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Mit versiegelter Order

John Goodwin: Mit versiegelter Order - Kapitel 13
Quellenangabe
authorJohn Goodwin
titleMit versiegelter Order
publisherNeufeld & Henius / Verlag
yearo.J.
translatorF. V. Bothmer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181011
projectidc6c011ac
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12. Kapitel.
Mit nördlichem Kurs

Auf dem Achterdeck der in Southampton vor Anker liegenden ›Arrow‹ stand Mr. Hickman und unterhielt sich mit dem Kapitän. »Ich muß gestehen«. sagte er stirnrunzelnd, »daß ich mir eine besser aussehende Besatzung vorstellen könnte, aber ich bürge dafür, daß die Leute ihr Handwerk verstehen.«

»Wenn sie nichts taugen, werden sie allerdings ihr blaues Wunder an mir erleben«, knurrte Anthony. »Jachtmatrosen sind durch die Bank eine verweichlichte Bande, aber danach sehen unsere Kerle eigentlich nicht aus.« Er lachte. »Jetzt warten wir wohl nur noch auf Miß Drew?«

»Ja. Sie muß jeden Augenblick erscheinen. Gepäck und Bedienung sind bereits an Bord. – Aber nun kommen Sie, Kapitän; ich will Ihnen erst mal die für Miß Drew reservierten Räume zeigen.«

Sie stiegen hinunter. Im Salon befand sich eine junge Person, die so etwas wie eine seemännische Uniform anhatte, und da Mr. Hickman gerade abberufen wurde, wandte sich Kirkpatrick an das junge Mädchen. »Wer sind Sie?«

Die Kleine sah ihn etwas hochnäsig an, schien sich dann aber eines Besseren zu besinnen. »Sind Sie der Kapitän?« fragte sie.

»Allerdings.«

»Oh Verzeihung, das wußte ich nicht. Sie kommen mir so jung vor. – Mein Name ist Sarah Hignett und Miß Drew hat mich für die Dauer der Reise als Zofe engagiert.«

»Kennen Sie die Dame schon lange?«

»Ich war Zimmermädchen in der Pension, in der sie wohnte, und ich habe zu Miß Drew große Zuneigung gewonnen.«

»Schön. Hoffentlich kommen Sie mit allem zurecht.«

Er begab sich wieder an Oberdeck. Eine arbeitsreiche Zeit lag hinter ihm, seit er vor knapp zwölf Stunden zum erstenmal seinen Fuß an Bord setzte. Als Kapitän der ›Arrow‹ bekam er fortan dreißig Pfund im Monat. Das Schiffchen gefiel ihm recht gut. Die Papiere lauteten auf Sidney. Dieser Hafen lag insofern günstig, als man ihn sowohl westwärts als auch ostwärts erreichen konnte und – im Falle man eigene Wege gehen wollte, keine unbequemen Fragen zu befürchten brauchte. Die Ausrüstung des Fahrzeuges war recht gut, und besonders fiel Anthony unter den Beibooten ein kräftiges, kleines Motorboot auf. Verdächtig erschien ihm hingegen die Besatzung, denn eine derart rauhbeinige Gesellschaft hatte er selten beisammen gesehen. Die übliche weiße Jachtmatrosenuniform paßte zu den Leuten wie der Gehrock zum Kongoneger. Auch die beiden Steuerleute sahen nicht viel besser aus.

Den leitenden Maschinisten kannte er noch nicht, denn der Mann hatte noch zu guterletzt Landurlaub bekommen. Jetzt aber, als Anthony wieder nach oben kam, entstieg dem Maschinenraum ein Mensch, den er im ersten Augenblick für einen reichlich dreckigen Heizer hielt.

»McBrayne!«

Der Mensch drehte sich zu ihm herum. Er war groß und hager, und seine langen Arme reichten ihm fast bis an die Knie. Sein durchfurchtes, braunes Gesicht besaß die zweifelhafte Zier eines graumelierten, fusseligen Bartes und zeigte im übrigen einen ziemlich höhnischen Ausdruck. Der vorspringende Gesichtserker gewann durch das gebrochene Nasenbein durchaus nicht an Schönheit. McBrayne trug eine verdächtig aussehende Jacke und ein Paar speckiger Tuchhosen, die mit einem Ledergürtel zusammengehalten wurden, unter den er ein Knäuel ölgetränktes Maschinenwerg gestopft hatte. Jetzt spuckte er zielsicher einen Strahl brauner Tabaksbrühe über Bord, benutzte den Wergballen als Taschentuch und näherte sich Anthony, wobei er eine leichte Wolke von Whiskydunst um sich verbreitete.

»Hol' mich der Kuckuck, wenn's nich Kirkpatrick is!« brummte er und verzog den Mund zu einem scheußlichen Grinsen. Ein geringschätzig-mißtrauischer Blick seines einen Auges glitt über Anthonys betreßten Ärmel. Das andere Auge war aus Glas und blieb starr geradeaus gerichtet. »Junge, is's de Möglichkeit, ham se Ihnen zum Schipper hier an Bord gemacht?!« Schiffer, so hieß nach altem Seemannsbrauch der Kapitän.

»Sie werden jedenfalls gut daran tun, sich diese Tatsache ein für allemal ins Gedächtnis zu hämmern.«

»Dunnerkiel, dat nenn' ich 'ne Beförderung bei die christliche Seefahrt«, grunzte McBrayne. »Mich jagen se vor zwei Jahren von die ›Balearic‹ 'runter, bloß weil ich 'n büschen gesoffen habe, und nu lande ich hier als erster Maschinist. Sie fliegen, weil Se 'n paar Passagiere vertobackt ham, und kommen als Käppen wieder uff de Beine! Na überhaupt, wenn Se meine Meinung woll'n ham über det Unternehmen, denn –«

»Alles, was ich will, Maschinist, ist ein gehöriger Dampfdruck und das um punkt zwei Glas!« fiel ihm Kirkpatrick brüsk in die Rede.

»Ham Se man bloß keine Angst, Käppen. Dat machen wer allens. Uff mich können Se sich verlassen.«

»Und dann noch eins, McBrayne. In einem solchen Aufzuge wünsche ich Sie nicht mehr an Oberdeck zu sehen. Verstanden? Wir haben eine Dame an Bord.«

»Hab' ich schon vernommen, Sir«, beteuerte McBrayne und verschluckte sich. »Aber ich will Ihnen was sagen, Käppen: 's is dicke Luft hier und – –«

»Mr. McBrayne«, versetzte Kirkpatrick schroff, »gehen Sie auf Ihren Posten. Mit Ihrer Voraussicht peinlicher Vorfälle hier an Bord dürften Sie recht haben. Bitte zwingen Sie mich aber nicht, gleich zu Beginn der Reise mit meinem ersten Maschinisten längs Deck zu fahren!«

Das Auge des Angeredeten nahm einen feindseligen Ausdruck an. Plötzlich aber glitt ein unbeschreibliches Lächeln über sein Gesicht, und mit leidlich festem Schritt begab er sich zum Maschinenniedergang und tauchte darin unter.

Mr. Peters, Steuermann der »Arrow«, stand in der Tür des Kartenhauses. »Gig mit der Dame setzte gerade von Land ab, Sir«, meldete er.

Auch Joshua Peters war alles andere als eine Schönheit. Auf einem Stiernacken saß ein blauroter Kopf mit dem Gesicht eines Gorilla, welcher Eindruck besonders auf Konto der Augenstellung und der übermäßig dicken vorspringenden Lippen zu setzen war. Sein kurz geschorenes, borstiges Haar wurde an den Schläfen bereits grau. Er ignorierte Anthony völlig und richtete seine Worte ostentativ an Mr. Hickman.

Kirkpatrick beschloß zunächst noch ein Auge zuzudrücken, umsomehr, als er vermutete, daß Peters das Kommando der ›Arrow‹ für sich erwartet hatte und nun natürlich erbost war. »Danke, Mr. Peters«, sagte er daher ganz seelenruhig. »Sobald Miß Drew an Bord ist, halten Sie bitte alles klar zum Ankerlichten.«

Der Mann nahm die Front zu ihm. Zwar tat er äußerst respektvoll, aber das spöttische Zwinkern der geröteten Schweinsaugen hätte die Galle eines Heiligen erregen können. »Jawohl, Käppen! – Gewiß Käppen! Alles klar.«

»Lassen Sie in Zukunft nur den ›Käppen‹ weg, Steuermann. Sie haben kurz zu antworten: Aye, Sir.«

»Aye, aye, Sir«, wiederholte Joshua mit bescheidenem Ausdruck, der in Wirklichkeit an Insubordination grenzte. Dann verließ er das Kartenhaus.

In diesem Augenblick legte die Gig am Fallreep an, und gleich darauf erschien Felicia an Deck. Sie trug ein fesches blaues Schneiderkleid und ihre Wangen waren vor freudiger Erregung gerötet.

Mr. Hickman empfing sie mit dem Hut in der Hand. »Willkommen, Miß Drew. So, jetzt sind wir vollzählig.«

»Ich komme doch nicht zu spät?« fragte sie und sah zu Anthony hinauf, der auf der Brücke stand. Er grüßte zwar, blickte im übrigen aber so starr geradeaus wie Nelson auf seiner Säule am Trafalgar Square. Er erteilte einige Befehle zum Anbordnehmen der Gig.

»Der Lunch ist serviert«, lud Hickman ein. »Gehen wir hinunter, Miß Drew?«

»Oh nein, dazu bin ich viel zu aufgeregt«, rief sie und stieg ohne weiteres zur Kommandobrücke hinauf. »Meine Anwesenheit wird ja wohl nicht stören, Kapitän?« fragte sie etwas hochmütig.

»So lange Sie nicht im Wege stehen, gewiß nicht«, gab Anthony gleichmütig zur Antwort und riß den Hebel des Maschinentelegraphen herum. Von unten ertönte ein scharfes Klingeln, weißer Schaum quoll am Heck des Schiffchens aus, und langsam glitt die ›Arrow‹ aus dem Hafen.

Hickman stand bei der Treppe zum Salon, als Mr. Peters bei ihm vorüberkam. »Jos«, sagte Hickman eindringlich. »Laß dir nichts anmerken, mein Junge. Ich weiß schon, was mit dem Burschen zu geschehen hat.«

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