Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Guy de Maupassant >

Miß Harriet

Guy de Maupassant: Miß Harriet - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMiß Harriet
seriesGesammelte Werke
volume3
publisherEgon Fleischel & Co.
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
year1917
firstpub1917
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidbcbab68e
Schließen

Navigation:

Kellner, ein Bier!

Ich weiß nicht, warum ich eigentlich jenen Abend in das Bräu ging. Es war kalt. Feiner Regen, wie Wasserstaub, fiel nieder, verschleierte die Laternen, näßte die Steinplatten der Bürgersteige, sodaß sie glänzten im Licht, das von den Schaufenstern fiel und den nassen Schmutz wie die schmutzigen Stiefel der Vorübergehenden beleuchtete.

Ich hatte keinen besonderen Zweck, sondern bummelte nur ein bißchen nach Tisch am Crédit Lyonnais vorüber, die Rue Vivienne hinunter. Plötzlich sah ich ein großes Bierlokal, halb voll Menschen. Ich trat ein, ohne einen besonderen Grund. Durst hatte ich nicht.

Ich suchte mir schnell einen Platz, wo ich nicht zu sehr im Gedränge säße und setzte mich neben einen, wie es schien, älteren Mann, der eine Zwei-Souspfeife aus Thon rauchte, die schwarz war wie 'n Stück Kohle. Sechs bis sieben Bieruntersetzer vor ihm, bezeichneten die Anzahl Gläser, die er schon getrunken. Ich blickte meinen Nachbar nicht an. Auf den ersten Blick hatte ich in ihm einen jener Stammgäste erkannt, die früh kommen, wenn das Lokal geöffnet wird und abends erst gehen, wenn man schließt. Er war schmutzig, hatte eine Glatze, während die grauen, fettglänzenden Haare im Nacken ihm bis auf den Kragen seines Rockes fielen. Seine Kleider waren zu weit und sahen aus, als seien sie zu einer Zeit gemacht worden, als er noch dick gewesen. Man erriet, daß die Hose nicht auf den Hüften festsitzen konnte, und daß dieser Mann keine zehn Schritte hätte machen können, ohne sie heraufzuziehen. Ob er eine Weste an hatte, schien zweifelhaft. Und der Gedanke an seine Stiefel und was darin steckte, flößte mir Entsetzen ein. Die ausgefransten Manschetten waren ganz schwarz vor Schmutz; ebenso seine Nägel.

Sobald ich neben ihm saß, sagte er ganz ruhig zu mir:

– Geht Dir's gut?

Ich drehte mich hastig zu ihm um und sah ihn an, während er fortfuhr:

– Du erkennst mich wohl nicht?

– Nein.

– Des Barrets.

Ich war starr. Es war Graf Jean des Barrets, mit dem ich einst gemeinsam die Schulbank gedrückt. Ich reichte ihm die Hand, war aber so erschrocken, daß ich nichts zu sagen wußte. Endlich stammelte ich:

– Und Du? Geht Dir's gut?

Er antwortete ruhig:

– Ich? So gut's eben geht!

Er schwieg. Ich wollte liebenswürdig sein und suchte irgend eine Anrede:

– Und ... was treibst Du?

Er antwortete mit Ergebung:

– Was Du siehst!

Ich fühlte, daß ich rot ward und fragte:

– Aber ... jeden Tag?

Er erwiderte, indem er mächtige Rauchwolken von sich stieß:

– Ja ... alle Tage dasselbe!

Dann klopfte er auf die marmorne Tischplatte mit einem Geldstück, das da herumlag und rief:

– Kellner, zwei Bier!

In der Entfernung wiederholte eine Stimme:

– Zwei Bier – Nummer vier.

Von einer anderen Stimme, noch weiter entfernt, kam ein scharfes:

– Hier! – zurück.

Dann erschien ein Mann mit weißer Schürze, der zwei Biergläser trug, von denen längs des Weges Tropfen auf den sandbestreuten Boden fielen.

Des Barrets leerte sein Glas auf einen Zug und setzte es wieder auf den Tisch, indem er den im Barte hängen gebliebenen Schaum einzog. Dann fragte er:

– Was giebts Neues?

Ich wußte ihm wirklich nichts Neues zu sagen. Ich stotterte:

– Nichts, alter Freund. Ich bin Kaufmann geworden...

Er antwortete mit sich immer gleichbleibendem Ton:

– Und ... das macht Dir Spaß?

– Nein, aber weißt Du, man muß doch irgend was anfangen?

– Warum denn?

– Nun – damit man Beschäftigung hat.

– Zu was? Ich mache nichts, wie Du siehst. Absolut nichts. Wenn man keinen roten Dreier hat, dann kann ich's begreifen, daß man arbeitet. Wenn man aber zu leben hat, dann hat's keinen Zweck. Wozu arbeiten? Arbeitest Du für Dich oder für andere? Wenn Du für Dich arbeitest, so thust Du's, weil Dir's Spaß macht – dann ist alles in Ordnung. Aber wenn Du für andere arbeitest, bist Du ein Thor!

Damit legte er seine Pfeife auf die Marmorplatte und rief wieder:

– Kellner, ein Bier!

Er begann:

– Das reden macht Durst. Ich bin's nicht gewöhnt. Ja, ich mache nichts, ich stumpfe so hin und werde alt. Wenn ich sterbe, wird mir nichts leid thun. Dann habe ich keine Erinnerung als nur dieses Bierlokal. Keine Frau, keine Kinder, keine Sorgen, keinen Kummer, nichts. Das ist besser!

Er leerte das Glas Bier, das man ihm gebracht, leckte sich mit der Zunge die Lippen und nahm seine Pfeife in die Hand.

Ich blickte ihn betroffen an und fragte:

– Aber Du bist doch nicht immer so gewesen?

– Bitte sehr, seit der Schule – immer.

– Weißt Du, das ist aber doch kein Leben. Das ist ja fürchterlich. Hör mal, Du mußt doch irgend was treiben, was lieben, Freunde haben.

– Nein. Ich stehe mittags auf. Ich komme hierher, frühstücke, trinke Bier, warte bis es dunkel wird, esse, trinke Bier. Dann gehe ich gegen einhalb zwei Uhr früh nach Haus, um zu schlafen, weil das Lokal geschlossen wird. Das ärgert mich am meisten. Von den letzten zehn Jahren meines Lebens habe ich mindestens sechs hier in meiner Ecke auf der Bank zugebracht. Den Rest in meinem Bett, nirgends anders. Manchmal unterhalte ich mich mit den Stammgästen.

– Aber was hast Du denn gemacht, als Du zuerst nach Paris gekommen bist?

– Ich habe Jura studiert – im Café Medici.

– Aber dann?

– Dann – bin ich auf die andere Seite der Seine übergesiedelt und bin hierhergekommen.

– Wozu hast Du Dir überhaupt diese Mühe gemacht?

– Ja weißt Du, man kann doch nicht sein ganzes Leben im Quartier Latin wohnen. Die Studenten machen zuviel Skandal. Jetzt bleibe ich hier. Kellner, ein Bier!

Ich glaubte, er mache sich lustig über mich und fuhr fort:

– Nun sei mal offen! Hast Du irgend einen Kummer gehabt? Wohl eine unglückliche Liehe? Du mußt Pech gehabt haben in der Welt! Wie alt bist Du?

– Ich bin dreiunddreißig. Aber ich sehe wie fünfundvierzig aus. Mindestens.

Ich blickte ihn genau an. Sein runzeliges Gesicht gab ihm das Aussehen eines Greises. Auf der Glatze standen ein paar einzelne lange Haare zu Berge, auf einer Haut von zweifelhafter Reinlichkeit. Er hatte mächtige Augenbrauen und einen dichten Bart. Plötzlich mußte ich an die Waschschüssel denken, in der man dieses Haar gewaschen.

Ich sagte:

– Du siehst allerdings älter aus, als Du bist. Du mußt Kummer gehabt haben.

Er antwortete:

– Oh nein, Ich sehe alt aus, weil ich nie an die frische Luft komme. Nichts bringt so herab, wie das Kaffeehausleben.

Ich konnte es nicht glauben:

– Du wirst wohl auch gebummelt haben. Man hat nicht umsonst 'ne Glatze!

Er schüttelte ruhig den Kopf, sodaß ein Schuppenregen von seinen letzten Haaren auf den Rock fiel:

– Nein, ich bin immer vernünftig gewesen.

Dann blickte er zur Gaskrone auf, die über uns hing und uns den Kopf hitzte:

– Das Gas ist dran schuld. Das läßt die Haare ausgehen. Kellner – ein Bier! Du scheinst keinen Durst zu haben.

– Nein, danke. Aber Dein Schicksal interessiert mich. Seit wann bist Du denn so moralisch runter? Das ist doch nicht natürlich, nicht normal. Da muß doch irgend was dahinter stecken.

– Ja, das ist von Jugend aus so gekommen. Als ich klein war, habe ich Prügel gekriegt und seitdem habe ich immer schwarze Gedanken.

– Wieso denn?

– Wenn Du's wissen willst, so hör' zu. Du wirst Dich unseres Schlosses erinnern, wo ich geboren bin. Du bist ja während der Ferien einigemal dagewesen. Weißt Du noch das große graue Gebäude in dem Riesenpark mit seinen langen Eichenalleen nach allen vier Himmelsrichtungen? Du wirst Dich meines Vaters und meiner Mutter erinnern, und wie sie beide ernst und streng waren. Ich betete meine Mutter an, vor dem Vater hatte ich Angst. Vor beiden empfand ich großen Respekt. Ich kannte es ja auch nicht anders, als daß alles sehr ehrerbietig gegen sie war. Für die Gegend waren sie »Herr Graf« und »Frau Gräfin« und auch unsere Nachbarn, Tannemares, Ravelets, Brennevilles, erwiesen ihnen besondere Achtung.

Ich war damals dreizehn Jahre alt, war heiter, mit allem zufrieden, wie man's in diesem Alter eben ist, wenn man noch voller Lebensfreude steckt. Da spielte ich eines Tages gegen Ende September, ein paar Tage ehe ich zur Schule zurück mußte, in den Blumenbeeten des Parkes Wolf. Als ich so durch Dick und Dünn lief, sah ich plötzlich Mama nnd Papa, die spazieren gingen. Ich weiß es noch als wäre es gestern geschehen. An dem Tage herrschte starker Sturm. Die Baumreihen bogen sich unter den Windstößen. Sie ächzten und schienen dumpf und laut zu stöhnen, wie der Wald im Orkan. Die Blätter fielen, schon gelb, und flogen Vögeln gleich davon, wirbelten umher und fegten die Alleen hinab, wie dahinrasende Tiere.

Der Abend sank. Es ward dunkel in den Büschen. Dieses Sturmrasen in den Zweigen machte mich ganz aufgeregt, so daß ich wie toll dahinstürmte und heulte, um die Wölfe nachzumachen.

Sobald ich meine Eltern entdeckt hatte, schlich ich mich, nm sie zu überraschen durch das Gebüsch heimlich heran, als wäre ich wirklich ein Landstreicher gewesen. Aber ein paar Schritte vor ihnen blieb ich furchtsam halten. Mein Vater war in fürchterlicher Wut und rief:

– Deine Mutter ist ein Rindvieh. Übrigens handelt es sich nicht um Deine Mutter, sondern um Dich. Ich sage Dir: ich brauche das Geld und ich verlange, daß Du unterschreibst!

Mama antwortete mit fester Stimme:

– Ich unterschreibe nicht. Das ist Jeans Vermögen. Das hebe ich für ihn auf. Ich will nicht, daß Du das auch noch mit Dirnen und Mädchen durchbringst, wie Dein eigenes Erbteil.

Da drehte sich mein Vater, sinnlos vor Wut um, packte seine Frau bei der Kehle und schlug sie mit aller Gewalt in's Gesicht.

Mamas Hut fiel zu Boden. Ihr Haar ging auf. Sie versuchte die Schläge abzuwehren, aber es glückte ihr nicht. Und Papa hieb wie toll weiter auf sie ein. Sie fiel zu Boden und versteckte das Gesicht in den Händen. Da drehte er sie auf den Rücken, um sie noch mehr zu schlagen, und zerrte ihr die Hände weg, mit denen sie ihr Gesicht schützte.

Mir aber, lieber Freund, war es, als sollte die Welt untergehen, als wären alle die ewigen Gesetze umgestoßen. Ich war so vernichtet, wie man's beim Eintreten übernatürlicher Dinge, bei fürchterlichen Katastrophen ist, bei Unglücksfällen, die nicht wieder gut zu machen sind. Mein Kinderverstand war dem nicht gewachsen, und ich brüllte aus Leibeskräften, ohne zu wissen warum. Ich befand mich in einem furchtbaren Zustand, gemischt aus Angst, Schmerz nnd Entsetzen. Mein Vater hörte mich, drehte sich um, sah mich, stand auf und kam auf mich los. Ich dachte, er würde mich töten, und floh wie ein gehetztes Wild immer gerade aus, gerade aus, in den Wald hinein.

So lief ich vielleicht ein, zwei Stunden lang, ich weiß nicht. Es ward Nacht und ich warf mich erschöpft in's Gras. Da blieb ich müde, wie von Sinnen, in furchtbarer Angst und mit einem Jammer in der Seele liegen, daß es mir hätte das Herz brechen mögen. Mich fror. Vielleicht hatte ich Hunger. Es ward Tag. Ich wagte weder aufzustehen weder nach Haus zu gehen, noch zu entfliehen, denn ich fürchtete, ich würde meinen Vater treffen. Und den wollte ich nie mehr wiedersehen.

Vielleicht wäre ich vor Kummer und Hunger dort unter einem Baume gestorben, wenn mich der Waldhüter nicht gefunden und mit Gewalt nach Haus gebracht hätte.

Meine Eltern zeigten ihr gewöhnliches Gesicht. Meine Mutter sagte nur:

– Du dummer Junge hast mir solche Angst gemacht. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.

Ich antwortete nicht, aber ich begann zu weinen. Mein Vater sprach kein Wort.

Acht Tage darauf mußte ich wieder in die Schule.

Nun, lieber Freund: ich war mit dem Dasein fertig. Ich hatte die Kehrseite der Dinge gesehen – die schlechte. Seit dem Tage habe ich die gute nicht wieder gefunden. Was ist in mir vorgegangen? Welch seltsamer Vorgang hat meine Ansichten geändert? Ich weiß es nicht. Aber ich fand an nichts mehr Geschmack, ich ersehnte nichts mehr, ich liebte niemand mehr, ich wünschte nichts mehr, ich hatte keinen Ehrgeiz mehr und keine Hoffnung. Immer erblickte ich meine arme Mutter vor mir, wie sie in der Allee am Boden liegt nnd mein Vater sie mißhandelt. – Einige Jahre darauf ist Mama gestorben. Mein Vater lebt noch. Ich habe ihn nicht wieder gesehen. – Kellner – ein Bier!

Man brachte ihm sein Glas Bier, das er mit einem Zuge leerte. Aber als er seine Pfeife wieder aufnahm, zerbrach sie, da seine Hand zitterte. Da sagte er mit verzweifelter Miene:

– Da ... das ist 'n wahres Unglück, nun kann ich mich wieder 'n Monat abschinden, um eine neue anzurauchen!

Und er ließ durch den weiten raucherfüllten Raum, der jetzt voll Menschen war, seinen ewigen Ruf schallen:

– Kellner – ein Bier – und eine neue Pfeife!

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.