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Miß Harriet

Guy de Maupassant: Miß Harriet - Kapitel 19
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMiß Harriet
seriesGesammelte Werke
volume3
publisherEgon Fleischel & Co.
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
year1917
firstpub1917
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidbcbab68e
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VIII

Bis zur Entbindung ereignete sich nichts Besonderes. Cora kam in den letzten Septembertagen nieder. Es war ein Mädchen. Und sie wurde Desirée – die »Ersehnte« – genannt. Aber da die Taufe sehr feierlich sein sollte, kamen sie überein, daß sie erst im nächsten Sommer in dem Landhaus gefeiert werden sollte, das sie sich kaufen wollten.

Sie fanden eins in Asnières, auf der die Seine überhöhenden Seite.

Während des Winters waren große Ereignisse eingetreten. Sobald die Erbschaft sicher war, hatte Cachelin seinen Abschied eingereicht und, da er sofort genehmigt worden, das Bureau verlassen. Nun beschäftigte er sich damit, mit einer kleinen Laubsäge aus Zigarrenkistendeckeln allerhand Uhren, Kästchen und kleine wunderliche Gegenstände auszusägen. Diese Arbeit, auf die er gekommen, als er einen fliegenden Händler so auf der Avenue de l'Opera hatte arbeiten sehen, machte ihm fürchterlichen Spaß; alle Welt mußte täglich die neuen Vorlagen ansehen. Er war so stolz auf seine Arbeit, daß er immer wiederholte:

– Es ist unglaublich, was man alles fertig kriegt.

Der Unterchef, Herr Rabot, war endlich gestorben. Lesable vertrat ihn, obgleich er den Titel noch nicht bekommen, weil er noch nicht das nötige Dienstalter hatte.

Cora war sofort eine ganz andere Frau geworden, zurückhaltender und eleganter. Sie hatte alle Veränderungen in Lebensführung und Benehmen, zu denen ein großes Vermögen verpflichtet, augenblicklich gewittert und erraten.

Am Neujahrstage machte sie der Frau des Chefs, einer dicken Dame, die trotz fünfunddreißigjährigem Aufenthalte in Paris noch ganz Provinzialin geblieben war, einen Besuch. Und sie wußte so schmeichelnd und liebenswürdig zu bitten, Frau Torchebeuf möchte Patin ihres Kindes sein, daß diese annahm. Sie sollte mit dem Großvater Cachelin zusammen Gevatter stehen.

Die Feierlichkeit fand an einem sonnenstrahlenden Junitage statt. Das ganze Bureau war eingeladen worden bis auf den schönen Maze, von dem man nichts mehr sah und hörte.

Um neun Uhr wartete Lesable am Bahnhof auf den Pariser Zug, während ein kleiner Diener in Livree mit großen, goldenen Knöpfen ein winziges Pony, das vor einen neuen Korbwagen gespannt war, am Zügel hielt.

In der Ferne pfiff die Lokomotive, und kam dann in Sicht mit einer Reihe Wagen hinterher, denen ein ganzer Schwarm von Reisenden entströmte. Herr Torchebeuf stieg mit seiner sehr auffallend gekleideten Frau aus einem Coupé I. Klasse, während Pitolet und Boissel II. Klasse gefahren waren. Man hatte es nicht gewagt, den alten Savon einzuladen; aber es war ausgemacht worden, man sollte ihm zufällig am Nachmittag begegnen und ihn mit Zustimmung des Chefs zu Tisch bitten.

Lesable ging seinem Vorgesetzten entgegen, der ganz winzig aussah in seinem schwarzen Gehrock, auf dem die mächtige Ehrenlegion wie eine erschlossene rote Rose blühte. Sein mächtiger Schädel, auf dem ein breitkrämpiger Cylinder saß, erdrückte beinahe den kümmerlichen Körper und gab ihm ein ganz wunderliches Aussehen. Wenn seine Frau sich nur ein wenig auf die Fußspitzen hob, konnte sie ohne Mühe über seinen Kopf hinwegblicken.

Leopold verbeugte sich strahlend und dankte, daß sie gekommen wären. Er ließ sie in den Korbwagen steigen, dann lief er zu seinen beiden Kollegen, die bescheiden hinterdrein kamen, drückte ihnen die Hände und entschuldigte sich, daß er sie nicht auch im Wagen mitnehmen könnte, weil kein Platz wäre:

– Gehen Sie nur den Quai hinunter, dann kommen Sie schon an mein Haus. Villa Desirée, die vierte von der Ecke. Aber machen Sie schnell!

Darauf stieg er in den Wagen, nahm die Zügel und fuhr davon, während der Diener sich leicht hinten auf den kleinen Sitz schwang.

Die Feierlichkeit war durchaus gelungen. Dann ging es zum Frühstück. Jeder fand unter seiner Serviette ein Geschenk, das der Würde des Eingeladenen entsprach. Die Patin bekam ein Armband aus massivem Gold, ihr Gemahl eine Krawattennadel mit einem Rubin, Boissel eine juchtene Brieftasche und Pitolet eine prachtvolle Meerschaumspitze. Es hieß, Desirée böte ihren neuen Freunden diese Geschenke an.

Frau Torchebeuf legte das glänzende Armband verlegen und glückselig um ihren dicken Arm, und da der Chef eine schmale Selbstbindekrawatte trug, in die man keine Nadel stecken konnte, befestigte er den Rubin auf dem Aufschlag seines Gehrockes, gerade unter der Ehrenlegion, wie einen zweiten nicht ganz so bedeutenden Orden.

Durch das Fenster sah man einen breiten Streifen des Stromes, der sich längs der baumbepflanzten Ufer nach Suresnes wie ein Band hinaufwand. Die Sonne strahlte auf das Wasser nieder, daß der ganze Fluß zu brennen schien. Anfangs ging es bei der Mahlzeit ernst zu in Rücksicht auf Herrn und Frau Torchebeuf. Dann wurde man lustiger. Cachelin ließ ein paar grobe Witze los, zu denen er sich nun, da er reich war, berechtigt hielt. Und man lachte. Wenn sie Pitolet oder Boissel gemacht hätten, würde man sie gewiß sehr unpassend gefunden haben.

Beim Nachtisch wurde das Kind gebracht, das jeder der Teilnehmer küßte. Es war in eine Wolke von Spitzen versunken und sah die Leute mit seinen blauen Augen und seinem unbestimmten gedankenlosen Blicke an. Dann wandte es ein wenig den großen Kopf, als schiene sein Verstand zu erwachen. Pitolet flüsterte seinem Nachbar Boissel ins Ohr:

– Sie sieht wie ein kleines Mazechen aus.

Am anderen Tage wurde das Wort im Ministerium verbreitet.

Inzwischen war es zwei Uhr geworden. Man hatte Likör getrunken, und Cachelin schlug vor, die Besitzung in Augenschein zu nehmen und dann ein wenig an der Seine spazieren zu gehen.

Die Eingeladenen zogen wie in einer Prozession durch alle Zimmer, vom Keller bis zum Boden; dann liefen sie durch den Garten von Baum zu Baum, von Pflanze zu Pflanze, und endlich teilte man sich zum Spaziergange in zwei Abteilungen.

Cachelin, den die Gegenwart der Damen etwas störte, nahm Boissel und Pitolet in die Cafés am Wasser mit, während die Damen Torchebeuf und Lesable mit ihren Männern am anderen Ufer hinaufgingen, da anständige Damen sich nicht unter die ungenierten Sonntagsausflügler mischen konnten. Sie schritten langsam auf dem Treidelwege hin, von ihren Männern gefolgt, die sehr ernst über Dienstangelegenheiten sprachen.

Auf dem Strom fuhren Jollen hin, in langen Ruderschlägen durch kräftige, junge Leute getrieben, auf deren sonnverbrannten, nackten Armen die Muskeln spielten, Mädchen lagen auf schwarzen oder weißen Fellen am Steuer, halb eingeschlafen bei den Sonnenstrahlen und hielten über ihrem Kopfe rote, gelbe, blaue Sonnenschirme, die wie mächtige Blumen auf der Flut schwammen. Von einem Schiff ward zum anderen gerufen und geschimpft, und in der Ferne hörte man einen unbestimmten, fortwährenden Lärm von Stimmen: das Gewimmel der Festtage.

Ganze Reihen von Anglern saßen unbeweglich am Ufer, während die Badenden fast nackt auf den schweren Fischerbooten standen, einen Kopfsprung machten, wieder an Bord stiegen und sich von neuem in die Fluten stürzten.

Frau Torchebeuf sah erstaunt zu. Cora meinte:

– So geht es alle Sonntage zu. Das verdirbt mir eigentlich die reizende Gegend.

Langsam kam ein Boot daher. Zwei Mädchen ruderten zwei junge Leute, die im Hinterteile des Kahnes lagen. Eine von den beiden rief ans Ufer:

– Ahoi! Ahoi! Ihr beiden ehrpusseligen Damen da. Hier ist ein Mann zu verkaufen, ganz billig. Wollt Ihr ihn nicht haben?

Cora wandte sich verachtungsvoll ab und schob ihren Arm in den ihres Gastes:

– Hier ist es gar nicht mehr auszuhalten, bei diesen unanständigen Kreaturen.

Und sie gingen davon. Herr Torchebeuf sagte zu Lesable:

– Also es bleibt beim 1. Januar. Der Direktor hat es mir in aller Form zugesagt.

Und Lesable antwortete:

– Ich weiß gar nicht, wie ich Euer Gnaden danken soll!

Als sie heimkehrten, sahen sie Cachelin, Pitolet und Boissel, die beinahe weinten vor Lachen und den alten Savon mit sich schleppten. Sie hatten ihn am Ufer mit einer Cocotte gefunden, wie sie aus Unsinn behaupteten.

Der Alte wehrte sich erschrocken:

– Das ist nicht wahr! Nein, das ist nicht wahr! Das ist nicht hübsch von Ihnen, so was zu sagen; das ist nicht hübsch.

Cachelin kreischte vor Lachen:

– O, Du alter Possenreißer, Du hast sie ja »mein Schnuteken« genannt. Ah, jetzt haben wir ihn aber erwischt.

Selbst die Damen fingen an zu lachen, so außer sich war der gute Mann.

Cachelin fing wieder an:

– Wenn es Herrn Torchebeuf recht ist, werden wir zur Strafe den Gefangenen behalten und er kommt mit zu Tisch.

Der Chef gab wohlwollend seine Zustimmung, und die Späße gingen weiter über die von dem Alten verlassene Dame, während der alte Savon sich immer noch verteidigte, ganz empört über den schlechten Witz. Und bis zum Abend gab das unerschöpflichen Gesprächsstoff.

Cora und Frau Torchebeuf saßen unter dem Zelt auf der Veranda und sahen der untergehenden Sonne zu, die purpurne Lichter auf die Blätter der Bäume warf. Kein Windhauch regte sich, ein unendlicher heiterer Friede sank herab vom stillen in Gluten getauchten Himmel. Ein paar Schiffe, die den Anlegeplatz suchten, zogen noch vorbei und Cora fragte:

– Der arme Herr Savon scheint eine schlechte Person geheiratet zu haben?

Frau Torchebeuf, die alle Einzelheiten des Bureaus kannte, antwortete:

– Ja, eine Waise, die viel zu jung für ihn war. Sie hat ihn mit einem schlechten Kerl betrogen und ist ihm endlich durchgebrannt.

Dann fügte die dicke Dame hinzu:

– Ich sage ein schlechter Kerl, obgleich ich eigentlich nichts davon weiß. Es hieß, sie liebten sich sehr. Jedenfalls ist der alte Savon nicht gerade sehr verführerisch.

Frau Lesable antwortete ernst:

– Das ist keine Entschuldigung. Der arme Mann ist sehr zu beklagen. Unserm Nachbarn nebenan, Herrn Barbou, geht's genau so. Seine Frau hat sich in eine Art Maler verliebt, der den Sommer hier zubrachte, und ist mit ihm ins Ausland gegangen. Ich verstehe gar nicht, wie eine Frau soweit sinken kann. Meiner Ansicht nach müßte für solche Elenden, die eine Familie beschmutzen, eine besondere Strafe eingeführt werden.

Da erschien am Ende des Weges die Amme, Desirée in ihrem Spitzenkleidchen auf dem Arme. Sie kam auf die beiden Damen zu mit dem Kinde, das ganz rot aussah, vom roten Himmel bestrahlt. Mit demselben erstaunten, ausdruckslosen Auge, wie es einem ins Gesicht blickte, sah es den glühenden Himmel an. Die Herren, die schwatzend ein Stück entfernt gestanden, traten heran. Cachelin nahm sein Enkelkind, hob es in den Armen hoch, als wollte er es in den Himmel tragen, und die Kleine zeichnete sich mit dem langen, weißen, tiefherabfallenden Kleide vom leuchtenden Horizonte scharf ab.

Und der Großvater rief:

– Das ist doch das beste auf der Welt! Nicht wahr, Papa Savon?

Der Alte antwortete nicht, weil er nicht wußte, was er sagen sollte, oder vielleicht auch, weil er sich zuviel dabei dachte.

Ein Diener öffnete die Thür der Veranda und meldete:

– Es ist angerichtet.

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