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Johann Richard zur Megede: Modeste - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Richard zur Megede
titleModeste
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid561f31cc
created20070114
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13

Am ersten Feiertage war die Familie frühzeitig nachmittags weggefahren. – Der Graf allein nach Eyselin zu Falkner von Öd, Lindts nach Bussardshof. Modeste hatte Kopfweh vorgeschützt und blieb im Schloß. Sie war so froh des Alleinseins! ... Jetzt erst duftete ihr der Weihnachtsbaum, jetzt erst wärmte sie der Ofen. Der kleine, braune Unhold sprang kautschend umher, nagte an den Sofatroddeln, erboste sich über den eignen Schwanz, bis er endlich todmüde auf dem Teppich einschlief. Modeste saß dabei, die » Christmas Carol« von Dickens in der Hand, die sie sonst herzlich gelangweilt hatte. Der milde Zauber der Weihnachtsbelehrung, der dieses Kinderbuch für Erwachsene so weich umfließt, floß auch in ihr Herz. Sie hatte die dunkle Vorstellung, daß Viktor Scrooge eine verzweifelte Ähnlichkeit mit ihrem Vater haben könne – freilich nur im Bösen... Dann sah sie wieder auf den warmen, weichen braunen Unhold, der, gerade erwachend, sie mit törichten Kinderaugen anblinzelte, und sie sprach rasch: »Aber ich bin keine Scrooge, ich will keine sein!« Und der Hund streckte sich gähnend, und Modeste setzte sich zu ihm auf den Teppich, und sie begannen beide zu spielen wie töricht glückliche Kinder – bis der Unhold plötzlich laut blaffend nach der Zimmertür schoß, aber schon auf halbem Wege sich in einem großen Salto mortale überschlug.

Der alte Eller streckte gleich darauf den Kopf herein – er war sehr festtäglich angezogen mit Bratenrock, Begräbniszylinder und Leichenbitterhandschuhen.

»Aber so kommen Sie doch 'rein, Ellerchen!« rief Modeste.

Er verzog nur pfiffig das Gesicht. »Ich deer' nicht, gnädiges Fräulein! Der Kreth frißt mich am Ende mit Haut und Haaren auf. Um den alten Krippensetzer wär's nicht schad! Aber um den neuen Zylinder. Ich hab' ihn nämlich erst vor zehn Jahren gekauft.« Er trat vorsichtig näher. Der Hund, der inzwischen seine Gesinnung geändert hatte, wollte ihm wedelnd die Stiefel lecken. »Der Kreth frißt wahrhaftig Wichse! Sehen Sie doch, gnädiges Fräulein! So 'n Gourmand – bildet sich ein, 's wär' Kaviar ... Den ich da neulich auf dem Reserveball gegessen habe, der schmeckte akkurat wie Stiefelwichse. Ich sagte das auch mit vollster Anerkennung dem Wirt. War der Kerl da aber boßig! Ich dacht' schon, er wollte mich direkt in 'n Kaviarfäßchen stecken, wie neulich der Königsberger Ingenieur seine Frau in die Blechkist'! ... Ich macht', daß ich fortkam. – Irgend so 'n Engländer haben sie mal in der Weintonne ersäuft ... Der Wirt 'n baumstarker Kerl und ich man so 'n Heemske! Das war 'n Spaß gewesen ...« Dann gab er Modeste die Hand und, tätschelte sie zwischen seinen alten, runzligen Händen: »Aber so 'n warmes, weiches Patschchen! – Und wie warm und gemütlich heut alles bei Ihnen ist! Was haben Sie nur angestellt? Ihr gutes Papachen hält doch für gewöhnlich immer auf Kaltheizen.«

»Ellerchen!« drohte sie.

Er machte sein heiligstes Gesicht. »I, wo werd' ich! Ihr Vater ist 'n Gentleman durch und durch, fehlt nur noch der Adel.«

»Danach drängt sich Papa gar nicht.« »Na, 'ne Gräfin ist schon im Haus!« Dann blinzelte er wieder: »Fehlt nur noch 'n Prinzeßchen. Wie wär's denn, gnädiges Fräulein? Statt der Nachtmütz 'ne Kron' ... Ich möcht' nicht, das sag' ich Ihnen gleich.«

»Ich auch nicht, liebes Ellerchen.«

Und dann mußten sie beide über diese Vorstellung lachen.

Der braune Unhold hatte derweilen die Tischdecke herabzuzerren versucht, jetzt wendete er sich wieder liebevoll zu Herrn Ellers Stiefeln. »Ja, ja, leck, mein Sohn! Gibt nicht alle Tage Kaviar und Reservebälle ... Wenn's dir nur bekommt. Meinen Stiefeln bekommt's ganz gut.«

»Pfui, schäm dich,« rief Modeste. »Hierher!« Der Unhold versuchte gerade seine Zähne an einem Stuhlbein.

Der alte Eller sah lächelnd zu. »Kindereien! Aber Kindereien gehören eben zum Leben. – Wenn ich so den kleinen Lorbaß hier ansehe, wie er springt und sich seines Lebens freut – und daneben der Weihnachtsbaum, dann denk' ich in meinem Sinn: warum hast du eigentlich den Anschluß verpaßt, Eller? – Erst konntste nicht, und dann hättste können – und dann tatst d' es doch nicht – und so bist du 'n alter Kerl geworden! Was hast du nun eigentlich vom Leben? Bißchen 'rumtreiben bei den Nachbarn, sein Skatchen spielen. Dabei lern' ich den verfluchten Skat nie. Im Grunde doch ein verfehltes Dasein! Und immer vergnügt – nicht wahr? Aber so, wie ich tue, so bin ich gar nicht. Und nun schon gar Weihnachten! Zu Hause halten mich am ersten Feiertage keine zehn Pferde... Ich hab' sonst was gegen Geistliche und Mediziner. Die einen vergraulen einem jedes Vergnügen hier, und die andern zeigen immer nach 'm Himmel. – Und wenn dann wieder so 'n junger Arzt in die Gegend kommt, dann müssen auch gleich die Kirchhöfe erweitert werden... Aber, ›Erst' Feiertag‹ geh' ich immer in die Kirch'! Meistens nachmittags – da sind nicht so viele geputzte Leute da, nur so 'n paar alte taube Mutterchens, die immer stöhnen und nicken – und unsereiner, der doch auch mal wieder zu seinem Herrgott sagen möcht': ›Na, vergib mir wieder auf 'n Jahr meine Sünden! Ändern kann ich mich nicht mehr – dazu bin ich zu alt. Und wenn ich auch unter die Zöllner und Sünder ganz unten gehör', immer besser noch als so 'n feister Pharisäer! ...‹ Dabei wird mir immer ganz weich zumute, ich fang' an zu gransen wie 'n altes Weib und schäm' mich auch gar nicht... Und ich versichere Sie, gnädiges Fräulein, wenn ich aus der Kirch' geh', ich habe das ganz sichere Gefühl, der alte Herrgott hat mir meine Sünden doch wieder vergeben! – Heute wollte ich eigentlich den Vikar hören, nicht den alten ›Rundbrenner‹. Der Vikar – ich weiß nicht, ob Sie ihn schon mal gehört haben, gnädiges Fräulein –, das ist so 'n vernünftiger Mensch. Der predigt immer nur: ›Kindlein, liebet euch untereinander!‹ Und davon spricht er eine geschlagene Stunde und länger, und wie die Liebe hier unten und da oben das Oberste sei, und daß die Welt aufhören müßte, wenn die Liebe aufhörte. Und das ist alles so schön und so einfach gesagt, und wenn man aus der Kirch' kommt, dann sucht man ordentlich nach dem Bettler, dem man fünf Dittchen geben könnt' ... Aber heute wollte es das Unglück, daß der ›Rundbrenner‹ auch den Nachmittag predigte! Sie kennen doch den ›Rundbrenner‹ – den Alten mit der Perück', der immer so salbadert? In Insterburg hat er in jeder Kneip' 'n Buddelchen Rotwein hinter der Gardine stehen, und da macht er seine Rundgänge, bis er seinen inneren Menschen genügend erleuchtet hat. In der Kneip' ist er ganz nett, in der Kirch' kann ich ihn nicht leiden. Und ob er sich nun heut geärgert hatte, daß er zweimal predigen mußte, oder sonst was los war, kurz und gut, er fing auch gleich an zu donnern: die Völlerei und die Trunksucht, und daß die in Litauen zu Haus wär' und die Wurzel von allem Übel. Schlug auf die Kanzel und paukte auf die armen Seelen ein, daß die alten Weiberchen nur so glucksten und immer krümmer wurden und verzagter. Ich kriegt' wahrhaftig selbst 'n Schrecken wegen meiner regelmäßigen Grogstund'! ... Nachher bost' ich mich mächtig. Ich war schon drauf und dran, 'rüberzurufen: ›Na, Pfarrerchen, Sie sind wohl nicht aus Litauen? – Denken Sie lieber an vorige Woch' im Kasino von den Zweihundertsiebenundvierzigern, wie Sie da immer lutschten und lutschten von dem guten Bordeaux!‹ ... Zu Haus wollt' er damals überhaupt nicht, 's war 'ne Heidenzucht. Ich nahm den alten Herrn unter den einen Arm, und ein Leutnant nahm ihn unter den andern, hinten mußte noch 'ne Ordonnanz schieben – und so packten wir ihn glücklich in 'n Schlitten. Ich rief noch dem Kutscher nach: ›Mein Sohnchen, daß du nicht etwa den hochwürdigen Herrn aus der Pelzdeck' verlierst! 's wär' 'n großer Verlust für die Christenheit und für die Weinhändler!‹« Der Alte lachte und freute sich seiner gottlosen Zunge, bis er endlich gutmütig, wie immer, einlenkte: »Ich übertreib' auch immer, gnädiges Fräulein! 's war natürlich nicht halb so schlimm ... Und glauben Sie's mir oder glauben Sie mir's nicht: mir ist selten ein Kirchgang so nahegegangen wie heute! Wie sich nämlich der Mann genügend ausgedonnert hatte, da sah ich mich so in der Kirch' um. Und da, ganz hinten auf einer einsamen Bank, da kniet' das Fräulein aus Bussardshof. Sie ist ja doch man so 'n reizendes Hauchchen – und es war so kalt auf den alten Fliesen! Aber sie kniete und betete so inbrünstig, daß die ganze zarte Gestalt zitterte. Ich weiß nicht, ob sie geweint hat – sie hielt immer den Kopf so ganz tief ... Und es war so ein verzweifeltes Flehen, wie ich's nie gesehen ... Mir wurden die Augen dabei selbst ganz naß, und ich hätte aufstehen mögen und zu ihr hingehen und sagen: ›Gnädiges Fräulein, beruhigen Sie sich doch! Sie sind so ein rührendes Geschöpfchen, jeder Mensch weiß, daß Sie überhaupt gar keiner Sünde fähig sind. Sehen Sie mich alten Sünder an! Dem vergibt der Herrgott alle Weihnachten doch immer wieder ... Und nun gehen Sie getrost heim, es ist viel zu kalt für so 'n zartes Wesen wie Sie!‹ – Auf dem Ball neulich habe ich ihr noch gesagt: ›Gnädige Baroneß, Ihr Haarkranz funkelt wie ein Diadem.‹ Sie lächelte so matt, aber so lieb dazu. ›Verwöhnte Leut',‹ dacht' ich. Und wenn's nicht am Ende schon damals eine Märtyrerkrone war, die sie trug?« Er fuhr trübe fort: »Wer kennt denn die Menschen und ihre Schmerzen? Wir wissen doch eigentlich voneinander so gut wie nichts ... Da ist nun alles, was Glück scheint, beisammen: das reizendste Mädchen, was ich nur überhaupt denken kann, reich, vornehm, herzensgut – ich möchte ihr immer die Händ' und die Füss' küssen, wenn ich sie seh', so was unendlich Liebes hat sie – und alles Schein, Schein! Kein Glück, kein Stern ... Doch ein merkwürdiges Ding um das Glück! Die es nicht suchen, denen fliegt's über Nacht zu, und die es haben, die haben es ganz gewiß nicht.«

Auch Modeste war ernst geworden: »Ellerchen, so hab' ich Sie noch nie gesehen!«

Der Alte lächelte. »Und damit man nur gar nicht auf den Gedanken kommt, es könnte auch glückliche Menschen geben – es war schon nach der Predigt, und die alten Weiber schnaubten sich die Nas' –, da geht eine Seitentür auf. Ein Herr im Fahrpelz kommt 'rein. Es war der Baron aus Eyselin. Tritt, als wenn er nur allein in der Kirch' wär', vor das alte Marienbild in dem Seitengang, schlägt sein Kreuz, faltet die Hände ... Ich konnte so gerade das Profil sehen. Hochmütig ist er und bleibt er auch vor seinem Gott! Ob er wirklich gebetet hat, weiß ich nicht. Sind sonst Stockkatholiken, die Falkners. Es muß ihm aber doch so nach Beten zu Sinn gewesen sein, sonst wär' er nicht in ein protestantisches Gotteshaus gekommen. Nach fünf Minuten geht er auch schon wieder. ›Herrgott‹, denk' ich, wie ich ihm so in die Augen seh', ›das ist doch ein ganz andrer Mensch, als den du kennst ...! Ein Mensch, der mit seinem Schöpfer hadert und rechtet und mit Gewalt vom Himmel herunterreißen möchte, was der ihm nicht geben will! Und so'n heißer, sündiger Blick!...‹ Da faßte ich mich nachher erst recht an die Stirn und sagte mir: ›Da hast du erst recht falsch taxiert, Eller! Einer, der alle Freuden des Lebens ausgekostet hat und alle Sünden begangen und nun froh ist, mit seinen Erfahrungen allein zu sein, blasiert und kühl und von sich selbst überzogen.‹ Jawohl, Eller! So dachtest du – hier aber siehst du das wahre Gesicht. Das ist ja ein ganz andrer, ein leidenschaftlicher Mensch, der noch lange nicht ausgelebt hat, der sein Leben erst beginnen möchte und vielleicht in der Kirche weiter nichts gewollt hat, als den Satan um eine sichere Hand bitten beim nächsten Duell! ... Denn, gnädiges Fräulein – man jagt Vollblutpferde für achttausend Mark für nichts und wieder nichts nicht zuschanden – da steckt immer'n Weib dahinter! Und wenn die Betreffende verheiratet ist, so möcht' ich dem Ehemann schon raten, sich schleunigst einzuschießen, sonst kommt er zur Strecke. Kein Falkner von Öd ist zu taxieren. Und wenn's um die Weiber geht, da wollen sie alle Blut sehen!« Er hielt inne. »Ich alter Duschack! ... Ich sollte doch dreißig und mehr Jahre noch zurückdenken können! Es war auch in der Kirche und an derselben Stelle, wo der stand, da stand sein ... Ja, gnädiges Fräulein. Ich weiß manches, was mancher nicht weiß. Stirbt mit mir, war beinah' schon gestorben ... Aber manchmal stehen ja auch Tote wieder auf.«

Modeste blickte gleichgültig zum Fenster hinaus, obgleich sie innerlich bebte. »Ich glaube, die Falkners taugen überhaupt nicht viel ...«

»Oh, oh!« antwortete der Alte, »davon weiß ich gar nichts! 's sind vornehme Leute.«

»Ich weiß nicht ...«

»Nun, dann lassen Sie sich sagen, gnädiges Fräulein, wenn's mir mal schlecht gehen sollte, ich geh' nicht zu meinem Bruder, auch nicht zum langen Wagner, auch nicht zu Ihrem Vater – zu dem nun schon ganz gewiß nicht! – aber ich gehe zu dem Baron in Eyselin, und wenn der mir helfen kann, hilft er mir. Da ist der Onkel wie der Neffe. Die sind unbändig hochmütig und sehen kein Geschöpf als ihresgleichen an, und wenn's einem gut geht, kennen sie unsereinen schon gar nicht – aber wenn's einem schlecht geht, da helfen sie und geben, was sie können. Aber um Gottes willen keinen Dank! Das ist so Familienverrücktheit ... Nei, nei, gnädiges Fräulein, lassen Sie mir die Falkners zufrieden, sonst werde ich giftig! ... Den jungen Baron kann kein Mensch hier leiden. Hochmütige Bestie! Lebemann und so weiter! Stimmt alles! ... Und trotzdem sage ich Ihnen, wenn Sie mal nicht aus und ein wissen, dann kommen Sie um Gottes willen nicht zu mir, dann gehen Sie zu dem Öd und sagen Sie: ›So und so, Herr Baron – und nun Ihr wahres Gesicht!‹ Und wenn überhaupt einer den Nagel auf den Kopf treffen kann, so trifft der ihn ... Aber wie gesagt, es muß Ihnen schlecht, sehr schlecht gehen.«

»Ich werde ganz bestimmt zu ihm gehen, ganz bestimmt, Ellerchen,« antwortete sie höhnisch.

»Und vielleicht gehen Sie doch einmal, gnädiges Fräulein; das Leben ist lang, und Sie sind jung.«

Sie stand auf. »Da sei Gott davor!«

»Aber Fräulein Modeste, was haben Sie auf einmal gegen den Falkner? Das ist doch verdächtig!«

Da zwang sie sich zu einem halben Lachen:

»Nichts, Ellerchen, nichts! Ich wollte Sie bloß etwas ärgern.«

Das Mädchen brachte den Kaffee. Der Christkuchen duftete. Der braune Unhold hob interessiert die Nase.

Der alte Eller trank etwas zerstreut, während Modeste lustig scherzte. »Was haben Sie nur eigentlich, Ellerchen?«

Er fuhr sich übers Gesicht. »I, ich weiß nicht! Ich muß immer wieder an die Kirche denken... Der eine geht in die Predigt einmal im Jahr, wischt sich 'n Tränchen aus 'm Gesicht und verspricht – ich verspreche immer, ich halt' nur nicht – und geht kreuzfidel wieder raus. Und der andre betet und kasteit sich Tag und Nacht und hat eigentlich gar nichts auf dem Gewissen und geht aus der Kirche trauriger als er 'reingekommen ist. Ob das nun an den Nerven liegt oder an der sogenannten Lebensauffassung? – Ich bin ein alter Bauer, was weiß ich von Nerven und Lebensauffassung und so modernen Sachen ... Wenn ich aber verheiratet wäre und 'n Bengel oder 'ne Marjell hätt', das allerdings würde ich ihnen mit dem Kantschu einbleuen: ›Guck nicht immer in 'n Himmel, damit du nicht auf der Erde auf die Nase fällst! Und horch nicht immer nach rechts und nach links, damit du selber denken lernst! Und wenn dir einer oder eine wirklich lieb ist, da frag nicht erst lange deine Eltern!‹ ... Denn die Eltern, die denken immer nur an den warmen Ofen im Alter. Ich mein' aber, daß es besser ist für die Menschheit, wenn's ein junger Mensch recht warm hat, mag er dann im Alter frieren. Denn ich habe nun einmal etwas gegen die sogenannte Vernunfts- oder Verstandesehe. Was kommt denn dabei raus? Labbriges, blutarmes Zeug! ... Aber wenn ich so 'n Paar frische, junge Menschen sehe, die so recht verliebt sind, das ist mir 'ne Freud', da werd' ich selbst warm. Das gibt doch ganz andre Rasse! ... Wenn ich aber so nach Königsberg komme, Paradeplatz – die Marjellens da, eine senkrückige, bleichsüchtige Gesellschaft, wenn man ihnen so nachsieht. Da hat die Mutter vielleicht 'n Buckel gehabt und 'n Million drauf, und der Vater ist dafür Graf gewesen und 'n ausgemergelter Kerl ... Was tue ich mit dem Geld und dem Namen allein? Mitnehmen kann ich beide nicht.«

»Sie haben eigentlich viel gedacht, Ellerchen!«

Er schlug mit der Hand in die Luft. »Mit dem Mund, gnädiges Fräulein, mit dem Mund! Taten sind nicht.«

Der braune Unhold hatte sich wieder über eine dicke Lehnstuhlquaste hergemacht und riß und riß mit aller Kraft. Der Gast saß interessiert und lächelte für sich. Endlich eine letzte Anstrengung – ein wehmütiges Knarren – der Unhold schwang seelenvergnügt die braune Quaste im Maul. Modeste rief ärgerlich: »Du bist ja ein gräßlicher Hund!« Und wollte ihm die Quaste entreißen. Doch der braune Unhold sprang unter den Weihnachtstisch und kaute behaglich.

Der alte Eller lachte: »I, lassen Sie ihm doch den Spaß, gnädiges Fräulein! Heut ist Erst-Feiertag!«

»Auf keinen Fall tue ich das.« Und sie zog auch gleich darauf die greulich zerfetzte Quaste unter dem Tisch vor.

Der Alte schüttelte den Kopf. »Sehen Sie, gnädiges Fräulein, wegen einer Quaste, die schon vorher nichts wert war, ärgern Sie sich und sind auch noch dem armen Tier gram ...! Ich mein' vielmehr, in dem Köter steckt 'n Philosoph, aber 'n praktischer, ohne Brill'! Da können Sie was lernen ... Der reißt und reißt an der Quaste, bis er sie glücklich los hat. War ganz unbändig glücklich damit! Des Menschen Wille ist ja sein Himmelreich ... Er wollt' Ihnen aber eigentlich nur aus lauter Dankbarkeit zeigen, der Hund, wie man das Leben anfassen muß: ›Nicht nachlassen!‹ – Da steckt Weisheit drin. – Aber wir zotteln 'n bißchen an der Quast' und an der Quast' und verzotteln unsre Kräfte und kriegen schließlich nicht die kleinste los... An einer Quaste reißen, an einer einzigen, bis man sie los hat: das ist's!«

Modeste lachte, während sie die Quaste mit einer Stecknadel wieder am Stuhl zu befestigen suchte. »Sie sind doch ein Philosoph!«

»Aber ein vierbeiniger, mit langen Ohren und einem dicken, grauen Fell,« wehrte er.

Das Mädchen kam und fragte, ob sie die Lampen bringen sollte. Es war schon ganz dunkel. Der alte Eller wollte aufbrechen. Modeste aber ließ ihn nicht. »Ausreißen ist nicht! Sie haben mich so wie so schon so kompromittiert durch Ihren ganzen Besuch – jetzt müssen Sie warten, bis Papa kommt, und in aller Form um mich anhalten.«

Der Alte schmunzelte und faßte schmeichelnd nach der Mädchenhand: »Ich möcht' schon, ich möcht' schon! ... Aber da würden Sie doch höllisch den Unterschied merken zwischen Theorie und Praxis. In der Liebe gibt's nun einmal nur die Praxis.«

»Dann warten Sie wenigstens auf Ihre Skatpartie und den Grog!«

»Das ändert die Geschicht'! Für die Karten und den Grog wird man nie zu alt.«


Die beiden Schlitten kamen für Modestes Weihnachtsgefühle viel zu früh zurück. Zuerst der Graf, sehr befriedigt. »Doch kolossal vornehmer Zuschnitt in Eyselin! Alte, schöne Sachen, alter, gutgeschulter Diener, englische Tischzeit. Überhaupt ganz andre Atmosphäre... Meines Auftraggebers erinnerte er sich nur flüchtig. Erinnert sich wahrscheinlich immer nur an Auftraggeberinnen... Reist übrigens noch heute abend. Koffer wie ein Fürst. Weiß noch nicht, ob Ägypten oder Algier... Muß es doch dazu haben... Möchte auch ganz gerne... Doch sehr grand seigneur, der Falkner, liebenswürdig, international... Es gab sich ganz von selbst, daß wir Französisch sprachen... Ich kann's ihm allerdings nicht verdenken, liebe Modeste, wenn er in dieser Gegend nicht aushält. Sonst ist er 'n bißchen sehr reserviert. Aber das wird man immer auf Reisen.« Der alte Lebemann sprach aus ihm, der sich gern vergangener Zeiten erinnerte. Es war so ein ganz andrer Ton. Modeste erkannte den einsilbigen Schwager kaum wieder. Der alte Eller aber sagte harmlos blinzelnd: »Ja, ja, Herr Graf, wenn ein Graf und ein Baron so zusammen gewesen sind, dann hört man das noch tagelang am Tonfall.«

Der Graf wandte sich lächelnd um. »Ja, lieber Herr Eller, ich weiß schon, was Sie meinen. Von Ihrem Standpunkt aus ganz richtig! Für mich aber finde ich es ganz gut, daß man den andern Tonfall wenigstens zuweilen wiederfindet.«

Er wollte weitersprechen. Aber im Nebenzimmer klangen Stimmen.

»Ich glaube, Herr Lindt...«

»Ja, was Sie glauben und was ich will, ist meistens was höllisch Verschiedenes, lieber Herr Romeit! Der Hofmannsfrau ist eben nicht zu helfen. Der Arzt kann da gar nichts tun. Aber anstatt daß sich die Leute ins Unvermeidliche schicken, kommen sie ewig gelaufen, haben Wünsche... Der Arzt ist für sie natürlich 'ne angenehme Unterbrechung, namentlich wenn er noch Portwein verschreibt... Ja, für wen sind denn eigentlich die Pferde da? Für meine Leute oder für mich? – Ich kann Ihnen nur sagen, ich würde als Inspektor meine Pflichten gegen den Prinzipal ganz anders aufgefaßt haben! Aber die Herren Inspektoren sind ja stets auf seiten der Leute... Übrigens, Sie kriegen wieder Ihren roten Kopf, Herr Romeit – ich habe nichts, gar nichts gegen Sie gesagt! Sie suchen wieder in den harmlosesten Bemerkungen eine Spitze. Die Pferde sind weg, der Doktor wird kommen, da ist ja gar nichts mehr zu redressieren... Es sind die unverschämten Forderungen der Leute, gegen die ich Front mache, nicht gegen Sie, lieber Romeit.«

Indessen boten die unfreiwilligen Zuhörer im Weihnachtszimmer ein sehr verschiedenes Bild. Der Graf besah mit einem eigentümlichen Lächeln seine Nägel. Modeste saß mit gefalteter Stirn, der alte Eller aber schlug sich mit einem Falzbein, das er vom Schreibtisch entwendet hatte, ärgerlich aufs Knie: »Es ist auch nicht mehr zu hausen mit dem Volk! Ich kann's keinem Besitzer verdenken.«

Der Stern von Barginnen warf einen grünlich schillernden Blick auf die beiden Herren und dachte: ›Ihr seid doch feige, feige wie alle Männer!‹

Die Tür wurde geöffnet. Herr Lindt trat würdig ein, hinter ihm Herr Romeit, im schwarzen Sonntagsrock. Der Sonntagsrock wandte Modeste den Sinn. Er sah wieder so unausstehlich hölzern aus, der junge hübsche Mensch!

Dann kamen die Mutter und die Schwestern. Die Kartentische wurden aufgestellt im Nebenzimmer, Herr Romeit spielte mit als ziemlich gedankenloser vierter Mann. Modeste war's recht, daß sie ihn nicht sah. Sie hörte lieber zu, wie die Schwestern von Bussardshof erzählten; daß Judith langweilig, die Mutter zerstreut und der Vater mit seinem Gichtbein doch eigentlich sehr beklagenswert sei. Der alte Egoist stand ihnen natürlich am nächsten. Das Herzblut aber, das stumm und schwer aus zwei siechen Frauenherzen sickerte, was wissen davon Lindts!?


Als Modeste den braunen Unhold zur Nacht in seinen Korb gebettet hatte, sah sie noch einmal aus dem Turmzimmer hinab in die Winternacht. Der Mond so bleich, der Schnee so leichenhaft. Sie mußte an die arme Judith denken und ihr heißes Gebet. Und sie sagte finster: »Ich bin doch schlecht!« – An dem Lindengang ging ein Mann. Sie erkannte den langen Sonntagsrock, über den sie nicht hatte hinwegkommen können, und sie sagte mit ehrlicher Verachtung: »Ich bin nicht nur schlecht, ich bin auch feige und undankbar. Was soll einmal aus mir werden?« Sie konnte sich von den quälenden Gedanken gar nicht losmachen. Der alte Eller fiel ihr ein und der Hund mit der Quaste. Sie ging noch gegen Mitternacht hinunter in das Eckzimmer mit dem Grafenkalender und dem Bild. Und wieder sah sie das schöne leidenschaftliche Gesicht und konnte nicht von ihm los. Und wieder ward ihr die Armut, die Öde hier und der Reichtum, die Wärme dort schrecklich offenbar. Und sie fragte sich: »Was muß in mein Leben kommen – was – die Liebe?« Lange fand sie keine Antwort. Aber als sie die Augen wieder zu dem Bilde hob, da schien es zu strahlen. Eine Stimme, wie aus weiter Ferne, flüsterte ihr: »Die Sünde, die große, göttliche Sünde.«

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