Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Johann Richard zur Megede: Modeste - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Richard zur Megede
titleModeste
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid561f31cc
created20070114
Schließen

Navigation:

20

Der kleine Bahnhof, auf dem die Fohlen ankommen sollten, lag wohl drei Meilen weit von Barginnen. Darum hielt schon morgens um sechs Uhr der Jagdwagen vor dem Schloß. Die jungen Braunen knirschten ins Gebiß, der neue Kutscher mit seinem Tressenhut saß steif und hochmütig, die Peitsche kerzengerade auf dem Schenkel. – Seit einigen Wochen schien nämlich ein Geist der Verschwendung über Barginnen gekommen. Zur Verwunderung von Mutter und Töchtern war dem Alten nichts mehr feudal genug. »Es ist nun einmal der Zug der Zeit, gegen den ich mich lang genug gesträubt habe,« pflegte er zu sagen. »Und wer der Zeit dient, der dient bekanntlich ehrlich, Kinder!«

Er gestattete auch heute nicht, daß sich Modeste auf den schmalen Rücksitz setzte, um Vater und Schwester den bequemen Fond zu lassen, wie natürlich. »Nein, Modestchen, da laß mich hin! Damen gehören immer in den Fond,« belehrte er lispelnd. »Ich habe neulich gesehen, wie der alte Graf Tramburg bei geschlossenem Landauer in einem wahren Hundewetter neben dem Kutscher auf dem Bock saß, weil sonst wahrscheinlich die Kindergärtnerin das etwas feuchte Vergnügen hätte haben müssen... Wenn man gewissermaßen zum Adel gehört...« Die Schwestern sahen sich verwundert an – »Das heißt natürlich seiner königstreuen Gesinnung und den Familientraditionen überhaupt nach,« verbesserte er sich voll Würde und stieg steifbeinig ein.

Im letzten Moment jedoch sprang Modeste schnellfüßig zum Kutscher auf den Bock und rief: »Fort, fort! Ich markiere heute zur Abwechslung den alten Grafen Tramburg – und der Papa zur Abwechslung die siebzehnjährige Kindergärtnerin.«

Darauf ließ sich der Alte freundlich knurrend im Fond nieder. »Ist doch 'ne nette Marjell – 'ne nette Marjell! ... Immer lustig, immer schick! – Du dagegen, Frida, immer muffig! Kann das nicht leiden. Strahlender Sommermorgen und solch gekniffenes Gesicht...«

»Ich wollte ja auch gar nicht mit,« erwiderte Frida achselzuckend.

»Jetzt bist du aber mit – und nun mach auch gefälligst das Gesicht danach!«


Es war in der Tat ein strahlender Sommermorgen. Die Sonne hell und heiß am hohen Himmel, über der lachenden Flur der frische Tauduft, das feuchte Windfächeln. Soweit das Auge reichte – Leben, Licht. Das Korn stand in Hocken – gelb, dicht, ein erdrückender Erntesegen. Unter surrender Sense sank der ährenschwere Weizenwald. Und der Hafer zischelte froh, und die Gerste wogte weich. – Es war fast derselbe Weg, den Modeste im Herbst mit Herrn Romeit gegangen: der Sommer hatte gehalten, was der Herbst einst versprochen... Und wieder mischte sich mit dem süß-starken Geruch der reifenden Frucht der dumpf-schwere Brodem der Brachen. Es war wie ein Memento. – Und Modeste starrte finster vor sich hin. Das Leben war doch eigentlich nichts als eine einzige große Treulosigkeit und Lüge. Sie dachte an den Ritt gestern mit Herrn von Mieritz, an ihre seltsam wechselnden Stimmungen. Ein Wunsch, kaum gewünscht – und schon bebte sie vor der Erfüllung. – Auch Herrn von Mieritz liebte sie ganz gewiß nicht!

Wo der Eichenwald wie eine dunkle Zunge in die Fruchtebene hineinleckte, kamen schwerschwankende Erntefuder angetrabt. Staub wallte über goldigem Flimmer.

»So 'ne Ernte tut dem Herzen wohl!« lispelte der Alte, und Frida, die das Land nun einmal nicht liebte, nickte gleichgültig dazu.

Aber Modestes Blick suchte zwischen den Waldbäumen hindurch nach der großen Blöße mit ihren singenden Stämmen. Ob sie sich noch so fest umschlungen hielten wie damals im Frühling? – Und sie mußte selbst über ihre Kinderei lächeln.

Bei den Roßgärten am Vorwerk ließ der alte Lindt halten. Die Jährlinge rupften emsig die mager gewordene Weide. »Ja, heute möchte ich den Romeit so bei der Hand haben!« brummte er. »Hat zwar die Absatzsohlen nicht gekauft, aber weiß Gott, ob sie was taugen. Ist und bleibt doch Schwefelbande, die Kerls!«

Modeste wandte sich wie gelangweilt weg: »Warum halten wir eigentlich hier? Wegen dieses miserabeln Jahrgangs, den dir der Händler angeschmiert hat und von dem die Hälfte hustet?«

Der Alte winkte resigniert dem Kutscher, weiterzufahren. Aber gerade jetzt schaute das schöne Mädchen heimlich zurück nach den Roßgärten – und wie diesmal eine Zweijährige aus der weidenden Schar sich löste und hellwiehernd mit gehobenem Schweife den Drahtzaun entlang nachgaloppierte... Dies Bild hielt sie am längsten. Und das Mädchenträumen, das sie doch so klug begraben, kam in törichten Wellen über sie... Wenn »Er« zurückkäme – aber nicht als Inspektor, sondern als vornehmer Mann, meinetwegen sogar als Königssohn, der so lange Verstecken gespielt wie im Märchen, nur um die Angebetete zu erproben... Und wenn dann der Alte mit öligem Lispeln zu ihr sagte, diesmal aber sehr freundlich: ›Liebe Modeste, Herr Romeit, alias Graf Tramburg von der märkischen Linie, bittet um deine Hand...‹ – Modeste, der diese Phantasie sehr lebendig geworden, war sich ganz klar, daß sie trotz des feindlichen Abschieds den Verlornen warm, sehr warm an ihr Herz drücken würde – und nicht nur, weil es ein wirklicher Graf!

Aber als sie über ein Stück Steinpflaster auf dem neuen Vorwerk rasselten, erwachte sie aus ihrem Traum. Sie erkannte sehr wohl die Stelle, wo Herr Romeit damals aufgestiegen war – doch es wurde ihr nüchtern zu Sinne. Und als der Alte, auf einen Reiter zeigend, der sich scharf von dem Horizonte abzeichnete, mit Respekt sagte: »Das ist der Baron aus Eyselin! Hat sich allerdings ganz eingekapselt und verkehrt nur noch mit Berliner Kameraden – aber das muß ihm der Neid lassen: was er anfaßt, das geht. Kolossalen Blick, der Mensch, auch in der Landwirtschaft!« – Da schaute Modeste fast höhnisch drein, und ein häßliches Wort schwebte ihr auf der Zunge. Der gute Traum verflog dem Stern von Barginnen immer gar rasch vor der bösen Wirklichkeit.

Dann kam ein sandiger Weg. Die Sonne fing an zu brennen. Während die Räder mahlten und die Pferde prusteten, überkam Modeste ein Gefühl tödlicher Müdigkeit. Wie durch einen Dunstschleier glitten hüben und drüben die Felder vorüber. Korn und wieder Korn, die langen Hockenreihen einförmig, endlos – dann Weizen, aber dürftig, von Kornblumen ganz blau – zuletzt Lupinen mit dem süßlichen Duft.

»Halten Sie einen Augenblick, Friedrich!« mahnte der Alte. »Es sind teure Pferde.«

Modeste erwachte aus ihrem Halbschlummer, sah sich verwundert um. Ihr erster Blick fiel auf den Vater mit den beiden tief eingegrabenen Geizfalten und die Schwester mit den blassen Augen und dem mürrrischen Mund. Weiter die schwer keuchenden Pferde und das armselige Lupinenfeld – alles getaucht in Glut und Schweigen. Und da überkam sie eine Angst vor der Zukunft, vor sich selbst, daß sie wie verstört murmelte: »Herr Gott, laß mich doch nicht in dieser Einöde verkommen!«

Der Alte sagte gerade freundlich: »Schlaf nur ruhig weiter, Modeste! Es ist nicht mehr weit.«

Aber Modeste schlief nicht mehr. Sie schaute unverwandt nach dem dunkeln Waldstreifen, der das Ziel sein sollte und der schemenhaft an dem weißlich zitternden Hundstagshorizonte aufstieg.

Endlich! – Noch ein lehmiger Hohlweg, ein Aufstöhnen der Federn in den ziegelharten Geleisen. Dann blitzten Schienenstränge, eine Rangiermaschine dampfte schwerfällig. Zwischen hellen Kiefernstämmen tauchte das rote Dach der Station auf.


Es war ein verlorener Posten offenbar. Ein verwaschenes Bahnhofsgebäude – ein brauner Güterschuppen. Gegenüber der schmierige Krug, hinter dem Plankenzaun des Hofes grunzende Schweine. Sonst nur schwüler Kiefernwald und dürstende Ebene.

Am Güterschuppen standen die Fohlenwaggons. Die Hufe dröhnten, das Wiehern hallte. Auf der Holzrampe davor schwitzende Arbeiter, dazwischen eine fettige Uniformmütze. Durch den hellen Laut der geängstigten Tiere der dumpfe Knechtsfluch. – Etwas abseits hielten zwei Reiter, von den Waggons halb gedeckt. Ein Fuchs und ein Rappe, beide unruhig schnaubend, vom schwirrenden Ungeziefer gepeinigt. Plötzlich teilte der Fuchs hoch aus, und der Rappe scheute im Sprunge zur Seite.

»Ja, bleiben Sie nur in respektvoller Entfernung, Herr Romeit!« sagte eine Herrenstimme. »Weiß der Teufel, was mit dem Schinder los ist! Er hat mir gestern nacht schon die ganze Box zerteilt.«

»Er verträgt die Bremsen nicht, Herr Baron,« antwortete Herr Romeit. »Aber das ist noch ein Waisenknabe gegen den Rapphengst hier, den ich nicht mal mit Sporen reiten kann, so kitzlich ist er. Heute hab ich's allerdings zum erstenmal wieder versucht. Lernen muß er es schließlich doch.« Dabei berührte das linke Sporenrad tastend die Weiche; das Tier begann auf der Stelle zu steigen. Aber sein Reiter lachte hart. »Entweder du oder ich! Wir werden ja sehen.«

In dem Augenblick fuhr der Barginner Wagen vorüber. Modeste empfand eine Anwandlung von Schwindel. Eine Begegnung mit den beiden Männern – unmöglich! ... Dann dachte sie wieder an Fridas hämisches Lächeln und sagte für sich: »Ich werde es ertragen – ich will's sogar!« Sie saß auf einmal kerzengerade, die Augen kalt, die Lippen geschlossen.

Als sie zu dem Bahnhofsbüfett gingen – eine Schale mit Soleiern, ein Teller mit Flundern, neben den Schnapsflaschen der einzige Luxus –, tauchte der alte Eller seelenvergnügt aus dem schalen Bierdunst auf. »Ah, sieh da! Das Schloßfräulein. Die Gradlauker Haltestelle wird Mittelpunkt der eleganten Welt.« Er fuchtelte mit einem Tischmesser. »Daher auch die schönen Flundern! ... Ich sitz' hier schon seit Uhre sieben und verschling' immer einen Fisch nach dem andern, und immer gewissenhaft auf jedes Flunderchen ein Tulpchen gesetzt. – Die tüchtigen Landwirte wie der Eyseliner und der Romeit, die laden in der Zwischenzeit ihre Füllen aus. Ich hoff', sie werden bei der Gelegenheit meine paar Dingerchens auch mitnehmen... Nur immer langsam voran! Der Romeit hat sich schon glücklich die Kehle heiser geschrien, und der Baron ist infolgedessen womöglich noch um einige Grad vornehmer geworden. – Hören Sie doch nur! Diesmal aber schreit zur Abwechslung der Baron.« Der kleine bewegliche Herr öffnete auch gleich das Fenster und rief über die Schienen weg nach dem Güterschuppen zu: »Romeit, Mensch, lassen Sie doch dem Kreth, dem Rappen Luft! Er schmeißt sich sonst hintenüber.«

»Das hab' ich ihm auch gesagt,« hallte Herrn von Falkners Stimme zurück. »Er will aber nicht nachgeben, und wenn er sich den Hals dabei brechen sollte.«

»Na, die Geschicht' wird gut!« rief der alte Eller wieder. »Sind Sie lebensüberdrüssig, Romeit?«

Doch der Reiter antwortete nur mit einem verbissenen Fluch. Unwillkürlich hatten sich alle vier zum Fenster gedrängt, das aufregende Schauspiel zu sehen. Herr Romeit hielt auf der Holzrampe dicht vor den Waggons, tief aus dem Sattel gebeugt, ein Fohlen am Halftergurt zerrend, das wie wahnsinnig schnob und bäumte. Und der junge Rapphengst, unruhig von dem dumpfen Hallen der Hufe auf dem Holz, von dem Wiehern und Schreien in den Waggons, begann zu steigen, zu schlagen; und je mehr das Fohlen sich mühte, loszukommen, um so fester umklammerte der Schenkel des Reiters das eigne Pferd. – Der erste scharfe Sporendruck, vielleicht ungewollt – und der Hengst stand kerzengerade... Eine Bewegung noch – und er begrub, sich überschlagend, den störrischen Reiter... Modeste stand das Herz still.

»Das Fohlen loslassen!«

»Dem Gaul mehr Luft!«

Aber Herr Romeit wartete weder den wohlgemeinten Zuruf des alten Eller noch die Warnung Herrn von Falkners ab, sondern auf die Gefahr hin, in der nächsten Sekunde ein verstümmelter Leichnam zu sein, stieß er jetzt dem Tier die Sporen tief in die Weichen. – Ein Moment des Stutzens, der Modeste den letzten Blutstropfen aus den Wangen trieb – dann schoß das Pferd in langem Sprunge davon. Von der Rampe auf die Schienen, wo dem fast erwürgten Fohlen das Halfter riß – über die Schienen weg, auf den Plankenzaun des Kruges zu... Der Reiter, der seine Geschicklichkeit und seine Vernunft wiedergefunden zu haben schien, versuchte zu parieren. Vergebens!

»Er geht dir aus der Hand – er geht dir aus der Hand!« rief in dem Augenblick Modestes Stimme.

Die Antwort: das schwere Krachen von Holz – ein dumpfer Fall...

»Um Gottes willen, er ist tot!...« Modeste schrie es fast.

Einen Augenblick später aber galoppierte der Durchgänger drüben auf der Waldwiese weiter, blutend, das Zaumzeug zerrissen, sein Reiter noch im Sattel, aber schwankend, ohne Bügel... Beide verschwanden im dichten Stangenholz.

Modeste tanzten die Lichter vor den Augen... Sie mußte sich setzen, um nicht ohnmächtig zu werden; auch die andern standen wie versteinert. – Nur Herr von Falkner war ruhig drüben halten geblieben und klopfte seinem Fuchs den Hals.

»Warum reiten Sie ihm nicht nach, Herr Baron?« rief der alte Eller, empört über diese Gleichgültigkeit.

»Weil es alte Reiterregel ist, mein lieber Herr Eller: niemals nachreiten! ... Oder soll ich ihm den Schinder noch verrückter machen, daß er sich und ihm den Schädel unbedingt einrennt in dem Stangenholz?« Zugleich zu den Leuten: »Jetzt fangt mir erst das Fohlen ein, Kerls, was davongelaufen ist!« Er selbst aber ritt gemächlich in der Richtung des Waldes weiter.

Indessen war im Wartesaal die schwüle Stimmung etwas gewichen.

»Ich denk', es wird nicht so schlimm sein!« meinte der alte Eller besänftigend.

Herr Lindt pflichtete bei: »Ich dachte im ersten Augenblick, der Gaul würde uns direkt hier ins Fenster gelaufen kommen... Das wär' 'ne nette Geschichte gewesen!«

»Siehst du, das kommt von Landpartien!« meinte Frida schnippisch.

Aber Modeste fragte, immer noch auf dem Stuhle sitzend, wie geistesverwirrt: »Sagen Sie, Herr Eller, ist er tot oder nur schwerverwundet?«

Der alte Eller lehnte sich darauf weit aus dem Fenster und machte ein tiefbekümmertes Gesicht, als er zurückkehrte: »Tot! Mausetot!« – Modeste biß die Zähne zusammen – der alte Vokativus aber fuhr pfiffig blinzelnd fort: »Das heißt: dahinten kommt er gerade angewankt – zwar nicht mehr hoch zu Roß und etwas schwankend, aber sonst ganz kreuzfidel... Der Baron hat ihn sich doch noch gegriffen. – Und jetzt, wo alles so glatt abgegangen ist, muß der Kreth auf der Stell' 'ne Bowle stiften! Hatt' nämlich behauptet, daß ihn kein Schinder in seinem Leben unterkriegen würde. Ja, ja... Hochmut kommt vor dem Fall...«

»Oder besser: Unkraut verdirbt nicht,« korrigierte der alte Knochenmehlhändler.

Modeste war aufgestanden. »Wo ist er? Ich möchte...« Da besann sie sich zur rechten Zeit und machte ein verdrießliches Gesicht. »Es ist alles diese gräßliche Hitze... Geben Sie mir doch ein Glas Selters!« – Sie vermochte aber nur in ganz kleinen Schlucken zu trinken. Während sie so scheinbar gleichgültig dasaß, horchte sie doch auf, als der alte Eller erzählte, daß Herr von Falkner dem Romeit die Stelle bei dem Grafen Tramburg persönlich besorgt habe. »Kriegt ungefähr das Doppelte wie bei Ihnen, Herr Lindt! – Daran können Sie übrigens die echten Edelleute erkennen. Wenn die auf einen was halten, dann tun sie auch was für ihn – und zwar ganz ungebeten. Denn der Tramburger Graf hat sich den Romeit geholt, und nicht der Romeit den Grafen.«

Später kam Herr von Falkner selbst in den Speisesaal, begrüßte flüchtig die Damen und nahm sich den alten Eller vertraulich in eine Ecke. »Also, liebster, bester Herr Eller, ich habe mir einen kleinen Übergriff gestattet und über Ihren Wagen auf eine Stunde disponiert. Der Romeit nämlich wollte durchaus auf dem total lahmen Gaul noch nach Hause reiten – das wäre aber Tierquälerei gewesen für beide Teile – und da habe ich den guten Mann in Ihren Wagen gepackt. Es ist ja nur ein Katzensprung bis nach der Tramburg. Entweder kommt er nun mit einem heilen Anzug zurück, was aber Blödsinn wäre, denn seine Leute werden mit den paar Fohlen schon allein fertig – oder er legt sich einige Stunden aufs Ohr, was ihm bei dem Sturz nichts schaden könnte... Sagen Sie mal: was war dem Kerl eigentlich auf einmal? Wie von der Tarantel gestochen!.... Sonst so 'n vernünftiger, ruhiger Reiter, um den 's jammerschade ist, daß er nicht Kavallerist geworden.«

Der alte Eller dienerte und schmunzelte. »Aber Herr Baron, gibt ja für mich gar keine größere Ehr', als wenn Sie über meinen Wagen verfügen! Und was den Kreth, den Romeit, anbetrifft – der ist und bleibt dammlig!«


Die Herrschaften wandelten später noch gemeinsam nach dem Kruge hinüber, wo der alte Eller, der trotzdem der erste auf dem Platze gewesen war, seine und die Lindtschen Fohlen bereits eingestellt hatte. »Hab' ihnen noch ein Huschchen Klee geben lassen. Drei Meilen Landweg, und dann die Sehnsucht nach der Mutter... So'n Pferdsmarkt ist doch eigentlich 'ne Grausamkeit! Das verzweifelte Gewieher von der kleinen Gesellschaft und das Halftergereiße von den Stuten... Eh!« Dann wandte er sich zu Modeste: »So still heut, gnädiges Fräulein? ... Ja, die Damen haben eben alle Nerven! Das gab's zu unsrer Zeit nicht. Das sind so neumodische Erfindungen, wie das Telephon und der Telegraph und die ›Elektrische‹. Ich in meinem Bauernverstand mein' immer: früher, wo die Leut' in der Postkutsch' bei jedem Lehmloch sich gleich umzech um den Hals fielen, da gab's weniger Nerven, aber mehr Verlobungen. Nicht wahr, Herr Lindt? Sie sind doch auch noch aus der Postlutschenzeit? Oder haben Sie es vielleicht vorgezogen, als G'noss' Ihr Reisebündel zu Fuß spazierenzuführen, wie mein Onkel selig, als der ausgerechnet in Zinten oder Drengfurt den Großhandel erlernen wollte? ...«

Solche Anspielungen auf seinen früheren Stand waren Herrn Lindt von Herzen zuwider, wenn er mit einem Edelmann zusammen war. Er ging gerade im Stall zwischen den Fohlen umher, hier und da ein Tier mit dem Stock berührend, mäkelnd. Er hatte ein instinktives Mißtrauen gegen jeden Handel, den er nicht vollkommen beherrschte. Und auch später sah er nur mit widerwilliger Anerkennung die Eyseliner Jährlinge auf der Rampe des Güterbahnhofs stehen.

»Haben Sie gekauft, Herr Baron?«

»Nein. Herr Romeit. Der billigste kostet aber auch fünfhundert Mark.«

Der alte Lindt schüttelte darauf den Kopf. »Ja, Sie können forsch 'reingehen, Herr Baron! Aber unsereiner – so 'n armer Schächer...«

Da zuckte Herr von Falkner nur die Achsel und wandte sich gleichgültig weg.

Während sie so hin und her gingen – von der Station zum Kruge, vom Kruge zum Güterschuppen – eigentlich gelangweilt, bloß um die Zeit totzuschlagen, hatte Modeste unauffällig gefragt, wie weit die Tramburg und ob der Ellersche Wagen schon zurück sei. Als darauf der alte Herr Eller zur Antwort auf seine Pferde zeigte, die eben abgesträngt wurden, blieb der Stern von Barginnen nachdenklich stehen.

»Ellerchen, sagen Sie doch den andern, daß ich in den Krug gegangen wäre, um wegen des Mittagessens nachzusehen und auch mich ein Viertelstündchen vorher hinzulegen! Es war doch ein bißchen heiß. Und dann die Fahrt, und der Vorfall mit dem Pferde. Schließlich ein Mensch, den man wenigstens gekannt hat...«

Der alte Eller faßte schmeichelnd ihre Hand. »Und Sie sind und bleiben die Beste, gnädiges Fräulein! ... Denn wenn's auch nur einer von der Schwefelband', den Inspektoren, war, wie Ihr gutes Väterchen immer so treffend bemerkt, 'n Mensch war's doch – sogar ein hervorragend anständiger Mensch.«

Er richtete auch Modestes Entschuldigung umständlich aus, allen bis auf Herrn von Falkner, der gleich weggeritten war.

»Ja, sie ist doch nervös,« brummte der alte Lindt. »Auch 'n Zug der Zeit. Gehört gewissermaßen zum guten Ton heutzutage ... Und viel zu gutherzig gegen solche Leute! ...«


Modeste hatte derweilen alle Müdigkeit abgestreift. Sie saß in einer schrecklichen Kammer voll dumpfiger Bett- und Kleidergerüche und schrieb. Die verrostete Feder kratzte, das gelbe Konzeptpapier schlug durch. Doch der Stern von Barginnen achtete dieser Warner nicht.

»Lieber Otto!

Ich weiß erst seit heute, wo Du zurzeit bist ... Ich muß Dich noch einmal sprechen – ich muß! Was auch zwischen uns liegt, so kann ich nicht von Dir scheiden fürs Leben. Ich mag undankbar sein, schlecht – wahrscheinlich, ja, sicher bin ich beides! – aber mir ist in den Minuten der Todesangst, die ich heute um Dich ausgestanden, ja eigentlich ausstehe, weil ich nichts Sicheres weiß über Deinen Zustand, dennoch klar geworden, daß ich Dich wirklich liebgehabt habe und Dich noch liebhabe ... Glaube mir das wenigstens!

Natürlich könnten wir uns nur treffen in Königsberg oder in der Nähe von Barginnen. Ich habe Dir viel zu sagen – so viel! Ich habe überhaupt so schreckliche Sehnsucht nach Dir. Dabei muß ich mich aufs äußerste zusammennehmen, um mich nicht zu verraten. Frida paßt auf, Mutter paßt auf, Papa wird nächstens auch mißtrauisch werden. Und dieser gräßliche Falkner sah mich vorhin, als Dein Name genannt wurde, so eigentümlich an, als wenn er alles wüßte ... Vielleicht hast Du ihm auch erzählt, oder er hat Dich gewarnt. – Wenn Du erzählt hättest – es wäre einfach schändlich! Ich müßte Dich geradezu verachten ...

Aber sei es, wie es sei, Du mußt kommen – Du mußt! Vielleicht kannst Du ein großes Unglück verhindern. Ich weiß zwar nicht wie – aber ich habe so eine unbestimmte Ahnung.

Ach, warum bist Du nicht Rittergutsbesitzer oder hießest wenigstens: von – oder ich wäre Kindergärtnerin oder Mamsell?! ... Wir brauchten dann niemand zu fragen. Es wäre gewiß besser ... Jedenfalls komm und schreibe mir genau!

Ich muß schließen. Ich höre bereits unten Fridas Stimme. Sie war immer meine schlimmste Feindin, wie Du ja auch weißt ... Jetzt muß ich mich noch schnell auf dieses schrecklich karierte Bauernbett legen und der Wirtin auch noch etwas vorloben, damit sie alle denken, ich hätte wundervoll geschlafen ... Lügen und wieder Lügen! Ich komme nun einmal beim besten Willen nicht raus aus dem Lügen ...

Wie stets Deine

M... P.S. Laß Dir die Adresse von irgend jemand anders schreiben. Vergiß es nicht! Frida würde sich auch nicht einen Moment genieren, einen Brief von Dir zu erbrechen. Viele, viele Küsse!«

Die List gelang. Als Modeste kurz vor der Abfahrt wie von ungefähr nach dem Briefkasten schlenderte, eine »Postkarte an ihre Königsberger Schneiderin« einzustecken, argwöhnte selbst Frida nichts.

Die Hundstagssonne war im Sinken – da erst fuhren Lindts. Es war derselbe Weg. Modeste schien er ein andrer. Sie fühlte sich freier, leichter. Und darum duftete ihr auch das reife Korn würziger, die Lupine süßer. Und über die weite Ebene floh ein rotes weiches Schimmern – der Abendhauch von Frieden, Ruhe. Es war ein schönes, großes Bild: der Sommertag sich stumm neigend.

Im Schloßhof empfing sie die Mutter. »Die Fohlen sind schon längst da. – Herr von Mieritz kam auch auf eine kurze Kaffeevisite. Läßt sich dir besonders empfehlen, Modeste. Glaubte, ihr wäret bei der Hitze doch nicht gefahren ...«

Der Alte fragte dazwischen: »Nichts Besondres mit der Post?«

»Ach ja, lieber Mann, wieder ein Einschreibebrief. Diesmal aber aus Berlin. Was wollen die Leute nur immer von dir?«

Der Alte lächelte darauf mit Humor. »Ja, was ihr Frauenzimmer doch durch die Bank neugierig seid! ... Was sie wollen? – Vielleicht bin ich zum Ökonomierat vorgeschlagen oder so was Ähnliches.« »Nein, um Gottes willen!« Frau Lindt bekreuzte sich beinahe. »Frau Ökonomierätin. Das wäre ein furchtbarer Titel!«

Auch die Töchter machten instinktiv eine Gebärde des Abscheus.

»War ja nur ein Scherz, Kinder!« lispelte der Alte freundlich.


Zum Abendessen aber erschien Herr Lindt auf einmal feierlich im Bratenrock, das Band zum roten »Adler« im Knopfloch.

»Was ist dir, Papa?« fragte Modeste verwundert.

»Ja, das möchten Sie wohl gern wissen, mein liebes Fräulein Lindt von Barginnen!« lächelte er.

»Lindt von Barginnen: so möcht' ich schon lieber heißen als einfach: Lindt.«

»Und so heißt du auch von heute ab, mein liebes Kind! Der Himmel erhört offenbar deine Lieblingswünsche auf der Stelle ...« Dabei entfaltete er langsam einen knitternden Foliobogen und las wie folgt:

»Des Königs Majestät haben allergnädigst
geruht, den Rittergutsbesitzer Karl Friedrich
August Lindt auf Schloß Barginnen mit seiner
gesamten Deszendenz in den erblichen Adelstand
zu erheben unter dem Namen: Lindt von Barginnen.«

Darauf küßte er feierlich Frau und Töchter, denen echte Rührungstränen über die Wangen rannen, während der Gärtner Strauß, der definitiv zum Livreediener avanciert war, sämtliche Bierflaschen vor Erstaunen fallen ließ.

Der Alte, der in seinem Freudenrausch nichts tragisch nehmen wollte, lispelte nur ölig: »Baldiger Polterabend! Akzeptieren wir das Omen!«

Darauf sah die Mutter natürlich Modeste freundlich prüfend an, während der Vater wohlwollend nickte. Frida starrte auf das Tischtuch mit geheimnisvollem Lächeln. Aber der Stern von Barginnen tat so unbefangen, als könne ihn überhaupt kein Mann jemals angehen.

Als die Schwestern am späten Abend gemeinsam zum Turmzimmer hinaufstiegen, sagte die ältere mit höhnischem Nachdruck: »Er geht dir aus der Hand! Er geht dir aus der Hand!«

»Und wer soll das gesagt oder gerufen haben, liebe Frida?« »Du, liebe Modeste – du!«

»Und daraus folgt?«

»Daß die meisten Leute weniger gut hören als ich – und daß du mit dem Inspektor Romeit intimer gestanden haben mußt, als andre Leute annehmen.«

Modeste sagte eisig kühl: »Und wenn das der Fall gewesen wäre – wen geht das nichts an? ... Im übrigen richtet sich diese Lügengeschichte ganz von selbst, liebe Frida ...«

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.