusive, vornehme Mann, den gekannt zu haben gewissermaßen zum guten Ton gehörte.

Und da erkannte Modeste auch schon gar manchen: die Murrmanns, die Gadebuschs, welche die Vorübergehende eisig anstarrten – die kleine Frau Pescatore, die sich hinter ihren Mann versteckte. Weiter ihren Schwager Mieritz, der den Gardehelm wieder trug und den Stern von Barginnen wohl längst vergessen hatte. Modeste blieb kalt und gleichgültig zwischen den Menschen stehen, zu denen sie einst gehört hatte und doch nicht gehört hatte. Sie sah sich auch nicht um, wie der alte Lindt jetzt näherkam, noch immer ungebeugt und würdig, und einem großen Kreise ehrfürchtig Lauschender seine Ansichten über Agrarpolitik entwickelte. Sie wollte ihn nicht sehen! – Aber unwillkürlich schielte sie doch beiseite, ob sie in dem vornehmen lispelnden Feudalen den Vater wieder erkennen könnte, dem sie doch einmal Tochter gewesen war. Es war ihr seltsam ums Herz ... Aber nur ein hartes, kaltes Auge starrte zurück, und eine eisige Stimme sagte: »Es gibt, wie gesagt, räudige Schafe in allen guten Herden sowohl wie in allen guten Familien – aber mit diesen räudigen Schafen muß eben aufgeräumt werden.«

Es war unsicher, wem dieser Ausspruch galt, aber Modeste wandte sich wie zur Antwort jäh um, so daß Vater und Tochter Aug' in Auge standen. Sie, welche die Feigheit der Nerven nie gekannt hatte, kannte auch die Feigheit des Herzens nicht mehr. Sie hatte gesiegt, sie brauchte diese Menschen nicht, war sie selbst geworden. Unwillkürlich schlug der Alte das Auge nieder vor ihr. Und als jetzt der junge Herr von Häwel, der immer harmlos gewesen war, die Hand nach dem Helmschirm hob, wandte sie sich grußlos ab. – Sie wollte auch diese Erinnerungen nicht mehr. Und dabei fühlte sie deutlich, wie die neugierigen Blicke und die geschwätzigen Zungen ringsum stachen und wie all diese alten guten Freunde nur auf den Zug warteten, um, die Köpfe zusammengesteckt, von dem Stern von Barginnen zu erzählen, der schon so jäh und so lange erloschen war. Und sonderbar! Unter dieser Woge von feiger und dummer Verachtung fühlte sich Modeste größer werden, stärker, schöner, gewissermaßen emporgewachsen über all diese blendenden Nichtigkeiten des Lebens umher. – Und auch die andern mochten spüren, daß erst jetzt die schöne Sünderin sich zur vollen Blüte entfaltet hatte, während sie selbst schon vertrocknet waren im Trieb.

Als der Zug eben abfuhr, kam eine schwarz verschleierte Dame auf den Perron. Die Leute aus dem Zuge grüßten und winkten. Es war Frau von Bussard, die aber nicht mitfuhr.

Sie bemerkte Modeste und fragte verwundert: »Sie hier?«

»Ich komme vom Rhein. Ich wußte nicht ...«

»Ja, ja, Falkner ist tot ... Fragen Sie mich nicht nach den Einzelheiten! Es ist alles wahr ... Wenn's nur nicht gerade nach dem Begräbnistage von Judith gewesen wäre ... Aber schließlich verstehe ich es auch. Wenn der Ekel allmächtig wird ... Er hat gelebt wie ein Narr und ist gestorben wie ein Narr. Warum sind wir eigentlich alle Narren? ...« Sie wischte sich eine Träne aus dem Auge. »Ich bin mit Absicht zu spät gekommen. Ich wollte nicht mit zum Begräbnis. Ich fahre später mal allein hin ... Er wird übrigens am Haff begraben, irgendwo ganz allein und ohne Kranz, ohne Leichenrede ... Das war außer ein paar Legaten sein Testament ... Wollen Sie übrigens Judiths Grab sehen? – Es ist hier nahebei in einem Dorf, wo meine Familie mütterlicherseits ein Erbbegräbnis hat schon seit der Ordenszeit. Noch gerade zwei Plätze waren übriggeblieben – für Judith und für mich später einmal. Da stört uns keiner, und wir stören keinen.« Wie sie so sprach, war sie wieder die ruhig-vornehme Dame, der das Leben keine Rätsel mehr aufgibt, weil es keine mehr hat für sie.

Die Damen fuhren darauf nach dem Kirchhof.

Es war ein kleiner Kirchhof mit einem altersgrauen Mausoleum in der Mitte. Sie sprachen beide kniend ein Gebet vor dem blumenbedeckten Katafalk. Aber während die Mutter sich tiefer und tiefer beugte unter der harten Hand der Vorsehung – demütig, wie der dumpfrieselnde Gruftgeruch von Erbbegräbnissen es vorschreibt, war Modeste aufgestanden, aus der Enge des Todes in die Weite des Lebens zu flüchten. Es war ihre Natur so ... Und derweilen sie zwischen den ärmlichen Dorfgräbern hin und her schritt, dachte sie an die Tote hier, an den Toten dort und das Gaukelspiel des Lebens, welches das Liebste vom Liebsten reißt, ohne Zweck, ohne Ziel, nur um es einsam zu betten ... Die goldenen Körner sind eben schwer, darum sinken sie so rasch wieder zur Erde zurück; doch die Spreu des Lebens tollt lustig über den großen Kirchhof des Lebens und fragt nicht und sagt nicht und wird gar sänftiglich von dem leichten Winde getragen und gar freundlich von der milden Sonne gekost, und ob solchen auch nie das Schicksal aus dem Tiefinnern herausquillt, sondern ihnen nur von außen anweht wie ein moderndes Blatt – so deckt schließlich das goldene Korn und die wertlose Spreu zugleich dieselbe Erde und dasselbe Vergessen.

Und Modeste blieb stehen und dachte ernsthaft: ›Bist du auch Spreu, nur Spreu?‹

Und vor ihr tat sich wieder die litauische Ebene auf, die weite, mächtige, vom scharfen Herbstwind gezüchtigt, von der roten Herbstsonne überflammt. Und alles schaute kalt und unerbittlich aus wie das Gericht Gottes.

Da schob sich ein Arm unter Modestes Arm – es war Frau von Bussard –, und sie sagte: »Grübeln Sie nicht, mein Kind! Das Leben hat recht, immer recht. Und das Leben kennt kein Laster und keine Tugend – es kennt nur sich selbst, es kennt nur die Kraft ... Trauern Sie nicht, Modeste, da Sie zu Ihrer lebendigen Pflicht zurückkehren! Sie sind die einzig Glückliche unter uns, weil Sie die einzig Starke gewesen sind. Sie sind frei geworden, weil Sie mutig das hinter sich warfen, das Sie hinter sich werfen mußten. Sie sind stark geworden, weil Sie das geliebt, was Sie lieben mußten. Und wenn auch ein glatter Pharisäer sagt: ›Aber das stammt ja alles aus der Sünde!‹ – so antworten Sie ihm hohnlachend: ›Gott segne mir diese Sünde! Sie allein hat mich glücklich, hat mich frei gemacht!‹«

Modeste starrte eine Weile vor sich hin, als wenn sie doch nicht ganz begriffe: Dann aber nestelte sie mit bebender Hand einen Brief aus der Tasche und zerriß ihn Stück für Stück, daß die Fetzen im Winde tanzten. Und sie sagte: »Teilt euch in den Raub! Ich aber will keine Gemeinschaft mehr mit euch, weder hüben noch drüben ...« Sie reichte Frau von Bussard die Hand. »Jetzt, gnädige Frau, bin ich endlich ganz frei.«


Zu Hause aber stand zur selben Zeit Herr Romeit und schnitt Kerzen zurecht zu einer Illumination. Und die Kinder jauchzten, und der Unhold wedelte, als die ersten Lichter aufflammten. Modeste aber standen die Tränen in den Augen – die guten warmen Tränen –, als sie eintrat in das lichte, neue Heim. Und dabei sprach sie vor sich hin wie beschwörend: »Stark und gut ... Vielleicht, Judith, werde ich das doch einmal sein.«

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