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Miß Harriet

Guy de Maupassant: Miß Harriet - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMiß Harriet
seriesGesammelte Werke
volume3
publisherEgon Fleischel & Co.
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
year1917
firstpub1917
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidbcbab68e
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II

Der Arzt schwieg einen Augenblick, dann begann er von neuem:

Als ich eines Tages meine Sprechstunde abhielt, trat ein großer, junger Mann ein, der mir sagte:

– Herr Doktor, ich komme, um nach dem Befinden der Gräfin Marie Baranow zu fragen. Ich bin nämlich – obwohl sie mich nicht kennt – ein Freund ihres Mannes.

Ich antwortete:

– Sie ist aufgegeben. Sie wird Rußland nicht wiedersehen.

Da fing der Herr plötzlich an zu schluchzen, erhob sich und ging hinaus, taumelnd wie ein Trunkener.

Am selben Abend noch sagte ich der Gräfin, daß mich ein Fremder um ihren Gesundheitszustand befragt. Sie schien bewegt zu sein und erzählte mir die ganze Geschichte, die ich Ihnen eben mitgeteilt, indem sie noch hinzufügte:

– Dieser Herr, den ich nicht kenne, folgt mir jetzt wie mein Schatten, ich begegne ihm, sobald ich ausgehe. Er blickt mich immer ganz seltsam an, aber hat mich noch nie angeredet.

Sie dachte nach und sprach:

– Ich möchte wetten, daß er draußen unter meinem Fenster steht.

Sie erhob sich von der Chaiselongue, schlug die Vorhänge zur Seite und zeigte mir in der That den Herrn, der mich aufgesucht. Er saß auf einer Bank, dem Hotel gegenüber und sah herauf. Er gewahrte uns, stand auf und ging davon, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzublicken.

Da ward ich Zeuge eines wundersamen, schmerzlichen Vorganges, Zeuge der stummen Liebe dieser beiden Wesen, die sich kaum kannten.

Er liebte sie blindergeben, dankbar wie ein Tier, dem man das Leben gerettet. Täglich kam er und fragte, wie es ihr ginge. Er ahnte, daß ich ihn durchschaute. Und er weinte zum Erbarmen, wie er sie täglich blasser und schwächer werden sah.

Sie sagte zu mir:

– Ich habe diesen wunderlichen Menschen nur einmal gesprochen, und doch ist es mir, als kennte ich ihn seit zwanzig Jahren.

Wenn sie sich begegneten, erwiderte sie mit ernstem, reizendem Lächeln seinen Gruß. Ich fühlte, daß sie das glücklich machte, sie, die so verlassen war und sich aufgegeben wußte! Ich fühlte, daß sie glücklich war, sich so geliebt zu wissen, mit dieser Zurückhaltung und Ausdauer, mit diesem Idealismus und dieser blinden Ergebenheit. Und doch weigerte sie sich standhaft seinen Besuch zu empfangen, seinen Namen zu erfahren, mit ihm zu reden. Sie sagte:

– Nein, nein, diese seltsame Freundschaft wäre mein Verderben. Wir müssen einander fremd bleiben.

Aber auch er mußte ein sonderbarer Mensch sein, denn er that nichts, um ihr näher zu kommen. Bis zum Schluß wollte er sein thörichtes Versprechen halten, das er ihr im Zuge gegeben: nie mit ihr zu sprechen.

Oft stand sie auf, während jener langen Stunden ihres langsamen Dahinsiechens, und spähte am Vorhang, ob er noch vor ihren Fenstern wäre. Und wenn sie ihn gesehen hatte, wie er immerfort unbeweglich auf der Bank saß, legte sie sich wieder hin, ein Lächeln auf den Lippen.

Eines Morgens, gegen zehn Uhr, starb sie. Als ich das Hotel verließ, kam er zu mir mit verstörten Zügen. Er wußte schon was geschehen und sagte:

– Ich möchte sie gern, in Ihrer Gegenwart, eine Sekunde sehen!

Ich nahm ihn beim Arm und trat mit ihm in's Haus. Als er vor dem Bett der Toten stand, ergriff cr ihre Hand und drückte einen langen Kuß darauf. Dann stürzte er wie ein Irrsinniger davon.

Der Arzt schwieg. Dann meinte er kurz:

– Das ist das seltsamste Eisenbahnabenteuer, daß ich kenne. Ja, die Menschen sind ein wunderliches Geschlecht.

Eine Dame sagte halblaut:

– Diese beiden da ... sind weniger wunderlich gewesen, als Sie denken ... Sie waren ... Sie waren...

Weiter konnte sie vor Thränen nicht sprechen. Da man den Unterhaltungsstoff wechselte, um sie zu beruhigen, erfuhr man nicht, was sie hatte sagen wollen.

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