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Miß Harriet

Guy de Maupassant: Miß Harriet - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMiß Harriet
seriesGesammelte Werke
volume3
publisherEgon Fleischel & Co.
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
year1917
firstpub1917
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidbcbab68e
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IV

Das war wirklich eine sonderbare Entdeckung.

Seit einiger Zeit arbeitete ich von Tagesanbruch ab an einem Gemälde mit folgendem Vorwurf: man blickte in einen tief eingesenkten Hohlweg, dessen beide Böschungen mit Brombeeren und Bäumen bestanden waren. Auf ihm lag jener milchige, watteartige Dunst, wie manchmal über den Thälern bei Tagesanbruch. Und tief drinnen in diesem dichten durchsichtigen Nebel sah man kommen oder eher noch erriet man zwei Menschen, Bursche und Mädchen, eng umschlungen, sie den Kopf zu ihm erhoben, er niedergebeugt zu ihr. Ein erster Sonnenstrahl brach durch die Zweige, durchschoß den Nebel und warf einen Rosaschein hinter dem ländlichen Liebespaar durch den Dunst, sodaß sich ihre Schatten in silberner Helligkeit abzeichneten. Das Bild war gut, sehr gut.

Ich arbeitete in dem Wege, der in das kleine Thal von Étretat hinunterführt. Und zufällig hatte ich das Glück, diesen Morgen gerade den wogenden Dunst vorzufinden, den ich brauchte.

Da erschien plötzlich etwas vor mir, etwas wie ein Gespenst. Es war Miß Harriet. Als sie mich sah, wollte sie fliehen. Aber ich rief ihr zu:

– Kommen Sie doch, kommen Sie doch, gnädiges Fräulein. Ich habe ein kleines Bild für Sie.

Wie unwillig trat sie näher. Ich hielt ihr meine Skizze hin. Sie sagte nichts, aber starrte sie lange unbeweglich an und begann plötzlich zu weinen. Sie weinte krampfartig, nervös, wie jemand, der lange gegen die Thränen gekämpft hat, der nun nicht mehr anders kann und seinem Gefühlsausbruch, wenn auch noch immer widerstrebend, freien Lauf läßt. Ich fuhr in die Höhe, mich bewegte dieser Kummer, den ich nicht verstand, und ich nahm ihre Hand in plötzlicher Gefühlsaufwallung wie es eben ein Franzose thut, der schneller handelt als er denkt.

Einige Sekunden ließ sie ihre Hände in den meinen. Ich fühlte wie sie zitterten, als ob an allen ihren Nervensträngen gerissen würde. Dann zog sie die Hände schnell zurück oder vielmehr entriß sie mir.

Ich hatte dieses Frösteln erkannt, weil ich es selbst schon empfunden. O, die zitternde Liebe einer Frau, mag sie nun fünfzehn oder fünfzig Jahre alt sein, sei sie hohen oder niedrigen Standes, spricht mir geradenwegs zum Herzen, daß ich sie sofort verstehe.

Ihr ganzer armer Körper zitterte und bebte und sie war einer Ohnmacht nahe. Ich sah es wohl. Sie ging davon, ohne daß ich ein Wort sagte und ließ mich überrascht zurück wie vor einem Wunder und verzweifelt, als hätte ich eine Sünde begangen.

Zum Frühstück kehrte ich nicht heim. Ich ging an den Klippen spazieren in einer Stimmung, daß ich hätte weinen wie lachen können. Ich fand das Erlebnis komisch und fürchterlich traurig, fand mich lächerlich und sie elend bis zur Verzweiflung!

Ich fragte mich, was ich machen sollte.

Ich dachte, mir würde nichts weiter übrig bleiben, als abzureisen und entschloß mich das sofort zu thun.

Bis zum Mittagessen strich ich herum, ein wenig traurig, ein wenig nachdenklich, und zur Essenszeit war ich da. Wie gewöhnlich setzte man sich zu Tisch. Miß Harriet erschien, aß ganz ernst, sprach mit niemandem und blickte nicht auf. Sonst war sie wie immer.

Ich wartete das Ende der Mahlzeit ab, dann wandte ich mich zur Wirtin:

– Nun, Frau Lecacheur, ich muß Sie heute verlassen.

Die gute Frau war erstaunt und traurig. Sie sagte in ihrer gedehnten Redeweise:

– Wat seggen Se do, min läwer Hähr, Se wulln uns verlaten? Wi hebbt uns doch so schien tosamm ingewühnt?

Ich sah Miß Harriet von der Seite an. Nicht ein Zug in Ihrem Gesicht hatte sich verändert, aber Celeste, das kleine Hausmädchen, hatte mich eben angeblickt. Es war ein großes Ding von achtzehn Jahren, mit frischen roten Wangen, kräftig wie ein Pferd und – etwas Seltenes bei den Bauern – sehr reinlich. Ab und zu hatte ich ihr in einer Ecke wohl 'mal einen Kuß gegeben, wie's so die alten Wirtshausgäste zu thun pflegen. Das war aber auch alles.

Der Tisch wurde aufgehoben. Ich ging hinaus unter die Apfelbäume, um meine Pfeife zu rauchen. Alles was ich mir während des Tages überlegt, die wundersame Entdeckung des Morgens, diese lächerliche leidenschaftliche Zuneigung zu mir, allerlei Erinnerungen nach dieser Entdeckung, reizende süße Erinnerungen, vielleicht auch der kurze Blick des Mädchens, als ich sagte, ich wollte gehen, genug all das kam zusammen und trieb mir den Teufel in den Leib, daß es mich prickelte in allen Adern, irgend eine Dummheit zu begehen.

Die Nacht brach herein. Unter den Bäumen ward es dunkel und ich sah, wie Celeste über den Hof ging, um den Hühnerstall zu schließen. Ich schlich ihr so leise nach, daß sie nichts hörte und als sie aufstand, nachdem sie die Thür, durch die die Hühner ein- und ausgehen, zugemacht, nahm ich sie in die Arme und bedeckte sie mit Küssen. Sie wehrte sich, aber sie lachte. Sie war daran gewöhnt.

Warum ließ ich sie plötzlich los? Warum mußte ich mich jäh umdrehen? Warum war mirs als hätte ich jemanden hinter mir gespürt?

Es war Miß Harriet, die nach Haus kam, uns beobachtet hatte und nun starr stehen blieb, als hätte sie ein Gespenst gesehen. Dann verschwand sie im Dunklen.

Ich kam etwas beschämt und verstört zurück. Es war mir unangenehmer, von ihr so überrascht worden zu sein, als wenn sie mich dabei ertappt hätte, daß ich irgend eine strafbare That beging.

Ich schlief schlecht, war sehr nervös und traurige Gedanken quälten mich. Mir war es, als hörte ich weinen. Jedenfalls irrte ich mich. Dann war es mir mehrmals, als ginge jemand im Hause und als öffne man die Thür.

Gegen Morgen übermannte mich die Müdigkeit und ich schlief endlich ein. Ich wachte spät auf und erschien erst mittags zum Essen. Ich war noch immer etwas verlegen und wußte nicht recht, wie ich mich benehmen sollte.

Man hatte nichts von Miß Harriet gesehen. Man wartete auf sie. Sie kam nicht. Mutter Lecacheur sah in ihrem Zimmer nach. Die Engländerin war fort, sie mußte sehr zeitig ausgegangen sein, wie sie es oft that, um den Sonnenaufgang zu betrachten. Man wunderte sich nicht weiter darüber und begann stillschweigend zu essen. Es war heiß, sehr heiß, einer jener Tage, wo die Luft glühend auf der Erde lastet und kein Blatt sich rührt. Man hatte den Tisch draußen im Hof unter einen Apfelbaum gezogen. Ab und zu ging der Sappeur in den Keller, um den Krug mit Apfelwein zu füllen. Soviel war getrunken worden. Celeste brachte die Gerichte aus der Küche, ein Hammelragout mit Kartoffeln, ein Kaninchen und Salat. Dann stellte sie einen Teller mit Kirschen, die ersten dieses Jahres, vor uns hin.

Ich wollte die Früchte waschen und bat das Mädchen, mir einen Krug recht kalten Wassers zu holen.

Nach fünf Minuten kam sie mit der Erklärung zurück, der Brunnen wäre vertrocknet, sie hätte die ganze Länge des Seiles hinuntergelassen, der Eimer hätte den Boden berührt, wäre aber leer wieder heraufgekommen. Mutter Lecacheur wollte sich selbst überzeugen und ging hin, um in den Brunnen zu sehen. Sie kehrte wieder mit der Meldung, man sähe irgend etwas in ihrem Brunnen, irgend etwas, das nicht mit rechten Dingen zuginge. Wahrscheinlich hätte ein Nachbar aus Rache gegen sie Strohbündel hinuntergeworfen.

Auch ich wollte mir die Sache ansehen und meinte, ich würde es genauer unterscheiden können. Ich bog mich über den Rand. Ich erkannte undeutlich irgend etwas Weißes, aber was? Da kam ich auf den Gedanken, an einem Strick eine Laterne hinunter zu lassen. Das gelbe Licht tanzte auf den steinernen Wänden und sank allmählich hinab. Alle vier beugten wir uns über die Öffnung. Der Sappeur und Celeste waren nachgekommen. Die Laterne blieb über einer unbestimmbaren weiß und schwarzen Masse stehen. Der Sappeur rief:

– Dat is 'n Pärd, ich seih' den Huf, dat wird sich de Nacht uf de Kappel losreten haben und is runter follen.

Aber plötzlich lief mir ein Schauer über den Rücken. Ich hatte einen Fuß erkannt und ein emporstarrendes Bein. Der ganze Körper und das andere Bein war unter Wasser. Ich stammelte leise, während ich so sehr zitterte, daß die Laterne über dem Fuß unten hin und hertanzte:

– Das ist eine Frau, die da unten liegt, das ist Miß Harriet.

Der Sappeur zuckte nicht. Der hatte in Afrika noch ganz andere Sachen erlebt. Aber Mutter Lecacheur und Celeste fingen fürchterlich an zu schreien und liefen davon.

Wir mußten die Tote heraufholen. Ich band dem Knecht einen Strick fest um den Leib und ließ ihn dann mit dem Flaschenzuge langsam hinunter, während ich ihm nachstarrte wie er im Dunklen verschwand. In der Hand hielt er die Laterne und einen anderen Strick. Bald tönte seine Stimme wie aus dem Mittelpunkte der Erde herauf:

»Haaah!« und ich sah, wie er unten im Wasser etwas fischte. Es war das andere Bein. Dann band er beide Füße zusammen und schrie wieder: »Hol up!«

Ich zog ihn herauf, aber meine Arme waren wie zerbrochen, meine Muskeln schlaff und ich hatte beinahe Angst ich würde den Strick loslassen, sodaß der Mann gefallen wäre. Als sein Kopf über dem Rand auftauchte, fragte ich: »Nun?« als ob ich erwartet hätte, daß er mir Nachrichten überbringen sollte von der da unten auf dem Grunde.

Wir stiegen beide auf den Brunnenrand, stellten uns einander gegenüber und begannen, über die Öffnung gebeugt, das Seil heraufzuziehen.

Mutter Lecacheur und Celeste beobachteten uns von weitem, hinter der Mauer des Hauses versteckt. Als sie die schwarzen Schuhe und weißen Strümpfe der Ertrunkenen aus dem Loch auftauchen sahen, liefen sie davon.

Der Sappeur packte die Gelenke und man zog so das arme keusche alte Mädchen in der unziemlichsten Stellung hervor. Der Kopf war fürchterlich, schwarz und entstellt. Ihre langen grauen Haare waren ganz aufgegangen und hingen wasser- und schlammtriefend herab. Der Sappeur sagte wegwerfend:

– Gott verdimm mich, ist die moger!

Wir trugen sie in ihr Zimmer und da die beiden Frauen nicht wieder kamen, nahm ich mit dem Knecht die Totenwäsche vor.

Ich reinigte das traurig-entstellte Antlitz. Unter dem Drucke meines Fingers öffnete sich das Auge ein wenig und starrte mich an mit dem gläsernen, kalten, furchtbaren Blick der Leichen, der den Eindruck macht, als käme er von jenseits des Lebens. Ich brachte so gut ich konnte ihr verwirrtes Haar in Ordnung und machte ihr mit meinen ungeschickten Händen eine neue ganz eigenartige Frisur. Dann zog ich ihr die durchnäßten Kleider aus und entblößte ein wenig schamvoll, als ob ich sie entweihte, Brust und Schultern und ihre langen, spindeldürren Arme.

Dann holte ich Blumen: wilden Mohn, Kornblumen, Tausendschön und frisches duftendes Gras und bedeckte damit ihr letztes Lager.

Da ich allein bei ihr war, mußte ich die üblichen Liebesdienste thun. Ich fand in ihrer Tasche einen im letzten Augenblick geschriebenen Brief mit der Bitte, sie in diesem Dorfe zu begraben, wo sie die letzte Zeit ihres Lebens verbracht. Ein fürchterlicher Gedanke bedrückte mich. War es nicht meinetwegen, daß sie hier bleiben wollte?

Gegen Abend kamen die alten Weiber aus der Nachbarschaft, um die Leiche zu besehen, aber ich ließ sie nicht herein, ich wollte allein bleiben und ich wachte bei ihr die ganze Nacht.

Beim Scheine der Lichter betrachtete ich die arme, uns allen bekannte Frau, die so weit von ihrer Heimat so elend umgekommen. Ließ sie etwa irgendwo Freunde und Verwandte zurück? Wie war ihre Jugend gewesen? Wie hatte sich ihr Leben abgespielt? Woher kam sie so ganz allein, verloren umherirrend, wie ein verlaufener Jagdhund? Welch Geheimnis von Schmerz und Verzweiflung war in diesem häßlichen Leibe eingeschlossen? In diesem Leib den sie ihr Leben lang mit sich herumgetragen wie einen Makel. In dieser lächerlichen Hülle, die Liebe und Zuneigung von ihr verscheucht.

O, wie viele Unglückliche giebt es doch. Ich fühlte auf dieser armen Creatur die ewige Ungerechtigkeit der unerbittlichen Natur lasten. Für sie war es aus. Ob sie vielleicht je das empfunden, was auch die Enterbten des Glückes aufrecht erhält, die Hoffnung, einmal geliebt zu werden? Denn warum versteckte sie sich so? Warum floh sie die Anderen? Warum liebte sie mit so leidenschaftlicher Zärtlichkeit die toten Dinge und die lebenden Wesen nur dann, wenn sie nicht gerade Menschen waren?

Ich begriff, daß sie an Gott geglaubt und gehofft, einmal anderwärts den Ausgleich für ihr Elend zu finden. Nun würde sie verwesen und Pflanze werden. Sie würde blühen in der Sonne, abgerissen von den Kühen, als Saatkorn durch die Vögel verschleppt und als Tierleib einst wieder Menschenfleisch werden. Aber das, was man die Seele nennt, war unten in dem schwarzen Brunnen verhaucht. Sie litt nicht mehr, sie hatte ihr Leben eingetauscht gegen andere Leben, die aus ihr entstehen würden.

Die Stunden strichen hin bei meiner traurigen schweigsamen Wacht. Ein fahler Schein kündete die Morgendämmerung an. Dann fiel ein roter Strahl auf ihr Lager wie ein feuriger Balken, auf Betttuch und Hände. Es war die Stunde, die sie so geliebt. Die Vögel waren erwacht und zwitscherten in den Bäumen.

Ich stieß das Fenster auf, und schob die Vorhänge beiseite, daß der ganze Himmel uns sehen sollte. Dann beugte ich mich auf den kalten Leichnam herab, nahm das entstellte Haupt in meine Hände und drückte langsam, ohne Schrecken, ohne Ekel, einen langen Kuß auf diese Lippen, die nie einen Kuß empfangen ...


Léon Chenal schwieg. Die Damen weinten. Man hörte, wie sich Graf d'Ètraille auf dem Bock mehrmals schnaubte. Nur der Kutscher schlief. Und die Pferde, die keine Peitsche mehr antrieb, hatten ihren Gang verlangsamt und zogen lässig ihre Straße. Der Wagen kam kaum mehr vom Fleck, plötzlich schwer geworden, als ob er beladen sei mit Traurigkeit.

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