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Mit dem Kopf durch die Wand

Ödön von Horváth: Mit dem Kopf durch die Wand - Kapitel 4
Quellenangabe
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typecomedy
authorÖdön von Horváth
titleMit dem Kopf durch die Wand
publisherSuhrkamp Verlag
seriesHorvath, Gesammelte Werke
volumeBand 4, Komödien 2
editorTraugott Krischke, Dieter Hildebrandt
year1972
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091214
projectid6fc0ef00
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Dritter Akt

Das Arbeitszimmer im Palais des Marquis de Bresançon. Durch ein hohes Fenster im Hintergrunde fällt der matte Schein einer Straßenlaterne auf den Schreibtisch. Rechts führt eine etwas geöffnete Türe in die Bibliothek, links eine geschlossene in das Schlafzimmer. Neben dem Fenster, fast schon in der Ecke, eine Tapetentüre. Alles im Raum ist alt, einfach und wertvoll, mit einem Wort: kultiviert. Der Marquis de Bresançon kommt vom Filmball, er eilt sofort in sein Arbeitszimmer im ersten Stock und entledigt sich erst unterwegs seines Mantels, Schals und Hutes, wobei ihm Jean behilflich ist; dieser schaltet auch das Licht ein, eine Lampe auf dem Schreibtisch, die aber genügend hell leuchtet, um den ganzen Raum erkennen zu können.

1. Auftritt

Marquis, Jean.

Marquis  tritt durch die Tapetentüre ein: Haben Sie den Alten geweckt?

Jean  Sehr wohl, Herr Marquis! Er sitzt in der Bibliothek – Er deutet auf die Türe rechts. Und die avisierte Dame ist auch bereits eingetroffen, ich habe sie unten in den Salon geführt.

Marquis  Lassen Sie sie warten, bis ich rufe.

Jean  Sehr wohl, Herr Marquis! Er will ab.

Marquis  als würde ihm plötzlich noch etwas einfallen: Und: es wird noch ein gewisser Herr Nevieux kommen, den führen Sie sofort zu mir.

Jean  Sofort! Er verbeugt sich und ab durch die Tapetentüre mit Mantel, Schal und Hut.

2. Auftritt

Marquis.

Marquis  steht kurze Zeit mitten im Raum und denkt vor sich hin; geht dann langsam an seinen Schreibtisch, öffnet eine Lade, holt ein Notizbuch hervor und scheint Zahlen zu addieren; unten im Parterre schlägt eine alte Uhr die dritte Stunde; nun hält er das Büchlein in der Hand, als würde er es wiegen wollen – plötzlich zuckt er zusammen und lauscht; durch die Stille dringt aus der Bibliothek leises Schnarchen, das allerdings immer kräftiger wird; er muß unwillkürlich lächeln, erhebt sich, geht an die etwas geöffnete Türe rechts, öffnet sie ganz und ruft hinein: Bientôt! Das Schnarchen bricht ab. Komm!

3. Auftritt

Marquis, Bientôt.

Bientôt  taucht in der Türe rechts verschlafen auf.

Marquis  freundlich: Setz dich! Zigarre? Er hält ihm ein Kistchen entgegen.

Bientôt  setzt sich unfreundlich in einen breiten Lehnstuhl:

Nein. Ich pflege Nachts nicht zu rauchen, sondern zu schlafen. Oder zu trinken.

Marquis  deutet auf ein Tischchen: Dort steht Kognak!

Bientôt  Wo? Er erhebt sich wieder, geht auf das Tischchen zu und schenkt sich ein. Seltsam! Ich hab zuvor grad von Kognak geträumt –

Marquis  Tröste dich, du bist nicht der Einzige, den ich aus seinen Träumen reißen mußte – Nevieux wird auch sogleich erscheinen.

Bientôt  stockt beim Trinken: Nevieux? Dreht es sich also darum?

Marquis  Ja. Immer hab ich gehofft und hab es doch klar gewußt, daß mit der Zeit auch dieser Augenblick seine Aufwartung machen wird –

Bientôt  Was für ein Augenblick?

Marquis  Es kommt ans Licht.

Bientôt  schreit: Ist nicht Ihr Ernst! Also ich hab kein Wort, keine Silbe! Nichts, nichts! Ich hab geschwiegen Sommer und Winter, Jahr für Jahr, Tag und Nacht! Er leert verzweifelt sein Glas und schenkt sich rasch wieder ein mit zitternden Händen.

Marquis  ruhig: Warten wir auf Nevieux.

Stille.

Marquis  zuckt plötzlich zusammen; unterdrückt. Hast du gehört?

Bientôt  Was?

Marquis  bange: Es geht jemand draußen –

Bientôt  Wer?

Marquis  wie zuvor: Ich weiß es nicht.

Bientôt  Es gibt keine Gespenster!

Die Tapetentüre öffnet sich langsam.

Heilige Jungfrau!

Marquis  schnellt empor: Wer da?!

4. Auftritt

Die Vorigen, Unbekannte.

Unbekannte  erscheint in der Tapetentüre und sieht ängstlich herein.

Marquis  Ach, Sie –

Unbekannte  mit leisem Vorwurf: Sie sind schon zuhaus und ich wart im Salon –

Marquis  Hat Sie der Diener herauf?

Unbekannte  Nein.

Marquis  Hübsch.

Unbekannte  Wieso? Ich hab hier oben einen Lichtstrahl gesehen und bin halt herein –

Marquis  ironisch: Nur einen Lichtstrahl?

Unbekannte  begreift plötzlich; empört: Wo denken Sie hin?! Ich werd doch nicht spionieren! Aber Ihr Salon ist ja eine dumpfe Gruft, mit lauter Totenmasken, und da soll man warten, warten, warten, und weiß überhaupt nicht, auf was, warum und wieso?!

Marquis  Später!

Unbekannte  ruckartig entschlossen: Ich geh jetzt.

Marquis  tritt ihr in den Weg: Halt!

Unbekannte  Auf der Stell oder ich schrei!

Marquis  ruhig, doch bestimmt: Nehmen Sie, bitte, Vernunft an.

Bientôt  Richtig!

Unbekannte  erblickt ihn erst jetzt und erschrickt heftig: Da ist ja noch einer!

Marquis  deutet vorstellend auf Bientôt: Herr Bientôt, mein Freund!

Unbekannte  stutzt, mustert Bientôt; sieht den Marquis ungläubig an.

Jawohl, mein Freund – der treu meinem Hause diente.

Unbekannte  lächelt: Achso –

Marquis  fixiert sie: Sie werden warten.

Unbekannte  unwillig: Warum?!

Marquis  wie zuvor: Es dreht sich immerhin um ein Leben.

Unbekannte  sieht ihn groß an und schweigt.

Marquis  sehr bestimmt. Sie warten.

Unbekannte  Aber nicht in der Gruft!

Marquis  muß leise lächeln: Dann hier – Er geleitet sie zur Türe rechts. Sie werden es nicht bereuen.

Unbekannte  frech aus Unsicherheit: Sie müssen es ja wissen!

Marquis  plötzlich sehr ernst: Gewiß! Er schließt hinter ihr die Türe rechts.

5. Auftritt

Marquis, Bientôt.

Bientôt  kichert vor sich hin: Daß die über mich erschrocken ist –

Marquis  Freut dich?

Bientôt  Ja. Wer war denn das?

Marquis  sitzt wieder am Schreibtisch und blättert in seinem Notizbuch: Später!

Bientôt  Seltsam! Die sieht ihr nämlich ähnlich –

Marquis  Wem?

Bientôt  Ihr.

Marquis  herrscht ihn an: Schweig!

Es klopft an die Tapetentür.

Marquis  zuckt zusammen; dann. Herein!

6. Auftritt

Die Vorigen, Jean.

Jean  tritt ein: Herr Nevieux!

Marquis  erhebt sich: Ich lasse bitten!

Jean läßt Nevieux eintreten und schließt die Tapetentüre hinter sich.

7. Auftritt

Marquis, Bientôt, Nevieux.

Der Kohlenhändler Nevieux ist ein lebhafter Herr von ungefähr fünfundvierzig Jahren; Kleidung, Sprache und Benehmen nach ist er ein braver Kleinbürger, doch etwas an seinem Wesen erinnert an einen passionierten Kartenspieler. Er scheint recht nervös zu sein.

Nevieux  verbeugt sich: Marquis! Er entdeckt Bientôt. Ah, Bientôt! Noch gute Nacht oder schon guten Morgen, man weiß es nicht, was man wünschen soll!

Marquis  schenkt sich Kognak ein: Es wird bald licht.

Marquis  Wir haben noch Zeit. Bitte – Er bietet Nevieux Platz an.

Alle setzen sich.

Marquis  leise: Ich bat Euch zu mir, um klar zu sehen, und zwar sofort. Wir drei sind die einzigen, die jene tragische Verkettung alltäglicher Umstände – doch nein – nein! Ich will mich nicht freisprechen! Es war und bleibt meine Schuld.

Stille.

Ihr, meine Freunde, – ich darf Euch wohl so nennen?

Nevieux  Aber Marquis!

Marquis  winkt ab: Ich bin mir der Kluft bewußt zwischen ehrbaren Menschen und meiner Person! Ihr seid die einzigen Zeugen jener Tat, die mein Schicksal sein sollte. Und Ihr habt meine Last mitgetragen, seit jener verhängnisvollen Stunde, in der es geschah – seit jener Nacht, in der eine Seele erlosch durch meine Schuld.

Nevieux  der nervös-gelangweilt zuhörte, als hätte er diese Eröffnungen schon unzähligemal gehört, kann nun seine Neugierde nicht mehr bezähmen: Sie sagten mir vorhin am Telephon, es müßte jemand gesprochen haben?

Bientôt  Also ich kein Wort!

Nevieux  Auch nicht im Rausch?

Bientôt  böse: Junger Mann, wenn ich einen Rausch hab, dann werd ich totenstill!

Marquis  Sprechen wir leise, es ist wer nebenan!

Nevieux  Wer?

Marquis  Jemand, der alles weiß.

Nevieux  erschrickt sehr: Wie bitte?! Sehr aufgeregt. Herr Marquis, ich hab keinen Ton, keine Silbe, keine Andeutung, schon im ureigensten Interesse! Heiligstes Ehrenwort! Er leert hastig sein Glas Kognak.

Stille.

Marquis  Es hat also jeder geschwiegen?

Nevieux  rasch: Jeder!

Marquis  Da sich also keiner von uns erinnert, gesprochen zu haben, stehen wir vor einem Rätsel.

Nevieux  wird immer nervöser: Vielleicht hat wer –

Marquis  unterbricht ihn scharf: Wer? Er fixiert ihn. Wer weiß noch davon außer uns?

Nevieux  rasch: Niemand! Verzeihung, Marquis, es war nur eine gedankenlose Redensart – Er grinst verlegen. Verzeihung!

Marquis  mißtrauisch geworden: Bitte!

Stille.

Nevieux  versucht seine Nervosität niederzuringen: Sie sagten zuvor, nebenan wäre jemand, der alles wüßte –

Marquis  Stimmt. Eine junge Frau.

Nevieux  Ach!

Marquis  Eine Schauspielerin, allerdings ohne Engagement.

Nevieux  Aha. Erpressung?

Marquis  Ich nehme es an.

Nevieux  Was denn sonst?

Bientôt  Dem Luder möcht ich mal meine Meinung ins Gesicht –

Marquis  unterbricht ihn: Du wirst dich beherrschen!

Nevieux  Hier hilft nur Geld, wenigstens meiner persönlichen Erfahrung nach. Nur Geld!

Marquis  Werden sehen.

Nevieux  Trumpf sticht!

Marquis  nickt: Rien ne va plus.

Nevieux  Die Kugel rollt –

Marquis  Rot oder schwarz.

Stille.

Nevieux  Und wenn wir verspielen?

Bientôt  »Wir«? Ich weiß nichts! Radikal nichts!

Nevieux  Erzählen Sie das der Polizei!

Marquis  herrscht ihn unterdrückt an: Nicht so laut! Er erhebt sich. Ich danke Euch!

Bientôt  erhebt sich ebenfalls: Wiedersehen!

Marquis  Ich kenne den Einsatz, ich kenne das Spiel. Zwar besitz ich nur einen einzigen Trumpf, aber ich werde mich wehren bis zum Nichts.

Nevieux  der sich auch erhoben hat, verbeugt sich: Marquis!

Ab mit Bientôt, der die Kognakflasche mitgehen läßt, durch die Tapetentüre.

8. Auftritt

Marquis, Unbekannte.

Marquis  überlegt einen Augenblick, geht dann an die Türe rechts und öffnet sie: Darf man bitten!

Unbekannte tritt ein.

Marquis  hat sich an seinen Schreibtisch gesetzt. Nehmen Sie Platz!

Unbekannte setzt sich verärgert neben den Schreibtisch.

Haben Sie drüben alles gehört?

Unbekannte  empört: Ich werd doch nicht horchen! Für was halten Sie mich denn?!

Marquis  unbeirrt: Kennen Sie einen Herrn Nevieux?

Unbekannte  Nevieux? Ja. Warum?

Marquis  Interessant.

Unbekannte  Ich kenn sogar zwei Nevieux. Der eine hat eine Fischhandlung und der andere ist ein Souffleur.

Marquis  ironisch: Nur zwei?

Unbekannte  braust auf: Jetzt wirds mir aber zu bunt! Zuerst kommandierens mir auf dem Ball, ich soll sofort zu Ihnen, dann lassens einen in einer Gruft warten, dann schreiens mich an, ich spionier und ich horch, und dann wollens noch, daß ich einen dritten Nevieux kenn!

Marquis  Man bittet um eine andere Taktik, Madame!

Unbekannte  Ich hab überhaupt keine Taktik, bitt ich mir aus!

Marquis  Einen Augenblick! Sie erklärten mir auf dem Ball, Sie würden alles veröffentlichen, allerdings unter bestimmten Voraussetzungen.

Unbekannte  Stimmt! Nämlich unter der bestimmten Voraussetzung, daß ich die wahre Geschichte der Unbekannten erfahre. Ich kenne sie leider noch nicht.

Marquis  starrt sie an, als würde ihn momentan der Schlag getroffen haben; leise, doch außer sich: Was? Was reden Sie da?!

Unbekannte  Keine Ahnung!

Marquis  braust auf: Aber Sie erklärten mir doch eindeutig, daß Sie einen Film an Hand der wahren Begebenheit –

Unbekannte  unterbricht ihn: Das hab ich nicht Ihnen erklärt, sondern dem Bildreporter vom »Journal«, und da haben Sie gehorcht, Sie und nicht ich! Sie haben mich ja überhaupt nicht zu Wort kommen lassen! Diesem blöden Reporter habe ich doch nur aus Reklamegründen etwas vorgeschwindelt, genau wie dem Semper, zu guter Letzt aus Selbsterhaltungstrieb und aus sonst nichts! Haben Sie eine Ahnung in Ihrem Palais, was dazu für ein Ränkespiel gehört, um als anständige Unbekannte eine Titelrolle zu erreichen! Was man sich da alles erklügeln muß – ujjeh! Es war doch überhaupt meine Idee, einen Film mit dieser Totenmaske zu drehen, aber mein Exposé wurd nicht anerkannt, wahrscheinlich aus Neid, und jetzt sitzen meine Kollegen verzweifelt im Terminus, weil ihnen kein richtiges Motiv einfällt, warum daß die Unbekannte in die Seine gegangen ist! Und wie Sie mich dann auf dem Ball so seltsam gefragt haben, da hats mir einen direkten Stich gegeben und ich hab es gefühlt, daß Sie etwas wissen müssen, und bin her zu Ihnen, vielleicht um etwas zu erfahren, was wir verwerten können, filmisch und dergleichen! So, jetzt wissens alles!

Marquis  Es genügt.

Stille.

Unbekannte  Gebens mir, bitt schön, ein Glas Wasser!

Marquis erhebt sich, schenkt ein und reicht es ihr.

Danke! Sie trinkt aus.

Marquis  Hats geschmeckt?

Unbekannte  Sehr.

Marquis  Das ist die Hauptsache – Er setzt sich und lächelt irr.

Unbekannte  wird wieder unsicher: Ich mag nämlich eigentlich keinen Alkohol.

Stille.

Marquis  betrachtet sie: Und Sie wollen die Unbekannte spielen?

Unbekannte  Ja.

Stille.

Marquis  wie zuvor: Die war anders.

Unbekannte  wird immer unsicherer: Wenn ich mich anders frisiere –

Marquis  Nein. Ich meine, da drinnen – Er deutet auf sein Herz.

Unbekannte  Das ist mein Fach.

Stille.

Marquis  fixiert sie: Schämen Sie sich nicht?

Unbekannte  Wieso?

Stille.

Unbekannte  sehr unsicher, möchte irgendetwas sagen: Und –

Marquis  fällt ihr scharf ins Wort: Und?! Er erhebt sich und geht auf und ab. Es ist mir bewußt, daß ich leichtfertig annahm, Sie müßten alles wissen, was verborgen bleiben sollte. Da ich mich aber nunmal in diese Situation manövriert habe, wünsche ich keineswegs, daß sich die Legende auch meiner Person bemächtigt, ich will eine verlorene Position nicht länger verteidigen und ziehe die Wahrheit vor. Hören Sie: vor einem Menschenalter arbeitete hier im Hause, in der Gärtnerei, ein Mädchen. Der alte Bientôt, über den Sie vorhin erschraken, war damals noch keine Mumie. Er war ihr Chef – und der Einzige unter der Dienerschaft, der sie nicht immer prügelte, mit Worten, Blicken und sogar in der Tat. Sie hatte keine Eltern, keine Freunde – niemand. Sie kam aus dem Heim zum guten Hirten.

Unbekannte  Ist das ein Waisenhaus?

Marquis  Nein, das ist eine Korrektionsanstalt für verwahrloste weibliche Jugendliche. Die gesamte Dienerschaft, außer, wie gesagt, jene Mumie, fühlte sich durch die Anwesenheit dieses Mädchens beleidigt, entehrt, beschimpft, und gab es ihr tausendmal kund. Aber sie trug jede Kränkung, allen Spott und Schimpf mit heiliger Geduld. Ich war überzeugt von ihrer absoluten Anständigkeit. Um ihre Peiniger zu beschämen, gab ich ihr eine Gelegenheit, ihre Ehrlichkeit beweisen zu können: ich sandte sie in die Stadt, eine größere Summe auf der Bank abzuholen. Den ganzen Tag wartete ich. Sie kam erst spät in der Nacht und – hatte das Geld verloren. Erschüttert glaubte ich ihr kein Wort. Hier in diesem Raume, da, da schrie ich es ihr ins Gesicht und jagte sie vor versammelter Dienerschaft aus dem Hause. Dort ging sie hinaus. Ich werde ihren Blick nie vergessen, der mich traf. – Eine halbe Stunde später kam ein braver Mann mit dem Geld, er hatte es im Eisenbahnabteil gefunden. Sie hatte es verloren.

Stille.

Als ich dann jene Totenmaske erblickte, erkannte ich sie sofort. Ich und Bientôt, sonst keiner – denn keiner hatte sie im Leben jemals lächeln gesehen. Ja, es ist das Lächeln eines Engels, das Lächeln der Unschuld. Und ich bin ihr Mörder.

Unbekannte  entsetzt: Nein!!

Marquis  Doch!

Unbekannte  wie zuvor: Sie sind doch kein Mörder, das seh ich Ihnen an!

Marquis  scharf: Was sehen Sie mir an, was wissen Sie von mir?! Was wissen Sie von Ihrem Geliebten, Ihren Eltern, Freunden, Bekannten?! Nichts! Sie kennen die Fassade eines Hauses, vielleicht einige Zimmer, das ist alles! Decken Sie die Dächer ab: welche Verbrechen würden Sie entdecken! Hier! Er reicht ihr hastig aus seiner Brieftasche einen vergilbten Brief. Lesen Sie ihren Abschiedsbrief! Ihr letztes Wort, das sie mir gab – Lesen Sie!

Unbekannte  liest den Brief und legt ihn dann langsam auf den Schreibtisch: Die Schrift gefällt mir nicht –

Marquis  faßt sich ans Herz: Ich muß Sie bitten, in einem anderen Ton über dieses Wesen zu sprechen, das mein Schicksal geworden ist. Ich bitte um Ehrfurcht. – So, nun gehen Sie hin und drehen Sie Ihren Film!

Unbekannte  schluchzt.

Marquis  horcht auf und ändert den Ton; fast sanft. Was ist Ihnen?

Unbekannte  fährt sich mit dem Taschentuch an die Augen; sehr leise: Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil Sie mich für etwas Schlechtes halten –

Stille.

Marquis  Verzeihen Sie einem alten Mann –

Unbekannte  weinend: Lächerlich! Sie sind doch kein alter Mann!

Marquis horcht wieder auf.

Unbekannte  ängstlich. Darf ich jetzt gehen?

Es klopft auf die Tapetentüre.

Marquis  zuckt zusammen: Herein!

9. Auftritt

Die Vorigen, Jean.

Jean  tritt durch die Tapetentüre aufgeregt ein: Marquis, ein aufgeregter Mensch möcht Sie sofort sprechen, er hat mich sogar bedroht! Ein Doktor Huelsen!

Unbekannte  Heiliges Känguruh, mein Bräutigam!

Jean  feig: Wer?!

Unbekannte  entsetzt zum Marquis: Rettens mich, rettens mich! Der glaubts mir ja nie und nimmer, daß ich nur wegen Ihnen bei Ihnen bin!

Marquis  perplex: Wegen mir?

Unbekannte  Oder wegen uns! Ist ja gehupft, wie gesprungen! Rettens mich, der bringt mich noch um!

Marquis  Nana!

Jean  Sicher!

Unbekannte  zum Marquis: Sie kennen seine Novellen nicht!

Marquis  Leider – Er muß lächeln und deutet dann auf die Türe rechts. Bitte! Ich werde schweigen.

Unbekannte  wirft ihm einen ängstlich-dankbaren Blick zu: Oh, Sie sind lieb – Rasch ab in die Bibliothek.

Marquis  horcht abermals auf; dann zu Jean: Ich lasse bitten!

Jean verbeugt sich hastig, läßt Huelsen ein und schließt stumm aufatmend die Tapetentüre hinter sich.

10. Auftritt

Marquis, Huelsen.

Huelsen stürzt befrackt, ohne Hut und Mantel, herein; er ist außer sich.

Marquis  erkennt ihn überrascht: Ach! Ich hatte bereits die Ehre –

Huelsen  bitter: Gewiß! Auf dem literarischen Tee bei der Baronesse Kalkowska! Marquis! Lange Worte haben wenig Sinn: bei Ihnen ist meine Braut. Ich weiß es unfehlbar! In der Bar, vom Mixer!

Marquis  kann es nicht fassen: Von Robert?

Huelsen  Vom Jüngeren!

Marquis  beruhigt: Achso.

Huelsen  Er hörte Sie telefonieren, daß eine junge Frau zu Ihnen kommen würde. Leugnen hat keinen Sinn! Ich fuhr sofort mit der Untergrund her, leider ist die Verbindung in der Nacht miserabel –

Marquis  fällt ihm ins Wort: Ihr Mixer hat sich geirrt. Hier im Hause befindet sich keine junge Dame.

Huelsen  Ehrenwort?

Stille.

Marquis  leise: Ja. Ehrenwort.

Huelsen  Danke! Ich bin historisch bewandert, und es ist mir bekannt, daß ein Marquis de Bresançon noch nie sein Ehrenwort brach, ja, daß Ihr Geschlecht den Adel dem Tatbestand verdankt, daß einer Ihrer Vorfahren sein Wort, selbst auf der Folter, nicht gebrochen hat.

Marquis  Ja.

Huelsen  fixiert ihn: Er ist lieber gestorben.

Marquis  Sie haben recht.

Stille.

Huelsen  Verzeihung! Er verbeugt sich steif verabschiedend.

Marquis  Bitte!

Huelsen rasch ab durch die Tapetentüre.

Marquis sieht ihm in Gedanken versunken nach.

11. Auftritt

Marquis, Unbekannte.

Unbekannte  erscheint behutsam: Diesmal hab ich gehorcht –

Marquis  hört kaum hin; wie zu sich selbst: Andere sind zwar lieber gestorben –

Unbekannte  perplex: Wie bitte?

Marquis  nickt ihr wehmütig lächelnd zu: Sie haben alles gehört?

Unbekannte  Nicht alles. Nur, daß Sie nichts gesagt haben, das hab ich gehört – Sie lächelt dankbar. Und ich werd auch nichts sagen. Auf Ehrenwort.

Marquis  gereizt: Schweigen Sie, bitte!

Stille.

Unbekannte  faßt es nicht, warum er sie angefahren hat; sachlich aus Gekränktheit: Darf man jetzt weg?

Marquis  deutet auf die Tapetentüre.

Unbekannte  wendet sich langsam der Tapetentüre zu, am Fenster vorbei, blickt unwillkürlich hinaus und erschrickt sehr; unterdrückt. Oh Gott! Ich kann nicht fort! Er steht vor dem Fenster!

Marquis  nickt ihr traurig zu: War zu erwarten – Er tritt an das Fenster und blickt hinaus; nach einer kleinen Pause. Stimmt. Er ist historisch bewandert, aber das Wort eines Bresançon gilt ihm nichts –

Unbekannte  Der hat auch zu mir kein Vertrauen. Er ist ein geborener Pessimist.

Stille.

Marquis  Es regnet.

Unbekannte  ängstlich: Jetzt sieht er mich an.

Marquis  Er kann uns nicht sehen.

Unbekannte  wie ein Kind: Weil er geblendet ist?

Marquis  Stimmt! Er verläßt das Fenster.

Stille.

Unbekannte  Der wird sich noch eine Lungenentzündung holen, und ich bin so müd – Sie verbeißt ein Gähnen.

Marquis  schenkt ihr einen Whisky ein: Wenn Sie befehlen, steht Ihnen jederzeit mein Schlafzimmer zu persönlicher Verfügung – Er deutet auf die Türe links.

Unbekannte  Wo denken Sie hin?!

Marquis  sieht sie groß an: Mein Kind, ich denk schon lange nichts – mehr – Er leert hastig seinen Whisky. Da es Ihr Bräutigam mir nicht glauben will, daß Sie nicht hier sind, zwingt er Sie, noch hier zu bleiben. Leider besitz ich keinen Notausgang – Er lächelt abermals wehmütig.

Unbekannte  Oh, Sie sind lieb! Sie muß heftig gähnen.

Jetzt fahren die Scheinwerfer eines Autos durch das Zimmer, man hört aber keinerlei Geräusch.

Ein Auto! Es hält.

Marquis  Hier?

Unbekannte  Ein Herr steigt aus.

Marquis  tritt wieder ans Fenster; überrascht: Nevieux!

Unbekannte  Ach, ist das der dritte?

Marquis  rasch: Ich muß Sie bitten, in der Bibliothek –

Unbekannte  fällt ihm ins Wort: Ist da ein Divan drin?

Marquis  Nein.

Unbekannte  Also nur Bücher – Sie lächelt. Dann vielleicht doch lieber dort – Sie deutet nach links und droht ihm mit dem Zeigefinger. Aber nur zur allerpersönlichsten Verfügung!

Marquis  ungeduldig: Ohne Zweifel! Er geleitet sie nach links.

Unbekannte  Man ist doch kein Bücherwurm –

Marquis  Schlafen Sie gut! Er schließt, kurz aufatmend, die Türe links hinter ihr.

Es klopft an die Tapetentüre.

Herein!

12. Auftritt

Marquis, Nevieux.

Nevieux  tritt ein, er scheint noch nervöser zu sein: Marquis! Ich nehme an, Sie sind überrascht, daß ich abermals auftauche, aber Ihre Befürchtungen vorhin haben mich zutiefst erschüttert. Sind Sie mit der Person ins Reine gekommen?

Marquis  hält Distanz: Die Kugel rollt noch.

Nevieux  Dann kann man noch setzen. Marquis! Ich habe Ihnen ein Geständnis –

Marquis  fällt ihm ins Wort: Sie haben geschwätzt?

Nevieux  Nicht ich!

Marquis  fixiert ihn: Nevieux, Sie sind ein Hasardeur.

Nevieux  Leider! Aber jetzt haben Sie die Trümpfe und ich bloß Mist. Ich vermutete ja sogleich, wer geschwätzt haben dürfte, und ich nahm mir das Frauenzimmer, sowie ich wieder zuhause war, energisch vor – endlich gab sie es zu: sie hat es der Hausmeisterin erzählt.

Marquis  Versteh kein Wort.

Nevieux  Marquis! Als Sie vor einem Menschenalter nach jenem tragischen Vorfall heimlich nachforschten, ob Ihre Unbekannte nicht doch irgendwo einen Verwandten hat, dem Sie irgend etwas Gutes tun könnten, um Ihr Gewissen zu entlasten, da fanden Sie mich – einen sechzehnjährigen Lehrling. Zum Studium wars zu spät, also kauften Sie mir ein Kohlengeschäft, ja sogar im Testament, wenn ich wohl unterrichtet bin –

Marquis  Zur Sache!

Nevieux  Ich schwieg, trug Ihre Last mit – aber jetzt hab ich Angst, denn ich habe die Skandalsucht der Öffentlichkeit mehr zu fürchten wie Sie!

Marquis  Kaum!

Nevieux  Doch! Dieser ganze Rattenschwanz von Presse und Polizei – Marquis! Ich bin ein Betrüger, ein erbärmlicher Betrüger! Und Ihre Unbekannte ist auch eine Betrügerin! Sie ist gar nicht tot, sie lebt!

Marquis  Nevieux!!

Nevieux  Sie ging wohl in die Seine, aber sie schwamm auch wieder heraus – und hat es der Hausmeisterin erzählt!

Marquis  starrt ihn total durcheinander an: »Schwamm auch wieder heraus«?

Nevieux  So wahr ich lebe.

Stille.

Marquis  faßt sich ans Herz; sehr leise: Und, meine Totenmaske?

Nevieux  zuckt die Schultern: Das ist eine andere.

Marquis  Eine andere? Er fährt sich mit der Hand über die Augen. Nein – nein! Sie lügen!

Nevieux  Ehrenwort!

Marquis macht eine wegwerfende Geste.

Ich kann es begreifen, daß ein Bresançon meinem Ehrenwort keinen Glauben schenkt.

Marquis  fixiert ihn grimmig.

Nicht schlagen, bitte.

Marquis  Ich pflege nicht zu schlagen.

Stille.

Nevieux  Wollen Herr Marquis Ihre Unbekannte sehen?

Marquis  faßt sich wieder ans Herz: Sehen?

Nevieux  Ich hab sie gleich mitgebracht. Ein korrekter Beweis aus Fleisch und Blut – Er öffnet die Tapetentüre und ruft hinaus. Tante, komme herein!

13. Auftritt

Die Vorigen, Tante.

Die unbekannte Tante ist eine Greisin, die immer beschränkt vor sich hinzulächeln scheint. Sie tritt auf einen Stock gestützt ein.

Tante  zu Nevieux: Hast du mit ihm gesprochen?

Nevieux  laut: Dort steht er!

Tante  erblickt den Marquis erst jetzt: Ah! Sie verbeugt sich. Ihr Diener, Marquis!

Marquis erkennt sie allmählich erschüttert.

Tante  zu Nevieux; ängstlich. Wird er mir verzeihen?

Marquis  fixiert sie.

Nevieux  zum Marquis; bange: Sie fragt, ob Sie uns verzeihen –

Marquis  unterbricht ihn tonlos: Ja.

Nevieux  Tausend Dank!

Marquis  schneidet ihm mit einer unwilligen Geste das Wort ab; dann nur um etwas zu sagen, zur Tante: Und, wie gehts?

Nevieux  zum Marquis: Sie müssen lauter reden – Laut.

Tante! Der Herr Marquis erkundigt sich, wie es dir geht?

Tante  Gut. Sie lächelt den Marquis blöd an.

Stille.

Marquis  plötzlich schneidend laut: Sie waren eine gute Schwimmerin, wie?

Tante  glotzt ihn an und zuckt dann entsetzt zusammen; zu Nevieux: Robert, ich frier! Der Nebel ist schwarz und der Himmel ist Wasser –

Nevieux  unterbricht sie: Pst! Wir sind nicht zuhaus! Zum Marquis. Verzeihung, sie ist halt ein bisserl senil – Er deutet auf seine Stirne; zur Tante. Komm! Zum Marquis, sich verabschiedend. Marquis! Ich werde alles in Raten zurück, jede Wohltat –

Marquis  Ich verzichte!

Tante  keifend: Bring mich ins Bett!

Nevieux  herrscht sie an: Fängst schon wieder an?! Ab mit ihr durch die Tapetentür.

14. Auftritt

Marquis.

Marquis  sieht der Tante und Nevieux nach; tonlos: Sie war es. – Er liest ihren Abschiedsbrief nochmals genau durch und blickt dann vor sich hin, als würde er sein Leben abrollen sehen; er nickt. Das war mein Leben. Aber die Schrift gefällt mir nicht – Er grinst und zerreißt ihren Abschiedsbrief.

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