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Miß Harriet

Guy de Maupassant: Miß Harriet - Kapitel 16
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMiß Harriet
seriesGesammelte Werke
volume3
publisherEgon Fleischel & Co.
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
year1917
firstpub1917
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidbcbab68e
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V

Aber ihre immer genährten und immer wieder angefachten Hoffnungen wurden nicht erfüllt. Von Monat zu Monat steigerte sich trotz Lesables Beharrlichkeit und der Willfährigkeit seiner Frau ihre Enttäuschung. Immerfort warf einer dem andern das Unglück vor, und der verzweifelte Mann, der mager geworden und müde, hatte vor allem unter der Grobheit Cachelins zu leiden, der ihn in ihrem häuslichen Krieg nur noch »Herr Hahn« nannte, wahrscheinlich in Erinnerung des Tages, wo er beinahe eine Flasche an den Kopf bekommen wegen des Wortes »Kapaun«.

Seine Tochter und er steckten instinktmäßig unter einer Decke, weil der Gedanke an das große Vermögen, das ihnen so nahe immer vor Augen schwebte und das sie doch nicht fassen konnten, sie fortwährend erregte. Sie wußten nicht, was sie alles erfinden sollten, diesen unfähigen Mann, der schuld an ihrem Unglück war, zu demütigen und zu quälen.

Jeden Tag sagte Cora, wenn sie sich zu Tische setzten:

– Wir haben nur wenig zu essen. Ja, wenn wir reich wären, wäre das was Anderes, ich kann nichts dafür.

Wenn Lesable ins Bureau ging, rief sie ihm nach:

– Nimm Deinen Regenschirm mit, damit Du Deine Kleider nicht verdirbst. Ich kann nichts dafür, wenn Du noch immer den Scribifax spielen mußt.

Sobald sie selber ausgehen wollte, verfehlte sie nicht zu rufen:

– Wenn ich daran denke, daß ich jetzt im eigenen Wagen fahren könnte, wenn ich einen anderen Mann hätte.

Immerfort, bei jeder Gelegenheit dachte sie daran, fand einen Vorwurf für ihren Mann, warf ihm irgend eine Kränkung ins Gesicht, schob allein auf ihn die Schuld und machte nur ihn dafür verantwortlich, daß sie das Geld nicht bekämen.

Endlich verlor er eines Abends wieder die Geduld und rief:

– Himmeldonnerwetter! Wirst Du endlich 's Maul halten! Deine Schuld ist es. Deine ganz allein, wenn wir keine Kinder haben, denn ich habe eins.

Er log. Alles andere war ihm lieber als dieser fortwährende Vorwurf, er sei unfähig.

Zuerst sah sie ihn ganz erstaunt an, um in seinen Augen die Wahrheit zu lesen; dann begriff sie, was vor sich ging und sagte verachtungsvoll:

– Du hast ein Kind?

Er antwortete frech:

– Ja, einen natürlichen Sohn. Ich lasse ihn in Asnières erziehen.

Sie antwortete mit ruhiger Stimme:

– Gut, dann werden wir ihn morgen besuchen, damit ich ihn mir mal ansehen kann.

Er ward rot bis über die Ohren und stotterte:

– Meinetwegen.

Am anderen Morgen stand sie um sieben Uhr auf und sagte, als er sich darüber wunderte:

– Ja, wollen wir denn nicht Dein Kind besuchen? Das hast Du mir doch gestern abend versprochen. Solltest Du etwa heute keins mehr haben?

Schnell sprang er aus dem Bett:

– Mein Kind wollen wir nicht aufsuchen, aber einen Arzt und der wird Dir sagen, woran Du bist.

Sie antwortete, ihrer selbst gewiß:

– Das soll mir recht sein.

Cachelin übernahm die Krankmeldung seines Schwiegersohnes im Ministerium. Und das Ehepaar Lesable, das sich bei dem Apotheker in der Nachbarschaft nach einem Spezialisten erkundigt hatte, klingelte zur bestimmten Stunde an der Thüre des Dr. Lefilleul, der mehrere Bücher verfaßt hatte über die »Hygiene der Ehe«.

Sie traten in einen kleinen Salon, helltapeziert mit goldenen Streifen, der schlecht eingerichtet war und in seiner Kahlheit trotz der großen Anzahl Stühle einen unwohnlichen Eindruck machte. Sie setzten sich. Lesable war sehr erregt, er zitterte, er schämte sich. Endlich kamen sie an die Reihe und traten in eine Art Bureau, wo sie ein kleiner, dicker Herr kalt und förmlich empfing.

Er wartete darauf, daß sie den Grund ihres Kommens auseinandersetzen sollten. Aber Lesable, der rot war bis an die Haarwurzeln, wagte nicht zu sprechen. Da entschied sich seine Frau dazu und sagte mit ruhiger Stimme, wie jemand, der entschlossen ist, an sein Ziel zu gelangen:

– Wir kommen zu Ihnen, weil wir keine Kinder haben und ein großes Vermögen davon abhängt.

Die Konsultation dauerte lange Zeit und war sehr peinlich und genau. Cora schien sich nicht im mindesten geniert zu fühlen und beantwortete die Fragen des Arztes wie eine Frau, die es höheren Interessen zuliebe thut und erträgt.

Der Arzt hatte fast eine Stunde lang seine Untersuchungen mit dem jungen Ehepaare angestellt und sagte noch immer nichts. Endlich meinte er:

– Ich kann nichts Abnormes finden, auch keine Besonderheit irgend welcher Art. Der Fall kommt übrigens ziemlich häufig vor. Mit dem Körper ist es nichts Anderes wie mit dem Charakter. Da wir so oft sehen, daß eine Ehe unglücklich ist, weil die Charaktere nicht zusammenpassen, so ist es doch auch nicht erstaunlich, anderen zu begegnen, die kinderlos bleiben, weil die Gatten physisch zu einander nicht passen. Sie, gnädige Frau, scheinen mir durchaus gesund und geeignet zum Mutterberufe. Der Herr Gemahl dagegen ist, obgleich ich an ihm keine Unregelmäßigkeit entdecken kann, wohl etwas geschwächt, vielleicht sogar gerade durch seinen glühenden Wunsch, Vater zu werden. Wollen Sie mir gestatten, daß ich Sie auskultiere?

Lesable zog etwas beunruhigt Rock und Weste aus, und der Doktor legte lange Zeit hindurch das Ohr an den Brustkasten und an den Rücken des Beamten. Dann beklopfte er ihn genau vom Magen bis zum Hals und vom Kreuz bis ins Genick. Er stellte eine leichte Abweichung im Herzschlage fest und meinte, seine Lunge sei vielleicht nicht ganz taktfest.

– Sie müssen sich pflegen, Sie müssen Ihrer Gesundheit Aufmerksamkeit widmen. Es ist weiter nichts als Blutarmut und Schwäche. Aber was heute nicht viel sagen will, könnte doch einmal verhängnisvoll werden.

Lesable war blaß vor Angst und bat um eine Verordnung. Seine Lebensweise wurde ihm genau vorgeschrieben; er sollte tagsüber rohes Fleisch essen, Bouillon trinken, sich Bewegung machen, dann wieder Ruhe halten und den Sommer über Landluft genießen. Dann gab ihm der Doktor noch ein paar Ratschläge für den Fall, daß es ihm besser gehen sollte und nannte ihm einige Mittel, die oft mit Erfolg angewendet würden.

Die Konsultation kostete vierzig Franken.

Als sie auf der Straße standen, sagte Cora in verbissener Wut, an die Zukunft denkend:

– Da bin ich ja schön 'reingefallen mit Dir!

Er antwortete nicht. Die Angst verzehrte ihn und er überdachte jedes Wort des Arztes. Hatte er ihn nicht etwa hintergangen? Hielt er ihn nicht doch schon für verloren? Jetzt dachte er gar nicht mehr an die Erbschaft und an das Kind, nun handelte es sich um sein Leben. Es war ihm, als hörte er in seinen Lungen eine Art Pfeifen und als fühlte er sein Herz heftiger schlagen. Als sie durch die Tuilerien schritten, hatte er eine Anwandlung von Schwäche und mußte sich setzen. Seine Frau blieb außer sich neben ihm stehen und blickte ihn von oben bis unten mit verächtlichem Mitleid an. Er atmete mühsam und übertrieb noch die gelinde Atemnot, die sich durch die Gemütsbewegung eingestellt. Dabei zählte er mit der linken Hand am rechten Handgelenk die Pulsschläge.

Cora trippelte ungeduldig hin und her und fragte:

– Bist Du bald fertig mit Deinen Dummheiten? Wann bist Du soweit?

Er stand da wie ein Opferlamm und setzte sich, ohne ein Wort zu sprechen, wieder in Bewegung.

Als Cachelin das Ergebnis der Konsultation erfahren, hielt er mit seiner Wut nicht zurück. Er brüllte:

– Na, da sind wir aber die Lackierten, da sind wir aber die Lackierten!

Dabei blickte er seinen Schwiegersohn wütend an, als ob er ihn hätte auffressen wollen.

Lesable hörte nichts und sah nichts, er dachte nur noch an seine Gesundheit, an sein bedrohtes Leben. Meinetwegen mochten sie schreien, die beiden da, Vater und Tochter, sie steckten ja nicht in seiner Haut und seine Haut wollte er wahren.

Jetzt standen lauter Medizinflaschen auf dem Tisch, und bei jeder Mahlzeit nahm er genau die vorgeschriebene Dosis unter dem Hohngelächter seines Schwiegervaters und dem stillen Lächeln seiner Frau. Immerfort blickte er in den Spiegel und legte die Hand aufs Herz, um nach dem Herzschlage zu fühlen. Dann ließ er sich in einer dunklen Kammer, die sie als Garderobe benützten, ein Bett aufschlagen, weil er die nähere Berührung mit Cora floh.

Jetzt fühlte er gegen sie etwas wie ängstlichen Haß und Verachtung. Ekel mischte sich darein. Nun erschienen ihm alle Frauen gleich Ungetümen, wilden Tieren, die nur geschaffen sind, um den Mann zu töten. Und er dachte an Tante Charlottes Testament kaum mehr anders, als wie man an ein vorübergegangenes Glück denkt, das man durch den Tod hat erkaufen sollen.

Monate vergingen. Es war nur noch ein Jahr bis zu dem kritischen Zeitpunkte.

Cachelin hatte im Eßzimmer einen riesigen Kalender aufgehangen, auf dem er jeden Morgen einen Tag ausstrich, und die Wut darüber, daß er nichts thun konnte, die Verzweiflung, daß ihnen das Vergnügen von Woche zu Woche weiter entschwand, die Raserei bei dem Gedanken, sich noch weiter auf dem Bureau herumschinden zu müssen, dann bis zu seinem Tode mit nur zweitausend Franken Pension zu leben, veranlaßte ihn zu heftigen Redensarten, die manchmal beinahe in Thätlichkeiten ausarteten.

Er konnte Lesable nicht mehr sehen, ohne daß ihn die fürchterlichste Lust überkam, ihn zu schlagen, zu prügeln, mit Füßen zu treten. Er haßte ihn fanatisch, und jedesmal, wenn jener die Thüre öffnete und eintrat, war's ihm, als ob ein Dieb bei ihm eindränge, der ihm ein heiliges Gut, eine Familienerbschaft gestohlen. Er haßte ihn mehr als einen Feind und er verachtete ihn zugleich wegen seiner Schwäche und vor allen Dingen wegen seiner Feigheit, da er es in Besorgnis um seine Gesundheit aufgegeben, die gemeinsame Hoffnung weiter zu nähren.

Lesable lebte in der That getrennt von seiner Frau, als ob sie nicht mehr zu einander gehörten. Er berührte sie nicht, er wich beschämt und ängstlich ihrem Blicke aus.

Cachelin fragte seine Tochter jeden Tag:

– Na, hat sich Dein Mann entschlossen?

Sie antwortete:

– Nein, Papa.

Abends bei Tisch gab es immer peinliche Szenen. Cachelin wiederholte fortwährend:

– Wenn ein Mann kein Mann ist, da wär's besser, er krepierte, damit ein anderer an seine Stelle könnte.

Und Cora fügte hinzu:

– Jedenfalls giebt es sehr unnütze Leute, die einen nur stören; ich weiß nicht, was sie eigentlich auf der Erde machen, da sie doch allen zur Last fallen.

Lesable nahm seine Arzneien und antwortete nicht.

Endlich brüllte ihn eines Tages sein Schwiegervater an:

– Höre mal, wenn Du Dich nicht bald anders benimmst, da es Dir doch jetzt besser geht, so weiß ich, was meine Tochter zu thun hat.

Der Schwiegersohn, der eine neue Beleidigung kommen fühlte, richtete einen fragenden Blick auf ihn, und Cachelin fuhr fort:

– Weiß Gott! Sie wird eben ganz einfach einen anderen nehmen! Und Du kannst kolossal von Glück sagen, daß sie es nicht schon längst gethan hat. Wenn man einen solchen Wicht geheiratet hat, wie Du, dann ist eben alles erlaubt.

Lesable antwortete erbleichend:

– Ich hindere sie nicht daran, Deinen guten Ratschlägen zu folgen.

Cora schlug die Augen nieder und Cachelin hatte ein unbestimmtes Gefühl davon, daß er diesmal zu weit gegangen sei und war infolgedessen etwas verlegen.

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