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Gutenberg > Jean Racine >

Mithridat

Jean Racine: Mithridat - Kapitel 5
Quellenangabe
typetragedy
booktitleRacine's ausgewählte Tragödien
authorJean Racine
yearca. 1890
translatorAdolf Laun
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig
titleMithridat
pages69
created20120227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritter Aufzug.

Erster Auftritt.

Mithridat. Pharnazes. Xiphares.

Mithridat. Herbei, ihr Söhne! Endlich kam die Stunde,
Wo ich euch mein Geheimniß sagen darf.
Ich seh', wie Alles meinen hohen Plänen
Sich günstig zeigt; ich brauche sie euch nur
Noch darzulegen. Fliehen muß ich, so
Verlangt's mein feindlich Schicksal; doch mein Leben
Ist euch zu wohl bekannt, als daß ihr glaubtet,
Ich werde mich verbergen und erwarten,
Daß man mich sucht in diesen Wüstenein
Der Krieg hat seine gut' und bösen Tage;
Schon mehr als einmal kam ich plötzlich wieder,
Wenn schon der Feind, durch meine Flucht getäuscht,
Das eitle Volk zum Siegeswagen rief,
In Erz die Zahl der schwachen Siege grub
Und der mir abgekämpften Staaten Bilder
Mit Ketten stolz umhing. Dann sah mich plötzlich
Der Bosporus, wie ich durch neue Rüstung
Aus Moor und Sumpf den Schreck heraufbeschwor,
Die Römer fort aus Asien trieb und so
An Einem Tag der Jahre Werk vernichtete.
Doch andre Zeiten bringen andre Sorgen,
Schon ist der Orient erschöpft und kann 201
Nicht länger ihres Angriffs Doppelstoß
Ertragen. Mehr denn je sind seine Felder
Mit Römerschaaren rings bedeckt, die sich
Mit dem bereichern, was der Krieg uns nimmt.
Sie lechzen gierig nach der Völker Gut,
Und unsres Reichthums Kunde lockt sie Alle;
Sie kommen schaarenweis, und auf einander
Voll Neid verlassen sie ihr eignes Land,
Um gierig auf das unsre sich zu werfen.
Ich bin's allein, der ihnen widersteht.
Der Bund mit mir wird allen meinen Freunden,
Die theils gedrückt und theils ermüdet sind,
Zur Last, die jeder abzuwerfen sucht.
Pompejus' großer Name sichert ihm,
Was er erobert hat, und ist der Schrecken
Des Orients. Nicht dort such' ich ihn auf,
Nein, Söhne, hin nach Rom denk' ich zu ziehn.
Ihr staunt ob dieses Plans. Ihr meint vielleicht,
Verzweifelung hätt' ihn mir eingegeben;
Ich schelt' euch nicht darob, denn Billigung
Erlangt so etwas erst, wenn's ausgeführt ist.
Nur glaubet nicht, es trenne diese Lande
Ein unabsehbar hoher Wall von Rom;
Ich kenne jeden Weg, der dorthin führt,
Und wenn der Tod nicht meinen Plan durchkreuzt,
So führ' ich in drei Monden, um aufs Längste
Es anzuschlagen, euch zum Kapitol.
Bezweifelt ihr, daß der Euxin mich in
Zwei Tagen bis zur Donaumündung trägt?
Daß dort mein Bündniß mit den Scythen mir
Den Zugang zu Europa leicht verschafft?
In ihren Häfen aufgenommen, durch
Ihr Kriegsvolk unterstützt, wird sich mein Heer
Mit jedem Schritte, den wir thun, vermehren.
Päonier, Dacier, trotzige Germanen,
Sie alle harren eines Führers, der 202
Sie gegen die Tyrannen führt. Ihr saht,
Wie Spanien, Gallien vor Allen mich
Zur Rache riefen gegen jene Mauren,
Die sie einst stürmten, wie sie bis nach Hellas
Durch ihre Boten meine Trägheit schalten.
Sie wissen, daß der Strom, der sie bedroht,
Mich fortreißt, daß er Alles überschwemmt.
Und sehen werdet ihr, wie sie mit mir,
Um der Verheerung vorzubeugen, nach
Italien ziehn und Alle mich geleiten.
Sind wir erst dort, dann werdet ihr noch mehr
Als unterwegs den Abscheu gegen Rom
Bemerken und Italien rauchen sehn
Vom Feuer, das der Freiheit Todeskampf
Entzündete. Ihr Prinzen, an den Enden
Der Erde nicht läßt Rom am schmerzlichsten
Die Schwere seiner Kettenlast empfinden;
Den stärksten Haß erweckt's in seiner Nähe,
An seinen Thoren stehn die schlimmsten Feinde.
Ha, wenn sie einen Sklaven, einen Fechter,
Den Spartacus, sich zum Befreier wählten,
Und in dem Rachekampf selbst Räuber folgen,
Mit welchem Eifer werden sie dann nicht
Sich unter eines Königs Fahne reihn,
Der lange Sieger war, und deß Geschlecht
Hinauf zu Cyrus, seinem Urahn, reicht.
Und dann, wie ist die Lag', in der wir Rom
Bekämpfen? Fern sind die Legionen, die's
Beschützen könnten. Während Alles nur
Bedacht, mich zu verfolgen, können Weiber
Und Kinder meinem Marsch entgegentreten?
Auf! Werfen wir in Roma's Schooß den Krieg,
Den's selbst bis an der Erde Gränzen trägt,
Und greifen wir in ihren eignen Mauern
Die stolzen Sieger an, daß ihrerseits
Sie für den Herd erbeben! Glaubt es mir, 203
Einst hat's der große Hannibal gesagt:
Die Römer werden nur in Rom besiegt.
Auf, tauchen wir es in sein eigen Blut
Und werfen wir den Brand ins Kapitol,
Wo ich erwartet war! Zerstören wir
Die stolze Pracht, indem wir so die Schmach
So vieler Kön'ge und die eig'ne tilgen!
Auf, löschen wir, den Fackelbrand in Händen,
Die Namen aus, die es der Schande weihte!
Das ist der Ehrgeiz, der mein Herz erfüllt.
Doch glaubet nicht, daß ich, entfernt von Asien,
Es ruhig im Besitz der Römer lasse:
Ich weiß, wo ich Vertheid'ger finden kann;
Ich will, daß, rings umdroht von Feindesschaaren,
Rom des Pompejus Hülf' umsonst erflehe.
Der Parther, so wie ich der Schrecken Roms,
Tritt mir mit gleich gerechtem Haß zur Seite;
Er ist bereit, sein Haus und seinen Groll
Aufs Engste mit dem meinen zu verbinden,
Und fordert einen Sohn von mir zum Eidam.
Dir ist die Ehre zugedacht, Pharnazes,
Dich wählt' ich, sei du der beglückte Gatte,
Und schon die nächste Morgenröthe soll
Weit ab vom Bosporus die Flotte sehen;
Dich hält hier Nichts zurück, so ziehe denn
Und mach' durch Eifer meiner Wahl dich würdig!
Schließ' diesen Bund und zeig', vom Euphrat kommend,
In Asien dich als zweiter Mithridat,
Daß die Tyrannen drob vor Schreck erbleichen,
Und bis nach Rom zu mir die Kunde dringe!

Pharnazes. Herr, mein Erstaunen kann ich nicht verhehlen.
Ich höre voll Bewundrung von dem großen Plan,
Denn niemals ward ein kühnerer erdacht,
Der des Besiegten Arm aufs Neu' bewaffnet,:
Vor Allem doch bewundr' ich deinen Muth, 204
Der durch das Unglück neue Kraft gewinnt.
Doch, darf ich offen reden, bist du denn
Schon bis zum Alleräußersten gebracht?
Warum gefahrvoll weite Fahrten, wenn
In deinen Staaten ein Asyl sich findet?
Warum so viele Mühen und Gefahren,
Die besser einem Führer von Verbannten
Als einem König sich geziemen, der
Noch jüngst vom Aufgang bis zum Niedergang
Der Völker Hoffnung war, und seinen Thron
Auf dreißig blüh'nde Staaten gründete,
Ja, der in seines Reiches Trümmern noch
Ein mächtig Reich besitzt? Herr, du allein,
Du ganz allein vermagst nach vierzig Jahren
Den Kampf mit dem Geschick noch zu bestehn,
Du bist ein Feind der Römer und der Ruhe;
Doch ist dein Heer an Heldenmuth dir gleich?
Meinst du, daß es, von seiner Niederlage
Betäubt, ermüdet durch die lange Flucht,
Voll Eifer unter freiem Himmel Tod
Und Mühen suchen wird, die schlimmer noch
Als selbst Gefahren sind? Mehrmals besiegt
Im Angesicht des Vaterlandes, wird
Es anderswo des Feindes Wuth ertragen?
Wird er da wen'ger furchtbar sein, und wird
Es besser ihn im Schooß der Stadt besiegen,
Wo er vor seiner Götter Augen kämpft?
Der Parther wirbt um dich und bittet dich
Um einen Eidam; aber dieser Parther,
Der's mit uns hielt, als noch die ganze Welt
Auf unsre Seite sich zu schlagen schien,
Wird er mit einem Eidam sich befassen,
Dem jede Stütze fehlt? Soll ich allein,
Verstoßen vom Geschick, den Unbestand,
Den jeder an ihm kennt, o Herr, ertragen,
Zum Lohn verwegner Liebe deinen Namen 205
Preisgeben dem Gespötte seines Hofs?
Doch wenn wir, unserem Gebrauch entgegen,
Uns beugen und demüthig bitten sollen,
Dann heiß' mich nicht des Parthers Knie umfassen,
Dann fleh' du selber keinen König an,
Der kleiner ist als du. Dann steht wohl noch
Ein sichrer Weg uns offen. Blicken wir
Dorthin, wo man mit Freuden uns die Arme
Entgegenstreckt. Zu deinen Gunsten wird
Sich Rom, o Herr, gar leicht beschwicht'gen lassen.

Xiphares. Rom! Bruder, solchen Vorschlag magst du wagen?
So soll der König sich erniedrigen,
Sein ganzes Leben soll ein einz'ger Tag
Der Lüge zeihn, Rom soll er sich vertraun
Und einem Joch sich beugen, gegen das
Er vierzig Jahre lang die Kön'ge alle
Beschützte? Harre aus, o Herr! Wenn auch
Besiegt, sind Krieg und Kriegsgefahr für dich
Die einz'ge Hülfe. Rom verfolgt in dir
Den schlimmsten seiner Feinde, den es mehr
Als selbst den Hannibal zu fürchten hat.
Mit Römerblut bedeckt, kannst du von Rom,
Was du auch thust, nur blut'gen Frieden hoffen,
Nur einen solchen, wie in Asien
Dein streng Gebot ihn hunderttausend Römern
Einst gab. Doch schone dein geweihtes Haupt
Und eile nicht von Land zu Land umher!
Den Völkern als besiegten Mithridat
Dich zeigend, mindre nicht den Glanz, mit dem
Dein großer Name sich umgiebt! Gerecht
Ist deine Rache, führe drum sie aus,
Verbrenn' das Kapitol und lege Rom
In Asche. Doch für dich genügt's, den Weg
Dahin zu öffnen; überlaß, die Fackel
Hineinzuwerfen, einer jüngern Hand. 206
Indeß Pharnazes Asien hier beschäftigt,
Ehr' meinen Muth durch dieses Unternehmen!
Befiehl! Laß uns, von deinem Ruhm begleitet,
Rings zeigen, daß wir deine Söhne sind!
Setz' Ost und West durch unsre Hand in Flammen;
Bleibend im Bosporus, erfülle rings
Die Welt mit deiner Gegenwart! Die Römer,
Indem sie hier- und dorthin eilen, mögen
Nicht wissen, wo du bist und überall
Dich finden. Laß, o Herr, sogleich mich ziehen.
Dich fesselt Alles hier, und mich treibt Alles
Von hier hinweg. Doch ist der große Plan
Zu groß für meine Kraft, dann mindestens
Stimmt die Verzweifelung zu meinem Unglück.
Wie glücklich, könnt' ich meines Elends Ende
Beschleunigen! Ich geh', der Mutter Schuld
Zu sühnen! (Er wirft sich dem Mithridat zu Füßen.)
Herr, zu deinen Füßen sieh
Mich drob erröthen! Ach, daß ich so wenig
Dein würdig bin! Mein Blut vermag allein
Den dunklen Flecken wegzuwaschen; doch
Der Tod, dem ich entgegeneile, soll
Noch deinen Ruhm vermehren. Rom, wohin
Mich die Verzweiflung ruft, Rom ist allein
Ein würdig Grab dem Sohne Mithridats!

Mithridat (sich erhebend).
Mein Sohn, Nichts mehr vom Treubruch deiner Mutter!
Ich bin zufrieden, kenne deinen Eifer,
Und will nicht, daß Gefahren dich bedrohn,
Die ich nicht selber mit dir theilen soll.
Du bleibst bei mir, Nichts soll uns Beide trennen.
(Zu Pharnazes)
Du, Prinz, bereite dich, mir zu gehorchen.
Die Schiffe harren schon; ich selbst bestimmte
Ausrüstung und Gefolge, wie's dir ziemt. 207
Arbates, der zur Brautfahrt dich begleitet,
Wird melden, wie du mir gehorsam warst.
Geh', stütze deiner Ahnen Ruhm und nimm
Aus meinen Armen jetzt dein Lebewohl!

Pharnazes. Herr!

Mithridat. Prinz, daß ich es will, sei dir genug.
Gehorche, laß mich nicht zum zweiten Mal . . . .

Pharnazes. Herr, könnt' ich deinen Beifall durch mein Sterben
Erringen! Ha, wie eilt' ich da zum Kampf!
O lasse mich vor deinen Augen fallen!

Mithridat. Ich habe dir befohlen, gleich zu gehn,
Wenn nicht im Augenblick . . . . Prinz, du verstehst mich.
Kein Widerwort, sonst ist's um dich geschehen.

Pharnazes. Und wenn mich tausendfacher Tod bedrohte,
Ich kann nicht frein um eine Unbekannte.
Mein Leben steht bei dir.

Mithridat. Ha, jetzt ist's klar.
Du kannst nicht fort, Verräther; ich versteh' dich,
Ich weiß, warum du dieser Eh' entweichst.
Es quält dich, deine Beute hier zu lassen.
Monimia ist es, die dich fesselt; sie
Gedachtest du, von wilder Glut entbrannt,
Den Armen deines Vaters zu entreißen.
Nicht, daß ich eifrig um sie warb, daß schon
Mit meiner Krone ihre Stirn sich schmückt,
Und ich ihr hier die Zufluchtsstätte wählte;
Selbst mein gerechter Zorn vermochte nicht,
Dich einzuschüchtern. Ha, Verräther, dein
Liebäugeln mit den Römern war vielleicht
Für mich noch nicht beleidigend genug, 208
Noch fehlte die verrätherische Liebe,
Um meines Lebens Qual und Schmach zu sein.
Statt Reu' auf deinem Angesicht zu lesen,
Seh' ich Nichts, als den Aufruhr deiner Wuth;
Es währt dir schon zu lange, bis du, mir
Entschlüpft, mich zu verderben eilen kannst
Und an die Römer mich verkaufen; doch bevor
Ich von hier gehe, soll dir Recht geschehn.
Ha! meine Wachen!

 

Zweiter Auftritt.

Mithridat. Pharnazes. Xiphares. Wachen.

Mithridat. Nehmet ihn gefangen!
Ja, den Pharnazes! Sperrt ihn in den Thurm
Und habet Acht auf ihn!

Pharnazes. Nun wohl, ich will
Mich mit dem Schein der Unschuld nicht umgeben.
Gewiß, ich habe deinen Haß verdient;
Ich liebe; wahr ist, was man dir berichtet.
Doch, Herr, nicht Alles hat dir Xiphares gesagt,
Du hörtest nur das kleinere Geheimniß:
Der treue Sohn hat dir's wohl nicht enthüllt,
Daß er seit langer Zeit mit gleicher Glut
Die Kön'gin liebt und sie ihn wiederliebt.

 

Dritter Auftritt.

Mithridat. Xiphares.

Xiphares. Herr, glaubst du, daß so schuldiges Beginnen . . . .

Mithridat. Mein Sohn, ich weiß, wozu dein Bruder fähig, 209
Der Himmel schütze mich vor dem Verdacht,
Du könntest also meiner Liebe lohnen,
Es könnt' ein Sohn, der meines Lebens Freude
Bisher gewesen, so ein Vaterherz
Verrathen, das ihm ganz vertraute; nein,
Ich glaub' es nimmermehr. Ich sinne nur
Von jetzt an, wie wir Beid' uns rächen können.

 

Vierter Auftritt.

Mithridat (allein).
Nicht glauben? Eitle Hoffnung, die mir schmeichelt!
Ich Unglücksel'ger glaub' es nur zu sehr.
Wie, Xiphares mein Nebenbuhler, und
Die Königin mit ihm im Einverständniß?
Auch sie sogar vermochte mich zu täuschen?
Wohin ich blicke, überall ist Treu'
Und Glauben schon verschwunden! Hier verläßt
Und dort verräth mich Alles. Er, Pharnazes,
Die Freunde, die Geliebte und auch du,
Mein Sohn, auch du, der mir durch seine Tugend
Ein Trost im Unglück war. Doch kenn' ich nicht
Pharnazes' Arglist? Schwäche war's von mir,
Dem Wüthenden zu glauben, den der Neid
Aufhetzte gegen seinen Bruder, der
Mich aus Verzweifelung belog und gern
Der Schuld'gen Zahl vergrößert hätte, um
Sich selbst zu retten. Nein, ihm glaub' ich nicht.
Jedoch laß sehn. Wie fang' ich's an? Wer klärt
Mich auf? Wo find' ich Zeugen und Beweise?
Ha, eine List, die mir ein Gott einflößt!
Man soll die Kön'gin rufen, sie will ich
Vernehmen; andres Zeugniß brauch' ich nicht.
Die Liebe glaubt gern Alles, was ihr schmeichelt.
Wer besser als die Undankbare kann 210
Vom Sieger reden, der ihr Herz bezwang?
Wer wird's von Beiden sein, den sie beschuldigt?
Ist dieser Fallstrick mein nicht würdig, nun,
So ist er's ihrer doch. Wer mich verräth,
Nun, den betrüg' ich auch. Kein Mittel, das
Um Falschheit zu entlarven nicht . . . Jedoch
Sie kommt. Jetzt hilf mir, Heuchelei! Ich will
Mit eitler Hoffnung sie geschickt bethören
Und volle Wahrheit ihrem Mund entlocken.

 

Fünfter Auftritt.

Monimia. Mithridat.

Mithridat. Ja, endlich seh' ich's ein, und ich gestehe,
Für deine Schönheit wär's ein traurig Opfer,
Böt' ich mit meinem Herzen dir zugleich
Mein Alter und das Unglück dar, das mich
Verfolgt. Bis jetzt verhüllten Glück und Sieg
Die greisen Locken unter dreißig Kronen;
Doch das ist nun vorbei: ich war ein Herrscher
Und bin ein Flüchtling jetzt. Es wuchs
Die Zahl der Jahre, doch mein Ruhm nahm ab,
Und meine Stirn, so edlen Schmucks entblößt,
Giebt die Verheerung böser Zeiten kund.
Auch geht mein Geist mit tausend Plänen um;
Du hörst es, wie mein Heer zum Aufbruch ruft,
Die Schiffe, die ich kaum verließ, muß ich
Aufs Neu' besteigen. Fürstin, solche Flucht
Gewährt für Hymens Feier keine Muße;
Wie könnt' ich jetzt dich an mein Schicksal knüpfen,
Wo ich den Krieg nur suche und den Tod?
Doch an Pharnazes darfst du nicht mehr denken,
Sprech' ich mein Urtheil nur, sprech' er sich's auch;
Ich duld' es nicht, daß der verhaßte Sohn, 211
Den ich auf immerdar verbannt', ein Herz,
Das mir sich weigerte, besitzt und dich
Zu der Verbündeten der Römer mache.
Dir kommt mein Thron zu. Weit entfernt, daß ich's
Bereue, sorg' ich, daß, bevor ich gehe,
Du ihn besteigst, wofern du einverstanden,
Daß ein mir theurer, meiner würd'ger Sohn,
Daß Xiphares dein Gatte werd', am Bruder
Mich räch' und gegen dich der Schuld entled'ge.

Monimia. Herr, Xiphares?

Mithridat. Ja, Fürstin. Aber wie
Macht dieser Nam' auf einmal dich bestürzt?
Warum empört dich die gerechte Wahl,
Beherrscht dich ein geheimer Widerwille?
Er ist, ich wiederhol's, mein zweites Ich,
Ein sieggekrönter Held, der mich liebt, wie
Ich ihn, ein Feind der Römer, Stütz' und Erbe
Des Reiches und des Namens, der in ihm
Aufleben wird. Was deine Leidenschaft
Sich sonst auch zu versprechen wagte, ihm,
Nur ihm allein werd' ich dich überlassen.

Monimia. O Himmel, Herr, was sprichst du da? Du könntest
Es billigen, warum mich so versuchen?
O quäl' nicht länger ein gequältes Herz.
Ich weiß, daß du es bist, dem ich bestimmt bin;
Ich weiß, daß jetzt zum feierlichen Bunde
Das Opfer am Altare harrt, so komm.

Mithridat. Ich sehe wohl, was ich auch möge thun,
Du willst dich für Pharnazes aufbewahren;
Stets ist's derselbe ungerechte Haß,
Der jetzt auf meinen unglücksel'gen Sohn
Auch übergeht. 212

Monimia. Ich ihn verschmähen, Herr!

Mithridat. Gut, Fürstin. Sprechen wir nicht mehr von ihm.
Fahr' fort, schmachvoll in Liebesglut zu glühen,
Dieweil ich fern von dir mit meinem Sohn
Glorreichen Tod such' an der Erde Gränzen.
Du unterwirf indeß mit seinem Bruder
Dich hier den Römern, seines Vaters Blut
Verkaufend. Komm, nicht beßre Strafe giebt's
Für deinen Hochmuth, als daß ich dich selbst
In seine feigen Hände überliefere.
Ich will für deinen Ruhm nicht länger sorgen
Und die Erinnerung an dich verbannen.
Komm, Fürstin, daß ich dich mit ihm vereine.

Monimia. O straftest du mit tausend Toden mich!

Mithridat. Du widerstrebst umsonst, ich seh's, wie du
Nach Ausflucht suchst.

Monimia. Wie, werd' ich schon, o Herr,
Zum Aeußersten gebracht? Jedoch ich muß
Dir glauben, denn nicht denken kann ich mir,
Daß du so lange dich zum Heucheln zwingst.
Die Götter zeugen mir's, ich war ja stets
Bestrebt, dir zu willfahren; jedem Loos
War ich bereit, mich gern zu fügen. Doch
Wenn Schwäche mich befiel, wenn sich mein Herz
Mit aller Kraft dagegen waffnen mußte,
So sei gewiß, daß meines Unglücks Stifter,
Pharnazes, nie mir eine Thrän' entlockte.
Der sieggekrönte Sohn, den du begünstigst,
Dein Ebenbild, in dem du dir gefällst,
Der Feind der Römer, der dein andres Ich,
Der Xiphares, von dem du willst, daß ich . . . . 213

Mithridat. Du liebst ihn?

Monimia. Hätte mich mein Schicksal nicht
An dich geknüpft, dann wär' mir's wie ein Glück
Erschienen, würd' er mein Gemahl. Bevor
Du mir dies Pfand der Liebe sandtest, liebten
Wir Beid' uns schon. Doch du erbleichst, o Herr!

Mithridat. Nein, Fürstin, das genügt. Ich send' ihn dir.
Geh'. Kostbar ist die Zeit, ich muß sie nützen.
Ich sehe, daß du willig mir gehorchst,
Ich bin zufrieden.

Monimia (im Fortgehen). Himmel, hätt' ich mich
Getäuscht?

 

Sechster Auftritt.

Mithridat (allein). Sie lieben sich! Ha, also treibt
Man seinen Spott mit mir! Du Undankbarer
Sollst mir für Alle büßend untergehn.
Ich weiß, dein Ruhm und deine falsche Tugend,
Sie haben mir das Heer verführt! Verräther,
Ich werde dich mit sichrem Streiche treffen.
Erst soll, damit ich besser dich vernichte,
Die Meutrerschaar beseitigt werden; während
Die Schlimmsten mir vor Augen abziehn, sollen
Die Treusten nur bei mir verweilen. Auf!
Doch darf mein Antlitz nicht den Groll verrathen,
Und du, Verstellung, sollst mir ferner helfen. 214

 

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