Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Johann Richard zur Megede: Modeste - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Richard zur Megede
titleModeste
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid561f31cc
created20070114
Schließen

Navigation:

26

Es dämmerte bereits, als Modeste vom Hof fuhr – das müde Herbstdämmern, wo alles langsam verschwimmt, verrinnt in einem trüben, kalten Grau. Es waren kleine krumme Klepper, die den altmodischen Halbwagen prustend und kopfschüttelnd über die holprige Lehmstraße zogen. Ein Zug Wildgänse strich fittichrauschend über ihren Häuptern; von den Kartoffelfeldern wehte der scharfe Krautgeruch. Überall fliehendes Leben, rieselnde Kühle, nahender Tod. – Die junge Frau wollte frösteln. Es war der Odem der alten, kalten Heimat – und sie hatte die warme, neue gesucht. Als sie in die Chaussee einbogen, richtete sich Modeste unwillkürlich straffer auf. Hüben in der Ferne das dumpfe, graue Ordensschloß – drüben in der Ferne die weiße Herrenhausfront. Aber in Barginnen entzündeten sich allgemach die Lichter, viele Lichter, so daß der ganze Bau wie illuminiert strahlte; in Eyselin dagegen kein Licht, kein Leben, alles wie erstarrt, erstorben.

Und Modeste starrte lange auf das alte Heim. Sie mußten ein Fest feiern dort, ein großes Fest. Sie sehnte sich nicht mehr nach Barginner Festen. Aber die unnatürliche Entfremdung zwischen Kind und Haus ward ihr eisig klar, tat ihr brennend weh ... So scheiden Lindts – so müssen sie scheiden! Der morsche Steg zerbrochen, in der Tiefe zerschellt ... Und keine Hand, die sich hebt, den Zurückbleibenden wehmütig zu grüßen. – Dann sah sie wieder finster auf das verlassene weiße Herrenhaus von Eyselin. Auch verträumt, auch vergessen – der kindische Ehrgeiz in denselben Abgrund versenkt, in dem auch die Lindtsche Eitelkeit ruhte ... Nun fuhr sie zu der einzigen, die ihr geblieben – und erst der Schatten des Todes mußte sie daran mahnen, daß diese Sterbende auch die einzige gewesen war, die sie einmal geliebt hatte.

Und während der erloschene »Stern von Barginnen« dachte und wog und mitleidslos von der Wage herabstieß, was sich leicht erwiesen und klein – zogen links und rechts die Wiesen vorüber, die Brachen, die Felder, überwogt von dem weichen weißen Nebel, der die Strahlen des Neumondes aufsog, so daß es hier wie ein Elfenreigen wogte, dort wie ein Silberweiher sich glättete. – Modeste merkte es kaum. – Und der Wald tat sich auf, die langen düsteren Linien mit ihrem Verwesungshauch, die graue Chaussee einhegend, wie die Mauern eines Gefängnisses. Dazwischen leuchteten Stämme gespenstisch, Nadeln zischelten leis. Wunderliche Töne, die der wispernde Nachtwind weckte; wunderliche Gestalten, die der blasse Neumond zeichnete. Die Pferde spitzten die Ohren, schnaubten ... Es war wie ein Gespensterbann. Modeste fühlte ihn nicht.

Erst als in der Ferne die Lichter eines Gutshofes auftauchten – es war Bussardshof –, faltete sie die Hände und sagte leise: »Laß sie doch nicht sterben, Gott! ... Ich bin so schlecht – und du gibst mir ungebeten doch das Glück ... Sie ist so gut – und ihr erstes und letztes Glück sollte der Tod sein? ...«

Und Modeste schaute unverwandt auf den Lichtschein. Und wie er größer und immer größer wurde, wuchs auch ihr die Hoffnung. Kaum wiedergeboren, stärker, besser – begriff sie den Todesengel doch nicht, der seinen Ölzweig bereits über ein Sterbelager hob. Sie gehörte dem neuen Leben, das sie endlich errungen, mit allen Fasern, mit allen Wünschen ihres Seins. Sie wollte, sie mußte leben – sich, den Ihrigen, der ganzen Welt zu zeigen, daß die einzige grüne Frucht, die der Schicksalssturm einst von dem ins Mark vertrockneten Baume der Lindts gerissen, auch den Samen des Lebens allein in ihrem Schoße getragen hatte.


Der Wagen fuhr vor. Der Diener öffnete den Schlag, rasch, leise, wie einem, den man schon lange erwartet hat.

»Die Frau Baronin lassen sofort bitten!«

Modeste war verwundert. Die Gesellschaftsmaschine, so glatt, so sicher funktionierend auch angesichts des Todes!

In dem Flur trat ihr Frau von Bussard schon entgegen. »Endlich – endlich!« – dann schrak sie zusammen. »Ach, Sie sind es, Frau Romeit!« Sie konnte oder wollte ihre herbe Enttäuschung nicht verbergen.

»Ich kann auch wieder gehen, Frau Baronin ... Sie haben diesen Zettel bei uns verloren ...«

Frau von Bussard griff hastig nach dem Papier. »Ach ja ... ich habe ihn gesucht ... Ich verstehe jetzt auch ... Sie sind sehr gütig!« Dann öffnete sie behutsam die Tür zum Salon, in dem nur ein Kaminfeuer flackerte. »Leise! ... Sie schläft ...«

Die beiden Frauen schlichen lautlos durch die Flucht der Zimmer, die in ihrem Dämmerlicht so warm und gemütlich dalagen. – Das traute Heim, um das der Wintersturm vergebens heult! Vor einem Gemach mit herabgelassenen Portieren hielten sie lauschend inne. Es war Judiths Boudoir – mit der Krankenlampe, Krankenstille. Derselbe Raum, an dem der Stern von Barginnen einst feige gelauscht. Zerflossen der heiße Liebestraum, den hier ein keusches Herz geträumt, verflogen der Duft von Jugend und Poesie, der einst um ein süßes Mädchenhaupt gewallt ... Nur noch die kurzen, hastigen Atemzüge einer Fiebernden.

Plötzlich knisterten die Kissen, als ob sich jemand aufrichtet, horcht. Eine leise Stimme fragte: »Mama?«

Frau von Bussard schlug die Portieren zur Seite und trat an die Chaiselongue, wo Judith wie ihr eigner matter Schatten auf schnell zusammengerafften Betten lag – verblaßt, verblüht, nur die Strahlenkrone des roten Haares noch leuchtend und die großen Augen, die im Fieberglanz unruhig flackerten. »Es kam doch eben ein Wagen, Mama? ... Oder träumt ich's nur? ... Dabei ist mir alles so klar heute, ich glaube, ich könnte durch alle Wände sehen ... Weit ... Weit ... So weit ich überhaupt wollte ...« Dann sank sie wieder in die Kissen zurück.

»Es war Modeste, liebes Kind,« antwortete die Mutter, sich auf die Tochter beugend. »Willst du sie sehen?«

Die Kranke lächelte. »Ja, gewiß will ich sie sehen ... Modeste!«

Modeste kam herein, linkisch, verlegen. Ihr Herz pochte, wie bei einer schweren Schuld. »Judith, sei mir nicht böse ...« Sie konnte kein Wort weiter hervorbringen, als die Mädchenentschuldigung aus vergangener Zeit.

»Setz dich doch, Modeste! ... Und nun erzähl mir, wie es dir gegangen ist! ... Du hast Kinder – nicht wahr? – Ich möchte sie gern mal sehen! ... Und lieb habt ihr euch auch – sehr lieb? ...« Dabei streichelten ihre heißen, mageren Hände Modeste zärtlich. Sie mußte einhalten damit – das Herz schlug ihr so zittrig schnell, daß die Spitzen des Hemdes sich bewegten ... »Und wie schön du geworden bist, Modeste! ... So schön und jung! ... Du warst niemals früher so jung – niemals ...« Sie winkte der Mutter und zeigte nach dem elfenbeinernen Handspiegel auf dem Schreibtisch. Dann schaute sie lange und ernst in das Glas. »Was bin ich doch alt geworden – noch nicht sechsundzwanzig Jahre – und schon so alt! ... Und die häßlichen roten Flecken auf den Backen und der magere graue Hals! ... Früher war gerade der Hals mein Stolz – er war so weich und so weiß und bog sich so hübsch, wie ich mir einbildete ...« Sie ließ den Spiegel auf das Bett gleiten und starrte in die Höhe. »Ich war auch mal eitel – sehr eitel ... Dafür werde ich jetzt gestraft ... Aber damals hatt' ich auch ein Recht ... Ich war ja nicht eitel für mich ... Ich wollte nur hübsch aussehen – sehr hübsch ... Und ich sah auch hübsch aus – sehr hübsch! ... Nicht wahr, Mama?«

Beide Frauen vermochten nur zu nicken. Die Mutter hatte die Zähne zusammengebissen und atmete wie röchelnd; Modeste rann eine große, salzige Träne langsam über die Wangen.

Die Kranke schloß die Augen, der Kopf sank ihr zur Seite. Es war nur ein Augenblick der Schwäche. Dann richtete sie sich wieder mühsam auf, der Mutter wehrend, die ihr helfen wollte. »Ich bin gar nicht so schwach, wie du denkst, Mama ... Es war nur wieder das dumme Nasenbluten, das gar nicht aufhören wollte ... Und jetzt, Mama, laß mich mit Modeste ein paar Minuten allein!«

Als die Mutter gegangen, sagte die Kranke hastig: »Ich weiß, daß ich sterben muß ... Und sterben ist gar nicht so schwer – das bildet ihr Gesunden euch nur ein ... Aber Mama darf es nicht wissen! ... Sie ist ihr Leben lang so wenig glücklich gewesen – nun soll sie auch noch das einzige verlieren, was sie so sehr geliebt hat ...«

»Sprich nicht so!« sagte Modeste mit tränenerstickter Stimme, die ihr selbst fremd klang.

Da legte Judith ihre beiden zarten Kinderarme um Modestes Kals und küßte sie. »Ach, das liegt ja alles schon so weit hinter mir, was ihr Leben und Glück nennt! Du weißt's ja auch – aber du hast's erreicht ... Aber sieh mal – es klingt nicht hübsch – ich habe ihn sogar lieber gehabt als meine Mutter, viel lieber ... Und das quält mich so, weil es so undankbar ist ... Und es sind doch schon Jahre und Jahre vorbei, daß ich ihn überhaupt sah! ...« Ihre Augen begannen unruhig hin und her zu gleiten. »Ob er wohl heute kommen wird? ... Ich weiß nichts. Aber ich habe so ein Gefühl ... Ich habe mich auch darum hier unten hinbetten lassen. – Ich war einmal so glücklich hier ... so glücklich ... Weißt du noch? ... Aber er konnte doch nicht anders. Er hat auch kein Glück ...«

Der Atem ging ihr jetzt schnell und fiebernd. »Modeste, ihr haltet mich immer für so gut – aber ich bin's nicht, ich bin's gar nicht ... Sieh mal, ich weiß genau, daß ich sterben muß, und bring's doch nicht über mich, ihm die andre zu wünschen, die er liebt. Er liebt sie noch immer, obgleich sie mit so viel andern scharmiert ... Ich hab' ihr nachgespürt ... Und sag mal: ist das alles nicht ein kleiner, elender Egoismus? ... Aber ich hab' ihn nun einmal so lieb! ... Und wir sind doch zur Liebe geboren – nicht wahr?«

Modeste strich der Kranken über die feuchte Stirn: »Über was du dir nicht alles Gedanken machst! Du bist zu gut, Judith, viel zu gut.«

Die Kranke lächelte wehe. »Das sagen mir die Leute im Dorf, das sagt mir meine Mutter ... ich glaub's nächstens selbst ... Aber sieh mal, wenn man fühlt, daß es zu Ende geht, da belügt man sich nicht mehr. – Ihr nennt's Güte, aber es ist Schwäche, erbärmliche Schwäche ... Ich weiß ... ich weiß ...« Ihre Augen irrten wieder ängstlich durch das Zimmer. »Es sieht so unordentlich aus, es riecht auch gewiß nach der Krankenstube ... Dort drüben auf der Kommode steht ›Rivieraveilchen‹. Schütte die ganze Flasche auf den Teppich, auf mein Bett! ... Er liebt den Geruch so ... Warum muß er gerade das Parfüm lieben? ... Oh, ich weiß auch ...!« Modeste tat schnell und leise ihre Barmherzigeschwesterpflicht. Der Wohlgeruch strömte durchs Zimmer, stark, fast betäubend, als wenn der Süden hineinwogte mit seiner Jugendkraft. Draußen zauste der Herbstwind die Parklinden.

Die Kranke sah mit leuchtenden Augen zu. »Der Teppich ist dort ein wenig umgeschlagen. ›Er‹ könnte darüber fallen ...« Dann erblich wieder der zärtliche Schimmer. »Ruf mir die Mutter, Modeste! ... Ich weiß ja doch, daß er nicht kommt. – Und wenn er käme, er würde nur an die Riviera denken und nicht an mich.«

Frau von Bussard war wie ein freundlicher Schatten in das Zimmer gehuscht. »Aber erzählt euch doch weiter, Kinder! ... Morgen wird übrigens ein wunderschöner Tag. Wir werden zusammen reiten, Modeste, und Judith kutschiert in ihrem kleinen Dogcart nebenher.« Sie log so mutig, die unglückliche Frau, während ihr das Herz fast brach vor Weh!

Aber die Kranke schüttelte den Kopf. »Erzähl du lieber, Mama! ... Und wie wir Modeste eigentlich immer unrecht getan haben bis auf den heutigen Tag ... Aber vor den Leuten haben wir sie doch immer sehr in Schutz genommen – nicht wahr? ... Und daß sie gar nicht anders hat handeln können und daß wir das einsehen – nicht wahr? ... Und darum ist sie auch über uns hinausgewachsen, weil sie gut war und stark ... Gut und stark: das ist's ...«

Modeste hob beide Hände: »Das ist nicht wahr, Judith! ... Ich war immer ein so ekles, selbstisches Geschöpf, wie du gar nie begreifen kannst ... Das Beste an mir war die Sünde! ... Ihr alle hier empfindet so rein, so vornehm – und ich bin so schmutzig! ... Gnädige Frau!« rief sie leidenschaftlich, »es war die Sünde, die mich geführt hat, und wiederum die Sünde, die mir Kraft gegeben hat ... Ich habe so viel gelogen in meinem Leben – hier aber will und kann ich nicht lügen. Ich war und ich bin schlecht!«

Da winkte ihr die Kranke mit den Augen, sich zu ihr zu beugen in die Kissen – und Modestes Haupt umfangend, sagte sie ganz leise: »Und wenn dich die Sünde doch zum Guten geführt hat, so danke der Sünde! ... Und wenn du's doch noch nicht bist, so werde es: gut und stark! ... Denn das zu werden sind wir auch alle auf die Welt gekommen. Und Gott fragt niemand nach dem Wege, wenn er das Ziel nur erreicht ...« Die Worte klangen wie aus weiter, weiter Ferne – feierlich, weltentrückt.

Und Modeste begann auf den Knien liegend zu schluchzen wie gepeitscht. Und sie suchte immer wieder den kranken Mund zu küssen, mit ihren frischen, jungen Lippen der Sterbenden das Leben einzuhauchen, das mit jedem Pulsschlag müder kreiste. – Und dabei merkte sie nicht, wie der sieche Körper unter diesem wilden Weh zusammensank, erstickt von dem Lebensodem, der ihn umwogte. –

Aber die Mutter sah das brechende Auge, den herabsinkenden Mund. Sie fühlte die unendliche Leere, die ihr die Brust erdrückte mit ihrem Grufthauch. Und in der Todesangst, die allen die Maske vom Gesicht riß, rief sie instinktiv, als wäre es der letzte Zauberspruch: »Judith, er kommt – er kommt!«

Modeste war zurückgetaumelt bei dem Schrei.

Aber die Sterbende murmelte kaum hörbar: »Grüß ihn ... Und er soll glücklich werden mit ihr – glücklich! ...«

Draußen klang das dumpfe Rollen eines Wagens. Frau von Bussard horchte. Sie konnte sich nicht losreißen von ihrem sterbenden Kinde und ersehnte doch wiederum den fremden Mann wie eine letzte Rettung.

Es dauerte zwei schrecklich lange Minuten, bis sich die Portieren leise und zögernd öffneten.

Es war Falkner von Öd.

Als er ans Bett trat, entfloh der Sterbenden der letzte Seufzer.

Die beiden Frauen wichen vor ihm – es war das richtige Gefühl –, der letzte Hauch hatte dem Manne gegolten, den sie geliebt.

Und Falkner von Öd fand kein Wort. Er kniete langsam nieder vor dem Bett, schlug ein Kreuz und betete. Dann drückte er einen Kuß auf die wachsbleiche Hand der Toten – stand langsam wieder auf, das Gesicht alt, die Muskeln erstarrt.

Frau von Bussard hielt ihm beide Hände hin – wie verzeihend.

Er aber schüttelte nur den Kopf.

Modeste verstand den Mann nicht.


Draußen im Korridor Schritte, Flüstern. Es waren die Leute vom Gut, die Dienstboten aus dem Haus – alle mit ihrem echten oder erheuchelten Mitleid. Ihnen starb nicht das Fräulein vom Schloß – ihnen starb der gute Geist, die Liebe selbst ... Und sie begannen zu glucksen und zu schluchzen – der laute Theaterschmerz, der merkwürdigerweise gerade uns Theaterleute des Lebens abstößt.

Und in dieser lärmenden Leutetrauer, die durch die geschlossenen Türen drang und seltsam mit der dumpfen Stille drinnen kontrastierte, fand sich die Mutter zuerst.

»Sie kommen spät, Herr von Falkner – sehr spät! ...«

»Sehen Sie meine Pferde an – und dann sagen Sie noch einmal: ich hätte gespart! ... Ich habe in meinem Leben leider nie gespart ...« Dann lachte er laut und kurz auf, daß die Frauen ihn erschreckt ansahen, wie einen Tollhäusler. – Er hielt Frau von Bussard einen offenen Brief hin.

Sie las die wenigen Zeilen und reichte das Papier achselzuckend zurück. »Ich verstehe ... Es gibt merkwürdige Leute ... Was sagt' ich Ihnen damals? – Phantom! ... Wollen Sie auch jetzt dem noch weiter nachjagen? ...« Und gleich darauf begann ihre ganze Gestalt zu zittern wie im Krampf. Sie hob die gefalteten Hände wie beschwörend empor und sagte unartikuliert, heiser: »Sehen Sie sich das unglückliche Geschöpf doch noch einmal an! Und sagen sie mir: mußte das sein? – Mußte so viel reinste Herzensgüte, so viel Jugend, so viel echte Leidenschaft elend zugrunde gehen für eine Dirne, der es plötzlich einfällt, moralisch zu sein? – Denn sie war eine Dirne im tiefsten Kern – eine, die beim Sündigen betet ... Warum konnten Sie das nicht fünf Jahre früher begreifen, Sie kluger Mann? Oder beteten Sie diese Dirne nur darum an, weil sie eine Dirne war?«

Er zuckte die Achseln. »Gnädige Frau, für mich bedurfte es dieses Briefes nicht mehr ... Aber ich wollte mir wenigstens selbst treu sein. – Und so bin ich denn die Mumie geworden, die ich bin – verdorben und verdorrt, wie es die Gesellschaftsmoral heischt ... Da fängt man nicht wieder von vorne an – nicht mal zu lügen... Ich habe als alter Roulettspieler auf Zéro gesetzt und bin auch mit Zéro herausgekommen.« Er lachte wieder. »Die Leute nennen es Schicksal – ich nenn's gar nicht ... So weit bin ich endlich ... Darf ich jetzt gehen?«

Die Frau schüttelt das Haupt. »Nein, Falkner, so nicht! ... Ich habe Ihnen noch etwas zu sagen, ehe wir für immer auseinandergehen ... Auch Sie können ruhig zuhören, Modeste ... Mir ist, als stände der verstorbene Falkner von Öd hier. Sie sind genau wie er – und darum hat er Sie auch so leidenschaftlich gehaßt. Das soll kein Makel sein ... Er hat ebenso unsinnig treu gefühlt wie Sie, und ist ebenso verdorrt wie Sie ... Und wenn nun sein Verhängnis Ihre eigne Mutter gewesen wäre? – auch strenge Katholikin, auch nüchternste Moral – die es vorzog, den Majoratsherrn zu heiraten, obgleich sie den zweiten Bruder liebte? ... Verstehen Sie nun seinen Haß – und daß er trotzdem von der Frau nie loskonnte, obgleich er sie bis in alle Höllen verwünschte? ... Er war kein schlechterer Mann wie Sie – wahrhaftig nicht! ... Und wenn dabei eine Siebzehnjährige Feuer fing und nicht von ihm wollte, bis er sie von sich stieß – eben weil er eine vornehme Natur war –, so wundern Sie sich nicht! Sie war jung, sie war hübsch, sie war reich – sie hatte alles. Und als sie endlich begriff, daß sie in ihrem Reichtum erst recht arm war, da tat sie den Schritt, den nur ganz junge und nur ganz verzweifelte Menschen tun, sie heiratete den Mann, der sie nicht liebte, und den sie nicht liebte. Sie ist ihm treu gewesen, sie hat ihre Pflicht getan – und niemand kann einen Stein werfen auf sie. – Und heute steht sie an dem Totenbette ihres einzigen Kindes und wirft den ersten Stein auf sich! ... Wir sollen lieben oder hassen im Leben – aber wir sollen uns nicht verkaufen – auch nicht der Moral ... Es gibt nur eine Pflicht – und das ist die lebendige Pflicht ... Hier liegt mein totes Kind ... Und jetzt beginnt für mich die tote Pflicht, die keine Pflicht mehr ist ... Und nun lassen Sie mich! Ich will mein Kind wenigstens im Tode noch einmal ganz allein besitzen – denn ich habe sie doch ganz allein geliebt ... Leben Sie wohl!«


Während die Wagen angespannt wurden, standen Falkner von Öd und Modeste Romeit in der geöffneten Haustür. Mitternacht war längst vorüber. Am weißen Himmel frostglitzernde Sterne. Die Blumenbosketts des Gartens sandten den letzten weichlichen Resedageruch. Es war wie ein Kirchhofshauch.

»Diesmal hat's doch gereift,« sagte er gleichgültig.

Modeste sah ihn nur wortlos an. Noch immer dieselbe stutzerhafte Eleganz, dasselbe unbewegliche Monokel. Aber das Gesicht war verwittert derweil.

Er rieb sich die Hände. »Kalt ... Eisig kalt! ...«

Die junge Frau zuckte die Achseln.

»Ja, meine gnädige Frau, man wird alt, denkt nur noch an sich.«

»Aber ich bitte Sie, Herr von Falkner, in solcher Stunde!« antwortete sie nervös.

»Weil jemand gegangen ist, noch ehe er die letzte Enttäuschung erlebte? – Das sollte uns neidisch machen, aber nicht traurig ...«

»Hat das Judith um Sie verdient?« fragte Modeste bitter.

Er lächelte kühl. »Nachdem ich meine besten Jahre einer Illusion geopfert habe, soll ich da gleich wieder von vorne anfangen? ... Ich weiß sehr wohl, daß ein reines, edles Geschöpf gestorben ist, dem ich niemals wert gewesen wäre, die Schuhriemen zu lösen,« fuhr er ernst fort ... »Aber was hat mir das schließlich genutzt? – Und im Grunde unsers Herzens sind wir alle Egoisten – Sie zu allererst, meine gnädige Frau! ... Nur mit dem Unterschied, daß Sie den Egoismus an der vernünftigen Stelle haben, wo er Sinn hat, wo er Leben schafft ... Ich bin fertig, so fertig, daß ich nicht einmal einer vornehmen Wallung mehr fähig bin. – Oder können Sie verlangen von einem verbrauchten Menschen, daß er die ekle Schlackenkruste mit einem Ruck sprengt, wieder er selbst wird – während er in Wahrheit doch nur noch Schlacke ist? ... Wähnen Sie nicht etwa, daß ich scheunigst gehe, die einzige vernünftige Konsequenz meines Lebens endlich zu ziehen! ... Im Gegenteil – ich werde noch lange leben, ungefähr wie ein vermorschter Erlenstumpf im Sumpf. Man hält ihn schon längst für tot, und er vegetiert immer noch ... Ich habe auch gar keine Ambitionen auf den Himmel, wie andre gute Menschen und reuige Sünder. Der Himmel ist mir ein degoutanter Aufenthalt mit all seinen Moralfatzken und tugendhaften Gänsen. – Nein – in diesem Punkte bin ich wie mein Onkel, der sich die Predigt verbat und den Grabschmuck! Ich will ein ruhiges Grab, aus dem mich auch das Jüngste Gericht nicht scheucht ... Man hat so Lieblingsvorstellungen. Meine ist seit einiger Zeit: an der See zu schlafen mit dem gleichmäßigen Auf und Ab der Brandung, und der Dünensand über und um einen unaufhörlich rinnend, ohne Ziel, ohne Zeit ... Ich bin eben ein alter Mann.«

Darauf starrten sie beide hinaus auf die litauische Ebene, die so tot und stumm sich streckte wie die Wüste. Der Neumond sank, sein Gespensterlicht verblich ... Die Wagen fuhren langsam vor. Aber die Romeitschen Braunen wieherten froh, während die Falknerschen Füchse abgetrieben den Kopf senkten.

Falkner von Öd reichte Modeste die Hand zum Abschiede. Schon auf dem Tritt, während er die Fahrhandschuhe zuknöpfte, rief er noch einmal hinüber zu dem andern Wagen: »Da haben Sie ja das beste Exempel – meine und Ihre Pferde ... Allerdings bin ich von Insterburg durchgetrabt. Die Welt dreht sich eben. Und vielleicht ist es gut, daß sie sich dreht.«

Modeste wurde es ganz dumm im Kopf, während sie so dahinfuhren. Vorn der Eyseliner Jagdwagen, die abgejagten Tiere im müden Trab – dahinter ihr eignes Gespann, das nach Hause drängte. – Aber wenn die Füchse in Schritt fielen, parierte auch der Ellersche Kutscher sofort zum Schritt durch. Es war die Hochachtung vor dem Baron und dem Herrenhaus, die den Leuten nun einmal angeboren.

Wo der Weg nach Eyselin abging, hielt Herr von Falkner und stieg aus.

»Warum sind wir eigentlich nicht in einem Wagen gefahren?« fragte er mit spöttischer Verwunderung. »Es wäre wahrscheinlich pläsierlicher gewesen ...« Dann zeigte er nach Barginnen hinüber, wo noch alle Lichter flammten. »Die haben offenbar noch nicht ausgefeiert! ... Möchten Sie zurück?«

»Nie!«

»Das ist recht, meine Gnädige ... Ich möchte auch nicht mehr zurück ... Aber die Siegerin sind Sie! Wir andern alle sind Besiegte ...« Er nahm denselben weißen Karton aus der Tasche, den er auch Frau von Bussard gereicht. »Lesen Sie ruhig und denken Sie Ihr Teil! ... Behalten können Sie das Dokument auch ... Sie sollen mich nicht etwa verstehen. – Ich verstehe mich ja selbst nicht mehr. – Aber wenn einmal Liebhabertheater gespielt werden sollte in Ihrem Hause – dann können Sie den Wisch nutzbringend verwenden ... Nun bin ich auch endlich dieses Andenken los ... Adieu.«

Er schritt müde zu seinem Wagen zurück – sie aber fuhr weiter nach der neuen Heimat. Unterwegs entfaltete sie ohne Neugierde mechanisch das Papier. – Es war eine kurze französische Geburtsanzeige. Darunter ein Name, schwindelnd vornehm, aber von ganz fremdem Klang. – In einer Ecke von Frauenhand gekritzelt: »O mein Freund, was bin ich doch glücklich! ... Das Schicksal hat alles so wunderbar gefügt. Den ich einst haßte, bete ich jetzt an ... Oh, es war doch sehr gut, sehr gut! ... Wissen Sie noch? – Ich fahre manchmal entsetzt aus dem Schlummer ... Wenn, wenn ... Es wäre ja gewiß schön gewesen – aber so ist es doch besser ... Was hab' ich Angst ausgestanden, daß Sie mir doch noch einmal schreiben könnten und er den Brief finden! ... Sie sind natürlich längst glücklich mit einer andern ... Sie haben das leichte Blut, das vergißt. – Ich vergesse nicht – niemals ... Aber schicken Sie mir unter allen Umständen meine Briefe zurück! ... Das Heiligenbild aber, wie Sie es nannten, behalten Sie zum Andenken an einen reizenden Rivierafrühling ... Ich liebe übrigens ›Veilchen‹ nicht mehr ... Das Parfüm hat so was Gretchenhaftes – und ein Gretchen, mein lieber Freund, bin ich eben nicht mehr ... ›Er‹ wird bestimmt Botschafter in Petersburg – und ich hoffe zur Saison wieder ganz au fait zu sein ... Beantworten Sie diesen Brief, bitte, nicht! ... Und empfangen Sie einen letzten freundschaftlichen Händedruck

von Ihrer überglücklichen

Marguérite.«

Modeste sank die Hand. Das also war das Gnadenbild, zu dem der Sünder immer reuig zurückkehrte!

Und sie wandte instinktiv den Kopf zurück, wo Eyselin und Barginnen immer kleiner wurden, schemenhaft – verrinnend wie ein Spiel der Phantasie. Aber als sie wieder vorwärts blickte, da erkannte sie so deutlich das kleine Wohnhaus, und ein einsames Licht leuchtete ihr entgegen – und immer wärmer und heller, je näher sie kamen ... Und es berührte sie wunderbar, wie alles, was ihr einst groß geschienen, auf einmal so klein wurde, zusammenschrumpfte – tot, lichtlos, zerrinnend ins Nichts. Aber das Kleine wuchs und wuchs und strahlte hell und licht, als zeige es ihr den neuen Lebenspfad.

Und als sie auf den Hof fuhren, sprangen froh wiehernd die kleinen krummen Klepper – und als sie vor dem Wohnhaus abstieg, stand Herr Romeit auf der wackligen Holzveranda und sagte: »Endlich! Ich wollte schon nach Bussardshof reiten ... Guten Morgen, Schatz!«

Und drinnen in dem warmen gemütlichen Zimmer dampfte die alte Berzeliuslampe, auf welcher der Inspektor Romeit dem Fräulein vom Schloß einst Tee gekocht. Und der Duft von alter Heimat und junger Liebe füllte den Raum.

Modeste erzählte von dem rührenden Tod und der öden Fahrt. Und sie wollte weinerlich werden über das Stück glückloser Menschheit, das wie ein langer banger Schatten heute an ihr vorübergezogen war. – Und sie konnte nicht weinen, so schwer ihr auch das Herz. Jung und stark, wie sie war, glitten Tod und Schicksal doch nur wie Gespenster an ihr vorüber, die man nur anzurufen braucht, und sie zerflattern in nichts.

Und dann küßten sich und freuten sich die beiden jungen, liebenden Menschen und freuten sich angesichts des Todes wie törichte Kinder. Und das Leben gab ihnen recht!

»Übrigens ist ja noch ein Brief für dich da – ein Geschäftsbrief. Er sieht wenigstens so aus ...«

Modeste hielt das Kuvert mißtrauisch gegen das Licht. »Morgen, Schatz, morgen! Es ist ganz gewiß kein Liebesbrief.«

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.