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Mit dem Kopf durch die Wand

Ödön von Horváth: Mit dem Kopf durch die Wand - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/horvath/kopfwand/kopfwand.xml
typecomedy
authorÖdön von Horváth
titleMit dem Kopf durch die Wand
publisherSuhrkamp Verlag
seriesHorvath, Gesammelte Werke
volumeBand 4, Komödien 2
editorTraugott Krischke, Dieter Hildebrandt
year1972
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091214
projectid6fc0ef00
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Vierter Akt

Das Appartement des Professor Bossard im Hotel Terminus. Man merkt es dem Salon an, daß in ihm die Nacht hindurch gearbeitet wurde: überall Kaffeetassen, leere Flaschen, Gläser, Zigarettenasche und dergleichen Spuren geistiger Betätigung.

Der Assistent sitzt in Hemdärmeln vor einer alten Schreibmaschine und tippt ein Drehbuch, das ihm Manuel diktiert; dieser hat sich die Schuhe und den Kragen ausgezogen, scheint aber noch der relativ frischeste zu sein. Der Pianist sitzt auf dem Boden und ordnet einen Haufen Durchschläge; um seine Hose zu schonen, hat er sich ihrer entledigt und sie über den Flügel gehängt. Alle sind fieberhaft tätig, bleich und übermüdet. Nur Bossard schlummert; er sitzt fröstelnd mit hochgeschlagenem Mantelkragen in einem Lehnstuhl im Vordergrunde rechts.

1. Auftritt

Bossard, Manuel, Pianist, Assistent.

Manuel  geht auf und ab und diktiert, wie gesagt, dem Assistenten: – »und die Unbekannte ertrinkt im Wasser, aber sie lächelt dabei«. Darunter: »Trickaufnahme«.

Assistent  In Klammern?

Manuel  Klar! Trick ist immer in Klammern! Weiter! Rechts: »Das Rauschen des plätschernden Wassers –«

Pianist  Halt! Plätschern geht nicht! Das muß musikalisch untermalt werden!

Assistent  Du kommst nicht zu kurz!

Pianist  Aber ich red doch nur im Interesse des Gesamtkunstwerks!

Manuel  Also gut! Zum Assistenten. Schreib: »Plätscherndes Wasser musikalisch untermalt.« Ist ja egal.

Assistent  tippt wütend, dann: Schluß! Er reißt die letzten Durchschläge aus der Schreibmaschine und wirft sie dem Pianisten zu. Tu deine Pflicht!

Pianist  schüttelt den Kopf: Ein befremdendes Benehmen –

Assistent  erhob sich, reckt sich und gähnt hemmungslos unartikuliert; betrachtet plötzlich seine Hände: Mir scheint, ich hab einen Fingerkrampf – Er beschäftigt sich mit seinen Fingern.

Bossard  erwacht und fährt sich mit der Hand über die Augen.

Manuel  der Durchschläge korrigiert: Guten Morgen, Herr Geheimrat!

Bossard  lächelt matt: Ratet mal, was ich geträumt hab –

Pianist  Na?

Bossard  Es war Frühling und ich fuhr mit der Unbekannten nach Nizza. Sie hat mir alles erzählt, einen wundervollen Film – Wie war denn das nur? Ja, jetzt hab ich es vergessen.

Assistent  Macht nichts! Wir sind fertig.

Bossard  überrascht: Mit dem Drehbuch?

Pianist  Vor zwei Minuten.

Bossard  Respekt!

Manuel  Unberufen!

Bossard  Apropos unberufen: ist sie schon zurück?

Assistent  Nein.

Manuel  Ein Filmball dauert oft ewig.

Stille.

Bossard  Hat denn keiner eine Uhr?

Pianist  deutet nach dem Fenster: Draußen ist eine.

Manuel  Schauen wir mal nach – Er tritt an das Fenster, öffnet es und prallt zurück, denn die Sonne scheint hell herein. Die Sonne! Es ist schon halbacht!

Alle starren nach der Sonne und sind sehr betreten.

Bossard  leise: Gott steh uns bei.

Stille.

Assistent  bange: Es muß ihr was passiert sein –

Pianist  hat seine Durchschläge geordnet und zieht sich nun rasch eine Hose an: Ich hab es mir gleich gedacht, daß dieser blöde Notausgang –

Manuel  unterbricht ihn: Es war der einzige Weg!

Es klopft an die Türe im Hintergrunde. Da ist sie! Er will an die Türe eilen, um sie zu öffnen.

Assistent  hält ihn am Arm zurück: Aber! Die klopft doch nicht!

Stille.

Pianist  ängstlich: Vielleicht die Polizei?

Bossard  scharf: Ausgeschlossen!

Es klopft noch einmal.

Herein!

2. Auftritt

Die Vorigen, Huelsen.

Huelsen erscheint zerknittert, durchnäßt, noch immer im Frack, ohne Mantel, ohne Hut; er macht den Eindruck eines gebrochenen Mannes.

Pianist  überrascht: Huelsen!

Huelsen  zu Bossard: Verzeihen Sie, daß ich störe – Er lächelt schmerzvoll. Könnt ich mal unsere Unbekannte sprechen?

Bossard  Leider –

Huelsen  fällt ihm ins Wort: Keine Ausreden! Zuhaus ist sie nicht!

Manuel  Hier ist sie auch nicht!

Huelsen  schreckt zusammen: Jetzt, um halbacht?!

Assistent  Weiß der Teufel, wo die steckt!

Bossard  War sie auf dem Ball?

Huelsen  Ja.

Manuel  Ging es glatt?

Huelsen  grimmig: Sehr glatt.

Pianist  Na Gottseidank!

Huelsen  Mit der Freikarte eines »Herrn«, der obendrein sein Ehrenwort brach – Es ist grauenhaft!

Bossard  bange: Ist ihr etwas passiert?

Huelsen  Wie mans nimmt! Die ist bei einem Kavalier!

Stille.

Bossard  Ausgeschlossen.

Huelsen  Das war auch meine Meinung. Noch gestern!

Bossard  Aber die geht doch zu keinem Kavalier, die nicht!

Huelsen  Auch nicht zum Marquis de Bresançon?

Bossard  Wer ist das?

Huelsen  Ein Sonderling. Und ein Jugendfreund Sempers –

Stille.

Bossard  Herr Doktor! Ich kenne unsere Unbekannte, und es ist meine feste Überzeugung, daß sie niemals –

Huelsen  unterbricht ihn: Auch nicht aus Berufsgründen?

Bossard  Nein, auch dann nicht. Ausgeschlossen!

Huelsen  Ich danke Ihnen, Herr Bossard – Er lächelt verlegen, denn er fühlt sich beschämt. Könnt ich vielleicht einen Schluck Kaffee?

Pianist  Mit oder ohne Zucker?

Huelsen  Ohne, bitte!

Assistent  wollte einschenken: Kein Tropfen mehr da! Eine Zigarette hätt ich noch –

Huelsen  Danke! Bin leider Nichtraucher.

Es klopft an die Türe im Hintergrunde.

Da ist sie! Er will an die Türe eilen, um sie zu öffnen.

Manuel  hält ihn am Arm zurück: Aber! Die klopft doch nicht!

Huelsen  Sie haben recht.

Bossard  Herein!

3. Auftritt

Die Vorigen, Zimmerkellner.

Zimmerkellner  tritt ein: Herr Generaldirektor Semper wünschen Herrn Professor Bossard!

Bossard  Schon?! Sofort, einen Augenblick! Zu seinen Kollegen. Rasch! Räumt zusammen! Er hilft auch mit, hastig Ordnung zu machen; zu Manuel. Fenster auf, frische Luft!

Huelsen  zu Bossard; leise: Wird das Spiel fortgesetzt?

Bossard  ebenso: Werden sehen! Er entledigt sich rasch seines Mantels und wirft ihn dem Assistenten zu.

Huelsen  warnend: Ich schweige, aber ich tu nicht mit.

Bossard  Schweigen genügt! Zu seinen Kollegen. Fertig?

Manuel  bereits in der Türe links: Fertig! Ab mit dem Assistenten und Pianisten, beladen mit Kaffeetassen, leeren Flaschen und Gläsern, Schreibmaschine, Durchschlägen und Bossards Mantel.

Bossard  zum Zimmerkellner, der erstaunt, jedoch beherrscht, die Betriebsamkeit mitansah: Ich lasse bitten!

Zimmerkellner ab durch die Türe im Hintergrunde und läßt Semper ein.

4. Auftritt

Bossard, Huelsen, Semper.

Semper  tritt ein: Willkommen, willkommen! Professor, Sie sind ein Genie! Er erblickt Huelsen. Auch schon da? Und noch immer in grande toilette? Das lebt sich! Zu Bossard. Wie gehts unserem lieben Besessenen?

Bossard  lächelt zweideutig: Er hats überstanden.

Semper  Bravo! Professor, Sie sind ein wissenschaftliches Wunderwerk und Ihr Gespenst spielt alle an die Wand! Grad hab ich mir die Probeaufnahmen vorführen lassen – phantastisch! Ein Naturtalent! Sogar der Vorführer ist zu mir gelaufen gekommen, wer das Mädel ist! Aber ich hab keinen Namen genannt! Er lacht.

Bossard  Ich bin glücklich –

Semper  unterbricht ihn: Und ich bin begeistert! Habens nicht übrigens ein Exposé über die wahre Geschicht, nur ein paar Zeilen? Ein Drehbuch –

Bossard  Leider!

Semper  Wissens, man müßte die Aufnahmen versuchen, es war ein kühner Vorstoß in das Reich der vierten Dimension! Nicht auszudenken! Das laß ich von einem blöden Routinier bearbeiten und schon steht die Welt kopf!

Bossard  gibt sich einen Ruck: Herr Generaldirektor! Es dürfte nun an der Zeit sein, daß ich Ihnen eine feierliche Erklärung –

Semper  unterbricht ihn und läßt ihn im folgenden nicht mehr zu Wort kommen: Sie meinen den Vertrag? Keine Sorge! Sie werden einen Grandseigneur kennen lernen! Aber – Er zieht ihn etwas näher an sich und wirft einen verstohlenen Blick auf Huelsen; gedämpft. Aber jetzt hätt ich noch etwas Privates, Intimes –

Bossard  leise: Dreht sichs um ihn?

Semper  leise: Im Gegenteil, es dreht sich um mich! Professor, Sie wären der einzige Mediziner, zu dem ich Vertrauen hätt – als Patient.

Bossard  perplex: Patient?

Semper  blickt wieder auf Huelsen: Leise, leise! Nur nichts vor den Angestellten, sonst weiß es morgen die ganze Branche! Kommens ins Nebenzimmer, ich möcht Ihnen was zeigen an mir –

Bossard  verzweifelt: Aber ich bin doch kein Arzt –

Semper  unterbricht ihn abermals: Nicht so bescheiden, Professor! Ich bin im Bilde und hab mich erkundigt! Bossard verschlägts die Sprache. Grad heut Nacht hat mir eine Dame aus Argentinien von Ihnen erzählt, von Ihren unglaublichen Heilerfolgen! Sie kennt Sie genau!

Bossard  Wen? Mich?

Semper  Wen denn sonst?! Sie haben doch mit Ihrer Kunst einem Ihrer Onkel das Leben gerettet, einem alten Farmer, der sich zwanzig Jahr lang eingebildet hat, daß er ein Lama ist –

Bossard  irr: Ein was?

Semper  Ein Lama. Auf den Steppen, auf den Pampas! Professor, ich beschwör Sie. Ich hab keine Ruh, bevor Sie mich nicht untersucht haben! Ich hab eh nie Zeit – Kommens! Er drängt den total verwirrten Bossard mit sich durch die Türe links.

5. Auftritt

Huelsen, Unbekannte.

Unbekannte tritt rasch ein durch die Türe im Hintergrunde, erblickt Huelsen, der Semper besorgt-neugierig nachsieht, und schreit leise auf.

Hülsen  wendet sich ihr ruckartig zu: Endlich! Wo warst du?!

Unbekannte  schreit: Schrei mich nicht an!

Huelsen  schreit: Wer schreit?!

Die Beiden fixieren sich.

Unbekannte  trotzig: Ich war auf dem Ball.

Huelsen  Bis jetzt?

Unbekannte  Nein.

Huelsen  Sondern?

Unbekannte  Ich war zuhaus.

Huelsen  Das ist nicht wahr.

Unbekannte  horcht auf: Du glaubst mir nicht?

Hülsen  Frech auch noch.

Unbekannte  braust auf: Ich laß mich nicht beleidigen, hörst du?! Ich hab dich noch nie belogen, mit keiner einzigen Kleinigkeit seit wir uns kennen, und vorher auch nicht, du oberflächlicher Pedant, du hast also gar kein Recht –

6. Auftritt

Die Vorigen, Assistent.

Assistent  erscheint in der Türe links und fällt der Unbekannten ins Wort; er herrscht sie unterdrückt an: Ruhe! Bist du verrückt?! Brüllt herum und drinnen ist er selbst!

Unbekannte  Wer?

Assistent  Semper!

Unbekannte zuckt erschrocken zusammen und schlägt sich mit der Hand auf den Mund.

Huelsen  zur Unbekannten: »Pedant«, hast du gesagt –

Unbekannte  unterbricht ihn: Ruhe! Zum Assistenten. Und?

Assistent  Du hast gesiegt. Er sprudelt direkt vor Begeisterung!

Unbekannte  Ist ja herrlich!

Huelsen  zur Unbekannten: »Oberflächlicher Pedant«, hast du gesagt!

Unbekannte  Beherrsch dich bitte!

Huelsen  Was liebst du denn eigentlich an mir?!

Unbekannte  Nichts.

Assistent  Ruhe!

Huelsen hält dicht vor der Unbekannten und fixiert sie wütend.

Unbekannte  blickt ihn groß an: Absolut nichts.

Huelsen  Jetzt wirds mir zu dumm! Er umarmt sie plötzlich und gibt ihr einen langen Kuß, und sie umarmt ihn auch.

Assistent wendet sich diskret ab.

7. Auftritt

Die Vorigen, Manuel, Pianist.

Manuel und Pianist treten durch die Türe im Hintergrunde ein, erblicken das sich küssende Liebespaar, halten und grinsen sich zu.

Assistent  sehr erstaunt: Wie kommt denn ihr von dort?

Das Liebespaar fährt auseinander.

Pianist  Durch den Lichthof, über ein Glasdach. Zum Liebespaar. Wir mußten uns nämlich ins Bad zurückziehen, wegen Semper, aber das Bad war so eng – Er deutet es an – und drum sind wir durchs Fenster habedieehre!

Huelsen  Hat Bossard schon alles gebeichtet?

Manuel  Nein. Er untersucht ihn grad.

Unbekannte  Wie bitte?!

Assistent  Semper liegt auf dem Diwan und Bossard klopft ihn ab – Er feixt.

Unbekannte  Himmel, ihr Trottel! Warum macht denn Alfred solche Faxen?!

Manuel  Weil ihn der Semper nicht zu Wort kommen läßt!

Pianist  Wir haben alles gehört. Zu Huelsen. Ihr Chef hat Angst, daß er verrückt wird. Speziell Tobsucht.

Unbekannte  Das könnt ich brauchen!

Huelsen  winkt ab: Er ist ein Hypochonder!

Manuel  Lassen wir die Medizin! Voilà, das Drehbuch, fix und fertig! Er überreicht der Unbekannten das Drehbuch, das er bei sich hat, und verbeugt sich: »Die Unbekannte der Seine« –

Unbekannte  nimmt es ihm ab: Danke.

Assistent  Ich hab es getippt.

Pianist  Wir haben geschuftet bis halb acht.

Unbekannte  lächelt: Fleißig, sehr fleißig – Sie betrachtet in Gedanken versunken den Titel.

Manuel  Wir habens nach deinem Originalexposé –

Unbekannte  fällt ihm ins Wort: Mein Exposé ist miserabel. Zu Huelsen. Du hast recht – Sie lächelt.

Pianist  Bist du wahnsinnig?!

8. Auftritt

Die Vorigen, Semper, Bossard.

Semper  erscheint mit dem Rücken in der Türe links und spricht zu Bossard, der ihm folgt; er ist in Hemdärmeln, hält den Rock unter dem Arm und versucht gerade nervös seine Manschettenknöpfe zuzudrücken: Sie glauben, es ist nichts Schlimmes?

Bossard  Ausgeschlossen! Es ist zwar ein gewisser Hang vorhanden zu paranoiden Wahnvorstellungen bei manisch-depressiver Grundtendenz – doch ohne Sorge!

Semper  atmet tief auf: Bin ich erleichtert! Direkt neugeboren! Er entdeckt die Unbekannte. Oh Pardon, eine Dame! Er zieht sich rasch den Rock an und erkennt sie. Ach, wir kennen uns ja! – Meine Verehrung, Gnädigste! Er küßt ihre Hand. Wie kommen Sie her?

Unbekannte  stottert: Ich –

Semper  schlägt sich auf die Stirne: Aber wo bin ich denn?! Zu Bossard. Die junge Dame kennt Sie doch aus Rio!

Bossard  verzweifelt: Aus wo?

Semper  Aus Rio de Janeiro! Sie verkehrten ja im Haus ihrer Eltern! Sehen S', wie vergeßlich ich bin!

Bossard fixiert irr die Unbekannte, die ihm heimlich zuwinkt. Es klopft an die Türe im Hintergrunde.

Semper  Herein!

9. Auftritt

Die Vorigen, Mayberg, Hell, Simone. Die drei Eintretenden sind noch in Balltoilette und mehr oder minder alkoholisiert; sie haben bis jetzt gebummelt und führen Luftballons und Scherzartikel mit sich; sie leuchten vor Schadenfreude.

Hell  Servus, Semper!

Simone  Direktorchen, Direktorchen!

Mayberg  Wir hörten im Büro, Sie wären im Terminus zu erreichen –

Hell  unterbricht sie sehr böse: Aber nur wenn etwas Lebenswichtiges, bitt ich mir aus!

Hell  Ist es auch!

Simone  trällert: Ein Skandal, ein Skandal! Sie bläst auf einer Kindertrompete.

Semper  außer sich: Ein Skandal ist es, wie ihr euch da benehmt! Ihr seid nicht bei uns, Gesellschaft!

Mayberg  zu Bossard: Verzeihung, daß wir unzeremoniell eindringen, aber es steht tatsächlich zu viel auf dem Spiel – Zu Semper. Wir bummelten noch nach dem Ball und erstanden uns soeben ein Morgenblatt. Haben Sie schon das »Journal« gelesen?

Semper  Nein! Ich hatte weißgott Wichtigeres zu tun!

Simone  Es dürfte Sie trotzdem weißgott interessieren!

Mayberg  hält Semper das »Journal« vor die Nase: Hier! Hier das Photo, wir stehen alle an der Bar –

Simone  fällt ihm ins Wort und deutet auf die Unbekannte: Wo jene sich vorgedrängt hat!

Semper  zu Simone: Aber ich muß schon bitten!

Hell  Bitten Sie nicht, Herr General! Das Mädel ist eine kleine Schauspielerin! Er winkt der Unbekannten zu. Pa, Putzi!

Simone lacht höhnisch.

Semper  braust auf: Ihr seid wohl alle besoffen?!

Mayberg  Ich bin nüchtern! Lesen Sie das Interview unter dem Photo!

Semper  wirft unwillkürlich einen Blick auf das Interview, stutzt, fängt an zu lesen und bekommt immer größere Augen: Was?!

Simone  Eine Unbekannte spielt die Unbekannte – Sie grinst schadenfroh. Eine Statistin!

Unbekannte  zu Simone: Ich bin keine Statistin, Sie! Ich bin eine Seminaristin und war schon ein Jahr engagiert als erste Kraft!

Semper  total verwirrt: Was ist los, was ist los? Zu Bossard. Professor, jetzt werd ich verrückt!

Unbekannte  ergreift mit plötzlichem Entschluß Semper energisch am Arm: Kommen Sie! Ich werd Ihnen alles erklären, alles! Aber nicht hier, nicht vor diesen Menschen! Kommen Sie! Ab mit ihm durch die Türe links.

10. Auftritt

Die Vorigen, ohne Unbekannte und Semper.

Hell  spöttisch: Sie möcht ihn umgarnen –

Huelsen will aufbrausen, beherrscht sich jedoch.

Mayberg  Jetzt kommt die Quittung!

Simone  zum Pianisten: Ach! Sind Sie nicht jener musikalische Jüngling, der zwei Filme mit mir machen wollte?

Pianist  Erraten, Frau Simone!

Simone  Sie haben mir die Türen eingerannt!

Pianist  Mit Recht! Weil ich Ihnen einen Film vorgeschlagen habe, den Sie dann gemacht haben, allerdings mit einem andern Tonkünstler!

Simone  Lüge, Lüge, Lüge!

Mayberg  zu Huelsen: Doktor! Was sind denn das überhaupt für Menschen?!

Huelsen  versucht zu retten: Professor Bossard –

Bossard  unterbricht ihn verzweifelt, weil »Eh alles aus ist«: Nein! Zu Mayberg. Herr Regisseur! Ich war der Oberkellner in »Flammende Begierde«.

Mayberg  starrt ihn an.

Der Oberstleutnant in »Des Königs Husaren«.

Mayberg  wie zuvor: Erinner mich nicht –

Bossard  fast gekränkt: Tatsächlich? – Und hier bin ich Professor Bossard.

Manuel  dem Weinen nah: Punkt. Stille.

Mayberg  begreift plötzlich; zu seinen Freunden: Meine Herrschaften, wir befinden uns unter Hochstaplern –

Enormer Krach im Nebenzimmer, als würde wer einen ganzen Schrank Gläser und Teller und Flaschen an die Wand schmeißen, Stühle und Tische umwerfen; es klirrt und kracht wüst.

Hell  Da hat er seinen Tobsuchtsanfall!

Simone  feixt: Die Seminaristin betört ihn gerade –

Huelsen  fährt die Simone an: Irrtum!

Mayberg  Armer, kranker Semper!

Simone  zu Bossard und Kollegen: Euch bring ich noch alle ins Zuchthaus!

11. Auftritt

Die Vorigen, Semper.

Semper erscheint leichenblaß in der Türe links, die er ängstlich-rasch hinter sich schließt; der Krach im Nebenzimmer flaut ab. Alle starren Semper überwältigt an.

Semper  atmet auf: Großer Gott – ein Temperament! Zur Simone. Neben jener sind Sie ein Waisenkind! Die argumentiert mit dem Mobiliar!

Mayberg  Semper! Hier gehts nicht mit rechten Dingen zu!

Semper  unwillig: Große Neuigkeiten erzählen Sie mir da! Zu Bossard. Also, Sie sind ein Statist? Mit fünf Semestern Fakultät?

Bossard  Zu mehr reichte es nicht.

Hell  Der Verstand?

Bossard  zu Hell: Das Geld.

Semper  Richtig, das liebe Geld! Ewig schad, denn Sie verstehen was von der Medizin – Er fährt ihn plötzlich wütend an. Sie Betrüger, Sie!

Hell  Echt Semper!

Semper  zu Hell: Kusch!

Simone  Nana, Direktorchen!

Semper  Auch kusch.

Simone  Eine Schmach!

Semper  zuckt die Schultern: Wie mans nimmt! Personen, die schielen, haben überhaupt kein Recht, schadenfroh zu sein!

Simone  Wer schielt?!

Semper  Was weiß ich!

Mayberg  Aber Semper! Sie demaskieren sich ja – Er deutet auf Bossard und dessen Kollegen. Diese Blamage!

Semper  Ich blamier mich nie! Einen Moment! Wie zu sich selbst. Kalkulation, innere Kalkulation – Er überlegt kurz, dann zieht ein verschmitzter Zug über sein Gesicht, er geht an die Türe links, öffnet sie und ruft ins Nebenzimmer.

Fräulein, kommens heraus!

12. Auftritt

Die Vorigen, Unbekannte.

Unbekannte erscheint bleich und verweint, sie hält noch das Taschentuch in der Hand und zögert einzutreten.

Semper  Hereinspaziert, hereinspaziert! Warum denn so schüchtern?! Schmeißt zuvor noch mit Tellern nach mir –

Unbekannte  unterbricht ihn: Nicht nach Ihnen, nur nach der Wand.

Semper  Dann heiß ich Wand! Nur näher, Fräulein, wir beißen nicht!

Unbekannte  tonlos: Sie können ruhig beißen. Ich weiß, wir haben verloren –

Semper  Einen Moment! Zu Mayberg und Gefolge. Meine Herrschaften! Einen Alexander Semper kann man nicht blamieren! Absurd! Ich habs doch schon gestern Abend erkannt, was hier gespielt wird – diesen ganzen Spuk! Aber ich habe nichts gesagt, denn ich wollt dahinterkommen, ob diese unentdeckten Leut schauspielerische Genies sind oder auch nicht! Die Herren Regisseure entdecken ja nichts mehr und die Primadonnen werden alt, da muß sich eben der Generaldirektor persönlich bemühen! Hingegen – Er wendet sich an die Unbekannte und ihre Kollegen – exorbitant seid ihr auch nicht, ihr Unentdeckten! Ich bin bitter enttäuscht! Künstlerisch kann ich von euch überhaupt nichts gebrauchen, höchstens, daß ich einen einzigen engagieren möcht! Nämlich jenen, der sich diesen Spuk da ausgedacht hat – den engagier ich auf der Stell! Als Reklamechef!

Manuel  Das ist kein der, sondern eine die – Er deutet auf die Unbekannte.

Unbekannte  Und diese die ist kein Reklamechef, sondern nur eine Schauspielerin und sonst nichts!

Semper  Schön! Sie sollen auch eine Rolle spielen!

Unbekannte  Und meine Kollegen?

Semper  Aber ich kann doch nicht lauter Unbekannte –

Unbekannte  fällt ihm ins Wort: Alle oder keiner, respektive keine!

Semper  Sind wir in Rußland?

Es klopft an die Türe im Hintergrund.

Simone  melodisch: Herein!

13. Auftritt

Die Vorigen, Zimmerkellner.

Zimmerkellner  tritt ein und meldet: Herr Marquis de Bresançon!

Semper  überrascht: Was hör ich?!

Unbekannte  Wir lassen bitten!

Zimmerkellner verbeugt sich, läßt Marquis ein und ab.

14. Auftritt

Die Vorigen, Marquis, ohne Zimmerkellner.

Marquis  überrascht: Semper!

Semper  Was verschafft mir die Ehre?

Marquis  Ich wollte eigentlich Professor Bossard –

Semper  unterbricht ihn: »Professor«?!

Marquis  Ich weiß alles.

Semper glotzt ihn perplex an.

Unbekannte  heimlich zu Bossard: Er zahlt das Appartement!

Bossard glotzt sie perplex an.

Marquis  zu Semper: Es trifft sich gut, daß ich Sie treffe, denn immerhin erspart es mir einen Weg und man weiß nie, wie lang es noch dauert –

Semper  Was?

Marquis  lächelt: Das Leben. – Er deutet auf die Unbekannte. Die junge Dame und ich, wir haben uns über einen Film unterhalten, den ich unter bestimmten Voraussetzungen finanzieren würde – Er wirft dem erstaunten Huelsen einen Blick zu. Auf meinen Wunsch hin sollten die Vorverhandlungen streng geheim geführt werden.

Semper  giftig: Vielleicht gar Fräulein »Unbekannte der Seine«?

Marquis  Irrtum! Da wir nichts von ihr wissen –

Semper  unterbricht ihn: Das ist kein Grund!

Assistent  Ich weiß, warum sie ins Wasser ging!

Marquis  lächelt: Ich allerdings noch nicht. Zumindest nicht an Hand persönlicher Erfahrung –

Pianist  Wieso persönlich? Wer hat sie denn gekannt?

Marquis  etwas verlegen: Niemand.

Unbekannte  Oder alle.

Alle horchen auf.

Unbekannte  einfach. Ich weiß, sie ist erst im Tod so schön geworden – drum kann sie keiner erkennen.

Stille.

Semper  zum Marquis: Sie wollen finanzieren?

Marquis  Gewiß.

Unbekannte  Die Geschichte eines Mädchens, das auszog, um das Gruseln zu lernen –

Marquis  Und das sich durchsetzt im Leben. Ohne Furcht! Vielleicht eine junge Studentin, eine Chemikerin –

Huelsen  fällt ihm ins Wort: Das ist mein Roman!

Unbekannte  zu Huelsen: Ich habe ihn erzählt! Schreib ihn als Film! Wer liest schon heut ein Buch?

Huelsen  Wenn ich den Film so schreiben darf, wie mein Buch –

Marquis  Sie dürfen!

Semper  Bravo!

Unbekannte  deutet auf ihre Kollegen: Und wir spielen alle mit!

Marquis  lächelt: Ich bitte sogar darum!

Semper  Er finanziert!

Marquis  Unter einer Bedingung! Daß Sie nämlich unsere »Unbekannte« nicht verfilmen. Lassen wir die Toten ruhen –

Er lächelt abermals.

Semper  überlegt kurz: Gemacht. Für sich. Ein Sonderling!

Simone  empört zu Semper: Na und wir?! Sie deutet auf ihr Gefolge.

Semper  Einen Moment! Ihr schreibt den neuen Boxerfilm für Traverson! Ich hab auch schon den Titel: »Der Unbekannte der Seine«!

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