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Miß Harriet

Guy de Maupassant: Miß Harriet - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMiß Harriet
seriesGesammelte Werke
volume3
publisherEgon Fleischel & Co.
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
year1917
firstpub1917
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidbcbab68e
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II

Herr Cachelin bewohnte in der Straße Rochechouart im fünften Stock eine kleine Wohnung, an die sich ein größerer Balkon schloß, von dem aus man ganz Paris übersah. Sie hatten drei Schlafzimmer: eins für die Schwester, eins für die Tochter, eins für ihn. Das Eßzimmer diente zugleich als Salon.

Während der ganzen Woche war er aufgeregt wegen des kommenden Diners. Die Reihenfolge der Speisen wurde lange beraten, denn es sollte gut bürgerlich aber doch etwas Besonderes sein. Endlich beschloß man folgendes: Bouillon mit Ei, ein Vorgericht, Krabben und Wurst, Hummer, ein Huhn, eingemachte Erbsen, Gänseleberpastete, Salat, Eis, Nachtisch.

Die Gänseleberpastete wurde in einer Delikatessenhandlung in der Nähe gekauft mit der Mahnung, ja von der besten zu liefern. Die Terrine kostete beiläufig drei Franken fünfzig Centimes. Wegen des Weines ging Cachelin zum Kaufmann an der Ecke, der ihm den roten Trank zu besorgen pflegte, mit dem er für gewohnlich seinen Durst löschte. Er wollte sich nicht an eine große Firma wenden aus folgender Überlegung: die kleinen Händler haben wenig Gelegenheit, ihre guten Weine zu verkaufen, so behalten sie sie sehr lange im Keller und auf diese Weise werden sie gut. Er kam Sonnabends zeitiger nach Hause, um nachzusehen, ob auch alles fertig sei. Das Mädchen, das ihm öffnete, war rot wie eine Tomate, denn ihr Kochherd, den sie in der Befürchtung, sie möchte nicht fertig werden, schon seit Mittag unter Feuer hielt, hatte ihr den ganzen Tag über das Gesicht geröstet. Die Erregung kam hinzu.

Er trat ins Eßzimmer, um noch einmal alles in Augenschein zu nehmen. Mitten im kleinen Raum leuchtete ihm der runde Tisch vom hellen Lichte der Lampe bestrahlt, die ein grüner Schirm dämpfte, wie ein weißer Fleck entgegen.

Neben den vier Tellern, auf denen die Tante, Fräulein Cachelin, die Servietten wie Bischofsmützen gefaltet aufgebaut hatte, lagen silberplattierte Messer und Gabeln, davor standen je zwei Gläser, ein großes und ein kleines. Cäsar fand das ungenügend und rief:

– Charlotte!

Die Thür links öffnete sich und eine gedrungene, alte Dame erschien. Sie zählte zehn Jahre mehr als ihr Bruder, und hatte ein schmales Gesicht, das von Weißen, künstlichen Löckchen eingerahmt war. Ihre dünne Stimme schien zu schwach für den kleinen, krummen Körper zu sein. Ihr Gang war schleppend und sie hatte etwas Schläfriges in ihren Bewegungen.

Zur Zeit ihrer Jugend nannte man sie wohl »ein reizendes, kleines Ding«.

Nun war sie eine magere, alte Person, die aus alter Gewohnheit sehr auf Reinlichkeit hielt, rechthaberisch, eigensinnig, ein wenig beschränkt war, ängstlich und leicht erregt. Sie war sehr fromm geworden und schien ihre Vergangenheit gänzlich vergessen zu haben.

Sie fragte:

– Was willst Du?

Er antwortete:

– Ich finde, daß zwei Gläser keinen großen Effekt machen. Wie wär's, wenn wir Champagner gäben? Das kostet höchstens drei bis vier Franken mehr und man könnte gleich Spitzgläser hinstellen. Das würde sofort einen anderen Eindruck machen.

Fräulein Charlotte antwortete:

– Ich sehe die Notwendigkeit dieser Ausgabe nicht ein; aber Du bezahlst ja, mich geht's nichts an.

Er zögerte und suchte sich selbst zu überzeugen:

– Du kannst sicher sein, daß das besser aussieht. Und dann, weißt Du, wenn der Königskuchen kommt, da bringt das mehr Leben in die Bude.

Dieser Grund entschied. Er nahm seinen Hut, lief die Treppe hinab und kam nach fünf Minuten mit einer Flasche wieder, auf der eine große, weiße Etiquette klebte, mit Riesenwappen und folgender Inschrift: »Grand vin mousseux de Champagne du comte de Chatel-Rénoveau«. Cachelin erklärte:

– Er kostet bloß drei Franken und scheint ausgezeichnet zu sein.

Er nahm selbst die Spitzgläser aus einem Schrank und stellte sie vor die Plätze.

Die Thür rechts ging auf. Seine Tochter trat ein. Sie war groß, rund und rosig, ein schönes, kräftiges Mädchen mit braunem Haar und blauen Augen. Unter einem einfachen Kleide zeichnete sich ihre runde, hübsche Figur ab. Sie hatte ein kräftiges Organ, fast eine Männerstimme. Sie rief:

– Herr Gott, Champagner! Nein, ist das hübsch! Dabei schlug sie in kindlicher Weise die Hände zusammen.

Der Vater sagte zu ihr:

– Vor allen Dingen mußt Du gegen den Herrn, der mir große Dienste erwiesen hat, sehr liebenswürdig sein!

Sie lachte hell auf, als wollte sie sagen: das weiß ich.

Da klang die Glocke im Entree. Thüren gingen auf und zu. Lesable erschien. Er war im Frack mit weißer Cravatte und weißen Handschuhen. Er machte großen Eindruck. Cachelin war ihm verlegen und beglückt entgegen gegangen:

– Aber, lieber Freund, wir sind ja ganz unter uns. Sehen Sie, ich bin im Rock.

Der junge Mann antwortete:

– Das weiß ich, Sie haben mir's ja gesagt. Aber ich habe die Gewohnheit, abends nie anders als im Frack auszugehen.

Nun begrüßte er, den Klapphut unter dem Arm, eine Blume im Knopfloch, die Damen, und Cäsar stellte sie ihm vor:

– Meine Schwester, Fräulein Charlotte, meine Tochter Coralie, die wir in der Familie Cora nennen.

Alles verbeugte sich und Cachelin fuhr fort:

– Wir haben keinen Salon, das ist etwas unbequem, aber man gewöhnt sich daran.

Lesable antwortete:

– Es ist reizend.

Dann nahm man ihm den Hut ab, den er durchaus behalten wollte. Er fing an, die Handschuhe auszuziehen.

Man hatte sich gesetzt und sah sich von weitem über den Tisch an. Keiner sprach ein Wort. Da fragte Cachelin:

– Ist der Chef noch lange geblieben? Ich bin zeitig fortgegangen, um meinen Damen zu helfen.

Lesable antwortete in leichtem Tone:

– Nein, wir sind zusammen fortgegangen, weil wir über die Angelegenheit der geteerten Leinwand in Brest zu sprechen hatten. Das ist eine sehr komplizierte Sache, die uns noch viele Mühe machen wird.

Cachelin glaubte, seiner Schwester eine Aufklärung geben zu müssen und wandte sich zu ihr:

– Alle schwierigen Dinge, die bei uns vorkommen, bearbeitet nämlich Herr Lesable. Man kann wohl sagen, daß er so 'ne Art zweiter Chef ist.

Das alte Mädchen verneigte sich artig und erklärte:

– O, ich weiß, daß der Herr große Fähigkeiten besitzt. Das Dienstmädchen trat ein, mit dem Knie die Thüre aufstoßend, da sie mit beiden Händen eine große Suppenterrine trug. Da rief der Hausherr:

– Zu Tisch! Zu Tisch! Setzen Sie sich dort, Herr Lesable, zwischen meine Schwester und meine Tochter. Ich denke, Sie fürchten sich nicht vor den Damen. –

Und das Diner begann.

Lesable spielte den Schwerenöter, etwas selbstgefällig, fast herablassend und blickte von der Seite das junge Mädchen an, dessen frisches, gesundes Aussehen ihm gefiel. Fräulein Charlotte gab sich große Mühe, liebenswürdig zu sein, denn sie kannte die Absichten ihres Bruders. Sie hielt die Unterhaltung, die sich um allerlei Gemeinplätze drehte, immerfort im Gang. Cachelin strahlte, sprach sehr laut, machte Späße und goß den Wein, den er eine Stunde zuvor beim Kaufmann an der Ecke erstanden, mit den Worten ein:

– Herr Lesable, ein kleines Gläschen Burgunder gefällig? Ich behaupte nicht, daß das eine große Marke ist, aber gut ist er, abgelagert und echt, dafür stehe ich. Wir haben ihn nämlich von Freunden aus jener Gegend.

Das junge Mädchen sagte nichts, war ein wenig rot geworden, ein wenig verlegen, denn die Nachbarschaft dieses Mannes, dessen Gedankengang sie ahnte, genierte sie.

Als der Hummer aufgetragen wurde, erklärte Cäsar:

– Das ist ein Kerl, dessen nähere Bekanntschaft ich gern mache.

Lesable erzählte lächelnd, daß einst ein Schriftsteller den Hummer den »Kardinal der Meere« genannt, da er nicht gewußt, daß dieses Tier schwarz ist, ehe es gekocht wird.

Cäsar lachte aus Leibeskräften und rief immerfort:

– O, ach, ach, ist das komisch.

Aber Fräulein Charlotte wurde ernst und böse:

– Ich sehe nicht ein, welche Beziehung das hat. Dieser Witz ist sehr übel angebracht! Ich verstehe alle Späße, alle, aber ich will nicht, daß man die Geistlichkeit in meiner Gegenwart lächerlich macht.

Der junge Mann, der dem alten Mädchen gefallen wollte, benutzte die Gelegenheit, um ihr sein katholisches Glaubensbekenntnis abzulegen und meinte, es sei ein Zeichen von schlechtem Geschmack, leichtfertig über die großen Wahrheiten zu reden. Er schloß:

– Ich achte und verehre die Religion meiner Väter. Ich bin darin erzogen und werde ihr bis zu meinem Tode treu bleiben.

Cachelin lachte nicht mehr. Er machte Brotkugeln und murmelte:

– Das ist ganz recht! ganz recht! Dann wechselte er das Thema, das ihm unangenehm wurde und fragte in jenem Gedankengang, der allen Leuten eigen ist, die täglich denselben Dingen obliegen:

– War der schöne Maze nicht wütend, daß er nicht befördert ist?

Lesable lächelte:

– Wieso denn, jeder nach seinem Verdienst.

Und man sprach vom Ministerium, das alle interessierte, denn die beiden Frauen kannten sämtliche Beamten, fast ebenso gut, wie Cachelin, da sie jeden Abend von ihnen sprechen hörten. Fräulein Charlotte beschäftigte sich viel mit Boissel wegen der Heldenthaten, von denen er erzählte, und Fräulein Cora interessierte sich heimlich für den schönen Maze. Übrigens hatten beide die Herren nie gesehen.

Lesable redete von ihnen etwas von oben herab, etwa wie ein Minister, der über seine Untergebenen spricht.

Er sagte:

– Maze hat sicherlich ein gewisses Verdienst, aber Wenn man zu etwas kommen will, muß man doch mehr arbeiten als der. Er liebt die Geselligkeit zu sehr und die Vergnügungen, das zerstreut ihn und dadurch wird er niemals weit kommen. Vielleicht wird er wegen seiner guten Verbindungen Chef, aber mehr kaum. Was nun Pitolet betrifft, so ist das ein ganz guter Arbeiter, das muß man zugestehen, und er hat sehr gute Formen, das ist auch nicht zu leugnen. Aber er hat doch keinen Fond, er ist zu oberflächlich, eine wichtige Sache könnte man ihm nicht anvertrauen. Vielleicht würde er einen ganz guten Chef abgeben, wenn man ihm seine tägliche Arbeit gut vorbereitet.

Fräulein Charlotte fragte:

– Und Herr Boissel?

Lesable zuckte die Achseln:

– Ein trauriger Kunde! Ein trauriger Kunde! Er sagt nichts, so wie's ist, Geschichten erfindet er, daß man gleich stehend einschlafen könnte. Für uns ist der Mann eine Null.

Cachelin fing an zu lachen und sagte:

– Der beste ist der alte Savon.

Alles lachte. Dann sprach man vom Theater und von den neuen Stücken der Saison. Lesable beurteilte wiederum mit aller Bestimmtheit die dramatische Litteratur, wies den Autoren klipp und klar ihren Platz an, deckte Stärken und Schwächen jedes einzelnen mit der Sicherheit eines Mannes auf, der sich für unfehlbar hält.

Man war mit dem Braten fertig. Nun hob Cäsar den Deckel von der Gänseleberpastete ab und zwar so sorgsam, daß man daraus auf den Wert des Inneren schließen konnte. Er sagte:

– Ich weiß nicht, ob die da gerade gut sein wird, aber meistens sind sie ausgezeichnet. Wir bekommen sie von einem Vetter in Straßburg.

Und alle aßen mit respektvoller Langsamkeit die Delikatesse, die in der gelben Terrine lag.

Als das Eis serviert wurde, gab es ein Unglück. Es war zu Sauce geworden, zu Suppe, eine helle Flüssigkeit, die in einer Kompottschüssel schwamm. Das Mädchen hatte den Konditorgehilfen, der gegen sieben Uhr gekommen war, gebeten, das Eis selbst aus der Form zu nehmen, da sie sich nicht dran wagte.

Cachelin war außer sich. Er wollte das Eis wieder zurückbringen lassen, aber im Gedanken an den Königskuchen beruhigte er sich und zerteilte feierlich den Kuchen. Alle richteten die Blicke auf das symbolische Gebäck, und man reichte es herum, wobei man darauf hielt, daß jeder die Augen schloß, während er sein Stück nahm.

Wer würde wohl die Bohne bekommen? Ein einfältiges Lächeln lag auf allen Lippen. Herr Lesable stieß ein leises, erstauntes »Ah!« aus und hob zwischen Daumen und Zeigefinger eine dicke, weiße Bohne empor, an der noch der Teig klebte. Cachelin klatschte in die Hände und rief:

– Sie müssen sich Ihre Königin wählen. Wählen Sie die Königin!

Lesable, der durch die Bohne nun König war, zögerte einen Augenblick und überlegte. Wäre es nicht vielleicht ganz politisch, wenn er Fräulein Charlotte wählte? Sie würde sich sehr geschmeichelt fühlen und wäre auf immer gewonnen. Dann überlegte er aber, daß man ihn doch eigentlich für Fräulein Cora eingeladen und er sich lächerlich machen würde, wenn er die Tante wählte. Er wandte sich also zu seiner jungen Nachbarin und reichte ihr die Bohne, die ihm königliche Gewalt verlieh:

– Fräulein, erlauben Sie, daß ich sie Ihnen anbiete.

Und sie sahen sich zum erstenmal Auge in Auge.

Sie sagte:

– Danke, mein Herr! – und bekam das Zeichen ihrer Würde.

Er dachte, das Mädel ist wirklich hübsch, sie hat wundervolle Augen und ist ein Mordsding.

Ein Knall ließ die Frauen in die Höhe fahren. Cachelin hatte eben die Champagnerflasche entkorkt und der Sekt sprudelte schäumend aus der Flasche und lief auf das Tischtuch. Dann wurden die Gläser gefüllt und der Hausherr erklärte:

– Der ist gut, das sieht man.

Aber als Lesable schnell trinken wollte, damit sein Glas nicht überliefe, rief Cäsar:

– Der König trinkt! Der König trinkt!

Fräulein Charlotte war ganz aufgekratzt und kreischte mit ihrer spitzen Stimme:

– Der König trinkt! Der König trinkt!

Lesable leerte mit einem Ruck sein Glas und sagte, während er es auf den Tisch setzte:

– Sehen Sie, wie das 'runter fließt. – Dann wandte er sich zu Fräulein Cora:

– Gnädiges Fräulein, jetzt sind Sie an der Reihe! Sie wollte trinken, aber da alle riefen:

– Die Königin trinkt! Die Königin trintk! ward sie rot, fing an zu lachen und mußte das Spitzglas absetzen.

Am Ende der Mahlzeit ging es heiter zu. Der König bemühte sich galant um seine Königin. Als man dann einen Schnaps getrunken, verkündete Cachelin:

– Jetzt wird abgedeckt, damit wir Platz haben. Weun's nicht regnet, können wir einen Augenblick auf den Balkon gehen!

Obgleich es dunkel war, wollte er gern die Aussicht zeigen.

Die Glasthüre wurde also geöffnet, ein feuchter Lufthauch drang ein. Es war lau draußen wie im April. Und alle stiegen die Stufen hinauf, die vom Eßzimmer auf den breiten Balkon führten. Man gewahrte nichts als einen unbestimmten Schein, der über der großen Stadt lag, wie jene Lichterkronen, die man den Heiligenbildern auf die Stirne setzt. Hier und da schimmerte der Lichtschein stärker, und Cachelin erklärte:

– Sehen Sie, da drüben, das ist das Eden, das so leuchtet, hier ist die Linie der Boulevards. Sehen Sie mal, wie man sie unterscheiden kann. Am Tage ist der Blick von hier aus wundervoll. Sie können lange reisen, bis Sie so was sehen.

Lesable hatte sich auf die eiserne Brüstung gelehnt, an Coras Seite. Sie blickte zerstreut und stumm, plötzlich von jener melancholischen Müdigkeit erfaßt, die manchmal die Seele erfüllt, hinaus in die Weite. Fräulein Charlotte trat in den Salon zurück. Sie fürchtete sich zu erkälten. Cachelin redete weiter, mit ausgestrecktem Arm gab er die Richtung an, wo sich der Invalidendom befand, der Trocadéro und der Arc de Triumphe.

Lesable fragte halblaut:

– Fräulein Cora, sehen Sie auch gern von hier oben auf Paris hinab?

Sie fuhr empor, als hätte er sie aufgeweckt und antwortete:

– Ich? Ja, vor allem abends. Ich denke daran, was dort vor uns alles geschieht. Wie viel unglückliche und glückliche Menschen es in allen diesen Häusern giebt! Was würde man alles erfahren, wenn man alles sehen könnte.

Er hatte sich ihr genähert, bis ihre Ellenbogen und Schultern sich berührten:

– Bei Mondenschein muß das ein zauberhafter Anblick sein!

Sie errötete:

– O ja, wie eine Zeichnung von Doré. Ach, wie schön müßte es sein, lange, lange auf den Dächern spazieren zu gehen.

Da fragte er sie nach ihrem Geschmack, ihren Wünschen, ihren Vergnügungen. Und sie antwortete ohne Verlegenheit, wie ein verständiges, gescheites Mädchen, das nicht träumerischer ist wie nötig. Er sagte sich, wie schön es wäre, den Arm um diesen festen Leib zu legen und diese frischen Wangen lange zu küssen mit kleinen, langsamen Küssen, wie man ein Glas des feinsten Likörs schluckweise leert. Er fühlte sich zu ihr hingezogen, weil sie so nahe bei ihm stand. Ihre reife Jungfräulichkeit reizte ihn und ihm schien, als könnte er so stundenlang, nächtelang, wochenlang immer bleiben, neben ihr aufgestützt, um sie an seiner Seite zu fühlen und die Wonne ihrer Nähe zu spüren. Und etwas wie eine poetische Stimmung überkam ihn, angesichts des großen Paris, das erleuchtet vor ihm lag in seinem nächtlichen Vergnügungs- und Taumelleben. Es war ihm, als schwebte er über der Riesenstadt, und er fühlte, wie köstlich es sein würde, jeden Abend sich hier auf diesem Balkon an eine Frau zu lehnen, sie zu lieben, ihre Lippen zu küssen, sie in die Arme zu schließen über diesem weiten Häusermeer, über all der Liebe, die es einschloß, über all den gewöhnlichen Trieben, über all den gemeinen Leidenschaften; hier, den Sternen nahe.

Es giebt Stunden, wo die nüchternsten Seelen zu träumen beginnen, als wüchsen ihnen Flügel. Vielleicht hatte er ein Glas zuviel getrunken.

Cachelin ging um seine Pfeife zu holen, kam wieder und sagte, während er sie dabei in Brand setzte:

– Ich weiß, daß Sie nicht rauchen, darum biete ich Ihnen auch keine Cigarette an; und doch giebt es nichts Schöneres als hier eine zu schmauchen. Wenn ich da unten wohnen sollte, könnte ich nicht leben. Wir könnten es ganz gut, denn das Haus gehört meiner Schwester genau so wie die beiden benachbarten, dieses hier links und das da rechts. Das macht ihr eine schöne Einnahme. Seiner Zeit sind ihr die Häuser nicht teuer zu stehen gekommen.

Dann drehte er sich gegen den Salon um und rief:

– Sag' mal Charlotte, wieviel hast Du denn für die Grundstücke hier bezahlt?

Da erklang die schrille Stimme des alten Mädchens. Lesable hörte nur abgerissene Worte: 1863 ... 35 Franken ... später gebaut... die drei Häuser ... ein Bankier ... wieder verkauft, mindestens eine halbe Million.

Sie erzählte von ihrem Glück, so gern wie ein alter Soldat von seinen Feldzügen. Sie nannte ihre Ankäufe, die Gebote, die man ihr seitdem gemacht, ihre Mehreinnahmen und so weiter.

Lesable horchte auf, drehte sich um und lehnte sich nun mit dem Rücken an das Balkongitter. Aber da er immer nur Brocken der Auseinandersetzung aufschnappen konnte, ließ er plötzlich seine junge Nachbarin stehen und ging hinein, um alles zu hören. Er setzte sich neben Fräulein Charlotte und unterhielt sich lange Zeit mit ihr über das in Aussicht stehende Steigen der Mieten, über vorteilhafte Vermögensanlagen, über Papiere oder Grundstücke.

Gegen Mitternacht ging er und versprach wieder zu kommen.

Einen Monat später war im ganzen Ministerium von weiter nichts die Rede als von der Hochzeit von Jacques-Léopold Lesable mit Fräulein Céleste-Coralie Cachelin.

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