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Johann Richard zur Megede: Modeste - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Richard zur Megede
titleModeste
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid561f31cc
created20070114
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15

Nun war er endlich da, der volle litauische Frühling! Über Nacht war er gekommen. Die braunen Kastanienknospen gebrochen, das Birkengezweig lichtgrün flimmernd. Das Gras glitzerte von Tau; die Luft nur ein weicher Hauch. Die Lindenallee wie ein großer, dichter, schwatzender Starenschwarm. Und der Himmel so hoch und hell, die weißen Wölkchen wie Möwen auf blauender See. – Er kommt so rasch, der ostpreußische Frühling, so stark! Er hat etwas von der jungen Offenbarung. Was gestern noch traurig herniederhing im schweren Wintertraum, das hebt morgen schon das lichte Antlitz zum holden Frühlingserwachen.

Modeste ging nach dem Stall. Sie schien mißmutig. Die Schwester Frida aus Königsberg war wiedergekommen. Der alte Streit würde wieder beginnen, der Streit, in dem Frida schließlich glänzend gesiegt hatte. Der braune Unhold zottelte neben der Herrin, so recht tolpatschig und voller Streiche, wie ein Bengel in den Flegeljahren. Sobald ein unglückliches Huhn aufgackerte, stürzte er wie ein Rasender davon, erwischte das Huhn zwar nicht, aber schlug selbst einen Purzelbaum. Später wollte er dem Sommerrappen im Stall zu Leibe, der aber die Ohren ankniff und auskeilte.

»Du sollst doch artig sein!« rief Modeste. Er aber sah seine Herrin nur schalkhaft blinzelnd an und begann sofort hinter der Futterliste nach Mäusen zu schnüffeln. – Der zweite Kutscher trug eben eine Häckselschwinge herbei. »Wo ist der Inspektorbraune, Fried?«

»Der Herr Inspektor hat schnell nach dem Vorwerk ´rüber müssen ... Aber gnädiges Fräulein möchten auf keinen Fall den Sommerrappen nehmen! Er hat zwei Tage gestanden und keilt sich mit allen Pferden.«

Modeste ging enttäuscht hinaus. Aber sie kehrte gleich darauf zurück. »Satteln Sie ihn doch auf!«

Der Kutscher kraute sich hinter dem Ohr.

»Ich deer' nicht, gnädiges Fräulein.«

»Aber Sie sollen! Ich befehle es.« Sie stampfte mit dem Fuß. Innerlich dachte sie: ›Wirft er mich ab, so wirft er mich eben ab. Aber nur raus, raus!‹

Doch es ging besser, als sie gefürchtet hatte. Der braune Unhold keifte zwar wütend, und der Sommerrappe scheute im weiten Bogen zur Seite – aber sie vermochte doch den Sattel zu halten. Wenige Minuten später ging's im schlanken ruhigen Trab den Feldweg am Schulhause entlang. Der Unhold trottete gemütlich hinterher, mit gelegentlichen Seitenblicken auf die Kiebitze, die hell kreischend sich über die schwarzen Brachen schwangen. Die Sonne stach, der Boden duftete. Der erste, volle Frühlingstag! Aus den Wassergraben gluckste es fein, aus dem verwitterten Stamme der Kopfweiden quoll es grün. Das Schilf im Sumpfloch hob seine lichten Spitzen... Das Keimen, Sprossen, die ganze Urkraft der neugeborenen Natur rang empor, füllte das All mit frohen Hoffnungsfarben, keuschen Kinderlauten. Und wie aus der jungen Knospe die junge Blüte drängt, so heischt das junge Leben die junge Liebe... Als wenn das ganze All nur dieser eine Trieb hoffnungsfreudig durchbebte! – Der göttliche Trieb, der einzige, weil er allein Leben zu Leben schafft – so durchrieselte Modeste Lindt auch das Dunkle, Ahnungsvolle, Köstliche... Lenz und Liebe, holdlächelnde Kinder des Glücks!

Der Sommerrappe fiel von selbst in Schritt und senkte die Nüstern nach dem frischen Grasduft, der Unhold setzte sich nachdenklich an das Sumpfloch, sah die Blasen aufsteigen, hörte das Schilf flüstern, wie ein echtes Kind, das das Werden nur zu ahnen vermag. Dann betrachtete er erbost den Storch, der so schulmeisterlich durch die Saat stolzierte, und die Raben, die krächzend mit den Flügeln schlugen. Modeste schaute träumerisch. Es war ein verzaubertes Land ringsumher. So viel Hoffen, so viel Leben, so viel Glück! Sie sog die schwere, süße Luft ein wie eine Dürstende. »Ich will auch leben, auch lieben!« rief sie. Sie ließ das Tier zum Galopp anspringen, schwang die Peitsche, jauchzte, der Rappe konnte sich gar nicht genug strecken... Und dabei diese prickelnde Sonne, dieses dumpfe Sehnen, dieser Lebenstrieb, der die ganze Natur durchpulste! Aus dem Sumpfwasser stieg es, aus den Lüften zischelte es, mit dem Kiebitz schrie es. Die ganze Ebene überhaucht von dem goldigen, duftenden Brautschleier des Frühlings... Sie hatte kein Ziel, sie wußte kaum, wohin sie ritt – es ging ja dem Leben entgegen, dem Zauberwald, den die Klugen mit offenen Augen langsam durchreiten – und sie sehen ihn nicht; und den die Toren mit blöden Augen frohlächelnd schon von ferne grüßen – sie sehen ihn.

Plötzlich war Modeste auf der Eichenblöße. Der Sommerrappe trabte vorsichtig zwischen den Stümpfen. Die singenden Bäume hielten sich noch immer fest umschlungen, aber sie sangen leise, ganz leise. Es war ein Frühlingslied, ein köstliches, heimliches, das sie nur sich selbst sangen. – Das Mädchen stieg ab, band das Pferd an einen Baum. Sie selbst aber trat näher, um zu lauschen. Sie legte das Ohr an die Stämme und fühlte, wie sie bebten, raunten; ihr Lied war nur ein Hauch. Aber ist nun jeder erste Frühlingstag ein Wunder, oder jedes schöne Kind eine Fee – auf einmal erkannte Modeste, daß die beiden jungen, schlanken Stämme sich in Liebe umschlangen und daß einst diese Liebessaat die ganze tote Lichtung wieder erfüllen würde mit lachenden, liebenden Kindern.

Es war noch kühl im Wald, winterlich kühl. Aber Modeste sah hinauf zu den hell beleuchteten Fichtenwipfeln und wähnte, es müsse warm sein. Sie setzte sich auf einen Eichenstumpf und wollte Leberblumen pflücken. Bald vergaß sie das Pflücken, träumte ... Plötzlich hob der Sommerrappe zu wiehern an, und drüben im Holz wieherte es zurück. Modeste spähte aufmerksam. Sie sah bald darauf Herrn Romeit, der, träumend wie sie, vom Vorwerk herüberritt. Als er das Fräulein sah, sprang er vom Pferde und kam grüßend näher. Modeste war es eine Enttäuschung. Träume sind immer so viel schöner als die Wirklichkeit. Dann schämte sie sich dieser Wallung.

Sie hielt ihm die Hand hin. »Gut Heil, Herr Romeit... Ich kam eigentlich wegen der singenden Bäume hierher... Am Ende lieben sie sich doch.«

Er sagte nur: »Gnädiges Fräulein reisen bald?«

»Ach so, weil meine Schwester gekommen ist? – Ja, ich werde wohl reisen...« Dann besann sie sich. »Nein, ich reise doch nicht, Herr Romeit! Es ist heute ein Frühlingstag – der erste Frühlingstag. Ich bin wie berauscht. Nächstens sehe ich Elfen oder so was Gutes... Können Sie das verstehen?«

»Verstehen – gewiß. Ich habe mich selbst so gefreut auf den Frühling.«

»Aber Sie sehen keineswegs sehr erfreut aus, Herr Romeit.«

Er faltete die Stirn: »Ich hatte eben wieder eine Unterredung mit Ihrem Herrn Vater...«

Sie hielt die Hände an die Ohren. »Ich weiß, ich weiß! ... Sie haben recht. Aber sagen Sie es nicht!... Oder sagen Sie es doch!... Oder ich will's Ihnen selbst lieber sagen... Bei uns kann eben kein anständiger Mensch aushalten.« Sie machte ein bitterböses Gesicht. »Und mag nun werden, was da will – ich halt's auch nicht mehr lange aus. Der ganze schöne Tag ist mir vergällt, wenn ich an zu Hause denke... Wir trennen uns ja jetzt sehr bald – und werden uns auch sehr bald vergessen.« Er schüttelte den Kopf. »Sie mich also nicht? – Nun, ich Sie vielleicht auch nicht.« Sie trat ganz dicht zu ihm heran. »Ich habe Ihnen einmal etwas gesagt, was ich keinem Menschen sonst gesagt hätte.«

»Und ich, gnädiges Fräulein, habe Ihnen etwas geantwortet, was ich sonst nie einem Menschen geantwortet hätte...«

»Es ist hoffentlich vergessen, Herr Romeit?«

»Nein, es ist nicht vergessen. Es wird nie vergessen werden – nie!«

Modeste wurde es unheimlich, wie der Mann so dumpf, stockend sprach. Sie hätte zu ihrem Pferde zurückgehen mögen, aber sie ging doch nicht. Irgend etwas hielt sie innerlich fest. – Sie sah scheinbar gleichgültig an dem Manne vorüber.

Und als wenn es ein letzter Tag wäre heut, ein Tag, der die Lippen löst und die Herzen öffnet, fuhr er erregt fort: »Sie mögen vielleicht auch denken nachher, wer immer redet und nie handelt, an dem ist doch schließlich nichts dran... Sonst hab' ich's mein Lebtag umgekehrt gemacht. Der Prinzipal damals verendete fast unter meinen Händen – und eigentlich tat's mir leid, daß er nicht verendet ist... Ich bin nicht roh. Aber wenn mir jemand mal wirklich an die Ehre faßt, so vergeb' ich's ihm weder hier noch drüben.« In tiefster Empörung fuhr er fort: »Und nun gar hier! Kein Tag vergeht ohne die häßlichsten Anspielungen. Man kann sich nicht mal wehren. Im Augenblick wird die Sache umgedreht – ich allein bin der übelnehmsche Patron... Ich wundre mich nicht, wenn man schließlich hinter meinem Rücken die Koffer durchsucht – ich wundre mich in Barginnen überhaupt nicht mehr – ich wundre mich nur, daß ich solch ein Feigling geworden bin... Habe ich eigentlich noch eine Ehre? – Ja, ich habe sie – ich habe sie ganz gewiß! Mehr vielleicht als...« Er hielt jäh inne.

Modeste war es dunkel den Nacken emporgestiegen. Das war zu viel. Das durfte sie nicht anhören. Ihres Vaters Tochter war sie schließlich doch! – Und sie antwortete sehr kühl: »Ja, dann hätten Sie allerdings keine Minute länger in dem Hause bleiben dürfen, das Sie so verurteilen...«

»Ja, ich hätte allerdings nicht bleiben dürfen!« Er sprach erbittert, voll Hohn. »Aber Sie, gnädiges Fräulein, hätten mir das nicht sagen sollen. – Sie nicht! ... Sie nicht...« wiederholte er leise mit zuckender Lippe. »Adieu.«

Modeste sah auf. War's der Ton, war's der Mann, so durfte er nicht gehen! – Sie eilte ihm nach. »Herr Romeit!« Er blieb stehen. »Herr Romeit, Sie haben recht, und ich habe unrecht. Ich habe Sie gehalten – und gerade ich hätte Sie nicht halten dürfen! Ich bin nicht blind ...«

Er war zusammengezuckt. »Gnädiges Fräulein...«

Sie aber unterbrach ihn rasch. »Es ist unser Abschied also. Doch Sie sollen nicht denken, daß ich die bin, die ich scheine. Die bin ich nicht – die bin ich ganz gewiß nicht! Sie sind mir ein Freund gewesen, ein so guter Freund... Und wie mein Vater auch von Ihnen scheiden mag – ich scheide von Ihnen mit dankbarem Herzen... Ich werde nicht vergessen, denn ich will nicht vergessen! Den Mann, der das Äußerste zu wagen bereit war, ohne zu fragen warum – den Mann vergißt man nicht. Nein, auch eine Modeste Lindt vergißt ihn nicht, Herr Romeit!« Und getrieben von einem Strom, dessen Quelle sie nicht kannte, dessen Macht sie aber spürte, fuhr sie leidenschaftlich fort: »Ich will Ihnen alles sagen. Auf dem Balle, in dem Zimmer, wo Sie mich trafen, da hat mich der Schurke aus Eyselin geküßt, nicht einmal – nein, viele Male! – ich weiß nicht wie oft. Ich weiß nur, daß ich ihn nicht wiedergeküßt habe, nicht wieder küssen konnte. Aber ich ertrug es willig – ich meinte, es wäre der Verlobungskuß. Er war's nicht – er war etwas Scheußliches! Und dieser Schurke hat's mir noch mit dürren Worten ins Gesicht gesagt: seine Geliebte sollte ich sein. – Seine Geliebte? – Noch jetzt bebt in mir alles vor Empörung, und noch jetzt wünschte ich den Menschen tot zu meinen Füßen hier... Seine Geliebte – und dabei hab' ich ihn doch nie geliebt!« Sie schwieg. Der ganze, junge, schöne Körper bebte. »Und doch bin ich allein schuld! Ich bin eine Lindt... Wir Lindts können ja gar nicht lieben – wir sind ja so bettelarm in all unserm Reichtum... Gehen Sie, Herr Romeit, gehen Sie! Ich bitte Sie herzlich darum.«

Der Stern von Barginnen setzte sich auf einen Eichenstumpf und begann zu schluchzen wie ein Kind. – Es ist ein wundersamer Reiz um eine im lachenden Frühling weinende Frau! – Die singenden Bäume stimmten wieder ihren Liebesgesang an – aber er klang voller, wilder, wie schwüles Frühlingssehnen, wie heißes Liebesgewähren... Und auf einmal fühlte sich Modeste emporgehoben, geküßt, gepreßt, in tödlich starker Umarmung. Sie wollte schreien – die Stimme erstarb. Sie wollte sich losreißen – die Muskeln versagten. Es war ein so dürstender Männermund, so fiebernde Augen, so stammelnde Laute... Sie wollte die weichen Lippen voll Abscheu schließen und öffnete sie doch voll Verlangen. Die Augenlider sanken ihr. Das große, das uferlose Gefühl strömte zu ihr hinüber, zwang sie. Sie küßte wieder – sie mußte. Aber die Frauen küssen bei der ersten Liebessünde – halb Scham, halb Lust. Sie hörte, sie sah nichts mehr – nur die purpurwipflichen Bäume und ihr wild klagendes Liebeslied glitten vor ihren heiß verschleierten Sinnen. Es war eine tiefe köstliche Ohnmacht, deren Dauer man nicht kennt, deren Nervenzittern man nur nachspürt.

Als sie erwachte, war sie allein. Das Pferd wieherte hell – aber die Singbäume waren verstummt. Im Holz der verschwimmende Umriß eines Reiters... Modeste stand auf wie im Traum, band das Pferd los wie im Traum.

Eine Stunde später fand Frida, die auf ihre Art einen Frühlingsspaziergang gemacht hatte, mit Sehnsuchtsgefühlen nach dem Königsberger Paradeplatz und den Gesangsstunden – die Schwester Modeste auf einem Grabenrand im Felde sitzen. Sie hielt den losen Zügel in der Hand, und der verwunderte Sommerrappe zog zuweilen unwillig daran, ohne daß sie es merkte.

»Guten Morgen, Modeste. Schläfst wohl bereits!«

Modeste sah mit eigentümlich leeren Augen auf und fragte wie im Traum: »Was ist eigentlich Liebe, Frida?«

Frida lachte laut auf. »Du bist verrückt, liebes Kind!« Aber Modeste stand langsam auf, schüttelte den Kopf und ging, das Pferd am Zügel nachziehend, weiter.

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