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Mit versiegelter Order

John Goodwin: Mit versiegelter Order - Kapitel 28
Quellenangabe
authorJohn Goodwin
titleMit versiegelter Order
publisherNeufeld & Henius / Verlag
yearo.J.
translatorF. V. Bothmer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181011
projectidc6c011ac
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27. Kapitel.
Der Herr aus Miami

Als Felicia erwachte, bedurfte sie einiger Zeit, um sich zurechtzufinden.

Sie lag in einem kleinen, einfachen, aber sauberen und ganz behaglichen Zimmer, vermochte sich jedoch zunächst auf nichts zu besinnen. Auch trug sie merkwürdigerweise einen Herrenschlafanzug, ohne daß sie eine Ahnung davon hatte, wem wohl dieses Kleidungsstück gehören mochte.

Es war heller, lichter Tag, und die Uhr auf dem Kaminsims zeigte die siebente Stunde. – Sie mußte aber doch mehr als zwei Stunden geschlafen haben? – Plötzlich kam es ihr zum Bewußtsein, daß es bereits sieben Uhr abends war.

Felicia richtete sich auf und stellte dabei zweierlei fest, daß sie ein Bad und ein kräftiges Frühstück benötigte. Indessen bezweifelte sie ernstlich, ob sich derlei hier in der Wildnis werde beschaffen lassen. Es erschien schon überraschend genug, daß sich ein elektrischer Klingelknopf an der Wand vorstand. Sie drückte darauf, doch niemand kam.

In Ermangelung eines Morgenrocks streifte sie den ziemlich feuchten, klammen Ölmantel über und blickte auf den Korridor hinaus. Ihrem Schlafraum gerade gegenüber fand sich ein kleines, primitives Badezimmer. Sie schlüpfte hinein und nahm eine köstliche Dusche. Als sie eine Viertelstunde später erfrischt, aber furchtbar hungrig wieder ihr Zimmerchen betrat, hatte inzwischen jemand die Wunderlampe Aladins gerieben. Vor dem Bett stand ein Tischchen mit einer Mahlzeit von gebackenen Eiern, heißen Maiskuchen und Kaffee. Neben dem Teller lag ein an sie adressierter Brief. Sie kroch wieder unter die Decken und öffnete ungeduldig den Umschlag.

»Liebste!

Ich mußte nochmals im Interesse der Firma fortgehen, bin aber bis zum Abend zurück. Ich habe angeordnet, daß du nicht eher zu stören bist, bis du klingelst. Dann wird man dir heißes Wasser und Frühstück bringen.

Tut mir leid, daß keine weibliche Bedienung vorhanden ist. Der Wirt ist Junggeselle und hat nur farbiges Männerpersonal. Es ist aber eine ganz nette Herberge, und du wirst so ziemlich deine Bequemlichkeit haben.

In Liebe
Thony.«

Felicia lachte fröhlich und schob den Brief unter den Pyjama. Es war der erste Liebesbrief, den sie von Thony bekam, und er entsprach so ganz seinem Wesen. Übrigens lagen noch ein paar andere Dinge auf dem Tischchen. Eine Dose Zigaretten, Zündhölzer und – eine nagelneue Zahnbürste!

Zuverlässiger Junge war er, der Thony, und der liebste Mensch, den es auf der Welt gab. Gottlob besaß er einen oder zwei kleine Fehler, wie zum Beispiel sein heftiges Temperament.

Nachdem Felicia ausgiebig gegessen hatte, begann sie sich anzukleiden.

Das war keineswegs so einfach. Ihr weißes Leinenkleid war zerknittert und beschmutzt.

»Nur gut, daß wir so ziemlich unter uns sind«, seufzte sie und begab sich zur Veranda hinunter.

Das Hotel, ein niedriges, einfaches Bauwerk, stand unweit einer malerischen Lagune, deren Wasserfläche von den Strahlen der tiefstehenden Sonne vergoldet wurde. Im übrigen schien alles wie ausgestorben, und außer etlichen Hühnern war kein lebendes Wesen zu sehen.

Dann bemerkte sie einen Mann, der von der Lagune heraufkam, und mit beschleunigten Pulsen lief sie ihm erwartungsvoll entgegen, mußte jedoch bald zu ihrem Leidwesen erkennen, daß sie einen Falschen für ihren Thony gehalten hatte. Größe und Haltung der Gestalt hatten sie getäuscht.

Der Fremde, der jetzt vor ihr stand, war ein älterer Herr. Über der Schulter trug er eine doppelläufige Jagdflinte. Seltsam stach das kleine, schneeweiße Schnurrbärtchen gegen die dunkle Lohfarbe des Gesichts ab. Der Mann mochte die Siebzig bereits überschritten haben, wenn er auch noch sehr elastisch war und sich aufrecht hielt. Seine grauen Augen und der feingeschnittene Mund verrieten Willenskraft.

Ein farbiger Boy, der ein ganzes Bündel geschossener Enten um die Schultern geschlungen hatte, folgte ihm und verschwand, als sein Herr bei Felicia verweilte, hinter dem Hause.

»Guten Abend«, sagte das junge Mädchen freundlich. »Sie scheinen Jagdglück gehabt zu haben.«

Der Alte lüftete höflich und formvollendet den Hut, als begegne er einer Dame auf dem Broadway oder in den Straßen Londons. Dann glitten seine Blicke über Felicias Erscheinung und blieben an ihrem schönen Rothaar haften. »Nicht übel!« knurrte er.

»Ich heiße Drew – Felicia Drew.«

Der wohlgepflegte Herr zog befremdet die Augenbrauen hoch. »Felicia Drew?« wiederholte er. »Doch nicht etwa die Felicia Drew?«

»Wie meinen Sie das? – Bin ich am Ende gar eine Berühmtheit hierzulande geworden?«

»Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß Sie die Felicia Drew mit der verrückten Erbschaft sind?« fuhr es ihm heraus.

»Allerdings. – Woher kennen Sie mich denn?«

»Gott im Himmel! Erst vor ein paar Tagen las ich im ›Southern Courier‹ einen längeren Artikel über Sie. Ihre Angelegenheiten und Ihr Bild füllten eine ganze Spalte.«

»Das ist mir allerdings neu. Aber wissen Sie, ich befand mich drei Wochen lang auf See und habe in all der Zeit keine Zeitung zu Gesicht bekommen.«

»Ja, aber meine liebe Miß Drew, wenn Ihre Geschichte mit dem Whiskyschmuggel, die Sie mir soeben erzählten, den Tatsachen entspricht, dann haben Sie ja einen geradezu unerhörten Leichtsinn bekundet! – – Sehen Sie denn das nicht ein?!«

Felicia beobachtete ihn. Sie glaubte jetzt eine einschneidende Veränderung in seinem Benehmen zu bemerken; so, als ob er sie erst jetzt als seinesgleichen betrachtete, während sie ihm bisher als ganz unmögliche Person erschienen war. Das ärgerte sie maßlos, denn sie haßte die Leute, deren Achtung vor den andern nur von deren Geldbeutel abhängt.

»Nach dem, was Sie mir von sich erzählt haben«, nahm er abermals das Wort, »interessiert es mich lebhaft, noch mehr von Ihnen zu hören. Bitte, kommen Sie doch mit ins Hotel. Vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein. – Übrigens, mein Name ist Elton.«

Der Fremde amüsierte sie immer mehr, als er sie nun in die Halle des Gasthauses führte, wo er ihr mit ernster Höflichkeit einen Sessel zurechtschob.

»Ich sehe, daß Sie durch skrupellose Gesellen in eine sehr prekäre Lage gerieten, Miß Drew. Sie dürfen wirklich von Glück sagen, daß bisher alles so gut ablief.« Er ließ sich ebenfalls nieder. »Ehe ich Ihnen aber einen Rat gebe, möchte ich Sie bitten, mich über Ihre nächstliegenden Absichten zu informieren. Ich bezweifle ernstlich, daß Sie schon – wie man sagt – über den Berg sind.«

Felicia lächelte spitzbübisch. »Wenn Sie etwa beabsichtigen sollten, um mich anzuhalten, dann muß ich Ihnen gleich sagen, daß ich bereits versehen bin. Ich werde Anthony – – übrigens vermute ich, daß Sie ihm noch nicht begegnet sind. Nein? Ich erwarte ihn jedoch jeden Augenblick zurück.«

»Wer ist der Herr?«

»Der Führer meiner Jacht ›Arrow‹ die draußen vor der Küste liegt. – Anthony Kirkpatrick heißt er.«

»Der Alte sprang beinahe vom Stuhl auf. – »Kirkpatrick!« rief er. »Anthony Kirkpatrick?! – Sollte etwa von diesem Windhund und Neffen die Rede sein?! – Ich meine nur – weil Sie –«

Jetzt war es an Felicia, zusammenzufahren. »Ihr Neffe?! – Elton? – Dann sind Sie wohl gar Roscoe Elton, der Werftbesitzer? O, Anthony hat mir schon viel von Ihnen erzählt.«

»Ja – ich bin Roscoe Elton.«

Ein paar Sekunden lang herrschte Schweigen.

»Na, das nenne ich wirklich einen Zufall, daß ich Ihnen ausgerechnet in diesem hinterwäldlerischen Erdenwinkel über den Weg laufen muß«, meinte Felicia erstaunt.

»Ich finde weiter gar nichts dabei«, versetzte ihr Gegenüber. »Den Winter pflege ich meistens in Miami zu verbringen und komme öfters zur Entenjagd herüber. Natürlich hätte ich den Ort vermieden, wenn ich eine Begegnung mit meinem Neffen hätte voraussehen können.«

Felicia lächelte. »Mr. Elton«, sagte sie, »ich weiß sehr wohl, was Sie gegen ihn haben. Nicht wahr, Sie verlangten, daß er Ihre Nichte Julie heiraten sollte? Und das hat er abgelehnt. – Ich finde das aber nach Lage der Dinge durchaus ehrenhaft. – Anthony hat mir auch erzählt, daß Sie ein recht netter Mensch wären, der nur leider außer dem Sinn für Gelderwerb kaum irgendwelche Interessen besitze.«

»Das stimmt gar nicht«, verwahrte sich Elton eifrig, und etwas wie Kummer klang aus seiner Stimme. »Aber ich verstehe nicht, warum Anthony wie ein Narr den Besitz eines Vermögens ausschlug.«

»Das und noch manches andere will ich Ihnen erklären«, lächelte Felicia. Und sie erzählte ihm alles, was sie von Kirkpatricks Leben wußte, verschwieg auch nicht die Geschichte seines dramatischen Abgangs von der Red Moon Line und kam schließlich auf die Weigerung zu sprechen, seine Kusine zu heiraten.

»Die Geschichte mit Julie ist längst erledigt«, fiel Roscoe ein. »Sie hat einen Amerikaner geheiratet. Autofabrikant –«

Ein großer Schatten verdunkelte die Tür. »Nun schlägt's dreizehn!« platzte Anthony heraus. »Onkel Roscoe?! Ja, wie –«

»Liebster Thony«, rief Felicia, »schüttle Onkel Roscoe nur kräftig die Hand. Er ist der netteste alte Herr, den man sich überhaupt denken kann! So und nun sprecht euch in aller Gemütsruhe aus. Ich will nicht weiter im Wege stehen.«

*

Eine Stunde später kam Felicia wieder herunter. Die beiden Herren standen in einer Fensternische und Elton hatte seinem Neffen beide Hände auf die Schultern gelegt.

Anthony eilte auf seine Braut zu und küßte sie. »Alles klar!« verkündete er lachend. »Wir sind ein Herz und eine Seele, und Onkel reist mit uns an Bord der ›Arrow‹ nach England zurück.«

»Ihr tut aber besser daran, wenn ihr erst mit mir in Miami wieder an Bord geht.«

»Kann die ›Arrow‹ nicht im Stich lassen, Onkel. Muß auch McBrayne ablösen«, meinte der Neffe.

»Ich begleite dich, Thony!« rief Felicia energisch.

Anthony lachte. »Da hörst du's, Onkel! Hickmans Charter ist annulliert, und ich unterstehe den unmittelbaren Befehlen des Eigners. Aber wir werden dich in deinem lieben Miami abholen!«

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