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Mit versiegelter Order

John Goodwin: Mit versiegelter Order - Kapitel 24
Quellenangabe
authorJohn Goodwin
titleMit versiegelter Order
publisherNeufeld & Henius / Verlag
yearo.J.
translatorF. V. Bothmer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181011
projectidc6c011ac
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23. Kapitel.
Hart auf hart

Zwei Jachtmatrosen standen bereit, die Leine des Rennbootes aufzufangen, aber Anthony schob die Leute beiseite und beugte sich über die Reling.

»Drei von euch können heraufkommen, die beiden andern bleiben unten.«

Der Führer, ein untersetzter Mensch, der zu seinem feuchtglänzenden Ölzeug hohe Gummistiefel trug, enterte an Deck. Er besaß eine richtige Galgenphysiognomie. Zwei seiner Gesellen folgten.

»Ah, da sind Sie ja, Sims!« rief Hickman erfreut und ging dem andern entgegen.

»'n Abend, Mr. Hickman. Pünktlich sin wir, wat? – Is dat der Käppen?« Er wandte sich an Anthony. »Feine Nacht für so 'ne Sache, Käppen! – Woll'n wir nich erst mal 'n Schluck nehmen?«

»Nichts da. Ehe wir das Zeug nicht beim ›Drop‹ haben, wird nicht getrunken. Sie wissen doch genau die Stelle, wie?«

»Wo werd' ich nich?« brummte Sims mißgelaunt. »Palmers Shack liegt in de Sümpfe, fuffzehn Meilen oberhalb vom Toros Creek. Dat sagt Ihnen aber ooch noch nischt, han?«

»Kaum. Ist das Ihr Privatgeheimnis, oder wissen Ihre Leute gleichfalls Bescheid?«

»Mein Mechaniker, der Cassady, is Ihnen ooch so weit im Bilde.« Er deutete mit dem Daumen nach einem kleinen Kerl, der grinsend nickte.

»Na, schön«, erklärte Anthony. »Ich werde nachher das Kommando übernehmen.«

»Den Deubel wer'n Se«, knurrte Sims erbost und trat drohend einen Schritt näher.

Einen Augenblick sah es so aus, als würde es jetzt schon zu offenen Feindseligkeiten zwischen Anthony und Sims kommen, aber der gewandte Mr. Hickman legte sich noch rechtzeitig ins Mittel.

»Machen Sie hier keine Geschichten, Sims«, sagte er begütigend. »Kapitän Kirkpatrick handelt ganz mit meinem Einverständnis. Übrigens werde ich selbst mitkommen. Das schadet Ihnen nicht; das garantiere ich Ihnen.«

Sims warf dem anderen einen lauernden Blick zu und zuckte die Achseln. »Wie Se woll'n, Sir«, sagte er etwas manierlicher. »Wenn ich hier oben aber doch nischt zu sagen habe, dann kann ich woll geh'n un mir'n Erfrischungstrunk besorgen.«

Hickman bugsierte ihn eigenhändig in den Decksalon, während Anthony die Verladearbeiten in Gang brachte.

Cassady, der entschieden den besten Eindruck von der Bande machte, ging ihm flott zur Hand. Nach einiger Zeit ließ der Kleine die Hände sinken und sah den Kapitän fragend von der Seite an. »Warum hat man auf die dicken Fässer eigentlich nicht gleich 'n Zettel draufgeklebt: Bitte beschlagnahmen?«

Kirkpatrick lachte. »Sie haben gar nicht so unrecht, aber ich habe diese leichtsinnige Art der Verpackung nicht auf dem Gewissen.«

Cassadys Augen wurden ganz klein. »Wenn ich Ihnen meine Meinung sagen soll, Sir«, flüsterte er, »dann halte ich dafür, daß man sich aus irgend 'nem Grunde beim Schmuggel erwischen lassen will.«

»Auch darin stimme ich Ihnen bei, Mr. Cassady«, versetzte der Seemann ebenso leise. »Vielleicht soll ich der Sündenbock sein, aber ich habe keine Lust zu der Rolle und Sie wahrscheinlich auch nicht.«

»Gewiß nicht, Käppen. Aber Sie gefallen mir, und jedenfalls halte ich's mit Ihnen, wenn's drauf ankommt.« Er spuckte nachdenklich über die Seite. »Hab's mir doch gleich gedacht, daß was stinkt bei der Unternehmung.«

»So? Und wie kamen Sie darauf?«

»Weil wir diesen Erzhalunken, den Carquinez, mitgenommen haben.«

»Wer ist das?«

»Kurz gesagt, ein Räuberhauptmann, der mit seiner Bande von Lumpen und Mestizen die Sumpfgegend am Lacosta-River unsicher macht«, erklärte Cassady. »Die Polizei ist schon lange scharf auf ihn, kann ihn aber nicht packen.« Er deutete auf eine schattenhafte Gestalt, die ohne Beschäftigung hinten im Motorboot hockte und nur an der glimmenden Zigarette zu erkennen war.

»Sieht mir auch beinahe so aus, als wenn der und ich noch mal aneinander geraten würden«, bemerkte Anthony und machte sich wieder an die Arbeit. Die Verladung war fast beendet, und das kleine Fahrzeug jetzt derartig vollgestopft, daß kaum noch Platz für die Bemannung übrig blieb. Als kurz darauf Mr. Hickman in Begleitung des Schiffers Sims wieder auf der Bildfläche erschien, konnte Anthony melden, daß alles klar sei.

Er winkte McBrayne beiseite. »Sie wissen, was Sie zu tun haben, Mac?« fragte er leise.

»Freilich, Käppen, verlassen Se Ihnen nur ganz uff mir.«

Kirkpatrick schüttelte ihm die Pfote und trat dann zu Hickman. »Der Ältere hat den Vortritt«, sagte er höflich und deutete zum Fallreep.

Hickman schritt nach einer leichten, etwas ironischen Verbeugung voran. Eine Minute später war man klar zur Abfahrt.

»Leinen los!« befahl Anthony. »Absetzen! – Halbe Fahrt voraus!«

Der Motor begann zu knattern und erst langsam, dann immer schneller schwenkte das tief im Wasser liegende Boot herum und hielt nach Westen zu. Als Anthony sich nochmals umwandte, erkannte er oben auf der Brücke Felicia, die ihm lebhaft zuwinkte. Dann verschwand die Jacht in dem immer heftiger fallenden Regen.

*

Bald darauf näherte man sich der Flußmündung. Als der Regen ein wenig nachließ, kroch ein Mann der Besatzung etwas näher an Anthony heran.

Sein lederfarbenes Gesicht mit der Habichtnase und den aufgeworfenen Lippen verlieh ihm einen unsagbar gemeinen Ausdruck. Er sprach ein kaum verständliches Gemisch von Spanisch und Englisch. »Sennor Capitan«, grunzte er. »Dies nasses Geschäft sein – ja? Schmutzig Geschäft – ja? Sie geben Runde für trinken – nein?« Zärtlich streichelte seine gelbe Tatze das zunächstliegende Faß.

Kirkpatrick wußte sofort, daß er Carquinez vor sich hatte. Er antwortete in Spanisch, einer Sprache, die er einigermaßen beherrschte. »Bleiben Sie etwas weiter vom Ruder weg, Amigo! – Über Ihre Durstgefühle reden wir später.«

»Holla, Käppen!« ließ sich eine andere Stimme in der Dunkelheit vernehmen. »Der alte Knabe hat gar nich unrecht. Warum werden wir denn so trocken gehalten? – Das is doch sonst nich Mode?!«

»Sobald wir drinnen sind, sollt ihr eure Ladung haben. – Aber hört mal zu, Jungens! Ich bin für stille und gute Arbeit; bitte, zwingt mich nicht, grob zu werden.«

Ehe die verdutzten Kerle wußten, was sie sagen sollten, blitzte kaum fünfhundert Meter entfernt ein Scheinwerfer auf, dessen Lichtkegel unsicher das Wasser abtastete.

»Mein Gott! – Die Polizei!« begann Hickman sofort zu stöhnen. »Man hat unseren Motor gehört und –«

»Dreimal äußerste Kraft voraus!« befahl Anthony dem Mechaniker und legte das Boot scharf herum. Schon aber hatte es der Lichtbalken erwischt. Gleich darauf zischte etwas über die Köpfe der Schmuggler und ein bellender Knall ertönte.

Mit Genugtuung erkannte der Schiffer, daß sein Boot trotz der schweren Ladung an die 24 Knoten lief und ihm die Polizei nicht nachzukommen vermochte. Allerdings befand man sich immer noch im Machtbereich des Scheinwerfers und des Geschützes und abermals klatschte eine Miniaturgranate in unangenehmer Nähe ins Wasser. Schon aber glitt das verfolgte Fahrzeug in eine leichte Nebelbank und entzog sich dadurch fürs erste der weiteren Nachstellung. Hingegen bemerkte Anthony, daß sich das milchige Licht des vermaledeiten Scheinwerfers nunmehr gegen den Himmel richtete und Morsezeichen gab.

»Ruft natürlich seinen Kameraden«, schimpfte Cassady. »Wahrscheinlich noch mehr dicke Luft da vorne!«

Mit zitterndem Motor setzte das schlanke Fahrzeug seinen Weg fort, indessen die kürzer werdende Dünung die Nähe seichteren Wassers anzeigte.

»Barre voraus!« meldete der Ausguckposten.

Der Himmel war etwas klarer geworden und ließ zu beiden Seiten zwei helle Streifen erkennen, die sich nach rechts und links in die Nacht verloren. Sie bezeichneten die Linie, an der die atlantischen Wogen gegen die flache Küste donnerten.

Im Zentrum dieses gespenstischen Halbkreises vermochte das geübte Auge eine dunkle Lücke zu unterscheiden. Diese bot die Möglichkeit zu verhältnismäßiger Sicherheit, aber sie schien noch weit entfernt zu sein.

»Cassady!« rief Kirkpatrick.

»Hier!«

»Kann Ihr Gehilfe den Motor bedienen?«

»Ja.«

»Dann kommen Sie doch nach achtern zu mir!«

Der Mechaniker kletterte über den Fässerstapel und trat neben seinen Schiffer, um ihm das Fahrwasser zu erläutern. Es wurde drückend schwül und als gleich darauf ein neuer Regenschauer niederging, hätte man meinen können, mit lauwarmem Tee begossen zu werden.

Plötzlich zuckte fast genau in der Fahrtrichtung ein neuer Scheinwerfer auf und begann suchend umherzustreichen.

»Verflucht!« wetterte Cassady. »Die Kerle sind hier heut' nacht so zahlreich wie Spatzen!«

Während Anthony höhere Tourenzahl befahl, legte er wieder Ruder und lief parallel zur Brandung nach Süden. Bald aber hatte ihn der Lichtkegel gepackt und ließ ihn nicht mehr los. Augenscheinlich waren die Leute durch den weiter in See liegenden Jäger gewarnt worden. Ein Maschinengewehr begann zu hämmern und Dutzende von Geschossen peitschten das Wasser.

Allerdings beeinträchtigte der Regen den Wirkungsbereich des Scheinwerfers, aber Anthony hätte sich vor allem ein bißchen Seegang gewünscht, wodurch es für das verfolgende Polizeischiff noch schwerer geworden wäre, zu zielen. Vorläufig suchte der »Rum-Runner« im Zickzackkurs davonzulaufen.

»Käppen, die haben die Absicht, uns solange herumzuhetzen, bis uns das Benzin ausgeht«, meinte Cassady besorgt.

Kirkpatrick blieb unbeirrt aus südlichem Kurs. Dann, als eine stärkere Bö das Fahrzeug auf Augenblicke der Sicht des Polizeikutters fast völlig entzog, riß er das Ruder herum und hielt mit äußerster Kraft gerade auf die Küste zu. Im nächsten Augenblick tastete der Lichtarm des Verfolgers ins Leere. Fünfzig Meter vor der Brandung ging Anthony nach Norden und jagte wie ein gehetzter Hase wieder der Flußmündung zu. Dabei blieb er so dicht unter Land, daß ihm der Jäger, dessen Tiefgang größer war, nur mit Vorsicht zu folgen vermochte. Zwar fand der Scheinwerfer die Beute schließlich wieder, aber noch ehe der Verfolger Nutzen daraus zu ziehen vermochte, schlüpfte der »Rum-Runner« in den Fluß hinein und verschwand auf Nimmerwiedersehen.

»Donnerwetter! – Das war aber fein!« lobte Cassady und spuckte bewundernd aus.

»Halbe Fahrt!« befahl Anthony, der es nicht wagen wollte, mit beladenem Boot und großer Geschwindigkeit die Barre zu nehmen. Und selbst dann war es eine gefährliche Sache. Wie ein bockendes Pferd ging das Boot über die immer heftiger und stoßweiser werdenden Grundseen.

Als das Patrouillenboot endlich aufkam, mußte der Führer ingrimmig fluchend das Entwischen des Schmugglers feststellen, denn an eine weitere Verfolgung war schon deswegen nicht zu denken, weil die Ebbe sich fühlbar zu machen begann. Wütend belferte das Maschinengewehr noch ein letztesmal in die Dunkelheit hinein, dann wurde es still.

Anthonys Leute hatten mehr oder weniger schweigend die Vorgänge miterlebt. Jetzt aber wurden allgemeine Rufe der Anerkennung laut. So wüst die Kerle auch sein mochten, so hatten sie doch stets Respekt vor einer schneidigen männlichen Tat. Nur Ed Sims machte eine unrühmliche Ausnahme. Die ganze Zeit lag er mürrisch und teilnahmslos auf seiner Unterlage von Fässern. Erst als die letzte Maschinengewehrgarbe über die Köpfe zischte, rührte er sich. Heimlich zog er seinen Revolver hervor und wollte nach dem am Ruder stehenden Schiffer zielen.

Ein Schreckensruf, gefolgt von einem gellenden Schrei des braven Sims! – Dann knallte der Schuß irgendwohin ins Leere.

Im nächsten Augenblick hatte der vorspringende Kirkpatrick den Attentäter gepackt und ihm nach kurzem Ringen die Schußwaffe entrissen. Ein Faustschlag streckte den Kerl zu Boden. Die übrigen Leute fuchtelten wild durcheinander, wußten aber gar nicht, was vorgefallen war.

Während Anthony erneut ruhig seinen Platz einnahm, kam Sims wieder zu Bewußtsein. Er richtete sich mühsam in sitzende Stellung auf und begann zu schimpfen. »Schmeißt denn keiner von euch den Burschen über Bord?!« grollte er. »Is euch ja woll ganz wurscht, wenn er mich niederschlägt wie 'n Schlachtochsen?«

»Wat brauchste ooch uff ihn zu schießen, wenn er grade über de Barre steuert?!« rief ein anderer grob. »Hättste'n erwischt, wär'n wir womöglich alle versoffen.« Die übrigen stimmten dem Sprecher bei. Die öffentliche Sympathie schien sich stark auf die Seite des Kapitäns zu neigen.

»Seid'r denn alle meschugge?« schrie der erboste Sims. »Is mir ja garnicht eingefallen, nach ihm zu funken. Wie ich mein Schießeisen putzen will, sticht mich irgend so'n Hundesohn in de Hand, un da gings natürlich los. – Un denn hat mich der lange Mensch doch gleich so verwalkt, dat ich kein Bein mehr an Deck kriegen konnte.«

»Der Sache muß nachgegangen werden«, sagte Anthony. »Bitte, Cassady, nehmen Sie einen Augenblick das Ruder.«

Der Kapitän stieg über die Ladung nach vorn und fand einen Matrosen, der sich fest in sein Ölzeug gewickelt hatte und sich anscheinend zu verbergen trachtete. Er packte ihn ohne weiteres beim Arm und zog ihn hervor. – »Heda, Freundchen, sind Sie das, der mich davor bewahrt hat, mit einer Kugel gesegnet zu werden? Lassen Sie sich mal etwas näher besehen!«

»Ich habe ja nur mit einer Nadel gestochen«, rief der Mann mit hoher, erregter Stimme. »Und überhaupt tun Sie mir weh!«

Vollständig perplex ließ Anthony den Aufgestöberten los.

Cassady lehnte sich über das Steuerrad, und seine Augen schienen ihm aus dem Kopfe zu quellen. »Heiliger Bimbam! – S' is die Dame!« platzte er heraus.

Der Südwester war vom Gesicht des vermeintlichen Matrosen zurückgeglitten. Anthony erkannte ein Büschel braunroter Haare und darunter ein weißes Gesicht – Felicia!

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