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Johann Richard zur Megede: Modeste - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Richard zur Megede
titleModeste
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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11

Judith von Bussard ist doch schwindsüchtig, Falkner von Öd doch verrückt, und Modeste Lindt schnürt sich bis zur Unmoral.

Das war das Hauptresultat des Festes. Frau Murrmann, die gern gewissenhaft kolportierte, fuhr schleunigst von Gut zu Gut, um mit leuchtenden Augen und intimsten Details jene Vorgänge zu schildern, die sie ja am besten kennen mußte, weil sie schließlich gar nicht auf dem Balle gewesen war.

Der Morgen macht nüchtern. Und Modeste verdroß die Schnürgeschichte doch. Die Gegend war ihr vergällt. Vierzehn Tage später wollte sie mit der Schwester Frida nach Königsberg. Bei Gumbinnen brach der Radreifen der Lokomotive. Kein Unglück weiter – nur daß die wenigen Reisenden eine höchst komische Expedition durch knietiefen Schnee bis zur Station durchzumachen hatten. Der Nordexpreß sollte sie von da weiterbringen. In dem Wartesaal erster Klasse zwei Damen, tief verschleiert, offenbar vornehme Ausländerinnen. Die Jüngere ein auffallend schön gewachsenes Geschöpf, die schlanke Hand mit kostbaren Ringen bedeckt. Sie sprach gerade mit dem Gepäckträger. Gutes Deutsch, aber fremder Klang.

Der Mann gab schwerfällig Bescheid: »Ja, wenn die gnädigen Herrschaften den Herrn Baron aus Eyselin meinen, den gibt's schon, aber der ist nicht hier. Vor zwei Wochen, so um drei Uhr morgens – es kann auch 'ne Viertelstund' früher gewesen sein, da hab' ich ihn noch gesehen. Er fährt nämlich 'n bißche schnell, der gnäd'ge Herr. Kam gerade, als der Eydtkuhner Zug einlief. Die Pferd', scheene Pferd' – dunkelbraune, und so abgedreht! Ich half ihm noch aus dem Schlitten. Und da schlackert auf einmal das eine Pferd so mit dem Kopf und dann das andre. Und ich weiß auch nicht, wie's kam, da liegt auf einmal das eine Pferd auf dem Pflaster und dann das andre, beide so richtig breitseit, mausetot. Er soll ja auch dreißig Kilometer gejagt sein wie dammlig und verrückt... Das hat 'n aber weiter gar nicht geniert. Ich sprang noch schnell nach 'm Billett. Der gnädige Herr steigt aber gar nicht ein, sondern rennt nur den Zug 'n paarmal auf und ab und ruft so was Russisches oder Berlinsches. Und zu guter Letzt ist er gar nicht mitgefahren... Wenn er noch kommt, soll ich ihm was bestellen?«

Die ältere Dame sagt darauf kurz: »Nein.«

Die Jüngere wandte verlegen den Kopf. »Es ist schon gut!« Dann fügte sie mitleidig hinzu: »Die armen Pferde!«

»Jedenfalls ist er nicht da, liebe Odi – und du hast deine Pflicht getan.«

Darauf sprachen die Damen eine Weile leise und beflissen.

Der Expreßzug lief ein. Der Kofferträger kam noch einmal gelaufen. »Der Herr Baron soll in Königsberg sein.« – Die beiden Damen erhoben sich und dankten, beide vornehme Gestalten mit aristokratischen Allüren.

Im Vorbeigehen hörte Modeste, wie die Ältere sagte: »In Königsberg verlassen wir das Coupé nicht, Odi!«

»Aber wenn er nun da ist?«

»Dann ist er eben da... Je eher die Geschichte ein Ende hat, desto besser! Wir sind ja auch zu keinem andern Zweck gekommen. Il est fou, parfaitement fou

Die jüngere Dame verzog das Gesicht wehmütig. »Du sollst ihn aber nicht kränken! ... Wenigstens einen Gruß möcht' ich ihm noch durch den Mann bestellen. Gepäckträger, wenn Herr von Falkner...«

Die Ältere unterbrach sie kurz: »Bitte, keinen Gruß! Er konstruiert sich dann wieder wer weiß was zurecht.«

Modeste hatte von dieser Unterhaltung eigentlich nur den Namen gehört. Und der tat ihr schon weh. Den Zusammenhang begriff sie nicht. Sie war wieder müde geworden. Der Anblick dieser vornehmen Ausländerinnen war ihr peinlich – sie wußte eigentlich nicht warum. Es war wohl die große Welt, die Welt, nach der sie sich gesehnt. Und eine Angst vor der Welt, der Wüste erfaßte sie. Es war doch ein fremdes, unheimliches Land, die große Welt! – Und wenn vielleicht gar dieser Falkner in Königsberg wäre am Zug – sie grüßte? ... Oh, sie hätte ihn nie wieder grüßen können, auch wenn die Schwester neben ihr ging! – ›In Litauen geht man sich leichter aus dem Weg‹ dachte sie. – Und auf einmal schien ihr die Landeinsamkeit, zu der sie der Winter alljährlich verdammte, als etwas Köstliches, ein Eden.

»Mach schnell, Modeste!« drängte Frida.

»Ich komme überhaupt nicht mit.«

»Was fehlt dir auf einmal?«

»Gar nichts. Aber du weißt ja, ich mache mir eigentlich aus Königsberg nichts. Das Billett kann man wieder zurückgeben.«

»Na denn in Gottes Namen, bleib! ... Aber wenn ich je solche Launen gehabt hätte, mir würden sie schon ausgetrieben worden sein. Bei dir findest du sie nächstens selbst reizend. Star der Gegend – wer kann da widerstehen?«

»Ja, Star!« wiederholte Modeste mit bebenden Lippen. »Du hast 'ne Ahnung!«

Der Zug dampfte ab. Frida grüßte noch einmal flüchtig, dann stand der Star von Barginnen auf dem Bahnhof allein.


Nachmittag fuhr Modeste zurück. Als die müden Pferde langsam durch die stumpfe Schneewüste trotteten – der Himmel grau, hangend –, da wollte Modeste doch irre werden an ihrem Heimatsgefühl.

»Fahren Sie schneller!« rief sie dem Kutscher zu. Der hieb ärgerlich auf die Pferde. Eine Weile klangen die Glocken munter, dann setzte das träge »Bim, bim« wieder ein, das so gut in die mürrische Winterlandschaft paßte.

Der Kutscher fuchtelte. Auf einmal drehte er sich vertraulich zu Modeste: »Gnädiges Fräuleinchen, sie können beim besten Willen nicht schärfer; so 'n Huschchen Heu, und das bißchen klammer Hafer!« Das alte Lied. In Barginnen verhungerte über Winter fast das Inventar. Modeste wußte das nur zu gut.

Der Schlitten kroch weiter. Plötzlich rief eine Stimme: »Kommen wohl von 'ner Leich', gnädiges Fräulein?« Es war der alte Eller, der am Wege stand in Pelzjacke und hohen Stiefeln, die Buchsflinte unterm Arm. Er lächelte pfiffig. »Ich habe nämlich Ihren Inspektor 'n Stück gebracht. War auf 'n Augenblickchen bei mir. Und dann hätte ich für mein Leben gern noch so 'n aasigen Reineke bedrückt, der in den Kuseln da drüben immer 'rumschnürt. Der Kreth steigt in meinem Hühnerstall aus und ein, als wenn das so sein müßte, 'n paar Schroten hab' ich ihm vorhin allerdings auf den Pelz gebrannt. War wohl zu weit. Schlug so zwei-, dreimal Koppskegel, trabte dann aber so seelenvergnügt ab wie nie. Gegen Abend wird er wohl wieder höflich auf meinem Hofe anfragen, ob nicht 'n größeres Keuchelgeschäft zu machen ist.«

»Fahren Sie doch 'n Stück mit, Herr Eller!« bat Modeste, »Sie sind immer so lustig.«

»Und ohne eine Spur von Würdigkeit!« Darauf warf er sich in die Brust, und Frau von Gadebusch sehr komisch kopierend, näselte er: »Der Adel bittet nicht, er gewährt nur!« Dann stieg er rasch ein und lehnte sich gemächlich zurück. »Wie geht's sonst, gnädiges Fräulein?«

»So so.«

»Aber was machen Sie für Geschichten, gnädiges Fräulein! Auch neulich auf dem Ball... Ihr gutes Schwesterchen und Ihre beiden Freundinnen, die Gadebuschens, die konnten ja gar nicht geraten mit Laufen, damit jeder erfuhr, daß Sie sich mit Ihrem Königsberger Korsettfabrikanten veruneinigt hätten.«

Modeste hob die Hand: »Ellerchen, Sie werden dreist!«

»Aber, gnädiges Fräulein!« besänftigte er. »Alter Krauter. Über sechzig Jahre. Seien Sie mir nur nicht bös! Es war so 'ne dammlige Rederei.« Dann lächelte er wieder: »Überhaupt merkwürdiges Fest. Erst nehmen sie mir die Groschens im Whist ab, dann wird auch noch der lange Lorbaß, der Wagner, rabiat. Der Falkner jagt aus reinem Pläsiervergnügen noch in derselben Nacht seine Vollblutjucker tot. Und dann der Oberlehrer aus Insterburg – ich meine den, der so häßlich ist und alles weiß – scharmierte der aber mit der hübschen Frau von seinem Kollegen! Soll bildschön gewesen sein... Steht also mit der Frau zusammen und sagt: ›Nicht wahr, ist doch eigentlich furchtbar langweilig hier?‹ – ›Ja, wo wird nicht langweilig sein!‹ antwortet die. – Dann sagt er wieder: ›Man mühte sich so 'n bißchen mehr für sich amüsieren‹ – ›Ja, Herr Professor, ich bin sehr dabei!‹ – ›Was meinen gnädige Frau zum Beispiel zu so 'nein kleinen Schritt vom Wege?‹ – Sie klatscht in die Hände: ›Reizend, reizend! Ich brenne drauf – aber nur nicht mit Ihnen, Herr Professor!‹ Eitler Kerl ist er doch, und gewurmt hat's ihn natürlich... Und so gegen fünf Uhr morgens, da sehe ich, wie der Kreth so ganz vollgesogen sich am Büfett lang tappt, so feucht vor sich hinlächelt und bei jedem Schritt sagt: ›Ach, wie reizend und gemütvoll! ...‹ – ›Doktorchen‹ ruf' ich, ›Sie wandeln wohl nacht? ...‹ Und da fährt er aber so zusammen wie 'n Mondsüchtiger und wäre um ein Haar hingeschlagen und hätte auch noch sämtliche Gläser vom Büfett mitgenommen... Eigentlich schad', daß er's nicht tat! ... Jetzt ist er mir natürlich spinnefeind!« Darauf fuhr sich der alte Vokativus mit der Hand nach dem Kopf und rief scheinheilig: »Um Gottes willen, gnädiges Fräulein! Was erzähl' ich denn da für Sachen vom ›Schritt vom Weg‹ und so weiter! ... So was dürfen Sie ja gar nicht hören... Sie haben's doch auch hoffentlich nicht verstanden? – Nicht wahr, Sie haben's doch nicht verstanden, Fräulein Modestchen?« – Und als Modeste, rot geworden, sich abwandte, scherzte er wieder unbedenklich: »Bös? – Das steht Ihnen ja gar nicht, Modestchen! Das dürfen Sie sich nicht erst angewöhnen... Aber jetzt muß ich schleunigst raussteigen, sonst werd' ich rausgestiegen mit 'nem Muzkopf hinterdrein!«

Da mußte Modeste lachen. Aber es war nicht das alte Lachen.

Herr Eller tippte dem Kutscher auf die Schulter, kletterte aus dem Schlitten und sah prüfend nach Westen. »Es krieselt schon so fein. Möglich, daß wir Stiemwetter kriegen ... Und nun, gnädiges Fräulein, machen Sie, daß Sie nach Haus kommen, und grüßen Sie Ihr Papachen und sagen Sie ihm so beiläufig, daß er 'n bißchen schärfer füttern möcht'.« Leiser fügte er hinzu: »Ihr Romeit geht ja nun doch! Selten tüchtiger Mensch, Ehrenmann durch und durch! Den kriegt Barginnen so leicht nicht wieder ... Ihr Papachen hätte das bedenken sollen ... Heute ließ der junge Mensch nun schon ganz den Kopf hängen. Will überhaupt weg aus Deutschland, womöglich nach Amerika und was so dammlige Ideen von jungen Leuten sind. Aber tüchtig ist er und bleibt er! Und wenn ich für einen die Hand ins Feuer leg', so tu' ich's für den Romeit. – Also adieu. Nächstens komme ich 'rüber zur Partie.«

Modeste fuhr weiter. Sie war nachdenklich geworden. Alles drängte doch weg von Barginnen und Lindts ... Schließlich, was ist ein Inspektor? ... Aber er war doch ein andrer gewesen als die andern, auch ihr. Ein Gefühl der Dankbarkeit regte sich, der Gemeinsamkeit.

Es dämmerte. Dicker Schnee wirbelte, scharfer Wind blies. Die Pferde schnaubten und kamen nur mühsam vorwärts. Ein weißes Chaos ringsum. »Ich weiß nicht, ob wir durchkommen. Es verweht immer mehr,« sagte der Kutscher. Und Modeste dachte mit geheimem Grauen an eine Nacht im Schnee. Gerade heute sehnte sie sich nach einem warmen Nest. Endlich starrte etwas Graues, Ungewisses. Das Schloß, aber kalt, tot, ohne ein einziges Licht. Die Eltern jedenfalls ausgefahren, das Gesinde wahrscheinlich im Dorf. Modeste ward es bald müde, fröstelnd in der zugigen Durchfahrt zu stehen und an der verschlossenen Tür zu läuten. Vom Dorf her klang verschwommene Musik. Es mochte wohl bei Lehrers sein, die gern lustig waren und gern Feste feierten, unbekümmert um die sauern Gesichter des Patrons. »Die Else hat, glaube ich, heute Geburtstag, und unsre Leute werden unterm Fenster stehen und zusehen, wie der Alte fiedelt...« Sie ging über den Hof. Eine trübe Stallaterne schwankte. Ein dumpfer Knechtsgruß. Aus dem Kuhstall quoll warmer, dicker Dunst. Hinter der geschlossenen Pferdestalltür machten die jungen Hunde täppisch ihre ersten Bellversuche. Zuweilen knurrte die Mutter warnend dazwischen. Modeste blieb stehen und hatte nicht übel Lust, ihren dicken braunen Unhold schon jetzt mitzunehmen, daß er mit seiner Kinderlust und Kinderwärme die einsame Turmstube erhelle. Aber sie dachte an den Kampf mit der Mutter und ließ die Türklinke wieder los... Die beschlagenen Fenster der Dorfhäuser tauchten auf, ein Herd flammte. Das Knarren des Webstuhls, Kindergeschrei, dazu das kopfnickende »Jo, jo« irgendeines alten Weibes. Im Schulhause Musik, Lachen, Gläserklirren. Die beschneiten Bienenkörbe davor standen sehr würdig mit hohen weißen Nachtmützen. Burschen und Mädchen lungerten kichernd umher. Das helle Kreischen der blonden Jungfer klang unverkennbar. Modeste rief ärgerlich hinüber: »Wer vom Schloß da ist, hierherkommen!« – Die Gesellschaft huschte mit leisem Schrei auseinander, die Jungfer kam beflissen durch den hohen Schnee gewatet und sagte verwundert: »Ach, gnädiges Fräulein sind's! ... Ich konnte doch auch nicht wissen – und der Herr Lehrer geigt so wunderschön!«

»Ja, ja, gib mir nur den Schlüssel und bleib!«

»Den hat, glaube ich, die Mamsell. Ich weiß aber nicht, wo die ist, vielleicht bei Hofmanns.«

»Na, dann werde ich wohl bei einem Instmann auf der Lucht logieren dürfen,« meinte Modeste schlecht gelaunt und ging zurück, diesmal auf einem Umweg durch den Park. Sie wußte eigentlich nicht recht wohin... Die alten Bäume starrten so unnahbar, die weiß verwehten Bosketts hoben sich wie Grabhügel aus dem Flockensturm. Hinter dem Birkenwäldchen endlich unsicherer Lichtschimmer. Modeste dachte, daß vielleicht Herr Romeit den Schlüssel habe und sie zu ihm gehen könne. Durch das offene Fenster sah sie ihn genau. Er stand vor dem Sofatisch in einer alten Jagdjoppe, aber schlank und hübsch wie immer, wenn ihn nicht der Gesellschaftsrock beengte. Er schüttete gerade Weizen in ein Messingmaß, die Hand glitt sorglich glättend über die rieselnden Körner. Dann starrte er wieder auf den Boden mit finsterem Gesicht. Modeste trat rasch entschlossen ins Haus und klopfte.

»Wer ist da wieder?« klang es zurück. Darauf ein rascher, federnder Männerschritt.

»Herr Romeit!«

»Gnädiges Fräulein!« Er war zusammengezuckt.

Modeste strich sich das anmutig verwirrte Stirnhaar zurecht. Das Gesicht rosig und frisch. »Haben Sie vielleicht den Hausschlüssel?«

»Den vom Schloß? – Nein.«

Er hatte Modeste einen Stuhl hingeschoben. Auf dem Kanapee lagen die Rechnungsbücher aufgeschlagen. Sie setzte sich. Der braune Kachelofen sprühte. Das Gefühl wohlig stechender Wärme durchrieselte sie. »Sie sind wieder bei der Arbeit?«

Er sah ohne Freude auf das große Speicherbuch. »Ja. Aber wo mag denn eigentlich der Schlüssel sein?«

Ihr war's ganz heimlich in dem einfachen Zimmer mit der Kalkwand und den Fichtenstühlen. In dem Sofaspiegel sah sie ihr Bild, und das gefiel ihr sehr. »Ich werde mit Ihrer Erlaubnis, Herr Romeit, zehn Minuten warten. Es ist unangenehm kalt draußen. Dann wird sich wohl endlich einer besonnen haben auf den Schlüssel.«

»Darf ich gnädigem Fräulein etwas anbieten? Ich weiß zwar nicht...«

Sie lachte. »Vielleicht einen Kümmel wie dem Fleischer? – Nein, das können Sie wirklich nicht verlangen!«

»Aber vielleicht Tee? – Ich kann ihn schon machen. Ich mach' ihn mir jeden Morgen selbst.«

»Tee?« scherzte sie weiter, »das wäre das Schlechteste noch nicht... Und Sie sagen, Sie trinken ihn sogar morgens? Ich weiß eigentlich niemand in der Gegend, der morgens Tee trinkt... Das ist so englisch-amerikanische Sitte. Ich denke, Sie wollen ja auch hin?«

»Wer hat das gesagt?« fragte er kurz.

»Nun zum Beispiel ich.«

»Nein, das kann nur Herr Eller gewesen sein,« sagte er bestimmt. »Er kann auch nichts bei sich behalten!«

»Sie sind aber sehr undankbar gegen ihn! Er hat nur nett über Sie gesprochen. Wissen Sie, was er gesagt hat?«

»Ich will's gar nicht wissen,« antwortete er nervös. »Was ich kann, weiß ich selbst. – Aber daß er so indiskret sein konnte!« Er war rot geworden und ärgerlich.

»Machen Sie mir lieber Tee, Herr Romeit!« sagte sie munter. »Für Sie mit Rum, für mich, bitte, ohne.«

Darauf trug er gehorsam die alte Berzeliuslampe aus der Schlafkammer herbei, spülte eine Tasse und ein Glas. Die Spiritusflamme leckte, der Kessel summte. Modeste sah zu und wunderte sich, wie geschickt die braunen Hände hantierten.

»Ich hätte das eigentlich selbst machen können, Herr Romeit,« meinte sie, während er den Tee in die Kanne schüttete. »Herren benehmen sich dabei immer so rührend ungeschickt. – Aber Sie benehmen sich gar nicht ungeschickt!«

Er sah sie von der Seite an. Witterte er den kühlen Spott der Lindts, den er gar nicht vertrug?

»Nein, ich meine es im Ernst, Herr Romeit.« Sie griff nach dem Speicherbuch und blätterte. »Sie schreiben auch eine hübsche Hand. Eine energische Hand. Das mag ich.«

»Ich schreibe aber sehr ungern,« erwiderte er.

»Gott, ich tue auch manche Arbeit ungern – eigentlich jede, wenn ich ehrlich bin.«

»Da sind aber gnädiges Fräulein nicht gut dran.«

»Wieso?« fragte sie kühl.

Er zuckte mit der Schulter. »Gott, wenn unsereiner nicht die Arbeit hätte!«

»Sie haben hier viel zu tun, Herr Romeit?«

»Ich habe mein Lebtag viel zu tun gehabt – aber ich habe immer gern gearbeitet.« Mit einem etwas verächtlichen Lippenzucken fügte er hinzu: »Sie sind eine Dame, Sie kennen's nicht anders. – Ich aber brauche die Arbeit. Dumme Ideen bringt man sich nur durch Arbeit weg... Oder denken Sie vielleicht, unsereiner hat nicht auch seine Kämpfe? – Die Empfindungen bei den Herrschaften mögen feiner sein und unsre Ehre stumpfer – aber wir haben beides.« Er hielt inne. Die Stimme bebte ihm leicht. Auch die Hand tastete unsicher, als sie die Flamme zurückschrauben wollte. »Ja, gnädiges Fräulein,« sagte er plötzlich hart, »ich werde allerdings von Barginnen weggehen, aus Preußen überhaupt. Je weiter, je besser. Ich meine, wer jung ist und arbeiten will, der findet überall seinen Platz... Ich habe gar keine Bedürfnisse, ich schlage mich schon durch.«

Modeste war aufgestanden und trat zu ihm. »Herr Romeit, ich spreche ganz ehrlich zu Ihnen, wollen Sie mir ebenso ehrlich antworten?«

»Ja. Wenigstens soweit ich kann.«

»So antworten Sie mir, Herr Romeit! Gehen Sie wegen meines Vaters?«

»Nein.«

»Wegen der Gutsverhältnisse überhaupt?«

»Nein.«

»Weswegen denn?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, gnädiges Fräulein... Ich gehe, weil ich eben gehen will und gehen muß.«

»Ja, allerdings dann...« Sie war zurückgegangen zu ihrem Stuhl und blätterte wieder im Speicherbuch. Was ihn forttrieb, wußte sie jetzt wohl. Aber sie begriff doch nur halb. Es war eben die andre Menschenklasse, die doch auch anders fühlen mußte, nach ihrem Gefühl... Und was ihrer Eitelkeit früher vielleicht geschmeichelt hätte dabei, heute schmeichelte es ihr nicht mehr. Gerade die Eitelkeit war damals am schwersten getroffen... Und dann dachte sie wieder an das einsame Schloß, an den einsamen Winter, und daß der Mensch ging, den sie eigentlich immer gerngehabt hatte, wie eine Königin den Pagen. Sie stand ja so hoch über ihm!

Das Wasser brodelte. Herr Romeit goß den Tee auf. Später kostete Modeste mißtrauisch. »Er schmeckt gut – sehr gut! Und mit der Bedürfnislosigkeit scheint's doch nicht so weit her. Der Schloßtee ist jedenfalls schlechter.«

Und dann saßen sie gemütlich beieinander, tranken Tee, sprachen von den schlechten Schlittenwegen, von dem Frühling und der zurückgebliebenen Remonte.

»Ich werde das bißchen Reiten bis dahin ganz verlernt haben,« klagte sie.

»Kommt wieder, gnädiges Fräulein, kommt wieder!«

»Sie haben gut reden, Herr Romeit! Sie erleben es ja nicht mehr, wenn ich 'runterfalle.«

»Das erlebe ich allerdings nicht mehr.«

Dann sagte sie, warm geworden vom Tee, wunderlich eingesponnen von der einfachen Gemütlichkeit, die der braune Kachelofen drinnen ausströmte und der weiße Flockentanz draußen: »Was wollen Sie eigentlich jetzt im Winter gehen, Herr Romeit? – Da ist's doch auf allen Gütern gleich. Entweder fußtiefer Schnee oder fußtiefer Schmutz. Und wenn das bißchen Viehzeug nicht wäre und das Dreschen, könnten Sie doch eigentlich ruhig die Wohnung abschließen und drei Monate auf Urlaub gehen!«

Er sah finster vor sich hin.

»Also bis zum nächsten April, Herr Romeit?«

»Nein, gnädiges Fräulein.«

»Und wenn ich Sie nun darum bitte? Ich bat schon einmal.«

»Nein, gnädiges Fräulein.«

»Und wenn ich Ihnen sage, daß Sie mir damit persönlich einen Gefallen tun! Die Menschen,« fuhr sie rasch fort, als wenn sie über sich selbst hinwegeilen wollte, »die Menschen, die mich gernhaben, die kann ich leicht zählen, und die Menschen, die mich nicht gernhaben, die brauche ich gar nicht zu zählen. Es sind ihrer übergenug.«

»Aber gnädiges Fräulein wurden doch so bewundert auf dem Ball!«

»Ach, sprechen Sie nicht von dem Ball, Herr Romeit!« Das Blut schoß ihr in die Schläfen. »Oder sprechen wir gerade davon!« Sie vergaß sich ganz. »Ich war nicht etwa krank, Herr Romeit... ich habe nur etwas erlebt, was ich nicht zum zweitenmal wieder erleben möchte... Es mag meine Schuld sein – es ist sogar meine Schuld... Trotzdem...« Sie atmete so rasch, daß ihr ganzer Körper zitterte. »Trotzdem – ich hätte nur einen Wunsch: der Falkner läge erschossen hier!«

Herr Romeit war langsam aufgestanden, mit einem tückisch-heißen Augengleißen. »Gnädiges Fräulein,« sagte er ganz leise und gepreßt. »Was Sie befehlen, tue ich.«

Sie sah ihn entgeistert an. »Herr Romeit!«

»Ja, ich tue es, ich tu's...« wiederholte er starrsinnig, den Kopf an ihrem Kopf, wie ein Verschwörer.

Bei dem Ton der letzten Worte besann sie sich, sprang verwirrt auf. »Was habe ich denn da gesagt? – Ich bin wohl nicht bei Sinnen... Es ist Unsinn, Unsinn – ein Nichts. Sie würden lächeln darüber. Eine Lappalie...« Aber der seltsam entschlossene Ausdruck des Männergesichts blieb derselbe. »Herr Romeit, es ist ein Unsinn, wiederhole ich Ihnen noch einmal, und wenn Sie sich auch nur in Gedanken einfallen lassen wollten...«

Er schwieg.

An der Tür klopfte es.

Modeste flüsterte, auf einmal sehr nüchtern geworden: »Es darf mich niemand hier sehen! Ich trete rasch ins Nebenzimmer. Und, Herr Romeit,« fügte sie hastig hinzu, »Sie werden vergessen, was ich gesagt habe. Ich habe beinah Angst... Und nicht wahr! Sie werden bleiben?« Sie hielt ihm die Hand hin. Er beugte sich auf die Hand, sie zu küssen.

»Nein, nicht so, nicht so! Sie sollen mir nur versprechen, daß Sie schweigen werden und nie etwas tun.«

»Ich werde schweigen, und ich werde bleiben, weil's gnädiges Fräulein befehlen.«

Modeste verschwand in der Kammer. Die blonde Jungfer kam aufgeregt herein: »Ach Gott, Herr Inspektor, ach Gott! Wo ist denn das gnädige Fräulein? Die Herrschaften sind zurückgekommen – und nun soll ich schuld sein. Die alte Mamsell kriegt ja immer recht... Und Sie sollten mit Leuten und Laternen auf der Stell' kommen... Der Alte hat sich schon ganz heiser geschimpft.«

»Ja, ich komme sofort,« antwortete er und knöpfte die Jagdjoppe zu.

Als die beiden gegangen, schlüpfte Modeste lautlos in den Park.

Nach einer Viertelstunde kam der Stern von Barginnen wie von ungefähr im Schlosse an.

»Da ist sie ja,« lispelte der alte Lindt herzlich erfreut.

»Da bist du ja, Modeste!« sagte die Mutter gleichmütiger. »Ich wußte...«

»Nein, du wußtest gar nichts, Luise!« rief zornig der Alte. »Aber das kommt alles von der Schwefelbande, den Inspektoren, das fährt zum Grog und läßt Gut Gut sein ... Man ist eben viel zu gutherzig, viel zu gutherzig!«

Modeste erzählte angesichts dieser Erregung eine schnell erfundene Geschichte, daß sie nämlich im Park herumgegangen sei, dann bei Lehrers am Fenster der Musik zugehört habe. »Ich hatte wirklich keine andre Wahl, Papa.«

»Ja, ja, Kindchen,« beruhigte der Alte, »die Hauptsache ist, daß du wieder da bist... Aber der Lehrer,« fuhr er sich erbosend fort, »ist erst recht 'n gemeiner Kerl, ganz wie der Romeit, aufsässig und unzufrieden.« Er fuchtelte währenddem mit einem Brief, der ihm wahrscheinlich größere Qual verursacht hatte als Modestes Verschwinden. »Da hat man nun dem Kerl aus reiner Menschenfreundlichkeit die neue Schule gebaut! – 'n Palais einfach! Aber die Regierung fürchtet sich ja direkt vor diesen Schulmeistern. – Und da beschwert sich der Kerl jetzt wieder wegen des Richtstrohs. Es wäre überhaupt kein Richtstroh und muffig und vom vorigen Jahre. – Dabei habe ich es selbst ausgesucht. – Aber die Gesellschaft steckt ja sämtlich unter einer Decke. Und der Romeit hatte noch vor fünf Minuten die Frechheit, mir zu sagen, daß es gar kein Richtstroh gewesen wäre und er hätte es nur auf meinen besonderen Befehl geschickt...« Der alte Knochenmehlhändler hatte sich ganz atemlos gelispelt. »Und wenn's auch Zehnmal kein Richtstroh gewesen wäre und muffig und vom vorigen Jahr – das weiß ich ebensogut – aber der Schulmeister wird doch nicht mit seinem Patron debattieren dürfen über Recht oder Unrecht! Da hört ja die Weltgeschichte auf... Mag er bei der Regierung klagen, ich lasse mich auf nichts ein – nichts!« Und er faßte instinktiv nach der Westentasche, wo der Geldschrankschlüssel so sicher geborgen war.

Die Mutter Lindt, ohne Nerven wie stets, sagte nur: »Ärgere dich doch nicht, lieber Mann, über diese gemeinen Menschen! Es lohnt sich nicht.« Zur Tochter aber wandte sie sich mißbilligend: »Bei Lehrers am Fenster zu stehen und zuzusehen, wie das Geburtstag feiert, das schickt sich nicht! Du Hast überhaupt zuweilen gewöhnliche Passionen, wie Erika ganz richtig schreibt ... Vergiß, liebe Modeste, nie, was du deinem Stande schuldig bist!«

Modeste, die heute nicht auf Standesrücksichten gestimmt war, antwortete sehr kühl: »Ja, Mama, dann hätte eben das Haus nicht abgeschlossen sein müssen, worauf ich wirklich nicht vorbereitet war.«

»Oder du, liebes Kind, hättest nicht aus Gumbinnen zurückkommen müssen, worauf wir erst recht nicht vorbereitet waren.«

Der Alte, dessen Liebling Modeste immer gewesen, antwortete darauf würdig: »Doch besser so, daß du wiedergekommen bist, Modestchen! Königsberg kommt noch später zurecht... Ich habe seit neulich so meine Gedanken. – In der Gegend bleibst du vielleicht gerade, liebes Kind.«

»Oder ich bleibe vielleicht gerade nicht, lieber Papa!«

»Das wird sich finden. Ich weiß, was ich weiß. Im übrigen übereile ich nie etwas.« Modeste ging früh zu Bett. Schlafen konnte sie nicht. Sie war unzufrieden mit dem Tag und mit sich. Woher eigentlich diese plötzliche Wallung von Vertrauen, Freundschaft? Allen gegenüber hütete sie ihr Herz, log – diesem Mann allein gab sie das Innerste preis, war rücksichtslos wahr. – Hatte die Mutter am Ende doch recht mit ihrer Warnung? ... Und dann war's ihr doch wieder ein heiß prickelndes Gefühl, wenn sie dachte, daß ein Mann bereit war, auf einen Wink von ihr zu töten. Es war ein schauerlich schönes Gefühl.

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