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Mit versiegelter Order

John Goodwin: Mit versiegelter Order - Kapitel 6
Quellenangabe
authorJohn Goodwin
titleMit versiegelter Order
publisherNeufeld & Henius / Verlag
yearo.J.
translatorF. V. Bothmer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181011
projectidc6c011ac
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5. Kapitel.
Der erste Schuß

Am nächsten Tage suchte Felicia, wie abgemacht, die Anwälte Pelham & Weeks auf, und auch Mark Halahan fuhr, wie er es vorgehabt, zu seinem Rechtsbeistand. Als Onkel und Nichte um drei Uhr nachmittags wieder in der Wohnung zusammensaßen, berichtete Felicia:

»Im allgemeinen haben sie mir dasselbe gesagt wie du, Onkel. Aber das sind die trockensten und steifleinensten Kerle, die ich je gesehen habe – besonders ein gewisser Mister Henacres, der in erster Linie die Sachen der Tante bearbeitet. Er sieht aus wie eine mausernde Krähe. Ich glaube, dem Kerl wäre es gerade recht, wenn weder ich noch Sinclair das Geld bekämen, sondern eine der theosophischen Vereinigungen, für die sich Tante Honoria so interessiert hat. – Der alte Pelham hielt mir zum Schluß eine lange ermahnende Rede. Eine Erklärung, daß ich nicht verheiratet bin, habe ich auch unterschreiben müssen.«

Halahan hatte gespannt zugehört. »Sollten Sie dir vielleicht auch geraten haben, dich nicht zu sehr mit mir einzulassen?« fragte er jetzt. Und da Felicia in sichtlicher Verlegenheit errötete, fuhr er fort: »Das habe ich mir gedacht. – Ja, ich stehe bei manchen Leuten in sonderbarem Ruf. Na, genug davon. – Übrigens habe auch ich heute meine letztwilligen Verfügungen getroffen. Alles ist in bester Ordnung. Nur eine Sache möchte ich noch mit dir besprechen.« Halahan zog die Photographie einer schmucken kleinen Dampfjacht von etwa 200 Tonnen Wasserverdrängung aus der Tasche und reichte sie Felicia hin: »Wie gefällt dir dieses Schiffchen?«

»Entzückend!« rief das junge Mädchen und betrachtete interessiert das Bild des eleganten Fahrzeugs. Der schön geschweifte Schonerbug und der weiße Anstrich verliehen ihm ein sehr gefälliges Aussehen.

»Diese Dampfjacht – ›Arrow‹ mit Namen – ist mein Eigentum«, fuhr Halahan fort. »Leider erlaubt mir meine wirtschaftliche Lage fast nie, sie selbst zu gebrauchen. Ich muß sie meist verchartern. Sie ist nicht mehr ganz neu, hat sich aber im Kriege als Wachboot sehr bewährt. Das kleine Geschütz liegt jetzt unten im Raum. Wer die Pivotierung am Oberdeck ist noch da. Das nur nebenbei. Was ich dir sagen wollte, ist das: Wenn du die Jacht von mir erbst, bevor du in den Besitz des großen Vermögens gelangst, wirst du sie wohl leider verkaufen müssen. Wenn ich aber erst später sterben sollte, ich meine, wenn du schon reich bist, dann wäre es mir lieb, wenn du das Fahrzeug behalten würdest, weil ich sehr daran hänge. Du wirst sicher viel Freude daran haben.«

»Natürlich werde ich sie behalten«, versicherte Felicia. »Aber rede doch nicht immer vom Sterben.«

»Ja, du hast recht. – Sag', hat man dir bei Pelham eigentlich Geld gegeben?«

»Ganze vier Pfund. Die nächsten bekomme ich bestimmungsgemäß erst in acht Tagen.«

Halahan entnahm seiner Brieftasche vierzehn nagelneue Fünfpfundnoten und reichte sie seiner Nichte hin: »Nimm das, Kind. Du brauchst doch sicher dies und jenes.«

»Aber Onkel, ich darf doch nach den Bestimmungen auch keinen Vorschuß nehmen!« rief Felicia fast erschrocken.

»Das ist kein Vorschuß, sondern eine Rückvergütung. Dein Papa hat mir vor Jahren siebzig Pfund geliehen, und ich kam nicht dazu, sie zurückzugeben. Es ist also dein rechtmäßiges Eigentum.«

»Schwindelst du auch nicht, Onkel? – Nein? – Nun, dann bin ich dir sehr dankbar. Ich möchte gern einige dringende Einkäufe machen.« Felicia küßte ihren Onkel herzhaft.

*

Als Felicia gegen Abend ihre Einkäufe machte, erblickte sie im Gewühl der Oxford Street die hohe Gestalt von Anthony Kirkpatrick. Wer ehe sie sich noch schlüssig wurde, ob sie ihn anreden solle oder nicht, hatte er einen Autobus bestiegen und fuhr davon.

Etwas verwirrt betrat Felicia einen Laden, um ein Abendkleid zu kaufen. Sie dachte dabei, es sei am Ende ganz gut, daß sie nicht mit ihm gesprochen hatte. Er wollte ja offenbar nicht viel von ihr wissen. Nur hätte sie gern gewußt, wie der Spruch des Disziplinargerichts gegen ihn ausgefallen war.

Sie beeilte sich nach dem Einkauf des Kleides nach Hause zu kommen. In bester Stimmung erreichte sie die Wohnung und rief auf der Schwelle vergnügt des Onkels Namen. – Wer es erfolgte keine Antwort, obwohl die Tür zum Wohnzimmer offen stand und der Raum hell erleuchtet war.

Als sie das Wohnzimmer betrat, stieß ihr Fuß an einen am Boden liegenden Gegenstand. Es war eine Pistole – und zwar ihre eigene.

Ein eisiger Schrecken durchzuckte sie. Sie mußte sich einen Augenblick an den Türpfosten lehnen. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie im Zimmer umher.

Mark Halahan saß in seinem großen Lehnstuhl. Seine Arme hingen schlaff herunter. Das Haupt war hintenüber gesunken, und sein totenblasses Gesicht hatte sich der Decke zugekehrt. Er schien zu schlafen. Wer die Brustseite des Jacketts aber lief ein dunkelroter, vielfach gewundener Streifen.

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