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Mit versiegelter Order

John Goodwin: Mit versiegelter Order - Kapitel 18
Quellenangabe
authorJohn Goodwin
titleMit versiegelter Order
publisherNeufeld & Henius / Verlag
yearo.J.
translatorF. V. Bothmer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181011
projectidc6c011ac
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17. Kapitel.
Die Entlassung

Mit dem Gefühl eines befreiten Gefangenen sah Felicia dem heranschnaubenden Seeschlepper entgegen. Neben ihr stand Mr. Hickman und kaute an einer erloschenen Zigarre, Mr. Peters lehnte gegen eine Deckstütze.

Auch der Erste Maschinist war wieder erschienen und musterte die »Hilfe« mit kritischen Blicken. »Fürchte, daß 's 'n teurer Spaß für Sie wird, Herr«, sagte er teilnehmend zu Hickman. »Die Glasgower sind 'ne raffgierige Bande.« Scharf spähte er nach dem Fahrzeug hinüber, und seine Gesichtszüge veränderten sich. Er grinste, spukte energisch und grinste wieder.

»Schlepper ahoi!« rief Peters. »Was verlangt ihr für'n Schlepp nach Belfast?«

»Belfast?« wiederholte Jimmy Rae und legte den Hebel der Umsteuerung herum, so daß die Schraube rückwärts schlug. »Das müssen wir erst noch auskalkulieren.«

Als die »Hilfe« sich nun gemächlich längsseit der Jacht schob, trat Anthony allen Blicken sichtbar aus dem Ruderhäuschen. Felicia vermochte einen Ruf der Überraschung nicht zu unterdrücken. Im gleichen Augenblick kam eine Leine zu der »Arrow« herübergesaust, die von McBrayne sofort belegt wurde. – Und dann sprang Anthony an Bord!

Hickman verharrte regungslos und mit ziemlich törichtem Ausdruck an der Reling.

Felicia brach zuerst das Schweigen. »Kapitän Kirkpatrick!« rief sie. »Ist es wahr, daß Sie vergangene Nacht von der Polizei verhaftet wurden?«

Er wendete ihr seinen Blick zu. »Miß Drew«, sagte er, »wollen Sie so gut sein, für einen Augenblick ins Kartenhaus zu treten?«

Zum ersten Male gehorchte Felicia Kirkpatrick! Ohne Gegenfrage verschwand sie und überließ ihm das Feld. Er machte gar keinen aufgeregten Eindruck, als er nun an Mr. Hickman vorüber zur Brücke hinaufstieg. Der völlig erstarrte, interimistische Kapitän drehte sich fragend zu ihm herum, aber schon landete Anthonys Faust unter seinem Kinn.

Die gewaltsam unterdrückte vierzehnstündige Erregung steckte in diesem Hieb und Peters stürzte dröhnend auf die Planken nieder. Sofort aber hatte ihn der heimkehrende Odysseus beim Kragen, schleifte ihn wie einen Kohlensack die Stufen hinunter über Deck und hob ihn über Bord, wobei er mit dem Knie unsanft nachhalf. Wie eine Bombe plumpste Mr. Joshua ins Wasser.

Ein Matrose des Schleppers angelte mit dem Bootshaken nach ihm, und dann wurde der degradierte Schiffer an Bord der »Hilfe« gezogen.

Jimmy Rae hatte mit sichtlichem Vergnügen dieser Entwicklung der Dinge zugesehen. »Kommt noch mehr Gepäck?« rief er hinüber und lachte, daß ihm die Tränen über die Backen liefen.

»Warte, ich werde dir gleich Bescheid geben«, sagte Kirkpatrick. Er trat festen Schrittes auf Mr. Hickman zu. »Auf ein Wort, Sir«, knurrte er. »Kommen Sie mal ins Kartenhaus.«

Mr. Hickman erschien merkwürdig blaß, wahrte aber als Gentleman die Form und folgte. Die kurze Besprechung blieb nicht ganz geheim, denn Felicia war anwesend und verfolgte das Weitere mit größter Spannung, Anthony nahm keine Notiz von ihr.

»Ich wünsche zu wissen, wieso die ›Arrow‹ auch ohne die Papiere, die ich holen sollte, in See ging. Oder sollten Sie die doch noch bekommen haben?«

»Sie wurden mir allerdings eine Stunde vor der Abfahrt durch Mr. Peters übergeben«, antwortete Mr. Hickman gefaßt. »Er meldete mir auch, daß Sie sich wegen Trunkenheit in Polizeigewahrsam befänden. Ihre Freilassung wurde verweigert, doch händigte man Mr. Peters schließlich die Dokumente aus. Natürlich konnten wir unmöglich auf Sie warten. Wie sind Sie denn von der Polizei so bald losgekommen?«

»Ich hatte überhaupt nichts mit der Polizei zu tun. Ein paar Halunken haben mich überfallen. Einer davon hat sein Teil bereits, und von ihm erfuhr ich auch, daß er die mir gestohlenen Papiere dem famosen Joshua Peters abzuliefern gehabt hätte. Peters war der einzige, der namentlich genannt wurde.«

Mr. Hickman schnappte nach Luft. Seine Augen weiteten sich, und es dauerte dreißig Sekunden, ehe er die Sprache wiederfand. »Kapitän Kirkpatrick«, brachte er mühsam hervor und schlug mit der Faust aus den Kartentisch. »Was auch immer dabei herauskommen mag, ich bin heilfroh, daß Sie wieder an Bord sind und mir diesen Schurken vom Halse geschafft haben. Der Kerl hat mich ja von Anfang bis zu Ende beschwindelt. Er zettelte natürlich auch diese Lumperei gegen Sie an, um sich an Ihre Stelle zu drängen.«

Wenn Mr. Hickman log, dann log er vorzüglich. Seine Worte waren ebenso überzeugend wie sein Mienenspiel.

In Anthonys Gesicht zuckte kein Muskel. Er stützte sich auf die Tischkante und blickte seinem Gegenüber fest in die Augen. »Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, Mr. Hickman, daß Sie mit der Sache nichts zu tun haben?«

»Ja, um Gottes willen, was glauben Sie denn, lieber Herr?! Wie käme ich denn dazu, und was sollte ich für ein Interesse dabei haben? Selbstredend gebe ich Ihnen mein Wort!«

Kirkpatrick richtete sich auf und machte ihm eine leichte Verbeugung. Mit einem rätselhaften Lächeln schritt er zur Tür. »Mr. McBrayne!«

Der Gerufene kam herbei, wobei er den einen Daumen unter seinen speckigen Ledergürtel klemmte.

»Was ist mit der Maschine los?«

»Mit der Maschine?« meinte McBrayne gemütlich. »Oh, die fühlt sich pudelwohl. – Die Jammerlappen von Heizern ham nur 'n Schrecken gekriegt, weil so 'n bißchen Dampf gezischt hat. 'n Wasserstandsglas war in die Dutten gegangen. – Is aber längst repariert, der lütte Schaden.«

In Mr. Hickmans Kehle rasselte etwas, und sprachlos glotzte er den Obermaschinisten an.

McBrayne tat, als sähe er ihn nicht. »Käppen, wenn Se wollen, kann de Reise gleich weitergehen.«

»Danke Ihnen, Mac«, sagte Anthony einfach.

»Der Dank is ganz uff meine Seite«, antwortete McBrayne und ging hinaus, wobei er Felicia abermals in seiner fürchterlichen Weise anblinzelte.

Nun erst wandte sich Kirkpatrick an Hickman.

»Ich brauche zehn Pfund zu Lasten des Unternehmers«, sagte er kurz.

»Zehn Pfund?!«

»Für übermäßigen Kohlenverbrauch des Seeschleppers, der mich an Bord zurückgebracht hat. Immer noch billiger, als wenn er Sie nach Belfast schleppen müßte«, setzte er boshaft hinzu.

Mr. Hickman brachte mit saurer Miene zwei Fünfpfundnoten zum Vorschein und reichte sie Anthony, der sie in einen Briefumschlag legte. Zur Beschwerung des Papiers fügte er einen kleinen Eisenbolzen hinzu. Dann betrat er das Deck. »Mr. Craft!«

»Sir?« fragte der kleine Mann etwas ängstlich.

»Von jetzt an sind Sie erster Steuermann. Bitte übernehmen Sie die Wache und bringen Sie das Schiff wieder auf richtigen Kurs.«

»Aye, aye, Sir!« rief Mr. Craft und eilte die Stufen zur Brücke hinauf.

Kirkpatrick aber trat zu der Besatzung, die während der ganzen Zeit schweigend und sichtlich beunruhigt an Oberdeck herumgestanden hatte. »Wenn da noch irgend so 'n Schweinehund unter euch ist, der hier Geschichten machen will, dann soll er nur vortreten. Jetzt ist gerade die rechte Zeit.« Anthonys Stimme dröhnte. »Wenn er über Bord fliegt, solange der Schlepper da ist, hat er wenigstens Chance, wieder aufgefischt zu werden. Aber etwas schnellen Entschluß, wenn's beliebt.«

Sein loderndes Auge glitt über die Versammelten, aber es erfolgte keine Antwort. »Wegtreten!« kommandierte er, und im Nu waren die Leute verschwunden.

Anthony trat an die Reling und warf Jimmy Rae den Briefumschlag hinüber. »Zehn Pfund für Kohle, Jimmy«, sagte er. »Danke dir schön. Wir brauchen dich jetzt nicht mehr.«

»Aye!« rief der andere. »Keine sonstigen Passagiere zu übernehmen, Thony?«

»Nein.«

»Sicher nicht? Sie würden's hier mächtig bequem haben!« Jimmy lachte, während sein Schlepper langsam zurückblieb. »Gute Reise, Schiffer.« Und er schwenkte seine Mütze.

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