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Mit versiegelter Order

John Goodwin: Mit versiegelter Order - Kapitel 34
Quellenangabe
authorJohn Goodwin
titleMit versiegelter Order
publisherNeufeld & Henius / Verlag
yearo.J.
translatorF. V. Bothmer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181011
projectidc6c011ac
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33. Kapitel.
Die Teilung der Beute

»Zunächst gestatten Sie mir die Bemerkung, daß wir sozusagen praktische Kommunisten sind, die alle das gleiche Anrecht auf das erbeutete Gut haben. Auch der Führer bekommt nicht mehr als die anderen. Handelt es sich um etwas Besonderes, Unteilbares, so entscheiden die Karten, wie sich das für Caballeros schickt. – Wir halten uns da stets an unser besonderes Verfahren und vielleicht wird es Sie interessieren, es kennenzulernen.«

Die Männer ließen sich rings um das rotseidene Tuch auf dem Boden nieder. Die Teilung der Banknoten bereitete keine Schwierigkeiten, doch legte Carquinez einige davon beiseite.

»Die gehören Pedrito, dessen Eintreffen wir erwarten«, meinte er. Dann nahm er ein schmieriges, abgegriffenes Kartenspiel zur Hand, legte Anthonys Revolver mitten auf die Schärpe und begann, die Karten offen auszuteilen.

»Der erste Bube gewinnt diese feine, kleine Waffe«, erklärte er schmunzelnd. Einer der Bande, namens Juan, erhielt den Karobuben und damit die Pistole.

Nunmehr hielt der Hauptmann die Ohrringe empor. »Eine Kleinigkeit!« rief er mit dem Tonfall eines Auktionators. »Immerhin, in den schlechten Zeiten, die möglicherweise vor uns liegen, mag es dem Gewinner ein Andenken an diese glückliche Begegnung sein!«

Der Schmuck fiel einem schweigenden, häßlichen Kubaner zu, der ihn unter dem wiehernden Gelächter seiner Spießgesellen an den dicken Lappen seiner behaarten Ohren befestigte.

»Wir gratulieren, Jupe«, grinste Carquinez. »Bist doch wirklich 'n hübscher Junge!« Die Brosche gewann er selbst und steckte sie sich an die Brust. Dann erhob er sich und machte der Gefangenen eine ironische Verbeugung. »Ein gutes Omen, Teuerste! – Mein Glück scheint sich zu wenden. Wer weiß, das Ihrige vielleicht auch. – Was gibt's Pepé?«

Zwei der Banditen waren aufgesprungen, und sofort befand sich die ganze Bande in Alarmbereitschaft. Man beruhigte sich aber, als nur der bisher fehlende Pedrito aus den Büschen trat. Er war durchnäßt, müde und bis über die Knie mit getrocknetem Schlamm beschmiert.

»Wo ist denn mein Anteil?« knurrte er mißgelaunt. »Und was zum Henker ist mit José?«

»Gut, daß du kommst!« rief ihm der Mexikaner entgegen. Er nahm daraufhin seine Leute beiseite und verhandelte einige Minuten lang mit ihnen. Darauf schritt er zum Lagerfeuer hinüber und kehrte mit einem rostigen Spaten zurück, mit dem er etwa zehn Meter vor den Gefangenen ein längliches Rechteck in den Sand ritzte.

»So«, sagte er zu Anthony. »Sie werden jetzt eine Grube ausheben, Senor, und zwar da, wo ich sie Ihnen vorgezeichnet habe. Ich denke, daß Ihre geschickten Hände, die so schnell im Zuschlagen sind, auch diese Aufgabe bald bewältigen werden. Wenn Sie zu meiner Zufriedenheit arbeiten, ernten Sie meine Anerkennung und die Befreiung der Dame. Möglicherweise sogar die Ihrige, sofern Sie folgsam sind. Was sagen Sie zu meinem Vorschlag?«

Anthony schwieg. Er konnte nur annehmen, daß es sich um eine neue Grausamkeit dieses heimtückischen Halunken handelte, mit der er die Qualen seiner Opfer zu verlängern gedachte. Für seine eigene Person berührte ihn das wenig, aber seine Seele hätte er um die Möglichkeit gegeben, Felicia retten zu können.

Carquinez stand jetzt dich neben ihm und zog das Messer. »Entscheiden Sie sich schnell.«

Der Gefangene gab sich einen Ruck. »Gut. – Es ist mir ohnehin gleichgültig, was mit mir geschieht.«

Der Mexikaner nickte. Er redete ein paar Worte zu seinen Kameraden, die sich beifällig lachend in weitem Halbkreis niederließen. Nunmehr löste Carquinez die Fußfesseln Kirkpatricks, verband jedoch die Fußknöchel von neuem so miteinander, daß Anthony nur mühsam zu gehen vermochte. Dann zerschnitt er den Strick, der Anthonys Hände gebunden hatte.

»In die Mitte, Capitan«, sagte Carquinez und stieß ihn mit dem Spatenblatt leicht zwischen die Schultern.

Anthony kam es vor, als arbeite er seit Ewigkeiten. Wie ein Schleier legte es sich über seine ermüdeten Augen. – Plötzlich fühlte er sich zu Boden gerissen und ehe er noch recht wußte, wie ihm geschah, war er mit dem Oberkörper zum zweitenmal an den Baum gefesselt. In seinem geschwächten Zustand hatte er keinerlei Widerstand zu leisten vermocht.

»Sie haben wirklich sehr schlecht gearbeitet«, höhnte Carquinez. »Inzwischen sind wir ganz durstig geworden und bedürfen einer kleinen Erfrischung. Auch müssen wir uns über Ihre Leistung klar werden. Sie hätten die Geduld eines Esels erschöpfen können, Senor. Übrigens darf ich Ihnen einen solchen vorstellen. Halloh, José, du hast uns verflucht lange warten lassen!«

Ein beschränkt aussehender und mürrischer Mulatte, der einen stumpfsinnigen Esel vor sich hertrieb, erschien auf der Bildfläche. Das Grautier war mit Lebensmitteln und Getränken beladen, und gierig machten sich die versammelten Männer über die Dinge her.

Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie die Mahlzeit beendet hatten und der Rauch des Tabaks wieder in die Lüfte stieg. Carquinez blies das Streichholz aus, mit dem er sich die Zigarette angezündet hatte, und trat wieder zu Anthony.

»Ihre Leistung war einfach miserabel, Senor«, sagte er. »Ich glaube, daß wir uns darüber einig sind. – Was, Freunde?«

Pepé warf die geleerte Flasche beiseite. »Schnell!« grunzte er. »Schmeiß ihn rein ins Loch, damit wir 'n los sind!«

»Unter keinen Umständen!« wehrte lachend der Hauptmann.

José sprang auf und drängte sich durch die übrigen. »Eine Karte her!« schrie er.

»Du wirst die Tugend der Geduld üben, Freund. Nimm dir ein Beispiel am Capitan. – Caballeros!« fuhr er fort. »Die erste Königin gewinnt!«

Gierig griff jeder nach der ihm gereichten Karte, aber Enttäuschung malte sich auf den viehischen Gesichtern. Als letzter wendete Carquinez seine Karte. – Es war die Pik-Dame!

»Kein Wunder, wenn man weiß, wo sie liegt«, grollte Pepé.

»Dasselbe würde man von dir behaupten, Brüderchen, wenn du gewonnen hättest«, erwiderte der Mexikaner und näherte sich Felicia mit süßlichem Lächeln.

»Wir werden jetzt die Frage deines Lösegelds erörtern müssen«, sagte er und legte ihr seine Tatzen auf die Schultern. »Richte dein hübsches Köpfchen auf, carita, und gratuliere mir – dem glücklichen Gewinner!«

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