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Mode und Cynismus

Friedrich Theodor Vischer: Mode und Cynismus - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorFriedrich Theodor Vischer
titleMode und Cynismus
publisherVerlag von Konrad Wittwer
printrunZweiter Abdruck
year1879
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160731
projectid1862332a
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Ueber Cynismus und sein bedingtes Recht

Der vorstehende Aufsatz »Wieder einmal etwas über die Mode« hat die Redaction der Zeitschrift, die ihn aufnahm, in Verlegenheit gesetzt. Als ich ihn einsandte, sah ich dies voraus, denn ein periodisches Organ hat Rücksichten zu nehmen, wie sie der Einzelne nicht zu nehmen hat, der als solcher einfach auf seine Verantwortung zum Publikum spricht. Ein gediegenes Journal sucht oder hat seine Leserzahl in der guten Gesellschaft. Diese kann und darf in ihrer Mehrheit nicht aus Solchen bestehen, die ihren Codex vom Anstand nicht unbesehen heilig halten. Immer nur Wenige können unter ihren Mitgliedern sein, deren sie sicher ist und die doch einmal genauer nachdenkend sich die Frage stellen, ob denn die Umzäunungen, in welche jenes Etwas, das wir Anstand nennen, das Leben einhegt, gar keine Bresche zulassen, ob es nicht noch andere Gebiete gibt, von denen unvermeidlich Bewegungen ausgehen, die ein Loch in den Hag brechen. Wird nun von einem solchen Organ ein Beitrag zugelassen, der aus dem Bewußtsein hervorgegangen ist, daß solche Gebiete bestehen und daß gewisse Grenzfragen zu ihren Gunsten gelöst werden müssen, weil sie ein höheres Recht haben, als der Anstand, so ist vorauszusehen, daß jene Mehrheit scheu werde, daß sie nicht nur über den einzelnen Fall erschrecke, sondern auch für die fernere Haltung der Zeitschrift Besorgniß schöpfe. Durfte Einer es wagen, über den heiligen Zaun zu setzen oder ihn zu durchbrechen, wer weiß, wie Viele ihm nachspringen werden? Thür und Thor ist, scheint es, dem Unschicklichen geöffnet und wie weit es noch gehen werde, nicht abzusehen; das Naturburschenthum, wenn nicht Schlimmeres, hat, so meint man, Einlaß in den Salon gefunden und die gute Gesellschaft zieht vor, das Feld zu räumen. Was immer eine Redaction bereits gethan haben mag, durch ihre Praxis zu verbürgen, daß hier keine Gefahr sei, man wird dunkel befürchten, es möchte bei der Ausnahme nicht bleiben, sie könnte in die Lage des Zauberlehrlings gerathen:

»Die ich rief, die Geister,
Werd' ich nun nicht los.«

Anders natürlich liegt die Sache, wenn ein Einzelner als solcher, d. h. in einer selbständigen Publikation es sich herausnimmt, die Schutzwand zu durchstoßen. Entweder gibt er sich auf den ersten Blick als Schmutzfreund zu erkennen, dann läßt man ihn einfach stehen, d. h. man wirft seine Blätter weg und überläßt sie den Schichten der Gesellschaft, in denen der unsaubere Autor offenbar zu Hause ist. Oder man sieht ihm an, daß er nicht danach angethan ist, als könnte es ihm einfallen, Cynismus zu treiben ohne Grund und Grenzen; man kennt ihn vielleicht schon vorher hinreichend, um dessen versichert zu sein, oder man entnimmt sich diese Bürgschaft aus der Mischung der Bestandtheile in der jetzt vorliegenden Arbeit, oder Beides trifft zusammen. Dann wird man sich nach dem ersten Schrecken besinnen und denken: der Mann wird seinen Grund gehabt haben, diesmal diesen Ton zu greifen und ein andermal, wenn ein solcher Grund nicht besteht, es unterlassen. Die Ueberlegenden werden diesen Grund erkennen und das Ihrige thun, die Aengstlichen zu beruhigen. Und übrigens kann man ja abwarten; sollte des Grundes nicht genug zu entdecken, sollte also der Mann doch auf eine abschüssige Fläche gerathen sein, es wird sich ja finden.

Dies Alles pflichtmäßig erwägend schrieb ich bei Uebersendung meines Manuskriptes, man werde starke Stellen darin finden und ich würde in voller Anerkennung der Rücksichten, die eine Redaction nehmen müsse, eine Ablehnung nicht im Geringsten verübeln. Diese zog es vor, anzunehmen und sich durch die bekannte Vorbemerkung, so gut es gieng, zu helfen. Soviel über diesen Hergang; ich habe ihn zur Sprache gebracht, weil die Unterscheidung einer selbständigen Publikation und eines Beitrags für eine Zeitschrift zu Bemerkungen führte, die mir als Einleitung zum Folgenden dienlich erscheinen.

Wirklich möchte ich gerne glauben, die Arbeit wäre verständiger ausgenommen worden, wenn sie nicht in einem Rahmen erschienen wäre, welcher den Begriff: Pflichten der Rücksichtnahme in den Vordergrund stellte und hiemit zum Voraus einen falschen Maßstab nahe legte. Schreibt Jemand über die Mode, so kann der leitende Maßstab der Beurtheilung dessen, was er vorbringt, einzig und allein in der Frage bestehen: hat er richtig gesehen? Hat er mitgebracht, was von dem, der über Formen schreibt, in erster Linie zu verlangen ist: ein normales Auge? Statt danach zu fragen, hat alle Welt nur nach den Händen gesehen und gefragt: hat er Glacée-Handschuhe an oder nicht? Nach dem Auge zu sehen ist Keinem eingefallen. Ich habe ja doch zum Beispiel nicht blos von der weiblichen Mode gesprochen und ihre jetzige schnöde Unform so scharf ungefaßt, sondern auch von der männlichen, wobei es sich um solche Dinge gar nicht handelte, die zu starkem Ausfall gegen Schamlosigkeit herausfordern, sondern unbezweifelt einfach um richtiges Urtheil über Formen. Ich habe zum Exempel behauptet: verjüngte Kopfform des Hutes macht ein breites Gesicht noch breiter, – habe ich Recht oder Unrecht? Auf solche Formfragen, also auf das Technische des Gegenstands, ließ kein Mensch sich ein. Hübsch manierlich oder grob? Zahm oder wild? Das war die einzige Frage, welche die Armuth der Kritik aufzubringen hatte. Nun kann und darf man dies allerdings auch fragen, denn alles Gedruckte unterliegt natürlich auch diesem Gesichtspunkt, aber er ist nicht der erste, obwohl er allerdings in innerem Zusammenhang mit dem steht, der wirklich der erste ist. Und dieser Zusammenhang ist ein Verhältniß der Abhängigkeit. Die Frage: zahm oder wild? beantwortet sich anders, wenn ich richtig, anders, wenn ich unrichtig gesehen habe. Finde ich die jetzige Mode in manchen Theilen formwidrig, in einem großen Theile frech und habe ich dabei Unrecht, so habe ich nur die innere Unform der eigenen häßlichen Seele in den Gegenstand hineingesehen und die Derbheit, womit ich spreche, ist nur die andere Seite dieser subjectiven Häßlichkeit; habe ich aber Recht, so ergibt sich hieraus das weitere Recht, das Häßliche, das ich im Objecte richtig gesehen, auch häßlich zu nennen. Dazu kommt dann noch ein einfaches Menschenrecht: ich habe billig anzusprechen, daß man begreift, ein Mensch bestehe nicht aus Holz, Blech und Stein und es sei ihm nicht zuzumuthen, daß er beim Anblick einer widrigen Formenwelt kaltes Blut bewahre. Wer nicht sieht, wer mit stumpfem, nicht durchzeichnendem, die gegebene Form nicht an der wahren Naturform messendem Auge über die Straßen und durch die Säle geht, hat gut ruhig bleiben; wer sieht und auf Tritt und Schritt jahraus, jahrein Zerrbilder um sich sieht, der hat ein Recht, endlich wild zu werden. Doch dies ist zu bescheiden gesprochen, denn es klingt eben doch wie bloßer Anspruch auf schonende Beurtheilung einer verzeihlichen Schwäche, wodurch das Vorbringen der Wahrheit einen Zusatz im Ton, eine Färbung erhielt, die nicht zum Inhalt zu gehören scheint. Es handelt sich aber nicht um Erlaubniß, in einen Affect zu verfallen, sondern streng sächlich um die Frage, ob ein gewißer Ton nicht das nothwendige, d. h. einzig naturgemäße Ergebniß des richtigen Sehens ist. Ich nenne ihn wild; das Wort soll zweierlei bedeuten: derb im komischen Sinn gegenüber einem Theil der gegebenen Erscheinungen, derb im Sinne des Ausbruchs ernster Empörung gegenüber einem andern Theile; man begreift, daß ich unter dem Ersteren Alles verstehe, was verkehrt, aber sittlich unschädlich, wenigstens nicht direct schädlich ist, unter dem Zweiten das Schamlose. Wir kommen darauf zurück; die hier aufgeführte Unterscheidung wird uns weiterhin wichtig und fruchtbar werden, ich fasse nur erst meinen obigen Satz in die Worte: habe ich nicht gutes Recht, mit lebendiger Wortkraft das Häßliche häßlich zu nennen, so will ich lieber ganz Unrecht haben, und nehme nun zunächst meinen Faden wieder auf.

Wir müssen jetzt von dem zufälligen Umstand absehen, daß das Erscheinen dieser Kritik der gegenwärtigen Mode in einem Journal auf die Erwartung stoßen mußte, man werde etwas im Sinne des gewöhnlichen Anstandsbegriffs Wohlgesittetes zu lesen bekommen, und daß die Enttäuschung Verdruß erregte. Die Mehrzahl hätte sich auch ohne das über ihre Rauhheit entsetzt. Gewiß wenigstens die unendlich Vielen, denen die Mode das ist, was – sie eben ist: eine absolute Autorität, eine zweite Religion. Es war diesen Unzähligen freilich nicht geschmeichelt. Man sah der ersten bis zur letzten Zeile an, von welcher Taxirung dieser frommen Menschenart sie eingegeben sei. Sie hatten erwartet, ich werde die Draperie ihrer Göttin mit Sammthandschuhen befühlen. Etliche darunter – sie waren in ihren geistreichen Anzeigen leicht zu spüren – hätten noch etwas Anderes gar gern erlaubt: einige niedliche fein zweideutige Winke über gewisse durchsichtige oder draperiefreie Reize der Göttin, eingegeben vom und gefällig dem inguinalen Standpunkt, der ihre Stärke ist. Diese haben erstaunt aufgesehen und es dann spottenswerth gefunden, daß es gar auch noch eine Moral geben soll und daß sie nicht viel Umstände zu machen pflegt. Ein so moderner Gegenstand so unmodern behandelt! Es war nicht zu verzeihen; so grob und so unpikant, auch nicht ein einziges Zötchen – es war lächerlich.

Man begreift, daß ich nicht zur Feder gegriffen habe, um den beschrieenen Artikel gegen seine Widersacher und gar gegen die letztere Gattung derselben zu decken. Ich läugne zwar nicht, daß bei manchem Einwurf, wie solche allerdings auch von anhörenswerther Seite gekommen sind, der Drang der Gegenwehr sich regen muß, ja daß auch unvernünftiger Vorhalt das natürliche Gefühl zum Gegenstoß anreizt, aber versichern kann ich, daß dieser Zweck allein mich nicht entschieden hätte. Man soll die Literatur nicht vermehren, nur um sich seiner selbst anzunehmen. Aber Begriffe klarstellen: das ist ein Zweck, der zum Schreiben berechtigt und auffordert. Und der Begriff, um den es sich hier handelt, bedarf der Klarstellung; sie ist nicht leicht, fordert eine Reihe dialektischer Unterscheidungen, ist meines Wissens noch nirgends gründlich vorgenommen und ich gestehe, daß ich selbst durch die neuere Erfahrung erst gemahnt worden bin, mir über die Gründe meines guten Rechts deutlichere Rechenschaft abzulegen, als zur Zeit, da ich in raschem Zuge niederschrieb, was seit Jahr und Tag die jetzige Mode zu denken gibt. – Nachdem ich übrigens einmal an diese Arbeit gegangen bin, wäre es nur gesucht, wenn ich von ihren Ergebnissen nicht auf den Artikel die Anwendung machte, der doch die Veranlassung einmal gegeben hat; warum das Concrete meiden, wenn es just am Wege liegt?

Ich soll in der Art, wie ich mich ausließ, den Anstand verletzt haben. Wie nennen wir diese Verletzung? Ihr Name sollte den Titel abgeben. Schon dieser war schwer zu finden. Ich dachte, nur eine ungefähre, negative Bezeichnung zu wählen und zu setzen: »Ueber die Grenzen des Anstands« oder etwas gedehnter: »Ueber die nothwendigen Grenzen im Einhalten des Anstands«. Die letztere Wendung wäre von Schiller entlehnt; seine Abhandlung » Ueber die nothwendigen Grenzen beim Gebrauch schöner Formen« ist wenig beachtet und doch gleich wichtig an sich wie für den Entwicklungsgang der Ansichten des edlen Denkers und Dichters. Schiller fühlte offenbar, daß er die ästhetische Bildung überschätzt hatte, als er ihr in seinem Gedichte: Die Künstler und in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen die große Rolle zuwies, geradezu das ungeheure Werk der Menschenerziehung zu übernehmen bis zu der Station, wo der Mensch fähig sein soll, die scheinlose Wahrheit und das strenge Sittengesetz frei vom einhüllenden Reize des Schönen zu fassen und zu befolgen, als er kühn vertraute, daß unter der Hülle der schönen Form die Völker und Individuen das Wahre und Gute in sicher leitender Ahnung schon mitbekommen. Er ließ im selben Jahre (1795) schon den genannten Aufsatz folgen. Jetzt unterschied er streng die Fälle, wo der Mensch dem Schönheitsgefühle als einem gefälligen Surrogat für die unerbittliche Pflicht und den strengen Begriff sich überlassen dürfe, von denjenigen, wo es heißt: Scheiden! Entweder, Oder! Hier gebietet entweder die Vernunft, das Sittengesetz oder das Gefühl, die Einbildungskraft, der Geschmack, und wenn jene, so gibt es keinen Compromiß mit diesen! Schiller kehrt sich nun vor Allem gegen die spielende Unterrichtsmethode, wie sie damals aufgekommen war, und gegen das Belieben unterhaltenden, bilderreichen Vortrags, wo strenge wissenschaftliche Methode gefordert ist – das Letztere gewiß eine Mahnung, die für unsere Zeit nichts weniger als verspätet kommt, – dann aber gegen die moralische Verweichlichung durch einseitig ästhetische Cultur. Er greift hier seine Beispiele vorerst aus dem Privatleben; er zeigt, wie leicht die Liebe, sonst ein Hebel jeder edelsten sittlichen Kraft, in Versuchung geräth, unbedingte Pflichten zu verletzen und die Verletzung mit dem Namen eines Opfers für den Geliebten zu beschönigen, wie leicht wir ungerecht handeln, um großmüthig zu handeln, wie nahe es liegt, höflich und delikat zu sein auf Kosten der Wahrheit, unmenschlich, um einer Vorspieglung des Ehrgefühls genugzuthun, dann aber geht er auf das politische Gebiet über und da lautet die Verkehrung: blutig vorgehen, um ein unmögliches Ideal politischer Glückseligkeit zu verwirklichen, Gesetze in den Staub treten, um für bessere Platz zu machen, und kein Bedenken tragen, die gegenwärtige Generation dem Elend preiszugeben, um das geträumte Wohl der nächstfolgenden dadurch zu begründen. Man erinnere sich der Zeit, in welcher er schrieb. Es war eine schönselige Stimmung, aus welcher die Greuel der Revolution hervorgiengen, es war die Sentimentalität, welche die französischen »Schindersknechte« zur Schneide der Guillotine zuschärften; sie hielten für passend, die Leute zu köpfen, um für Rousseau's Welt-Idylle Raum zu schaffen. Nicht so empfindsam ist unsere Zeit, doch aber wie unheimlich paßt auf sie auch dieses schlagende Wort, da jetzt Rousseau's Wahnbild von Freiheit und Gleichheit abermals aufsteht und Gesellschaft und Staat zu zerstören droht! – Ich muß dem Reiz widerstehen, dies zu verfolgen, und hebe noch folgende Sätze aus, die sich auf das rein menschliche Gebiet beziehen und deren zweiter gar leicht auf mein Thema – die Frage, wo die Artigkeit aufhören müsse – sich anwenden läßt: übertriebener Hang zum Schönen kann den Charakter verderben; – die Repräsentation des Sittengefühls durch das Schönheitsgefühl kann unschädlich sein, aber der Fall verändert sich gar sehr, wenn Empfindung und Vernunft ein verschiedenes Interesse haben, wenn die Pflicht ein Betragen gebietet, das den Geschmack empört. –

Ein anderer kleinerer Aufsatz enthält » Gedanken über den Gebrauch des Gemeinen und Niedrigen in der Kunst«. Unter dem Gemeinen versteht Schiller Alles, was einem geistigen Interesse gegenüber blos sinnliche Bedeutung ansprechen kann, wie z. B. an einem großen Manne sein Stammbaum, seine Kleidertracht, sein Hauswesen gegenüber seinen Entwürfen und Unternehmungen. Er unterläßt nicht, sogleich hinzuzufügen, daß es doch nicht auf den Stoff an sich ankommt, sondern auf die Behandlung; diese kann das bloße »Gegenüber« in einen innern Zusammenhang verwandeln; Schiller verweist zunächst auf den Geschichtschreiber; besitzt er Geist und Seelenadel, so wird er auch in dies Untergeordnete ein Interesse, einen Gehalt legen, der es wichtig macht, in höhere Beleuchtung aufnimmt. So nun auch der Künstler, der Dichter. Er kann das Gemeine in seiner Gröbe aufnehmen und durch den Zusammenhang, in den er es stellt, durch irgend eine geistige Beziehung, die er ihm gibt, es veredeln. Schiller steigert vorerst den Begriff, er führt dem Titel gemäß auch das Niedrige ein, das sich – so bestimmt er die Bedeutung des Worts – zum Gemeinen verhält wie konträres zum kontradiktorischen Gegentheil, also wie beispielsweise Bös zum bloßen Nichtgut. Das Niedrige ist nicht einfach nur ein Sinnliches, das durch keinen Zusammenhang mit dem Geist geadelt wird, es besteht in der Rohheit, in der verächtlichen Gesinnung, die das bloß Sinnliche zum Gewollten erhebt und dabei überdies absichtlich den Anstand außer Augen läßt. Nun wäre eigentlich ein wichtiger Unterschied einzuführen: der des objectiven und des subjectiven Gebrauchs der genannten Ingredienzien, nemlich eben des Gemeinen und Niedrigen: es ist natürlich sehr zweierlei, ob ein Dichter oder Künstler es wagt, für seinen Zweck gemeine und niedrige Züge oder ganze Personen uns vor Augen zu bringen, oder ob ein Schriftsteller im eigenen Namen sprechend den Anstand und die edlere, geistigere Sitte vor den Kopf stößt. Schriftsteller: so müssen wir beim zweiten dieser Fälle statt: Dichter allgemeiner sagen, denn es ist zwar auch an Dichter zu denken, vorzüglich an satyrische, doch ebensosehr, ja mehr noch an literarische, Darstellung, Besprechung überhaupt, namentlich an jene, die nicht an wissenschaftliche Strenge und Würde gebunden ist, sondern lebendig an die Gegenwart sich wendet und daher das Recht freierer Bewegung genießt. Kurz und straff, wie er zum Ziele geht, denkt Schiller nur an den ersten Fall und führt nun die zwei Bedingungen auf, unter welchen das Gemeine und Niedrige in die Kunst eingelassen werden darf, die zwei Mittel, für diese unsaubern Figuren das Bürgerrecht zu erkaufen: sie sind das Komische und das Furchtbare. Jeder Bewanderte sieht, daß er hiebei auf Lessing fußt. »Was der Dichter für sich selbst nicht nutzen kann, nutzt er als ein Ingrediens, um gewisse vermischte Empfindungen hervorzubringen und zu verstärken, mit welchen er uns in Ermanglung rein angenehmer Empfindungen unterhalten muß. Diese vermischten Empfindungen sind das Lächerliche und das Schreckliche. Wenn unschädliche Häßlichkeit lächerlich werden kann, so ist schädliche allezeit schrecklich,« so sagt der große Kritiker im Laokoon; den Styl der Zeit und gewisse Mängel in der Begriffe-Bestimmung wird ein nachdenkender Leser leicht abziehen und sich gern in die schlagende Wahrheit und Fruchtbarkeit vertiefen, die er schon auf den zweiten und dritten Blick diesen Sätzen ansehen muß.

Es ist nun, was wir durch Hülfe dieser Autoritäten gewonnen haben, erst für unsern Zweck zurechtzurücken. Dabei handelt es sich um folgende Punkte:

Lessing hat, wie Schiller, nur die Kunst im Auge; auf sie hinüberzublicken wird in unserem Zusammenhang allerdings gut und lehrreich sein, an sich aber stehen wir auf einem anderen Boden, auf dem, welcher soeben schon angedeutet ist: diese Untersuchung knüpft sich nicht an ein Dichtwerk, das sich erlaubt hat, anstandswidrige Figuren oder Wendungen vom Stapel zu lassen, sondern einfach an ein Urtheil, das über eine ästhetisch-sittliche Erscheinung ausgesprochen wurde, und sie dreht sich um die Frage, ob es nicht, indem es seinen Gegenstand als großentheils häßlich darstellte, durch die Art seiner Darstellung selbst häßlich geworden sei; dies ist der Anlaß, und die Beantwortung der speziellen Frage führt, wie sich bereits einleuchtend ergeben hat, auf die allgemeine, wann und wieweit Verletzung des Geschmacks und Anstands berechtigt, vielleicht sogar gefordert sei.

Sodann muß genauer genommen werden, was Schiller Geschmackempörend gemein, niedrig, was Lessing mit allgemeinerem Wort häßlich nennt. Nicht, daß wir erschöpfend zu Werke gehen müßten; insbesondere haben wir nicht unmittelbar auf das moralisch Häßliche abzusehen, worauf Schiller in seiner Art zu schnell und ausschließlich lossteuert; allerdings zwar ist unsere Frage ebensosehr eine moralische, als eine Form- oder Geschmacksfrage, ja sie ist das erstere in ganz prägnantem Grad, aber zunächst müssen wir das Häßliche in so allgemeinem Sinne fassen, daß die eine der genannten Wirkungen, die komische, nicht ausgeschlossen wird, zu welcher ja wesentlich gehört, daß irgend etwas eintrete, was die Betrachtung vom sittlichen Standpunkt ableitet. Erst im Verlaufe wird dieser in seiner Bestimmtheit aufzunehmen sein, da nemlich, wo unser Weg zu dem führt, was Schiller und Lessing das Furchtbare, das Schreckliche nennen. Diesen letzteren Begriff werden wir erweitern müssen; wir sagen vorerst, wie oben, als wir ganz vorläufig die betreffende Unterscheidung einführten, besser nur: ernst, ernste Wirkung; die Stelle wird sich finden, wo davon die Rede sein muß, daß es wirklich gelten kann, Stöße so starker Art zu führen, wie sie durch jene Namen bezeichnet find. Uebrigens wird es sich auch von einer Mischung handeln, worin die komische und die ernste Wirkung zu einer gewissen Einheit sich verbindet.

Wir können unser Thema auch so bezeichnen: es gilt, Schillers kurze Aufstellungen »über die nothwendigen Grenzen im Gebrauche schöner Formen« und »über das Gemeine und Niedrige in der Kunst,« – Sätze, die sich in das Bestimmte des Stoffs zu wenig einlassen, weiter zu entwickeln und speziell auch auf das Anstandsgebiet außerhalb der Kunst anzuwenden. »Das Bestimmte des Stoffs«: dazu müssen wir sogleich setzen: und seiner Behandlung.

Es wird auf keinen Widerspruch stoßen, wenn wir nun sagen: diese Behandlung ist überhaupt zu bezeichnen als ein Aufdecken und zwar Aufdecken eines Solchen, was in dieser Aufdeckung ekelhaft erscheint, häßlich im Sinne des Ekelhaften. Und das Prädikat häßlich oder ekelhaft trägt sich, je nachdem das Aufdecken beschaffen ist, auf den Aufdeckenden über. In den paar Worten: »je nachdem das Aufdecken beschaffen ist«, verbirgt sich, wie man leicht erkennt, eine Welt von Fragen. Wer kurz sieht, wird dies aber nicht finden, sondern einfach sagen, die Uebertragung vollziehe sich nothwendig auf alle Fälle, denn der Anstand verbiete das Aufdecken schlechtweg und immer.

Das Häßliche, sofern es sich als Prädikat dem Aufdeckenden anhängt, wollen wir nun cynisch nennen und da ich eine kurze Ueberschrift brauchte, so habe ich einfach gewählt: über das Cynische. Doch etwas mehr vom Inhalt mußte der Titel andeuten; ich fügte hinzu: und sein bedingtes Recht; denn wir haben die Frage nun so zu stellen: ist das Cynische schlechthin unerlaubt, oder, wenn es Bedingungen gibt, unter denen es gerechtfertigt ist, welche sind sie?

Natürlich müssen wir nun zuerst näher zusehen, was das Cynische ist, und es muß zu diesem Zweck ein Wort über das Wort vorangeschickt werden. Die Bezeichnung hat ihre Schwierigkeit. Der Ausdruck ist, wie man weiß, vom Hunde genommen. Die Natur hat diesem edelsten aller Thiere einen doppelten Fluch aufgelegt. Seine größte Tugend, die unbedingte Anhänglichkeit an seinen Herrn, hat seinen Namen zum Schimpfwort für ehrlos unterwürfige Menschen gemacht, so im Deutschen, Italienischen, Französischen; die Bedeutung wird von da über alles Niederträchtige, Verächtliche erweitert ( canaglia, Hundepack). Die zweite unselige Mitgift sind gewisse Gewohnheiten, die den armen Burschen, der nichts dafür kann, zum Bilde des Schmutzigen, des Wühlens im äußerst Natürlichen gemacht haben; das Gebiet ist so unsagbar unanständig, daß die neueren Sprachen vorgezogen haben, das Wort aus einer todten zu entlehnen, wenn der Hund seinen Namen für vergleichbares menschliches Treiben hergeben soll: ein Sprachgebrauch, dem offenbar ein Gefühl zu Grunde liegt, als würde das höchst Widerliche, um das es sich handelt, der Vorstellung bereits zu nahe gerückt, wenn man die Bezeichnung aus der eigenen Sprache holte. Wir sagen: hündisch, wenn von serviler Selbstwegwerfung, dagegen cynisch, wenn von dem gewissen Griff in den Schmutz die Rede ist, der an dieses Gebahren des Hundes erinnert. Da sich das Thier dessen im Geringsten nicht schämt, so muß der Ausdruck Cynismus öfters auch dienen, besonders frech auftretende moralische Gemeinheit zu charakterisiren, eine Gemeinheit, welche vorgeht, als verstände sich das Schlechte, das Ehrlose von selbst; dies ist es, was Schiller im zweiten der genannten Aufsätze das Niedrige nennt. Wir müssen aber in unserem Zusammenhang von diesem letzteren Sprachgebrauch absehen, sonst verwirren wir uns. Es ist spezifisch das Schmutzige, was uns beschäftigt, es ist das turpe, wie es gemeint ist, wenn man sagt: naturalia non sunt turpia – eine Sentenz, mit deren übrigem Sinn wir uns für jetzt noch nicht zu befassen haben. Nicht so einfach, als es einem naiven Leser scheinen mag, beantwortet sich die Frage, was darunter zu verstehen sei. Man muß sich die Mühe nehmen, Unterscheidungslinien durch das ungern betretene Feld zu ziehen; eine derselben ist so wesentlich, daß sie sogleich aufgeführt werden muß, da sie geradezu die Richtigkeit unseres Titels in Frage stellt. Bei dem Worte turpia denkt man an allerhand Schmutziges, das nicht eben in das geschlechtliche Gebiet gehört, und Verletzungen der Scham und Sitte, die in das letztere fallen, nennt man, genauer genommen, nicht cynisch, sondern obscön; da von diesem Gebiete hier ebenso die Rede sein muß, wie von dem der turpia, so müßte unsere Ueberschrift neben dem Cynismus eigentlich auch den Obscönismus nennen. Doch mag die Mitbefassung des Zweiten im Ersten hingehen in Betracht, daß das gute, arme Thier, das den Namen für Schmutzwühlerei hergeben mußte, leider auch im Geschäfte der Fortpflanzung seines Geschlechts keine Scham kennt und in dieser Einen Beziehung allerdings unter der nachtliebenden Katze steht. Man meine nur nicht, es handle sich hier um eine Wortklauberei; der Verlauf wird es zeigen; soviel mag schon hier gesagt werden: Cynismus (jetzt im engeren Sinne des Worts) und Obscönismus ist so sehr zweierlei, daß der derbste Cynismus Kinder-Unschuld sein kann verglichen mit dein kleinsten Obscönismus. Wir werden finden, daß das richtige Gefühl der Menschheit sich jedes andern Tributs, den wir der Natur bezahlen, ungleich weniger schämt, als der Gleichheit mit dem Thiere im Zeugungsprozeß; daraus folgt, daß für Aufdeckungen dieser Seite der Natur, wenn sie nicht abscheulich sein sollen, ungleich strengere Einschränkungen zu postuliren sind, als für Aufdeckungen anderer Art. Man bemerkt, daß ich nur eine Forderung ausspreche, nicht eine Thatsache bestätige, denn in Wirklichkeit verhält es sich umgekehrt: die Gesellschaft erlaubt hundert Zweideutigkeiten sexuellen Inhalts, ehe sie Ein derbes Wort verzeiht, das sich z. B. aus die Effluvien bezieht. Es gilt als ungleich häßlicher, den Koth zu nennen, als Zoten zu reißen. Habe ich aber Recht mit dem Satze über das, was das richtige Gefühl der Menschheit eingibt, so ist dies Verhalten nicht ein Kennzeichen unserer Bildung, guten Sitte, sondern unserer Verdorbenheit. Vom Dreck zu reden ist (unter Umständen) roh und gemein, doch weit mehr noch roh, als gemein, auf die Begattung meckernd hinweisen, hinzielen, anspielen ist roh und gemein, doch weit mehr noch gemein, als roh. Der Schweinigel ist ein Kind gegen den Zotenreißer. – Uebrigens ist hier eine weitere Sprachschwierigkeit zu bedauern: es fehlt ein Wort, das alle verschiedenen Formen der Bloßlegung unserer geschlechtlichen Naturabhängigkeit umfassend bezeichnet, die groben, die mittelgroben und die feinen. Zote ist zu stark für die feinen, Zweideutigkeit zu schwach für die gröberen und groben. Ich werde in dieser Verlegenheit das eine oder andere Mal nach dem Wort Obscönismus, als dem allgemeineren, greifen müssen, obwohl ich, wie gesagt, im Ganzen und Großen unter dem Wort Cynismus mitbefasse, was es bezeichnet.

Der Leser wird spüren, daß diese sämmtlichen Vorbemerkungen keine Nörgeleien sind, wenn er sich nun des Weiteren überzeugt, wie sie unser eigentliches Geschäft uns erleichtern, das wir jetzt ohne ferneres Zögern in Angriff nehmen.

Wir haben, obwohl nur ungefähr, die Stoffsphären bezeichnet, in welche der Cynismus greift, und sein Verfahren ein Aufdecken, Bloßlegen genannt. Aber was ist es denn eigentlich mit »Stoffsphären«, mit »Stoff«?

Es handelt sich, soviel schwebt Jedem auf den ersten Blick vor und ist schon angedeutet, um gewisses Natürliches, das, wenn bloßgelegt, uns Widerwillen, ja Ekel oder durch Verletzung der Scham zugleich Abscheu erregt. Es scheint, dieser Eindruck verstehe sich von selbst, und dies ist eben vielmehr nicht der Fall, sondern dabei ist dies und das vorausgesetzt. Es gibt ein Wesen, es ist die Wissenschaft, das keinen Widerwillen, keinen Ekel kennt, außer sofern sie sich damit beschäftigt, zu untersuchen, worin er bestehe und wie er zu erklären sei; ein Wesen, das die erhabene Schamlosigkeit mit den Göttern theilt, die nicht schamhaft sind, weil sie nichts Unreines kennen; wie denn ja die oberste Göttin es nicht verschmähte, als Juno Cloacina dem Kloakenwesen in Rom vorzustehen. Was, von außen sich aufdrängend, als klebriger, schwammiger, formwidriger, übelriechender Stoff, was als widerlich häßliches Thier uns abstößt, was am eigenen Körper als Ausscheidung des organischen Lebens oder Product von Krankheitsprozessen, was als Zeuge unserer Thier-Verwandtschaft im Geschlechtsleben uns so berührt, trifft, packt, daß wir uns schütteln oder daß wir erröthen oder beides: all dies ist der Wissenschaft einfach nur Gegenstand des Forschens. Sie weiß, daß an sich der Stoff mit dem Geist in keinem Kontraste steht, daß seine formlosesten Klumpen formlos nur scheinen, seine häßlichsten organischen Gestaltungen doch Glieder der Kette sind, an deren glänzendem Schlusse das hohe Gebilde des Menschen steht, sie weiß, daß die Zeugung ein Wunder von Geist-Act der Natur ist, sie weiß, daß die Natur im Menschen Basis und stetiger Quell des Geistes ist, und sie weiß, daß der reinste Seelenduft der Liebe sich der animalischen Regungen nicht zu schämen hat, die seine Unterlage bilden. Hier gibt es nichts zu scheuen, zu ekeln, nichts zu lachen. Hier ist eine Ruhe, eine gesunde, nüchterne, heilige Kühle.

Aber das Leben will auch Unruhe, Vibration, Oscillation, Lohe. Gefühl, Phantasie schüttelt durcheinander, wirft einander schroff entgegen, was an sich, durch die Reihen der Mittelglieder verbunden, im Frieden der Logik beisammen wohnt. Es ist das Verschwinden oder die Auslassung der Mittelglieder, wodurch diese Stöße, Aufprallungen, Schnellungen vor sich gehen. Es sind Sprünge. Durch sie entsteht der Schein, daß zwischen den großen Gedanken eines Mannes und seinem Stuhlgang, zwischen den Hochgefühlen der Liebe und ihrem realen Ziel keine Gleichung, keine Brücke sei. Ja es kann scheinen, als ob das obere, das ideale Ende negirt sei, wenn das untere sich so oder so der Wahrnehmung aufdrängt. »So oder so« –: was wir Sprünge genannt haben, muß noch gar nicht durch die Absicht eines Jemand hervorgebracht sein, der auf die Realität, auf die grobe Natur hinweisen will; es kann auch Stoß des Zufalls sein, der die entlegenen Pole in plötzlichem Ruck gegeneinander schnellt und nur bemerkt zu werden braucht.

Zunächst nun ist der Mensch, die Gesellschaft ernstlich darauf bedacht, solche Schüttlung, Rüttlung, das Aufblitzen solchen Scheines fernzuhalten; die Dinge sollen eben und glatt ablaufen. Den Vordergrund des Lebens bildet, nachdem die Menschheit sich aus dem Wildstande der Natur herausgearbeitet hat, das Umtreiben unserer geistigen Schätze: denkendes Thun der verschiedensten Art – denkend auch dann, wenn es auf die bescheidensten Ziele gerichtet ist, – Rede, die inneres Leben, Gemüth, Zweck, Geist ausspricht, füllt unsern Tag aus, vereinigt, durchzieht unsere Gesellschaft, und wenn wir auch nur essen und trinken, so wird der Genuß mit Gespräch, Witz, vertraulichem oder ernst gehobenem Worte so gewürzt, daß wir vergessen, wie stark der Zoll ist, den wir kauend und schluckend der Natur hiemit zahlen; wir wissen ganz gut, daß das Gegessene auch verdaut sein will und – was auf die Verdauung folgt, aber wir wollen nichts davon wissen; wir würden fürchten, hinaus zur todten Materie und hinab unter unsern Menschenwerth gestoßen zu werden, wenn wir jetzt (dieses unbestimmte »jetzt« schließt alle weiteren schweren Fragen unserer Erörterung in sich) – jetzt daran erinnert würden.

Wir verhüllen also, bedecken diese Dinge mit Schweigen, Kleidern, spanischen Wänden, Mauern, geschlossenen Thüren. Sobald der Mensch Mensch wurde, fieng er auch an, sich seines Naturgrundes zu schämen, und ein System von Mitteln aufzubieten, um die Erinnerung daran sich und Andern hinwegzuschieben. Dadurch hat sich denn herausgebildet; was wir Anstand nennen: eine stillschweigende, als selbstverständlich feststehende Uebereinkunft, daß all das, woran sich der Eindruck knüpft, als würden wir, wenn es offen gelegt wird, unter unsere Menschenbildung hinabgedrückt, Ein für allemal zugedeckt bleibe, nicht genannt, nicht gezeigt werde. Der Anstand ist Nothwendigkeit, die Menschenwürde verlangt ihn. Sein Gesetz ist heilig. Vor wem wir nicht sicher sind, daß er es achte, mit dem können wir nicht umgehen, müssen ihn aus unseren Gesellschaften ausstoßen, verbannen. Es kann darüber nicht disputirt werden, wer es in Frage stellt, wer hat sich schon geächtet.

So sieht es aus, so scheint es. Anders, wenn man genauer hinsieht. Ganze Nester von Fragen, von Zweifeln steigen auf. Zunächst über das Wo? »Gesellschaften« habe ich gesetzt; warum nicht: Gesellschaft? Weil der Pluralis hier speziellere Bedeutung hat, weil er an Zirkel von ausgewählter formeller Observanz zu denken Anlaß gibt, während der Singular den Allgemeinbegriff ausspricht, der gar verschiedene Arten in sich schließt. Da ist vor Allem der große Unterschied zwischen bunten Kreisen und solchen, worin nur Ein Geschlecht vertreten ist. Wie anders Herrn sprechen, wenn sie unter sich, als wenn sie mit Damen sind, in welchen gröblichen Dingen und Worten auch vornehme Tafelrunden sich gerne ergehen, wenn jene den Tisch verlassen haben, das brauche ich keinem Leser zu sagen. Aber auch keiner Leserin brauche ich in Erinnerung zu bringen, daß Frauen, wenn sie unter sich sind, das Blatt nicht vor den Mund nehmen, das die schönen Lippen schließt, wenn Männer da sind, obwohl gewiß, was dann sich hervorwagt, immer noch leichter Lufthauch ist verglichen mit dem Feldgeschütz der Männerspässe. –

Ganz anders, wo die Geschlechter vereinigt sind, – wollte ich eben fortfahren; aber nein, auch da nicht immer, nicht unbedingt waltet das Verschweigungsgesetz in seiner Strenge. Gewiß nicht im kleineren Zirkel, wo man einander kennt, wo Leute beisammen sitzen, die granum salis haben. Eine Frau von Geist wird nicht meinen, der Himmel falle ein, wenn einmal einem lebendigen Manne im sprudelnden Halbärger das Wort Dreck oder Luder herausrumpelt; das Uebrige seiner Rede wird dafür sorgen, daß nicht befürchtet werden kann, es sei Zaum und Zügel der guten Sitte nun zerrissen und die Rohheit renne wie ein lediges Roß durch die Straßen. In wirklich guter Gesellschaft achtet man den Anstand nicht für Raub; man hütet ihn nicht ängstlich, als wäre er gestohlen Gut, man läßt ab und zu etwas Luft ohne Sorge, er möchte entwischen wie ein Eigenthum, das einem gefangenen Vogel gleicht, man fühlt sich frei, weil man sich bewußt ist, ihn wirklich zu haben, zu besitzen. Kann sein, daß man hierin im Süden Deutschlands liberaler ist, als im Norden; es hängt auch mit dem Gelten des Dialekts zusammen. Der Norddeutsche mußte einst den seinigen opfern, um das Neuhochdeutsche zu lernen; wir, im Bewußtsein, daß unser hoch-, d. h. oberdeutscher Dialekt den weitaus größeren Beitrag zur Ausbildung dieser Sprachnorm gegeben hat, sind zu bequem, die kleinere Mühe des kürzeren Schritts von jenem zu dieser uns aufzulegen, bleiben daher halb im Dialekte stecken, gebrauchen ihn überall, wo es nicht öffentliche Rede gilt, und trüben diese mit unberechtigten Provinzial-Lauten. Dies Verhalten ist zu tadeln, hat aber doch auch seine gute Seite. Wir bewahren uns das Naturgefühl der Sprache wärmer, bleiben dem Sprachquell näher und im Besitz eines Reichthums von Wurzeln, Wortbildungen, Redensarten, Schätzen verschiedener Art, die das Schriftdeutsche versäumt hat zu heben, sich anzueignen. Eine gewisse Naturlosigkeit fühlt man immer der Sprache jener Stämme an, die das Hochdeutsche einst mit ganzem Opfer ihres Dialektes lernen mußten, wie auch ihrer Aussprache, die zwar nicht an so vielen Nachläßigkeiten wie die unsrige, aber an gewissen Fehlern leidet, die uns immer wie naturfremde Kostbarkeit, überflüssige Bewußtheit gemahnen. Auch sie zeigen mehr Fülle, Kraft, gute Naivetät und Humor, wenn sie zu ihrem alten Dialekte zurückgreifen. Sind wir nun dem Naturquell der Sprache näher geblieben, so hängt uns auch mehr Neigung an, Derbheiten der Volkssprache in den Verkehr der Gesellschaft Eingang zu gestatten. Die Erziehung verbietet weniger streng den Gebrauch eines saftigen Wortes, es dauert uns das Salz der Rede und des Gedankens, das verloren geht, wenn zahme Schicklichkeit absolutes Gesetz ist; wir erschrecken nicht, wenn einmal ein Schuß fällt. Dabei meint dann der auswärtige Deutsche, wir gönnen uns dergleichen oder lassen es zu, weil wir unfrei in Cynismus versenkt seien. Sehr unrichtig, ja selbst unfrei! Wir schweben darüber, indem wir hineintreten. Ich führe ein Beispiel an. In Schwaben herrscht eine Neigung, den Superlativ so stark als möglich auszudrücken; so ist für das farblose Sehr oder Außerordentlich das Wort: saumäßig aufgekommen, und da die Bedeutung sich verwischt hat, so geräth nun der starke Ausdruck leicht in Widerspruch mit dem Prädikate, das er zu steigern bestimmt ist. Ja man kann hören: des ischt e saumäßig netts Mädle. Die Gebildeten wissen nun natürlich sehr wohl, daß das ein Widerspruch und unschicklich ist, aber der Widerspruch macht ihnen mehr Spaß, als die Unschicklichkeit Verdruß, und in einer nur etwas zusammengewöhnten Gesellschaft, wo man sich versteht, werden die Damen nicht von den Stühlen fallen, wenn einmal ein Mann in freiem, bewußtem Spiele mit den Dialekts-Eigenheiten den naivgroben Superlativ anzuführen wagt.

Es ist wirklich nur der Salon (ich nehme das Wort im Sinne des deutschen Sprachgebrauchs: der festive Gesellschaftssaal), wo jener Zaun oder Zaum der Sitte, den wir Anstand nennen, in unbedingter Geltung feststeht oder regiert, denn da sind Leute beiderlei Geschlechts beisammen, die einander in Mehrzahl so genau nicht kennen, daß sie einander gestatten dürften, sich Freiheiten zu erlauben, wie sie im bürgenden Zusammenhang der gegenseitigen Vertrautheit mit den Charakteren als momentanes Wagniß (nicht als stehender Ton) ohne Gefahr eingeräumt werden können. Schlimm genug freilich, daß in so feinem Zirkel dagegen Entblößungen erlaubt sind, vielmehr als fein fashionabel gelten, welche die Scham – und zwar jene zartere, die sich auf das Geschlechtliche bezieht – roher verletzen, als das roheste Wort den Sinn der Scheu vor dem Schmutzigen und Wilden. Doch dieser letztere Punkt liegt uns hier außer dem Wege; wir werden auf anderem bald genug zu ihm gelangen, der jetzige führt noch zu der Betrachtung, daß alle zu ängstliche Sorge für den Anstand von der Vorstellung des Salon ausgeht. Sagt oder schreibt Einer etwas Derbes, so fürchtet die Welt, er möchte in die Säle der guten Gesellschaft einbrechen und da die Zunge herausstrecken oder – weiß der Himmel was sonst noch Entsetzliches verüben. Dies lenkt auf die Bemerkungen am Anfang gegenwärtiger Erörterung zurück: bei einer Zeitschrift, die viel in Familien der höheren Stände gelesen wird, schwebt den Leuten etwas wie ein Salon vor, daher erscheint hier ein Artikel, der über die Schnur der Anstandsbegriffe haut, wie ein cynischer Missethäter in glänzenden Räumen, wo geputzte Gesellschaft herumsitzt. Allein Schrift ist Schrift und hat die Freiheit anzusprechen, in der weiten Welt, an die sie sich wendet, Leser zu finden, die einen Spaß und – einen Ernst verstehen.

Wir haben ein Wo? aufgeworfen, da uns Zweifel aufstiegen, ob der Anstand unbedingtes Gesetz sei. Folgerichtig entsteht auch ein Wann? Doch darf die Antwort hierauf kurz abgemacht werden, denn es begreift sich leicht von selbst, daß es, angenommen einen Zirkel, dem es nicht an Freiheit des Geistes gebricht, um ein starkes Wort zurechtzulegen, doch auch hier ganz auf die Stimmung des Augenblicks ankommt. Sie muß belebt, die Phantasie muß erregt, der Humor muß im Schweben begriffen sein, um einem vorbrechenden Wagniß der Rede das Bleigewicht des prosaischen Ernstes zu nehmen, oder der sittliche Unwille muß geweckt sein, um zu fühlen, daß jetzt ein ernstes Ekelwort gefordert sei, um es zu wollen, zu begreifen.

Nun aber muß ein: Wie? folgen. Wir sind bereits verfahren, als hätten wir schon ausgemacht, daß bei »Aufdecken« einfach an die Form der Rede zu denken sei. Wir durften dies, weil natürlich sie es ist, deren Freiheitsgrenzen hier vor Allem in Frage kommen; doch eben hierin ist nun eine Unterscheidung einzuführen, die recht geeignet ist, zu zeigen, wie dialektisch das Thema sich verwickelt. Was ist heikler, gesprochenes oder geschriebenes, gedrucktes Wort? Es scheint: das erstere, denn der wirklich gehörte Laut übt einen stärkeren Stoß aus, als der (im Lesen) nur innerlich gehörte; alles Unmittelbare trifft ja stärker, als was sich durch Zeichen vermittelt: man erschrickt, und insbesondere dann, wenn man mit Mehreren gleichzeitig hört, unter welchen zarte Constitutionen sein mögen, in deren Seele man erschrickt. Dagegen kommt aber in Rechnung, daß das geschriebene Wort eine im Raum fixirte Existenz behauptet und sich mit einem gewissen Anreiz hinstellt, es wiederholt zu lesen, verweilend zu bedenken, was es besagt und enthält. Es mag für einen Vertrauten bestimmt sein, in einem Brief stehen, aber wer weiß, in welche Hände er noch gelangt und ob er nicht einmal gedruckt wird? Allerdings ist jedoch zu sagen, daß dem vertraut Schreibenden nicht zugemuthet werden kann, auf dies Bedenken sich einzulassen, denn was würde aus allem intimen Briefwechsel, wenn ihm der Radschuh solcher Rücksicht eingelegt würde? – Anders nun das mit der Bestimmung zum Druck geschriebene Wort. Es geht voraussetzlich an sehr Viele, unter denen doch weit mehr Empfindliche, wohl auch wirklich in ihrem Gefühle zu Schonende sich befinden, als je in einem Zirkel gegenwärtiger Personen. Wiederum aber liegt die Sache anders, wenn man bedenkt, daß das Gedruckte in irgend einem Grade doch immer etwas von dem Recht ansprechen darf, das vermöge ihrer oben geltend gemachten reinen Natur die Wissenschaft behauptet und besitzt. »Da kommt es doch sehr auf den Ton an,« wird man sagen; »gedruckte Plauderei, Dichtung und Mitteldinge zwischen Dichtung und Prosa sind keine Wissenschaft.« Wohl, aber darin nähert sich ihr doch alles Gedruckte, daß es sich in bestimmtem Sinn auf den Stempel der Allgemeinheit berufen kann, den die Presse dem Wort aufdrückt. Ist, was der Autor bringt, nur nicht unzweifelhaft frech, gemein, frivol, so werden wir ihm nicht bestreiten, wenn er dem Vorwurf gegen einzelne Wagnisse mit der Antwort entgegnet, wer seine Blätter nicht lesen wolle, könne sie ja weglegen, er befinde sich jetzt nicht in einer übersichtlichen Gesellschaft, worin die Gegenwart von Fräulein Y. und Backfisch Z. ihm Rücksicht auferlege; er schreibe mehr für Männer, als für Damen, und übrigens können ja Papa oder Mama oder Tante auswählen, was Tochter Ida lesen dürfe.

So in Für und Gegen verknäuelt sich unser Gewebe. – Außerdem kommt aber ein nicht minder schwieriger Punkt, das Maß, in Frage. Da zeigt sich alsbald, daß wir ganz in's Relative gerathen und in abstracto gar nichts bestimmt werden kann. Ein Wort mag als das denkbar stärkste erscheinen, sieht man näher hin, so verhält es sich anders: der Schreibende oder Sprechende hat sich noch gemäßigt. Ein Wort, ein Satz kann als entfernte Andeutung dem Herrn von X. hübsch fein vorkommen, während Herr W. dabei in einen Abgrund von Frivolität sieht. Ein Versuch casualistischer Aufführung und Unterscheidung von Fällen, Beispielen würde in's Unendliche führen. Es bleibt nichts, als daß ich mir vorbehalte, an einzelnen starken Ausdrücken des Artikels, dem unsere Erörterung zum Geleite dient, zu zeigen, daß sie noch lange nicht die stärksten, daß sie im Gegentheil noch gemäßigt sind.

Ganz dürfen wir nun doch auch die Frage nicht umgehen: was ist heikler, Wort oder Bild? Hat man dabei das gesprochene Wort im Auge, so stellt sich die Sache anders, als wenn an das geschriebene oder gedruckte gedacht wird, aber sie liegt eben gar nicht einfach. Das Bild des Zeichners oder Malers drängt sich dem äußeren Auge auf und verweilt; das gesprochene Wort drängt sich dem Ohr auf und gibt so außer und neben seinem Inhalt einen gewissen Treff und Stoß, dagegen verweilt es nicht und mag daher als weniger stark erscheinen. Allein es ist etwas Eigenes um das Wort, auch abgesehen von dem Schlage, den es, gesprochen, dem Gehöre gibt, und dies Etwas gilt ganz auch vom nur geschriebenen und gedruckten. Das Nennen ist ein Fassen des Gegenstandes, ein Packen und Herausstellen, ein Concentriren, ein Comprimiren und ein Zuspitzen, das doch den Gegenstand noch weit mehr bloßlegt, als die Darstellung für's Auge, es ist ein Verrathen, ein Verlautenlassen auch ohne den Laut der Rede, das fast noch stärker afficirend wirkt, als die Vorlage für den wirklichen äußern Sinn, die das Bild bringt. Die gewissen Unanständigkeiten auf Gemälden der Teniers, Ostade, Brouwer darf eine Dame am Arm eines Mannes, der sie in eine Galerie geführt, immerhin ansehen, während sie ihm ihren Arm alsbald entziehen müßte, wenn er mit dem Wort bezeichnen würde, was dort in der Ecke geschieht, oder – (um nicht zu vergessen, daß wir jetzt das gedruckte Wort im Auge haben) – während sie das Buch erröthend zuschlagen würde, wo das genannt ist. Dennoch erheben sich Zweifel auch gegen diese Abwägung. Die wirklichen Sinne sind und bleiben apprehensiver als die Sinne, wie sie in der Einbildungskraft innerlich noch einmal auftreten. Es ist der Ekel, der sich ungleich schneller und leichter an die Wahrnehmung knüpft, als an die Vorstellung, wie das Wort sie hervorruft. Es gibt Bilder, die man stinken sieht. Ein solches – dazu noch ein Hohn auf das nur mitleidwerthe Griechenland – kam in derselben Nummer eines Caricaturblattes, das dem Artikel über die Mode die Ehre erwies, ihm sehr achselzuckend Recht zu geben.

Und noch eine weitere Frage! Wort und Bild zu unterscheiden, reicht auch noch lange nicht hin. Wir haben bis jetzt einen Hauptpunkt übergangen: von Wort und Bild ist ja nun erst noch das einfache Thun zu unterscheiden! Was ist schlimmer, in einem Wohnraum, ja Salon auf den Boden spucken oder das Wort Spucken vorbringen? Was ist schlimmer, ebenda ein Aufstoßen nicht unterdrücken oder einen Auftritt erwähnen, wo in komischer Weise solcher Naturzufall vorkam? Was ist schlimmer, an den Hosen nesteln, durch Zupfen an den Hosenträgern Angst erregen, das Kleidungsstück möchte herunterfallen, oder die Hosen mit diesem ihrem Namen nennen? Nun, doch gewiß allemal das Erstere; es steht doch außer Zweifel, daß die Realplastik des Thuns ungleich sträflicher ist, als die Zeichnung in die Luft, die das Wort vollzieht. Was aber folgt nun? Der Anstand, beruhend auf der Scham, gebietet dem Weibe, zu verhüllen, was direct auf die Geschlechtsbestimmung hinweist: den Busen, die Formen unter dem Gürtel, die Linie der Beine; nicht absolut, versteht sich, man darf die Formen ja wohl unter dem Kleid errathen, aber es soll bei einem bloßen Errathen sein Bewenden haben, faltig umspielender Kleidstoff soll über die pure Naturwahrheit den Schleier eines spielenden Helldunkels ziehen; – eine Einschränkung, die doch dem Satze nichts von seiner Geltung, von seinem Ernste nimmt. Wenn nun also zugegeben ist, daß Thun schlimmer ist, als Nennen, so ist eine Entblößung dieser Theile oder eine Behandlung des Kleids, wodurch sie in der Verhüllung so gut wie unverhüllt sich ausprägen, doch wohl unanständiger, als das Benennen dieses Thuns mit den Worten, die es bezeichnen! Zumal wenn letzteres nicht auf dem Parketboden geschieht, sondern nur auf dem Papier! – Ich weiß, daß man scharf einwenden wird, ich vermenge da zwei sehr entgegengesetzte Dinge; es handle sich doch von Cynischem, Schmutzigem, also Häßlichem, hier springe ich zu Dingen über, welche ja vielmehr schön seien, darum sie jedwed Männlein gern sehe und lustig danach schiele. Ich will dagegen nicht einmal geltend machen, daß, wo der Brauch, die Mode ein solches Aufzeigen eingeführt, auch verblühte Weiber dem Zuge folgen und Formen aufdecken, die eben nicht ästhetisch sind, sondern recht eigentlich in die Welt des Häßlichen gehören; nein! die Sache verhält sich so: gewöhnlich denkt man bei: cynisch allerdings an das Aufdecken eines Solchen, was nach unserem zur zweiten Natur gewordenen Verhalten zur Sache als an sich häßlich abstößt und anwidert, hier dagegen ist der Gegenstand reizend, aber die Handlung des Vorzeigens häßlich, zunächst sittlich häßlich, aber dies so sehr, daß bei richtigem Gefühle der sittliche Ekel zum physischen und das an sich Reizende so zum Widerlichen wird. Dies ist im vorstehenden Artikel so eingehend behandelt, daß Erläuterung nur Wiederholung wäre. Hinzugesetzt mag werden: wir sind doch keine antiken Völker mehr, die Grundform unseres Bewußtseins trägt einmal eine Entgegenstellung von Natur und Geist in ihrem Schooß, die zwar auf die Idee einer Versöhnung dieser Gegensätze hinführen soll, die aber darum nicht ungültig ist und mit gutem Rechte das ganze System unserer Decenz-Gewohnheiten beherrscht. Die bestehende Sitte gebeut Verhüllung; wir wachsen auf in dieser Maxime. Wird nun im Widerspruch mit diesem Bestehenden, als gültig allgemein Anerkannten da und dort gelüftet, bloßgelegt, so entsteht, was bei Naturvölkern, was bei Völkern von naturvoller Cultur, weil Solches überhaupt nicht ängstlich verhüllt wurde, nicht entstand: es entsteht Reiz, Geschlechtsreiz. Reste des naiven Verhaltens finden sich noch bei südlichen, auch bei nördlicheren, aber romanischen Völkern; die junge Mutter in Italien und Frankreich stillt unbefangen ihr Kind vor Familienfreunden; das ist, als Sitte, ein ganz schönes Ueberbleibsel unschuldigerer Zeiten, steht aber als eine Besonderheit außerhalb des Kreises der allgemeinen modernen Bildungsform, welche sich ein für allemal bewußt ist, daß ausnahmsweise Entblößungen Reiz ausüben; das Weib, das in dieser Culturwelt lebt, aber trotzdem bloßlegt, kann wissen, weiß, daß auf die Verhüllunggewöhnte männliche Jugend dies Bloßstellen so und nicht anders wirkt; sie ist ja keine Statue; Marmor und Erz sind kalt und besagen in ihrer gesunden Kälte: du sollst objectiv, künstlerisch nur auf die Form sehen; aber dieser weit entblößte Busen pulsirt und scheint dem verlangenden Nerv entgegenzuwallen. Die Entblößung pflegt den Gelegenheiten vorbehalten zu sein, wo Viele sind, die sich daran werden. Nun und da behaupte ich: ein Weib handelt schamlos, das im Bewußtsein schwimmend umgeht: jetzt sind die Augen Vieler gleichzeitig mit der Stimmung der Begierde auf mich gespannt. Freilich nur Vieler; die Jungen sitzen auf der Leimruthe auf; Männer sind nicht geblendet, in ihnen schlägt der Reiz in Ekel um, weil ihr Urtheil die Reife hat, zu wissen, was vom öffentlichen Wecken der Begierde zu halten ist. Es wäre eine schlechte Moral, welche die Begierde verdammte, ohne die doch nie ein Kind gezeugt würde; die Natur ist ja an sich unschuldig, nur ringsum nothwendig eingegrenzt durch ein System von Bedingungen, die der Aufbau des sittlichen Lebens feststellen mußte, aber aus dieser Bedingtheit folgt schlechtweg, daß die Begierde abscheulich ist, wenn ihr Erwecken und Erwachen wie ihre Befriedigung anders als in verschämter Verborgenheit geschieht. Nur Uebelwollen kann diesen Satz mißdeuten. Heimlichkeit ist nicht Heuchelei; es ist nicht Heuchelei, wenn die Brautnacht nicht bei Tag auf der Straße gefeiert wird. Eine Nation verkommt, wenn die Scham ausstirbt. Die Griechen sind an Manchem, aber auch daran zu Grund gegangen. – Diese Bemerkungen führen allerdings unter Anderem geradewegs auch auf Verwerfung des Ballets. Ich nehme es auf mich, unter die Pietisten eingetheilt zu werden, indem ich dies ausspreche, und ich verzichte darauf, zu meiner Rechtfertigung mehr vorzubringen, als die Eine Erwähnung, daß, als ich in Jünglingsjahren das erste Ballet sah, in der gründlich unverdorbenen Phantasie ein Sturm wilder Wünsche emporfuhr wie entzündetes Pulver und daß nur die festen Grundlagen der Erziehung vor Consequenzen bewahrten, die mindestens zu der frühen Blasirtheit geführt hätten, in der jetzt ein so großer Theil unserer Jugend umherlungert. In einem Theater sitzen ja niemals nur Männer und Frauen, deren Nerv und Phantasie durch die Befriedigung der erste scharfe Stachel gestumpft ist; da sind nach dem üppigen Bilde immer auch die Augen erfahrungsloser Jugend mit lechzender Brunst gerichtet und dieser Thatsache gegenüber hat in der Frage über das Geziemende nicht die Aesthetik für sich abzusprechen, sondern ist wesentlich die Pädagogik und die Sittenpolizei berufen, ein Wort dareinzureden. – Diese Bemerkungen gelten natürlich dem Ballet, wie es ist, nicht wie es sein könnte. Wer wäre so abgeschmackt, rhythmische Massenbewegungen, auch anmuthigen Solo-Tanz nicht gern zu sehen? Aber etwas Anderes sind Kunststücke, die nicht einmal schön heißen können, nur den Nerv reizen, nicht den Formsinn beglücken.

Kein kleiner Theil des verpönten Artikels hat sich mit diesem Thema der Schamlosigkeit der jetzigen weiblichen Mode überhaupt, ein kleinerer Abschnitt speziell mit den besonders frechen Entblößungen auf Bällen, Fest-Soiréen und dergleichen beschäftigt. Ich sehe darin ein anstandwidriges Handeln und habe diesem Handeln die Namen gegeben, die ihm gebühren. Nun bemerke man die merkwürdige Verschiebung des Begriffs, die in den Köpfen vor sich gieng und den verworrenen Lärm hervorrief. Man geht von dem Satze aus: gewisse Dinge sollen nicht genannt werden. Nun geschieht Anstandswidriges, tritt faktisch auf in der Form des Thuns; es kommt Einer und nennt dies faktisch Anstandswidrige anstandswidrig, und die Folgerung ist: du hast den Anstand verletzt! Also ergäbe sich: das Unanständige besteht darin, daß man das Unanständige unanständig nennt. Eine schöne Logik das! Weil es für das Unanständige keinen anständigen Namen gibt, soll die Schuld auf den Namengeber fallen. So wird der Anstand zum Freibrief für den Unanstand. »Wir dürfen's treiben, wie wir wollen, Niemand darf es nennen, also lustig drauf losgehaust!« – Nein! nein! auf den Handel kann sich ein Mann nicht einlassen, er ist zu krumm, ist zu ungleich. Ihr, verehrte Mitglieder des schönen Geschlechts, schießt uns die Spitzkugel des Unanstands in die Augen und wir sollen nur blind laden! Ja freilich, man hört oft genug sagen, auch von den Frauen selbst: es wird zu arg mit der Mode, es ist Zeit, drauf zu schlagen! Schlägt aber Einer zu, so heißt er ein Flegel. Auf das muffige Fleisch gehört Pfeffer, man gibt es zu, aber er soll nicht brennen, – auf die gichtische Stelle Kantharidensalbe, aber sie darf nicht ziehen, – auf den Karbunkel Höllenstein, aber er darf nicht fressen. Dagegen meinen wir einfach: wenn es dahin gekommen mit dem Anstand, daß er ein Schild, ein Lügendeckel und ein Sporn wird für den Unanstand, so ist es Zeit, den Anstand zu bekriegen, im Krieg aber – »schießt man mit Fleiß auf die Leute«; unser Pfeffer soll brennen, unsere Käfersalbe ziehen, unser Höllenstein beißen.

Hiemit erst sind wir nun zum Mittelpunkt unserer Kau-Beschäftigung mit schwierigen Begriffen gelangt. Alles Bisherige hieß nur: den Senf, den wir schwachen Mägen zu besserer Verarbeitung des harten Bissens bereiten wollten, vorerst anmachen. Jetzt erst soll er, kann er genossen werden.

Vor Allem sind wir nun in der Lage, den Begriff des Anstands genauer als bisher zu fassen.

Der Anstand ruht, wie wir gesehen, auf der Scham, der Scheue des Menschen, sich in die bloße Natur, aus welcher er durch seine Menschenbildung sich herausgearbeitet, wieder hinabgestoßen zu sehen. »Bloße Natur«: dies durften wir gleichmäßig auf Dinge beziehen, die nicht dem geschlechtlichen Gebiet, wie auf solche, die ihm angehören; Scham bedeutete uns sowohl Scheue vor Aufdeckung solchen Stoffes, der dem Gefühle das widerliche Bild der Auflösung des Organischen aufdrängt, wie vor Enthüllung dessen, was an den Geschlechtsprozeß so erinnert, daß der Mensch sich mit dem Thiere zusammengestellt fühlt. Allein Anstand ist nicht gleich Scham; das Gefühl des Schicklichen und das Gefühl einer reinen Seele, die bei gewissen Dingen und Worten erröthet, beide decken sich so wenig, als die Begriffe Sitte und Sittlichkeit sich decken. Man kann anständig und doch eine Dreckseele sein. Der Anstand ist aus der Scham entsprungen, aber das Wasser der Quelle hat sich verändert, bis es zu dem See wurde, den wir Anstand nennen; es hat eine Menge Bestandtheile vom Grund und Boden historischer geselliger Zustände aufgenommen, die Bedingung, ein Element für die Vielen zu werden, hat ihm entmischende Stoffe zugeführt. Anstand ist zum Gesetze der Gesellschaft gewordene und dadurch verflachte, formell gewordene Scham. Das Band, das ihn an diesen seinen Ursprung knüpft, ist dünn geworden, es kann reißen, oder genauer: einige, viele seiner Fäden können reißen, während die übrigen noch halten. Aus Furcht vor diesem Riße kann aber das Band auch zu straff angezogen, zu dick geflochten werden; ein Beweis, daß Scham und Anstand nicht Eines sind, ist aber auch dies Verfahren, dies strengere Anschnüren, denn man würde nicht so leicht in Angst gerathen, das Band möchte reißen, wenn man den Anstand an seinem Haltpunkt, seinem Anker, der Scham, sicher befestigt, oder wenn man den Ankergrund in der Seele gut und haltbar wüßte. Allzu ängstlich – das haben wir bereits gelegentlich uns gesagt – beweist Mangel an Sicherheitsgefühl; wahre Reinheit achtet sich nicht für Raub und fürchtet daher nicht, sie gehe sich verloren, wenn einmal ein keckes Wort fällt. Der Anstand ist ein Etwas, das auch sittlich sein kann, nichts weiter. Er ist Scham ins Soziale, Repräsentative übersetzt und dadurch nur so so rein erhalten oder auch gefälscht, – je nachdem. Anstand ist ein Glanzhandschuh, in welchem eine edle, aber auch eine gemeine Hand stecken kann; Anstand ist eine Nagelbürste, deren Gebrauch nicht beweist, daß die Nägel nicht Thierklauen sind; Anstand ist Manschette, ein reines oder ein schmutziges Blut kann in der Ader des von ihr bedeckten Handgelenks schlagen; Anstand ist eine Chemisette, dahinter kann ein zartes Herz klopfen und ebensowohl ein rohes, Anstand ist ein Hemdkragen an wolfähnlichem oder menschlich wohlgebildetem Unterkiefer; Anstand ist eine Seife, mit der ein freches Gesicht wie ein Seele-verkündendes gleich sauber gewaschen wird.

Anstand muß sein, das versteht sich und das haben wir zum Ueberfluß längst uns gesagt. Aber so stark die Burg scheint, wahren Schutz ächt sittlichen Gefühls wird kein Denkender von ihr erwarten. Diese Burg bürgt, wie wir nun gesehen, nicht dafür, daß nicht der Boden selbst, auf dem sie steht, schwanke und einbreche, da mitten in der Welt des als gültig behaupteten Anstands die Frechheit emporspringen und die Bastionen sprengen kann, während sie gleichzeitig lügt, sie seien gerettet, gesichert; hiefür haben wir das schlagende Beispiel vor Augen in der Verschiebung der Begriffe, die vorhin aufgezeigt ist: Widerspruch zwischen Thundürfen und Nichtnennendürfen, freche Kleidertracht und Frecherklärung desjenigen, der sie frech nennt. Diese Burg wird, haben wir ebenfalls gesehen, zeitweise mit so dicken Mauern versehen, daß die Menschen in ihr sich nicht regen können; wir nannten es ein zu starkes Anziehen des Bandes, der Bildertausch wird erlaubt sein. Dies Uebertreiben beweist nur Mangel an Sicherheitsgefühl, diese Aengstlichkeit heißt Prüderie.

Wir bedürfen nur noch einer kurzen klärenden Betrachtung, um ganz heraus in's Licht zu kommen. Sie ist nöthig, um uns nicht logisch zu verwirren. Wo wir hinauswollen, erkennt sich bereits von selbst. Gesagt ist, daß Frechheit im Thun, geschützt vom Anstandsbegriffe, nothwendig herausfordert, diesen vor den Kopf zu stoßen. Diese Ausfälle werden den Charakter des Ernstes tragen. Ebenso wird nun aber die Prüderie eine Ausforderung enthalten, sie zu erschrecken; die Ausfälle gegen diese steife Person werden, dies bedarf keiner Begründung, vom Humor diktirt sein. Jetzt wird man sich erinnern, wie ich schon zum Anfang unserer Untersuchung zwei Töne unterschied: derb im komischen Sinn und derb im Sinne des Ausbruchs ernster Empörung, wie uns dann Schillers Aufsatz: »Gedanken über den Gebrauch des Gemeinen« u. s. w. auf die These Lessings geführt hat: das Häßliche kann verwendet werden als Hebel des Lächerlichen oder des Furchtbaren, – wobei nicht zu vergessen, was über Modifikation des letzteren Begriffes und über Mischungen der beiden früher bemerkt ist. Es erhellt also: wir werden ein Recht des Cynismus in Anspruch nehmen, wo komische oder wo ernste Wirkung ihn nicht entrathen kann. Die logische Klärung ist aber, ehe wir näher eintreten, darum nöthig, weil soeben von Prüderie die Rede war und weil es nun scheinen könnte, wir steuern darauf los, vor Allem ein Recht der Derbheit im Kampfe gegen diese zu befürworten, während doch der in Frage stehende Artikel durchaus nicht direkt gegen Prüderie gerichtet war. Unsere Zeit ist nicht prüde; wo eine Damen-Mode herrscht, wie die jetzige, kann von ausnehmender Aengstlichkeit im Hüten des Anstands nicht die Rede sein. Sind also jene Auslassungen über die Grenzen des Anstands theilweise in der Richtung des Komischen hinweggesprungen, so konnte die Prüderie nicht ihr Object sein. Das Object der humoristischen Püffe war vielmehr die Unform, die Geschmacklosigkeit, die querköpfige Phantasie in einem Theil unserer Mode. Nun aber hat der Erfolg gezeigt, daß unsere Zeit, obwohl gewiß nicht prüde, dennoch Ausfälle von einem gewissen Grade der Derbheit so wenig vertragen kann, wenn sie humoristisch gegen das Geschmackwidrige, als wenn sie in ernstem Abscheu gegen das Freche sich wenden. Also nichts weniger als prüde, und doch prüde? Roh ausschweifend im Formgefühl, frech in der Praxis und doch verkehrt schamhaft gegen einen gesund cynischen Angriff auf Unform und Frechheit! Es folgt, daß, wer Krieg führt gegen das Erste, immer auch Krieg führt gegen das Zweite. Das nächste Object ist häßliche und freche Form, dahinter steht als vermeintlich berechtigter Hüter ein falsch gesteigerter Anstandsbegriff; ich treffe ihn also mit, wenn ich auf die von ihm gehütete Mißform schlage. Ja es geht von diesem Hintergrunde, dem indirekten Gegner, nothwendig ein Reiz aus, der die Gewalt des Ausfalls steigern muß; es ist die falsche Empfindlichkeit, die stillschweigend herausfordert, in einem Kampfe, der direkt gegen einen andern Feind, nemlich eben den Ungeschmack (und die Schamlosigkeit), geführt wird, recht tüchtig loszuschlagen, eben um sie recht zu ärgern. Unsere Zeit spricht: ich will in Kleidformen abgeschmackt, verrückt umgehen und du sollst es mit den Namen, die es verdient, nicht sagen dürfen; ich will frech umgehen und du sollst auch dies Kind nicht bei seinem Namen nennen dürfen. Die Antwort auf ein solches Verbot, worin anders kann sie bestehen, als daß dort wie hier so stark als möglich gesalzen wird? So ergibt sich denn, daß wir im Folgenden nicht zu unterscheiden brauchen, ob stark gesalzener Humor direkt gegen Prüderie geht oder direkt gegen Ungeschmack und Mißform, aber indirekt gestachelt durch den dahinter aufgepflanzten Anstandsbegriff, der, wo er pedantisch oder heuchlerisch hüten will, immer auch Prüderie heißen kann. Benamsen wir in Kürze diesen Knäuel mit dem Wort: Unnatur!

Also: humoristisch derbe Aufdeckung der Natur mit der Absicht, die Unnatur komisch zu bestrafen, dieß ist das Erste, wovon wir reden und was wir unter Cynismus verstehen. Daß Cynismus nicht ein Schmutzig sein, nicht einfach ein Leben im Schmutze, sondern einen Act des Aufdeckens bedeutet, ist längst gesagt und bedarf kaum noch ein paar erläuternde Sätze. Wer seine Stube zu wenig säubert, seine Haare zu wenig kämmt, mit ungewaschenen Händen, mit ungereinigten Nägeln ausgeht, den nennen wir nicht Cyniker. Es ist auch nicht cynisch, wenn in Italien, in Spanien die Frau ihrem Kind oder sogar Mann unter der Hausthüre vor Aller Augen laust; es gehört eigentlich gar nicht hieher, denn es ist ja ein Reinigen; freilich aber wird dabei das Behaftetsein der theuren Häupter mit dem ekelhaften Insekt und das Berühren desselben öffentlich gezeigt; dennoch ist es nicht cynisch, denn es ist schlechthin kein accentuirendes Aufdecken, sondern eben ein Stück Sitte: ländlich sittlich. Murillo hat es gemalt und nicht dieser allein. Unter Cynismus versteht alle Welt eine Art, mit dem Schmutzigen umzugehen, es mit Bewußtsein so zu tractiren, daß ein gewisser Accent darauf fällt. Hiebei ist allerdings nicht ausgeschlossen, daß man dieser Art, zu tractiren, eine Neigung, Hang, Liebe zum puren Stoff anspürt, ein Wühlen ansieht. Und in dieser nächstliegenden Art von Cynismus sind sogleich wieder verschiedene Formen auseinanderzuhalten: eine unschuldige und eine schuldige. Unschuldige Wühler im Schmutze sind die Kinder. Es scheint eine dunkle Rückneigung des Menschen zu seinem Ursprung aus dem Erdenkloß dahinter zu stecken; der Mensch stammt doch schließlich aus dem Unorganischen, aus dem Urstoff des Planeten, wie solcher nun als Residuum der organischen Bildungen, die aus ihm hervorgegangen sind, als Masse, als Koth, Schlamm uns gegenübersteht; es ist mystisch antediluvianischer Zug. Allerdings ein winzig kleiner Theil von etwas mehr, nemlich von Opposition steckt doch auch schon in der Liebe der Kinder, dieser fürchterlichen Naturalisten, zum Moraste, sonst könnte man sie ja nicht Cynismus nennen. Die Bemühungen der Erziehung, sie zur Reinlichkeit und Scham heranzubringen, geben ihnen zu fühlen, daß sie in ein längst ausgebildetes System künstlicher Mittel des Verhüllens hineingeboren sind, sie mögen entfernt ahnen, daß dieses System in seiner Steigerung zur Unnatur führen kann, und verspüren daher einen Reiz, dagegen zu revolutioniren. Daneben prickelt Neugierde. Das Kind merkt, daß man ihm viel verbirgt, verschweigt; es grübelt, es stört um und auf. Männer von strengem und zartem, aber auch freimüthigem Sinn läugnen nicht, daß sie in Knabenjahren sich beeilt haben, im ersten Lexikon, das sie zur Hand bekamen, unanständige Wörter, Bezeichnungen für turpia und pudenda nachzuschlagen. – Von dem minimum gewollter Opposition machen wir freilich einen Sprung, wenn wir zur nicht unschuldigen Form der Vorliebe zum Schmutz übergehen, wenn wir neben die Kinder jene gemeinen Naturen in der Welt der Erwachsenen hinstellen, die handelnd oder redend mit voller Liebe im Schmutz umzurühren gewohnt sind – recht aus Haß gegen die edlere Menschenbildung, recht aus herzlicher Gemeinheit. Dieß sind die eigentlichen Cyniker, ihnen gebührt der Name in spezieller Geltung. Wir wollen bei dieser übelriechenden Menschengattung weiter nicht verweilen, als daß wir noch ein Wort von ihrer Hauptliebhaberei, der Zote, sagen. Etwas näher muß die Sache besehen werden, als bei der früheren Erwähnung, wo sie nur gelegentlich bei der Unterscheidung zwischen Obscönismus und Cynismus zur Sprache kam.

Wir haben uns längst gesagt, daß an sich über die Untrennbarkeit der idealen Stimmung der Liebe von ihrer sinnlichen Basis durchaus nichts zu lachen ist, daß aber durch Zufall oder Witz der Schein aufspringen kann, als stünden beide Seiten im Widerspruch, woraus die komische Ungereimtheit erwächst, daß Widersprechendes untrennbar vereinigt erscheint. Zu diesem Umstand ist gelacht worden, so lange es Menschen gibt: wirkliche Menschen, Wesen, die sich aus der Natur herausgerungen haben und doch in der Natur wurzeln. Hiegegen rigoros sein, bestreiten, daß das Geschlechtsleben dem Lachen unendlichen Stoff bietet, ist geistlos, ist absurd. Das reinste Weib wird sich entsinnen, über besagten Naturtribut gar oft gelächelt, auch selber gescherzt zu haben. Das Nibelungenlied wird Niemand für ein Werk verdorbenen Sinnes halten; doch heißt es, wie Giselhers Verlobung in Bechlarn gefeiert wird: »gämelicher« (– das Wort war noch nicht so unedel wie jetzt –) »Sprüche, der wart da niht verdeit« (verschwiegen, unterdrückt). Nun aber, wo fängt die Gemeinheit an? Es ist schwer, fast unmöglich, die Grenze in bestimmten Begriff zu fassen; soviel etwa kann man im Allgemeinen bestimmen – es ist wenig, doch gibt es einigen Anhalt: das Gemeine tritt ein, wo der Witz nicht den Stoff verflüchtigt. Wer da meint, schon das sei witzig, irgend etwas Gegebenes, eine Situation, einen Satz, ein Wort (z. B. durch Wortspiel) auf das Geschlechtliche zu beziehen, der ist gemeiner Zotenreißer. Der Witz muß ein so starkes Plus aufweisen, daß dagegen der Stoff als ein Etwas erscheint, womit frei gespielt wird, wogegen die gemeine Zote eine Seele verräth, die sich mit Vorliebe in den Stoff, d. h. in die Abhängigkeit des Menschen vom Naturtrieb versenkt. Man fühlt dann durch, daß der platte Witzbold die wirklich vorhandene Komik der Sache im Grunde gar nicht kennt, da er einfach darin den großen Spaß findet, daß er im Menschen das Thier entdeckt zu haben glaubt und es interessant findet, immer auf's Neue diese Entdeckung glänzen zu lassen. Denn ist die Liebe nur thierisch, so gibt es auf jeden Fall gar nichts zu lachen; nur daß sie doppelseitig ist, ideal und real zugleich, eine Rose im Erdengrund, nur dieß ist komisch, gibt in gewisser momentaner Beleuchtung zu lachen; finden, daß der Mensch eigentlich Thier sei, ist nicht komisch. Natürlich aber gefällt sich nun der Zotenreißer breit und warm in dem rohen Materialismus, der seinem übelriechenden Witze zu Grunde liegt, und treibt ihn gewohnheitsmäßig. Entfernt kein Geist wie Mephistopheles thut er es dem Schandgesellen gründlich gleich, wo dieser nur kalt und frech den Faust vor sich selbst erniedrigt, »zu Nichts mit einem Worthauch des Erdgeists hohe Gaben wandelt« und mit der »unanständigen Gebärde« unnennbar plastisch andeutet, daß auch hinter dem sinnvollen Mysticismus seiner einsamen Naturbetrachtungen in Wald und Höhle doch im Grunde nichts stecke, als ein verirrter Geschlechtstrieb. Die Gewohnheit nun setzt Brüder im Geist voraus, Kreise, worin man sich verständnißinnig zunickt, wenn man sich im Koth beisammenfindet. Solche Kreise waren, im sechzehnten Jahrhundert vorzüglich, ganze Völker, und obwohl in gar mancher Beziehung diese Zeit eben aus der Naivetät herauswuchs, können wir doch mit einigem Rechte sagen, die Leute haben damals noch dem Kinde geglichen, das im Schmutze wühlt, und es komme demnach in der Beurtheilung ihnen noch etwas von diesem Standpunkt zu gute. Dennoch war es ekelhaft und bei einem Shakespeare muß man sich immer auf's Neue besinnen, wie er, der die Uebel seiner Zeit sonst so scharf sieht, der in ernstem Zusammenhang die große ethische Strenge gegen die Wollust zeigt, so unfrei mit seiner Zeit in die Vorstellung versinken konnte, das Geschlechtliche sei ein komisches Motiv auch ohne oder mit einer erbärmlich winzigen Zuthat von Witz.

Schließen wir also dies witzarme Aufdecken gleich vornweg von demjenigen Verfahren aus, das wir als berechtigt nachzuweisen im Begriffe sind; das ist ja, wie gesagt, nicht komisch, und wir stehen doch beim Komischen; wird unter Cynismus schlechthin solches Wühlen verstanden, so haben wir nichts mit ihm zu thun, sondern überlassen ihn dem Pöbel (aller Stände); gesteht man aber dem Wort eine freiere, weitere Bedeutung zu, so sagen wir: es gibt einen Cynismus, der berechtigt ist, weil er dem Komischen dient; denn wer einem Herrn dient, der ein großes Recht zum Dasein hat, dessen Dasein und Thun ist doch auch berechtigt. Erinnern wir uns nun und halten fest, daß man bei Cynismus durchaus nicht blos an das Geschlechtliche zu denken hat, sondern an ein Aufdecken der groben Natur aller und jeder Art, so stehen wir wieder in unserem eigentlichen Zusammenhang und schreiten zum Hauptsatze!

Wer unbedingt das Cynische verbietet, der verbietet das Komische, denn dieses kann des Cynischen nicht entbehren. Das Komische wird wahrhaftig nicht immer, nicht nothwendig cynisch sein, aber es muß die Hände ganz frei haben, sich des Cynischen zu bedienen, wann es ihm dient. Denn das Komische ruht auf dem Kontrast, die Freiheit im Kontrast-Erzeugen ist aber dahin, wenn es verboten sein soll, mit einem starken Ruck aufzuzeigen, daß dasselbe Wesen, der Mensch, dessen Haupt in der Geisterwelt steht, mit breiter Basis in der Natur steckt, mit langen Wurzeln in die Mutter Erde gesenkt ist, oder wenn es verboten sein soll, denselben Kontrast, wenn der Zufall ihn aufdeckt, zu bemerken und zu belachen. Statt Kontrast müssen wir eigentlich setzen und haben bereits gesetzt: Widerspruch. Das Komische ist der ertappte Mensch. Wäre der Mensch nur ein andermal ein Weiser, ein andermal ein Thor, jetzt ein freies Kunstwesen, jetzt ein thierverwandter Sohn der Natur, in dieser Stunde ein hochfühlender Geist, in der nächsten nach Speise und Trank lechzend und den Folgen dieser Genüsse unterworfen, da wäre nichts zu lachen. Das Zwerchfell schüttelt sich nur, wenn wir reimen sollen, was sich nicht reimen läßt, außer im ruhigen, nüchternen Denken, zu dem uns aber die Plötzlichkeit des Schlags, die bei allem Komischen vorausgesetzt ist, keine Zeit läßt. Genau ebendasselbe Wesen und in ebendemselben Momente muß als dumm und gescheut, stark und schwach, hoch und niedrig dastehen, der Eine dieser zwei Endpunkte muß durch den andern durchscheinen. Nun ist aber sonnenklar, daß eine Grenzlinie dafür, wie weit oder wie wenig weit der Zufall oder der Witz in's Niedrige greifen dürfe, um es dem Hohen, dem Geistigen in Einem und demselben Wesen entgegenzuschleudern, unmöglich gezogen werden kann. Ein edler, hochgestimmter Mensch, der von einer Eitelkeit, Naschhaftigkeit, einem sinnlichen Gelüsten irgendwelcher beziehungsweise milder, unschuldiger Art unbewußt beschlichen wird und dieß naiv zum Vorschein bringt: dieß kann genügen zu einem vollkommen komischen Kontraste. Wird er sich des Widerspruchs selbst bewußt und belacht ihn, wird also aus dem Ertappten und Ertappenden Ein Mann: um so besser. Der heilige Augustin bekennt, als er Christ geworden, aber so schnell aus dem Genußleben seines lustigen Heidenthums sich noch nicht losringen konnte, habe er oft seufzend zu Gott gebetet, er möchte ihn aus dem Pfuhl der Lüste erretten, doch manchmal hinzugefügt: aber nur nicht gar zu schnell! Dieß ist vollendet komisch ohne irgendwelche Nennung des Häßlichen. – Ein Pfarrer, der versichert, er pflege aus Gesundheitsgründen zu predigen, bis er schwitze, sagt immer noch nichts Unanständiges, – Schweiß: das passirt noch. Aber es kann im Komischen so glatt eben gar nicht immer ablaufen; wer es verwehren wollte, zu lachen, wenn von einem Dichter erzählt wird, er mache öfters Verse auf dem Nachtstuhl, der wäre doch Wohl abgeschmackt, wiewohl unzweifelhaft ein Nachtstuhl nichts Appetitliches, die Vorstellung gründlich cynisch ist. Nun denke man an Naturen, die eine Neigung zum Komischen, Laune, Witz, Humor haben, und man begreift, daß sie keine matten, halben Kontraste lieben, daß sie daher gern stark salzen. Nie wird es gelingen, sie darin zahm zu machen. Es ist höchst geistlos, den Häring gelten zu lassen, mit dem Zusatz: wenn er nur nicht so salzig wäre. Oben ist gesagt, Cynismus sei »zunächst« ein Wühlen im Schmutz mit Vorliebe. Dieser Begriff hat sich uns nun wesentlich vertieft, veredelt. Aus der Vorliebe und ihrem Thun ist eine freie Liebe zu einem Spiel geworden, das Sinn und Tiefe hat und ästhetisch genannt werden muß, obwohl es in den Schmutz greift. Man stelle sich aber auch ganz idealistisch gestimmte Menschen vor, die als solche für Störungen hoher Gefühle, Phantasieen, Gedanken so äußerst empfindlich sind, man versetze sich in ihren Grimm gegen diese Störungen, man vergegenwärtige sich diejenigen unter ihnen, die zugleich die humoristische Ader haben, so muß doch einleuchten, daß sie doppelt gern stark salzen, daß sie also ihren Zorn auf das Niedrige, das so quer uns kreuzt, durch die stärksten Bezeichnungen auszustoßen lieben: so wird man doch erkennen, wie schwach es wäre, zu erbeben, sich zu entrüsten, wenn sie so stark in's Zeug gehen. Es ist ja eben Idealismus, es geschieht ja aus Idealismus; es soll ja darauf getrumpft werden, daß die reinsten geistigen Stimmungen von der Beschäftigung mit dem Schmutze unterbrochen werden, welche unbarmherzig die Natur uns auflegt. Befreien wollen sie sich von der Erdenlast, indem sie das Schimpfenswerthe verschimpfen, mit Ekelnamen brandmarken, negirt wird das Niedrige, indem der Geist es verdonnert. Doch dies gehört nur so weit hieher, als sie noch halbärgerlich zu dem Elend lachen, vom Cynismus in lauterem Ernste ist hier noch nicht die Rede. Man darf außerdem nicht vergessen, daß nicht nur solch erzürnter, halb pathologischer Idealismus, sondern auch der freie Humor, aller Humor gern, ja nothwendig übertreibt, daß er die Hyperbel nicht entbehren kann. Falstaff weiß wohl, daß Bardolphs Nase nicht Laterne am Admiralschiff, nicht das höllische Feuer, nicht der reiche Mann in Purpurkleidung, nicht ein flammendes Cherubschwert, nicht ein ignis fatuus, ein unauslöschliches Freudenfeuer, nicht lodernde, leuchtende Fackel ist; Joh. Christoph Friedr. Haug weiß Wohl, daß Herrn Wahls Nase nicht so groß ist, wie er sie macht, daß sie nicht zwei Stunden lang zum Königsthor hereinkommt und arretirt werden soll, weil sie sich nicht ausweisen kann, nicht so groß, daß man von Vermessung abstehen muß, weil die Geometer Diäten fordern. Der Humor idealisirt in seiner Weise, nemlich umgekehrt, er vergöttlicht das äußerst Kleine, das über sein Maß wächst und das Wohlverhältniß stört, als wollte es Rache üben an dem Zwang, den es um der lieben Ordnung willen erfahren muß, als wollte es abwehren, daß die Welt vor lauter Regel fad und langweilig werde. So kann es ihm denn auch nicht einfallen, die Natur sauber zu waschen, wo sie in die ängstlichen Kreise des Anstandes einbricht oder wo er sie für seine Zwecke einbrechen läßt; grob, je gröber je lieber muß er sie auftreten lassen, denn wo bliebe sonst der geforderte komische Kontrast?

Wir müssen nun den rein komischen Cynismus erst etwas näher betrachten. Das vorhin angeführte Beispiel von gereizten Idealisten ist aus der Welt einer Bildung gegriffen, deren geschärftes Bewußtsein höchst empfindlich ist gegen die Launen, womit die Natur, an die wir gekoppelt sind, den Geist und seine Schwingungen durchkreuzt; jetzt ist der freie, lustige Humor im Auge zu behalten und ist darin sogleich eine Unterscheidung einzuführen, die mit der obigen nicht verwechselt werden darf, welche einen harmlosen Kinder-Cynismus und einen häßlichen, nicht harmlosen Zoten-Cynismus einander entgegenstellte; nur eine Parallele, wenigstens zwischen dem ersten Gliede des einen und andern Paares läßt sich bemerken, wenn wir jetzt einen naiven Cynismus ganzer Perioden und Schichten der Gesellschaft von einem bewußteren, zugespitzteren, durch bestimmte oppositionelle Wendungen in der Culturgeschichte bedingten fest unterscheiden.

Verweilen wir zunächst bei der ersteren Form. Ganz ohne Oppositions-Absicht ist allerdings auch sie nicht. Der Cynismus mit komischem Absehen hat, wie wir gefunden, hinter seinem nächsten Ziel immer auch die falsche Bildung, die übertriebene Scham, die zu ängstliche Verhüllung des Natürlichen im Auge; er führt immer Krieg mit diesem Feinde, mag derselbe auch nur im Hintergrund stehen. In der That ist dieß der Fall schon in den Zeiten und Sphären, wo der in Rede stehende naive Cynismus zu Hause ist. Man kann fast sagen, er kämpfe doch auch gegen eine stete Möglichkeit des Uebergangs der richtigen Anstandsbegriffe in falsche, in Zimperlichkeit und Prüderie. Er ist wirklich verwandt mit der Liebe der Kinder, im Schmutz zu wühlen und das Geschlechtliche herauszukriegen, wovon wir gesprochen und gesehen haben, daß ein Minimum von Opposition gegen das Künstliche in der Bildung dahinter steckt. Die Bildung ist immer künstlich, mag sie auch so neu sein, daß von zu großer Künstlichkeit noch nicht eine Spur sich zeigt; sobald der Mensch aus der Thierheit heraus ist, ergreift er ein System von Mitteln, seine Naturseite zuzudecken, das Kunst zu nennen ist, obwohl eine sehr gute, die ihm nur zur Ehre gereicht; aber die schwachen Keime künftiger Künstlichkeit liegen doch bereits in dieser noch jungen Kruste verborgen. Das wittern denn alte Kinder, wie jederzeit die jungen, nehmen die Hand voll Lehm und werfen darauf los. In der That herrscht in den Zeiten, von denen jetzt die Rede ist, nichts weniger, als Prüderie – nemlich noch keine, wie in unsrer modernen Zeit keine mehr herrscht (wenn man nicht das Verkriechen der Frechheit unter den Anstandsbegriff so nennen will). Unsere Anstandsgesetze sind von viel neuerem Datum, als die Meisten glauben. Keine kleinere Geschichtsperiode, als geradezu das ganze Alterthum, Mittelalter, noch das sechzehnte, siebzehnte und ein nicht leicht zu begrenzender Theil des achtzehnten Jahrhunderts ist unter unserem Gesichtspunkt als Zeitraum der Naivetät zu bezeichnen. Ist nun alle Welt naiv, so scheint ein Gegner, der wegen zu viel Scham cynisch zu verlachen wäre, gar nicht vorhanden; aber unsichtbar, im genannten Sinne, ist er doch vorhanden. Die Cynismen des Aristophanes sind faustdick, ich erinnere nur an die Schluß-Scene des ersten Akts der Weibervolksversammlung, an die Witze, welche den Aufflug des Trygäus im »Frieden« begleiten, und an die gewissen Sichtbarkeiten in der Lysistrata. Man kann allerdings mit einigem Rechte sagen, es sei die Feierlichkeit des hohen Styls in der Tragödie gewesen, wogegen die alte Komödie sich diese Genugthuung nahm: eine Rache des Lächerlichen am Erhabenen. Wie es in den Satyrstücken, dann auch in der neueren Komödie der Griechen, wie es in den italischen Atellanen hergieng, kann auch der Unkundige aus Vasenbildern ersehen. – Das Christenthum, sollte man meinen, werde eine neue Aera strengerer Verhüllungen und Verschweigungen geschaffen haben. Lag es doch in seinem Prinzip, daß es mit dem Messer der Negation zwischen Geist und Leib hindurchschnitt; daraus scheint ja zu folgen, daß das Gefühl der Scham mit einer den Naturreligionen unbekannten Stärke in den Gemüthern aufgestiegen sei. Allein ganz andere, spätem Wachsthum vorbehaltene Bildungs-Elemente mußten erst hinzutreten, um den im spirituellen Dualismus dieser Religion schlummernden Keim zu entwickeln. Auch die romantische Zeit mit all ihrer Ueberschwenglichkeit im Frauen-Cultus war noch unendlich ungenirt und die Scherzbücher des Mittelalters bereiten mit herzlicher Unflätherei den Eulenspiegel vor. Dem sechzehnten Jahrhundert, dem Zeitalter der Reformation fiel es nicht ein, daß aus dem neuen ethischen Leben, das mit der Abschüttlung langer Unmündigkeit aufgieng, auch strengere Decenzbegriffe zu folgern seien. Im Gegentheil, da nun auch das Volk aufwachte, geht ein Grobianismus los, wie er noch nie dagewesen. Man weiß, wie Luther redet und schreibt, man weiß, was für Dinge er in offenem Sendschreiben dem König Heinrich VIII. von England sagt, der den Theologen gemacht und über die Lehre vom Abendmahl gegen den Reformator geschrieben hatte: es ist so, daß einem ordentlichen Schüler heutiger Anstandsbegriffe die Haare wie Spieße sich aufrichten müßten, wenn ich es hersetzte. Und an der Reinheit und Zartheit von Luthers Gemüth kann doch Niemand zweifeln! – Ich will statt zahlloser Belege nur den herrlichen Mann und närrischen Humoristen Fischart noch anführen. Der hatte nun freilich in seinem Rabelais, als er dessen Gargantua und Pantraguel frei übersetzte, eben kein Muster von Decenz vor sich, allein Deutsche und Franzosen, wie auch Engländer waren darin Eines Sinnes, Niemand wußte es anders, als daß es ein ungeheurer Spaß sei, wenn man vom Natürlichen mit derber Faust das Feigenblatt wegreiße. Das Kapitel: »wie sich Grandgoschier verheirat« in Fischarts »Affenteuerlich Raupengeheuerliche Geschichtsklitterung« ist bekanntlich zu gutem Theil eigenes, freies Werk des Rabelais – Uebersetzers und ist ein rührend schönes Zeugniß von seiner hochsittlichen Schätzung des Werthes der Ehe, aber dies herzliche, rein und warm gefühlte Lob aller Güter, welche das eheliche Band in sich schließt: welche colossalen Unfläthereien und Obscönitäten sind dazwischen eingeklext, oder besser umgekehrt: aus welchen Klexen fingersdick aufgetragner Kothfarbe hebt sich der gemüthvolle Himmel dieses rührenden Bildes! – Der Volkshumor schuf sich damals bekanntlich seinen typischen Träger im Narren, im Hanswurst. Der war nun durchaus ein Cyniker erster Sorte, und Gottsched, als er zwei Jahrhunderte später dem so groben und schmutzigen, als heiteren Burschen den feierlichen Prozeß machte, hat dazu bessere Gründe gehabt, als es einem heutigen Freunde des Humors scheinen mag, der den Untergang dieser personifizirten Komik, dieses stehenden komischen Chorus beklagt. Es führt dies freilich abermals auch auf die Zote zurück, denn der Hanswurst war so stark in diesem Punkte, wie in den turpia. Das ist sehr schlimm; allein seine Zoten waren grob, und dies ist doch nicht ganz so schlimm, als wenn sie fein gewesen wären. Wir wollen hier einen Nebensprung auf das moderne Theater machen. Die Offenbachischen Singstücke sind in ihren guten Theilen hanswurstisch und dies ist ganz nett und lustig. Es soll immer auch eine Kinder-Komik geben, fröhlichen, dummen Spaß für alte und junge Kinder. Nun aber ziehen sich dazwischen Anzüglichkeiten, Lüsternheiten, freche Reize, frivole Anspielungen mit Spitzen des Hohnes auf jeden Glauben an Keuschheit und Treue, die einem Boden gründlicher Verdorbenheit entwachsen sind. Das ist Gift und doppeltes Gift, weil der Schierling da gepflanzt ist, wo man ihn nicht vermuthet: in einem Kindergarten mit Schaukel, Caroussel und Rutschbahn für harmlose Lust! Gierig hat man diese Mischung von lustiger Narrheit und Arsenik besonders in Wien aufgenommen, wo der Gaumen schon gründlich dafür zugerichtet war. Ich habe, da ich Wien zu verschiedenen Zeiten besuchte, die Stadien vom gesunden, hellen, köstlichen Raimund-Humor bis zur Schmutzlache stufenweis verfolgen können. Der Pegel war Nestroy, dem ich einst so lustige Theater-Abende dankte, wie jenem Zaubermeister der ächten Komik, den ich dann endlich auf einer Stufe der Gemeinheit angekommen sah, daß man ihn mit einem Fußtritt von der Bühne hätte stoßen sollen. Er konnte mit einem bloßen gequetscht nasalen »Ah« im Zusammenhang eines Gesprächs, wo von weiblicher Unschuld die Rede war, ein ganzes Jauche-Faß von Schmutz entladen, war aber gleich stark in der Kunst, das feinere Eitergift des artikulirten deutlich zweideutigen Wortwitzes in jedes Ohr und in jede Seele zu spritzen. Damals sagte Hebbel von ihm: wenn der an einer Rose nur gerochen hat, so stinkt sie. Die Zuhörer waren hochbeglückt. Wie es dann weiter gekommen, weiß man. Es ist eine eigene Nase, die Nase eines großen Theils des Wienerpublikums – was nicht stinkt, mag sie nicht. Glücklicher Weise ist die Minderheit in einer Stadt wie Wien so zahlreich, daß auch die anständigen Theater sich füllen. – Das Treibrad in jenen Steigerungen ist die Hetze. Immer mehr! Immer Neues, immer stärkeren Pfeffer! ist die Losung und so wird das gelüstige, naschhafte, ungeduldige Kind zum verdorbenen Lecker von Teufelsdreck. Es ist übrigens nicht blos die bald gröbere, bald feinere Zweideutigkeit, nicht blos ein Unfug der Schaubühne, um was es sich handelt. Unsere Zeit hat ein Geschlecht von Schreibern erzeugt – es blüht vorzüglich auf dem Helikon des Journalwesens, soweit ihn nicht die Sonne der Ehre bescheint, und lagert sich gern im Feuilleton –: dieses Geschlecht weiß viel, hat sogar Schopenhauer gelesen, ist höllisch modern, gründlich blasirt, hegt und treibt aber Ein tiefes Mysterium: die große, nagelneue Geheimlehre, daß das ganze Leben sich einzig um den Geschlechtstrieb (neben dem Geldes) drehe. Das gleicht dem ägyptischen Tempel, der mit Sphinx-Alleen, Prachtthoren, Säulenhallen geheimnißvoll die Erwartung hinzog, bis endlich im kleinen Heiligthum das Räthsel sich löste: Stier Apis. Die Virtuosen unter diesen Mystagogen treiben es nicht plump, sie wissen mit feinen Operationen nur die ganze Luft so zu spannen, zu laden, zu stimmen, daß es ist, als wimmelte sie von halbsichtbaren Phallen, – und so sind sich diese Edlen ihrer Wirkung und – ihres Honorars gewiß. – Gegen solches sublimirtes Gift gehalten war denn die Zote des vierschrötigen Bauernspaßes in jenen Jahrhunderten immer noch unschuldig, eben weil sie grob war. Sie wollte nicht reizen, sie meinte einfach dumm, dies Wühlen sei lustig. Dennoch ist sie der ekelhaftere Theil des alten, naiven Cynismus, man kann heute noch weit eher über ihn lachen, wo er nicht im Geschlechtlichen, sondern in anderweitigem Koth umplätschert.

Im siebzehnten Jahrhundert warf sich der Volksroman gegen den falschen Idealismus des schäferlich höfisch sentimental galanten Kunstromans einer Scüdery, eines Zesen, Buchholz, Herzogs Anton von Braunschweig, riß der geschminkten Beschönigung ihr Schönpflästerchen herunter und stieß ihr die grobe Lebenswahrheit unter die Nase. Nicht mit weicher Hand konnte Christoph von Grimmelshausen in seinem Simplicissimus diesen Stoß führen, und man wird sich von der Wahrheit unseres Satzes über das Recht des Cynismus recht schlagend überzeugen, wenn man nur einige Blätter in der »Clelia«, oder in »Rosenmohnd«, oder im »Assenat, d. i. derselben und des Josephs heilige Stahts- Liebes- und Lebensgeschichte«, oder »Des christlichen teutschen Großfürsten Herkules und der böhmischen königlichen Fräulein Valiska Wundergeschichte«, oder der »durchlauchtigsten Syrerin Aramena« lesen und dann einige Gänge mit dem »seltzamen Vaganten« Simplicissimus durch die unerbittlich grobe Schule des Lebens machen will. Wie es dann erst in der eigentlichen Satyre hergieng, kann man sich denken. Sie wandte sich besonders stark gegen die damals von Frankreich herübergekommenen Moden. Ich habe eine Stelle aus Moscheroschs »Wunderliche und wahrhaftige Gesichte« in den Krit. Gängen (N. F. B. 1, H. 3, Seite 118) mit griechischen Lettern abgedruckt; eine andere, etwas weniger starke, mag deutsch hier stehen, wie sie denn auch so lautet, daß man sagen kann: dies ist deutsch gesprochen. Es ist von dem S. 29 erwähnten Speck die Rede, einem dicken, bis zu fünfundzwanzig Pfund schweren Wulste, den damals die weibliche Mode um die Hüften legte, um sie schön voll erscheinen zu lassen und das Kleid, den Reifrock, desto weiter vom Leib abzuheben; es war ein Stück, dem man, wie heutiges Tags dem Chignon, nachsagte, daß es sich leicht zur Herberge für Bewohner der entomologischen Klasse fortbilde: »das müssen ja feiste Säue sein und ein ehrlich Mann nicht unbillig sich scheuen, einen solchen schmutzigen, garstigen Laussack anzugreifen.« Doch beide Stellen gehören eigentlich nicht hieher, denn sie sind im ernsten Zorn gesprochen und wir sind noch am Komischen. Zu sagen ist noch, daß Moscherosch ein sehr gebildeter Mann war, in bedeutenden Aemtern stand und mit Fürsten verkehrte.

Wer kennt nicht die köstliche Elisabeth Charlotte? Und sie war eine geborene Pfalzgräfin, Gemahlin eines Herzogs, Bruders des Königs Ludwig XIV., an dessen Hofe doch ebendas sich ausgebildet hat, was von da an als wohlanständiger Ton und Takt die Sitte Europa's nach und nach in Zucht und Schule nahm! Es ist die sittliche Gesundheit, die sich in der grundverdorbenen Anstandswelt rein bewahrt hat, was dieser Frau den Freibrief für ihre große Derbheit in die Hand legte. Freilich war jene Anstandswelt noch lange nicht die unsrige. Sie maskirte mehr Unsittliches, als Natürliches ( naturalia). Der neue Decenzschliff brauchte eben noch lange Zeit, bis er die Welt eroberte und wurde, was er jetzt ist; er mußte sich an manchen Schleifsteinen noch zuschärfen, mit späten Nachwirkungen des Puritanismus in England, mit späten Consequenzen und Früchten der Reformation in Deutschland sich versetzen, deren größte die Kant'sche Philosophie war; etwas von der Straffheit ihrer sittlichen Begriffe ist in die allgemeine Luft der protestantischen deutschen Bildung übergegangen und hat mitgewirkt, dem Anstandsbegriff eine vorher unbekannte Strenge zu geben. Endlich aber mußte das Gegentheil kommen, nemlich die allermodernste Frivolität, um ihn bis aus die Spitze jetziger Aengstlichkeit zu steigern.

Ganz aber hat er die Welt nicht erobert und wird sie nicht erobern; so lang es eine Natur, eine Wahrheit und einen Witz gibt, werden sie sich's nicht nehmen lassen, dann und wann ein Loch in den lakirten Zaun des Anstands zu stoßen, hervorzugucken und zu lachen. Ein armseliger Philister, wer dann erschrickt und sich empört! Es gibt freilich Jedem zuerst einen Stoß, aber einem freien Gemüth keinen solchen, der mit Schauer, sondern der mit Schütteln des Zwerchfells endigt. »Rotz« ist ein mit Recht verpöntes Wort, aber das »Rotznäschen« im Kinderkreis von Werthers Lotte ist ja doch Wohl so fürchterlich nicht, daß die Welt des Anstands darüber einfiele. Jemand durchlas die hinterlassenen Briefe einer sinnigen, tugendreichen Frau aus der Sphäre, worin der alte, gut bürgerliche Volkston noch nicht erstorben ist: in einem Brief an ihren Mann, geschrieben aus der Hauptstadt, wohin sie mit einer Schwägerin (Rike) gereist war, die das Fahren nicht vertragen konnte, fand sich die Nachschrift: »Die Rike hat auch wieder gekotzt.« Hätte er so ganz absurd sein sollen, nicht zu lachen?

Die Stelle aus Goethe mahnt, es sei Zeit, zur zweiten der oben unterschiedenen Formen des komischen, des lachenden Cynismus, nemlich zu der culturgeschichtlich motivirten polemischen, oppositionellen überzugehen. Es gibt Wendungen in der Geschichte der Literatur, Kunst und Sitte, wo sich lebendige Geister ausdrücklich bewußt werden, daß die Bildung überhaupt, daß die Begriffe des Schicklichen und Erlaubten in der Welt des Schönen bei der Unnatur angekommen sind. Jetzt erhebt sich mit jugendlicher Derbheit der Muthwille und führt gegen den Schnürleib seine Streiche, um die eingezwängte Natur zu rächen und wieder in ihr Recht einzusetzen. In Frankreich war es so gekommen, war insbesondere das Anstandsgesetz auf der Bühne so höfisch verfärbt worden, daß Voltaire es empörend findet, wenn im Hamlet die Schildwache sagt: keine Maus hat sich gerührt. Shakespeare galt als ein Dichter für »betrunkene Wilde«, als ein »Düngerhaufen«. In Deutschland hatte Gottsched, »der große Lederne«, die Poesie nach diesem Reglement des höfischen Wohlanstands einexerzirt. Die jungen Geister, Goethe voran, liefen Sturm gegen die künstliche Mauer. Sie griffen nun mit Wissen und Willen in den Volkston und seine Cynismen. Ruht, wie wir gesehen, aller Cynismus irgendwie in Opposition gegen ein Zuviel von Scham, gegen das Künstliche im Anstand, so war denn hier die Absicht eine zugespitztere, geschärftere, es war nicht halblatent chronische, sondern offen acute Auflehnung der Natur gegen die Ueberzahmheit einer Dichtung und Vorstellungsweise überhaupt, die keine freie Bewegung mehr wagte aus Furcht, ihre saubere, feingeglöckelte Halskrause und glatte Manschetten in Unordnung zu bringen. Die »Wohlanständigkeit«, das dritte Wort seit Gottsched, vielmehr schon seit den Neukirch, Kanitz, Besser, war ja eine ganz richtige Losung gegen die Schamlosigkeiten eines Hofmann von Hofmannswaldau und Lohenstein, aber es war eine Begriffs-Verwechslung vor sich gegangen: sie sollte eine Grenzbestimmung sein, und sie war so wichtig geworden, als wäre sie ein Prinzip. Die Vorschrift des Anstands ist eine Negation, sie verbietet das Rohe, aber sie ist, versteht sich, keine Position, die etwas schaffen kann; wo sie durchaus im Vordergrund steht, muß die einzig schaffende Gewalt in aller Kunst, die Phantasie, endlich in Verruf kommen, und wenn im Bilde des Lebens, wie es der Dichter uns vor Augen führt, die Leidenschaft zwar nicht Alles, doch aber ein Haupthebel sein soll, so begreift sich, daß diese aus der Stube voll höflicher Schüler, in die sich der Parnaß verwandelt hatte, ihren Abschied nahm. Man war allerdings so unlogisch nicht, die Anständigkeit geradezu mit dem Wesen der Poesie zu verwechseln; Verständigkeit: so lautete der Tagesbefehl, freilich: mit Aufputz; verständige Wahrheiten säuberlich und anständig aufgeschmückt – genau, wie es der Philister heute noch will, – dies war das Ideal nach seinem Vollbestand, wie es in Gottscheds Kopf zur Verfestigung gelangte; aber der ganze Gefrierungsprozeß war doch vom absolut gültigen Anstandsbegriff ausgegangen. Dieser Hauptmann nun war es eigentlich, dem der junge Goethe als Götz von Berlichingen die bekannte, noch von Niemand befolgte Einladung aus dem Fenster der Burg Jaxthausen zurief. Der Eine Cynismus ist so rund und ganz, daß er hier füglich für die vielen figuriren kann, womit der junge Stürmer im heiteren Kampfesmuthe nun um sich warf, und die Mitstürmenden, die Lenz, Klinger und Andere, thaten es getreulich ihm nach. Nur das Epigramm, Xenion, Bildchen, oder wie man es nennen mag: »Nikolai auf Werthers Grab«, darf nicht unangeführt bleiben. Es ist in seinem groben Cynismus so voll gesunder, ernster Wahrheit, daß wir es fast für unsre spätere Betrachtung zurückstellen sollten, die sich mit dem Cynismus im Dienste des Ernstes beschäftigen wird; der Dichter gibt ein cynisches Bild, aber eigentlich wird der Cynismus auf den Philister hinübergeworfen, gegen den er gerichtet ist. Man weiß, daß Nikolai eine Fortsetzung von Werthers Leiden geschrieben hatte, die dem Geniewesen und seinem schönseligen Gefühls-Cultus, seinem erfahrungslos weltverachtenden Hochmuth einige gute Lehren gab, zugleich aber doch auch die innere Rohheit des philisterhaften Denkens über tragisches Seelenleiden so ganz zu Tage brachte, daß einige Züge in der Führung der Fabel wahrhaft gemein und häßlich zu nennen sind. Werther schießt sich, wie man aus Wahrheit und Dichtung weiß, nur ein Auge aus, da Albert, seine Absicht errathend, die Pistole mit Hühnerblut geladen hat; hierauf tritt er dem Freund seine Lotte ab und dieser muß nun die strenge Wirklichkeit des Lebens unter Anderem in der Weise erfahren, daß das ihrer Ehe entsprossene Kind von einer syphilitischen Amme angesteckt wird. Goethe verfuhr dagegen noch mild und anständig, als er in dem Epigramm bildlich sagte: der Philister meint, wenn nur Jedermann so gesund verdaute wie er, so gäbe es keine Schwermuth, keinen Selbstmord; – ein für alle Zeit musterhaftes satyrisches Motiv gegen die Zufriedenheitspredigt ordinärer Köpfe. Man muß bei solchen Dichter-Cynismen auch an die groben Schläge erinnern, welche die bildende Kunst im Kampfe für die Naturwahrheit zu führen liebt; der Classicismus, wie er schulmäßig in den Niederlanden herrschte, als Rembrandt auftrat, war in gewissem Sinn zu ästhetisch, den Nachahmern der Antike und Raphaels war unter der Schönheit der Form die Naturwahrheit, das Feuer des Lebensgefühls ausgegangen; Bilder wie Rembrandts pissender Ganymed sind wesentlich als Protest gegen die Beschönigung des Lebens in diesen Schulen zu fassen; sichtbar hat beim letzteren der derbe Künstler gedacht: wartet, ich will euch einmal sagen, wie es hergeht, wenn ein Adler einen Hirtenbuben durch die Lüfte führt. Der junge Goethe hat es mit andern Gegnern zu thun, greift aber in einem doch ähnlichen Kampfe mitunter nach ähnlichen Mitteln, und so werden es in Kunst und Literatur lebendige Menschen treiben, so lange die Welt steht.

Uebrigens ist Goethe durch das ganze Leben, bis in's Greisenalter, jung genug geblieben, um cynische Anwandlungen in der frohen Laune des Humors nicht zu unterdrücken. Der Krieg gegen Nikolai und seinesgleichen hatte ausgetobt, als Goethe den Walpurgisnachtstraum schrieb, Nikolai konnte da ungeschoren bleiben; dennoch wer möchte die Figur des Proktophantasmisten entbehren, und welch' eine puritanische Gouvernantin-Seele müßte es sein, die sich nicht an dem Vers entzücken würde:

Er wird sich gleich in eine Pfütze setzen,
Das ist die Art, wie er sich soulagirt,
Und wenn Blutigel sich an seinem Steiß ergötzen,
Ist er von Geistern und von Geist curirt!

Steiß! Eines der Wörter, die man nicht, schlechterdings nie nennen soll! Wie schrecklich!

Auch nachdem der große Dichter längst in den vornehm classischen Styl eingefahren war, hat sich die gute Natur immer wieder in heitergrobem Cynismus Luft gemacht, sobald er seine Toga bei Seite legte. Lustig knattert es in gar manchem der Sinnsprüche, Aus- und Einfälle, die unter allerhand Namen: Zahme Xenien u. dergl., in den gesammelten Werken aufgereiht sind. Da ist ja z. B. der kurze Dialog: »Sage doch: von deinen Gegnern warum willst du gar nichts wissen?« – heißt die Frage; die Antwort wird unter dem bekannten Gedankenstriche auch ein Blinder lesen können. Zum Schauder für zarte Gemüther muß gesagt werden, daß unser Einer, daß Mannsleute, die unter Aesthetik etwas Anderes verstehen, als ein Backfisch oder eine prüde Miß, so etwas mit Ueberzeugung schön nennen. Der zweite Theil Faust ist in seinen ernsten Partien das Product eines matten, manirirten, allegorisirenden Classicismus, und doch auch hier kehrt in den komischen die wahre Goethe-Natur zum guten Ende wieder und läßt z. B. in der Schluß-Scene die Dick- und Dürrteufel »ärschlings« zur Hölle stürzen.

Dies muntere Fortfahren Goethe's in seinem Jugend-Cynismus ist uns übrigens ein Beleg für unfern obigen Satz, daß man nicht blos an gewisse Zeiten, an bestimmt gegebene kriegerische Positionen zu denken hat, wenn man sich vom Rechte kühner Anstandsverletzung Rechenschaft zu geben sucht. Wir haben einen naiven und einen schärfer bewußten, weil oppositionellen Cynismus unterschieden, aber auch bereits gesagt, der naive sterbe niemals aus, auch nachdem seine Zeit, die Zeit vor Ausbildung des modernen Anstandsbegriffs, vorüber sei. Er regt sich jederzeit und braucht nicht eben acut historischen Anlaß. Es ist wahr, daß er stets einen Gegner meint, wenn er ausfällt, aber der Gegner ist doch immer da, sichtbarer oder unsichtbarer, greiflicher oder nur wie ein Geist schwebend in der umgebenden Luft.

Ein Gegenfüßler bestimmter Art ist es nun allerdings, den Jean Paul bekämpft, es ist er selbst als der überfliegende sentimentale Poet, es ist der Gipfel der gefühlsschmachtenden Stimmung der Zeit, der in ihm selbst sich darstellt und gegen den er selbst mit kühnem Prall anrennt. Man weiß, wie er es liebt, vom idealen zum realen Pol umzuspringen und umgekehrt. Er rächt die Wahrheit des Lebens an seinem Grab- und himmelsehnsüchtigen Idealismus und findet nicht Ruhe, weder hier noch dort. Die Rache ist bald fein, bald grob, häufiger das letztere. Jean Paul ist ein sehr starker Cyniker. Unerbittlich stößt er den Leser, wenn er ihn so eben in den dritten Himmel getragen, auf den benannten und aufgedeckten Grobstoff der Natur. Er hat sich stark in Anatomie und Medizin umgesehen, vom Cynismus eines medizinischen Freundes lustig gelernt und schenkt uns nicht die Vorstellung: Blasenstein, Zwölffingerdarm, Erbrechen, Koliknoth; er wählt, wo es ihm dient, frischweg das gröbste Wort: Sau, Dreck, Verrecken – und fragt nicht nach dem Schrecken der fühlenden Leserin, ja er will ihn. Ich bestreite nicht, daß er darin etwan auch einmal des Guten zu viel gethan hat, aber dem unfreien Kopf und Sinn, der nicht aus dem Humor das Recht des Cynismus abzuleiten versteht, wäre mit dem kleinen Abzug, der sich aus der Einräumung ergäbe, blutwenig gedient und geholfen. Jean Paul ist und bleibt der Hauptzeuge in unserem Prozesse für die nothwendigen Grenzen des Anstands. Denn Niemand kann am Adel seiner Gesinnung, an der Zartheit seines Fühlens zweifeln, das doch nicht immer krankhaft sentimental ist, nein, das auch von ächtem Feuer jeder gesunden und wahren Hochstimmung der Seele glüht; wer irgend diese Reinheit mit- und nachzufühlen vermag, der kann so ganz gehirnarm nicht sein, daß er unfähig wäre, sich zu denken, der Mann müsse doch seinen Grund gehabt haben, warum er so gröblich dazwischenfuhr, und dann den Grund auch zu finden: nemlich im Kontrast, im Bedürfniß des Dichters, ihn zu schärfen, zu steigern, zu spannen. Dabei ist mit Nachdruck hervorzuheben, wie schön der deutsche Dichter von den englischen Humoristen, die seine Muster waren, gerade namentlich von Sterne sich unterscheidet. Er ist keusch; schamhaft meidet er jede komische Wirkung, die er durch halb lüftendes pikantes Hinzeigen auf das Geschlechtliche erzielen könnte. Er verwendet das Lüsterne nur objectiv, wo er es nemlich bedarf, um eine Verführungsscene und ihre Gefahr für seine Jünglinge zu schildern, und den stärkeren Obscönismus nur da, wo das Bild ausgemergelter Wüstlinge oder falscher Schamhaftigkeit derben Pinselstrich fordert, wenn nicht Alles stumpf, matt, seicht, salzlos verlaufen soll.

Noch ein paar Worte von Tieck! Wie man ihn nehmen mag, unbezweifelt ist er ein feiner Mann und dieser feine Mann hat z. B. in seinem dramatischen Märchenscherz: »Leben und Thaten des kleinen Thomas, genannt Däumchen«, sich ein paar Spässe dicker Art erlaubt; wer noch lachen kann und gern möchte, der lese dort im ersten Akt, Sz. 2, die Beschwerde des Dichters Semmelziege über seine Gattin Ida, und im dritten, Sz. 5, die Beschwerde der Gattin über den Gatten; der Obscönismus unschuldiger Art in der ersten, der Cynismus in der zweiten wird doch wohl in keinem vernünftigen Leser den Schluß hervorrufen, es sei zu befürchten gewesen, daß, wer so etwas schreiben konnte, sich gar in einem Salon nicht stubenrein aufführen werde.

Genug jetzt über den Cynismus der humoristischen Gattung! Ehe wir uns zur andern Form, zum ernsten nemlich wenden, bleibt nur das fiat applicatio auf das corpus delicti, meinen Mode-Aufsatz, übrig.

Wie schwer und wie zahlreich sind denn meine Sünden in dieser Region? »Popo«, »Podexbusch«, »Hintern« (von der Redaction mit einem Gedankenstrich zur geraden Linie entwölbt) – dazu einmal ein »Pfui Teufel«; – muß man ein Goethe oder ein J. Paul sein, um dieses Entsetzliche wagen zu dürfen? Der Wind rollt uns den Cylinder fort, »wohin er mag, am liebsten in den Dreck.« Man versuche gefälligst nur, an diesen Stellen hübsch manierliche Abschwächungen im Ausdruck vorzunehmen, und man wird finden, wie fad, wie dünn Alles sich macht. Zum Beispiel das glänzend blankschwarze Stück Ofenrohr, der Cylinderhut, fordert doch einen Kontrast; sollte ich anständig sagen: Erde? Nein, das richtige Gefühl im feineren Leser wird »Dreck« erwarten. – Das ist die Summe meiner Unthaten, und ich dächte, sie hätten leichte Mühe, unter dem Schutzdache, das unsere Betrachtung aufgebaut hat, getrost sich zu bergen. – Es stehen da noch mancherlei andere Sachen, die nicht eigentlich cynisch, sondern burschikos zu nennen sind. Dies ist das richtige Wort für den Ton, der hindurchgeht. Gans, Genserich, Schaafherde, Affe, Esel, Kameel, Rhinozeros, Kerle, Ungeheuer, Trottel, Fex, Simpel, Daggel – dies ist studentisch geschimpft und ich getraue mir, diese Art Spaß zu verantworten. Man schreibt über einen Gegenstand, welcher der Rede werth und unwerth ist; werth, weil er kulturhistorisch symptomatische Bedeutung hat, unwerth, weil man vor Verdruß über all die Mißform, all den Ungeschmack, die Kinderei, die Hetze des Nachäffens und Weitertreibens, den Abgrund von Hirn- und Charakterlosigkeit, die da begegnen, hundertmal die Feder wegwerfen möchte. Man stößt auf schwere Fragen, wie die über Freiheit und zwingendes, kulturgeschichtliches Gesetz, man hat Mühe, und doch hängt am Besseren, Vernünftigeren so viel Firlefanz, daß man sich auf Schritt und Tritt fragt, ob denn der ganze Rummel die Arbeit des Denkens auch verdiene: nun, ich meine, es sei nur natürlich, daß unter diesem Kreuzfeuer widersprechender Stimmungen der alte Student aufwacht und sich des etwas hemdärmelichen Vocabulariums erinnert, das einst unter lustigen Brüdern beim Weinglas üblich gewesen. Und mit dem Studenten der Geist Fischarts, Grimmelshausens, Moscheroschs, der Geist ihres närrischen Wörterspieles, der so lustig in den Schatz der Dialekte griff und den noch nicht vertrockneten Teig der Sprache mit so kecken Fingern knetete, drehte und kräuselte. Doch habe ich es sehr mäßig getrieben, kaum etwas Neues gewagt, nur Wörter hervorgezogen, die bei uns, in Schwaben, auch sonst in Süddeutschland noch leben, und denen ich ernstlich zur Einführung in die gültige Sprache verhelfen möchte. Da ist zum Beispiel das Wort Cretin, dem deutschen Organe nicht mundgerecht und dunkeln Ursprungs; wir haben ja eigene Ausdrücke für verschiedene Grade der in Rede stehenden Erscheinung. Daggel bedeutet bei uns einen Blödsinnigen schwächeren Grads, einen Menschen von irrer Auffassung und unsichern Bewegungen (mit takeln verwandt, das in Abtakeln – Abrüsten, Abschaffen erhalten ist, oder durch Lautverschiebung aus Dattern – Zittern entstanden); im Scherze wird dann das Wort auf Menschen angewandt, die im Wesentlichen normal organisirt, nur von etwas blöden Sinnen, zerstreut und ungeschickt sind. In Bayern und Oestreich kennt Jedermann das Wort Fex für Cretin (scheint mit Faxen, nugae, verwandt, vergl. J. Grimm Wörterb. 3, 1225; vielleicht sammt diesem Wort auf faseln zurückzuführen?). Trottel pflegt den stärksten Grad zu bezeichnen (von trotteln: sich langsam, nachschiebend, mit schlaffem Knie bewegen, oder aus Trute, Drude – Drudenkind, von der Drude untergeschobenes Kind? Man hielt die Blödsinnigen für solche Wechselbälge). Wo ich die Mode mit einem unruhigen Kind vergleiche, steht unter andern, allbekannten Zeitwörtern: gambeln, notteln, bohrzen. Gambeln, schwäbisch, heißt: sitzend die Füße schaukeln (von gamba oder mit diesem urverwandt?); notteln kennt man außer Schwaben noch in Bayern, es bedeutet fortgesetzte, unmüßige, kurze Bewegungen, insbesondere solche, wobei etwa an einem Tisch, Stuhl gerüttelt wird; Schmeller (Bayr. Wörterbuch) erwähnt ein altes hnutten – vibrare; hängt es mit Noth zusammen? vergl. im Nibelungenlied: der verge fuor genote (drangvoll im Kampf mit dem angeschwollenen Strom; jene Bewegungen gleichen denen eines Kindes, dem es Noth thut). Bohrzen ist Bohren mit dem intensivum Z, wie krächzen von krähen, und bedeutet ein nachdrückendes Reckeln z. B. auf einem Sopha, wodurch ein Kind etwa dem daneben Sitzenden unbequem wird. – Ich habe kein Wort aus den Regionen gebraucht, wo nach Schnaps riechende verdorbene Dialekte herrschen, Alles stammt aus gesundem Volksmund. Bekannt ist doch wohl: Gugelfuhr (Narrenaufzug, von Gugel – Mütze, Narrenkappe) und Gouch (Kukuk, Narr).

Und nun zum Cynismus des ernsten Schlages! – Uebergänge, Mischungen, Derbheiten halb ärgerlichen Scherzes sind gelegentlich aufgeführt.–

Der Anstand, haben wir gesehen, ist konventionell gewordene in diesem Uebergang ihr wahres Wesen nicht bewahrende Scham; diese Wandlung kann im Verlaufe sogar dahin führen, daß er im Thun das Schamloseste erlaubt und nur verbietet, es zu nennen. Da braucht man nun den Cynismus, um dem Heuchler, dem Lügner Anstand die Larve abzureißen. Man will erschrecken, man will das in Schlaf gelullte wahre Gefühl mit einem Stoß aus seinem Schlummer rütteln. Es ist ein Wollen, nicht ein Nursothun, als wäre man böse; der Gegenstand ist doch wohl danach angethan, daß man ernstlich böse werden kann. Es wäre eine flache, dürftige Frage: ob denn so ein Ding wie eine Mode auch des Abscheus, des Zornes, der Empörung, kurz der Leidenschaft werth sei. Warum soll sie es denn nicht sein, wenn sie dem unverfälschten Schamgefühl mit der Faust in's Gesicht schlägt? Soll denn das ein richtig bestelltes Blut sein, das nicht aufkocht, wenn man unter dem Schutze des unächten Anstandbegriffs ungestraft die Frechheit in Straßen und Sälen umgehen sieht, wenn man noch überdies in der Sitte so schamloser Aufzeigung und in der allgemeinen Zumuthung, anständig dazu zu schweigen, ein Bild der Vergiftung sehen muß, die zur selben Zeit weiter und weiter schleichend in die Säfte der Nation sich eingefressen hat? Flach und dürftig wäre es, einen so natürlichen Ingrimm bei einem Manne, der offene Augen hat, mit einem leidenden Zustand, einem blinden, pathologischen Verhalten zu verwechseln. Der Mann hat seinen Zorn dazu, ihn zu entfesseln, wo es am Ort, an der Zeit ist; er will seinen Zorn, und er will ihn loslassen, weil die faule Welt nicht bewegt wird, wenn sie nicht Püffe bekommt. Sie erwartet von einer literarischen Besprechung eines Gegenstands aus dem Formgebiet, insbesondere aus dem Gebiete gegenwärtig herrschender Kulturformen, eine Reihe angenehmer Witzchen; daß der Gegenstand sich wesentlich und eingreifend mit ethisch sozialen Maßstaben berühre, daran denkt sie nicht; kommt nun Einer und macht Ernst und schlägt darauf, so stutzt, erstaunt, erschrickt sie, weil es doch gar so anders lautet, als sie erwartet hatte. Läßt sich nicht läugnen, daß er die Wahrheit spricht, so findet sie die kluge Formel: an sich, dem Inhalt nach hat er Recht, aber die Form! die Form! – Inhalt? Was ist denn Inhalt, den ich vorbringe, wenn er nicht mein Inhalt ist? Inhalt, der in mir lebendig ist und danach die Form bestimmt? Man darf den Unterschied zwischen einem Journalartikel, der sich mit der Mode des Tages befaßt, und zwischen einer historischen Arbeit nicht übersehen. Wer als Historiker Vergangenes behandelt, der soll und kann die Ruhe der Objectivität bewahren; wer Gegenwärtiges mustert und eine Welt von Verkehrtheit darin findet, der hat keine Pflicht, ruhig zu bleiben und subjective Färbung seines Urtheils sich zu verbieten. Der Artikel selbst sagt schon im Eingang, daß man der Täuschung, als könnte man einwirken, dem Uebel steuern, sich unmöglich ganz entziehen kann, so sehr man sie auch als Täuschung erkennt. Es ist kein Ruhm, einem gegenwärtigen Uebel gegenüber kalt zu bleiben; man lacht, man spottet, und wo das Lachen ausgeht, wo das Uebel zu laut schreit, da beschreit man es, da schilt man aus Herzensgrund. Wie ist es denn da mit der Form? Ich habe Recht, wenn ich moralischen Ekel ausdrücke, aber ich soll ihn nicht ausdrücken? Wodurch drückt man denn Ekel aus, als durch Ekelworte? wodurch Verachtung, als durch Schandworte? Hat denn die Sprache diese Worte umsonst? Meint ihr, sie seien nur geschaffen, damit sie der Pöbel austheile? Wenn dieser sie mißbraucht, soll darum, wer sie gerecht gebrauchen will, sie nicht gebrauchen dürfen?

Eigentlich thut ihr nur so; ihr wißt im Grund recht wohl, daß ihr selbst ein andermal nichts wider den rechtzeitigen Cynismus habt, dann nemlich, wenn ihr nicht in der Schußlinie steht; nur euch, nur eure Frau, Tochter und Base soll er nicht treffen, nur weit weg, in fernem Raum und Zeit – da mag er's treiben wie er will.

Wir wollen hier verfahren wie oben beim komischen Humor: mit einigen Beispielen belegen, dann die Application auf den Sündenbock, den Mode-Artikel, folgen lassen.

Die Briefe der Elisabeth Charlotte sind oben angeführt; schade wäre es doch, wenn wir nicht auch ein paar Beispiele daraus entnähmen. Beim Tode der Maintenon schreibt die treffliche Frau: »In dießem morgen erfahre ich, daß die alte Maintenon verreckt ist, gestern zwischen 4 undt 5 abendt. Es were ein groß glück geweßen, wenn es vor etliche und 30 Jahren geschehen were.« Hiebei fällt mir eine Bemerkung ein, die ich einmal über eines der Epigramme aus Baden-Baden zu hören bekam. Dort heißt es von einer der flotten, reizenden Pariser-Cocotten, welche damals die noch blühende Spielhölle umschwebten:

Blähe dich auf wie ein Pfau und locke mit Augen und Farben,
Dennoch bleibt es dabei, daß im Spital du krepirst.

Ein gebildeter Herr sagte mir darüber: das Epigramm gefalle ihm wegen seines moralischen Gewichts, nur schade, daß der Ausdruck »krepirst« zu stark sei. – In einem anderen Briefe bespricht die Herzogin die schlechte Bankzettel-Operation des Finanzministers Law: »das Sisteme hat mir allzeit mißfahlen und mißfalt mir noch. Ich kann nichts drin begreifen und deucht mir, daß man eher sagen könnte mitt allen den papiren, daß Laws, met Verlöff (Verlaub), arschwischige sachen ahngefangen hat.« Ein andermal spricht sie über Minister Sorcy und Kardinal Dubois, Erzbischof von Cambray, den Verdacht aus, daß sie ihr Briefe öffnen und unterschlagen, da braucht sie dieselbe Metapher: »Gott weiß, wo die zwei Schreiben hingekommen sind, ob sie einen altministerischen oder ertzbischöfflichen Hindern gewischt haben; wenn daß were, wolte ich, daß unßere Briefe beißen könnten.« Das ist nun freilich in vertrauten Briefen, und wir haben, als vom Wo? die Rede war, diesen Fall zu unterscheiden nicht versäumt, allein wenn eine Prinzessin so schreibt, so wird sie auch sonst – nur nicht auf dem Parket – eben kein Blatt vor den Mund genommen haben.

Es ist bekannt, daß General Cambronne bei Waterloo nicht gesagt hat: garde vieille meurt, elle ne se rend pas, sondern – etwas Anderes. Victor Hugo in den misérables hat es verstanden, daß hier der Cynismus schönerist, als das hohe Epiphonem, das man dem Graubart fälschlich in den Mund gelegt, nur leider begeht der Poet den Widerspruch, das einfach Derbe mit der Geschwollenheit zu rühmen, die er einmal nicht lassen kann.

Oben, im Komischen, bei: »saumäßig« fiel mir ein Dictum ein, das jedoch richtiger hier, beim Ernst, obwohl es auch zum Halbernsten, halb Humoristischen gezogen werden könnte, seine Stelle findet. Als das neue Dogma von der passiven unbefleckten Empfängniß Mariä kam, traf ein Bekannter von mir einen katholischen Geistlichen in Gesellschaft, nahm ihn in eine Fenstervertiefung und bat ihn unter Entschuldigung seiner Kühnheit um seine Ansicht. Der Gefragte war ein Herr von der guten alten toleranten Schule, ein höchst geachteter Stadtpfarrer in einer schweizerischen Stadt; der Frager war doch etwas in Sorge, ob er nicht eine Indiskretion begehe; aber frisch von der Leber weg kam die Antwort: das ist eben a reachte Sauerei. Gleich wenig ethisches Gefühl wie Geschmack würde doch gewiß an den Tag legen, wer dies feiner gesagt wünschte; die Derbheit ist ja just das Gute daran und zeigt kerngesund, wie der brave Mann die ekelhaft wühlende Pfaffenphantasie in jener Art von Untersuchungen erkannte, welche solchen Aufstellungen zu Grunde liegt. Mögen manche Leser immerhin errathen, wer er war; lange schon deckt ihn die Erde; die Erwähnung kann seinem Namen im Tod keine Schande machen.

Es wird passend sein, in diesem Zusammenhang etwas vom Schimpfen zu sagen. Die neuere Bildung hat es als Unsitte ausgestoßen, mit gutem Grunde schon darum, weil der Geschimpfte wiederschimpfen wird und darin dem Schimpfer vielleicht überlegen ist. Dennoch – seien wir ehrlich! Wer unter uns hat Nerv und Blut, ein schlagendes Herz, der nicht schon ein und das andre Mal mühsam den sehnlichen Wunsch hinabgedrückt hätte, diesem oder jenem Schurken, Schleicher, dieser oder jener Schmutz-Seele in feinem Frack einmal alle Ehrentitel an den Kopf zu werfen, die sie verdienen, und sie womöglich zugleich recht gründlich durchzuwammsen? Graf Kent im König Lear mochte seufzend auch oft schon so gedacht haben; nun folgt er in Bedientenkleidung seinem Herrn, dem König, stößt in der bekannten Scene auf den geschniegelten, gleisnerischen, schuftigen Zwischenträger Gonerils, Haushofmeister Oswald, der als Wohldiener seiner Herrin den König frech beleidigt und eben jetzt den Brief von ihr überbracht hat, worin Regan gerathen wird, den Vater nicht besser zu behandeln, als sie, die ältere, gethan; jetzt darf er den Vortheil seiner Maske genießen, sein Dienerrock erlaubt ihm den Volkston, geladen mit Grimm kann er seinem Herzen einmal Luft machen, er kann und darf es sich gönnen, und so überschüttet er den Halunken mit einem Wasserfall, einem Gewitterregen, einem wahren Hagelwetter von Schimpfwörtern, läßt ihm, da er wohl weiß, daß wenn A schimpft, B wiederschimpfen kann, keine Sekunde Zeit dazu und verhindert dies noch gründlicher durch die Ladung von Schwerthieben mit flacher Klinge, womit er das Ehrentitelsturzbad begleitet. Ich habe einmal aussprechen hören, da Kent viel zu vornehm sei, um zu schimpfen, so müsse der Schauspieler diese Schimpfreden halb mechanisch heruntersagen in einem Ton, der ausdrücke, daß der Graf nur so thue, um in der Bedientenrolle zu bleiben. Ich wunderte mich; wohl noch Niemand hat es so genommen; mir ist es bei dieser Entladung immer wohl geworden, wie wenn nach langer Schwüle ein gesundes Donnerwetter die Luft reinigt, dem Dichter selbst, – sehr unbeschadet der poetischen Objectivität, – mußte die Herzerleichterung gegen so manches Lumpenpack, das er um sich und über sich sah, so wohlthun wie dem Grafen, dem er sie in den Mund legt; und mit dieser labenden Entlastung sollte es ihm nicht ernst sein? Nun lese man aber das Folgende. »Worüber bist du grimmig?« fragt Herzog Cornwall, der mit Gloster, Edmund, Regan zu dieser Scene gekommen ist. Graf Kent erwidert:

Daß solch ein Lump, wie der, ein Schwert soll tragen,
Der keine Ehre trägt. Solch lächelndes
Geschmeiß nagt oft wie Ratten heil'ge Bande,
Unlösbar fest geschlungne, auseinander;
Kocht Laune auf im Busen des Gebieters,
Sie schmeicheln ihr, sie tragen Oel in's Feuer,
Schnee in erkaltetes Gefühl, bejahen,
Verneinen, dreh'n wie Vögel ihre Hälse
Nach jedem Luftzugwechsel ihrer Obern,
Verstehn wie Hunde nichts als nachzulaufen
– Die Pest auf deine epilept'sche Fratze!

Man blicke, nachdem man diese Kraftworte der Verachtung gelesen, nun noch einmal zurück auf den Schimpfplatzregen und frage sein Gefühl, ob sich nicht eine Beleuchtung hochsittlichen Sinnes darüber ausbreitet!

Erlabt sich hier ein vornehmer Mann, sonst an feinen Ton gewöhnt, einmal durch einen Krafterguß im Volkston, so gehört dagegen das allgemeine wilde, fluchende Schimpfen fürstlicher Personen in Richard III. direkt zur Charakteristik, zum sächlichen Bilde. Bauchige Spinne, Basilisk, giftgeschwollner Molch, Mißgeburt voll Mäler, Schandfleck für der Mutter Schoß, ekler Sprößling aus des Vaters Lenden, Lump der Ehre sind die Ehrennamen, die Margarete dem Herzog, dann König gibt und die er der »schnöden Hexe« äffend heimgibt; Richmond, in der Anrede an sein Heer, sagt von dem Usurpator:

Der gräulich blut'ge, räuberische Eber,
Der eure Weinberg' umwühlt, eure Saaten,
Eu'r warm Blut säuft wie Spülicht, eure Leiber
Ausweidet sich zum Trog: dies wüste Schwein
Liegt jetzt in dieses Eilands Mittelpunkt – –

Was soll man zu dem sagen, zu welchem Dickfell von Gefühllosigkeit müßte dessen ästhetische und sittliche Haut durch geistlosen Anstandsbegriff verledert sein, der an dieser herrlichen Stelle Aergerniß nähme, weil sie die Vereinigung von Wüstheit und blutiger Grausamkeit im Tyrannen mit dem einzig richtigen, aus dem Marke der Phantasie und der Kraftsubstanz der Sprache geschöpften Bild und Wort bezeichnet! – In der ganzen übrigen Tragödie, auch in den Scenen, wo ohne die hochberechtigte Empörung einer reinen Seele gescholten wird wie in dieser Feldherrnrede, ist der wilde Schimpfton viel zu furchtbar, als daß ein richtiger Sinn nur einen Augenblick Zeit hätte, sich dabei, darüber aufzuhalten, daß er unanständig ist. Er soll ja unanständig sein, weil er zur Charakterisirung dient; Shakespeare weiß ja, daß an einem Hofe – durch wie viel Naivetät auch der Hofton zu Shakespeares Zeit vom heutigen sich unterschied – so nicht gesprochen werden darf, es ist ja die Verwilderung der aus Rand und Band gerissenen Zeit, die er bis in diese Kreise vorgedrungen aufzeigt!

Es kann scheinen, wir seien vom Weg abgekommen; eigentlich ist es meine Aufgabe, bedingt zu vertheidigen, was ein Schriftsteller im eigenen Namen Cynisches sagt, dort aber spricht ja ein Dichter im fremden Namen fingirter Personen. Der Unterschied ist richtig und groß genug, allein so groß nicht, daß er dem Anstands-Sklaven viel hälfe; der soll nur gestehen, daß er das Eine so wenig verdauen kann wie das Andere, wogegen der freie Geist Eines wie das Andre begreift und genießt. Der Erstere behilft sich gern mit der Unterscheidung der Zeiten: eine Auskunft, deren Nichtigkeit aus besonderen Theilen unserer Betrachtung wie aus der ganzen hervorgeht. Ist er noch nicht überzeugt, so möge nur Ein Beispiel aus der neueren Dichtung herausgegriffen sein. Man kennt die ausgezeichnete Erzählung Heinrichs von Kleist: Mich. Kohlhaas; man erinnert sich, daß die ganze Geschichte sich um zwei Rappen dreht, die dem Roßhändler Kohlhaas widerrechtlich genommen worden sind, daß des braven Mannes empörtes Rechtsgefühl sich zum Wüthen steigert, da kein gesetzliches Mittel fruchtet, zu seinem Eigenthum wieder zu gelangen, daß er eine berittene Schaar sammelt, Treffen liefert, Städte berennt und anzündet. Endlich, nachdem er sich den Behörden freiwillig gestellt, kommt die Untersuchung, die Nachforschung in Gang und die Thiere finden sich, zu Gerippen abgemagert, im Besitz eines Abdeckers, der sie, an seinen Karren gebunden, nach Dresden bringt. Ein Junker und ein Kämmerer, die in der Angelegenheit eine Rolle spielen, finden sich bei dem Karren ein. Es ist eine rechte Schandfuhre, die Kleist nun zu schildern hat; dies ist wesentlich, denn der Leser soll mit Kohlhaas so recht die Schmach empfinden, in welche die edlen Thiere gesunken sind, und dieser Dichter pflegt nichts, was irgend wesentlich ist, nur farblos allgemein zu berichten, sondern ganz und voll zu vergegenwärtigen. Die Mähren scheinen jeden Augenblick sterben zu wollen, stehen auf wankenden Beinen und fressen nichts vom vorgelegten Heu; der Schinder, ein träger, gemeiner Lümmel, steht gespreizt, die Hosen sich in die Höhe ziehend, während er mit den vornehmen Herren spricht, und schlägt dann in ihrer Gegenwart das Wasser an seinem Wagen ab. – »Es wäre schon gut, wenn er nur den letzteren schmutzigen Zug weggelassen hätte.« Zartes Gemüth! Und wir Andern sind solche Ketzer, daß wir in der Vollendung des Bilds durch diesen Zug die Meisterhand eines wirklichen Dichters erkennen.

Und nun noch einmal zu Shakespeare, zum stärksten, großartigsten, für unsern Zweck schlagendsten Beispiel, genommen aus seiner tiefsten Tragödie, dem Hamlet! Der zögernde und doch so feurige Held ist zu seiner Mutter berufen und gekommen mit dem Entschluß, »Dolche zu ihr zu sprechen«. Sie ist ein Weib, nicht eben schlecht, nicht verdorben, guter Regungen wohl noch fähig, aber grundsatzlos, charakterlos, eine jener bestimmbaren Naturen, die, wenn ihr Blut aufgewallt ist, mit geschlossenen Augen über die scharfe Linie hinwegsetzen, welche zwischen Tugend und Verbrechen hindurchschneidet. Der »gedunsene« König muß durch ein System bedacht fortschreitender Reizungen zu Lebzeiten seines edlen Bruders ihre Sinnlichkeit entzündet, in einen Rausch versetzt haben, wie der war, in welchem Maria Stuart ihren Gemahl Darnley ermorden ließ oder zu seiner Ermordung das Auge zudrückte, um den häßlichen, aber sehr virilen Bothwell ganz zu besitzen. Der Dichter hat es in der letzten Redaction dunkel gelassen, wie sie sich zu dem Brudermorde verhielt: wir sollen uns wohl denken, sie habe geahnt, halb gemerkt und zugelassen, indem sie eben geistig wegsah, ihre Gedanken nicht hinlenkte. So, da sie den Mann nun hat, der nur vielleicht (wird sie denken) ein Mörder ist, lebt sie dahin und meint, es sei ja nun recht. Diesem Weibe »die Augen in's Innre zu kehren«, »ihr Herz zu ringen«, das ist Hamlets Entschluß. Will er dies: – man frage sich, ob er mit anständigen Worten über das, was geschehen ist, obenhinweggehen kann? Nennen muß er es, recht eigentlich, bildlos aufdecken, da gibt es keine bloße Andeutung, keine Umschreibung. Sittlichen Ekel will er wecken in der versunkenen Seele, einen sittlichen Ekel, der die Stärke des sinnlichen Ekels hat; wie soll er ohne die Ekelworte der Sprache auskommen? Hineingeblitzt, hineingedonnert muß es werden, das innere Gericht des Gewissens, in die oberflächliche, schlaffe, selbsttäuschunggewohnte Seele. Nun sehe man zu, wie er vorgeht! Er beginnt, nachdem er den Lauscher Polonius niedergestoßen und die Königin Weh gerufen hat über die blutige That, mit den Worten:

So schlimm beinah, als einen König tödten
Und in die Eh' mit seinem Bruder treten.

Königin:

Als einen König tödten?

Hamlet:

Ja, so sagt' ich.

Dann heißt er sie wieder sitzen und spricht:

Laßt euer Herz mich ringen, denn das will ich,
Wenn es nicht undurchdringlich ist, wenn nicht
Verdammte Angewöhnung gegen jedes
Wahre Gefühl es schußfest hat gemacht.

Es ist nicht Heuchelei, es ist nur aufrichtige Flauheit des sittlichen Bewußtseins, wenn sie nun fragt, was sie denn gethan habe, daß Hamlet so wild die Zunge gegen sie wüthen lassen dürfe, und nun beginnt die furchtbarste aller sittlichen Machtreden, die je ein Mund gesprochen, eine Feder geschrieben hat. Zuerst wird der Begriff der Schamlosigkeit in glühende Farbe gesetzt:

– – Solch eine That, die selbst das reine Roth
Der holdverschämten Sittsamkeit entfärbt,
Der Tugend nachruft: Heuchlerin! Die Rose
Von unschuldvoller Liebe schöner Stirn
Wegnimmt und eine Beule dafür hinsetzt – –

Wieder fragt die Königin:

– – Weh mir, welche That,
Wenn sie genannt ist, brüllt und donnert denn
So laut empor?

Jetzt folgt das Prachtmotiv, die Vergleichung der zwei Bildnisse, und Schritt für Schritt greift Hamlet tiefer in's Eigentliche der Bezeichnung:

– – Konntet ihr die Weide
Aus dieser schönen Hochalp liegen lassen,
Um euch im Sumpf zu mästen? Ha! habt ihr
Denn Augen? – Liebe könnt ihr es nicht nennen!
In eurem Alter ist der Saus und Braus
Im Blute zahm, es schleicht dahin und wartet
Das Urtheil ab. Doch welches Urtheil konnte
Von dem zu jenem laufen? – Sinne habt ihr
Gewiß, sonst könntet ihr ja keine Wallung
Mehr fühlen, doch gewiß ist jeder Sinn
Vom Schlag geknickt; kann doch der Wahnsinn selbst
So schwer nicht irren, die Verrücktheit nicht
So ganz die Sinne knechten, daß zur Wahl
Bei solchem Gegensatz nicht etwas Klarheit
Verbliebe. Welcher Teufel ist's, der so
Im Kinderspiel die Augen euch verband?
Aug' ohne Fühlen, Fühlen ohne Auge,
Ohr ohne Hand und Aug', Geruch, ohn' Alles!
Ja Eines wahren Sinnes kranker Rest
Tappt so nicht fehl!
Scham, wo ist dein Erröthen? Wilde Hölle,
Empörst du dich in der Matrone Gliedern,
Dann laßt die Keuschheit der entflammten Jugend
Wie weiches Wachs in ihrem Feuer schmelzen!
Ruft nicht mehr Schande aus, wenn heißer Drang
Vorstürzt und anstürmt, da der Frost ja selbst
Gleich heftig brennt und der Verstand dem Willen
Als Kuppler dient!

Königin:

O Hamlet, sprich nicht mehr!
Du kehrst die Augen recht in's Innre mir,
Da seh' ich Flecken, schwarz und tiefgeäzt
Von untilgbarer Farbe!

Hamlet:

Ha! zu leben
Im Schweiß und Brodem eines ekeln Betts,
Gebrüht in Fäulniß, schnäbelnd und sich paarend
Ueber der schmutzigen Streu –

»Hier muß allerdings Hamlet seiner sittlichen Entrüstung sehr starken Ausdruck leihen, nur sollte dieser Ausdruck sich doch mehr mäßigen, die Schicklichkeit beobachten, nicht bis dahin sich steigern, daß so widerliche und ekelhafte Vorstellungen uns aufgedrängt werden.«

Was würdest du sagen, einsichtiger Leser, auch du, einsichtigere Leserin, zu solcher Bemerkung? Ich denke, du fändest sie stumpf, roh, just von Sinnen eingegeben, wie nach Hamlet die der Königin beschaffen sind, ja du fändest sie unbegreiflich. Es ist aber einfach eine Bemerkung, wie sie der Standpunkt eingibt, Unzähligen eingibt, eingeben muß, mit dem wir es hier zu thun haben, der Standpunkt, dem der Anstand als unbedingtes Gesetz gilt.

Ich meine doch, angesichts dieser Pracht- und Macht-Stelle könnte auch ein Schwachkopf verstehen, daß man mit gutem Recht sagen kann: es gibt Fälle, wo das Schmutzigere das Idealere ist.

Es kann scheinen, ich mache einen lächerlich weiten Sprung, wenn ich nun von der furchtbaren Hamlet-Scene wieder zur applicatio auf mein neueres Delikt übergehe. Die Lappen, mit denen dein Mode-Artikel sich befaßt, höre ich sagen, wie magst du sie zusammenstellen mit dem Verbrechen des Weibs, dem Hamlet die furchtbaren Worte in die Seele schmettert? Deinen groben Ausfall gegen einige Formen der Tagestracht, wie kannst du ihn mit der Sprache der Empörung eines Sohnes über Schandthaten seiner Mutter vergleichen?

Nun, das »Wieder einmal über die Mode« ist freilich kein Hamlet, hat aber auch so fürchterlich doch nicht gedonnert wie Hamlet, hat doch nicht Dolche gesprochen, nur eine scharfe Ruthe geschwungen. Uebrigens ist die Mode zwar keine Königin von Dänemark, die den Mörder ihres ersten Gemahls geheirathet hat, doch immerhin eine Potentatin, der man, wenn sie freche Tracht vorschreibt, ernstlich zürnen kann, weil sie nicht blos einzelnen Frevel verübt, sondern das Schnöde weithin über Länder verbreitet und den Sinn der Scham, da das Schamlose Vorschrift wird, in der Wurzel fälscht. Spaß bei Seite, ich wiederhole, daß ich nicht weiß, warum man gegen eine freche Mode keinen Grimm haben soll. Erst dieser Tage bin ich auf unserer Hauptstraße wieder einem Mädchen begegnet, dem man in Gesicht und Bewegung ansah, daß sie von gutem Hause sein müsse; ihr Kleid war in einem Grad expressiv vornüber gespannt, daß vom Busen bis zum Knie jede Form, concave wie convexe, ganz wie nackt, schlimmer als wie nackt zum Vorschein kam. Ich dachte: die Polizei duldet doch nicht, daß die Sinnlichkeit in so nackter Blöße, wie sie in einem taumelnden Betrunkenen sich zeigt, offen auf den Straßen umgehe; daraus folgt logisch, daß auch die in Kleidern nackte Frechheit arretirt werden müßte. Nicht der Trägerin, die sichtbar ganz arglos, nur mit dem Bewußtsein ächt modischer Herrlichkeit daherschob, konnte der Unmuth gelten, aber der unbekannten Mutter, dem unbekannten Vater, die das besser wissen können, und schließlich den Erfindern und Einführern, die es besser wissen müssen und die es so frech gewollt haben, sowie den Unzähligen unter den Wissenden zwischen den Nichtwissenden, die bereitwillig den Tonangebern folgten und folgen. – Ich bin dann in ein sehr besuchtes Bad gekommen und habe auf dem Curplatz das jetzige System der weiblichen Mode auf der Höhe seiner Spannkraft nicht an Wenigen gesehen; wiederum häufig genug bei Frauen und Mädchen, die entfernt nicht danach aussahen, als gehörten sie zur verdächtigen Klasse, doch aber es trieben, als verlangten sie durchaus, zu derselben gezählt zu werden. Es ist ein Herbieten, ein Herstrecken der Formen unter dem übergepreßten Kleidstoff, das in jedem Moment sagen zu wollen scheint: sieh – da – zum Platzen gespannt, über Brust, Hüften, Bauch, Schenkel, Knie – gleich wird's platzen – aber halt, nein! erst nicht, es ist solid – ich bin ja eine züchtige deutsche Frau!

Es ist schwer, sich vorzustellen, wie plump, wie thierisch roh der Geschlechtstrieb eines Mannes sein muß, den das nicht anekelt.

Einmal – und nicht zum erstenmal – sah ich auch eine Dame – und auch diese der übrigen Erscheinung nach nicht von den Unsoliden – die eine beträchtliche rothe Masche auf einer Stelle trug – vorn – ich mag nicht sagen: wo? mag nicht, obwohl ich im Namen des berechtigten Cynismus es dürfte, mag nicht, weil ich mir und dem Leser die Phantasie nicht bis auf den Grund vergällen will; – und neben dieser Jungfrau gieng etwas wie Mutter oder Tante – würdige, gewiß nicht topographisch unwissende Matrone –, und schien sehr zufrieden mit dem vorgeführten Resultate der sinnigen Putzberathung.

Kurz, es steht so, daß das Urtheil aller und jeder Rücksicht enthoben ist. Wer ein solches öffentliches Uebel, das in der Zeit so traurig mit dem moralischen Markschwamm zusammentrifft, der an unsrer Nation frißt, mit Sammthandschuhen anfassen kann, der mag es thun und verlange nur nicht, daß er ein Muster sei. Ich spreche das Ausnahme-Recht an, das ich dem Cynismus vindicirt habe, und zwar hier das Recht jener Grobheit, die aus dem ernsten Unwillen fließt. Ich weiß, mit welchem Hohn die Blasirtheit von der »sittlichen Entrüstung« spricht. Ein Zeichner hat Caricaturen auf Baden-Baden veröffentlicht, wie es zur Zeit der Spielhölle war, und neben Bilder von eleganten Pariser Loretten einen grimmig aussehenden Deutschen hingestellt mit der Unterschrift: »ein sittlich entrüsteter Deutscher«, es galt sichtbar meinen Epigrammen aus Baden-Baden; die Dämchen waren ganz appetitlich behandelt. – Wir sind da noch einmal und abermals auf den Zorn, auf den Grimm zu sprechen gekommen; ich habe zum schon Gesagten nichts hinzuzufügen, als: ich setze so viel Bildung voraus, daß man über die Bedeutung der Leidenschaft nachgedacht habe und ein bischen davon wisse, was selbst der vernunftstrenge Kant vom affectus strenuus gesagt hat. – Manche sind wohl auch, die den Groll nicht verstehen, weil sie kein Auge für den Gegenstand haben, die Erscheinungen, um die es sich handelt, überhaupt nicht bemerken. Sie mögen versuchen, sich in diejenigen zu versetzen, welche sehen.

Nun zum Einzelnen! – Die Redaktion von Nord und Süd hat mir statt: Hurenmode (S. 7) gesetzt: Dirnenmode. Ich habe jetzt das ursprüngliche Wort wiederhergestellt; denn ich will dem Ding den allein rechten Namen geben. »Dirne« wird öfters auch in ehrbarem Sinne gebraucht, ich bedarf und will ein Wort, das eine mildere Deutung gar nicht zuläßt. Ich hätte sagen können: Cocotten-, Kamelien-, Loretten-, Demimonde-Mode; das hätte den Leserinnen kein Fingerchen gebogen. Ich habe in einem hübsch illustrirten französischen Werk ein Bild gesehen, wo drei hübsche vornehme Kinder, angethan, wie wir es kennen, von einem Spaziergang nach Hause kommen und triumphirend zur Mutter sagen: denk nur, Mama, man hat uns für Cocotten gehalten! Es kommt ihnen ganz flott vor. Die richtige Weltdame braucht nicht einmal wirklich unsolid zu sein, um eine solche Verwechslung ganz leicht, lustig, studentisch zu nehmen. Wer irgend wirken will – nicht zur Besserung der Mehrheit, versteht sich, denn das wird er sich nur vorübergehend in schwachen Momenten einbilden, nein, blos zur Erkenntniß für eine Minderheit, – der muß nach Worten greifen, zu denen man nicht gar noch lächeln kann, erschrecken, erzürnen muß er, daß die flauen Seelen stutzen; kurz, es ist klar: Hurenmode muß es heißen. Es ist reiner. – Von einem Weibe, das dick ist und dennoch das Kleid über den Bauch herspannt, daß er noch dicker erscheint, habe ich gesagt, sie dürfe sich nicht beschweren, wenn man sie eine gedunsene Vettel nenne. Ich bin der Sprache dankbar, daß sie mir das gründlich passende Wort dargereicht hat. Es gibt denn doch eine Grenze der Rücksichtslosigkeit gegen Auge und Gefühl der Mitmenschen, die man nicht überschreiten darf, ohne sich Ekelnamen zu verdienen. Sie dürfen es ja nur bleiben lassen, Signora, dürfen nur aufhören, den Bauch noch dicker hervorschwellen zu machen, als er ist, so wird Sie kein Mensch eine gedunsene Vettel nennen. – Das Aushängen selbst verblühter und überreifer Reize im jetzigen weiblichen Ball-, Hof- und Festtheater-Staat habe ich schweinisch genannt. Ich hatte in jenem Zusammenhang in meinem Concept ursprünglich stärkere Ausdrücke; statt »Reize (?)« hatte ich geschrieben: Saug-Apparate; auch dies wäre noch nicht das Stärkste; wer den gerechten Ekel gegen solche Schamlosigkeit ganz ausdrücken will, muß eigentlich den Namen vom entsprechenden thierischen Organe nehmen. Ich habe mich also noch sehr gemäßigt; das »Reize« mit dem Fragezeichen ist, ich muß es gestehen, eine ordinär flache Wendung: so geht es mit der Mäßigung, wo sie nicht am Platz ist. – Ich habe endlich vom Charakter des jetzigen Damenkleides den Ausdruck: ächt keltische Geilheit gebraucht. Man nenne mir einen, der ihn ersetzen könnte! Ein Narr, wer nicht ergreift, was ihm die Sprache Gutes, einzig Bezeichnendes bietet!

Die Damenwelt hat sich stark geregt, als der Beitrag erschienen war; manche Journal-Artikel sind aus weiblichen Kielen geflossen und außerdem ist mir eine hübsche Anzahl Briefe zugeflogen, darunter wenige ganz oder mit Clauseln zustimmende, die übrigen bedauernd, mild verweisend oder kriegerisch angreifend mit Waffen verschiedener Art, darunter ein anonymer mit den feinen Wendungen: brutal, grober Gesell, gemeiner Sinn, und: »die Schamlosigkeiten mögen in Ihrem Kreise bekannter Weiber, vielleicht aus dem sog. demimonde gäng und gebe sein« u. dergl. Nachher heißt es dann, ich habe in der Sache selbst vollständig Recht. Unterschrift: »eine deutsche Frau«, Namensstempel aus dem Papier geschnitten; das Postzeichen will ich nicht angeben, denn man könnte dann die Verfasserin in ihrem Wohnort vielleicht errathen und ich will keinen Klatsch verschulden. Unterhaltend war, zu lesen, wie die polemischen Briefstellerinnen in Einem zusammenstimmen: in dem Vorwurf, daß ich allgemein spreche, nicht ausnehme, und daß so meine starken Ausdrücke das ganze Geschlecht treffen. Ich habe an zwei Stellen ausdrücklich und deutlich gesagt, wie ich recht wohl weiß, erstens, daß es Ausnahmen gibt, und zweitens, daß Unzählige einer schlimmen Mode ganz ohne Bewußtsein über ihre Bedeutung sich unterwerfen, habe auseinandergesetzt, warum dieser Umstand nicht abhalten kann, das Kind beim wahren Namen zu nennen. Ich hätte wohl zu jedem Satze den Beisatz fügen sollen: übrigens Sie, verehrte Leserin, nebst Ihrer Fräulein Schwester, Schwägerin und Base nehme ich aus, es gilt nur den Andern; dann hätte ich's recht gemacht, nicht wahr? Ist es gefällig, ein klein wenig Logik anzuhören? Genau genommen kann man der Mode eigentlich kein Prädikat beilegen, kann nicht sagen: diese Mode ist abgeschmackt, frech oder dies und das. Mode ist ein Allgemeinbegriff für einen Complex zeitweise gültiger Culturformen, ein Begriff ist nicht gut, nicht bös, nicht sittsam, nicht unkeusch, nicht geschmackvoll, nicht abgeschmackt. So kann man eigentlich nur diejenigen nennen, welche die gegebene Tracht erfunden und eingeführt haben; aus dem Charakter ihrer Formen ergibt sich ein sicherer Schluß auf die Gefühlsweise, Sinn und Sitte der Urheber, der Tonangeber. Weil es nun aber – haben Sie etwas Geduld, weiter zu hören, gestrenge Richterin! – weil es gar zu umständlich wäre, jedesmal zu sagen: diese Mode, deren Autoren in dieser Formgebung diese und diese Eigenschaften an den Tag legen u. s. w., so erlaubt sich die Sprache die Kühnheit, solche Eigenschaften an das Abstractum: Mode zu knüpfen. Dabei läßt der Schreibende ganz dahingestellt, wie sich zu diesem Charakter die unendliche Vielheit der Nachahmer oder Nachahmerinnen verhält: wissend, halbwissend oder unwissend über die wahre Bedeutung der Fahnen, die sie am Leib tragen; man läßt auch ganz dahingestellt, wie Viele oder wie Wenige zwar mitmachen, aber nach Möglichkeit leidliche Mittelwege suchen und einschlagen: gerade dies verändert gar nichts, denn muß man an einer Tracht erst herumprobiren, wie man sie modifiziren könne, um ihr Maß und Anstand beizubringen, so ist ja eben hiemit das Urtheil über sie gesprochen.

Zum Spaß sei noch angeführt, daß auch ein Brief von einem empörten Hutmacher aus Leipzig einlief, womit ich Freunden einen heiteren Abend bereitete; ich danke ihm die Notiz, daß der Hutmacher-Congreß in Leipzig tagte oder tagt, und habe hienach die betreffende Stelle corrigirt.

Genug jetzt! Es soll mich freuen, wenn man findet, daß es mir gelungen ist, in das Labyrinth einer so schwierigen Frage wie über die Grenzen des Anstands oder das bedingte Recht des Cynismus wenigstens einiges Licht zu tragen. Daß diese Untersuchung nebenher auch zu einer Verteidigung meines Vorgehens im bestimmten, Anlaß gebenden Fall werden mußte, brauche ich nicht noch einmal nachzuweisen; der Leser wird Anlaß und Zweck zu unterscheiden wissen. Ich habe geschrieben, weil es mir sehr der Mühe werth schien, die Begriffe, um die es sich bei den Wagnissen des Artikels und den Angriffen auf denselben handelt, einmal genauer zu prüfen, die Anwendung auf den nächstliegenden Gegenstand hat sich dabei nur natürlich mitergeben.

Es bleibt noch zu sagen, daß der Artikel im neuen Abdruck an wenigen Stellen um einige Sätze erweitert worden ist; wer den ersten Druck mit diesem zweiten vergleichen will, wird finden, daß diese Zusätze keine Veränderungen sind. Es mußten an ein paar Punkten noch bestimmtere Lichter aufgesetzt, an wenigen Stellen einige Modifikationen berücksichtigt werden, welche in der Zwischenzeit aufgekommen sind.

Wie gerne schlöße man eine solche Studie mit der tröstlichen Aussicht auf erste Spuren kommender Culturformen, welche die Kritik nicht mehr herausfordern, von der guten Waffe des Cynismus Gebrauch zu machen gegen Ungeschmack, Wahnsinn der Uebertreibung, widerliche Frechheit! Es ist nicht an dem, eher ist wahrscheinlich, daß diese jetzige Mode sich noch spannen und schrauben wird, bis sie am Uebermaße zerplatzt, wie einst ihr Gegentheil, die Crinoline und wie der aufgeblasene Frosch in der Fabel, und dann? dann wird man ebenso wahrscheinlich wieder zum andern Extrem, eben zur Crinoline, greifen.

Ach, man möchte oft seufzen: wenn doch nur der Schöpfer dem Menschengeschlecht einen Pelz gegeben oder – da es solchen vielleicht einst besaß – ihn gelassen hätte! – Thörichter Wunsch, kurzsichtiger Gedanke, der beim ersten näheren Blick in Nichts zerfließt! Meint man denn, der Mensch würde dem Thiere gleich sein Naturkleid tragen, wie es ist? Welche Schneid-Feinheiten würden erfunden! Halbgeschoren wie Pudel oder ganz geschoren und nur einen Titus auf dem Kopf, eine Quaste, Zottel am Rückgrat-Fortsatz – das wäre noch wenig! Die neue Rokoko-Gärtnerkunst, die Teppichgärtnerei würde beschämt werden durch Figuren, Rabatten, Boskette jeder Form, jedes pikantesten Musters! Und man vergesse die Färbung nicht! Welche Zusammenstellungen, welche Schattirungen, welche Uebergangstöne! Dort die stolze Donna in Purpur und Anilinblau schreiend, hier die sanfte Brittin oder Deutsche in träumerischem Helldunkel sanft bräunlich aschgrauer Halbtinten, dort der ernste Priester ganz schwarz, nur durch Tonsur die Natur verbessernd, da der Stutzer gelb gegittert oder gewürfelt mit grünen Schmachtlocken am Schlappohr, – dann erst noch die Uniformen! Garderegimenter ernst schwarzweiß langhaarig wie Neufundländer, Bernhardiner, Leonberger, – Jägerregimenter theils glatte, theils langhaarige Hühnerhunde, theils auch Rattenfänger, braun, grau, juppenfarb, Alles mit grünem Passepoil; vielleicht würde auch das Papageigrün und der grellrothe Aufschlag der preußischen beliebt! Die Phantasie erliegt vor der Fülle von Gesichten, die ihr entgegenquellen.

Der Mensch ist ja kein Thier, er ist ja ein Vernunftwesen. Er würde ja seine Ueberlegenheit über die Natur nicht beweisen, wenn er von ihr sich Gesetz und Maß für seine Erfindungen geben ließe. Er muß ja, daß er Vernunft habe, doch auch durch Mißbrauch erweisen und erhärten!

»Ein wenig besser würd' er leben,
Hätt'st du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben.
Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
Nur thierischer, als jedes Thier zu sein.«

Sagst du also z. B. dem Weib: die Stöckel-Absätze zerklemmen dir die Zehen, ruiniren den Gang, die Stellung des Beines, die Structur des Beckens, sie drohen auf jedem Schritte mit heillosen Verrenkungen, Bänderzerrungen – wie dumm! Du predigst ja Natur, aber der Mensch muß doch die Vernunft, d. h. die menschliche Ueberlegenheit über die Natur, die Freiheit beweisen! Das Widernatürliche ist ja das Höhere! Die Mode mag es daher treiben wie sie will, sie mag uns Männern vorschreiben, die Röcke aus dem Rücken zuzuknöpfen, die Frackschöße vorn, den Hut an den Füßen zu tragen, sie mag dem Weibe gebieten, auf dem Kopf zu gehen, der Unsinn ihrer Formen mag so gesundheitsschädlich sein wie möglich, mag Lunge, Magen, Leber, Blase, Gebärmutter mißhandeln, verschieben, man mag die Warnung davor mit Bomben in die Ohren schießen: taub werden sie sein, dem Unsinn werden sie huldigen, denn keine Viehheerde folgt so gehorsam dem Flecken-Hummel, wie das Menschenvolk der Mode; natürlich, denn Vieh ist ja nur Vieh, der Mensch aber ist Mensch und würde seiner Würde vergeben, wenn er nicht jeder Unnatur Beifall klatschte und frei seine Freiheit opfernd, frei sich die Augen ausstechend als blinder Sklave sich in's Joch schmiegte.

Ich vergesse immer wieder mein Thema: die Frage über Anstand und Cynismus. Es ist Zeit, daß ich schließlich wirklich schließe und meine kärglichen Resultate in einen Satz, ein paar Sätze, eine Moral zu fassen suche. Es wird dürftig ausfallen, befürchte ich, denn längst hat der Leser erkannt, daß von allem mathematischen Bestimmen bei Zoll und Linie unser Thema so weit als möglich abliegt. Man steht hier vor einer der Regionen, wo entgegengesetzte Thesen mit gleichem Rechte sich gegenübertreten und die lösende Auskunft der Diagnose des richtigen Gefühlstakts in der Praxis des Lebens anheimzustellen ist. Die These heißt: man darf dem Cynismus auch nicht eine Spanne weit die Thüre öffnen, sonst wird unaufhaltsam, unberechenbar mit der zulässigen Ausnahme die breite Rohheit den Spalt erweitern und in Massen eindringen. Die Antithese: wird die Thüre unerbittlich verschlossen, so wird es im Zimmer so langweilig, dumpf, stumpf, ja entsteht solche parfümirte moralische Stickluft, daß es nicht auszuhalten ist; es ist auch glücklicher Weise nicht möglich, so ganz abzusperren, das Leben sträubt sich mit Naturmacht dagegen, vor Salzlosigkeit zu verwesen. Da bleibt denn nichts übrig, als an den wirklichen lebendigen Menschen uns zu wenden mit dem höchst unmaßgeblichen und unwohlweisen Rathe: gewöhne den Anstand so dir an, daß er dir zur andern Natur wird, daß du es zur vollen Sicherheit darin bringst und keine wirklich gebildete Gesellschaft vor dir Angst zu haben braucht; aber verschreibe ihm nicht deine Seele, bleibe ein Mann, bewahre dir die Reinheit der Wahrheit; du kannst es vereinigen; – wenn dir das Einhalten des Formgesetzes in Blut und Saft übergegangen ist, dann darfst du es wagen, es zu übertreten, denn du wirst Ort, Zeit, Art und Maß richtig treffen. Halte den Anstand ein, halte aber auch fest am Recht des Humors und am Recht, im Ernste drauf zu schlagen, wenn es zu bunt kommt; Menschenfurcht kann dich nicht abhalten, das Ekelhafte ekelhaft zu nennen, wenn es sich erfrecht, allgemein zu werden; die Mitwelt wird dich schmähen, die Nachwelt wird sagen: Einer hat es doch mit Luthers Wort gehalten:

Tritt frisch auf!
Thu's Maul auf!

Nicht versäumen will ich, noch anzumerken, daß es nicht als Uebersehen getadelt werden darf, wenn ich auf eine sehr wesentliche Seite des Thema's, die ökonomische, mich nicht eingelassen habe. Die jetzige weibliche Mode bedingt durch die Masse von Besätzen und Faltenzügen einen Aufwand, der zerrüttend auf die Vermögensverhältnisse vieler Familien wirkt, und dies hängt tief mit der allgemeinen Ueppigkeit, weiterhin mit der Ueberproduction der Industrie zusammen, die verschwenderische Moden erfindet, um ihr Zeug an den Mann oder vielmehr an's Weib zu bringen. Ich unterschätze die Wichtigkeit dieses Standpunkts der Beurtheilung nicht, habe mich aber wohl mit gutem Grund und Recht auf den, vom ethischen untrennbaren, ästhetischen beschränkt. Bei der Nothwendigkeit der Arbeitstheilung, die auch hier sich geltend macht, bin ich natürlich Jedem nur um so dankbarer, der mir aus jenem Gebiete die Hülfstruppen unterstützender Gründe zuführt.

Das letzte Wort aber soll ein Franzose haben, der geistreiche Alphonse Karr. Es kam mir wie geschlichen, daß ein Freund mich zu guter Letzt auf die Apophthegmen über Weiber und Moden in dem Werk: L'esprit d'Alphonse Karr von C. L. aufmerksam machte; denn nur willkommen kann es sein, zu finden, daß es auch im Wiegenlande der Moden ein klares Bewußtsein über ihre Verirrungen gibt, nur angenehm, sich von dort aus secundirt zu sehen. Einige der aus Karrs Werken ausgehobenen Stellen sollen also hier noch Platz finden.

*

Très souvent, pour obéir à la mode, le vêtement, au lieu de suivre Ies belles ondulations et les courbes gracieuses du corps feminin, change complétement les formes et Ies dénature. Si une femme de goût, en se déshabillant Ie soir, se trouvait faite en réalité comme elle a fait semblant d'être toute la journée, j'aime á croire, qu'ou la trouverait le lendemain matin submergée et noyée dans ses larmes.

*

Il n'est guère de femme qui n'appellerait cynique et imprudent l'écrivain qui ferait une description de ce qu'elle montre si libéralement quande elle est »habillée«.

*

Vous ne voulez pas que l'on vous dise: »Madame trois étoiles, au dernier bal, montrait aux gens les deux tiers de sa gorge.« Vous qui êtes madame trois étoiles et qui, en réalité, montriez à nu ce que je ne fais que nommer, vous trouvez inconvenant le récit de ce que vous faites: et comment appelerons-nous alors ce que vous faites?

*

Decouvrir ses épaules et sa poitrine: cela s'appele s'habiller . J'ai entendu dire:

– Madame une telle avait, l'autre soir, chez madame B..., une robe montante.

– Vraiment?

– Comme je vous dis.

– C'est indécent.

*

En s'habillant une femme honnête exagère ses hanches et sa gorge, c'est à dire qu'elle cherche à exciter des désirs par une exhibition extraordinaire de ses charmes secrets. Certe, ce n'est pas au mari qu'est destinée cette perfide amoree, puisque le mari sait parfaitement à quoi s'en tenir.

*

Sur le théâtre, ce sont des danseuses, des actrices, des courtisanes, des femmes consacrées au démon et maudites par l'Église. Dans les loges, ce sont les grandes dames, les femmes respectées, celles qui étaient ce matin á Saint-Roch. Les unes et les autres sont nues jusqu' à la ceinture ou à peu près; les danseuses par en bas et les honnêtes femmes par en haut. C'est à ça qu'on les distingue.

*

Man sieht, wie ganz der Franzose und der Deutsche hier zusammentreffen; aber bei jenem klingt Alles, wie scharf es sein mag, doch auch fein und elegant, was beim Deutschen grob klingt. Wohl; aber das steht nun so: der Franzose sagt die härtesten Wahrheiten auf eine Art, daß er dennoch amüsirt. Und so krümmt er kein Härchen. Die Kanten sind gerundet, Niemand stößt sich, selbst der Getroffene kann lachen. Ein hübsches Feuerwerk, man sieht zu, Niemand brennt sich. Das liegt nun nicht zum kleinsten Theil in der Sprache, in der geschmeidigen Welle der französischen gegenüber dem eckigen Gestein der deutschen. Aber ich beklage mich nicht darüber, daß meine Sprache mich nicht darin unterstützt, nicht fast mich nöthigt, bittere Wahrheiten mit Honig zu versüßen.

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