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Mit versiegelter Order

John Goodwin: Mit versiegelter Order - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJohn Goodwin
titleMit versiegelter Order
publisherNeufeld & Henius / Verlag
yearo.J.
translatorF. V. Bothmer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181011
projectidc6c011ac
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10. Kapitel.
Mr. Hickman

Vier Wochen waren vergangen und das Drama in der Pont Street hatte noch immer keine Aufklärung gefunden. Es sah fast so aus, als hätten sich die Nachforschungen festgefahren.

Wenngleich das Zusammensein nur so kurz gewährt hatte, riß der tragische Verlust des Onkels dennoch eine Lücke in Felicias Leben, die sie glaubte nie wieder ausfüllen zu können.

Glücklicherweise aber besitzt die Jugend eine geradezu unverwüstliche Spannkraft und Felicia war viel zu lebensbejahend, um sich fruchtlosem Grübeln zu überlassen. Sie erkannte allerdings klar, daß sie nunmehr ganz und gar auf eigenen Füßen werde stehen müssen. Zunächst einmal galt es, die verfügbaren Mittel einzuteilen, denn vorläufig war ja mit der Riesenerbschaft der Tante Honoria nicht zu rechnen.

Onkel Mark hatte sie zu seiner Universalerbin gemacht, und wenn sie dies auch nie angestrebt hatte, so war sie doch fest entschlossen, nach besten Kräften mit dem überkommenen Vermögen zu wirtschaften.

Jetzt saß Felicia dem Anwalt ihres Onkels in dessen Büro gegenüber und Mr. Brady setzte ihr gerade auseinander, daß sich die Gesamtsumme nach Abzug aller Fälligkeiten auf rund fünfzehnhundert Pfund belaufen werde. Das war mehr, als sie erwartet hatte.

»Ich bin in der angenehmen Lage, Ihnen einiges vorschießen zu können, falls Sie bares Geld benötigen«, sagte der Anwalt. »Immerhin wird es ja noch ein Weilchen dauern, bis Ihnen das Ganze ausgehändigt wird. Natürlich verstoßen Sie damit keineswegs gegen die Bestimmungen jener anderen Erbschaft. – Ja, und dann ist da noch ein ganz besonderer Posten.« Mister Brady seufzte. »Ich meine die Jacht ›Arrow‹ von zweihundertfünfzig Tonnen, die derzeit in Southampton liegt.«

Der Anwalt machte ein bekümmertes Gesicht. »Das Fahrzeug wäre vielleicht für einen Millionär geeignet gewesen«, meinte er, »nicht aber für einen Mann, dessen Mittel sich auf höchstens 1500 Pfund belaufen. Aber derlei sah dem verstorbenen Mr. Halahan so recht ähnlich.«

»Richtig, die ›Arrow‹!« rief Felicia. »Die haben Sie aber doch nicht in die erwähnte Summe mit einbezogen?«

»Ich werde mich hüten!« verwahrte sich der Rechtsanwalt. »Die ›Arrow‹ können wir nur als Debetposten buchen, denn es liegt eine saftige Hypothek zu gunsten des Mr. James Stacey Hickman auf ihr. Besagter Herr hat sie für vier Monate gechartert und gedenkt baldigst in See zu gehen. Er ist selbst erst vor kurzem aus dem Auslande zurückgekehrt.«

Felicia zog die Brauen zusammen. »Und wer ist dieser Mr. Hickman?«

»Zunächst mal ein sehr wohlhabender Mann. Des weiteren aber war er mit Ihrem Onkel eng befreundet, und soviel ich weiß, haben die beiden häufig geschäftlich zusammengearbeitet. Auch jetzt planten sie eine gemeinschaftliche Sache, über deren Natur ich allerdings nicht unterrichtet bin.«

»Was bezahlt er für die Charter?«

»Eigentlich nichts, denn de facto gehört ihm das Schiff.«

»Mr. Brady, das gefällt mir aber ganz und gar nicht!« brauste Miß Drew auf. »Was kann ich dagegen tun? – Was raten Sie mir?«

»Ich an Ihrer Stelle würde folgendes tun. Ich überließe Hickman die Jacht für die Dauer der Charter – man munkelt etwas von einer Südseereise – und wenn die paar Monate herum sind, würde ich aus der Erbschaftsmasse der Miß Honoria Drew die Hypothek ablösen.«

»Und wenn das Schiff in der Zwischenzeit verloren geht?«

»Das glaube ich nicht, denn Hickman hat alles Interesse daran, es wieder heil nach Hause zu bringen.«

»Also hören Sie zu, Mr. Brady«, erklärte Felicia sehr bestimmt. »Ich hasse alle Geheimniskrämerei und unter gar keinen Umständen dulde ich es, daß Mr. Hickman mit meinem Eigentum allein in der Welt herumsegelt. Verkaufen aber will ich erst recht nicht.«

Der Anwalt war über ihre energische Sprechweise sichtlich erstaunt. Dennoch versuchte er ihr gut zuzureden. »Mein sehr verehrtes Fräulein, eine der beiden Lösungen werden Sie aber wohl gelten lassen müssen, denn ich für meine Person sehe keine andere Möglichkeit.«

»Aber ich!« rief sie hitzig. »Wollen Sie bitte diesem Mr. Hickman umgehend schreiben, daß ich ihn zu sprechen wünsche? Ich will unmittelbar mit ihm verhandeln.«

»Selbstverständlich, Miß Drew. Am besten dürfte es sein, wenn ich ihm ein Zusammentreffen hier in meinem Geschäftszimmer morgen vormittag halb zwölf vorschlage.«

Noch während sie hinausging, faßte sie bereits einen Entschluß, der sehr rasch feste Formen annahm. Mr. Bradys Mitteilungen hatten ihre Kampfeslust geweckt. Und da ihr bis zur Besprechung mit Mr. Hickman noch vierundzwanzig Stunden verblieben, konnte sie einen Teil ihres Vorhabens bereits in die Wege leiten. Ein Auto brachte sie zum Verwaltungsgebäude der Red Moon Line, wo sie sich nach der Adresse des Mr. Kirkpatrick erkundigen wollte.

Die Leute zeigten sich merkwürdig zugeknöpft und erteilten nur widerwillig Auskunft. Felicia machte sich indessen keine sonderlichen Gedanken darüber. Zu Hause setzte sie sich hin, schrieb ein paar Worte an Mr. Brady, steckte das Briefchen selbst in den Kasten und begab sich zu Bett.

Pünktlich um halb zwölf des anderen Tages stand sie im Büro des Anwalts.

»Ich erhielt Ihre Zeilen, Miß Drew«. sagte er, »und habe den Herrn bereits zu mir bitten lassen, weiß allerdings noch nicht, was Sie damit bezwecken. Wenn er kommt –«

»So erwähnen Sie zunächst einmal nichts von mir«, fiel ihm das Mädchen ins Wort. »Sie stellen ihm lediglich die angegebenen Fragen und geben mir telephonisch Bescheid. – Nun und was ist mit Mister Hickman?«

Als wenn er auf sein Stichwort gewartet hätte, wurde der Genannte im selben Augenblick durch einen Hilfsschreiber gemeldet und betrat gleich darauf das Zimmer. Felicia musterte ihn mit einem umfassenden Blick und atmete erleichtert auf. Der Mann sah durchaus vertrauenerweckend aus.

Mr. Hickman mochte fünfzig Jahre alt sein und sein gutmütiges Gesicht wurde höchstens durch eine gewisse Härte im Ausdruck der Augen ein wenig beeinträchtigt. Sein Benehmen war äußerst zuvorkommend und weltmännisch.

Brady stellte ihn vor.

»Freut mich wirklich sehr, Sie kennen zu lernen«, sagte der Besucher und ergriff die ihm dargereichte Hand. »Sie sind also die Nichte meines unvergeßlichen Freundes Mark? Ich befand mich auf Reisen, als das Schreckliche geschah, Miß Drew, und ich muß gestehen, daß ich auf die Nachricht wie vom Donner gerührt war. – Nun, und jetzt handelt es sich wohl um die ›Arrow‹, wenn ich mich nicht irre?«

»Ja, Mr. Hickman. Ich bin ja nunmehr die Eigentümerin.«

»Wobei Sie über die derzeitigen Vereinbarungen nicht sehr entzückt sein werden, nicht wahr? Selbstverständlich bin ich bereit, Ihnen so weit wie möglich entgegenzukommen. Das bin ich schon dem Andenken des guten Halahan schuldig. Und nun wollen Sie mir bitte Ihre Wünsche mitteilen.«

Man nahm Platz, und Mr. Brady zog sich mit der Bemerkung zurück, daß er Felicia jederzeit zur Verfügung stehe, sofern sie ihn benötige.

»Kurz ausgedrückt, geht mein Streben dahin, die Jacht wieder in schuldenfreien Alleinbesitz zu bekommen«, eröffnete sie das Gespräch.

Mr. Hickman lächelte gutgelaunt. »Dieser Wunsch ist natürlich sehr begreiflich und läßt sich auch ohne weiteres erfüllen, wenn Sie die notwendigen Summen aufbringen können.«

»Und wenn ich dazu nicht in der Lage bin?«

»Dann wäre ich bereit, das Schiff gegen Erlaß der eingetragenen Hypothek zu übernehmen. Unter den heutigen Verhältnissen ist das gewiß kein gutes Geschäft für mich, aber wie Ihnen Mr. Brady bereits angedeutet haben dürfte, benötige ich die ›Arrow‹ dringend zur Durchführung eines Geschäftsunternehmens.«

»Wollen Sie mir dann mal erklären, was Sie mit meiner Jacht im Sinn haben, Mr. Hickman? Wo soll die Reise hingehen?«

»Eigentlich handelt es sich um eine Vergnügungsreise, und zwar um eine sehr nette«, gab er zur Antwort. »Daneben wird aber hoffentlich auch ein kleiner Gewinn abfallen. Man muß eben verstehen, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, wissen Sie. Aber ich muß da etwas weiter ausholen. Ursprünglich waren wir unser drei, nämlich Mark Halahan, ich und ein gewisser Gordon Richards. Mr. Richards befindet sich augenblicklich in Lagos. Er beabsichtigte auch nie, persönlich an der Reise teilzunehmen, hat hingegen die erforderlichen Vorbereitungen getroffen. Die Seele des Ganzen war Ihr Onkel, und, offen gestanden, kenne ich das Reiseziel selbst nicht genau.«

Felicia machte große Augen. »Wollen Sie damit ausdrücken, daß Sie abdampfen werden, ohne zu wissen wohin?«

»Darauf kommt es in der Tat hinaus. Die ›Arrow‹ fährt mit versiegelter Order«, erklärte Hickman.

»Mit versiegelter Order??«

»Das ist doch weiter nichts Ungewöhnliches, Miß Drew. Dieser seemännische Ausdruck besagt, daß das Schiff eine ganz bestimmte Position erreichen muß, ehe der Führer die mitgegebene Segelorder öffnet. Es geschieht dies fast immer in den Fällen, in denen man das Endziel geheim halten will. Wir zum Beispiel sollen die Order drei Tage nach Verlassen des Clyde erbrechen.«

»Das klingt ja riesig romantisch, Mr. Hickman. Als Geldgeber werden Sie aber doch sicher den Inhalt der Order kennen, oder wollen Sie mir gegenüber davon nicht sprechen?«

Wieder lächelte Mr. Hickman. »Ich möchte fast annehmen, daß es sich um Perlenfischerei handelt«, meinte er.

Felicia horchte auf. Das war ja gerade etwas für sie, wo sie Perlen ohnehin so sehr liebte. Und Abenteuer standen da auch in Aussicht!

Er reichte ihr einen Brief. »Sehen Sie, den schrieb mir Halahan kurz vor seinem Tode.«

»Mein lieber Hickman!

Ich denke, daß wir am 30. Oktober in See gehen können. Möglicherweise wird man aber versuchen, uns Schwierigkeiten zu machen. Lassen Sie daher nicht das geringste verlauten, sondern halten Sie dicht wie eine Auster!

Mark Halahan.«

Der Brief war sechs Wochen alt und Felicias Herz zog sich beim Anblick der vertrauten Schriftzüge schmerzlich zusammen. Plötzlich hob sie den Kopf und sah dem Geschäftsfreund ihres Onkels fest in die Augen.

»Ich will Ihnen was sagen, Mr. Hickman. Es ist mir alles andere als lieb, daß die ›Arrow‹ ohne mein Zutun eine Reise unternehmen soll. Mein Onkel war jedoch damit einverstanden, und so will auch ich meine Zustimmung geben, vorausgesetzt, daß ich mitkommen kann.«

Mr. Hickman überlegte. – Es war genau das, was er erwartet hatte. »Gewiß, Miß Drew«, sagte er dann. »Warum auch nicht? Sie sind die Eigentümerin, und ich glaube selbst, daß Sie viel Freude an der Reise haben werden. Selbstverständlich lasse ich Ihnen gleich die Kajüte und den Privatsalon herrichten. Augenscheinlich lieben Sie die See genau so wie ich.«

»Jedenfalls werde ich auf diese Weise noch etwas von der ›Arrow‹ haben«, lächelte sie. »Aber nun weiter, Mr. Hickman; Sie müssen mir eine Bescheinigung ausstellen, wonach ich für keinerlei Vorkommnisse an Bord verantwortlich zu machen bin, solange Ihre Charter läuft.«

»Aber gerne!«

»Und schließlich verlange ich die Berechtigung, den Kapitän zu ernennen.«

Merkwürdigerweise wollte der ältere Herr davon zunächst nichts wissen. Erst nach längerem Sträuben ging er auf ihren Wunsch ein. Schließlich erhob er sich, schüttelte ihr in herzlicher Weise die Hand und ging. Draußen traf er Mr. Brady, mit dem er einige Worte wechselte.

»Die Kleine ist gar nicht so dumm, Brady; dabei aber so eigensinnig und bockbeinig wie drei Maultiere.«

»Damit erzählen Sie mir nichts Neues.« Der Anwalt seufzte. »Ich will sie mal gleich nach ihren weiteren Wünschen fragen.«

»Könnte ich wohl eben mal Ihren Fernsprecher benutzen? Nein – nicht den allgemeinen, bitte!«

Brady schob ihn in einen kleinen Raum, in dem sich ein Tischtelephon befand. Mr. Hickman verschloß die Tür und verlangte eine mehrstellige Rufnummer.

»Bist du selbst am Apparat, Dan? – Du, die Drew, ist ganz versessen auf die Reise. – Wie? – Perlen, habe ich ihr gesagt. Läßt die ›Arrow‹ nur unter der Bedingung los. – Ja, ich werde ihr die Staatsräume geben. –«

Die süßliche Stimme des Mr. Ricardo antwortete: »Fein! Wußte gleich, daß du das deichseln würdest, Hick. Ist sie restlos auf den Leim gekrochen?«

»Paß' auf, Dan«, sagte Mr. Hickman sehr eindringlich. »Es ist ein Haken dabei, ein sehr ekliger Haken. Sie annulliert die Charter, wenn –«

Drüben war ein ärgerlich erschrockener Ausruf zu vernehmen. »Unter keinen Umständen zulassen! –«

»Sie annulliert die Charter, wenn sie nicht persönlich den Kapitän bestimmen darf. Ja, sie will unbedingt den Kapitän bestimmen. Um Zeit zu gewinnen, habe ich ihr vorläufig zugesagt, aber –«

Ein leises Lachen ertönte im Hörer. »Ausgezeichnet, Hick. Ich weiß schon, wen sie sich dabei geangelt hat. – Einverstanden, mein Schatz! Herzlichst einverstanden!«

»Du kennst den Menschen?« Die Frage klang erstaunt.

»Ja, ja! – Frag' nicht, alter Junge. Du erfährst das noch früh genug. Halte vor allem das Mädel bei der Stange, Hick, und wenn du ihr das Blaue vom Himmel herunter vorlügen mußt. Mit Weibern soll man überhaupt grundsätzlich nicht streiten!«

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