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Mit versiegelter Order

John Goodwin: Mit versiegelter Order - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJohn Goodwin
titleMit versiegelter Order
publisherNeufeld & Henius / Verlag
yearo.J.
translatorF. V. Bothmer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181011
projectidc6c011ac
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14. Kapitel.
Maschinendefekt

»Sarah«, sagte Felicia und schlürfte behaglich ihren im Salon servierten Kaffee. »In meinem Handkoffer liegt ein Wecker. Sei doch so gut und bringe ihn mir in die Kajüte. Du kannst ihn auch gleich auf halb drei stellen. Ich gehe jetzt zu Bett, möchte aber heute nacht an Deck sein, wenn es losgeht.«

»Sehr wohl, Miß«, erwiderte die Zofe und ging, um den Befehl auszuführen.

Felicia aber widmete sich weiterhin ihrem Kaffee.

Sie gab sich redliche Mühe, sich auf den Boden der Tatsachen zu stellen und einen Überblick über die Lage der Dinge zu gewinnen. Das Geheimnis, das von Anfang an über der Reise geschwebt hatte, wurde immer undurchdringlicher und fing an, ihr auf die Nerven zu gehen. Ob es am Ende nicht doch das beste wäre, sich von dem Unternehmen zu trennen und die ›Arrow‹ ihres Weges ziehen zu lassen. Ihrem ganzen Charakter nach konnte sie sich aber mit dem Gedanken durchaus nicht befreunden, zumal Anthony ihr dazu geraten hatte. Es wäre wirklich gar zu demütigend gewesen! Sonderbar, wie benommen ihr Kopf heute abend war. Sie verspürte ein immer heftigeres Schlafbedürfnis. Todmüde ging sie in ihre Kabine hinüber, stellte den Wecker und war froh, als sie sich endlich in die Kissen sinken lassen durfte. Gleich darauf war sie fest eingeschlafen.

*

Etwas schwindlig und verwirrt erwachte Felicia. Der Boden unter ihr schwankte und vibrierte. Im ersten Augenblick glaubte sie noch zu schlafen und zu träumen, denn das mahlende Geräusch der Schraube konnte bei dem im Hafen liegenden Schiff doch unmöglich Wirklichkeit sein!

Und dennoch entsprach dieser Eindruck den Tatsachen, denn die Jacht war nicht nur bereits in See, in deren langer, sanfter Dünung sie sich zu wiegen begann, sondern es war auch heller, lichter Tag und ein durchs Bullauge hereinschielender Sonnenstrahl tanzte vergnügt auf der gegenüberliegenden Wand, je nachdem sich das Schiff hob oder senkte. Erschrocken richtete sich das junge Mädchen auf und warf einen hastigen Blick auf den Wecker. Es war sechs Uhr vorbei!

Dabei schien das Läutewerk zur richtigen Zeit abgelaufen zu sein. Sie mußte demnach wie ein Klotz geschlafen haben. Mit einem ärgerlichen Ausruf sprang sie aus der Koje und ging zur Tür, wobei sie seltsamerweise noch immer etwas taumelte.

»Sarah!«

Alles blieb still, außer dem gleichmäßigen Stampfen der Maschine. Sie stürzte zum Fenster und blickte hinaus. Ringsum nichts als blaugrünes Wasser und nur noch in der Ferne ein dunstiger Küstenstreifen!

Jetzt erschien auch Sarah Hignett in der Kammertür. Sie sah blaß und übernächtig aus und unter ihren verlegen blickenden Augen lagen tiefe Schatten. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Miß«, sagte sie mit merkwürdig schwerer Zunge. »Ich bin erst im Augenblick aufgewacht.«

»Mir ging's nicht anders, Sarah. Wenn ich nur wüßte, woher das kommt! Aber nun schnell mein Bad. Ich will sofort aufstehen.«

Ohne sich über ihr Tun Rechenschaft zu geben, ergriff Felicia die Wasserkaraffe und stürzte mit durstigen Zügen zwei volle Gläser hinunter. Erst nachträglich fiel es ihr auf. Sie war doch in der Regel durchaus seefest und in der Frühe stets frisch und munter. Vielleicht kam dieses allgemeine Unbehagen von den schlechten Ausdünstungen des Clydewassers. Obendrein hatte sie zu dem Kaffee etwas spät einige Zigaretten geraucht und sie beschloß, das in Zukunft zu vermeiden. Das Bad tat ihr gut, und der danach servierte Tee hob noch mehr ihr Befinden. Sie war gerade mit dem Anziehen fertig, als Sarah mit hochrotem Kopfe hereingeplatzt kam.

»Wir sind dreißig Meilen von Glasgow entfernt!« rief sie. Und den Kapitän haben sie zurückgelassen! Ohne ihn sind sie abgedampft.«

»Was?!« schrie Felicia und sah die Zofe entgeistert an.

»Sie sagen oben, daß Kapitän Kirkpatrick gestern gar nicht mehr an Bord gekommen ist. Er hat sich mit allerlei Leuten geprügelt. Dann ist die Polizei gekommen, und mit der hat er auch noch angefangen und dann ist er wegen Betrunkenheit und Rauferei eingesperrt worden.«

Felicias Augen würden immer größer.

»Ja, wer hätte das gedacht?« seufzte Sarah melancholisch. »So'n netter junger Mann! Ein bißchen eigenwillig war er ja wohl. Aber man weiß ja, wie die Seeleute sind, wenn sie losgelassen werden. Wie die ungezogenen Jungen führen sie sich auf. Jetzt hat der ungeschlachte Kerl, der Peters, das Kommando, und sie nennen ihn alle Käppen Peters. Den habe ich nie mögen und – –«

»Das ist ja alles ganz unmöglich!« rief Felicia in heller Empörung. »Die Leute haben kein Recht, ohne Kapitän Kirkpatrick in See zu gehen!« So schnell sie konnte, lief sie an Oberdeck. An sich erschien es ihr nach den bisherigen Erfahrungen durchaus glaubwürdig, daß Anthony in schlimme Hände geraten war. Darüber hinaus aber kam es ihr blitzartig zum Bewußtsein, daß sie sich nunmehr schutzlos unter lauter Fremden befand.

Mit voller Kraft verfolgte die ›Arrow‹ ihren Kurs. Schon lagen die Höhen der Insel Arran weit an Steuerbord und der einsame Felsen der Ailsa Craig erschien an Backbordseite in voller Sicht. Das war der letzte vorgeschobene Posten des Festlandes.

Der wortkarge kleine Samuel Craft, bisher Zweiter Offizier und jetzt Erster Steuermann, ging die Wache. Auf dem Vordeck hatte sich eine Gruppe von Matrosen gebildet, und etwas abgesondert von den übrigen war auch der schmuddelige McBrayne zu sehen. Mr. Hickman – eine dicke Zigarre im Munde – trat soeben aus dem Kartenhaus, als er sich plötzlich von Felicia gestellt sah, die wie eine gereizte Pantherin auf ihn losschoß.

»Was soll denn das heißen, Mr. Hickman?! Warum hat man Mr. Kirkpatrick im Stich gelassen?«

»Meine liebe Miß Drew«, sagte der Angeredete teilnahmsvoll. »Es ist eine sehr bedauerliche Sache vorgefallen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie peinlich es mir ist, aber ich werde Ihnen doch wohl die Wahrheit sagen müssen. Kirkpatrick ist in der vergangenen Nacht festgenommen worden. Ich lag bereits in meiner Koje, aber Mr. Peters hat wirklich sein Möglichstes getan, um – –«

»Mr. Peters! – – Wo ist Mr. Peters?«

Joshua Peters trat vor. Er grüßte Felicia sehr nachlässig. »Wenn Sie's denn absolut wissen wollen, Miß«, begann er. »Ich ging kurz nach Mitternacht an Land, um zu sehen, wo denn der Kapitän blieb. Das Büro, wo er für Mr. Hickman hin sollte, war zu. Zufällig traf ich ihn dann an der Ecke der Dundas Street, wo er sich mit vier Schutzleuten abraufte, die sich wie die Kletten an ihn hängten.«

Mr. McBrayne kam langsam und aufhorchend näher, wobei er wieder einen kräftigen braunen Tabakstrahl zur Seite schoß und ein diabolisches Grinsen zeigte.

»Wie ich dann von einem der Uniformierten hörte«, fuhr Peters fort, »gab es zuerst Schlägerei mit Zivilisten, und Kirkpatrick soll sehr wenig nüchtern gewesen sein – –«

»Aye! Der Alkohol is nischt für'n Menschen, der keinen Kopp danach hat«, mischte sich der Maschinist schadenfroh ein. »Alle Leidenschaftlichkeiten bringt 'r hoch und in ganz Schottland is kein Hafen für junge Leute so gefährlich wie dat olle ehrliche Glasgow.«

»Waren Sie dabei, Mr. McBrayne?« fragte Felicia scharf.

»Ne, Miß.«

»Ja, und Sie können mir glauben, Miß Drew, daß ich nur höchst ungern den Befehl zum Loslegen gegeben habe«, beeilte sich Mr. Hickman zu sagen. »Als Seemann ist Mr. Kirkpatrick sehr tüchtig und wir haben sowieso eine etwas knappe Besatzung. Ich konnte aber nichts ändern, denn wir durften keine Zeit mehr verlieren. Bitte beunruhigen Sie sich aber nicht, denn Mr. Peters –«

»Und ich wiederhole Ihnen, Mr. Hickman, daß Sie durchaus nicht berechtigt waren, ohne den von mir eingesetzten Kapitän in See zu gehen; ganz abgesehen davon, daß es unsere Pflicht war, ihm beizustehen.« Sie stampfte heftig mit dem Fuße. »Ich verlange, daß die ›Arrow‹ sofort wendet, damit ich mich persönlich vom Stande der Angelegenheit überzeugen kann!«

Einige Sekunden lang herrschte tiefstes Schweigen und Felicia glaubte hinter ihrem Rücken ein verhaltenes Kichern zu hören.

»Meine verehrteste Dame«, sagte Mr. Hickman höflich aber bestimmt, »das ist ganz ausgeschlossen. Die Jacht muß zum verabredeten Termin am verabredeten Treffpunkt sein, sonst ist das ganze Unternehmen hinfällig.«

Felicia starrte ihn an und ließ dann die Blicke in die Runde gleiten. Ein großer Teil der Matrosen hatte sich angesammelt und folgte interessiert den Auseinandersetzungen. Sie mochte sich täuschen, aber sie hatte fast den Eindruck, als ob die Haltung der Leute noch feindlicher und frecher geworden wäre.

Bis jetzt hatte sie sich innerlich mehr über das wüste Aussehen der Kerle lustig gemacht. Nun aber war die Situation gründlich verschoben, und das »Sich-lustig-machen« lag auf der anderen Seite.

Zum allerersten Mal in ihrem Dasein empfand Felicia Furcht. Sie blickte von dem unverschämten Gesicht des Kapitäns Peters zu den verunstalteten Zügen McBraynes hinüber. Sein auf sie gerichtetes Auge hatte wieder diesen impertinenten, widerwärtigen Ausdruck, der sie schon so oft abgestoßen hatte. Jetzt sah er beiseite, drehte sich auf dem Absatz herum und entfernte sich.

»Zeit, daß ich Smith ablöse«, grunzte er.

»Und sehen Sie zu, daß wir gehörig Dampf kriegen«, schrie ihm Peters nach. »Mindestens zwölf Umdrehungen mehr!«.

»Machen wir!« versicherte McBrayne und tauchte in den Maschinenraum unter. Felicia wandte sich an Mr. Hickman und bat ihn um eine Unterredung unter vier Augen.

»Gerne«, sagte er bereitwillig und führte sie ins Kartenhaus. Er war jetzt der einzige Mensch an Bord, auf den sie glaubte, sich verlassen zu können.

»Es tut mir wirklich schrecklich leid, Miß Drew«, beteuerte Mr. Hickman. »Ich weiß, wie sehr Sie dieser leidige Zwischenfall berührt, wo ich doch selbst den guten Kirkpatrick recht gern habe. Allerdings bezweifelte ich von Anfang an, ob man auf die Dauer mit ihm werde auskommen können. – Aber nun Kopf hoch, Miß Drew! Man muß sich stets ins Unvermeidliche fügen, wissen Sie. Wenn Sie aber wirklich ohne ihn nicht an Bord bleiben wollen, will ich sehen, daß ich Sie irgendwo absetzen kann –«

»Ich will aber das Schiff nicht verlassen!« rief sie heftig.

»O, ich verstehe, was Sie wollen, mein Fräulein, aber da ist wirklich nichts zu machen, denn –«

Ein Beben durchlief den Schiffskörper, so daß Mr. Hickman schwankte. Aus dem Maschinenraum ertönte ein Höllenspektakel. In das Fauchen und Zischen ausströmenden Dampfes mischte sich ein bedrohliches metallisches Knirschen. Gleichzeitig vernahm man angstvolle Stimmen, und die ›Arrow‹ zitterte wie ein erschrockenes Tier.

Mit einem Satz war Hickman draußen. Eine weiße Dampfwolke quoll aus dem Maschinenraum und in diesem Nebel erschienen die verstörten Gesichter des Maschinen- und Heizerpersonals. Schwerfällig begann die stilliegende ›Arrow‹ in der Dünung zu rollen.

Nun erschien zuletzt und ohne jegliche Hast die verwahrloste Gestalt des ehrenwerten Mr. Lochlan McBrayne an Deck. Der unvermeidliche Strahl braunen Saftes zischte über die Reling. Dann wischte er sich den Mund umständlich mit seinem schmierigen Werg ab. »So'n Dreckzeug von Heizer kriegt der ehrliche Seemann heut'gen Tages an Bord«, knurrte er verächtlich und deutete mit dem Daumen auf die Gruppe verstörter Männer. »Mahlzeit, Schipper! Bilden Se sich nur nich ein, dat se heute noch mit Ihrem Schlickrutscher weiterkommen.«

»Heiliger Gott im Himmel! – Was ist denn los mit der Maschine?« schrie Hickman außer sich.

»Weiter nischt, als daß 'n Niederdruckzylinder 'n saftigen Sprung gekriegt hat und zwo Dampfrohre in de Binsen gegangen sind. Is doch wirklich doll, 'nem seebefahrenen Menschen so 'ne Ramschware anzubieten. Man bloß gut, dat die Schweinerei gleich hier is los gegangen und nich weiter draußen. – Na, nu könnt ihr euren Kahn für 'ne Woche ins Dock legen. Ich weiß woll, daß mich die Schiffsführung nischt angeht, denn das is Peters seine Sache. Aber –« er deutete mit dem öligen Daumen auf einen Seeschlepper, der mit hoher Fahrt näherkam – »wenn ich Käppen wäre, würd' ich sehen, daß wir den da drüben als Vorspann kriegen. Auf and're Weise kriegen Se keine Bewegung mehr in die ›Arrow‹. Dat sage ich Ihnen. Wer meinswegen können Se auch hier 'rumschwabbern, bis Se schwarz werden. Mir is dat ganz wurscht.«

Es war beim besten Willen nichts gegen den Rat des Maschinisten einzuwenden, und so ließ Peters fluchend das übliche Flaggensignal setzen. Die hilflos rollende und schlingernde Jacht zeigte damit ihre Kapitulation vor der Macht des Geschickes an. Felicia, die stumm dem Auftritt beigewohnt hatte, wandte ihren erstaunten Blick dem Maschinisten zu, der ihr prompt mit seinem einen Auge in unverschämter Weise zuzwinkerte.

»Na, dies is ja woll 'ne vergnügte christliche Seefahrt für dat Dämchen und en Schipper«, gluckste er, während er behutsam die Leiter zum Maschinenraum hinabstieg. »Brechen uns 'n Bein, ehe daß wir noch richtig aus 'm Clyde 'raus sind. – Alte Weiber nennen so was ja woll 'n Omen.«

Mr. Hickman zog sich mit Peters in einen stillen Winkel zurück. »Paß auf, Jos. – Nach Glasgow will ich auf keinen Fall. Wenn's nicht anders geht, dann sorge dafür, daß er uns nach Belfast bringt«, sagte Hickman.

»Wird sich machen lassen, Hick. Dann können wir gleich den McBrayne abwimmeln und uns des Mädels versichern.«

In diesem Augenblick ging drüben auf dem Seeschlepper das Gegensignal hoch.

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