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Gutenberg > Guy de Maupassant >

Miß Harriet

Guy de Maupassant: Miß Harriet - Kapitel 14
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMiß Harriet
seriesGesammelte Werke
volume3
publisherEgon Fleischel & Co.
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
year1917
firstpub1917
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidbcbab68e
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III

Das junge Paar bezog auf demselben Flur mit Cachelin und Fräulein Charlotte eine Wohnung, deren bisherigem Mieter man gekündigt.

Indessen konnte sich Lesable einer gewissen Besorgnis nicht entschlagen. Die Tante hatte ihrer Nichte die Erbschaft nicht durch eine unzweideutige Bestimmung zusichern wollen. Sie hatte nur vor Gott geschworen, daß ihr Testament gemacht und beim Notar, Herrn Belhomme, hinterlegt sei. Außerdem hatte sie versichert, daß ihr ganzes Vermögen ihrer Nichte unter einer Bedingung zufiele. Als man nun in sie gedrungen, diese Bedingung zu nennen, hatte sie sich zwar geweigert, sich näher zu erklären, aber mit wohlwollendem Lächeln die Versicherung abgegeben, daß die Bedingung leicht zu erfüllen sei. Nach dieser Erklärung und in Anbetracht der Dickköpfigkeit der Alten glaubte Lesable darüber hinwegsehen zu können, und da das junge Mädchen ihm gefiel, so war der Wunsch Herr über seine Unentschlossenheit geworden, und er hatte Cachelins beständigen Versuchen, ihn einzusaugen. endlich nachgegeben.

Nun war er glücklich, obwohl immer ein Zweifel auf seiner Seele lastete. Er liebte seine Frau, die in keiner Beziehung seine Voraussetzungen getäuscht. Sein Leben lief ruhig und eintönig dahin. Übrigens hatte er sich in wenigen Wochen in seine neue Würde als verheirateter Mann gefunden und blieb derselbe eifrige Beamte, der er immer gewesen.

Das Jahr verstrich. Der Neujahrstag kam wieder, aber zu seinem großen Erstaunen bekam er die Beförderung nicht, auf die er gerechnet. Nur Maze und Pitolet wurden befördert. Und Boissel erklärte im Vertrauen Herrn Cachelin, daß er seinen beiden Kollegen eines Abends eins auswischen würde vor allen anderen, wenn sie aus dem großen Thore kämen. Aber er that es nicht.

Acht Tage lang konnte Lesable nicht schlafen, so ging es ihm im Kopfe herum, daß er trotz seines Eifers nicht befördert worden. Er quälte sich doch ab wie ein Hund. Den Unterchef, Herrn Rabot, der neun Monate im Jahre krank im Hospital des Val de Grace lag, vertrat er doch fortwährend. Er kam jeden Morgen um halb neun Uhr und ging jeden Abend um halb sieben Uhr. Was wollte man mehr? Wenn man ihm eine solche Arbeit und eine derartige Anstrengung nicht anrechnete, so würde er nur noch soviel thun wie die anderen auch. Jedem nach Verdienst. Wie hatte ihn nur Herr Torchebeuf, der ihn doch sonst wie einen Sohn behandelt, fallen lassen können? Er wollte wenigstens klar sehen und nahm sich vor, den Chef aufzusuchen und mit ihm zu reden.

So klopfte er denn eines Morgens, ehe die Kollegen gekommen waren, an des Allmächtigen Thür. Eine scharfe Stimme rief:

– Herein! – Er trat ein. – Herr Torchebeuf, ein kleiner Mann mit einem Riesenkopf, der beinahe auf der Schreibmappe zu liegen schien, saß an einem Tisch voller Papiere und schrieb. Als er seinen Lieblingsbeamten gewahrte, sagte er:

– Guten Morgen, Lesable, wie geht's?

Der junge Mann antwortete:

– Guten Morgen, Euer Gnaden. Sehr gut. Und Ihnen?

Der Chef hörte mit Schreiben auf, drehte seinen Stuhl herum; sein zarter, gebrechlicher, magerer Körper war in einen langen, schwarzen, ernsten Rock gehüllt und versank fast in dem großen ledergepolsterten Lehnstuhl. Ein riesiges Ordensband der Ehrenlegion, das auch für den Mann, der es trug, viel zu breit war, leuchtete wie eine glühende Kohle auf seiner schmalen Brust, die überdacht schien von dem Riesenschädel, sodaß der gute Mann wie ein Pilz aussah.

Er hatte spitze Zähne, hohle Wangen, vorstehende Augen und eine unproportionierte Stirne, auf der das zurückgekämmte weiße Haar wuchs.

Herr Torchebeuf sagte:

– Setzen Sie sich, lieber Freund, und sagen Sie mir, was Sie herführt.

Gegen alle anderen Beamten war er von militärischer Schroffheit und dünkte sich wie ein Kapitän auf seinem Schiff, denn das Ministerium war für ihn nichts als ein großes Kriegsschiff, das Admiralschiff aller französischen Flotten.

Lesable stotterte etwas unsicher und bleich:

– Euer Gnaden, ich möchte nämlich fragen, ob ich vielleicht irgend etwas versehen habe.

– Aber nein, lieber Freund, warum fragen Sie denn das?

– Ja, ich bin nämlich etwas erstaunt gewesen, daß ich dieses Jahr nicht wie alle vorhergehenden befördert worden bin. Gestatten Euer Gnaden, daß ich noch ein paar Worte hinzufüge. Ich bitte im voraus um Verzeihung wegen meiner Kühnheit. Ich weiß, daß Sie gegen mich außergewöhnlich gnädig gewesen sind und mir unverhoffte Vorteile zugewendet haben. Ich weiß auch, daß die Beförderung im allgemeinen nur alle zwei oder drei Jahre stattfindet. Aber ich darf vielleicht bemerken, daß ich im Bureau wohl viermal soviel Arbeit leiste wie ein gewöhnlicher Beamter und mindestens doppelt solange Zeit bei der Arbeit sitze. Ich glaube, daß, wenn man die Summe meiner Bemühungen und die Belohnung dafür abwägt, es sich herausstellt, daß letztere weit hinter der ersten zurückbleibt.

Er hatte diesen Satz, den er für ganz ausgezeichnet hielt, sorgfältig vorbereitet.

Herr Torchebeuf war erstaunt und suchte nach einer Antwort. Endlich sagte er in etwas kühlem Tone:

– Obwohl es im Prinzipe nicht angängig sein dürfte, daß zwischen Chef und Untergebenem derartige Dinge besprochen werden, so will ich Ihnen doch diesmal antworten, in Rücksicht auf Ihre bisherigen guten Dienste. Ich habe Sie, wie das Jahr vorher, zur Beförderung vorgeschlagen, aber der Direktor hat Ihren Namen gestrichen in Ansehung dessen, daß Ihre Heirat Ihnen eine schöne Zukunft sichert, daß Sie zu mehr als Wohlstand kommen, ja zu einem Vermögen, dessen Ihre bescheidenen Kollegen niemals teilhaftig werden können. Ist es nun nicht bloß gerecht, wenn auf die Verhältnisse des einzelnen etwas Rücksicht genommen wird? Sie werden einmal reich werden, sogar sehr reich! Dreihundert Franken jährlich mehr werden für Sie nichts bedeuten, während diese kleine Erhöhung im Budget der anderen stark mitzählt. Das ist, lieber Freund, der Grund, weshalb Sie dieses Jahr nicht befördert worden sind.

Lesable zog sich verlegen und wütend zurück.

Abends beim Essen war er unangenehm gegen seine Frau. Gewöhnlich war sie heiter und ziemlich gleichmäßig guter Laune, wenn auch eigensinnig. Sie besaß für ihn nicht mehr den sinnlichen Zauber der ersten Zeit und obwohl sie ihn immer noch reizte, denn sie war frisch und hübsch, so fühlte er doch manchmal eine beinahe an Ekel streifende Ernüchterung, wie sie eben das gemeinsame Leben zweier Wesen bald hervorruft. Die tausend trivialen und lächerlichen Kleinigkeiten des Daseins, ein Sichgehenlassen in ihrer Toillette des Morgens, der alte, abgetragene Schlafrock aus gemeiner Wolle, der zerknitterte Frisiermantel – denn reich waren sie nicht – und alle kleinen Einzelheiten, die er zu sehr in der Nähe gesehen, ließen ihn die Ehe, nüchterner betrachten und jener Hauch von Poesie, wie er den Verlobten erscheint, war abgestreift.

Tante Charlotte machte ihnen auch ihr Daheim unangenehm, denn sie ging nie fort, sie mischte sich in alles, wollte alles bestimmen, machte über alles ihre Bemerkungen, und da sie fürchterliche Angst hatten, sie etwa zu verletzen, so ertrugen sie es mit Ergebenheit, wobei allerdings ihre Verzweiflung im stillen wuchs.

Sie trippelte mit ihren langsamen Schritten durch die Wohnung und unausgesetzt klang ihre scharfe Stimme:

– Das müßtet ihr so machen und jenes so.

Wenn die beiden Gatten allein waren, rief Lesable, nervös geworden:

– Mit Deiner Tante ist's nicht mehr auszuhalten. Ich will sie nicht mehr haben, ich will sie nicht mehr sehen, hörst Du, nicht sehen!

Und Cora antwortete ruhig:

– Ja, was soll ich denn thun?

Da ward er wütend:

– 's ist ekelhaft, so eine Familie zu haben.

Und sie antwortete immer noch in größter Ruhe:

– Ja, die Familie ist ekelhaft, aber die Erbschaft schmeckt gut, nicht wahr? Sei doch nicht dumm! Es ist genau so in Deinem wie in meinem Interesse, Tante Charlotte gut zu behandeln!

Und er schwieg, weil er keine Antwort wußte.

Jetzt quälte die Tante sie fortwährend mit der fixen Idee, sie sollten ein Kind haben. Sie nahm Lesable in einer Ecke vor, und fauchte ihn an:

– Lieber Neffe, ich verlange, daß Du Vater wirst, ich will meinen Erben sehen. Du wirft mich nicht glauben machen, daß Cora nicht dazu geeignet wäre, Mutter zu werden, man braucht sie ja bloß anzusehen. Lieber Neffe, wenn man sich verheiratet, so thut man das, um Familie zu haben und seinen Namen weiter zu vererben. Unsere heilige Kirche verbietet die unfruchtbaren Ehen. Ich weiß sehr wohl, daß ihr nicht reich seid und daß ein Kind Ausgaben verursacht. Aber wenn ich einmal tot bin, so wird euch schon nichts fehlen. Ich will einen kleinen Lesable sehen, ich will's, hörst Du?

Da sie nun fünfzehn Monate verheiratet waren und ihr Wunsch noch immer nicht in Erfüllung ging, so ward sie zweifelhaft und fing an zu drängen. Nun gab sie leise Cora allerhand Ratschläge, wie eine Frau, die früher allerlei kennen gelernt hat und sich dessen bei Gelegenheit auch zu erinnern weiß.

Aber eines Morgens fühlte sie sich unwohl und blieb zu Bett liegen. Da sie nie krank gewesen war, klopfte Cäsar sehr erregt an der Thüre seines Schwiegersohnes:

– Lauf mal schnell zu Doktor Barbette, und nicht wahr, Du sagst dem Chef, daß ich heute unter diesen Umständen nicht ins Bureau kommen kann.

Lesable verbrachte den Tag voller Ängste, unfähig zu arbeiten und sich mit seinen Dienstpflichten zu beschäftigen. Herr Torchebeuf fragte ihn erstaunt:

– Nun, Sie sind so zerstreut heute, Herr Lesable?

Und Lesable antwortete erregt:

– Ich bin sehr müde, Euer Gnaden, ich habe die ganze Nacht bei unserer Tante gewacht, sie ist nämlich sehr krank.

Aber der Chef antwortete kühl:

– Es genügt doch wirklich, wenn Herr Cachelin bei ihr bleibt. Aus persönlichen Rücksichten kann ich unmöglich mein ganzes Bureau aus dem Leim gehen lassen.

Lesable hatte seine Uhr vor sich auf den Tisch gelegt und wartete mit fieberhafter Ungeduld, bis es fünf wäre. Sobald die große Uhr im Hofe schlug, lief er davon. Zum erstenmal verließ er das Bureau zur reglementsmäßigen Stunde,

Er war so erregt, daß er eine Droschke nahm, um nach Hause zu fahren. Er stürmte die Treppe hinauf. Das Mädchen öffnete und er fragte sofort:

– Wie geht's?

– Der Doktor hat gesagt, sie is höllisch 'runter.

Ihm schlug das Herz, er war ganz ergriffen. Ach wirklich. Wenn sie nun stürbe? Er wagte nicht in das Krankenzimmer zu gehen und ließ Cachelin rufen, der bei der Alten saß. Sein Schwiegervater erschien sofort, vorsichtig die Thüre öffnend. Er war im Schlafrock und trug die Schlafmütze auf dem Kopfe, so, wie er abends am Kamin zu sitzen pflegte. Leise sagte er:

– Es geht schlecht, sehr schlecht. Seit vier Uhr ist sie ohne Besinnung. Sie hat heute nachmittag sogar die letzte Ölung bekommen.

Da schwankten Lesable die Knie und er setzte sich:

– Wo ist meine Frau?

– Sie ist bei ihr.

– Was hat denn der Doktor genau gesagt?

– Er sagte, daß es ein Anfall ist. Sie kann sich wieder erholen, aber sie kann auch ebenso gut heute nacht weg sein!

– Brauchst Du mich? Wenn Du mich nicht brauchst, möchte ich lieber nicht 'reingehen, es ist mir peinlich, sie in diesem Zustande wieder zu sehen.

– Nein, gehe nur zu euch, wenn sich etwas verändert, so werde ich Dich sofort rufen lassen.

Und Lesable kehrte in sein Zimmer zurück. Die Wohnung schien ihm verändert, größer und heller, aber da er nicht auf einem Fleck sitzen bleiben konnte, trat er auf den Balkon.

Es war Ende Juli und die Sonne warf, ehe sie zwischen den beiden Türmen des Trocadéro verschwand, nochmals ihre Strahlenglut über das Dächermeer.

Der Himmel war rot rundum, ward dann matt golden, darauf gelb, grünlich, ein leichtes leuchtendes Grün, dann blau, rein blau am Zenith.

Die Schwalben schossen kaum sichtbar, wie Pfeile vorüber, daß man die scharfen Umrisse ihrer Flügel sich einen Augenblick vom Himmel abzeichnen sah, und über dem unendlichen Häusermeer über der weiten Landschaft lag ein rosiger Dunst wie Feuerdampf, aus dem, einer Theaterdekoration gleich, spitze Kirchtürme und schlanke Giebel stiegen, Der Arc de Triomphe zeichnete sich riesenhaft schwarz vom Glutmeer des Horizontes ab und die Kuppel des Invalidendoms glühte gleich einer zweiten Sonne, die vom Firmament auf das Dach des Gebäudes niedergefallen.

Lesable hielt das eiserne Gitter mit beiden Händen umschlossen und sog die Luft ein, wie man Wein trinkt. Und eine Lust überkam ihn, zu springen, zu schreien, die Arme in die Weite hinaus zu strecken. So erfüllte ihn höchste Glückseligkeit. Das Leben lachte ihm entgegen, die Zukunft erschien ihm voller Glück. Was sollte er thun? Und er träumte.

Da fuhr er zusammen. Er hatte hinter sich Lärm gehört. Es war eine Frau. Sie hatte rote Augen, ein wenig geschwollene Wangen und sah müde aus. Sie hielt ihm die Stirne entgegen, daß er sie küssen sollte und sagte:

– Wir werden bei Papa essen, damit wir ihr näher sind. Während wir bei Tisch sind, mag das Mädchen bei ihr bleiben.

Und er schritt ihr nach ins Nebenzimmer.

Cachelin saß schon beim Essen und erwartete Tochter und Schwiegersohn. Ein kaltes Huhn, Kartoffelsalat und eine Schale voll Erdbeeren standen auf dem Anrichtetisch und die Suppe dampfte in den Tellern.

Man setzte sich. Cachelin erklärte:

– So einen Tag möchte ich nicht oft durchmachen! Schön ist das nicht. – Und er sagte das in einem gewissen gleichgültigen Tone und mit befriedigter Miene. Dann fing er an zu essen wie jemand, der großen Hunger hat, fand das Huhn ausgezeichnet und den Kartoffelsalat vorzüglich. Aber Lesable fühlte sich nicht wohl im Magen, er war unruhig, aß kaum und horchte immer nach dem Nebenzimmer hinüber, in dem es still blieb als ob niemand dort wäre. Auch Cora hatte keinen Hunger. Sie war bewegt, weinerlich gestimmt und wischte sich ab und zu mit dem Zipfel der Serviette die Augen.

Cachelin fragte:

– Was hat der Chef gesagt? Und Lesable erzählte allerhand Einzelheiten, während sein Schwiegervater immer noch Genaueres wissen wollte und sich dieses und jenes noch einmal wiederholen ließ. Bei jeder Kleinigkeit blieb er hängen, als ob er mindestens ein Jahr lang nicht im Ministerium gewesen wäre:

– Das muß doch ein Riesenaufsehen gemacht haben, als sie hörten, daß die Tante krank ist. – Und er dachte daran, wie er strahlend unter seinen Kollegen stehen würde, wenn sie erst tot wäre. Als wollte er heimliche Gewissensbisse verscheuchen, sagte er:

– Ich wünsche ihr ja weiter nichts Schlimmes, der armen Frau! Weiß Gott, ich möchte ja, daß wir sie noch lange behielten: aber Eindruck wird es doch machen. Der alte Savon könnte sogar die Kommune darüber vergessen.

Als man gerade bei den Erdbeeren war, öffnete sich die Thüre des Zimmers. Das machte auf die Gesellschaft bei Tisch einen solchen Eindruck, daß die drei wie auf einen Schlag erschrocken aufstanden. Das Dienstmädchen erschien, immer mit dem gleichen, unbeweglichen, dummen Gesichte und sagte ganz ruhig:

– Sie rührt sich nicht mehr.

Cachelin warf seine Serviette beiseite und stürzte wie ein Wahnsinniger davon. Cora folgte ihm mit klopfendem Herzen. Aber Lesable blieb an der Thüre stehen und spähte von weitem nach dem Bette, das sich in der Dämmerung kaum abzeichnete. Er sah den Rücken seines Schwiegervaters, der sich über die Lagerstatt gebeugt hatte und unbeweglich beobachtete. Plötzlich hörte er seine Stimme und es war ihm, als ob sie weit her käme, ganz von weitem, vom Ende der Welt, wie im Traum:

– Es ist aus, man hört nichts mehr.

Er sah, wie seine Frau niederkniete und schluchzend das Gesicht in den Kissen barg. Da entschloß er sich, heranzutreten und da Cachelin sich wieder erhoben hatte, sah er auf dem weißen Kopfkissen das Gesicht der Tante Charlotte mit geschlossenen Augen, so eingefallen, so starr, so fahl, daß es ausschaute wie das einer Wachspuppe.

Er fragte beklommen:

– Ist's aus?

Cachelin, der auch seine Schwester betrachtete, drehte sich zu ihm und sie blickten sich an. Er antwortete:

– Ja, dabei wollte er seinem Gesicht einen traurigen Ausdruck geben, aber die beiden Männer hatten sich mit einem Blick verstanden und unwillkürlich drückten sie sich dir Hände, als müßten sie sich einer beim andern für das bedanken, was einer für den andern gethan.

Nun machten sie sich ohne Zeitverlust daran, alles zu ordnen.

Lesable übernahm es, den Arzt zu holen und die dringendsten Wege so schnell als möglich zu erledigen. Er nahm seinen Hut und lief die Treppe hinab im Bedürfnis auf der Straße zu sein, allein zu sein, zu atmen, zu denken und in der Einsamkeit sein Glück zu genießen.

Als er seine Besorgungen beendigt, ging er, statt heimzukehren, auf den Boulevard. Er wollte Menschen sehen, sich in das Gedränge begeben, das abends hin- und herflutete. Am liebsten hätte er den Vorübergehenden zugerufen: – Ich habe fünfzigtausend Franken Rente! Und er schritt dahin, die Hände in den Taschen, blieb vor jedem Laden stehen, betrachtete die reichen Stoffe, die Edelsteine, die luxuriösen Möbel mit dem glückseligen Gedanken: das kann ich mir jetzt alles leisten!

Plötzlich kam er an einen Trauerwarenladen und ihn überfiel eine jähe Idee: Wenn sie nun nicht tot wäre? Wenn sie sich getäuscht hätten?

Er ging, weil ihn dieser Gedanke nicht verließ, eilig nach Hause. Als er eintrat, fragte er:

– Ist der Doktor da gewesen?

Cachelin antwortete:

– Ja. Er hat den Tod bestätigt und wird den Totenschein ausstellen.

Sie traten wieder in das Zimmer der Toten. Cora saß in einem Stuhl und weinte noch immer. Leise, mühelos jetzt, fast ohne Schmerz rannen ihr die Thränen, leicht, wie eben Frauen weinen.

Als sie alle drei im Zimmer standen, sagte Cachelin mit leiser Stimme:

– Nun, wo das Dienstmädchen zu Bett gegangen ist, können wir mal nachsehen, ob wir nichts in den Möbeln finden.

Und die beiden Männer gingen ans Werk. Sie leerten alle Schubfächer, durchsuchten alle Taschen und falteten jedes Papier auseinander. Bis Mitternacht hatten sie nichts Interessantes entdeckt. Cora war eingeschlummert und schnarchte ein wenig in regelmäßigen Atemzügen. Cäsar fragte:

– Wollen Wir denn bis morgen früh hier bleiben?

Lesable war starr. Er meinte, es wäre wohl schicklichcr.

Da fing der Schwiegervater wieder an:

– Dann wollen wir ein paar Stühle herholen. – Und sie gingen hinaus, um aus dem Zimmer des jungen Ehepaares ein paar Polstersessel zu holen.

Eine Stunde später schliefen die drei Verwandten abwechselnd schnarchend vor dem Leichnam, der starr dalag in seiner ewigen Unbeweglichkeit. Als es Tag geworden, wachten sie auf, weil das Dienstmädchen ins Zimmer trat. Cachelin rieb sich die Augen und gab zu:

– Ich bin ein bißchen eingeschlummert, vielleicht seit einer halben Stunde.

Aber Lesable, der sofort wach geworden, erklärte:

– Das habe ich gemerkt. Ich habe nicht einen Augenblick geschlafen. Ich hatte nur die Augen zugemacht, um mich auszuruhen.

Cora ging in ihre Wohnung zurück.

Da fragte Lesable mit anscheinender Gleichgültigkeit:

– Wann paßt Dir's, daß wir zum Notar gehen, um Einsicht in das Testament zu nehmen?

– Na, wenn Du willst, heute früh.

– Muß uns Cora begleiten?

– Vielleicht ist's besser, weil sie doch die Erbin ist.

– Dann will ich ihr sagen, daß sie sich fertig machen soll.

Und Lesable ging schnellen Schrittes hinaus.

Das Bureau des Notars, des Herrn Belhomme, war eben geöffnet worden, als Cachelin, Lesable und seine Frau in tiefer Trauer mit betrübten Gesichtern erschienen.

Der Notar empfing sie sofort und ließ sie niedersitzen. Cachelin nahm das Wort:

– Herr Rechtsanwalt, Sie kennen mich, ich bin der Bruder von Fräulein Charlotte Cachelin. Hier ist meine Tochter und mein Schwiegersohn. Meine arme Schwester ist gestern gestorben. Wir werden sie morgen begraben. Da ihr Testament bei Ihnen hinterlegt worden ist, kommen wir, um Sie zu fragen, ob meine Schwester etwa irgend eine Bestimmung getroffen hat über ihr Begräbnis, oder ob Sie uns irgend eine Eröffnung zu machen haben.

Der Notar öffnete eine Schublade, nahm einen Umschlag heraus, riß ihn auf, zog ein Papier hervor und sagte:

– Hier ist das Duplikat des Testaments, das ich Ihnen sofort mitteilen kann. Die andere Abschrift, die genau so lautet wie diese hier, muß in meiner Hand bleiben. – Und er las vor:

»Ich, endesunterzeichnete Victorine Charlotte Cachelin, bestimme hierdurch letztwillig wie folgt:

Ich hinterlasse mein gesamtes Vermögen in der Höhe von gegen eine Million zweihunderttausend Franken den Kindern, welche der Ehe meiner Nichte Céleste Coralie Cachelin entspringen werden, indem der Zinsengenuß den Eltern bis zur Volljährigkeit des ältesten ihrer Kinder zustehen soll.

Die folgenden Bestimmungen setzen fest, wie unter den Kindern geteilt werden soll und welche Summe die Eltern lebenslänglich beziehen sollen. Im Falle, daß ich sterben sollte ehe meine Nichte einen Erben hat, verbleibt mein gesamtes Vermögen in Verwaltung meines Notars während dreier Jahre, damit mein vorstehend festgesetzter Wille erfüllt werden kann, falls während dieser Zeit ein Kind geboren wird.

Im Falle aber, daß der Himmel Coralie keine Leibeserben während dieser drei Jahre nach meinem Tode bescheren sollte, so wird mein Vermögen durch meinen Notar an die Armen verteilt und an die Wohlthätigkeitsanstalten, deren Liste folgt.«

Es folgte eine unendliche Liste von Gemeinden, Zahlen, Anweisungen, Ratschlägen.

Dann übergab der Notar sehr artig das Papier Cachelin, der ganz betäubt war vor Erstaunen.

Herr Belhomme glaubte selbst noch ein paar Erklärungen hinzufügen zu müssen:

– Als Fräulein Cachelin mir die Ehre gab, das erste Mal von ihren Plänen in Bezug auf das Testament zu sprechen, drückte sie mir ihren sehnlichsten Wunsch aus, ein Kind von ihrem Blut geboren zu sehen. Sie antwortete auf alle meine Einwände mit Bestimmtheit, daß dieses ihr Wille sei! Übrigens finde er seinen Grund in der religiösen Anschauung, daß jede kinderlose Ehe ein Zeichen vom Fluche des Himmels wäre. Es gelang mir absolut nicht, ihre Ansichten zu ändern. Sie können versichert sein, daß mir das sehr leid thut.

Dann fügte er lächelnd, zu Coralie gewendet, hinzu:

– Ich zweifle nicht im geringsten, daß der Wunsch der Verblichenen bald erfüllt sein wird.

Und die drei Verwandten gingen davon wie vor den Kopf geschlagen, daß sie nicht einen Gedanken fassen konnten.

Sie kehrten in ihre Wohnung zurück, ohne ein Wort zu sprechen, beschämt und wütend, als ob sie sich gegenseitig bestohlen hätten. Selbst Coras ganzer Schmerz war plötzlich verflogen; die Undankbarkeit ihrer Tante entband sie vom Weinen. Endlich sagte Lesable zu seinem Schwiegervater mit bleichen, vor Wut zusammengepreßten Lippen:

– Gieb mir doch mal das Testament, daß ich es selbst ansehe.

Cachelin reichte ihm das Papier und der junge Mann fing an zu lesen. Er war auf dem Bürgersteige stehen geblieben und blieb halten, obgleich ihn die Vorübergehenden anstießen, indem er die Worte mit seinem praktischen, durchdringenden Blick überflog. Die beiden anderen warteten zwei Schritte davon. Da gab er das Testament zurück und erklärte:

– Es ist nichts zu machen, da hat sie uns aber schön rein gelegt.

Cachelin, den der Zusammenbruch seiner Hoffnungen erregte, antwortete:

– Himmeldonnerwetter! Ihr müßtet eben Kinder haben! Ihr wußtet ganz genau, daß sie's schon immer wünschte.

Lesable zuckte ohne Antwort die Achseln.

Als sie heimkehrten, warteten bereits eine Menge Menschen, jene Leute, die bei einem Todesfall zu thun haben. Lesable ging in sein Zimmer, er wollte sich um nichts kümmern. Und Cäsar war grob gegen alle Welt, schrie, man möchte ihn in Ruhe lassen, und verlangte, die ganze Geschichte sollte so schnell als möglich beendet sein, da er fand, daß es viel zu lange dauerte, bis man sie von der Leiche befreite.

Cora hatte sich in ihr Zimmer eingeschlossen, man hörte nichts von ihr. Aber Cachelin kam nach einer Stunde an die Thüre seines Schwiegersohnes und klopfte:

– Lieber Leopold, sagte er, ich komme, um ein paar Sachen mit Dir zu besprechen, denn wir müssen uns verständigen. Ich bin der Ansicht, wir sorgen trotzdem für ein anständiges Begräbnis, um nicht im Ministerium unliebsames Aufsehen zu erregen. Mit den Kosten werden wir uns schon abfinden. Übrigens ist ja noch nichts verloren, ihr seid noch nicht lange verheiratet und es müßte doch wirklich sehr unglücklich zugehen, wenn ihr kein Kind kriegen solltet. Ihr müßt euch eben Mühe geben, dann wird's schon gehen. Nun wollen wir uns mal um das Nächstliegende kümmern. Willst Du's übernehmen, ins Ministerium zu gehen?

Lesable gestand mit Bitterkeit zu, daß sein Schwiegervater recht hätte, und sie setzten sich einander gegenüber an die beiden Enden eines langen Tisches, um die Adressen der schwarz geränderten Todes-Anzeigen zu schreiben.

Dann frühstückten sie. Cora erschien wieder, gleichgültig, als ob sie alles das gar nichts anginge und aß viel, da sie am Tage vorher gefastet hatte.

Sobald die Mahlzeit zu Ende war, kehrte sie in ihr Zimmer zurück. Lesable ging ins Ministerium. Und Cachelin setzte sich auf dem Balkon rittlings auf einen Stuhl und rauchte seine Pfeife. Die glühende Sommersonne fiel auf das Meer der Dächer, von denen einige, die mit Fenstern versehen, wie Feuer blitzten und blendende Strahlen zurückwarfen, daß man die Augen abwenden mußte. Und Cachelin sah drüben ganz weit hinter der großen Stadt, hinter dem staubigen Weichbilde die grünen Höhenzüge liegen. Er dachte daran, daß am Fuße dieser baumbewachsenen Hügel die Seine breit, ruhig und kühl dahinfloß und daß es dort drüben unter dem Blätterdach im Grünen, am Rande des Flusses hübscher wäre als hier auf dem Balkon in der Sonnenglut. Und ein unangenehmes Gefühl überschlich ihn. Der quälende Gedanke, die schmerzliche Erinnerung an ihr Mißgeschick, an dieses unerwartete Pech, das um so bitterer und roher über sie hereinbrach, als die Hoffnung lang und stark gewesen. Und er sagte wie in Augenblicken großer Aufregung, wenn man immer an eine und dieselbe Sache denkt, ganz laut: Altes Schindluder!

Hinter ihm im Zimmer hörte er die Beamten der Beerdigungsgesellschaft gehen und vernahm den Hammerschlag beim Nageln des Sarges. Seitdem er beim Notar gewesen, hatte er seine Schwester nicht wieder gesehen.

Aber allmählich überrieselte ihn die Wärme, die Heiterkeit und die Lichtflut dieses hellen Sommertages, und er meinte: alles sei noch nicht verloren. Warum sollte denn seine Tochter kein Kind bekommen? Sie waren ja noch nicht zwei Jahre verheiratet. Sein Schwiegersohn war doch kräftig, wohl gebaut und gesund, wenn auch etwas klein. Himmelsakrament! Sie würden schon ein Kind bekommen. Und übrigens mußte es ja sein.

Lesable hatte sich verstohlen ins Ministerium geschlichen und glitt in sein Zimmer. Auf seinem Platze fand er ein Papier mit den Worten: »Der Chef verlangt nach Ihnen!« Zuerst machte er eine ungeduldige Geberde. Dieser Despotismus, der ihn immer wieder unterjochen sollte, empörte ihn. Und dann wieder überfiel ihn der jähe, glühende Wunsch, etwas zu werden. Er würde auch schon Chef werden und zwar bald, und er käme noch weiter.

Ohne seinen Straßenrock auszuziehen ging er zu Herrn Torchebeuf. Er erschien vor ihm mit jenem Leichenbittergesicht, das man bei traurigen Gelegenheiten aufsetzt, und es lag sogar noch mehr auf seinem Antlitz, etwas von wirklichem, tiefem Kummer, jene unwillkürliche Niedergeschlagenheit, die sich bei großem Ärger auf unseren Zügen auszudrücken Pflegt.

Der mächtige Kopf des Chefs, der immer schief über das Papier gebeugt war, hob sich und Herr Torchebeuf fragte kurz:

– Ich habe Sie den ganzen Tag gebraucht. Warum sind Sie nicht dagewesen?

Lesable antwortete:

– Euer Gnaden, wir haben das Unglück gehabt, unsere Tante, Fräulein Cachelin, zu verlierem. Und ich wollte Sie bitten, dem Begräbnis, das morgen stattfinden wird, beiwohnen zu wollen.

Herrn Torchebeufs Gesicht hatte sich sofort aufgeklärt und er antwortete sogar mit ein wenig Entgegenkommen:

– O, lieber Freund, dann ist es etwas Anderes. Ich danke Ihnen sehr und gebe Ihnen frei, denn Sie werden sehr viel zu thun haben.

Aber Lesable wollte seinen Eifer zeigen:

– Danke gehorsamst, Euer Gnaden, alles ist schon erledigt und ich wollte bis zur gewöhnlichen Zeit hier bleiben. – Damit kehrte er in sein Zimmer zurück.

Die Nachricht hatte sich verbreitet und aus allen Bureaux kamen sie, um ihm ein paar Worte zu sagen, mehr Glückwunsch als Beileid und um nebenbei zu sehen, wie er sich benehme. Mit gut gespielter Ergebenheit ließ er die Redensarten und Blicke über sich ergehen, und seine Haltung war so tadellos, daß man ganz erstaunt war. Einzelne sagten: »Er beherrscht sich ausgezeichnet!« Andere fügten hinzu: »Das ist egal, eigentlich muß er doch höllisch zufrieden sein.«

Maze, der sich mehr herausnahm als andere, fragte ihn in seiner freien, weltmännischen Art:

– Wissen Sie schon genau, wie groß das Vermögen ist?

Lesable antwortete im Tone völliger Gleichgültigkeit:

– Nein, nicht ganz genau, das Testament spricht von einer Million zweihunderttausend Franken etwa. Ich weiß das, weil uns der Notar sofort einige Klauseln mitteilen mußte, die sich auf die Beisetzung beziehen.

Man glaubte allgemein, Lesable würde nicht im Ministerium bleiben. Mit sechzigtausend Franken Rente bleibt man nicht Scribifax, man stellt etwas vor, jede Laufbahn steht einem offen. Die einen dachten, er würde versuchen, Staatsrat zu werden, andere meinten, daß er an die Abgeordnetenlaufbahn dächte. Der Chef war darauf gefaßt, sein Abschiedsgesuch zu erhalten, um es dem Direktor weiter zu geben.

Zum Begräbnis kam das ganze Ministerium und man fand die Feierlichkeit etwas ärmlich, aber es hieß, Fräulein Cachelin habe es selbst im Testament so bestimmt.

Am anderen Morgen nahm Cachelin seinen Dienst wieder auf und auch Lesable kam, nachdem er eine Woche lang unwohl gewesen, wieder, ein wenig bleich, aber emsig und eifrig wie früher. Es war, als ob sich nichts in ihrem Leben geändert hätte. Nur ward bemerkt, daß sie mit einer gewissen Absichtlichkeit gute Zigarren rauchten, von Rente sprachen, Eisenbahnaktien, Wertpapieren, wie Menschen, die Vermögen besitzen. Und man erfuhr nach einiger Zeit, daß sie in der Umgegend von Paris ein Landhaus gemietet hatten, um das Ende des Sommers dort zuzubringen.

Man dachte, sie wären eben geizig wie die Alte. Das lag so in der Familie; gleich und gleich gesellt sich gern.

Aber wie dem auch sei, bei einem solchen Vermögen im Ministerium zu bleiben, fein fand man das nicht.

Nach einiger Zeit dachte man nicht mehr daran, man hatte sich sein Urteil gebildet.

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