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Mit dem Kopf durch die Wand

Ödön von Horváth: Mit dem Kopf durch die Wand - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/horvath/kopfwand/kopfwand.xml
typecomedy
authorÖdön von Horváth
titleMit dem Kopf durch die Wand
publisherSuhrkamp Verlag
seriesHorvath, Gesammelte Werke
volumeBand 4, Komödien 2
editorTraugott Krischke, Dieter Hildebrandt
year1972
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091214
projectid6fc0ef00
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Zweiter Akt

Auf dem Filmball. In der Bar, dort wo der Bartisch den ganzen Hintergrund einnimmt. Der Mixer heißt Robert und hat eine pergamentene Haut, ist ein wenig gebückt, doch immer noch rasch und gewandt, trotz eines langen nächtlichen Lebens. Während des ganzen Aktes hört man aus dem Ballsaal gedämpft die Tanzmusik.

1. Auftritt

Robert, Marquis.

Marquis kommt von links, Robert hört ihn garnicht kommen, so sehr ist er in eine Zeitung vertieft.

Marquis  setzt sich an die Bar: Robert!

Robert  erblickt ihn erst jetzt und erschrickt sehr: Oh pardon, Herr Marquis, ich hab Sie garnicht kommen hören –

Marquis  Was ist denn das heut für ein Tumult? Musik?

Robert  serviert dem Marquis das »Gabelfrühstück«, von dem der alte Bientôt sprach: Leider. Filmball, Herr Marquis –

Marquis  peinlich berührt: Film?

Robert  Ja, im ganzen Hotel. In der Halle, im Saal, im Restaurant – aber bei uns in der Bar bleibts vorerst noch still. Jetzt müssen die Prominenten noch hübsch artig ihre Plätze einnehmen, damit man ihr »Privatleben« betrachten kann, wie sie essen und trinken – das Volk ist halt neugierig! Bei uns in der Bar wirds erst später lebendig. Nach Mitternacht.

Marquis  sieht auf seine Uhr: Also in zwanzig Minuten.

2. Auftritt

Die Vorigen, Adolf.

Adolf   der zweite Mixer, ein junger Mann, kommt von links; zu Robert: Im zweiten Rang gabs gerade eine kleine Sensation; ein Mädel wollt durch den Notausgang herein, aber man hat sie hinausexpediert. Ziemlich unsanft sogar.

Marquis ist unangenehm berührt.

Sie wollt den Feuerwehrmann hintergehen, angeblich raffiniert. Der Feuerwehrmann ist noch ganz außer sich.

Robert  War die hübsch?

Adolf  Wie alle. Wahrscheinlich eine Statistin – Er stockt und starrt fasziniert nach rechts. Hoppla!

3. Auftritt

Die Vorigen, Unbekannte.

Unbekannte  kommt rasch und scheu; sie ist in einer billigen Balltoilette und man merkt es ihr noch an, daß sie vor kurzer Zeit unsanft hinausexpediert wurde, denn ihr Kleid ist an der einen Seite weiß von der Wand; sie sieht, daß man sie interessiert betrachtet und hält; unsicher: Bitte, – wo sitzt Generaldirektor Semper? Ich suche die Pandoraloge.

Adolf  Ihr Kleid ist weiß. Da! Er zeigt es ihr an sich.

Unbekannte  Oh! Sie klopft das Weiße rasch ab. Hoffentlich gibts keinen Fleck! Sie lächelt verlegen. Ist schon raus!

Adolf  Apropos raus: ein Notausgang darf nur bei Lebensgefahr benutzt werden.

Unbekannte schreckt zusammen.

Bei Lebensgefahr!

Unbekannte  wird immer unsicherer: Das weiß ich –

Adolf  Na also! Ein Notausgang ist zum Hinauslaufen da, aber nicht zum Hineinschleichen.

Unbekannte  fast dem Weinen nahe: Ich verstehe Sie nicht –

Adolf Noch immer nicht? Kommen Sie, Fräulein, und bitte ohne unliebsames Aufsehen! Er will zu ihr hin, um sie hinauszubegleiten; zu Robert. Ich bring sie nur raus –

Marquis  Halt! Die Karte der Dame habe ich bei mir. Darf ich bitten – Er überreicht Adolf diskret eine Banknote.

Adolf verbeugt sich und geht wieder an seinen Platz.

Unbekannte  schaut den Marquis, der ihr erst jetzt auffällt, groß an: Ich danke –

Marquis  Wieso? Ich hatte doch nur Ihre Karte bei mir.

Unbekannte  Trotzdem. Sie fühlt sich verpflichtet, ihm eine Erklärung abzugeben. Ich suche nämlich einen Menschen, den ich um etwas bitten muß. Aber – Sie sieht sich um – vielleicht ist er schon da – Sie stockt, da sich ihre Blicke treffen.

Marquis  Möglich.

Pause.

Unbekannte  reißt sich von seinem Blick los: Ich schau nur nach! Rasch ab nach links.

4. Auftritt

Die Vorigen, ohne Unbekannte.

Marquis  erhebt sich langsam; zu Robert: Ich komm gleich wieder – Er geht nach links.

Adolf  zu Robert; ironisch: Er sieht nur nach.

Marquis  hörte die Bemerkung, hält und wendet sich an Adolf: Gewiß. Ich sehe nur nach, ob jener Dame drinnen im Saal noch abermals ein geistvoller Vortrag über das Aufgabengebiet offiziöser Notausgänge gehalten wird – Er lächelt und ab nach links.

5. Auftritt

Robert, Adolf.

Robert  Da hast du's! Ein Kavalier der alten Schule.

Adolf  Imponiert mir nicht.

6. Auftritt

Die Vorigen. Huelsen.

Huelsen  kommt rasch von links: Dürft ich mal telefonieren?

Robert  Bitte!

Huelsen  Danke! Am Apparat. Hallo! – Ja, hier Doktor Huelsen. Bitte Herrn Generaldirektor Semper persönlich – Wie? Schon unterwegs? Danke! Er hängt ein, will nach rechts und trifft perplex die Unbekannte, die soeben suchend von rechts kommt.

7. Auftritt

Die Vorigen, Unbekannte. Während der folgenden Szene können Huelsen und die Unbekannte von den beiden Mixern nicht gesehen werden, infolge der Architektur des Raumes.

Unbekannte  Endlich! Bist grad erst gekommen?

Huelsen  unnahbar: Ja.

Unbekannte  atmet kurz auf: Du hast also noch nicht mit Semper –

Huelsen  fällt ihr ins Wort: Doch! Ich habe mit Semper sofort, noch vom Hotel aus, telefoniert, daß alles ein glatter Betrug ist!

Unbekannte  entsetzt: Peter! Dann ist alles aus!

Huelsen  Ich hab es ihm auseinandergesetzt, klipp und klar und konsequent – aber er hat es mir nicht geglaubt.

Unbekannte  Wie bitte?!

Huelsen  Wen die Götter vernichten wollen, bei dem beginnts im Hirn.

Unbekannte  lächelt glücklich: Mir scheint, mich wollen die Götter beschützen –

Huelsen  Bild dir es nur ein!

Unbekannte  Oh Gott, bin ich froh!

Huelsen  Keine Ursache. Ich lasse nicht locker.

Unbekannte  Er hat es dir nicht geglaubt – Armer Peter!

Huelsen  Lach mich nur aus! Auf diese Art zerstörst du auch noch den letzten Rest: die Erinnerung.

Unbekannte  Du siehst mich in einem falschen Licht.

Huelsen  Nein. Ich sehe dich klar im Schein einer dunkelgrünen Birne. Dieser jämmerliche Zauber, diese plumpe Jahrmarktsregie!

Unbekannte  Die Regie war von mir.

Huelsen  Das auch noch. Ich hoffte heimlich, du seiest nur eine Verführte – derweil: eigene Regie!

Unbekannte  Was du jetzt denkst, ist falsch!

Huelsen  Es genügt! Zwar seh ich noch nicht klar, was ihr mit diesem Betrug bezwecken wollt –

Unbekannte  unterbricht ihn: Dann will ich es dir erzählen: der Bossard, der Theodor und das »Medium«, es heißt Maikowski, und ich, wir sind arme Schauspieler, und der Klavierspieler ist ein armer Klavierspieler –

Huelsen  fällt ihr ins Wort: Zur Sache!

Unbekannte  So laß mich doch einleiten! Also, wir 5 Arme mußten mitansehen, daß wir nicht vorkommen, geschweige denn drankommen, und da haben wir uns diese spiritistische Seance ausgedacht und einstudiert, nur damit uns dein Semper endlich mal zu sehen bekommt! Endlich wollten wir mal zeigen dürfen, was wir künstlerisch leisten können – und wenn deinem Semper morgen früh meine Probeaufnahme als Gespenst gefällt, dann haben wir auf der ganzen Linie gesiegt!

Huelsen  Ich kann diesen Blödsinn nicht hören! Ein Großfilm mit einem Gespenst als Star! Ja, glaubt ihr denn auch nur einen Augenblick, daß du als Geist unter Jupiterlampen?!

Unbekannte  Ich bin doch nicht hirnverbrannt! Wir wollten doch deinen Semper nur von unseren schauspielerischen Fähigkeiten überzeugen, wir sprachen ihm sozusagen nur vor, allerdings ins Leben transponiert!

Huelsen  Dieser Ausdruck ist nicht von dir!

Unbekannte  Der ist von Bossard.

Huelsen  Ach! Du lernst von dem alten Statisten?

Unbekannte  Der alte Statist hat fünf Semester Universität!

Huelsen  Gratuliere. Weiter!

Unbekannte  Kommandier mir nicht! Also, wir haben uns im Terminus eingemietet, wie wir das Appartement bezahlen werden, ist mir zwar noch etwas unklar –

Huelsen  fällt ihr ins Wort: Nett, sehr nett!

Unbekannte  Ob nett oder nicht nett: man kann doch nicht verkümmern! Ich nicht! Und wenn dein Semper –

Huelsen  fällt ihr abermals ins Wort: Warum sagst du immer »dein« Semper?

Unbekannte  trotzig: Du kennst ihn doch gut!

Huelsen  Stimmt! »Mein« Semper ist ein ungebildeter Enthusiast. Wenn der euren Spiritismus erfährt, dann spielt ihr garantiert keine Rolle! Er verzeiht alles, nur keine persönliche Blamage!

Unbekannte  Überlaß das mir!

Huelsen  Denk nur ja nicht, daß dir alles gelingt!

Unbekannte  Alter Pessimist!

Huelsen  Dein hemmungsloses Vertrauen zum eigenen Glück wird dich nochmal ins Unglück stürzen!

Unbekannte  Alte Unke! Qua, qua, qua!

Huelsen  Quak nur zu! Ohne Zweifel: Was du da treibst, ist und bleibt Betrug!

Unbekannte  Deine Schuld!

Huelsen  perplex: Wie bitte?

Unbekannte  Klar. Warum protegierst du mich nicht ein bisserl? Weil du nicht willst! Weil du ganz unpraktische Ehrbegriffe hast! Wer hat denn das erste Exposé eingereicht? Ich! Aber du hast es nicht einmal weitergeleitet!

Huelsen  Ist ja garnicht wahr! Alles hab ich versucht, aber alles ist aussichtslos! Und außerdem ist das Exposé miserabel!

Unbekannte  So gut, wie dein Roman, ist es immer noch!

Huelsen  schlägt sich auf die Stirne: Richtig! Jetzt kommt die Hauptsache! Du hast die Stirne besessen, den Satz mit den grünen Augen zu einer elenden Scharlatanerie zu mißbrauchen! Was ich schreibe, ist meine Seele, und du hast meine Seele degradiert! Ach, das hab ich ja jetzt ganz vergessen! Wie gut, daß es mir eingefallen ist!

Unbekannte  Ich bitte dich, sei nicht so eitel!

Huelsen  fixiert sie: Der Abgrund wird immer tiefer.

Unbekannte  Und warum? Warum sagst du es nicht deinem Semper, daß du eine junge, begabte Schauspielerin kennst –

Huelsen  unterbricht sie: Hab ich doch schon! Aber ich kann dieses plebejische Lächeln nicht sehen, dieses vertrauliche Zuzwinkern – ich kann es nicht vertragen, wie du vor mir selbst erniedrigt wirst!

Unbekannte  Du überläßt also alles mir? Ich soll mich selber erniedrigen, was?!

Pause.

Huelsen  fixiert sie: Wie kommst du hier eigentlich herein?

Unbekannte  trotzig: Sag ich nicht.

Huelsen  Woher hast du die Karte, das Geld?

Unbekannte  frech aus Unsicherheit: Na und du?

Huelsen  Ich hab doch Freikarte!

Unbekannte  Ich auch.

Pause.

Huelsen  Woher?

Unbekannte  Da du mir nie Freikarten verschaffst, hat mir ein Herr eine Karte geschenkt.

Huelsen  Wer?

Unbekannte  Irgendein Herr.

Huelsen  Wird ja immer netter.

Pause.

Unbekannte  Was denkst du jetzt?

Huelsen  Ja. Er läßt sie stehen und ab nach links.

Unbekannte  sieht ihm nach; dann leise: Ach so. Sie dreht sich ruckartig um und will rasch nach rechts ab, stößt jedoch dabei mit Semper zusammen, der gerade erscheint; sie erkennt ihn. Heiliger Himmel! Sie läuft an ihm vorbei; ab.

8. Auftritt

Robert, Adolf, Semper.

Semper  sieht ihr nach und ordnet seine Frackbrust; er ist sehr aufgeräumt: Was ist? Überfährt einen am hellichten Tag! Bin ich ein Passant?! Er ruft der Unbekannten nach. Fräulein! Sie haben kein Schlußlicht! Er tritt an die Bar; zu Robert, der im 7. Auftritt Rechnungen ordnete, während Adolf Zeitung las. Einen Kognak!

Robert  Habe die Ehre, Herr Generaldirektor!

Adolf  legt rasch die Zeitung beiseite und bedient Semper.

Semper  Grüß Sie Gott, Robert! Einen doppelten Kognak! Ich hab das größte Erlebnis meines Lebens hinter mir!

Robert  Werden Sie heiraten?

Semper  Unberufen im Gegenteil! Ich leb doch schon sechs Jahr in Scheidung und seit wann sind Advokaten Erlebnisse?! Das sind Sorgen, Misere, Nervosität! Aber heut! Wenn Gott will, hab ich heut Nacht den leuchtendsten Stern entdeckt!

Adolf  Eine neue Frau?

Semper  blickt empor: Einen Engel! Ein absolut einmaliges Talent – Kasse, Kasse! Morgen laß ich mir in aller Früh die Probeaufnahmen vorführen, unberufen! Robert, haltens mir den Daumen!

Robert  Zu Befehl, Herr Generaldirektor!

Semper  leert hastig das Glas.

9. Auftritt

Die Vorigen, Marquis.

Marquis erscheint links, erblickt Semper und beobachtet ihn interessiert.

Semper  zu den Mixern: Hört mal her, ihr zwei Begabungen! Glaubt ihr an Gespenster?

Adolf  An was?

Semper  An Gespenster. Geister. Spuk.

Robert  Nein.

Adolf  Ich auch nicht.

Semper  Ich aber ja! Und zwar seit heut! Noch einen doppelten Kognak!

Adolf  schenkt ein: Bitte, Herr Semper –

Marquis  Ach! Er erkennt ihn plötzlich. Herr Semper!

Semper  dreht sich ihm unfreundlich zu: Sie wünschen?

Marquis  Schauen Sie mich mal an.

Semper  betrachtet ihn mißbilligend.

Marquis  lächelt. Robert hat mich sogleich erkannt –

Semper  frostig: Na und? – Er stockt und erkennt ihn. Großer Gott! Der Marquis! Der Herr Marquis de Bresançon! Ich dacht, Sie wären schon längst tot! Ist das aber eine Freud!

Marquis  Ich gratuliere übrigens: Generaldirektor ist allerhand!

Semper  Nicht auszudenken! Eine Karriere, eine schwindelerregende! Er lacht; dann zu den Mixern. Hört mal her: was glaubt ihr, woher wir zwei uns kennen?

Robert  Aus Australien?

Semper  Sie sind verrückt! Was soll ich in Australien? Bin ich ein Beduine? Nein! Der Herr Marquis de Bresançon und Alexander Semper kennen sich aus dem Atelier Swoboda.

Marquis  Aber Semper!

Semper  Swoboda! Das ist ein reeller Begriff! Damals war ich dort Zuschneider und hab dem Herrn Marquis seine Hosen genäht.

Marquis  Lieber Freund, zuvor galt meine Bewunderung Ihrer Karriere, aber jetzt verehre ich Sie; man findet selten einen Generaldirektor, der es selbst erzählt, daß er Hosen genäht hat.

Semper  Ich kann es mir leisten! Ich werd nur wild, wenn mir einer sagt, daß ich Hosen verkauft hab! Ich hab immer gearbeitet!

Adolf  Hoch der Herr Generaldirektor!

Semper  Ausreden lassen! Ich hab aber nie gern gearbeitet! Auf das werte Wohl, Herr Marquis!

Marquis  Prost, Semper!

Semper  blickt empor: Wo ist die Zeit! Damals war die ganze Filmerei noch garnicht erfunden!

Marquis  lächelt: Nana! So alt bin ich noch nicht!

Semper  Auf alle Fälle stak damals der Film erst in den Kinderschuhen, denn wie ich dazu kam, kam er in die Flegeljahr. Jetzt mutiert er grad, und das nennt man Tonfilm – Er erhebt sich. Kommens, Marquis, ein bisserl in den Saal, ich muß mich dem Volk zeigen.

Marquis  zu Robert: Bin gleich wieder da. Er folgt Semper.

Semper  hält plötzlich und dreht sich dem Marquis zu; leise: Marquis, Sie sind doch ein Mann von Wort – und ich muß mit jemand darüber reden, es drückt mir die Luft ab! Sie werden aber schweigen?

Marquis  lächelt: Gewiß.

Semper  sieht sich forschend um, ob auch niemand zuhört; sehr leise: Sie haben doch schon was von der »Unbekannten der Seine« gehört, oder?

Marquis  zuckt etwas zusammen: Ja.

Semper  Von der Totenmaske?

Marquis  Natürlich. Wieso?

Semper  Ich plane jenes tote Mädel als Film.

Marquis  erleichtert: Interessant.

Semper  Und ich bin der wahren Geschichte auf der Spur. Was sagen Sie jetzt?

Marquis  starrt ihn entsetzt an; tonlos: Nichts.

Semper  Da kann man auch nichts sagen!

Marquis  bekämpft seine Erregung; lauernd: Wie – sagen Sie: wie sind Sie dahinter gekommen?

Semper  Geheimnis!

Marquis  So reden Sie doch!

Semper  Warum denn so aufgeregt? Soll ich mein Ehrenwort brechen?

Marquis  beherrscht sich: Nein.

Semper  Nach Ihnen, Marquis! Ab mit ihm nach links.

10. Auftritt

Robert, Adolf, Huelsen, Unbekannte, Filmballpublikum. Es ist nun nach Mitternacht und aus dem Saal kommen Herren und Damen; sie nehmen an der Bar Platz, während Huelsen und die Unbekannte rechts erscheinen; er führt sie an der Hand.

Huelsen  gedämpft: Begreifst du es nun, daß ich dich beleidigen mußte, weil ich prinzipiell derartige Methoden ablehne?

Unbekannte  Mit dem Prinzip kommt man nicht weiter.

Huelsen  Richtig! Nachdem du mir deinen Notausgang erklärt hast, bekomm ich eine völlig neue Einstellung zur Aktivität. Ich schäme mich vor dir.

Unbekannte  gibt ihm plötzlich einen langen Kuß und er umarmt sie; dann: Du bist ein anständiger Mensch.

Huelsen  Aber!

Unbekannte  Und ich werd dich auch nicht mehr quälen, daß du mich protegierst –

Huelsen  Und ich werde alles widerrufen, was ich dem Semper telefoniert hab und werde schweigen – Ja, ich war wirklich verwirrt! Was ist doch die Pflicht für ein abstrakter, zweideutiger Begriff! Sind wir nicht vielmehr verpflichtet, solch eine Begabung zu fördern, als auf einer pflichtgemäßen Methode herumzureiten, die nur zu einem Abgrund führt – zu einem Abgrund, der zwei Menschen trennt. Wie lächerlich, wie albern! Jetzt seh ich erst, wie falsch mein letztes Romankapitel ist – ich werd es ändern! Komm, laß diese Leute hier, ich les es dir bei mir zuhaus vor.

Unbekannte  Morgen.

Huelsen stutzt.

Nicht böse sein, bitte – aber ich muß hier noch jemand kennenlernen.

Huelsen  wird wieder mißtrauisch: Wen?

Unbekannte  lächelt: »Deinen« Semper.

Huelsen  erschrocken: Semper?

Unbekannte  wie zuvor: Nur keine Angst! Jetzt protegiert sich die Unbekannte selbst – Sie nickt ihm zu und ab nach rechts.

Huelsen  sieht ihr nach: »Angst«? Ich bin doch nicht feig? Er setzt sich verärgert an die Bar. Einen Kognak! Einen doppelten Kognak!

11. Auftritt

Die Vorigen, Semper, Marquis, Unbekannte.

Unbekannte kommt in Sempers Gesellschaft mit dem Marquis von links.

Huelsen ist sehr überrascht.

Semper  erblickt Huelsen: Was seh ich? Zu Huelsen. Mein Herr Sekretär sind auch da? Für Sie wärs besser zuhaus im Bett und kalte Umschläg um die Füß! Er hat mit dem Marquis und der Unbekannten am Bartisch Platz genommen, zu Huelsen. Was starren Sie, Doktor! Habens einen Starrkrampf?! Kommens lieber her!

Huelsen  folgt.

Semper  zum Marquis. Darf ich vorstellen: mein Privatsekretär, Doktor Huelsen, ein sehr ein feingeistiger Mensch. Sie dürfen nicht denken, daß wir beim Film keine literarischen Ambitionen haben!

Marquis  verbeugt sich vor Huelsen.

Semper  zur Unbekannten. Gestatten, meine Dame: Doktor Huelsen –

Huelsen  kann sich nicht mehr halten und unterbricht ihn: Wir kennen uns schon.

Semper  überrascht: Woher?

Unbekannte  faßt sich: Flüchtig! Von einem literarischen Tee.

Huelsen  Wie bitte?!

Unbekannte  bestimmt: Von einem literarischen Tee bei der Baronesse Kalkowska.

Huelsen  Das ist zuviel!

Unbekannte  rasch: Wie bitte?!

Semper  zur Unbekannten: Pardon, aber er ist heut ein bisserl wirr! Er zieht Huelsen mit sich bei Seite. Jetzt gibts nur zweierlei: entweder krieg ich einen Anfall oder Sie! Aber ich kann besser toben, mach ich Sie aufmerksam! Kein Wort! Mit einem Besessenen kann man nicht plauschen, ich hab noch genug von Ihrer Telephoniererei zuvor! Mein Erlebnis soll ein Schwindel gewesen sein?! Mich kann man nicht betrügen, höchstens betrüg ich, Sie Anfänger! Sehens die junge Dame vom Marquis, die hat mir alles genau erzählt! Sie kennt Rio de Janeiro und kennt natürlich auch Professor Bossard! Er verkehrte im Haus Ihrer Eltern. Natürlich hab ich kein Sterbenswörtlein über unsere Seance gesagt, Ehrenwort ist auch bei mir ein Ehrenwort! So, und jetzt gehens mit Gott! Habe die Ehre und gute Besserung! Adieu! Er läßt ihn stehen.

Huelsen  Ja, gute Nacht – Ab nach links. Unbekannte wirft ihm einen kurzen, besorgten Blick nach.

12. Auftritt

Die Vorigen, ohne Huelsen, Bildreporter, Gehilfe.

Bildreporter  erscheint mit seinem Gehilfen von rechts und hält freudig überrascht vor dem Bartisch: Einen Augenblick, meine Herrschaften! Ach, unser Generaldirektor! – Bitte, bitte, nur noch eine einzige Aufnahme für das »Journal«!

Semper  gruppiert sich mit der Unbekannten an der Bar und lächelt in den Apparat.

Bildreporter  visiert. So ist es fein! Zum Marquis. Bitte, etwas näher!

Marquis  Ich gehör nicht dazu.

Bildreporter  Pardon! Zu der Gruppe. Achtung! Unbekannte erhebt im letzten Moment ein Sektglas.

Gehilfe läßt das Blitzlicht aufflammen.

Danke!

Semper verläßt während der folgenden Szene die Bar.

13. Auftritt

Robert, Adolf, Marquis, Unbekannte, Bildreporter, Gehilfe.

Bildreporter  zur Unbekannten: Verzeihen Sie, bitte: dürft ich um Ihren werten Namen bitten – für das »Journal«.

Unbekannte  überlegt; lächelt dann: Mein Name spielt keine Rolle. Ich spiele nämlich nur die Hauptrolle im nächsten Großfilm der Pandora.

Bildreporter  begreift nicht ganz; automatisch: Titel?

Unbekannte  Die Unbekannte der Seine.

Bildreporter  Ach!

Marquis  horcht auf.

Bildreporter  lächelt überlegen. Verstehe! Ein genialer Reklametrick! Die Unbekannte spielt die Unbekannte!

Unbekannte  Und zwar an Hand der wahren Begebenheit –

Bildreporter  Aber die kennt doch niemand!

Unbekannte  Doch. Wir wissen bereits alles.

Bildreporter  Hochinteressant!

Unbekannte  Mehr darf ich nicht sagen.

Bildreporter  Genügt überaus. Gnädigste! Heißen Dank!

Er verbeugt sich tief und rasch ab mit seinem Gehilfen nach links.

14. Auftritt

Robert, Adolf, Marquis, Unbekannte.

Unbekannte  wendet sich wieder der Bar zu.

Marquis  hat sich erhoben, steht nun vor ihr und fixiert sie.

Unbekannte  hält vor ihm.

Marquis  sehr erregt, doch beherrscht: Ich hörte soeben, daß Sie die wahre Geschichte der Unbekannten kennen.

Unbekannte  Ja.

Marquis  Also kennt sie Semper von Ihnen?

Unbekannte  Ja.

Pause.

Marquis  leise: Woher kennen Sie den Tatbestand?

Unbekannte  lächelt: Sag ich nicht.

Marquis  Weiß Semper alles?

Unbekannte  Nein. Das Wichtigste noch keineswegs, das kommt erst noch – Sie lächelt wieder.

Pause.

Marquis  faßt sich ans Herz: Was wünschen Sie von mir?

Unbekannte  perplex: Wieso?

Marquis  fährt sie unterdrückt an: So sprechen Sie doch!

Unbekannte  starrt ihn an.

Marquis  beherrscht sich und nickt ihr fast ironisch zu. Vorhin, als ich Sie im Saal herumirren sah, da hatte ich Mitleid mit Ihnen –

Unbekannte  verlegen: Oh bitte!

Marquis  ändert wieder den Ton; sachlich: Ich lege Wert darauf, daß diese Angelegenheit sofort, noch heute Nacht, bereinigt wird. Er sieht sich um. Aber hier ist wohl nicht der Platz. Darf ich Sie zu mir bitten, die Adresse wird Ihnen wohl bekannt sein, trotzdem – Er überreicht ihr seine Karte. Hier!

Unbekannte  nimmt die Karte, liest sie und sieht ihn wieder groß an; fast ängstlich: Zu Ihnen?

Marquis  Fahren Sie vor, ich komme gleich nach.

Unbekannte zögert.

So gehen Sie doch schon!

Unbekannte ab nach rechts, als würde sie träumen.

15. Auftritt

Robert, Adolf, Marquis.

Marquis  sieht ihr in Gedanken versunken nach; dann zu Robert: Könnt ich telephonieren?

Robert Bitte, Herr Marquis!

Marquis  am Apparat; leise: Hallo. – Ja, ich bin es. Hören Sie, es wird eine junge Frau kommen, sie soll warten. Und wecken Sie den alten Bientôt. Er hängt ein; tonlos. Zahlen –

Vorhang.

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