Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > John Goodwin >

Mit versiegelter Order

John Goodwin: Mit versiegelter Order - Kapitel 23
Quellenangabe
authorJohn Goodwin
titleMit versiegelter Order
publisherNeufeld & Henius / Verlag
yearo.J.
translatorF. V. Bothmer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181011
projectidc6c011ac
Schließen

Navigation:

22. Kapitel.
Das Rennboot

Hinter der verschleierten Küste Floridas sank die Sonne, und die kurze Dämmerung brachte vom Lande einen leichten, warmen Regen herüber. Die bis dahin stetige Brise flaute ab und schlief endlich ganz ein. Anthony lehnte auf der Brücke und musterte aufmerksam die Nebelschwaden, die sich immer dichter über das Wasser zu lagern begannen.

»Wenn das so bleibt, dann wird es gerade die richtige Nacht für uns werden«, sagte er. »Vorausgesetzt, daß unsere amerikanischen Freunde pünktlich sind.«

»Wann sollen Sie denn eintreffen?« fragte Felicia.

»Ungefähr um zehn. Heute vormittag erhielten wir die entsprechende Radiomeldung. Gegen neun Uhr werden wir am Treffpunkt sein, und die Übernahme kann eine Stunde später beginnen.«

Trotz Felicias Drängen verweigerte er jede weitere Auskunft über seine Absichten, und sie mußte ihre aussichtslosen Bemühungen bald einstellen. Sie gab sich auch zufrieden, weil sie sowieso längst ihre eigenen Entschlüsse gefaßt hatte.

»Natürlich hängt alles vom Wetter ab«, fuhr er fort. »Mitunter kommt hier urplötzlich ein derartiger Wind auf, daß wir in Teufels Küche geraten können. – Und mir eilt es mit der Sache«, ergänzte er stirnrunzelnd.

»Mr. Kirkpatrick«, sagte Felicia und ihre Stimme klang ungewohnt weich. »Sie wissen nun schon so manches von mir, aber ich so gut wie nichts von Ihnen. Bitte erzählen Sie mir doch etwas.«

Er schien fast erschrocken. »Warum interessiert Sie denn das?«

»Halten Sie es meinetwegen weiblicher Neugier zugute.«

»Mein Gott, was soll ich Ihnen da viel sagen?« Er seufzte achselzuckend. »Ich hatte die Wahl, entweder zur See zu gehen oder Schiffbauer zu werden. – Haben Sie schon mal etwas von Elton und Kirkpatrick gehört?«

»Sie meinen die große Werft in Belfast?«

Er nickte. Es war Felicia bisher nie in den Sinn gekommen, ihn mit der berühmten Firma in Verbindung zu bringen.

»Nun, Sie sollen alles hören«, fuhr der Seemann fort, nachdem er anscheinend mit sich zu Rate gegangen war. »Die Eltons und die Kirkpatricks sind fast alle verwandt oder verschwägert, aber derzeit ist der Stamm ziemlich zusammengeschmolzen. Mein Großvater war der letzte meines Namens im Vorstand des Geschäftshauses. Es blieben zwei Brüder Elton übrig. Der eine starb vor nicht langer Zeit und hinterließ eine Tochter, und nun ist nur noch der ältere von beiden, Roscoe Elton, übrig. Er repräsentiert allein die Firma. Außerdem ist er kinderlos und besitzt die Mehrzahl der Aktien. Ein weiteres Drittel gehört seiner Nichte. Roscoe ist ein schrecklicher Dickschädel und geht außerdem völlig im Gelderwerb auf. Ich glaube, daß er überhaupt keine anderen Interessen kennt. Im allgemeinen war Onkel Roscoe immer recht nett zu mir, vielleicht hauptsächlich deswegen, weil ich niemals Ansprüche an seinen Geldbeutel stellte, wiewohl meine gute Mutter sich sehr plagen mußte, um die nötigen Mittel für meine Erziehung aufzubringen. Dabei war es des alten Elton Lieblingswunsch, mich später in die Firma zu nehmen, um damit dem Namen Elton und Kirkpatrick zu neuem Ansehen zu verhelfen. Ich meinerseits legte keinen sonderlichen Wert darauf, denn ich verspürte mehr Lust, ein Schiff zu führen als es zu bauen. Dennoch wären wir vielleicht zusammengekommen, wenn er mir nicht eine unmögliche Bedingung gestellt hätte.«

»Und die war?« forschte Felicia.

»Ich sollte seine Nichte Julie Elton mitsamt ihrem dicken Aktienpaket heiraten. Dadurch wäre nach Onkel Roscoes Tode wieder der weitaus größte Teil des Vermögens beisammen gewesen.«

Felicia horchte auf. »Sie sollten also Ihre Kusine heiraten? – Wie war sie denn? – Hübsch? – Nett?«

»O ja.«

»Und trotzdem haben Sie die glänzende Partie so mir nichts, dir nichts ausgeschlagen?« fragte Felicia voller Spannung.

»Was denn sonst?! Lieber kaue ich mein Leben lang trockenes Brot, als daß ich mich verkaufe. Eigentlich hätte ich dem alten Roscoe für seine unverschämte Zumutung überhaupt eine Ohrfeige geben sollen. Sie können sich denken, daß wir uns gehörig verkrachten, und ein für allemal schüttelte ich den Staub Belfasts von meinen Füßen, was ich auch nicht bereue. Gott sei Dank!«

Nur mit Mühe unterdrückte Felicia das Lachen, das ihr in der Kehle saß.

»Derzeit weilt Onkel Elton in Florida, wo er immer einen Teil seines Mammons in Miami loszuwerden pflegt. Von Julie weiß ich nichts«, berichtete er weiter.

»Mit anderen Worten, Sie lehnen es grundsätzlich ab, ein wohlhabendes Mädel zu heiraten? – Das ist doch kindisch!«

»Nicht, wenn ich selbst arm bin, Miß Drew. Ja, ein paar Tausender will ich gelten lassen, niemals aber nehme ich eine Frau, die sozusagen im Geld schwimmt. So eine soll sich nur einen Lebensgefährten aus ihrer eigenen Sphäre suchen, sonst macht sie nur sich und ihren Mann unglücklich. Nicht als ob ich das Geld verachte. O nein! Aber ich will für meine Frau sorgen und nicht ausgehalten werden.«

»Ich sollte meinen«, sagte sie gedankenvoll, »wenn ein Mann wirklich liebt, dann läßt er nichts zwischen sich und seiner Liebe stehen.«

Anthony schwieg einen Augenblick. »Richtig«, gab er zu. »In dem Falle würde ich allerdings alle Hindernisse aus dem Wege räumen und das möglicherweise ziemlich energisch.«

In diesem Augenblick begann es plötzlich zu regnen. Felicia eilte hinunter, um sich ihr Ölzeug anzuziehen, und Kirkpatrick benutzte die Gelegenheit, Mr. Hickman beiseite zu nehmen.

»Also in anderthalb Stunden erreichen wir den vereinbarten Punkt, Sir. Wenn Ihre Dispositionen klappen, werden wir das Schnellboot antreffen, das unsere Fracht übernehmen soll.«

»Den Tran«, sagte Hickman schnell.

»Lassen wir jetzt den Unsinn und reden wir vernünftig«, wies ihn der Kapitän ärgerlich zurecht. »Sie wissen ganz genau, daß wir 180 Hektoliter alten schottischen Whisky hinübergeben; mit anderen Worten eine Schmuggelware, die jedem, der dabei erwischt wird, etliche Jahre Gefängnis eintragen kann. Als Ihr Sachwalter übernehme ich selbst die Führung des Schnellbootes, damit Ihnen nicht irgend so ein Lump ein Schnippchen schlägt.«

»Das sagten Sie bereits, Schiffer, und ich habe dagegen auch nichts einzuwenden.«

»Daran tun Sie recht«, erwiderte Anthony trocken. »Diese Regelung bedarf nur noch einer kleinen Ergänzung, Mr. Hickman; Sie werden mich nämlich begleiten.«

Er sprach sehr höflich und korrekt, wie sich das für einen Schiffer dem Eigentümer gegenüber schickt, aber es lag etwas in seiner Stimme, was einen Widerspruch nicht ratsam erscheinen ließ. Hickman hatte das Empfinden, daß sein freier Wille hier nicht sonderlich ins Gewicht fiel.

»Das war von Anfang an meine Absicht.« Hickman lächelte verbindlich. »Nicht um die Welt möchte ich beim Finish fehlen.«

*

Anthony erschien die auffallende Bereitwilligkeit Hickmans immerhin etwas befremdend. Entweder der Mann machte gute Miene zum bösen Spiel, weil er wußte, daß sich die Besatzung schwerlich für ihn einsetzen werde, oder aber er hatte doch noch seine Hintergedanken. Kirkpatrick neigte der ersteren Vermutung zu.

Eine Stunde später ankerte die »Arrow« bei reichlich siebzig Meter Wassertiefe am verabredeten Platz.

Obermaschinist McBrayne kam herauf und bemerkte mit fürchterlichem Grinsen die Stille ringsum. Eine einsamere Stelle war nicht gut zu denken. Sie lag weit ab von allen Schiffahrtslinien, und nirgends war ein Licht, geschweige ein anderes Schiff zu sehen.

Anthony ließ die Vorbereitungen zum Umladen beschleunigen. Als die Fässer heraufkamen, war es allerdings überflüssig, den Inhalt noch weiterhin geheimhalten zu wollen, denn eine ganze Wolke von Whiskyduft legte sich über das Oberdeck. Augenscheinlich hatten einige der Behältnisse unterwegs Schaden genommen.

»Feine Marke«, meinte schmunzelnd einer der Matrosen.

»Schottlands Stolz«, erklärte McBrayne und schnupperte lüstern. »Zehn Jahre liegt det Zeugs uff'm Faß.« Er seufzte melancholisch.

Eine halbe Stunde mochte die »Arrow« vor Anker gelegen haben, als sich das Summen eines mit hoher Tourenzahl laufenden Motors bemerkbar machte. Sofort spitzte alles die Ohren. Das Geräusch wurde stärker, und nun schoß ein niedrig liegendes, schnittiges Boot daher. Tadellos geführt kam es längsseit, stoppte, ließ die Schraube rückwärts wirbeln, so daß sich die See durch das aufschäumende Wasser in weitem Umkreis milchig zu färben begann, und stoppte endgültig.

»Is das die ›Arrow‹?«

»Aye, aye«, rief Kirkpatrick. »Alles klar zur Übergabe.«

»Euer Glück!« antwortete eine rauhe Stimme. »Na, denn los, Jungens!«

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.