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Mithridat

Jean Racine: Mithridat - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleRacine's ausgewählte Tragödien
authorJean Racine
yearca. 1890
translatorAdolf Laun
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig
titleMithridat
pages69
created20120227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Aufzug.

Erster Auftritt.

Xiphares und Arbates.

Xiphares. Die Kunde, die uns ward, ist wahr, Arbates:
Rom triumphirt, und Mithridat ist todt.
Des Vaters viel erprobte Vorsicht täuschend,
Griff ihn der Römer Heer bei nächt'ger Zeit
Am Euphrat an. Sein Volk zerstreute sich
Nach langem Kampf und ließ ihn unter Haufen
Gefallener zurück. Ein Krieger, sagt man,
Gab in Pompejus' Hand sein Diadem
Zugleich mit seinem Schwert. So stirbt ein König,
Der vierzig Jahre lang allein die größten
Der Feldherrn Roms ermüdete, und der,
Im Orient des Glückes Schalen wieder
Ins Gleiche bringend, aller Könige
Gemeine Sache führt' und alle rächte.
Er stirbt und hinterläßt, um ihn zu rächen,
Zwei Söhne, die zum Unglück uneins sind.

Arbates. Wie, macht der Wunsch, an seiner Statt zu herrschen,
Dich deinem eignen Bruder schon zum Feinde?

Xiphares. Ach nein, um solchen Preis verlangt mich's nicht
Nach dieses unglücksel'gen Reiches Trümmern; 172
Ich weiß, welch Vorrecht ihm das Alter giebt,
Und mit den Landen mich begnügend, die
Mein Antheil sind, werd' ich in seine Hand
Das gerne fallen sehn, was ihm die Freundschaft
Der Römer, wie er hofft, verschaffen wird.

Arbates. Der Römer? Er, der Sohn des Mithridat?
O sage, Herr, ist's wahr?

Xiphares.                                 Kein Zweifel, Freund!
Pharnazes, lange schon im Herzen Römer,
Erwartet Alles jetzt von Rom, vom Sieger,
Und ich, dem Vater treuer jetzt, denn je,
Fühl' ew'gen Haß im Herzen gegen Rom;
Jedoch mein Haß und sein Begehr sind nur
Ein Theil von dem, was unsern Zwiespalt macht.

Arbates. Was ist's noch sonst, das gegen ihn dich reizt?

Xiphares. So hör' und staune denn. Monimia,
Die schöne Griechin, die des Vaters Herz
Gewann, und die Pharnazes jetzt zu lieben
Erklärt . . . .

Arbates.               Nun, Herr?

Xiphares.                                 Ich liebe sie und will
Es länger nicht verschweigen, da mein Bruder
Jetzt nur allein mein Nebenbuhler ist.
Wohl mag dir's unerwartet kommen, doch
Dies ist nicht ein Geheimniß wen'ger Tage,
Seit lang wuchs diese Liebe still empor.
O könnt' ich ihre ganze Macht dir zeigen,
Der ersten Sehnsucht Glut, die letzten Qualen!
Doch jetzt, in dieser schwer bedrängten Lage
Erlaß es mir, das Schicksal meiner Liebe 173
Dir zu erzählen; mög's, mich zu entschuld'gen,
Genug sein, wenn ich sag': Ich liebte sie
Zuerst und dachte schon an Hymens Band,
Bevor mein Vater ihren Namen kannte.
Er sah sie, aber statt ihr seine Hand,
Wie's ihrer Schönheit würdig, anzubieten,
Hofft' er, sie würde, nicht nach Höh'rem strebend,
Ihm einen würdelosen Sieg gewähren.
Du weißt es, wie er ihre Tugend in
Versuchung bracht' und müde, stets umsonst
Zu kämpfen, in der Ferne selbst noch glühend,
Durch deine Hand sein Diadem ihr bot.
Groß war mein Schmerz, als mir genaue Kunde
Von seiner Lieb' und seinen Plänen ward,
Und daß Monimia, für ihn bestimmt,
Durch dich nach diesem Ort geleitet worden.
Es war zu jener unglücksel'gen Zeit,
Wo meine Mutter dem, was Rom ihr bot,
Entgegen kam und ob betrog'ner Liebe
Nach Rache dürstend, oder buhlend um
Pompejus' Gunst, für mich Verrath am Vater
Beging und jenen Platz mit allen Schätzen,
Die man ihr anvertraut, auslieferte.
O, wie ergriff mich's, als ich solches hörte!
Mein Vater war nicht mehr mein Nebenbuhler,
Der feindlich meiner Liebe Bahn durchkreuzte,
Er war nur noch der Schwerbeleidigte.
Ich griff die Römer an, und meine Mutter
Sah voll Bestürzung, wie ich, jenen Platz
Zurückerobernd, mich dem Tode weihte,
Und sterbend jene Schuld zu tilgen suchte.
Befreit ward der Euxin und ist noch frei;
Von Pontus' Ufern bis zu den Gestaden
Des Bosporus ward meines Vaters Macht
Rings anerkannt, und die beglückten Schiffe
Sahn keine Feinde mehr als Wind und Welle. 174
Doch strebt' ich weiter noch, Arbat, ich wollte
Bis an den Euphrat ihm zu Hülfe eilen.
Da plötzlich traf mich seines Todes Kunde,
Und unter Thränen, ich verberg' es nicht,
Trat mir Monimia, die mein Vater dir
Zur Obhut gab, mit allem Reiz entgegen,
Und bange Sorg' ergriff mich um ihr Leben:
Ich dachte an des Königs Grausamkeit
Im Lieben. Dir ist ja bekannt, wie oft,
Von Eifersucht erfüllt, er die Geliebten
Ermorden ließ. Ich eilte nach Nymphäum
Und traf dort an des Walles Fuß Pharnazes,
Was, ich gesteh's, mir schlimme Ahnung weckte.
Du nahmst uns Beide auf und weißt nun Alles.
Pharnazes, immer wild in seinen Trieben,
Verhehlte nun nicht länger sein Begehr;
Er meldete der Königin des Vaters
Unglückliches Geschick und seinen Tod
Und bot sich ihr an seiner Stelle dar.
Wie er es sagt, so denkt er's auszuführen;
Doch ich auch bin gemeint, hervorzutreten.
Wie ich des Vaters Ansehn stets geehrt,
Dem ich seit meiner Kindheit huldigte,
So trotz' ich jetzt, im Innersten empört,
Dem Anspruch dieses neuen Nebenbuhlers.
Entweder weist Monimia, meiner Liebe
Entgegen, das Geständniß, das ich ihr
Zu machen denke, kalt und stolz zurück . . . .
Wo nicht, was auch für Unheil draus entstehe,
Durch meinen Tod allein wird sie ein Andrer
Gewinnen! Das ist Alles, was ich dir
Im Stillen zu vertrauen hatte. Nun
Entscheide, wer von Beiden deines Beistands
Dir würd'ger scheint, zu wem du treten willst:
Bin ich es oder ist's der Römerknecht?
Pharnazes meint vielleicht, mit ihrer Freundschaft 175
Sich brüstend, daß er hier als Herrscher walten
Und mir, als seinem Knecht, befehlen könne,
Doch ich erkenne seine Macht nicht an.
Ihm fiel der Pontus, mir fiel Kolchos zu,
Und Kolchos' Fürsten sahen, wie bekannt,
Den Bosporus stets an als ihr Gebiet.

Arbates. Befiehl, o Herr! Schon traf ich meine Wahl,
Und hab' ich Macht, so widm' ich sie der Pflicht.
Mit gleichem Eifer und mit gleichem Muth,
Wie ich dem Vater dient' und diesen Platz
Vertheidigt habe gegen deinen Bruder
Und selber gegen dich, werd' ich jetzt nach
Des Vaters Tod dich gegen Alle schützen;
Denn ohne dich, ich weiß es, war mein Fall
Gewiß, sobald Pharnazes hier einzog.
Er hätte diesen Wall mit meinem Blut
Befleckt, hätt' ich ihn gegen ihn vertheidigt.
Sei nur der Neigung und der Wahl Monimias
Erst sicher, dann, sofern mein Ansehn nicht
Ein bloßer Schatten, läßt Pharnazes dir
Den Bosporus und mag sich anderswo
Erfreun am guten Willen seiner Römer.

Xiphares. Wie werd' ich's deiner Liebe danken? Doch
Man kommt; geh', Freund, die Kön'gin ist's, sie selbst.

 

Zweiter Auftritt.

Monimia. Xiphares.

Monimia. Ich wende flehend mich an dich, o Herr:
Verlässest du mich, wer soll mich beschützen?
Nicht Freund, noch Eltern hab' ich; trostlos, furchtsam 176
Bin ich nur Königin dem Namen nach,
Doch in der Wirklichkeit Gefangene.
Ich heiße Wittwe und war niemals Gattin,
Doch dies, o Herr, ist noch die mildeste
Von meinen Qualen. Nur mit Bangen
Kann ich den Feind dir nennen, der mir droht;
Doch hoff' ich, nie wird ein so edles Herz
Die Thränen der Unglücklichen dem Band
Des Bluts, das euch vereint, zum Opfer bringen.
Du ahnst es schon, daß ich Pharnazes meine.
Er ist's, o Herr; mit frevelhaftem Sinn
Sucht er der Ehe Joch mir aufzudrängen,
Das schlimmer mir als selbst der Tod erscheint.
Ach, unter welchem Unglücksstern bin ich
Geboren! Für ein neigungsloses Bündniß
Bestimmt, genieß' ich, frei geworden, kaum
Der Ruh' und soll mich dem Verhaßten schon
Ergeben! Wohl müßt' ich in meinem Unglück
Bescheidner sein, bedenkend, daß ich hier
Mit seinem Bruder spreche; doch, ob's nun
Mit Recht, ob's Schicksal sei, ob's daher kommt,
Weil ich in blindem Haß ihn mit den Römern,
Um deren Gunst er buhlt, verwechsele,
Nie wurde unter schwärzeren Auspicien
Ein Ehebund gleich dem geschlossen, der
Mit Todesqualen mich bedroht. O Herr,
Wenn meine Thränen dich nicht rühren können,
Und wenn Verzweifelung allein mir bleibt,
Dann wirst du sehn, wie ich an dem Altar,
Der auf mich harrt, mir selbst zurückgegeben,
Das arme Herz durchbohren werde, das
Man zwingen will, und über das bis jetzt
Mir nie gestattet worden, zu verfügen.

Xiphares. Auf meinen Beistand, Fürstin, darfst du baun,
Du herrschest hier mit unbeschränkter Macht. 177
Pharnazes möge anderswo, wenn's ihm
Beliebt, sich furchtbar machen – – doch noch kennst du
Die ganze Größe deines Unglücks nicht.

Monimia. Welch neues Unheil kann mich noch bedrohn?

Xiphares. Ist, dich zu lieben, ein so groß Verbrechen,
Dann ist Pharnazes nicht allein der Schuld'ge,
Und ich bin strafenswerther noch als er.

Monimia. Du?

Xiphares.         Nenn's das unheilvollste der Geschicke,
Ruf alle Götter gegen ein Geschlecht,
Das nur geschaffen, dich zu quälen, gegen
Den Vater und die Söhne. Doch wie sehr
Auch meine Leidenschaft dich staunen macht
Und Kummer dir erweckt, dein Unglück kommt
Nicht jenem gleich, das ich erduld' und das
Ich dir verbergen wollte. Doch du mußt
Nicht glauben, daß ich dem Pharnazes gleich
Dir huldige, um seine Stelle einzunehmen.
Du willst dir selber angehören; nimm
Mein Wort: nicht ich, noch er wird dich dran hindern:
Doch welche Zuflucht hast du dir erwählt?
Ist's, Fürstin, fern, ist's nah bei meinen Staaten?
Gewährst du, daß ich dich dahin geleite?
Wirst Schuld und Unschuld du mit gleichem Blick
Betrachten, wie vor meinem Nebenbuhler,
So auch vor mir zurück dich ziehn? Muß ich
Zum Lohn, daß ich nach deinem Wunsche that,
Auf immer deine Gegenwart entbehren?

Monimia. O Götter! was vernehm' ich!

Xiphares.                                                 Schöne Fürstin, 178
Verleiht die Zeit ein Anrecht, dann bedenke,
Daß ich der Erste war, der dich gesehn,
Und gleich beschloß, dir ewig zu gehören,
Als noch, von meinem Vater unbemerkt,
Die erste Blüthe deiner Reize sich
Dem Blick der Mutter nur allein enthüllte.
Ach, als die Pflicht mich zwang, dich zu verlassen,
Und sich mein Herz dir noch nicht zeigen durfte,
Wie war ich da – gedenkst du noch daran? –
Schmerzlich bewegt in jener Abschiedsstunde!
Doch ich allein erinnere mich deß;
Gesteh' es nur, ich rufe dir, o Fürstin,
Schon längst erloschne Träume vor die Seele.
Dieweil ich fern von dir und ohne Hoffnung,
Je heimzukehren, meinen Kummer nährte,
Hast du zur Ehe mit dem Vater dich
Nur allzu gern entschlossen, und die Qualen
Des Sohnes haben dich wohl kaum gerührt.

Monimia. Ach!

Xiphares.           Hast du einen Augenblick daran
Gedacht?

Monimia.       Mißbrauch', o Herr, nicht meine Lage.

Xiphares. Mißbrauchen, Himmel! ich, der dich beschützt,
Nichts fordert und nicht Lohn dafür verlangt,
Der selbst, wenn du es wünschest, dir verspricht,
Daß du ihn niemals wiedersehen sollst?

Monimia. Das wäre mehr, als je du halten kannst.

Xiphares. Wie, glauben willst du's nicht, wenn ich dir's schwöre?
Du meinst, ich würd' im Mißbrauch meiner Macht 179
Dir deine Freiheit zu beschränken suchen?
Man kommt. Erkläre dich mit Einem Wort.

Monimia. Beschütz' mich vor Pharnazes' Leidenschaft;
Daß ich dir dann gestatte, mich zu sehen,
Dazu bedarf's des Mißbrauchs nicht der Macht.

Xiphares. Monimia!

Monimia.                   Dein Bruder kommt, o Herr.

 

Dritter Auftritt.

Pharnazes. Monimia. Xiphares.

Pharnazes (zu Monimia).
Wie lang harrst du auf meinen Vater noch?
Die Todesboten, welche stündlich kommen,
Gestatten weder Zweifel, noch Verzug.
Komm, flieh den Anblick dieser wilden Küste,
Wo Alles dich an deine Knechtschaft mahnt!
In einem schönern Land, das deiner würd'ger,
Erwartet dich ein dir ergebnes Volk.
Der Pontus nennt dich seine Königin
Seit langer Zeit, und noch trägt deine Stirn
Die Königsbinde, deiner Herrschaft Zeichen.
Vom Vater erbt' ich, Fürstin, diesen Staat,
Und was er dir versprach, ich will es halten.
Doch glaube mir, wir müssen Hymens Fest
Und unsren Aufbruch jetzt beschleunigen,
Mein Herz und auch die Klugheit rathen's so.
Schon harren deiner meine Schiff' im Hafen,
Wenn vom Altar du kommst, dich zu empfangen
Als Königin der Fluten, die dich tragen.

Monimia. Die Güte macht mich ganz beschämt, o Herr; 180
Doch da die Zeit zu rascher Antwort drängt,
Darf ich des Herzens innerstes Gefühl
Dir frei und offen mitzutheilen wagen?

Pharnazes. O thu's.

Monimia.                 Ich glaube dir bekannt zu sein.
Mein Heimatland ist Ephesus, ich stamme
Von Königen und von Heroen ab,
Die bei den Griechen um der Tugend willen
Noch höher stehn, als selbst die Könige.
Dort sah mich Mithridat! Ionien war
Mit Ephesus zu Einem Reich vereint,
Er sandte mir voll Huld dies Diadem
Als seiner Liebe Zeichen. Meinem Hause
War's ein Befehl, dem man gehorchen mußte,
Und als gekrönte Sklavin reiste ich
Dem mir bestimmten Ehebund entgegen.
Der König harrt' in seinem Reich auf mich,
Allein der Krieg rief ihn in andre Lande,
Und weil er ihn so ganz in Anspruch nahm,
Entsandt' er mich an diesen ruh'gen Ort.
Ich kam und bin noch hier. Jedoch, o Herr,
Mein Vater büßte schwer für diese Ehre.
Die Römer siegten, und Philopömen
Erlag als erstes Opfer ihrem Schwert.
Das ist es, was ich dir erzählen wollte,
Und ob mich auch gerechter Haß erfüllt,
Zum Kampfe gegen Rom hab' ich kein Heer;
Ich weiß, was es im Schilde führt, doch mich
Zu rächen, fehlt es mir an jeder Macht,
Ich habe nur mein Herz. Was ich allein
Vermag, ist, meinem Vater treu zu bleiben,
Und meine Hand nicht in sein Blut zu tauchen,
Indem ich sie dem Römerfreunde reiche. 181

Pharnazes. Was sprichst du mir von Rom und Römerfreundschaft?
Woher das Mißtraun? Wer hat dir gesagt,
Daß ich nach einem Bund mit ihnen trachte?

Monimia. Du selber, Herr, du kannst es ja nicht leugnen;
Wie bötest du mir sonst die Kron' und Zutritt
Zum Lande an, das rings von ihrem Heer
Umlagert ist, wenn ein geheimer Bund
Das Reich mir und den Weg nicht sicherte?

Pharnazes. Ich könnte meine Pläne dir enthüllen
Und meine Gründe auseinandersetzen,
Wenn du, von eiteler Verstellung frei,
Des Herzens Meinung mir erschlossen hättest.
Doch schon nach all' der Ausflucht, die du suchst,
Und den Entschuldigungen wird mir's klar,
Daß dich im Stillen ganz was Andres treibt;
Ein Andrer als dein Vater spricht aus dir!

Xiphares. Was auch die Kön'gin also reden läßt,
Kann zweifelhaft, o Fürst, die Antwort sein?
Und darf nur einen Augenblick dein Groll
Noch zögern, gegen Rom hervorzubrechen?
Wie, wir erfahren unsers Vaters Unglück
Und, langsam in der Rache, aber rasch
Im Uebernehmen seiner Stelle, sollen
Wir unsre Ehre und sein Blut vergessen?
Er starb. Doch ist's gewiß, daß ihm ein Grab
Geworden? Jetzt, wo deine Seele noch
Sich nur in süßen Eheträumen wiegt,
Liegt er, der König, der den Orient
Mit seiner Thaten hohem Ruhm erfüllte,
Den man mit Recht den letzten König heißt,
Im eignen Land vielleicht der Gruft beraubt,
In einem Haufen unbekannter Leichen 182
Und klagt zum Himmel, der ihn nicht beschützt.
Und nun die Söhne, welche ihn nicht rächen!
Auf, laßt uns länger nicht im Winkel hier
Des Bosporus die Zeit nutzlos verseufzen;
Wenn irgendwo ein freier König lebt,
Sarmate, Scythe oder Parther, der
Die Freiheit liebt, er sei uns Bundsgenoß!
Laß uns zu ihm, und leben oder sterben
Als würd'ge Söhne Mithridats! Laß lieber
Das Vaterland uns vor der Knechtschaft schützen,
Als darauf sinnen, wie wir uns ein Herz
Erzwingen, das nicht frei sich uns ergiebt!

Pharnazes (zu Monimia).
Er weiß, wie du gesinnt. Nun, täuscht' ich mich?
Das ist's, was dich bewegte, das der Vater,
Die Römer, die du mir zum Vorwurf machtest.

Xiphares. Ich kenne ihres Herzens Meinung nicht;
Doch glaubt' ich so wie du sie zu verstehn,
Dann unterwürf' ich mich ihr ohne Sträuben.

Pharnazes. Du thätest wohl dran, ich weiß, was zu thun;
Dein Beispiel ist für mich noch keine Richtschnur.

Xiphares. Doch weiß ich Niemand hier, der nicht das Beispiel,
Das ich ihm gebe, nachzuahmen hätte.

Pharnazes. In Kolchos dürftest du vielleicht so reden.

Xiphares. Ich darf's in Kolchos und ich darf es hier.

Pharnazes. Hier könnt' es doch zu deinem Schaden sein. 183

 

Vierter Auftritt

Pharnazes. Monimia. Xiphares. Phödime.

Phödime. Ihr Fürsten, rings mit Schiffen ist das Meer
Bedeckt, und bald erscheint der König selbst.
Er wird die Todesbotschaft Lügen strafen.

Monimia. Wie, Mithridat?

Xiphares.                             Mein Vater?

Pharnazes.                                                 Ha, was hör' ich!

Phödime. Auf leichten Schiffen kam uns diese Nachricht.
Er ist's. Arbates ist, ihn zu empfangen,
Hinausgefahren in die hohe See.

Xiphares. Was thaten wir!

Monimia.                           Leb' wohl! Ha, welche Nachricht!

 

Fünfter Auftritt.

Pharnazes. Er kehret heim, o grausames Geschick!
Mein Leben, meine Lieb' ist in Gefahr!
Das Römerheer, das ich erwarte, kommt
Zu spät! (Zu Xiphares) Was ist zu thun, ich hör' dich seufzen
Und sah, wie sie ein Lebewohl dir winkte.
Doch jetzo handelt sich's um andre Dinge,
Und ernste Sorgen sind's, die uns bedrängen.
Er kehrte heim, und unerbittlich wird
Er sein, denn furchtbar ist er, wenn ein Unglück 184
Ihn trifft, und dringender ist die Gefahr,
Als du dir denkst. Wir beide sind in Schuld,
Du kennst ihn. Lieb' entwaffnet seinen Zorn
Nicht leicht, und keinen strengern Richter giebt's
Für seine Kinder! Sahen wir ihn doch
Aus schwächrem Grund zwei Söhne seinem Argwohn
Zum Opfer bringen. Für die Königin,
Für dich und mich ist wahrlich hier zu fürchten.
Und sie beklag' ich um so mehr, als er
Sie liebt, und wie sein Lieben glühend ist,
So furchtbar ist er in der Eifersucht!
Trau' nicht der Neigung, die er zu dir hegt,
Sein Argwohn ist dann um so finstrer nur,
Bedenk' es wohl. Die Krieger lieben dich,
Und mir kommt Hülfe, über die ich mich
Noch nicht erklären darf. Folg' meinem Rath,
Auf unsre Sicherheit laß uns bedacht sein
Und rasch zu Herrn uns dieses Platzes machen,
Damit er uns nur solcherlei Bedingung
Vorschreibe, welche wir genehm'gen wollen.

Xiphares. Ich kenne meine Schuld und meinen Vater
Und weiß auch, daß der Mutter Frevelthat
Im Gegensatz zu dir mich schwer belastet.
Doch wie die Liebe auch mein Herz befange,
Erscheint mein Vater, kann ich nur gehorchen!

Pharnazes. So sei'n wir mindestens einander treu,
Ich kenne dein Geheimniß, du das meine.
Der König, stets erfindungsreich in Listen,
Wird jedes Wort von uns zum Fallstrick machen;
Du kennst ihn ja, du weißt es, wie sein Haß
Sich hinter Zärtlichkeit zu bergen pflegt.
Wohlan, da's sein muß, folg' ich dir; wenn auch
Gehorsam, woll'n wir doch uns nicht verrathen. 185

 

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