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Mit versiegelter Order

John Goodwin: Mit versiegelter Order - Kapitel 39
Quellenangabe
authorJohn Goodwin
titleMit versiegelter Order
publisherNeufeld & Henius / Verlag
yearo.J.
translatorF. V. Bothmer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181011
projectidc6c011ac
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38. Kapitel.
Roscoe verreist

Anthony erwachte und rieb sich verwundert die Augen. Was war denn eigentlich los? – Er hatte einen himmelblauen Pyjama an und lag in einem herrlichen, blitzsauberen Bett in einem sehr hübschen Zimmer, das nur einem nagelneuen Luxushotel zugehören konnte.

Es war der vierte Tag, seitdem er unter der Obhut des biederen Maschinisten im Beach-Hotel zu Lexton einpassiert war, und noch immer vermochte er sich nicht ganz zurechtzufinden.

Die ersten vierundzwanzig Stunden hatte er regungslos wie ein Klotz dagelegen und die beiden folgenden Tage sah er in der Erinnerung nur wie durch einen dichten Nebel. Er entsann sich dunkel, daß er einem jungen, sympathischen Arzt das Leben sauer gemacht hatte, weil er ihn trotz der beruhigendsten Versicherungen immer und immer wieder nach dem Befinden Felicias ausfragte.

Jetzt fühlte er sich erfrischt und kühl wie ein an den Strand gespülter Kiesel. Er bemerkte zwar, daß seine Handgelenke bandagiert waren, machte sich darüber aber weiter keine Gedanken.

Die Tür wurde geöffnet, und der Arzt trat ein.

»Wie geht es Miß Drew?« rief ihm Anthony entgegen.

Der Doktor lachte. »Ausgezeichnet! Wenn sie nur nicht so ungeduldig wäre. Unbedingt will sie morgen herunterkommen und hat mir übrigens Ihretwegen auch die Seele aus dem Leib gefragt. – Nun, und wie ist's mit Ihnen?«

»Ich stehe auf«, erklärte der Seemann mit großer Bestimmtheit.

Der Arzt drückte ihn sanft in die Kissen zurück, fühlte den Puls, stellte fest, daß der Patient die Natur eines Bullen habe, und versprach ihm, daß er am nächsten Tage aufstehen dürfe, sofern er folgsam und vernünftig sein wolle.

»Ich gehe jetzt, um der Dame Bericht über Ihren Zustand zu geben«, erklärte er lächelnd. »Heute aber bleiben Sie mir noch hübsch im Bett.«

Kaum war der andere draußen, als Anthony aus dem Bette schlüpfte und zum Fenster ging. Er fühlt sich zwar noch ziemlich schwach und taumelig, vermochte aber immerhin zu gehen. Wer die weiße Strandlinie, an der die Wogen des Atlantik brandeten, schweifte sein Blick hinaus auf die tiefblaue Fläche der See, und da – kaum eine Meile entfernt – schlingerte die ›Arrow‹ vor langer Kette! Er traute seinen Augen kaum.

Die ›Arrow‹! – Was zum Henker hatte sie hier zu suchen?

Es klopfte, und ein kräftig gebauter, gut aussehender Herr trat ein, dessen braune Augen Kirkpatrick durchdringend musterten. »Kapitän Kirkpatrick?« fragte er kurz.

»Allerdings.«

»Mein Name ist Conolly, Polizeidirektion Miami. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.« Die Augen des Besuchers zwinkerten etwas verschmitzt. »Erschrecken Sie aber nicht.«

»Ich erschrecke nicht so leicht«, erwiderte Anthony und bot dem Beamten einen Stuhl an. »Wollen Sie nicht Platz nehmen?«

»Danke.« Mr. Conolly ließ sich nieder. »Bitte antworten Sie jetzt lediglich auf meine Fragen, sofern ich überhaupt welche stelle. – Vor drei Tagen kam mein guter Freund Roscoe Elton zu mir und erzählte mir eine aufregende Geschichte, die ich aber in großen Zügen bereits von anderer Seite erfahren hatte. Es handelte sich um Sie. Ich beorderte sofort das schnellste Polizeiboot, und wir sausten los, um die ›Arrow‹ an ihrem mutmaßlichen Liegeplatz draußen in See aufzusuchen.

Wir kamen just zur rechten Zeit, denn als wir erschienen, stand man gerade im Begriff abzudampfen. Elton hatte erwartet, Sie bereits an Bord zu treffen, doch dem war nicht so. Ihr Stellvertreter zeigte sich entsetzlich bockbeinig und schwor, daß er nicht einmal vom Erzengel Michael Befehle annehmen werde, um so weniger, als er außerhalb der amerikanischen Hoheitsgrenzen ankere.

Es bedurfte unserer ganzen Überredungskunst, um ihn zum Nachgeben zu veranlassen. Schließlich mußte ich sogar mit Gewalt drohen. Die Jacht dampfte dann hierher, und ich ließ sie vom Kiel bis zum Flaggenknopf durchsuchen.«

»Es ist kein Schnapsglas voll Alkohol an Bord«, warf Anthony ein.

Conolly lachte. »Das wußte ich im voraus! Wir können nun aber verhindern, daß Sie ohne unsere Einwilligung in See gehen, und darauf kommt es mir und Elton an. Übrigens ist Elton verreist.«

»Verreist? – Wohin denn?«

»Er will die Erbschaftssache in Gang bringen, denn er ist der Ansicht, daß die Zeit drängt und daß Sie keinerlei Risiko mehr laufen dürfen. Glauben Sie mir, der Mann hat recht! Er wünscht, daß Sie und Miß Drew sich mäuschenstill verhalten, bis die Bescherungsglocke klingelt und die braven Kinder hereinkommen dürfen. Ich hoffe, Sie werden so verständig sein und seinen Rat befolgen. Eigentlich haben Sie ja bereits gegen das Einwanderungsgesetz verstoßen, aber die Sache ließ sich vertuschen, und dann – ich spreche jetzt als Privatmann zu Ihnen, Mr. Kirkpatrick – wir wissen auch alles, was sich da hinten in den Sümpfen abgespielt hat. Das heißt, offiziell wissen wir gar nichts und werden uns auch nicht im geringsten dafür interessieren, ob da einige Leute am Sumpffieber gestorben sind, oder aus anderen Ursachen. Jedenfalls bekommt Miß Drew ein absolut einwandfreies Leumundszeugnis.«

Er klopfte Anthony aufs Knie. »Und nun noch eins. – Bringen Sie die ›Arrow‹ nicht nach Miami. Es würde nur die öffentliche Aufmerksamkeit in lästiger Weise auf Sie lenken. Am besten, Sie ernennen einen Schiffer, lassen ihn auf Bahama Kohlen nehmen und schicken die Jacht nach England. Natürlich möchten Sie am liebsten selbst das Kommando übernehmen, aber ich rate Ihnen ab.

Anthony überlegte eine kleine Weile. »Ich danke Ihnen«, sagte er dann schlicht. »Ich werde ganz nach Ihren Anweisungen handeln.«

Conolly erhob sich und streckte die Hand aus, die der Seemann kräftig schüttelte, »überlassen Sie das Weitere nur getrost Ihrem Onkel«, meinte lächelnd der Beamte, »er ist die richtige Persönlichkeit für derlei Angelegenheiten. Übrigens hat er mir noch diesen Brief für Sie gegeben.« Er entnahm seiner Brusttasche ein Schreiben. »Also dann auf Wiedersehen, Mr. Kirkpatrick. Vielleicht treffen wir uns in Miami.«

Sobald sich die Tür hinter Conolly geschlossen hatte, riß Anthony den Umschlag auf.

»Reede von Lexton. An Bord der ›Arrow‹, den 9. Oktober.

Mein lieber Anthony!

Ich habe leider keine Zeit mehr, auf Dich zu warten, denn ich muß sofort nach London, um den Anwälten der alten Honoria die Hölle heiß zu machen. Da ich nun vollkommen im Bilde bin, werde ich die Sache in die Hand nehmen und zum guten Ende führen.

In New York packe ich gerade noch die ›Bremen‹, denn die gute ›Arrow‹ ist mir für die Reise über den Atlantik viel zu langsam. Bis zum entscheidenden Geburtstag Deiner Braut sind es nur noch knapp drei Wochen. Später könnt Ihr dann beide herüberkommen, aber vorher habt Ihr Euch nicht zu mucksen. Felicia soll mir telegraphisch Vollmachten erteilen.

Wegen der ›Arrow‹ usw. wird Dir Conolly Bescheid sagen. Fahrt baldigst nach Miami und macht Euch vergnügte Tage. Ich habe Dir und Felicia bei Stoughton & Co. je zehntausend Dollar kreditieren lassen. Natürlich als Geschenk, damit nicht etwa Geschrei der Honoria-Anwälte danach kommen kann.

Mache nun bloß nicht die Dummheit, vor dem 30. des Monats zu heiraten. Dazu ist die auf dem Spiele stehende Summe denn doch zu hoch. Ich weise aber ausdrücklich darauf hin, weil man Euch Seeleute kennt. Ihr habt ja nie Verständnis für Geldfragen, und bei Felicia scheint es damit kaum anders zu sein.

Ich werde Euch über alles auf dem laufenden halten.

Beste Grüße!
Roscoe Elton.«

Anthony faltete sauber den Brief zusammen und brummte. Das Schreiben war durchaus vernünftig, aber dennoch ärgerte er sich über diese gutgemeinte Bevormundung.

Leise, wie sich das bei einem Krankenzimmer schickt, ging die Tür auf, und Felicia trat über die Schwelle.

Sie trug einen entzückenden Morgenrock aus hellvioletter Seide, den ihr die Besitzerin des Hotels besorgt hatte. Ihre Wangen zeigten die ehemalige Frische und auf den roten Haaren spielte das schräg hereinfallende Sonnenlicht. Anthony sprang jubelnd auf.

»Thony!« rief sie tadelnd. »Du sollst doch noch nicht aufstehen!«

»Du vielleicht?« gab er lachend zurück.

Sie veranlaßte ihn, daß er sich in einen bequemen Sessel niederließ, und setzte sich selbst auf die Armlehne. Nach und nach zog sie alles Wissenswerte über die Unterhaltung mit Conolly aus ihrem Verlobten heraus.

»Was – die ›Arrow‹ soll ohne uns hinüber? – Das gibt's einfach nicht!«

Sie hob Eltons Brief auf und las. Als sie zu den Schlußworten kam, lachte sie hell auf. »Echt Onkel Roscoe!«

»So 'n alter Grobian«, sagte der undankbare Neffe.

»Pfui, wie kannst du ihn so nennen?!« ereiferte sich Felicia. »Er ist herzensgut und gescheit obendrein! Wir werden gehorsam sein und bis zum 31. brav in Miami bleiben.«

McBrayne erschien. »Ich möchte nur gebeten ham, Miß Drew«, sagte er, »bat Se mir für de Heimreise wieder sollen meine Stellung an Bord geben. Mr. Elton läßt schönstens grüßen. Morgen abend will er in See gehen, kommt aber nich mehr an Land, hat er gesagt. – Ich geh' jetzt de Maschine nachsehn, denn je eher ich aus dies trockengelegte Land wegkomm', je besser. Nu sin' wir ja ooch mit die Gaunerbande glücklich übern Berg, un et kann nischt mehr passieren.«

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