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Mithridat

Jean Racine: Mithridat - Kapitel 7
Quellenangabe
typetragedy
booktitleRacine's ausgewählte Tragödien
authorJean Racine
yearca. 1890
translatorAdolf Laun
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig
titleMithridat
pages69
created20120227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfter Aufzug.

Erster Auftritt.

Monimia. Phödime. Dienerinnen.

Phödime. Wohin! Welch blinde Leidenschaft, o Fürstin,
Treibt dich zum Frevel an dem eignen Leben!
Wie hast du aus dem heil'gen Diadem
Ein schreckerregend Band gemacht! Die Götter,
Du siehst es, haben, menschlicher gesinnt,
In deiner Hand die Binde selbst zerrissen.

Monimia. Mit welcher Wuth folgst du mir nach und willst
Das Leben wider meinen Willen mir
Erhalten? Xiphares ist todt. Der König
Sieht selbst verzweiflungsvoll den sichren Tod
Vor Augen. Welche Frucht versprichst du dir
Davon? Denkst du mich auszuliefern an
Pharnazes?

Phödime. Warte doch, bis sichre Kunde
Dir seines unglücksel'gen Bruders Tod
Bestätigt. Alles ist ja in Verwirrung,
Wie leicht ist's möglich, daß man da sich täuschte.
Zuerst, du weißt es ja, ließ ein Gerücht
Ihn in der Meutrer Reihn erscheinen, jetzt
Sagt man, daß die Empörer gegen ihn 229
Sich kehrten. Nun urtheile selbst und höre
Doch erst, o Herrin.

Monimia. Xiphares ist todt,
Kein Zweifel! Was geschah, bestätigt nur
Des Herzens bange Ahnung, wär' auch nicht
Die blut'ge Nachricht. Er ist todt, dafür
Bürgt mir sein Muth und auch sein Name, der
Den Römern so verdächtig. Ha, wie werden
Sie, die nach diesem edlen Blut so lang'
Gelechzt, jetzt triumphiren! Welch ein Feind
Bedrohte sie in diesem Helden! Aber ich,
Die Unglücksel'ge, such' mich zu entschuld'gen.
Ist's denn nicht klar, daß ich für ihn die Quelle
Von allem Unheil war? Wie hatt' ich ihn
Mit Mördern rings umstellt! Nie wäre er
Den Dolchen all' entwischt! Es war umsonst,
Daß er die Römer und den Bruder mied,
Gab ich ihn seines eig'nen Vaters Wuth
Doch preis! Ich war's, die Beider Eifersucht
Erweckt' und jene Flamm' entzündete,
Die jetzo Alles zu verzehren droht.
Ich bin der Zwietracht Fackel, bin die Furie,
Die Roma's Dämon nährte und erzog,
Und lebe noch und harre, bis Pharnazes,
Mit ihrem Blut befleckt, begleitet von
Den Römern kommt und seine Lust am Morden
Vor meinem Aug' entfaltet. Ja, Verzweiflung
Kennt viele Wege, die zum Tode führen!
(Zu den Dienerinnen)
Grausame, ihr versperrt durch eure Hülfe
Vergeblich mir den nächsten Weg zum Tod,
Ich find' ihn, wär' es auch in euren Armen!
Fort, unheilvolles Diadem, du Zeuge
Und Werkzeug aller meiner Qualen, Binde,
Die tausendmal mein Aug' mit Thränen netzte! 230
Warum hast du mir nicht den Dienst geleistet,
Das Leben und den Schmerz zugleich zu enden?
Fort, zeige dich nicht länger meinen Blicken!
Mir werden andre Waffen dienstbar sein.
Den Tag verfluch' ich und die Mörderhand,
Die dich zuerst um meine Stirne wob.

Phödime. Man kommt, Gebiet'rin; Arcas ist's. Ich hoffe,
Er naht, um deine Aengste zu zerstreun.

 

Zweiter Auftritt.

Monimia. Arcas. Phödime.

Monimia. Sprich, Arcas, ist's geschehen? Hat Pharnazes . . . .

Arcas. Frag' mich darum nicht, Fürstin, was sich dort
Begab. Mir ward ein schlimmres Amt zu Theil,
Das Gift verkündet dir des Königs Willen.

Phödime. O unglücksel'ge Fürstin!

Monimia. Arcas, gieb!
O Wonne! Sag' dem König, der es sandte,
Daß von den Gaben allen, die er mir
Verlieh, ich hier die theuerste empfange.
Nun athm' ich auf, und nun zum ersten Male
Bin ich die Herrin meiner selbst und darf
Mein Loos nach eignem Wunsch mir wählen.

Phödime. Ach! ach!

Monimia. Halt' ein und durch unwürd'ge Thränen
Stör' nicht die Wonne dieses Augenblicks!
Du konntest mich beklagen, als man mich
Mit jenem unheilvollen Titel ehrte, 231
Als man mich fortriß aus dem schönen Hellas
Und hierher führte ins Barbarenland;
Jetzt kehre heim zu der glücksel'gen Küste,
Und wenn man meinen Namen dort noch kennt,
So sag', was du hier sahest, und verkünde
Die Unglücksmär von meinem Königsglanz.
Du aber, den ein neidisches Geschick
Von einem Herzen riß, das dir gehörte,
O Held, mit dem ich selbst nicht hoffen darf
Durch ein gemeinsam Grab vereint zu werden,
Empfange dieses Opfer! Könnte doch
Dies Gift die Sühne deines Todes sein!

 

Dritter Auftritt.

Monimia. Arbates. Arcas. Phödime.

Arbates. Halt' ein! Halt' ein!

Arcas. Arbates, was beginnst du?

Arbates. Halt' ein! Es ist der Wille Mithridats.

Monimia. O lasse mich!

Arbates Nein, nein, du darfst es nicht!
Gebieterin, ich muß des Königs Willen
Vollziehn. Entschließe dich zu leben! Arcas,
Eil', melde Mithridat, daß mir's gelang. 232

 

Vierter Auftritt.

Monimia. Arbates. Phödime.

Monimia. Grausamer, was beginnest du mit mir?
Ist euch, was ich erdulde, nicht genug?
Verlangt der König, der mir dieses sandte,
Der mir so raschen Tod mißgönnet, daß
Für seinen Haß ich zweimal sterben soll?

Arbates. Gleich wird er hier sein, und ich bin gewiß,
Du selbst wirst ihn mit mir beweinen.

Monimia. Wie?
Der König . . . .

Arbates. Naht sich seiner letzten Stunde.
Ihm strahlt nur noch des Lichtes letzter Schimmer;
Ich ließ ihn blutend seinen Kriegern, die
Ihn trugen. Weinend schritt ihm Xiphares
Zur Seite.

Monimia. Xiphares? O große Götter!
Wie, wach' ich? Meinem Ohre wag' ich kaum
Zu glauben, was ich höre, Xiphares,
Er lebt noch? Xiphares, den meine Thränen . . . .

Arbates. Er lebt, mit Ruhm bedeckt, in Schmerz versunken.
Nicht dich allein hat seines Todes Kunde
Erschreckt; die Römer, welche überall
Sie zu verbreiten suchten, warfen Schrecken
In Aller Herz; der König selber ward getäuscht
Und weint' um ihn. Von nun an sah er klar
Sein Loos voraus. Vom meuterischen Sohn
Ringsum bedrängt, auf keine Hülfe hoffend,
Darauf gefaßt, daß seine Reihen wichen, 233
Erblickte er, von Schreck und Wuth ergriffen,
Die Adler Roms inmitten seiner Fahnen.
Da war sein Sinnen nur darauf gerichtet,
Wie er den Weg sich bahnte und der Schmach
Entgehen könnt', in ihre Hand zu fallen.
Zuerst versucht' er's mit dem Gifte, das
Er für das stärkste hielt, doch blieb es fruchtlos.
O eitle Hülfe, rief er aus, die ich zu oft
Bekämpfte! Als ich gegen alle Gifte
Mich zu bewahren suchte, hab' ich, ach,
Die Frucht verloren, die vom Gift ich hoffte!
Ein beßres Mittel such' ich jetzt, den Tod,
Der jenen Römern soll verderblich sein!
Er sprach's und bietet Trotz den mächt'gen Schaaren
Und läßt die Thore des Palasts weit öffnen.
Beim Anblick dieser edlen Stirn, die oft
In ihren Reihen Schreck verbreitete,
Wie wichen sie auf einmal da zurück,
Das Feld freilassend zwischen uns und ihnen,
Und zu den Schiffen, die sie hergebracht,
Flohn Ein'ge schon erschreckt zurück. Doch, ach,
Kaum wag' ich's zu erzählen, vom Pharnazes
Gespornt, rief das Bewußtsein ihrer Schande
Aufs Neu' den alten Muth hervor: sie kommen
Zurück und greifen jetzt den König an,
Den eine kleine Schaar mit mir beschützte.
Doch wie soll ich das Unerhörte malen?
Wie hieb er drein, wie glühten seine Blicke,
Wie hat sein Arm zum letzten Male kämpfend
Mit Wunderthat den Heldenlauf beschlossen!
Und endlich, müde, staub- und blutbedeckt,
War er von einem Leichendamm umringt.
Da schreitet gegen uns heran ein andrer Trupp,
Die Römer weichen, um zu ihm zu stoßen,
Damit dann beide Mithridat zermalmen!
Er aber sprach: Es ist genug, Arbates, 234
Mordlust und Wuth trieb mich zu weit voran,
Sie sollen Mithridat nicht lebend haben,
Und in den Busen stößt er sich das Schwert.
Noch aber flieht der Tod die große Seele,
Und blutend fällt der Held in meine Arme,
Er grollte ob des Sterbens Langsamkeit
Und klagte, daß das Leben ihn noch halte;
Er hob die schwere Hand langsam empor,
Und auf die Stelle deutend, wo das Herz
Noch schlug, schien er um einen sichern Stoß
Mich anzuflehn, dieweil ich selbst verzweifelnd
Den eignen Busen zu durchbohren dachte.
Da macht' ein lauter Schrei mich plötzlich stutzen.
Ich sah, o Wunder, wie Pharnazes
Mit seinen Römern rings geschlagen wurde,
Wie sie, besiegt und überwältigt, sich
In Hast auf ihre Schiffe flüchteten;
Der Sieger, der sie warf, zog jetzt heran,
Und Xiphares erschien vor meinem Blick.

Monimia. O Götter!

Arbates. Xiphares war treu geblieben.
Ihn hatt' inmitten des Gefechts ein Trupp
Aufständischer nach dem Befehl des Bruders
Umzingelt, doch er wußte ihrem Arm
Sich zu entwinden, hieb die Frechsten nieder
Und schlug sich zu den Seinen durch. Er bahnte,
Von Stolz und Freude strahlend, einen Weg
Durch tausend Leichen sich zu seinem Vater,
Grad' im verhängnißvollsten Augenblick.
Doch welch ein Schrecken folgt' auf solche Freude!
Schon hebt er seinen Arm, um zu den Füßen
Des Königs sich zu tödten, da eilt man
Herbei und kommt der raschen That zuvor.
Der König blickt mit mattem Aug' auf mich 235
Und spricht mit einer halberloschnen Stimme:
Ist's Zeit noch, eil', die Königin zu retten!
Dies Wort ließ mich für Xiphares und dich
Erzittern. Argwohn sagte mir, es sei
Geheim ein tödtlicher Befehl gegeben.
Wie müd' ich war, es gaben Schreck und Eifer
Mir plötzlich neue Kraft, hierher zu eilen,
Und glücklich fühl' ich mich in unsrem Unglück,
Daß ich dem Schlag zuvorgekommen bin,
Der Beide euch bedrohte!

Monimia. Tief bewegt
Bei solchem Schicksal, solchem Schrecken klag' ich,
Ach, um des großen Königs Loos! O Götter,
Hätt' ich doch nie dazu die Hand geliehn!
Könnt' ich als bloße Zeugin ohne Schuld
Dem großen Unglück meine Thränen weihn!
Er kommt. Welch neuen Sturm erregt im Herzen
Das Blut des Vaters und des Sohnes Thränen!

 

Letzter Auftritt.

Mithridat. Xiphares. Monimia. Arbates. Arcas. Phödime. Garden, die den Mithridat stützen.

Monimia. Was seh' ich, Herr! Ach, welch ein Loos ward dir!

Mithridat. O weinet nicht, nein, trocknet eure Thränen,
(Auf Xiphares zeigend)
Von seiner Lieb' und ihrer Freundschaft heischt
Mein Schicksal Anderes, als Mitleid, denn
Mein Ruhm ist würdig der Bewunderung.
Die Welt hab' ich gerächt, so viel ich konnte,
Und nur der Tod hat meinen Plan zerstört.
Ein Feind der Römer und der Tyrannei 236
Blieb ich verschont mit ihres Joches Schmach,
Und schmeicheln darf ich mir, daß unter Allen,
Die Römerhaß berühmt gemacht, nicht Einer
Je theuerer den Sieg an sie verkaufte,
Noch ihnen alle Blätter der Geschichte
Mit gleicher Zahl von schwarzen Tagen füllte.
Das Schicksal hat es nicht gewollt, daß Rom
In Flammenglut getaucht mich sterben sah,
Doch Eine Freude tröstet mich: ich sterbe
Von Feinden, die ich opferte, umringt.
In ihr verhaßtes Blut taucht' ich die Hand,
Und daß sie flohen, sah mein letzter Blick.
Dir, Xiphares, verdank' ich diese Freude.
Du spartest ihren Anblick meinem Tode,
Warum, ach, kann ich mit dem Herrlichsten,
Was je mein Thron besaß, dir diesen Dienst
Nicht lohnen? Du allein, o Fürstin, bliebst mir,
Und du ersetzest Krone mir und Reich;
Gestatte, daß ich dich dem Sohne gebe,
Und Alles, was ich je von dir gefordert.
Ich fleh' dich darum an, o weih' es ihm!

Monimia. Nein, lebe, lebe für das Heil der Welt
Und für die Freiheit, der du Stütze bist!
Leb', um an deinen Feinden dich zu rächen!

Mithridat. Es ist vorbei, ich habe ausgelebt.
Denk' nun an dich, mein Sohn, und glaube nicht,
Daß du dem Feind zu widerstehn vermagst.
Die Römer werden, ob der Schmach ergrimmt,
Sich bald von allen Seiten auf dich stürzen.
Verliere nicht die Zeit, die ihre Flucht
Dir läßt, um mir ein Grabmal zu erbaun;
Deß brauch' ich nicht, und ich erlass' es dir.
Die Schaar, die rings umher den Boden deckt,
Sie ehret meine Asche schon genug. 237
Verbirg vor ihnen dich und deinen Namen,
Geh' und bewahr' dich für die Zukunft auf!

Xiphares. Ich fliehn, o Herr . . . . Pharnazes ungestraft? . . . .
Die triumphir'nden Römer sollen bald . . . .

Mithridat. Nein, ich verbiete dir's, denn den Pharnazes
Erreicht sein Schicksal einst, sei's früh, sei's spät;
Ihn zu bestrafen überlaß den Römern.
Doch meine Kraft erlischt, der Geist entflieht.
Ich fühl's, ich sterbe. Komm heran, mein Sohn!
In diesem Kusse, der so wohl mir thut,
Empfang' die Seele Mithridats.

Monimia. Er stirbt!

Xiphares. Laß uns, o Fürstin, unsre Trauer einen
Und rings im Erdkreis ihm die Rächer suchen.

 

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