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Mit versiegelter Order

John Goodwin: Mit versiegelter Order - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJohn Goodwin
titleMit versiegelter Order
publisherNeufeld & Henius / Verlag
yearo.J.
translatorF. V. Bothmer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181011
projectidc6c011ac
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7. Kapitel.
Ricardo & Co

Mr. Dan Ricardo saß vor einem hellbrennenden Kaminfeuer und rauchte seine Pfeife. Äußerlich beherrscht, schien er dennoch nervös zu sein und ungeduldig auf etwas zu warten. Der Raum machte einen recht gemütlichen Eindruck und stellte ein Mittelding zwischen einem Herrenzimmer und einem Rechtsanwaltsbüro dar.

Dan wandte den Kopf, als ein beamtenmäßig aussehender Besucher eintrat. Er besaß ein hübsches Bärtchen und trug einen Klemmer auf der Nase. »Miller!« rief er dem Eintretenden entgegen. »Was gibt's Neues in der Pont Street?«

Mr. Miller schloß behutsam die Tür und legte Hut und Mantel ab. »Die Drew ist verhaftet worden«, sagte er. »Ich sah sie in Begleitung eines Polizisten das Haus verlassen.«

Mr. Ricardo seufzte sichtlich erleichtert auf. Dann erhob er sich, öffnete einen Schrank und mischte zwei Gläser mit Whisky-Soda. »Wright ist doch wirklich ein Teufelskerl«, bemerkte er anerkennend. »In seiner Art muß man ihn geradezu als genial bezeichnen. – Wirklich ein außergewöhnlich zuverlässiger Bursche. Ich muß ehrlich zugestehen, daß mir die Geschichte erst ein bißchen unheimlich vorkam, und eigentlich nur sehr widerstrebend gab ich Wright die Zustimmung zu seinem Plan. Na, nun ist ja alles gut gegangen. Hast du ihn übrigens gesehen?«

»Nein.«

»Und Ida?« forschte Dan weiter.

»Die hat die Polizei herbeigeholt. Mein Wagen wartete am Ende der Straße und ich sah, wie sie mit einem Schutzmann ins Haus ging. Später erschien dann ein Arzt und schließlich der unvermeidliche Polizeischnüffler. Zwanzig Minuten später wurde das Mädel im geschlossenen Auto weggebracht und dann kam ich schnurstracks hierher.«

»Gottlob, daß alles geklappt hat.«

»Ja, aber Dan, du hast mir bisher so blutwenig über die Art des Unternehmens mitgeteilt. Du solltest mich doch etwas genauer informieren. Schon, damit ich keine Fehler mache.«

Ricardo nickte. »Schön. Setze dich mal dahin, Miller. Bis Wright kommt, will ich dir das Nötige erzählen. – – Wie du ja weißt, ist Halahan der Onkel der Felicia Drew. Vor einiger Zeit habe ich zwischen ihm und unserem Freund Hick ein Geschäft arrangiert, bei dem Halahan – zunächst jedenfalls – nur teilweise eingeweiht werden durfte. Zwar war der Mann sehr abenteuerlustig, doch wußten wir nicht, wie weit er mitgehen würde. Es wäre jammerschade um den schönen Plan gewesen. Nun machte es sich, daß Ida vor einem Monat in seine Dienste treten konnte, und seither hat sie uns auch vorzüglich auf dem laufenden gehalten!«

Dan nahm einen Schluck und fuhr fort: »Als nun Wright und ich gestern nach London kamen, stellte es sich heraus, daß die Sache mit Halahans Mitwirkung nicht ging. Man mußte ihn fallen lassen und besser noch ein- für allemal mundtot machen. Da brachte nun Wright eine feine Kombination zustande. Halahan sollte beseitigt werden, aber so, daß seine Nichte dabei bis über die Ohren hereinfiel, weil das ja wiederum für die bekannte Erbschaftsgeschichte so dringend notwendig ist. Wir schlugen also zwei Fliegen mit einer Klappe, wie du siehst. Alles ging wie bisher am Schnürchen, nur beunruhigt mich Wrights langes Ausbleiben ein wenig. Verabredungsgemäß sollte er sofort Meldung machen.«

In diesem Augenblick ließ sich draußen ein Geräusch vernehmen, wie wenn jemand nach der Türklinke tastete. Die beiden Männer sprangen auf, beruhigten sich aber schnell wieder, als Wright über die Schwelle trat.

Seine Lippen waren fest aufeinandergepreßt und ein leichtfertiges Lächeln stand in seinen Zügen. Im übrigen aber erschien sein Gesicht kalkweiß und seltsam maskenartig. Er warf seinen Hut auf den Tisch und nickte seinen Komplicen zu. »'n Abend, Dan. Bin nur schnell vorbeigekommen, um dir zu melden, daß deine Befehle ausgeführt wurden. Das Mädel haben sie ja wohl erwischt, wie?«

Dan nickte. »Ja; die sitzt schon hinter Schloß und Riegel.«

»Das freut mich!« sagte Wright, »das –«

Miller sprang vor und fing den zusammenbrechenden Mann auf. Mit Hilfe des erschrockenen Ricardo schob er ihn in einen Klubsessel. Dabei fühlte Dan, wie seine eigenen Hände naß und klebrig wurden. »Zum Kuckuck – er ist ja verwundet! – Wo steckt's denn, Wright?«

Wright verlor die Besinnung.

Miller aber griff sofort entschlossen zu und trennte geschickt, Rock, Weste und Hemd des Ohnmächtigen auf. Ein leiser Pfiff entfuhr ihm, als er die bloße Haut zu sehen bekam. »Heißes Wasser Schwamm – Job – Verbandsstoff!« befahl er scharf und Dan stürzte hinaus, um das Gewünschte zu holen. Miller machte seine Sache recht gut. Ein Wunder war das weiter nicht, weil dieser Ehrenmann längere Zeit dem ärztlichen Stande angehört hatte, bis es die Ärztekammer für angezeigt hielt, seinen Namen von der Liste zu streichen.

»Kugel!« stieß er hervor. »Nach oben abgelenkt. – Scheint keine edlen Teile verletzt zu haben. – Sieht aber doch ernst genug aus. – Muß sein Teil auf kurze Entfernung erhalten haben, übrigens ist der gute Wright ein unglaublich zäher Bursche, sonst hätte er mit dem Schuß im Leibe unmöglich noch bis hierher kommen können.«

Der Verwundete schlug die Augen auf. »Gib – mir einen – kräf–tigen Schluck, Dan«, lallte er. »M–mehr b–brauche ich – nicht – um – sprechen zu – können.«

»Keinen Alkohol für dich, mein Junge«, fiel ihm Miller ins Wort. »Zunächst verordne ich dir unbedingte Bettruhe, sonst geht die Sache schief.«

Wright warf ihm einen bösen Blick zu. »Red' doch nur – keinen – Quatsch, Mensch! – Ich – ich – ha–be schon ganz – an–dere Schußlöcher aus–geheilt. – Dan, du holst mir – den – Schnaps, oder ich hole ihn – mir selbst!«

Ricardo brachte ihm ein Glas ungemischten Whisky und nachdem Wright es geleert hatte, schien er sichtlich aufzuleben. Der Kerl mußte wirklich eine Natur wie ein Bulle haben. Lebhaft begann er zu berichten.

»Ah, – das tut gut! Nun aber zur Sache. Ich erfuhr von Ida, daß Halahan allein zu Hause war. Ich kannte ihn ja bereits vom Sehen und als er mich einließ, erklärte ich ihm gleich, daß ich ihm wegen der Drew-Erbschaft etwas Wichtiges zu sagen hätte … Er führte mich ins Wohnzimmer und nahm in seinem großen Armstuhl Platz, während ich mich aus einen Sessel in der Nähe der Tür niederließ. An der Art seines Sitzens merkte ich, daß er die Pistole bei sich trug, vor der mich Ida schon gewarnt hatte. Auch fühlte ich sein Mißtrauen. Ich hielt mich dann nicht mehr lange mit Redensarten auf, sondern legte ihm unumwunden die Frage vor, ob er bei der Erbschaftssache mit uns zusammengehen wolle, in welchem Fall er den vierten Teil bekommen werde. Er ließ mich aber gar nicht ausreden, sondern fiel mir ins Wort: »O, du schieläugiger Halunke! Was fällt dir eigentlich ein, einem irischen Gentleman mit derart gemeinen Vorschlägen zu kommen?«

»Na, das war ja nun die Kriegserklärung. Ich schoß, und er schoß gleichfalls. Ich traf ihn, und er traf mich. Die Kugel warf mich um, und als ich wieder hochkam, sah ich, daß Halahan erledigt war … Der Neid muß es ihm lassen, daß er wirklich im Handumdrehen schoß. Ich glaube sogar, daß er mir um den Bruchteil einer Sekunde zuvorkam.« Wright seufzte. Diese kleinen Selbstladepistolen haben es in sich.«

»Du bist sicher, daß er tot ist?« fragte Dan Ricardo.

»Du wirst mir doch noch zutrauen, daß ich sowas beurteilen kann?« versetzte der andere etwas beleidigt. »Ich nahm dann vorsichtig seinen Revolver auf, legte ihn in die Nähe der Tür und empfahl mich über die Hintertreppe. Ida hat uns hervorragende Dienste geleistet, Dan. Tüchtiges Mädel, das.« Plötzlich verzerrte er schmerzvoll das Gesicht. »Nun aber holt mir möglichst bald die Kugel aus dem Leibe und bringt mir noch einen steifen Whisky.«

»Kugel?« sagte Miller und sah ihn fragend an. »Da ist nirgends 'ne Kugel, mein Junge. – Glatter Durchschuß. Siehst du, hier ist das Loch im Rückenteil deines Rockes.«

Wrights Augen weiteten sich, als erschrecke ihn diese Feststellung über die Maßen. Dann sank er zurück und verlor zum zweiten Male das Bewußtsein.

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