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Mit versiegelter Order

John Goodwin: Mit versiegelter Order - Kapitel 17
Quellenangabe
authorJohn Goodwin
titleMit versiegelter Order
publisherNeufeld & Henius / Verlag
yearo.J.
translatorF. V. Bothmer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181011
projectidc6c011ac
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16. Kapitel.
Den Clyde hinunter

Die elektrische Taschenlampe kollerte in eine Ecke und blieb dort, immer noch leuchtend, liegen. Anthony aber schob sich bis unter das Fenster, wo es ihm mit größter Anstrengung endlich gelang, auf die Knie zu kommen und sich dann völlig aufzurichten, so daß er den Körper gegen das Fenstersims lehnen konnte. Dann stieß er kräftig mit einem Ellenbogen zu. Klirrend zerbrach die Scheibe. Bald waren nur mehr Glasreste übrig. Schließlich gelang es ihm auch, durch Drehen und Wenden seine zusammengeknoteten Hände an solch ein messerscharfes, im Rahmen steckendes Stück Glas zu bringen, und er begann den Strick daran hin und her zu reiben. Natürlich zerschund er sich dabei böse die Gelenke, aber in kürzester Zeit hatte er sein Ziel erreicht. Die Hände waren frei! Das Durchschneiden der Fußfesseln mittels eines langen Splitters bot keine Schwierigkeiten mehr. Anthony wartete, bis sein gestautes Blut wieder zirkulierte und wandte sich dann dem Bewußtlosen zu.

Der Halunke lag da wie ein Toter. Glücklicherweise reichten die Strickenden, deren sich Kirkpatrick gerade entledigt hatte, um nunmehr den Mann genau so zu fesseln, wie es zuerst mit Anthony selbst geschehen war. Dann ergriff er die Taschenlampe und verließ eiligst den Raum, den er sorgfältig verriegelte.

Wo sich für den famosen »Hinney« und dessen Gefährten ein Weg geboten, mußte sich auch für ihn ein Ausgang finden lassen. Anthony durchschritt zwei enge Gänge, stieg eine morsche Holztreppe hinunter, öffnete eine Tür und befand sich auf einem engen Hof, der auf drei Seiten von hohen Lagerhäusern umgeben war. Auf der vierten Seite führte ein wackeliger Bootssteg auf die dunkle Wasserfläche hinaus, die augenscheinlich einem entlegenen Hafenwinkel angehörte. Während der Befreite noch das Gelände zu erkunden suchte, vernahm sein Ohr gedämpfte Ruderschläge. Schnell nahm er hinter einem Haufen leerer Fässer Deckung.

Ein Boot legte an, und aus ihm stieg der lange Hinney. Er machte das Ding mit einer Leine fest, betrat den Hof, pfiff zweimal leise, schien auf Antwort zu warten und verschwand nach kurzem Zögern im Innern des einen Gebäudes.

Zehn Sekunden später saß Kirkpatrick im Boot und wrickte lautlos davon. Gar zu gerne hätte er ja dem Burschen zuvor einen kräftigen Denkzettel verabfolgt, mußte aber zu seinem Bedauern darauf verzichten.

Er erreichte alsbald ein größeres Hafenbassin, in dem einige Leichter vertäut lagen. Nunmehr legte sich der Seemann mit aller Macht in die Riemen und pfeilschnell schoß seine Nußschale dahin. Bald darauf befand er sich im Hauptfahrwasser des Clyde und vermochte sich zu orientieren.

Stark lief die Ebbe, doch er erreichte nach kaum zehn Minuten den Lancefield Kai.

Die »Arrow« war verschwunden! Mit ihr Felicia – und der Teufel mochte wissen, was man mit ihr vorhatte!

Kirkpatrick biß die Zähne fest aufeinander. Noch waren ihm die letzten Gründe dieser Verräterei verborgen, aber die Sache wurde ihm immer klarer. Jedenfalls hatten sowohl Hickman wie Peters von Anfang an die Absicht gehabt, ihn wieder loszuwerden. Das schien jetzt klar wie der Tag. Namentlich diesem Peters war ja alles zuzutrauen. Höchstwahrscheinlich steckte viel mehr dahinter als purer Brotneid.

Am nächstliegenden schien der Gedanke, die Hilfe der Polizei in Anspruch zu nehmen, aber Anthony verwarf ihn gleich wieder in der richtigen Voraussicht, daß er den Behörden weder Beweise, noch sonstige glaubwürdige Anhaltspunkte für seinen Verdacht werde geben können. Er nahm die Riemen wieder auf und pullte schnell zu der Liegestelle hinüber.

Am Bollwerk lagen etliche kräftige Seeschlepper. Der zunächstliegende hatte Dampf auf, und aus einer Luke schimmerte Licht. Der Name stand in großen weißen Buchstaben am Heck zu lesen. Es war »Die Hilfe« von Greenock.

»Schlepper ahoi!« rief Anthony durch die hohle Hand. »Wann ist die Jacht ›Arrow‹ ausgelaufen?«

»Vor 'ner halben Stunde«, antwortete ein kleiner Mann, der bis an die Ohren in einem Wollsweater steckte und eine Stummelpfeife zwischen den Lippen hielt. Er starrte neugierig in das längsseit kommende Boot hinunter. »Potz Kuckuck! Is das nich Thony?! – Junge, Junge, wie siehste denn aus? – Hast dich wohl mit 'm halben Dutzend Katern gebalgt?!«

»Jimmy Rae!« rief Kirkpatrick hocherfreut. Es gab wenige Schlepperkapitäne hier herum, die er nicht kannte. »Paß auf, Jimmy. Ich bin Schiffer da an Bord, und man hat mich aufheben lassen, um mich los zu werden.«

Der andere sog seelenruhig an seiner Pfeife. »Waste nich sagst. – Das nenn' ich Pech.«

»Heiliges Gewitter, Mann! – Ich muß sie einholen, die ›Arrow‹.«

»Wie denkste dir denn das? – Ich lauf' übrigens selbst in'r Stunde aus. Muß 'ne Bark von Inchmarnock 'raufbringen.«

»In einer Stunde, Jimmy? Wenn du noch 'nen Tropfen Blut in den Adern hast, dann wirf jetzt gleich los. Bring mich mit Volldampf den Fluß hinunter. Für dich kommt es ziemlich auf eins heraus, und für mich hängt unendlich viel davon ab, daß ich das Schiff zu packen kriege. Los, Jimmy!«

»Na ja, warum denn nich?« brummte der Kleine nach einigem Besinnen.

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