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Johann Richard zur Megede: Modeste - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Richard zur Megede
titleModeste
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid561f31cc
created20070114
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12

Weihnachten kam, Lindtsche Weihnachten. Die Zimmer ein wenig wärmer, die Lichter ein wenig heller. Unter dem Tannenbaum nüchterne Geschenke, statt des Lieblingswunsches Geld. Herr Romeit war nach Hause gefahren. – Sonst die gewöhnliche Weihnachtsgesellschaft. Axsils mit dem kleinen Dagobert, Frida. Der Graf konferierte den halben heiligen Abend wegen einer Fischotter mit dem Gärtner; die Gräfin revidierte habsüchtig alte Truhen. Frida saß den ganzen Tag am Klavier. Festfreude empfand eigentlich nur der kleine Dagobert, der das ganze Schloß mit dem Knall seiner neuen Peitsche erfüllte. Am heiligen Abend wurde Tee getrunken. Die Gegend passierte Revue. Herr Lindt ging mit dem Lichtlöscher um den Baum, und wenn eine Flamme nach einem Zweig haschte, dämpfte er die Freude.

»Ach, laß doch 'n bißchen brennen, Papa,« rief Modeste, »es riecht so weihnachtlich!«

»Damit das ganze Haus nächstens absengt!« brummte er ... »Da ist mal wieder mit dem Wachsstock gequast worden ...«

»Modeste und ich haben's getan,« sagte der Graf scharf. »Ich dächte, das wäre recht gleichgültig, ob ein bißchen mehr oder 'n bißchen weniger Wachs verbraucht wird an solch einem Tage.«

Der Alte senkte das Lichthütchen. »Ich meine ja auch nur so ...« Es gab einen gewissen gräflichen Tonfall bei seinem Schwiegersohn, der den alten Knochenmehlhändler auch unfehlbar dämpfte.

Die ewig handarbeitende Mutter sah mit leisem Vorwurf zu Erika auf.

»Ich möchte eigentlich morgen allein zu Falkner 'rüberfahren,« sagte der Graf lässig. »Ich habe ihm Grüße zu bringen von einem Petersburger Diplomaten, der die schönste Frau der Welt haben soll, nur wird sie niemals gezeigt, weil sie entweder Migräne hat oder im Auslande weilt. Ständige Frage im Klub, wenn ein Neuer kommt: ›Haben Sie die entzückende Gräfin Soundso schon gesehen?‹ – ›Nein. Sie?‹ – ›Ich leider auch nicht.‹ – Darauf ein wieherndes Gelächter allerseits, in das der gute Ehemann am kräftigsten mit einstimmt. Er hat nämlich seine Frau, glaube ich, auch noch nicht gesehen.«

Die Gräfin Axsil verzog darauf lächelnd den Mund und versuchte gleichfalls eine vornehme Geschichte zu erzählen. Jedoch der Gatte, der diese Geschichte zur Genüge kannte, wiegelte ab. »Die Großfürstin später, liebe Erika!«

Modeste fuhr sich mit beiden Händen nach den Ohren: »Um Gottes willen nicht nochmal die Großfürstin! Ich weiß noch genau. Du hast sie gegrüßt, und sie hat dich wieder gegrüßt, und dann hat sie ein Taschentuch verloren, und du hast's ihr gebracht, und sie hat gesagt: › Merci, madame!‹«

Darauf befremdliches Schweigen.

Nach einer Weile Erika eisig: »Modeste hat sich ja sehr zu ihrem Vorteil verändert.«

»Habe ich das? Außerordentlich gnädig!« gab der Stern von Barginnen spitz zurück, stand auf und ging hinaus.

Die Familie schaute ihr etwas kopfschüttelnd nach. »Sie hat Manieren, lieber Papa, Manieren! Was habe ich immer gesagt, Mama, Frida?«

Darauf der Graf versöhnlich: »Wundert mich allerdings auch. Sie war sonst auf dem Großfürstinohr gar nicht taub. Vielleicht Nerven... Ich mag sie aber sehr gern. Wahrscheinlich, weil sie doch am Ende das besitzt, was wir andern am wenigsten besitzen, nämlich Frische... Sie ist jetzt in dem nihilistischen Alter. Das machen alle jungen Menschen einmal durch... Und Erika, du erzählst die Geschichte mit der Großfürstin wirklich 'n bißchen oft. Du weißt, glaube ich, schon gar nicht mehr... Dagobert, lauf und ruf sie wieder 'rein!«

Dagobert, ein sehr gehorsames Kind, ging sofort, aber vergebens.

Modeste war hinabgegangen vors Haus. Es war wahrhaftig nicht die Großfürstin allein, es war vielmehr der Name Falkner von Öd, der sie so gereizt hatte. Die Wunde brannte noch immer, tat so weh. – Und wenn ihr Schwager nun morgen hinüberführe und wenn der Öd als echter Lebemann doch wortbrüchig würde, durchschimmern ließe ... Er hatte sie ja tatsächlich in seinen Armen gehalten und mit seinen Küssen bedeckt! – Das »Nachher«, lieber Gott, wer glaubt denn das nach dem »Vorher«?!

Es war eine klare, kalte Sternennacht mit dem freudigen Festglitzern, der reinen Winterluft; weihnachtlich auch in ihrer feierlichen Stille. Modeste ging durch den Park. Der Schnee knisterte, ein hungriger Hase sprang aus einem Boskett. Die Fichten so düster, so majestätisch. – Sie ging durch den Hof. Kein Mensch. Nur die bedächtig malmenden Kühe im Stall, die schnaufenden Pferde, die kindisch bellenden jungen Hunde. Weihnachtsfrieden auch hier. Modeste hatte auf einmal die Vorstellung, als kauten die Pferde Weihnachtshafer und wüßten das. – Sie ging durchs Dorf. Helle, freudige Fenster, wie Widerschein des Christfestes. Muntere Menschenstimmen, froher Kinderlaut, in dem Lehrerhause wieder Musik – aber ein geistliches Lied. Sie unterschied deutlich die hellen Stimmen der Mädchen, die einst ihre Jugendgespielinnen gewesen. Es wurde ihr fast weinerlich ums Herz. Hier feierte alles Weihnachten. – Die Herzen waren warm. Warum war ihre eigne Heimat immer so kalt? – Auch nach dem weißen Birkenwäldchen ging sie. Es war wie unbewußt. Und als sie vor das Haus trat mit den verschlossenen Laden, da suchte sie nach einem Lichtstrahl zwischen den Holzritzen. Sie wäre so gern hineingegangen, hätte mit ihm gesprochen von der Kindheit, von Weihnachten, überhaupt von all den schlichten Freuden, die sie eigentlich nie gekannt und die doch hinüberleuchten sollen bis zum Grab. Und einem dunkeln Instinkt folgend sagte sie für sich: »Ich gehöre überall hin, nur nicht in dieses Schloß.« – Sie ging zurück. Als sie wieder an dem Stall vorbeikam mit den schnuppernden Hunden, da blieb sie, einem jähen Impulse folgend, stehen und öffnete die Tür. Die braune Gesellschaft quoll aus dem warmen Nest und sammelte sich wedelnd und bellend um den Eindringling. Die Mutter erhob sich nur langsam. Sie waren schon so groß geworden, die Kinder, und mehr eine Last als eine Freude. – Modeste erkannte sofort ihren Hund. Er war der dickste und frechste und riß ihr am Kleidersaum. Und sie hob ihn zu sich, ob er sich auch knurrend wehrte, und drückte ihn so fest an die Brust, daß er ängstlich jaulte. Dann schloß sie rasch wieder die Stalltür. Die Mutter heulte auf und kratzte an der Tür. Modeste aber eilte davon mit dem Raub. »Du hast noch so viele! Und ich will auch etwas Warmes haben!«

Am Abend gab's noch einen großen Kampf wegen des Hundekorbes und der Hundedecke, die das Turmzimmer entweihen sollten. Aber Modeste drückte ihren Pflegling nur um so fester an das Herz: »Es ist mein Weihnachtsgeschenk. Ich behalte ihn, was ihr auch sagt!« »Ich schmeiße die Töle zum Fenster heraus,« drohte Frida.

»Ja, versuch's nur! Aber ich will's dir nicht raten ...« Sie ging auch gleich darauf in das Turmzimmer und hüllte den sich wild Sträubenden warm ein.


»Ja, sie hat sich doch sehr zu ihrem Nachteil verändert. So was Gewöhnliches! Ich weiß wirklich nicht, ob man sie jemals wieder auffordern kann,« sagte Erika abends im Schlafzimmer zu ihrem Gemahl.

Er aber, der doch auch Herzensaristokrat sein konnte, antwortete nur: »Liebes Kind, keine altadligen Airs, wenn's sein kann! ... Gerade, daß sie sich den Hund gegen euch alle erkämpft hat – das imponiert mir. Er ist übrigens von einer tadellosen Mutter. – Und laß, bitte, ein für allemal die Großfürstingeschichte! Sie fällt mir nächstens auch auf die Nerven.«

Die Folge dieser Unterredung war, daß Erika sich bewundernd in ihrem Stehspiegel besah und dabei die merkwürdige Entdeckung machte, daß sie doch eigentlich viel mehr Gräfin als er Graf. Die gute Erika! Sie war des alten Knochenmehlhändlers echteste Tochter.

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