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Miß Harriet

Guy de Maupassant: Miß Harriet - Kapitel 18
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMiß Harriet
seriesGesammelte Werke
volume3
publisherEgon Fleischel & Co.
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
year1917
firstpub1917
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidbcbab68e
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VII

Die drei Verwandten lebten seit dieser glücklichen Entdeckung in völliger Übereinstimmung, sie waren immer guter Laune. Cachelin hatte alle seine alte Jovialität wieder gefunden, und Cora überhäufte ihren Mann mit Zärtlichkeiten. Auch Lesable war ganz anders geworden, er war stets zufrieden und ein guter Kerl wie früher.

Maze kam seltener und schien sich jetzt in der Familie nicht mehr recht wohl zu fühlen. Er ward zwar immer gut aufgenommen, aber doch etwas kühler, denn das Glück macht egoistisch und braucht keinen dritten. Cachelin schien sogar gegen den schönen Beamten, den er einige Monate früher mit so großem Enthusiasmus in seine Familie eingeführt, eine Art heimliche Feindschaft zu hegen. Er teilte den Zustand Coralies mit, indem er kurz sagte:

– Sie wissen doch, daß meine Tochter in anderen Umständen ist.

Maze spielte den Erstaunten:

– Ach, nein! Da müssen Sie aber glücklich sein! Cachelin antwortete:

– Das will ich meinen! – und machte die Wahrnehmung, daß sein Kollege im Gegenteil gar nicht erfreut zu sein schien. Die Männer haben es nun einmal nicht gern, Frauen, die sie lieben, in diesem Zustande zu sehen, sei es mit oder ohne ihre Schuld.

Dennoch aß Maze immer noch jeden Sonntag bei ihnen. Aber sie fühlten sich alle geniert, obgleich kein Streit oder irgendwelche Zwischenfälle eintraten, und von Woche zu Woche stieg die eigentümliche Verlegenheit.

Cachelin erklärte eines Abends, als er nach Hause kam, ganz wütend:

– Der Kerl fängt an, mir langweilig zu werden.

Und Lesable antwortete:

– Na, jedenfalls gewinnt er nicht bei näherer Bekanntschaft.

Cora hatte die Augen niedergeschlagen. Sie äußerte keine Ansicht. Sie schien dem großen Maze gegenüber immer etwas verlegen zu sein, und er schämte sich fast, wenn er sich in ihrer Gegenwart befand, sah sie nicht mehr lächelnd an wie früher, lud sie nicht mehr ins Theater ein und schien diesen einst so innigen Verkehr nur noch als notwendiges Übel zu betrachten.

Aber eines Tages küßte Cora, als ihr Mann zu Tisch heimkehrte, ihm den Backenbart mit größerer Zärtlichkeit als sonst und flüsterte ihm ins Ohr:

– Du wirst mich wohl auszanken.

– Warum denn?

– Ja, vorhin war nämlich Herr Maze da und weil ich nicht ins Gerede kommen will, habe ich ihn gebeten, mich nie zu besuchen, wenn Du nicht zu Hause bist! Er schien ein wenig gekränkt zu sein.

Lesable fragte erstaunt:

– Nun, was hat er denn gesagt?

– Ach, er hat weiter nichts gesagt, nur schien er nicht gerade einverstanden damit zu sein, und da habe ich ihn gebeten, seine Besuche überhaupt einzustellen. Du weißt doch, daß Papa und Du ihn hergebracht habt! Ich kann nichts dafür. Daher fürchtete ich, Du würdest böse sein, daß ich ihm das Haus verboten habe.

Dankbare Freude überkam ihren Mann:

– Du hast ganz recht gethan, ganz recht! Und ich danke Dir vielmals.

Sie setzte noch hinzu, damit die Stellung der beiden Männer auch klar sei:

– Weißt Du, im Bureau mußt Du nie so thun, als wüßtest Du etwas davon und mußt mit ihm sprechen wie früher; nur darf er nicht mehr hierher kommen.

Lesable schloß seine Frau zärtlich in die Arme und küßte sie lange auf Augen und Wangen, während er sagte:

– Du bist ein Engel! Du bist ein Engel!

Und er fühlte, als sie sich an einander lehnten, ganz deutlich die Form des Kindes.

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