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Mimis Badereise

W. Mikulitsch: Mimis Badereise - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorW. Mikulitsch
titleMimis Badereise
publisherDruck und Verlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorE. Lamberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140107
projectid75c19d27
wgs9110
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Mimi fängt an mager zu werden, Mimi wird blaß, Mimi langweilt sich.

Maman ist in heller Aufregung; Spiridon Iwanowitsch räuspert sich immer bedenklicher und zieht die Stirn in immer finstrere Falten; Baby ist unartig und schreit aus vollem Halse …

Dies ist in allgemeinen Zügen die Charakteristik von Mimis augenblicklichem Leben – und wie ließ es sich doch anfangs so schön an! …

Unmittelbar nach der Trauung war das junge Paar damals ins Ausland gereist. Die Ärzte hatten Spiridon Iwanowitsch seit lange schon den Besuch eines Heilbades angeraten, und noch vordem er seine Braut kennen gelernt, hatte er den festen Plan zu einer Sommerreise ins Ausland gefaßt. Seine unerwartete Heirat änderte nichts an dem früher gefaßten Entschluß, und nachdem er einen dreimonatlichen Urlaub genommen hatte, reiste Spiridon Iwanowitsch mit seiner jungen Frau nach Vichy ab.

Sie reisten mit allem nur denkbaren Komfort, und Spiridon Iwanowitsch war unterwegs so sorgsam und so aufmerksam, daß Mimi zugeben mußte, es ließe sich mit ihm noch besser und bequemer reisen als mit maman. Freilich war sie bei der Ankunft in Paris trotz alledem sehr ermattet, und vor allen Dingen so nervös, daß sie einen ganzen Tag lang aus dem Weinen nicht herauskam, und schon allen Ernstes überlegte, ob sie sich nicht das Leben nehmen solle, da, wie es ihr schien, ihr sonst nichts andres übrig bleibe. Paris war düster, schrecklich, garstig … Die Sonne hatte sich versteckt und es regnete, regnete, regnete … Und sie weinte, weinte, weinte … Natürlich regten diese Thränen Spiridon Iwanowitsch nicht wenig auf, aber was hätte er denn doch schließlich dabei machen sollen? Lag es ja doch am Ende nicht in seiner Macht, dem Regen, dieser Gabe des Himmels, Einhalt zu thun, … und so begnügte er sich denn damit, mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln und sich über das Dienstpersonal zu ärgern.

Als aber das junge Paar in Vichy anlangte, woselbst schon vorher ein behagliches kleines Quartier mit einem Balkon nach dem belebten Boulevard hinaus für sie in Bereitschaft gesetzt war, als sie in diesem hellen, heitren kleinen Quartier ein reichliches und gutes Mittagessen eingenommen, und endlich ihre Koffer und Kasten ausgepackt hatten – da war alles wieder gut und heller Sonnenschein. Mimi sah ein, daß, wie dem nun auch sein möge, es sich doch immerhin noch leben lasse, und vielleicht sogar noch ganz behaglich werden könnte. Sie trocknete daher ihre Thränen, und machte sich daran ihre unterschiedlichen neuen Kleider in den Schrank zu hängen.

Hierauf schickte man zum Doktor. Ein junger, hübscher schwarzäugiger und sehr gesprächiger Franzose erschien. Und ein Französisch sprach er – Himmel, was für ein Französisch sprach er! … Und nicht nur der Doktor! Nein, alle, alle mit denen sie in Berührung kam, von dem grauhaarigen Vermieter der möblierten Zimmer an, bis hinab auf Joseph, den vierzehnjährigen Sohn des Portiers, waren sie alle so liebenswürdig und fein, so lebhaft und so lustig … Mimi hatte wirklich ganz das Gefühl, als sei sie hier zu Hause. Der Apotheker, zu welchem das junge Paar sich gleich nach der Ankunft begab, um Rharbarber und Magnesia zu holen, glich dem ersten Liebhaber am Michaeltheater, wie ein Ei dem anderen, so daß Mimi sogar errötete, als Spiridon Iwanowitsch, nachdem er seine Magnesia erhalten hatte, sich bei dem jungen Menschen noch nach gewissen Manipulationen erkundigte … Und der Briefträger hatte eine auffallende Ähnlichkeit mit den Friseuren aus der großen Marstallstraße.

Spiridon Iwanowitsch widmete sich unverzüglich und mit großem Eifer seiner Kur, wie er denn überhaupt nicht nur sich zu kurieren liebte, sondern auch von Grund aus verstand. Er begnügte sich nicht damit, den Vorschriften des ihn behandelnden Arztes pünktlich nachzukommen, nein, er konsultierte insgeheim auch noch andere Ärzte, er konsultierte die Kranken, mit denen er in den Bädern und am Brunnen bekannt wurde, er konsultierte den Apotheker sowie seine anderen Lieferanten, er kaufte ganze Stöße von medizinischen Büchern, Broschüren und Heilvorschriften, kaufte auf Zeitungsannoncen hin Arzneimittel und Medizinalweine, entdeckte jeden Tag an sich eine neue Krankheit, und wußte seine Krankheitserscheinungen dem Doktor in so ausführlicher und eindringlicher Weise auseinanderzusetzen, daß der junge Franzose, der ihm mit höflicher Teilnahme zuhörte, gleichzeitig nicht ohne zärtliches Mitleid verstohlen nach der niedlichen blaßen Mimi hinüberblickte, und indem er seinen seidenweichen Schnurrbart zwischen den Fingern drehte, bei sich dachte: »Arme Kleine, und so nett!«

Spiridon Iwanowitsch beschloß auch Mimi auf Blutarmut und Nervosität hin zu behandeln. Maman hatte ihn ja so dringend darum gebeten! Und so fing denn auch Mimi an source Mesdames zu trinken, Bäder zu nehmen, und im Park zu promenieren. Allein in Anbetracht dessen, daß ihre Kur doch immerhin weniger kompliziert und ernst zu nehmen war, als diejenige Spiridon Iwanowitschs, blieb ihr noch eine Menge freier Zeit übrig, welche sie teils der Beobachtung der Vorübergehenden, teils der vertiefteren Betrachtung ihrer neuen Kleider widmete, und da beide Beschäftigungen ihrem Geschmack entsprachen, so langweilte sie sich denn auch keineswegs. Die Saison zählte mit zu den gelungensten und glänzendsten. Strauß und die Patti weilten hier im Bade, ein englischer Staatsmann mit seiner Gemahlin, ein amerikanischer Krösus mit seinen Töchtern und außerdem noch wie viel Kokotten und Aristokraten! … Da gab es natürlich so manche Romane, und auch ein paar Skandalgeschichten fehlten nicht … Das Wetter war andauernd prachtvoll und heiß, ja beinahe schon oft zu heiß. Aber dafür auch was für wundervolle Spaziergänge und Spazierritte abends am Ufer des Allier, was für reizende Tanzabende im Kasino! Selbstverständlich hielt Mimi sich von jeder Bekanntschaft fern – die Gesellschaft in Badeorten ist ja eine so gemischte – aber auch so, abseiten, war es amüsant, fremde Toiletten zu betrachten und fremde Intriguen zu beobachten. Sie war überhaupt vortrefflicher Laune und schrieb in Beantwortung der Briefe ihrer Cousine Sina und ihrer Freundinnen, der drei Schwestern Poltawzeff, die sie gefragt hatten, ob sie glücklich sei: »So glücklich, so glücklich … Jamais je ne me suis tant amusée qu'à Vichy Figures vous …« u. s. w.

Die Zeit flog schnell und unmerklich dahin. Die Kur Spiridon Iwanowitschs neigte sich ihrem Ende zu. Er hatte abgenommen an Körperumfang, fühlte sich aber kräftiger und gesunder. Auch Mimi war in der reinen Luft des südlichen Frankreich voller und schöner erblüht. Noch ein ganzer Monat des Urlaubes blieb übrig, und Spiridon Iwanowitsch überließ die Entscheidung der Frage, wo sie denselben verleben sollten, ob in Italien, der Schweiz oder Paris, seiner Frau. Die Broschüre des Dr. Souligou empfahl zwar für die Nachkur ein ruhiges Winkelchen in der Schweiz, allein Mimi zog Paris vor. Spiridon Iwanowitsch unterwarf sich gern dieser Entscheidung, und nachdem er in splendider Weise seine Rechnung mit der Wohnungsvermieterin, dem brünetten Doktor und allen übrigen beglichen hatte, packte das junge Paar seine Sachen und kehrte nach Paris zurück, wo erst der eigentliche Honigmonat anfing. Spiridon Iwanowitsch erhielt um diese Zeit gerade ein stattliches Sümmchen von seinem Arrendator und Mimi schwamm in lauter Seligkeit, indem sie rechts und links einkaufte, was ihr gefiel … O ihr Honigmonat! … Sie wohnten in einem teueren und schönen Hotel. Morgens stand der General zuerst auf, und nachdem er seinen Kaffee getrunken hatte, las er seine russischen und französischen Zeitungen, während Mimi sich noch lange der süßen Ruhe in ihrem Bett überließ. Hatte sie sich darin genug gethan, so stand sie endlich auf, und machte sich mit ruhigem Behagen an die Ausführung ihrer Toilette. Jeden Tag wechselte sie mit ihrer Seife, ihrem Parfüm, ihrer Pomade und mit ihrem eau de toilette. Und was für reizende Strümpfe, Stiefelchen und Strumpfbänder gar hatte sie sich gekauft! … O, ihr Honigmonat! …

Wenn sie dann ihre Toilette beendet hatte, ging sie zu ihrem Manne hinaus, welcher ihr parfümiertes Händchen in der seinigen haltend, es küßte und ihr seinen schon bedenklich gelichteten Schädel zum Kuß darbot. Sie frühstückten dann gemeinsam cotelettes en papillotes, Hummer und hors d'oeuvres, und nachdem sie sich solchergestalt gekräftigt hatten, gingen sie spazieren, besichtigten die Museen, oder machten Ausflüge in die Umgegend … Vor dem Mittagessen kehrte Spiridon Iwanowitsch in der Regel zu einem Schläfchen auf sein Zimmer zurück, während Mimi ausfuhr, um Einkäufe zu machen, und was kaufte sie nicht alles ein! … Darauf kam dann das Mittagessen und nach demselben ging es entweder ins Theater, in den Cirkus oder in ein Café-Konzert … Spiridon Iwanowitsch kannte Paris gerade auf diesem Gebiet ganz besonders gut, und da er der Ansicht war, daß im Auslande auch eine anständige Dame überall hingehen dürfe, da niemand sie kenne, so führte er seine Frau sowohl nach »Mabille« als nach »Bouillé« und in jedes beliebige Eldorado, um ihr die Kokotten von beiden Ufern der Seine zu zeigen.

Nachdem das junge Paar auf diese Weise seinen Honigmonat verlebt hatte, kehrten sie nach Petersburg mit geleertem Beutel aber einer bedeutend angewachsenen Zahl von Koffern und Kartons, einem Schatz von lustigen und angenehmen Erinnerungen und festem begründeten freundschaftlichen Beziehungen zurück.

Mimi wurde von allen Verwandten mit offenen Armen empfangen. Jetzt war sie ja nicht mehr das arme Mädchen, welches von den Tanten gelegentlich nicht mehr wie gern zurückgesetzt und »geduckt« worden war … Jetzt war sie die Generalin, die Frau des Divisionskommandeurs, eines allgemein geachteten Mannes in so gesicherter Position, eine Dame mit frischen Pariser Toiletten und einer Stellung in der Gesellschaft.

Zu dieser so veränderten Lage der Dinge kam sehr bald auch noch eine andere, die sogenannte interessante Lage und offen gestanden, war diese letztere recht lästig, und wenn Mama und Spiridon Iwanowitsch Mimi nicht fast auf Händen getragen hätten, sie hätte am Ende gar Hand an sich gelegt. Aber als alle Qual und Unannehmlichkeit überstanden war, als der Stammhalter Spiridon Iwanowitschs seinen ihm in dieser Welt der Trübsal und der Thränen angewiesenen Platz eingenommen hatte, und mit seinem Geschrei die Gemächer der Generalswohnung zu erfüllen begann, als Mimi wieder aufstand und sich zu erholen begann, da war ihr wieder sehr wohl ums Herz – und sie war zufrieden. Auch damit ganz zufrieden, daß sie noch schöner und voller geworden war, und daß sie nun doch immerhin schon ihr wirkliches eigenes lebendiges Baby hatte, während ihre Freundinnen, die drei Schwestern Poltawzeff, noch immer nur auf Porzellan malten, und italienische Arien und Zigeunerlieder sangen, in der vergeblichen Hoffnung mit diesen Arien jemand anzulocken, der ihnen eine position dans le monde und auch ein wirkliches lebendiges Baby gäbe.

Mimi ist aber bereits im glücklichen Besitz des einen wie des anderen, und obgleich die drei Schwestern Poltawzeff während eines Besuches bei Mimi, wo sie sich an Baby nicht satt sehen können und seine vollen Ärmchen und Füßchen herzhaft küssen, auch einstimmig erklären, daß sie nur eine Heirat aus Liebe verstehen könnten, und keine von ihnen jemals anders als aus Liebe heiraten werde, so weiß Mimi doch nur zu gut, daß dies alles nur Phrasen sind, und daß, wenn Spiridon Iwanowitsch sich damals nicht ihr, sondern ihnen zugewandt hätte, sie alle drei mit beiden Händen zugegriffen hätten. Als ob eine solche Partie sich alle Tage darböte! … Divisionskommandeur! nach dessen Befehl die ganze Division sich zu richten hat. Und was harrt seiner nicht noch alles in der Zukunft?! Seine Karriere ist noch lange nicht abgeschlossen … Es wäre einfach eine Dummheit gewesen eine solche Partie auszuschlagen.

*

Warum langweilt sich denn also Mimi jetzt im sechsten Jahr ihrer Ehe? Warum wird sie nur immer magerer und blasser? Was fehlt ihr denn noch? Sie hat ja doch eine Familie um sich, ihren Sohn, ihren Mann, ihre Mutter. Sie hat ja doch Geld, ihre Equipage, ihre Loge im Michael-Theater. Was will sie denn noch mehr haben? Mimi weiß es selbst nicht, was sie will. Sie hat nichts nötig. Sie ist einfach nur des Lebens überdrüssig. Leben oder Sterben, es ist ihr völlig, völlig gleichgültig. Sterben?! Ja – meinethalben sofort! Sie spricht das auch aus, und die arme maman kann es ohne Seufzer und Thränen nicht anhören. Sie sieht es ganz klar, daß die Tochter eben nur krank ist, daß sie dahinschwindet, daß sie mit jedem Tage reizbarer und schwächer wird. Maman fleht Mimi an Dr. Waräschski zu konsultieren ( maman hat ein felsenfestes Vertrauen zu ihm), aber Mimi ist eigensinnig, sie wird böse und sagt: » Ah laissez donc, je me prote à merveille! Je suis tout-à-fait bien!« Und maman seufzt und Mimi wird immer magerer und blasser.

Auch die Tanten zeigen sich besorgt über die Veränderung in Mimis Äußerem.

»Wie Mimi sich aber jetzt verhäßlicht!« sagt Tante Sophie, »und weshalb mag sie nur immer kränkeln?«

»Das kommt davon, daß sie einen alten Mann hat,« bemerkte Tante Mary kurz.

»Wie kann man aber nur so auf die Dinge sehn!« spricht Tante Julievorwurfsvoll und fährt daraus fort: »Alt, alt! … »Enfin, elle a un enfant. Qu'est-ce qu'elle a à se plaindre?«

»Annette meint, daß die Geburt sie sehr angegriffen habe und die Chloroformnarkose, und …«

»Das heißt aber doch wirklich die Sache weit herholen. Ganz im Gegenteil, damals hatte sie sich gerade sehr erholt.«

»Nun ich meinerseits bin fest überzeugt, daß an ihrer ganzen Krankheit nur ihr müßiges Leben schuld ist,« sagt Tante Julia streng. »Sie rührt ja oft tagelang nicht einen Finger. Nehmt doch dagegen meine Sina: die bestellt das Mittagessen, gießt den Thee ein, geht darauf zu Guizier, übt dann ihre Solfeggien … Keinen Augenblick ist sie müßig. Und seht doch nur an, wie blühend und gesund das Mädchen dabei aussieht. Da heißt es dann: Petersburg, Petersburg! … Unsinn! Man kann überall gesund sein. Aber Mimi! … Wollte ich ein solches Leben führen, ich wäre schon längst tot.«

Und die Tanten haben in allem recht. Mimi wird häßlicher, Mimi langweilt sich, Mimi thut nichts. Maman liebt sie so zärtlich, daß ihr jede Beschäftigung, auch die allergeringfügigste und leichteste für Mimi zu schwer und ihren Kräften nicht angemessen erscheint. Maman hat alle Sorge um die Wirtschaft sowohl als um das Kind auf sich genommen, und es Mimi überlassen spazieren zu fahren, Toilette zu machen, Besuche abzustatten und bei sich zu empfangen. Anfangs hatten diese Beschäftigungen Mimi auch Befriedigung gewährt, jetzt aber alles Interesse für sie verloren. Und leider gab es überhaupt nichts, das ihr noch Befriedigung gewährt hätte. Um mit Schopenhauer zu sprechen, so hatte sie allen Appetit am Leben verloren.

Und neben dieser mehr und mehr sie beherrschenden Apathie erwächst ein instinktives Gefühl der Gereiztheit gegen maman und Spiridon Iwanowitsch, eine Gereiztheit, die schon an Antipathie grenzt. Sie könnte selbst nicht sagen, worin sie sie stören, wessen sie sie berauben, sie weiß nur, daß sie ihr von Tag zu Tag lästiger und fremder werden. Sie fühlt es dunkel, daß sie sich dicht neben ihr das Leben gemütlich und behaglich eingerichtet haben, während sie sich so unglücklich fühlt und gleich einem gefangenen Vogel vergeblich flattert und mit den Flügeln um sich schlägt. Und es wird ihr auch niemals gelingen sich zu befreien, um so weniger als das sie umgebende Netz aus lauter zärtlicher Sorge um sie gewoben ist.

Geht sie ins Theater oder auf eine Abendgesellschaft, so geschieht es ganz sicher in maman oder Spiridon Iwanowitschs Begleitung, und sie kann kein Wort sagen, keinen Schritt thun von dem diese nicht wüßten, und der nicht ihre Kommentare hervorgerufen hätte. Mimi sieht es ja ganz klar, daß Spiridon Iwanowitsch bloß eifersüchtig ist, ganz sicherlich eifersüchtig – sogar die Tanten bemerken das ja schon. Aber er will es trotzdem nicht wahr haben, und sucht sein Mißtrauen unter Phrasen zu verbergen wie: »Das ist in der Gesellschaft nicht angenommen« … »Das geht nicht« … »Das thut man nun einmal nicht« … Und so kommt denn eins zum anderen, um Mimi das Leben von Tag zu Tag widerwärtiger zu machen.

Maman und Spiridon Iwanowitsch haben sich sehr schnell miteinander eingelebt und befreundet. Sie verstehen einander schon auf ein halbes Wort. Der Dienst Spiridon Iwanowitschs, seine Revüen, Kommissionen, Pläne – interessieren maman auf das lebhafteste, welche schon bei Lebzeiten des seligen Papa sich mit den Verhältnissen des Militärlebens vertraut gemacht hat. Mimi dagegen erscheint alles, was sich auf die dienstliche Thätigkeit ihres Mannes bezieht, dumm und langweilig. Es will ihr scheinen, daß er nur absichtlich vor maman immer von »Kommission, Re-or-ga-ni-sa-tion … mit dem Bajonett oder ohne Bajonett … schwatze, und maman sich dabei anstelle, als wäre ihr das alles höchst interessant! Außer diesem Gespräch über den Dienst haben sie noch ein anderes Thema über Kindererziehung, das sie gleichfalls schon nicht mehr anhören kann. Als wenn Mimi nicht recht gut wüßte, daß, wie man auch die Kinder erziehen, und wie viel gelehrte Bücher man darüber lesen möge, die Kinder trotz alledem schreien und ihre Windeln beschmutzen, späterhin aber eigensinnig und ungehorsam werden. Alle Theorien helfen da gar nichts. Nötig ist nur eine gute Wärterin, und um die zu bekommen, braucht man nur einen guten Batzen Geld dranzuwenden. Was haben sie nur davon, immer leeres Stroh zu dreschen.

Aber schlimmer als alles andere, am allerunerträglichsten ist ihr Gespräch über Politik. Die Politik – das ist Mimis bête noire. Sie liest von der Zeitung immer nur die letzte Seite, weil sie die Todesanzeigen und die Annoncen der Kaufleute interessieren; maman und Spiridon Iwanowitsch hingegen lesen die ganze Zeitung von A bis Z durch, und danach wird dann jeden Tag nach dem Mittagessen der Leitartikel durchgekaut. Dieses Gerede über Bismarck und Wilhelm, über Italien und Österreich und über das so schrecklich langweilige Bulgarien wird sie ganz bestimmt einmal noch um den Verstand bringen, oder ins Grab. Was soll ihr der Koburger, was der Battenberger?! Sie ist jetzt sechsundzwanzig Jahre alt, an ihr wäre es jetzt das Leben zu genießen, zu lachen und lustig zu sein, anstatt hier zwischen der ergrauenden Mutter und dem kahlköpfigen Manne zu sitzen, der beständig mit der Nase schnüffelt, krächzt und um sich speit und sich amer picon in den Wein gießt. Und in hellem Arger über den Battenberger schiebt Mimi ihren Teller mit den Koteletten zurück, die ihr so zuwider sind, wie alles übrige in ihrem Hause und spricht: » Encore ce Battenberg! Il m'agace à la fin

Und maman seufzt und Spiridon Iwanowitsch zieht die Stirn in finstere Falten.

Nimmt man dagegen Netti Poltawzeff, die einen jungen Mann geheiratet hat! … Leben die Menschen glücklich, nein leben die glücklich! … Es läßt sich freilich nicht in Abrede stellen, daß sie dabei ihr ganzes Kapital durchbringen und die alten Poltawzeffs mit Angst und Bangen mißbilligend dazu die Köpfe schütteln. Ebenso ist es leider nur zu wahr, daß Nettis Verehrer sich in dem Hause immer mehr einbürgert, so daß so mancher schon, wenn die Rede auf ihn kommt, vielsagend lächelt. Wahr auch, daß selbst Mimi in Ubereinstimmung mit maman und den Tanten sich wiederholt dahin äußert, daß Netti sich auf gefahrvollem Wege befinde, wahr endlich auch, daß Mimi auf Tante Julies Rat hin, absichtlich gezögert hat, Netti die Visite zu erwidern – doch was folgt daraus weiter? Dafür freut Netti sich ihres Lebens … Netti kleidet sich excentrisch nach ihrem Geschmack, Netti besucht Operetten, Maskeraden, Restaurants und lacht über sie alle. Der Mann läßt es geschehen und so lassen es alle andern auch geschehn … Und rund um Netti schäumt und sprüht alles von Leben und Lust, wie der Champagner, der niemals auf ihrem Tische fehlt.

Früher war Mimi mit ihr befreundet, aber jetzt haben maman und Spiridon Iwanowitsch ihr Veto gegen diese Freundschaft eingelegt. Sie finden Netti zu leichtfertig und sehen in einem Verkehr ein schlechtes Beispiel für Mimi. Und Mimi erwidert ihr natürlich nicht die Visite, da sie ja nun doch einmal auf gefahrvollem Wege ist … Aber es thut Mimi doch sehr leid, daß sie auf gefahrvollem Wege ist, denn wäre sie nicht auf gefahrvollem Wege, wie lustig wäre es bei Netti! … Sie ist doch immerhin eine gute Seele, diese Netti, und plaudert so amüsant, und ist so lebhaft … Und um von Netti gar nicht zu reden – schon bei den drei Schwestern Poltawzeff findet Mimi es lustiger, als bei sich zu Hause. Die singen, tanzen, spielen, schwärmen – sind stets verliebt und sprechen immer von Rittmeistern und Lieutenants und von Nettis Verehrern. Die haben Träume, Hoffnungen und Pläne für die Zukunft, erwarten noch alles von der Zukunft. Sie dagegen? Worauf soll sie warten? Was hat sie noch zu hoffen? Das Leben ist erschöpft, bietet ihr weiter keine Illusionen. Sie kennt das Leben, kennt die Menschen, sie weiß, was es mit der Ehe auf sich hat, und mit dieser vielgerühmten Liebe – une horreur! Und da sagt Tante Marie noch: »Sieh nur zu, daß du dich nicht verliebst!« … Sie sich verlieben! sie, die überhaupt nicht einmal mehr leben möchte … Und die besten Jahre sind schon dahin, unwiederbringlich dahin … Sie ist ja schon alt, ist sechsundzwanzig Jahre und das ist am Ende doch schon der Anfang des Alters … Sie fühlt sich so alt, so alt, so abgelebt …

Und Mimi langweilt sich und wird immer magerer und blasser.

Gegen den Frühling zu erreicht diese Nervosität einen solchen Grad, daß eines schönen Abends, als Spiridon Iwanowitsch den Damen die Frage zur Beurteilung vorlegt, wo sie den Sommer verbringen wollten, auf dem Lande oder auf der Datscha Datscha = Landhaus, Villa., Mimi einen hysterischen Anfall bekommt, einen veritablen hysterischen Anfall mit lautem Lachen, Geschrei und Konvulsionen … Maman ist in Verzweiflung. So weit ist es also schon gekommen! Warum hat sie nicht besser aufgepaßt. Wie hat sie es nur so weit kommen lassen?! …

Da müssen aufs schleunigste energische Maßregeln genommen werden. Und jetzt ergiebt sich auch Mimi, sie ist damit einverstanden Dr. Waräschski zu konsultieren. Maman hat ein so felsenfestes Vertrauen zu Waräschski! Er hat ja Mimi schon früher behandelt, hat sie schon einmal vom Tode gerettet, er kennt ihre Natur … Und dabei was für ein seltener Mensch, aufmerksam, heiter – nicht irgend so ein Gelbschnabel, sondern ein solider, achtungswerter Mann, ein Professor … Maman hat ein felsenfestes Vertrauen zu ihm! Jetzt ist nur noch von Dr. Waräschski Rettung zu hoffen. Wie er es bestimmt, so soll es geschehn. Sollte er wünschen, daß sie nach Madeira gehn, nun gut – so gehen sie nach Madeira … Spiridon Iwanowitsch hat ja schon das Geld dazu gegeben. Wo es sich darum handelt, das Leben der Nächststehenden zu erhalten, da können die Ausgaben nicht weiter in Betracht kommen. Wie Waräschski es bestimmt, so wollen sie Verfahren.

*

»Wen sehe ich da? – Meinen allerunterthänigsten Gruß!« spricht Dr. Waräschski, indem er maman und Mimi in sein Empfangszimmer nötigt und über die Brille weg einen schnellen Blick über das Wartezimmer schweifen läßt, in welchem Patienten jeden Alters und Ansehens in Erwartung ihrer Reihenfolge teils in den Ecken miteinander flüstern, teils in den Journalen blättern.

Nachdem sie in das Kabinett eingetreten ist, läßt Mimi sich erschöpft in dem weichen Lehnsessel neben dem Schreibtisch nieder und beantwortet mit schwacher Stimme widerwillig und einsilbig die Fragen des Doktors, während mamans besorgter Blick vom Doktor zur Tochter und wieder zurückschweift, in dem Bemühen aus seinem Gesichtsausdruck sein Urteil herauszulesen. Ihr liebevolles Herz sieht in seiner Aufregung die geliebte Tochter im Geist schon als ein Opfer jener furchtbaren Gespenster: Schwindsucht, Tod infolge Hinschwindens der Kräfte … doch nein, der Doktor bleibt ruhig und heiter.

»Meinen Sie also Kronid Feodorowitsch, daß sich gegen diese furchtbare Schwäche etwas werde thun lassen?«

»Ja, ich denke, daß dies durchaus nicht unmöglich sei.«

»Ach, Gott gebe es, Gott gebe es! … Aber wissen Sie, sie hat Ihnen nicht alles gesagt; sie ist ja so geduldig, so sehr geduldig, aber ich sehe es ja, wie sie leidet …« Und maman beginnt nun, indem sie Mimi nicht zu Worte kommen läßt, in aufgeregtem und bekümmertem Ton Kronid Feodorowitsch in ausführlichster Weise zu erzählen, wie Mimi beim Treppensteigen außer Atem komme, wie sie ohne allen Grund in Weinen ausbreche, wie sie sich über das Stubenmädchen und über Baby ärgere, wie an ihren Taillen deutlich zu sehen sei, daß sie von Tag zu Tag abnehme, wie sie gestern Mittag nur ein halbes Kotelettchen genossen habe, und heute erst … u. s. w., u. s. w …

»So!« sagt der Doktor, indem er das Rezept schreibt. »Nun, und was gedenken Sie im Sommer zu thun?«

»Ach, Kronid Feodorowitsch, das ist ja eben die Hauptsache, derentwegen wir uns an Sie gewandt haben. Wir wollen uns ganz nach Ihrer Entscheidung richten, wohin Sie uns auch schicken mögen … Sie wissen ja, daß Geld und Zeit bei uns nicht in Frage kommen. Ich habe schon daran gedacht, ob nicht vielleicht Seebäder … im Auslande …«

»Nun ja, freilich! Das Ausland ist ja ganz schön. Was würden Sie aber zum Beispiel zum Kaukasus sagen? Sie sind noch nicht im Kaukasus gewesen?«

»Nein, aber ich habe von vielen gehört, daß dort alles noch so sehr primitiv sei, noch nicht recht eingerichtet … Weder Wohnungen noch Ärzte … Man sagt, nur ganz furchtbare Kurpfuscher … und dabei nichts zu essen …«

»Nun, das ist jedenfalls alles sehr übertrieben. Man ißt, was eben da ist; sind wir denn schon so sehr verwöhnt! Und was die Ärzte anbetrifft – so scheint es doch, daß Sie mir die Ehre Ihres Vertrauens schenken? …«

»O, Kronid Feodorowitsch Ihnen! … Ich habe ein felsenfestes Vertrauen zu Ihnen … Alle meine Hoffnung beruht auf Ihnen.«

»Nun, in dem Fall erlaube ich mir Ihnen zu bemerken, daß Sie gar nicht in den Fall kommen sollen, eines anderen Arztes zu bedürfen. Ich selbst werde die Behandlung von Marie Iljinitschna übernehmen.«

»Wie, Sie selbst werden dort sein? … O, das ändert natürlich die Frage! … Wann werden Sie aber dort sein?«

»Nun gleich mit dem Beginn der Saison. Sie wissen ja doch, daß wo Damen sind, ich auch nicht fehle, und dort giebts eben nur Damen. Schelesnowodsk heißt schon ein für allemal die Damenkolonie.«

Mimi lebt ein wenig auf – sie möchte ganz gern in den Kaukasus reisen. Netti hatte einen Sommer in Kislowodsk verbracht, und war mit sehr angenehmen Erinnerungen heimgekehrt. Dort hauptsächlich hatte sie sich so emanzipiert, und auch ihren augenblicklichen Verehrer von dort mit herübergebracht. Aber was die Hauptsache war, Mimi war sich soeben, während sie hier saß, zum erstenmal dessen klar bewußt geworden, was sie eigentlich wollte. Sie wollte allein irgend wohin reisen. Sie nimmt das Stubenmädchen Katja mit sich, und fährt auf und davon, mögen die anderen thun, was sie wollen.

Der Doktor, dem diese plötzliche Animation nicht entgeht, fährt, indem er von Zeit zu Zeit einen raschen Blick aus Mimi wirft, fort, maman die nötigen Auskünfte über Schelesnowodsk zu erteilen. Mimi müsse gegen zwei Monate Eisenquelle trinken und Bäder nehmen, und danach noch für einen Monat, sozusagen zur höheren Politur, nach Kislowodsk hinüberfahren. Im Herbst werde sie sich alsdann so erholt haben, daß man sie nicht wiedererkennen dürfte.

»Das gebe Gott, das gebe Gott!« sagt maman mit etwas ungläubigem und trübem Lächeln, und nachdem sie dem Doktor in delikater Weise einen Zehnrubelschein in die Hand gedrückt hat, verläßt sie hinter Mimi das Kabinett, der nächstfolgenden Patientin Platz machend.

*

»Nun Mimi,« sagt maman, indem sie neben der Tochter im Wagen Platz nimmt, »was sagst du zu seiner Idee? Ich meine, man muß reisen, zumal er doch selbst dort sein wird. Möchtest du?«

Mimi schweigt. Ihre momentane Angeregtheit ist aufs neue einem Ausdruck gedrückter Apathie gewichen. Nachdem maman einen Blick auf sie geworfen, verstummt sie für einige Minuten, um dann ihre Frage zu wiederholen.

»Was soll man noch weiter davon reden,« antwortet Mimi. »Es kommt viel darauf an, was ich will … Er wird ja doch sagen … Er wird wieder sagen … (Mimi kommt an Luft zu kurz.) Er wird sagen: aufs Land!« Und Mimi bricht in bittre Thränen aus.

Maman ist in Verzweiflung, bemüht sich aber nichtsdestoweniger zu lächeln. »Nun beruhige dich doch nur, rege dich nicht so auf, Herzchen! … Wir werden auf keinen Fall aufs Land ziehn … Er hat dich so lieb … Er thut ja alles, was du nur willst. Hier encore il m'a dit … Genug, so weine doch nicht, das bringt dich so herunter … Wo ist dein sel de vinaigre? Rieche mal daran Herzchen, du bist nur erschöpft … Wohin sollen wir fahren: zu Julie oder in die Läden?« – »Zu Knop Ein bekanntes Konfektionsgeschäft in Petersburg.,« sagt Mimi noch immer weinend, »ich muß zu Knop.«

Und sie fahren zu Knop. Unterwegs wird der Rat Dr. Waräschskis von den Damen noch einer weiteren Beurteilung unterzogen. Ab und zu an ihrem sel de vinaigre riechend und das Taschentuch brauchend, spricht Mimi sich deutlicher aus. Sie würde natürlich ohne Spiridon Iwanowitsch reisen (er kann ja übrigens auch gar nicht fort). Baby müßte gleichfalls bei maman bleiben, mitnehmen kann sie es ja doch nicht. Sie ist ohnehin von dem Kindergeschrei schon krank, und wenn sie erst überallhin immer das Kind mit sich schleppen soll, so wird sie sich sicherlich niemals erholen. Dazu kommt noch, daß das Baby mitzunehmen, nichts mehr und nichts weniger heißt, als einen ganzen Hofstaat von Wärterin und deren Gehilfin, sowie einen besonderen Arzt mit sich zu führen. Waräschski behandelt ein für allemal keine Kinder. Was sollte man wohl ohne Kinderarzt anfangen? Wünschte maman etwa Baby dem sicheren Tode preiszugeben? Nein, mag sie mit ihm hier zurückbleiben, während Mimi allein mit Katja reisen wird.

Maman stimmt Mimi in allem bis auf einen Punkt zu. Die Tochter, welche Ohnmachten und anderen Zufällen unterworfen ist, allein mit einem jungen, unerfahrenen Dienstmädchen ziehen zu lassen, nein, das ist ganz undenkbar. Maman selbst wird mit ihr reisen. »Und wer soll unterdes bei Baby bleiben?« – »Nun, vielleicht nimmt Tante es mit der Wärterin für die Zeit mit auf die Datscha. O gewiß … sie wird es schon nehmen! …«

Bei Knop werden momentan alle anderen Sorgen von der einen Sorge, der Wahl eines Sonnenschirms, verschlungen. Mimi kehrt den ganzen Laden von unterst zu oberst beim Suchen nach einem Sonnenschirm mit einem ganz besonderen Griff, den sie, irren wir uns nicht, überhaupt nur im Traum gesehn hat. Nebenbei findet sie noch eine ganze Menge neuer und nützlicher, praktischer und bequemer Gegenstände, die ihr bei der bevorstehenden Reise zu statten kommen können, und die sie alle mitnimmt, so daß, als sie mit maman wieder im Wagen Platz nimmt, man einen ganzen Berg von Paketen und Kartons hinter ihnen herträgt. Mimi zeigt ein belebteres und ruhigeres Aussehn.

»Bist du nicht zu müde Mimi? Man könnte ja die Sache mit Julie zunächst verschieben,« fragt maman.

»Nein, nein, lieber gleich alles mit einemmal abmachen,« sagt Mimi, die Augen schließend.

*

Tante Julie hat Mittwochs ihren Empfangstag. Sie ist eine höchst respektable und kluge Frau von großen Charakteranlagen. Die Schwestern sagen von ihr: » Julie est une femme de beaucoup d'esprit, mais elle manque de coeur. C'est tout le contrasire d'Annette

Tante Julie ist eine über jeden Vorwurf erhabene Gattin, Hausfrau und Mutter. Sie hat die beiden älteren Kinder, den rotwangigen Kavalleristen Wowa und Sina, welche ihre Ausbildung bei Madame Troubes erhalten hat, ganz ausgezeichnet erzogen. Wowa sowohl als Sina bilden den Stolz und die Freude der Mutter, der übrigens von der Vorsehung auch die Prüfung in der Person der jüngsten Tochter Wawa nicht erspart worden ist, eines kränklichen, eigensinnigen und launenhaften Mädchens. Wie viel man auch an ihr herumkuriere und korrigiere, es ist alles fruchtlos, und bis zur Stunde ist Wawa für Tante Julie der lastende Alp, das Kreuz und die tägliche Plage.

Als maman und Mimi in den dunkelviolett möblierten Salon Tante Julies treten, finden sie in demselben eine große Anzahl Damen und einige junge Leute, Kameraden von Wowa, vor. Das Zimmer erschallt von einem Kreuzfeuer der Konversation.

»Also Sie gehen wieder nach Mereküll? Ein esthländisches Seebad.«

»Jawohl, nach Mereküll. Wir bleiben Mereküll stets treu, und Sie? …«

» Oh, je n'aime pas à avoir une datscha, j'aime mieux rester ici. Dann fährt man einmal hierhin, das andere Mal dorthin …«

» Et Louise? … Elle est toujours à Naples?«

» Comment? le bordeaux avec le rose pâle … Oh, mais quand c'est fait par une française, par une bonne faiseuse … c'est délicieux comme mélange …«

»Und ich war gestern in der Ausstellung.«

»Wie finden Sie die Ausstellung?«

»Ach, wir haben so gelacht, so gelacht! … Wir treten ein, und begegnen …«

» Et tous les soirs elles vont aux îles. Et tous les soirs c'est la même chose. C'est triste …«

Mimi wird mit Fragen über ihr Befinden überschüttet. Maman vertraut ihren nächsten Nachbarinnen an, daß sie soeben von Waräschski kämen.

»Wie, ihr habt also Vertrauen zu Waräschski?« meint Tante Mary entsetzt, indem sie die Asche von ihrer Cigarette streicht. »Er hat eine meiner Bekannten einfach gemordet. Sie ist geradezu unter seinem Messer gestorben. Und hinterher erwies es sich, daß eine Operation ganz und gar nicht nötig gewesen wäre … C'était une grossesse …«

»Du machst da eine Konfusion, Mary. Das hast du uns ja von Lissinski erzählt.«

»Nicht möglich? nun ja, es kann schon sein. Gleichviel; einer taugt so viel wie der andere.«

»Warum versuchen Sie es nicht mit der Homöopathie?« meint eine der Damen. »Ich bin überzeugt, daß dieselbe Ihrer Tochter helfen würde. Insbesondere bei Nervenkrankheiten …«

»Ja, ich verstehe nicht,« fährt Tante Mary fort, indem sie sich eine neue Cigarette anzündet, »warum ihr euch an Waräschski wendet. Er ist ja doch Accoucher … Si c'est une maladie de nerfs, warum konsultiert ihr da nicht Merewski?«

»Und ich hätte sie einfach direkt zu Botkin gebracht,« sagt Tante Julie. »Es ist doch rein unmöglich, daß sie ohne allen Grund so abnimmt. Er hätte die Diagnose gestellt und euch selbst die betreffenden Spezialisten empfohlen, falls sich das als notwendig herausgestellt hätte. Ich habe nun einmal nur zu Botkin Vertrauen.«

»Auch Botkin kann irren,« sagt die Anhängerin der Homöopathie. »Nein, im Ernst, Sie sollten es mit der Homöopathie versuchen! Ich selbst bin ja die beste Reklame für dieselbe. Was habe ich nicht alles gebraucht, was nicht versucht … und sehen Sie, erst seitdem Brasoli mich behandelt …«

»Brasoli, ach ja Brasoli! … Ich bin ihm irgendwo in der Gesellschaft begegnet. Il est très bien.«

»Ist er verheiratet? … Wen hat er doch geheiratet?« das medizinische Gespräch wird hierbei allgemein.

»Brasoli? Ja, wen hat er doch nur gleich geheiratet? … Und Solowjew, das ist wirklich ein selten gewissenhafter Arzt … Gewiß, gewiß … Er hat eine eigene Klinik … Und er ist so beschäftigt, so beschäftigt … Und Baron Wrewski … Sie scherzen? … Nein durchaus nicht … Ein ganz merkwürdiger Fall … Er hat einen Blinden, einen faktisch Blinden, ganz völlig Blinden hergestellt, den ich mit eigenen Augen gesehen habe … Er hat da solch ein Wasser, oder Elektrizität … Enfin il réussit … Natürlich macht der Glaube dabei sehr viel … Ja, das wollte ich meinen! … Pater Johannes zum Beispiel … Oh, ce n'est pas du tout la même chose … Vous croyez? Mais c'est un saint!! … Ich ungläubiger Thomas, je ne crois pasà sa sainteté. C'est la mode, voilà tout … O sagen Sie das nicht … Wenn Sie ihn erst sähen … klein, hager … und in seinem Blick etwas so ganz Eigenes, wie aus einer höheren Welt … Er hat bei uns einmal Thee getrunken und Früchte genossen … Er ist ein großer Freund von Weintrauben … Freilich, man muß Glauben haben … Nun ja, der Glaube ist eben die Hauptsache dabei! … Aber wer auch noch Wunder thut, das ist Batmajew … Qu'est-ce que c'est que ce Batmajew? Est-ce encore un saint? Non, non, c'est un médecin … Ich kann Ihnen seine Adresse geben … Und Eichwald ist gestorben? … Jawohl … Et le scandale donc … Vous savez, man sagt in irgend einer Zeitung sei ein Gedicht erschienen … Ja, ein Gedicht … Und ich war gestern in der Ausstellung … Wie hat Ihnen denn die Ausstellung gefallen? … Ach wir haben so gelacht …«

Während dieses Stimmengewirres erzählt maman Tante Julie, daß Waräschski sie nach Schelesnowodsk schicke, und bemüht sich nebenbei zu erforschen, ob Tante Julie wohl Baby mit der Wärterin für den Sommer bei sich aufnehmen würde. Jawohl, Tante Julie nimmt sie mit Freuden auf, wenn maman damit einverstanden ist, Wawa mit nach Schelesnowodsk zu nehmen. Merewski hat ihnen geraten, Wawa für einige Zeit von Hause zu entfernen, und ihr für den Sommer den Gebrauch von Eisen verordnet. Und sie alle würden erleichtert aufatmen, wenn Wawa erst fort wäre. Sie fängt an ganz unausstehlich zu werden. Alle im Hause sind schon ihretwegen aneinander gekommen. Der Bruder prophezeit, daß sie noch einst am Galgen endigen werde, und rät sie für zwei Jahre nach Frankreich oder wenigsten in die Schweiz in irgend eine Pension zu schicken, aber der Vater will davon nichts hören, er ist ja stets auf Wawas Seite. Gütiger Himmel! wenn doch nur irgend ein Mensch sie mitnehmen wollte! … Dienst gegen Dienst. Wawa für Baby, Baby für Wawa. Und so ist die Sache abgemacht.

*

Nach dem Mittagessen erstattet maman Spiridon Iwanowitsch Bericht über die Resultate ihrer Visite bei Waräschski und ihrer Unterhandlungen mit Tante Julie. Bei Erwähnung des Kaukasus wird Spiridon Iwanowitsch ganz angeregt und gerät in eine ausgezeichnete Stimmung. Im Kaukasus hat er die besten Jahre seines Lebens, die besten seiner Dienstzeit verbracht. Bis auf diesen Tag hat er noch eine Menge Bekannte in Tiflis, in Pjätigorsk. Ein herrliches Land, herrliche Erinnerungen! Schaschlyk Hammelkotelette à la tatare., Kachetiner Kaukasischer Rotwein., Narsan Eine Heilquelle. und Spazierritte in hellen Mondnächten. Wäre er nicht gebunden, Spiridon Iwanowitsch selbst würde die Damen dorthin begleiten. Selbstverständlich, möge Mimi doch nur reisen und ihre Kur gebrauchen. Die kaukasische Sonne und die Eisenquellen würden sie sicherlich wiederherstellen. Vielleicht daß es ihm im August möglich ist, sie persönlich abzuholen. Allein könnte sie natürlich nicht reisen. In den Bädern ist die Gesellschaft immer eine so fragliche, aber in Begleitung von maman und Wawa kann sie ja getrost reisen. Wie hoch ließen sich wohl die Kosten für eine solche Reise annähernd veranschlagen?

*

In Petersburg ist es Mai. Ein eisiger Wind wirbelt in den Straßen ganze Wolken von Staub auf, aber der leuchtende Sonnenschein, die hellen Gazeschleier und aufgeschlagenen Sonnenschirme der Damen, sowie das Rasseln der Räder, welches die erhabene Stille des Winters abgelöst hat – dies alles kündet bereits den Frühling an, und am deutlichsten verkündet ihn der tiefblaue klare Himmel, aus welchem die Hoffnung mit verführerischem Versprechen herausleuchtet.

Auf dem Nikolai-Bahnhof herrscht reges Leben und Treiben. Dienstmänner und Träger mit Gepäck hasten, sich in den Thüren stoßend, aneinander vorüber. Am Büffet das Geklapper von Messern und Gabeln, das Klingen von Gläsern, lautes Gespräch und Ausrufe, Scharren der Füße, mit einem Wort das wirre Geräusch einer sich bewegenden Menge.

Draußen auf der Plattform, vor einem der hohen blauen Waggons erster Klasse hat die elegante Gruppe Posto gefaßt, welche Mimi das Geleite giebt. Sie sind alle hier erschienen: Der stattliche Spiridon Iwanowitsch im Paletot mit den breiten roten Aufschlägen der Generalsuniform; Tante Julie in ihrer ganzen imponierenden Größe, welche das sie umgebende Publikum mit etwas hochmütigen Blicken durch ihre Lorgnette mustert; der von Gesundheit strotzende Wowa, der Liebling Tante Julies und zugleich ihr Stolz und ihre Freude; Sina, die Schönheit, in einem höchst modernen riesigen Hut, mit zwei schneeweißen Bologneserhündchen, die die Welt ebenso teilnahmlos und von oben herab betrachten wie ihre Herrin; m-me Lambert und die drei tiefverschleierten Schwestern Poltawzeff, Tante Mary mit ihrem Sohn, Tante Sophie mit ihrem Manne. Mimi hat bereits im Waggon mit ihrem Hündchen Platz genommen, welches in Petersburg zurückzulassen, sie sich nicht hat entschließen können, und riecht an ihren: sel de vinaigre. Sie ist entsetzlich müde, und dann sind sie ihr alle schon so bis aufs äußerste zuwider. Wenn der Zug doch nur schon abgehen wollte! Aber da drängt sich noch Spiridon Iwanowitsch in das Coupé, obgleich er sich in dem engen Raum zwischen den Fauteuils kaum umdrehen kann, und erkundigt sich, ob sie es nur auch bequem habe? … Ja wohl, es ist alles, alles ganz schön.

Wawa, ein mageres, schwarzäugiges Mädchen von sechzehn Jahren steht auf der Plattform vor dem Vater, dessen beide Hände sie gefaßt hat, und giebt ihm ihr heiliges Ehrenwort darauf, daß sie gegen die Tante nicht widerspenstig sein werde, sondern überhaupt verständig und nicht so wie in Petersburg. Dagegen nimmt Wawa ihm ihrerseits das Versprechen ab, ihr oft und viel zu schreiben.

Maman zeigt eine besorgte Miene und in unruhiger Geschäftigkeit hat sie noch allerlei mit Tante Julie zu flüstern, indem sie ihr die letzten Instruktionen in betreff Babys, der Wärterin und des zurückbleibenden Dienstpersonals giebt. Hierauf ändert sich der Gesichtsausdruck bei beiden: maman's Gesicht drückt eine mitleidsvolle Teilnahme, dasjenige Tante Julie's ergebungsvolle Geduld aus. Kein Zweifel – sie spricht von dem Kreuz, das ihr auferlegt ist von Wawa.

»Ich verstehe ja sehr wohl, daß sie eine Bürde für dich bedeutet,« sagt Tante Julie »aber ich werde es dir schon gelegentlich einmal vergelten. Und was die Hauptsache ist, laß sie nur niemals allein umhergehn.«

Die beiden älteren Poltawzeffs spielen mit Sinas Hündchen, während sie m-me Lambert zulächeln; die jüngste erklärt Wawa mit kokettem Augenaufschlag, daß sie weder an Freundschaft noch an Liebe glaube.

»Und meiner Ansicht nach ist und bleibt es ein Wahnsinn,« sagt Tante Mary. »Was haben sie nur davon dort hinzureisen! Um Hungers zu sterben. Ich weiß es nur zu gut, was Krim und Kaukasus bedeuten: Hunger, Langeweile und Schmutz. Rein weggeworfenes Geld. Und was sie nur solch ein Vertrauen in diesen Waräschski setzen? Als gäbe es im Auslande keine Ärzte!«

»Das wollte ich wohl meinen,« bestätigt Tante Sophie. »Man hat uns ja auch nach Essentucki schicken wollen, aber natürlich gehen wir nach Karlsbad. Diese Idee!«

Das letzte Glockenzeichen ertönt. Wawa giebt dem Vater noch einen herzhaften Kuß und stürzt dann, den Schaffner beinah umrennend, ungestüm auf den Waggon zu. Tante Julie und Sina tauschen einen Blick leidensvollen Verständnisses aus. Die blasse Mimi zeigt sich am Fenster und lächelt den Ihrigen zu. Alle nicken ihr zu, grüßen und lächeln. Bon voyage! Bon voyage!

Spiridon Iwanowitsch sieht sie mit gütigem und freundlichem Blick an. Der Zug setzt sich leise, kaum merklich in Bewegung und verläßt die dunkle Halle.

Maman bekreuzigt sich, Mimi gähnt, Wawa verläßt das Coupé.

Vorüber an der Plattform, dem Zaun, den Gemüsegärten … Die Kasernen mit ihren vielen Fenstern, welche beim Abgange des Zuges so entfernt schienen, sind bereits den Blicken entschwunden, und der Zug braust mit vollem Dampf in das offene Land hinein.

Maman überzählt die Sachen. »Ist nur auch wirklich alles da? … alles richtig an Ort und Stelle? … Aber wo ist denn nur Wawa geblieben?«

»Wahrscheinlich im Korridor,« sagt Mimi träge die Augen schließend. »Sie scheint ja da zu singen. Hörst du's nicht? Diese Verrücktheit.« Und Mimi gähnt.

Maman ist ein wenig betroffen, daß Wawa sich sofort vor ihnen geflüchtet hat. Wie wird sie überhaupt mit diesem seltsamen Mädchen fertig werden! Vor allen Dingen muß man mit Güte und Milde auf sie einwirken. Der Vater hat sie darum gebeten und auch Merewsky dessen erwähnt. Natürlich, eine so zarte, nervöse Natur! Maman und Tante Julie haben völlig entgegengesetzte Ansichten über Erziehung. Maman hat immer gefunden, daß Julie gegen Wawa zu streng ist. » On ne prend pas les mouches avec du vinaigre, mais avec du miel.« Maman wird schon zeigen, daß man auch mit Wawa ganz gut auskommen könne. Julie – est une femme de beaucoup d'esprit, mais elle manque de cœur. Bei maman hingegen kommt das Herz in erster Reihe und der Verstand nach ihrem eigenen Ausdruck erst in allerletzter. Sie wird auf Wawa mit Gutem einzuwirken suchen.

Wawa steht im Korridor am Fenster und singt mit heller Stimme:

»Himmlische Wolken …«

Das ist in der That recht wenig comme il faut und dabei lächerlich, aber maman beschließt dennoch nach kurzer Überlegung sie gewähren zu lassen. Mag sie doch dort stehn und singen – sie ist ja eine Kranke. Man muß sie vor allen Dingen ein wenig an sich zu gewöhnen suchen und dann hinterher erst daran gehn ihr bessere Manieren beizubringen. Und nachdem sie mit Vorsicht einen Blick durch die Thürritze geworfen hat, setzt maman sich auf ihren Platz und beginnt aufs neue die Sachen zu überzählen, und tastet nach dem sämischledernen Geldsäckchen auf ihrer Brust.

Mimi hat den Reisehut von Ivroz abgelegt, ihr Jäckchen aufgeknöpft und spielt auf das Sammetpolster des Sophas hingestreckt mit ihrem Hündchen, zupft es an den Ohren, streichelt seinen Kopf und spricht zu ihm: »Was will denn Monitschka, was will denn mein Hündchen? Will Monitschka Thee haben? … Ja, ja, du sollst ihn haben … Monitschka muß doch ihren Thee haben … wie soll Monitschka ohne Thee schlafen gehn! Frage doch Großmama, wo wir Thee bekommen werden. Jawohl mein Hündchen Thee … du thé … et du sucre, oui un peu de sucre …«

In Lubanj erhält Monitschka ihren Thee und wird mit Zucker und kleinen Zwiebäcken gefüttert. Die Damen trinken gleichfalls Thee, welcher ihnen in den Waggon durch den strammen, gewandten Kondukteur hineingereicht wird, auf den die roten Aufschläge, sowie das gute Trinkgeld Spiridon Iwanowitschs ihren Eindruck nicht verfehlt haben.

Es dunkelt. Mimi macht das Lager für Monitschka zurecht, maman desgleichen für Mimi. Der Schaffner zieht den oberen Diwan für Wawa aus, die ihr Lager über demjenigen maman's einnimmt. Er zieht den Vorhang über die Lampe und im Coupé herrscht Dunkelheit und Stille, die nur durch das Schnarchen Monitschkas unterbrochen wird, die sich auf ihrem gesteppten Polster zu einem Knäuel zusammengerollt hat.

Und unterdessen jagt der Zug rüttelnd und dröhnend dahin über Gräben, Brücken und Sümpfe, und singt sein eintöniges, wildes Lied, mit welchem er die ermüdeten Wanderer in Schlummer wiegt.

Maman fühlt sich ganz ungemein wohl. Nachdem sie Mimi, welche heute so ruhig ist und über nichts geklagt hat, für die Nacht gebettet hat, zieht sie Pantoffeln an, und nachdem sie die Haube abgenommen und ein leichtes Tuch um den Kopf gehüllt hat, streckt sie sich mit Behagen auf dem weichen Diwan aus … So sind sie denn nun wirklich glücklich abgereist! Maman ist voller Hoffnung, daß das Bad und die Luftveränderung eine wohlthätige Wirkung auf ihre arme Kranke ausüben werden. Und dann wird Waräschski auch dort sein, das ist ja die Hauptsache. In dieser Hinsicht ist maman vollkommen ruhig. Sie gesteht sich ein, daß ihr auch schon um ihrer selbst willen der Gedanke ganz angenehm ist, einmal ein bißchen herauszukommen und andere Luft zu atmen, sich für eine Zeitlang erholen zu dürfen von den Plackereien mit den Dienstboten, von dem ewigen Sorgen und Denken an das Mittagessen und an Rindfleisch, an Babys Grütze und sein Bad, an die Preise von Zucker und Licht, an Wäsche und Petroleum. Drei Monate vollständiger Erholung! Um Baby braucht man sich wahrlich keine Sorge zu machen, das ist in zuverlässigen Händen, und seine Pflege wird eine ganz exemplarische sein. Und außerdem wird ja Spiridon Iwanowitsch ab und zu nach Peterhof hinüberfahren, und nach ihm und der Wärterin sehen. Für den Herbst erwartet Spiridon Iwanowitsch vom Kaiser eine Auszeichnung und wird sie wohl auch erhalten. Folglich steht nun auch nach dieser Seite hin alles aufs beste. Und unterdessen werden sie sich ein wenig die Welt ansehn, sich auffrischen und Vorräte an Kraft und Gesundheit für den Winter sammeln. Wawa freilich, die da augenblicklich über maman liegt, könnte einige Scherereien machen – nun, wie Gott will! Die Hauptsache ist, daß man sie mit Milde behandle, auch wird Katja sie stets begleiten. Julie hat von sich aus Katja eine Zulage gemacht, und auch die Hinfahrt bezahlt. Überhaupt hat Julie sich nichts weniger als knauserig gezeigt bei Veranschlagung der Auslagen für die Kur sowie für Kost und Logis und unvorhergesehene Ausgaben. Maman führt einen solchen Haufen Geld mit sich, daß sie aus Furcht vor Dieben sicherlich keine Nacht ruhig schlafen können wird. Und da sagen die Schwestern noch, Julie sei geizig! Nein, sie ist nicht geizig. Sie ist pedantisch und genau, aber geizig ist sie nicht. So hat sie z. B. für den Arzt, der Wawa behandeln soll, zweihundert Rubel für den Sommer bestimmt. Maman findet das ganz unglaublich viel. Sollte Mimi am Ende wohl gar Waräschski eben so viel zahlen? Nun, nein doch! Haben sie ihm doch schon in Petersburg höchst anständige Honorare gezahlt. Hundert ist ganz ohne Frage genug. Allenfalls könnte man ihm hundertundfünfzig geben. Maman hat ein felsenfestes Vertrauen zu ihm, und er ist in der That ein ganz prächtiger, sympathischer Mensch … und bel homme! Aber nichtsdestoweniger sind hundert Rubel ganz ohne Frage hinreichend genug. Hundert? … Hundertundfünfzig? … Hundert? …«

Und ehe sie noch zu einem Abschluß in dieser Frage gelangt ist, beginnt maman leise zu schnarchen.

Mimi, das hübsche Köpfchen in graziöser Stellung auf den Arm gestützt, liegt auf dem nächsten Diwan. Es ist ihr sehr angenehm so dazuliegen; sie fühlt sich hier wohler als bei sich zu Hause in ihrem gewohnten Bett. Dort umgab sie während ihrer aufreibenden Schlaflosigkeit eine solche Stille, eine solche Lautlosigkeit, aber dafür wütete Sturm und Aufruhr in ihrem Inneren, wo alles zitterte, hämmerte, klopfte, schwankte. Welche Qual, welch ein entsetzlicher Zustand! Hier dagegen ist aller Lärm, alle Unruhe außerhalb und das wirkt so wohlthuend auf sie. Diese Pfiffe und Glockenzeichen, dies Schwanken und Rütteln des Diwans, dies Rasseln der Räder, Dröhnen der Scheiben und Klirren der Aschenbehälter – dies ganze chaotische eintönige Geräusch thut ihr wohl und lullt sie ein. Es ist ihr angenehm so dazuliegen und an ihre neuen Toiletten zu denken. Welchen Hut wird sie aber nur zu ihrem moosgrünen Kleide aufsetzen? Sie führt zwar nicht mehr und nicht weniger als fünf Hüte mit sich, aber kein einziger will zu jenem Kleide passen … Allenfalls wenn sie von dem schwarzen Hut die blauen Blumen entfernte, und ihn statt dessen mit blaßrosa Blumen und einem moosgrünen Bande garnierte? … Und Mimi überdenkt diese Frage. Was aber wirklich gut, ganz ohne Frage tadellos ist, das ist ihr Reitkleid. In ihrem ganzen Leben hat sie noch keine Taille gehabt, die ihr so gut gesessen hätte. Zum Entzücken! Und doch, als ihr dieselbe von Tedeschi zugeschickt wurde, und die Rechnung Spiridon Iwanowitsch zufällig vor Augen kam, er über den hohen Betrag derselben brummte, wie hat sie, die Närrin, damals doch geweint! Was war da zu weinen, wenn die Taille doch so wundervoll sitzt. Aber mit wem wird sie denn überhaupt reiten? Waräschski wird ja dort sein. Er gefällt ihr sehr gut. Er ist so hoch und schlank. Er sagte damals: »Ich will doch mal sehn, wie Sie sich dort langweilen werden.« Vielleicht werden sie Nachbarn sein. Jedenfalls wird man einander begegnen und miteinander bekannt werden. Daß er Arzt ist, das macht ja weiter nichts. Dem Range nach ist er nicht weniger als Spiridon Iwanowitsch. Ja sie werden schon miteinander bekannt werden und zusammen spazieren reiten. Sicherlich sitzt er gut zu Pferde. Er …«

Und indem Mimi die Augen schließt, sieht sie Dr. Waräschskis Gesicht ganz deutlich vor sich. Allmählich beginnt dies Gesicht aus dem Sammet der Rücklehne des Diwans, aus dem Spiegelglas der Thür, aus den blauen Stores über den klirrenden Fensterscheiben, von der Decke herab, wo hinter dem kleinen lila Vorhang die Lampe flimmert, nach ihr zu blicken. Und sei es nun dem Einfluß dieses Gesichts, oder dem Vertrauen zu dem sie behandelnden Arzte, oder der eigenen Müdigkeit zuzuschreiben – jedenfalls schläft Mimi ein, fest ein ohne Anwendung von Chloral-Hydrat oder Valeriana, und sieht im Traume Dr. Waräschski.

Wawa bleibt am längsten munter. Sie hatte nicht die geringste Lust gehabt schlafen zu gehn. Sie stünde noch in diesem Augenblick gern am offenen Fenster, um die frische Nachtluft einzuatmen und zu sehn wie ein Baum hinter dem anderen an ihr vorüberzufliegen scheint, wie allmählich die Lichter auf der Erde sich entzünden und die Sterne am Himmel. Allein sie hat ihr Ehrenwort darauf gegeben, gehorsam zu sein, und daher hatte die Tante kaum ein Wörtchen davon fallen lassen, daß es Zeit sei schlafen zu gehn, als Wawa auch schon zu ihrem hochgelegenen Lager emporgeklommen war. Jetzt freilich thut es ihr leid, daß sie hier heraufgekrochen. Es ist ihr hier so schwül und langweilig, und dazu muß sie sich noch ganz mäuschenstill verhalten, um maman und Mimi nicht zu wecken.

Wawa freut sich nach dem Kaukasus zu fahren, und was die Hauptsache ist, darüber, daß sie allein reist. Denn ihrer Ansicht nach reist Wawa allein. Sie weiß ja schon, daß maman und Katja von der Sorge um Mimi und deren Bequemlichkeit derartig in Anspruch genommen sein werden, daß sie wahrlich nicht Zeit haben werden, sich viel um sie zu kümmern. Und sie wird frei sein. Für sie ist das aber gerade die Hauptsache: frei sein, den ganzen Tag im Freien. Welch ein Glück!

Sie wird dort durch Berg und Wald schweifen, und keine Französin oder Engländerin wird ihr ewig auf den Hacken sitzen, um ihr jedes Vergnügen zu vergiften. Dort wird's schön warm sein und schöne Natur sie umgeben: Berge. Laub, Sonne … Sie wird neue Gesichter sehn, neue Bekanntschaften machen. Vielleicht auch, daß ihr dort endlich vergönnt sein wird, jene guten und bedeutenden Menschen zu Gesichte zu bekommen und kennen zu lernen, nach deren Bekanntschaft sie sich so sehnt; Leute, wie Washington, Cromwell, Wilhelm Tell, Johanna d'Arc, die Mutter der Gracchen … Es ist doch nicht denkbar, daß es solche Menschen in Wirklichkeit nicht geben sollte. Wenn die Geschichte sie uns überliefert hat, so haben sie doch wirklich gelebt, und folglich muß es auch noch heutzutage dergleichen Menschen geben. Sie ist ihnen bisher nur nicht begegnet, doch das ist reiner Zufall. Sie wird ihnen schon noch einmal begegnen, weil sie sich so sehr, so sehr danach sehnt ihre Bekanntschaft zu machen, in ihrer Nähe zu leben, von ihnen zu lernen und sich zu ihrer Höhe zu erheben … Nimmermehr will sie es glauben, die ganze Welt sei nur von solchen Leuten bewohnt wie ihre Bekannten. O diese Bekannten! Wenn Habsucht, Neid und Eitelkeit sie nicht ab und zu ein wenig aneinanderhetzten, so würden sie wahrscheinlich überhaupt ganz einschlafen und einfrieren. Und ein solches Dasein, ein so leeres, zweckloses, gedankenloses und plattes Dasein führen die meisten Menschen aus ihrer Bekanntschaft, auch ihre Mutter, ihre Schwester, die Tanten … Weil sie, Wawa, nach etwas Anderem, Edlerem und Höherem Verlangen trägt, nennt man sie einen Sonderling, eine Phantastin. Sie kann ja sehr wohl verstehn, daß sie ihnen ganz unausstehlich erscheinen muß, aber kann sie denn etwas dafür? … Der Vater – nein, der ist nicht so wie die anderen alle. Das liebe, alte Papachen! wie kann man ihn überhaupt nur mit jenen vergleichen! Er ist so klug und gut, ach und wie gut gegen sie! Ohne ihn wäre sie gewiß schon längst von Hause fortgelaufen … Das liebe, liebe gute Papachen! … Und nichtsdestoweniger fürchtet er sich … ja wahrhaftig er fürchtet sich vor der Frau und den Schwägerinnen und giebt ihnen in allem nach. Und warum? Er stellt sich beinah als ein solcher wie sie, und wenn er einmal seine bessere Natur an den Tag legt, so geschieht es gleichsam in scherzender Weise, als machte er sich über sich selbst ein wenig lustig und entschuldigte sich vor ihnen. Ja, warum das? Welche Rücksichten hat er zu nehmen? Wovor sich zu fürchten? Warum handelt er nicht frei heraus nach seiner Überzeugung, und sucht auch sie zu sich hinüberzuziehn? Und wie viel schöner wäre es, wenn er fest und entschieden auftreten wollte … Aber so sind sie eben alle, alle …

… schämen sich der Liebe, meiden die Gedanken,
Und treiben schnöden Handel mit Entschlüssen …

Aber es ist doch nicht möglich, daß es nicht wirklich echte Menschen geben sollte? Irgendwo giebt es sicherlich energische, uneigennützige und großherzige Männer, sanfte, selbstaufopfernde, geduldige Frauen …

O gewiß, Wawa wird sie schon noch einmal kennen lernen, und sie werden sie dann unterweisen und ihr alle ihre Bedenken und Zweifel aufklären, denn Wawa hat sehr viele Bedenken und Zweifel. Sie war schon einmal drauf und dran gewesen an Leo Tolstoj zu schreiben, hatte sich aber denn doch zuletzt geniert. Und als sie später erfuhr, daß eine ihrer Bekannten in der That an Tolstoj geschrieben, da hatte ihr das sogar recht sehr mißfallen, und sie war sehr froh, daß sie ihren Entschluß nicht ausgeführt hatte. Das fehlte auch noch gerade, daß jedes kleine Käferlein sich zu so hohem Fluge verstiege! Nein, da muß schon jeder Mensch allein mit sich fertig werden, und der Bekanntschaft mit guten Menschen muß man sich erst würdig machen. Sie will sich alle Mühe geben, ja wirklich, redliche Mühe will sie sich geben.

Es will ihr höchst wahrscheinlich erscheinen, daß gerade an jenem Ort, welcher das Ziel ihrer Reise bildet, der Heimat der Berge und der Adler, wo eine so wundervolle Natur ihrer harrt, sie auch die meiste Aussicht habe, jene ausgezeichneten Leute zu finden. Dort wird alles gut sein, keine Geziertheit noch leere Phrasen. Weder wird die Mutter mit dem kalten, feindseligen Blick dort sein, noch der Bruder, der sie immer aufzieht und neckt, noch die Schwester, dies Bild aus dem Modejournal … Und hier, wie immer, wenn Wawa sich über dem Richten ihrer Nächsten ertappt, wird sie von aufrichtigem Entsetzen über die eigene Bosheit und Abscheulichkeit erfaßt, und faltet unverzüglich die Hände zu einem heißen Gebet, daß Gott ihr die Sünde vergeben wolle, die schreckliche Sünde des Richtens über ihre Nächsten und der Lieblosigkeit der Mutter gegenüber, und daß Er ihr helfen möge doch einigermaßen alles »dies« zu ertragen, und sie fürs Leben tüchtig mache – daß Er ihr beistehen und sie nicht verlassen und ihr Kraft und Gesundheit des Leibes und der Seele schenken wolle. Und mit dem Gebet aus den Lippen und im Herzen entschlummert die schwarzhaarige, schmächtige Wawa aus ihrem hohen Lager über der gleichmäßig leise schnarchenden maman und der blassen ätherischen Mimi.

*

Am dritten Tage ihrer Reise langten die Damen wohlbehalten in Rostow an, wo sie umsteigen mußten. Ungeachtet des Komforts, mit dem sie reisten, waren sie dennoch ermüdet. Wawa sowohl als Mimi, welche in Erwartung des bestellten Frühstücks am Tisch saßen, boten einen gar kläglichen Anblick, so daß es nicht schwer hielt, in ihnen Schelesnowodsker Patientinnen zu erkennen. Mimi war dermaßen erschöpft, daß sie nicht einmal imstande war ihr Riechsalz an die Nase zu führen. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt, saß sie da, während ihr Blick apathisch auf die bunten Etiketten, der vor ihr aufgestellten Flaschen geheftet war. Monitschka lag neben ihr, ließ die Zunge aus dem Maul hängen und jappte nach Luft. Wawa hatte auch ihrerseits es bereits aufgegeben in der Menge nach einem Washington und der Mutter der Gracchen zu suchen … Ihr schmerzte der Kopf, in ihren Schläfen hämmerte es, und ihre Augen waren kaum noch fähig einen Gegenstand zu erfassen … Dazu kam noch, daß sie anstatt Washington und der Mutter der Gracchen, in der sie umgebenden Menge auf der einen Seite eine Dame erblickte, die ihr von Merewskis Wartezimmer her bekannt war und beständig mit dem Kopfe wackelte, von der anderen aber einen am Veitstanz leidenden Knaben, der bald die Zunge ausstreckte, bald die seltsamsten Körperbewegungen machte. In der großen Masse des Publikums hörte man zudem überall schon von der Nähe der Mineralquellen, diesem Teiche Siloah, sprechen, zu welchem die Kranken von den entferntesten Enden Rußlands herbeiströmen … Bleiche, hysterische Damen, Tabetiker, Paralytiker, gelbgesichtige, mürrische Kranke aus Essentuki, Kranke jeder Art und jeden Aussehns aus Pjätigorsk – alles das bewegte sich und saß in dem vollgerauchten, staubigen Saal durcheinander, in Erwartung des Zuges sich erholend oder speisend.

Da wurde jemand aus einem Tragsessel hineingebracht. Mimi schloß die Augen. Gütiger Himmel, sollte man wirklich verurteilt sein, den ganzen Sommer über dergleichen Schreckbilder vor Augen zu haben! Dann doch lieber gleich sterben, als diese Reise noch weiter fortsetzen.

In demselben Augenblick aber schritt durch die buntscheckige Menge all dieser Lahmen, Krüppel und Blinden, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkend, ein elegant gekleideter Herr von etwa fünfunddreißig Jahren von der Stadtseite her in den Wartesaal. Ihm folgte ein riesiger schwarzer Neufundländer und ein Träger, der einen eleganten Koffer und einen Plaid in hübschem neuen Riemen trug. Der junge Mann trat an den Tisch, vor welchem Mimi und Wawa Platz genommen hatten, bezahlte mit nachlässiger Bewegung den Träger, bestellte in ebenso nachlässiger Weise beim herbeigeeilten Kellner eine Portion für sich und eine für seinen Hund, setzte sich an den Tisch und streifte, ohne sein Monocle fallen zu lassen, Wawa und Mimi mit einem flüchtigen Blick; hierauf sein Glas fallen lassend, betrachtete er Mimi noch einmal, diesmal schon viel aufmerksamer.

Sie hatte nicht im entferntesten erwartet hier in diesem schwülen und unsauberen Saal, inmitten solcher Krüppel einer so eleganten Erscheinung zu begegnen, und bedauerte im stillen nicht mehr Sorgfalt auf die Säuberung und Ordnung ihrer Toilette verwandt zu haben. Wawa erging sich ziemlich vernehmlich in aufrichtiger Begeisterung für den Hund, während Mimi sein bleiches Gesicht mit den wundervollen schwarzen Augen, so wie alle Einzelheiten seiner eleganten Toilette einer Musterung unterzog.

Maman, die davongeeilt war, um für Katja Sorge zu tragen, kehrte ganz atemlos vor Hitze und Erschöpfung zurück, und nahm neben ihnen Platz. Den Damen wurde das bestellte Frühstück gebracht. Mimi entschloß sich nur ungern ihren Schleier zu lüften: sie hatte das Gefühl, daß sie ganz entsetzlich aussehn müsse, allein hierin irrte sie sich, wovon sie auch sogleich durch einen Blick seiner schwarzen Augen überzeugt wurde, die mit Wohlgefallen auf ihr verweilten. Mimi wurde mit einmal so froh ums Herz wie seit lange nicht, und von diesem Augenblick an erschien ihr die ganze Reise in einem völlig neuen Licht. Sie ist ja freilich etwas angreifend, aber dafür auch wie anregend, wie reich an Abwechselung, so ganz anders als das monotone alltägliche Petersburger Leben.

Maman fing an zu plaudern und er erfuhr infolgedessen, daß sie Mimi hieß und nach dem Kaukasus reiste. Aber er? wohin reiste er wohl? Vielleicht auch ins Bad? … Er ist blaß und ein Etwas in seinem Blick, sowie ein gewisser Zug um den Mund scheinen von Erschöpfung wo nicht von Leiden zu sprechen … Und er ist mager, die Wangen sind sogar ein wenig eingefallen … Der Arme, er ist sicherlich auch krank, auch leidend … Und wie elegant, wie elegant! … Was für Augen! …

Nach einiger Zeit brachte man auch ihm das Bestellte, und er fing an zu essen, während Mimi verstohlen ihre Beobachtungen fortsetzte. Alles an ihm, die Art und Weise wie er saß, wie er die Gabel zum Munde führte, wie er sein Haar trug, sein Anzug, kurz alles an ihm verriet, daß er der guten Gesellschaft angehörte.

Wawa hatte sich unterdessen mit dem Hunde bereits so weit befreundet, daß sie dessen Kopf streichelte und eben drauf und dran war, ihm die Hälfte ihres gebratenen Huhns hinzugeben, als ein flehender Blick maman's bewirkte, daß sie sich von ihm abwandte, und ihre allergesetzteste und würdevollste Miene annahm. Nachdem der Neufundländer noch einige vergebliche Versuche gemacht hatte, ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehn, wandte er sich, gekrankt durch ihre plötzlich eingetretene Gleichgültigkeit von ihr ab, und ging auf Monitschka zu, um mit dieser eine Bekanntschaft anzuknüpfen. Als Monitschka aufwachte und ein solches Ungeheuer über sich erblickte, erschrak sie gewaltig, begann am ganzen Leibe zu zittern, und heftig zu knurren und zu bellen. Der Unbekannte rief den Hund zu sich zurück, und die Damen erfuhren auf diese Weise dessen Namen – Rex. Danach nahm das Frühstück seinen weiteren Fortgang, allein Mimi hatte das Gefühl, daß zwischen ihr und jenem jungen Manne bereits eine geheime Beziehung bestehe. Aller Wahrscheinlichkeit nach war dies Gefühl auf den Umstand zurückzuführen, daß sie an ein und demselben Tisch saßen, den ein gemeinsames Tischtuch bedeckte, und auf einen und denselben Brotteller und dieselbe Wasserkaraffe Anspruch hatten. Oder war er vielleicht darin zu suchen, daß sie beide so hübsch, so jung, so elegant, so ganz verschieden von all diesen sie umgebenden Krautjunkern und unordentlichen, saloppen Provinzlerinnen mit der Cigarette im Munde waren? Sie frühstückten, und währenddessen trafen sich ihre Blicke wiederholt, und schienen einander etwas zu sagen. An ihm fielen die großen schwarzen Augen auf; die ihrigen hatten etwas Madonnenhaftes.

Mimi wurde immer froher ums Herz. Diese Ermüdung in Verbindung mit dem leichten Kopfweh, dies Klingen der Gläser, Scharren der Füße und Schwatzen der bunten Menge war etwas so völlig Neues, der Anfang von irgend etwas … Und die Zeit bis zum Abgang des Zuges flog unmerklich dahin.

Sie setzten sich in das Damen-Coupé, während er in den anstoßenden Waggon stieg, so daß Mimi sich nur aus dem Fenster vorzubeugen brauchte, um seiner ansichtig zu werden, da er gleichfalls zu seinem Fenster hinaussah.

Und wieder jagt der Zug dahin über die grüne, mit bunten Frühlingsblumen übersäte Steppe. In dem Damen-Coupé befand sich außer unseren Damen auch noch eine Dame aus Moskau, mit welcher maman sogleich Bekanntschaft anknüpfte. Diese Dame, obgleich Moskauerin, war doch mit halb Petersburg bekannt, und es dauerte gar nicht lange, da hatte es sich herausgestellt, daß sie mit maman nicht nur gemeinsame Bekannte, sondern sogar Verwandte hatten. Auch hatte sie die kaukasischen Badeorte bereits öfter besucht und war imstande maman höchst wertvolle Winke in Bezug aus Hotels, Wohnungen, Wäscherinnen u. s. w. zu geben, während maman ihrerseits von Mimis Krankheit, von ihren Zufällen, ihrer Schlaflosigkeit … erzählte, so daß jene Dame beim Anblick der rosig erglühten Mimi, die mittlerweile in kindischer Lustigkeit mit Wawa schwatzte und lachte, nicht recht wußte, ob maman sie nicht etwa zum besten habe …

Bei jeder Station verließ »er« den Zug und promenierte vor ihrem Waggon, den Blick auf Mimi gewandt, welche den ihrigen beharrlich auf den Himmel oder das Stationsgebäude richtete. Und wie sehr trug doch dieser Umstand zur Kürzung des Weges bei! Jetzt trug er schon nicht mehr einen Hut, sondern eine runde Reisemütze, die ihm noch besser zu Gesichte stand. Wawa kam sehr bald hinter seine Manöver, und meinte: »Es scheint, daß dieser beau deinetwegen hier promeniert. Was für alberne Schuhe er an hat!«

Mimi nahm ihn in Schutz, indem sie meinte, daß die Schuhe wie andere Schuhe seien, und sie genau solche Schuhe an einem französischen Schauspieler bei Gelegenheit seiner Benefizvorstellung gesehen habe. Wahrscheinlich seien dieselben augenblicklich Mode …

Mit Anbruch des Abends nahm Wawa wieder ihren Lieblingsplatz am offenen Fenster ein, um der scheidenden Sonne nachzusehn … Und indem sie so dastand und die rosig-violetten Wolkengebilde betrachtete, die über die weite grüne Steppe hinziehend, in jedem Augenblick ihre Gestalt veränderten, fühlte Wawa wieder wie schon so oft ihr Herz überströmen von Liebe zu Gott und den Menschen. Sie hätte die ganze Welt umarmen, alle Menschen wie Brüder ans Herz schließen mögen, um Licht und Wärme über sie auszugießen, und wenn es hätte sein müssen, für sie auch Opfer zu bringen, Thaten zu thun – irgend ein gutes Werk … nicht bloß so ein begrenztes, das sich in den engen Schranken des Alltäglichen gehalten hätte wie dieser ausgefahrene Weg vor ihr mit seinem ein für allemal vorgezeichneten Geleise, sondern ein allumfassendes, unermeßliches, unbegrenztes wie diese Steppe, wie der Himmel, wie das Meer, die Freude, die Liebe …

Die schmale blasse Mondsichel zeichnete sich schon auf dem immer tiefer dunkelnden Himmel ab. Die Sonne war hinabgesunken. Mit ihrem Untergange hüllte sich die Steppe in Schatten, und nahm allmählich ein anderes Aussehn an. Das Geisterreich, das Reich der Phantasie, trat in sein Recht … In die Betrachtung des Mondes versunken, gedachte Wawa eines jüngst von ihr gelesenen Buches über Spiritismus. Ist das Wahrheit oder nicht? In welchem Zustande verharren die Seelen nach dem Tode? Wo halten sie sich auf? Warum und wie leben sie? Vermögen sie uns zu sehn? Fühlen sie mit uns? … Oder erscheinen unsere Leiden ihnen nur lächerlich? … Tod und Leben … Wieviel Geheimnisse, wieviel Rätsel in der Natur! Giebt es wohl irgend einen Menschen, der alles, alles weiß, oder der doch wenigstens viel weiß, so wie Goethes Faust? Und ist es gut so viel zu wissen, alles zu begreifen, alles zu sehn, die Schlüssel zu allen Geheimnissen in Händen zu halten, oder ist es besser, so zu sein wie sie, nichts zu wissen, und das Glück nur im Bewußtsein der eigenen Jugend, der Überfülle des liebevollen Herzens und der Schönheit dieser Steppe, dieser zarten Mondsichel zu empfinden? …

Drinnen im Waggon nahm indessen die Unterhaltung zwischen maman und der Dame ohne Unterbrechung ihren Fortgang. Sie konnten sich nicht erinnern, mit wem die Tochter der Werewkin aus erster Ehe verheiratet war, die vorher mit Meschtscherski verlobt gewesen war, dem Schwager von Katharina Iwanowna. Mimi konnte auch nicht darauf kommen … auch Wawa nicht … Darauf fing maman an, der Dame sämtliche Gegenstände aufzuzählen, welche sie mit sich führte. Maman lebte der Überzeugung, daß wenn man ins Ausland reiste, man ganz federleicht, ohne alles Gepäck reisen könne, da man ja überall im Auslande alles Nötige finden könne, in Rußland dagegen, in der Provinz, sei nirgend etwas zu haben, und daher müsse man sich mit großen Vorräten versehen auf den Weg machen. Mimi saß allein für sich am offenen Fenster und gab sich, indem sie gleichfalls wie traumverloren den Mond ansah, ihren Gedanken hin. »Was mochte er wohl sein? Wohin und weshalb reiste er? Sie hatte an seinem Finger einen Trauring bemerkt. Weshalb sah er sie immer so an? Gefiel sie ihm? … Was gefiel ihm wohl? Ihre Schönheit? Aber in letzter Zeit hat sie sich ja so verhäßlicht! Freilich sie ist heute doch immerhin ganz interessant. Sie hat ihr Bild im Spiegel gesehn, und sich selbst darüber gewundert. Ein Etwas in den Augen, im Teint – etwas ist da, was sie verschönt. Nun um so besser. Mag er doch vorüberpromenieren – sie wird ihm kein Hindernis in den Weg legen. Sie ignoriert ja doch seine Blicke – es sei denn, daß sie denselben nur ganz, ganz flüchtig wider Willen begegnet. Jedenfalls thut sie nichts Übles … Wohin mag er nur reisen? Und wer ist er überhaupt?« Und Mimi sah den Mond an, während die Funken wie ein goldener Regen an ihr vorüberflogen und der Wind mit ihren blonden Locken spielte. Maman wollte das Fenster schließen, aber Mimi meinte, es sei noch zu früh und im Waggon so schwül.

Es war bereits völlig dunkel und Wawa, maman und die Dame aus Moskau schliefen schon, als Mimi sich noch zum letztenmal aus dem Fenster lehnte. An dem Stationsgebäude war nichts Besonderes zu sehn. Ein kleines Holzhäuschen mit einem Glöckchen und einem Halbgeschoß, aus dessen erleuchtetem Fenster die Frau des Stationsvorstehers im rosa Kattunkleide ihren zerzausten Kopf hinter Geraniumun-Balsaminentöpfen vorstreckte. Die Laterne beleuchtete mit zitterndem Licht die dunkle Plattform, auf welcher die regungslosen Gestalten einiger Bauern standen, die mit stumpfem Gesichtsausdruck den Zug anstierten. Regungslos stand auch der Gendarm da. Der Kondukteur ging an dem Waggon vorüber. Jemand tauschte eine Begrüßung mit dem Stationsvorsteher. Und richtig, da war auch »er« wieder. Er ging noch einmal an Mimi vorüber, und zwar ganz dicht an ihrem Fenster, wobei er ihr mit einem so herausfordernden Ausdruck in die Augen sah, daß Mimi geradezu erschrak und sofort das Fenster schloß. Und weiter jagte der Zug. Mimi legte sich zum Schlafen nieder, aber sie war aufgeregt und unzufrieden mit sich, mit ihm, mit allen. Was hatte er sie nur so anzusehn? Das war ja doch geradezu impertinent … Wie durfte er es nur wagen, wofür hielt er sie denn eigentlich? … Wenn sie selbst auch nicht ganz frei von Schuld war, mein Gott, durfte man sich denn bei der Langeweile einer solchen Reise nicht einmal dies kleine Amüsement erlauben? In Petersburg natürlich hätte sie sich dergleichen niemals erlaubt … Wie er sie angesehn hat, nein, wie er sie angesehn hat! … Aber trotz alledem, was hat er doch für prachtvolle Augen! Ihres Wissens hat sie solche Augen noch nie vorher gesehn. Aber nun ist's auch genug – man wird ihn ja wohl noch vergessen können. Niemand wird je davon etwas erfahren und er kennt sie nicht. Morgen gehn ihre Wege auseinander und sie sehn sich vielleicht nie wieder … Es ist Zeit einzuschlafen. Und Mimi kehrte ihr Kissen um und bedeckte sich mit dem Plaid, aber der Diwan war unbequem, und überhaupt war es schwül und roch nach Kohlen und Ruß. Vergeblich führte Mimi ihr sel de vinaigre an die Nase und zählte die übliche Anzahl Baldriantropfen ab – sie schlief erst ein, als die Waggonfenster hinter den kleinen Stores sich im Morgengrauen hell abzuzeichnen begannen.

Endlich ist der weite Weg zurückgelegt. Wawa ist schon ganz in die Anschauung der Berge vertieft, welche die Dame aus Moskau ihr mit Namen bezeichnet: Beschtau, Raswalka, Schelesnaja.

Der Kondukteur fordert die Fahrkarten ab. Das Handgepäck wird im Plaidriemen zusammengeschnallt. Mimi gähnt; sie hat nicht ordentlich ausgeschlafen und ist verstimmt. Sie möchte am liebsten sterben. Der Zug hält vor dem Stationsgebäude der Mineralquellen, das förmlich begraben ist unter den weißen Akazien, die das Gärtchen erfüllen.

Gütiger Himmel, wie viel Passagiere hier aussteigen! Werden auch nur genug Equipagen vorhanden sein? Wie süß die weißen Akazien duften! Und dieser Himmel! Was für eine prachtvolle reine Luft! … Maman verabschiedet sich eilig von der Dame, welche ihre Reise noch weiter fortsetzt und beladet drei Träger mit dem Handgepäck. Wawa bemüht sich hilfreich zu sein, sie sucht Katja auf und giebt auf die Sachen acht. Mimi, die sich dicht verschleiert hat, begiebt sich ins Damenzimmer. Sie fühlt sich ganz unsäglich elend und möchte wie gesagt am liebsten sterben. Sie ist am ganzen Körper wie zerschlagen und den Thränen nah. Auch schämt sie sich etwas des gestrigen kleinen Abenteuers. Indessen à son âge, das sa position! … Und was die Hauptsache ist, wer kennt ihn, wer weiß überhaupt wer er ist? Sie hat ihn sich noch gar nicht so recht ansehn können. Die Dunkelheit und ihre eigene Einbildung haben sie wohl getäuscht. Möglicherweise hat er vor seinen Reisegefährten geprahlt … Freilich, Grund hat sie ihm dazu kaum gegeben … Ja, und schließlich ist ihr auch alles ganz einerlei! Und ohne sich auch nur mit einem Blick umzusehn, geht Mimi durch den Wartesaal, wo er gerade Thee trinkt. Aber obgleich sie sich gar nicht umsieht, entgeht es ihr doch nicht, daß er sich umgekleidet hat. Und wie blaß er ist! Nein, er ist wohl lange nicht so hübsch, wie er ihr gestern erschienen. Natürlich haben nur die Dunkelheit und ihre Einbildung sie gestern so täuschen können.

Eine Kalesche ist glücklich aufgefunden und hält vor der Thür; die Sachen sind untergebracht und die Damen nehmen nebst Katja im Wagen Platz. Nun mit Gott, fahr zu!

Und die Kalesche rollt über die grüne Steppe auf dem Feldwege sanft dahin, während hoch in der Lust die Lerchen trillern. Bald werden unsere Damen von anderen Equipagen überholt. Hier die Dame mit dem zitternden Kopf, dort der Knabe mit dem Veitstanz … und hier endlich, sie alle überholend, jagt noch eine Kalesche daher, in welcher er sitzt, l'homme au chien, wie Mimi ihn in Gedanken nennt. Nun hat er schon seit gestern die dritte Kopfbedeckung und zu seinen Füßen, in der Kalesche quer ausgestreckt, liegt sein prachtvoller Neufundländer. Sie fahren eine Weile hinter ihm her, dann biegen sie rechts ab. Wie? Sie werden also nicht zusammen an einem Ort sein, einander nicht mehr begegnen. So sollte in der That zwischen ihnen alles zu Ende sein? Wohin fuhr er denn noch weiter? Um keinen Preis würde Mimi sich danach erkundigen. Vielleicht daß maman ihr zu Hilfe kommt. Und richtig, da fragt maman auch schon den Kutscher: »Wohin führt jener Weg?«

»Nach Pjätigorsk.«

»Also fahren wir nicht über Pjätigorsk?«

»Ist Schelesnowodsk noch nicht zu sehn?« fragt Wawa.

»Da ist es!« und der Kutscher deutet mit der Peitsche auf eine weiß schimmernde Häusermasse, die an den Fuß eines grünen Berges geschmiegt daliegt.

Hierauf führt der Weg durch ein grünes Wäldchen von Ulmen und Eichen. Alle atmen mit Wonne die reine Morgenluft ein. Wawa hat den Kopf zurückgebogen und sucht in der Luft nach Lerchen … Maman empfindet darin mit Wawa gleich; auch sie liebt die Natur: Wälder, Bäume … Mimi kann das gar nicht begreifen. Sie liebt Bäume nur in Konzertgärten, und auch das nur, wenn sie sauber gehalten sind und sich in Kübeln befinden, so daß man sicher ist, daß nicht Raupen, Spinnen und anderes Ungeziefer auf einen herabfällt.

Endlich, nachdem man an dem Postgebäude vorübergefahren ist, hält die Kalesche vor der Auffahrt des Mistrowschen Hotels. Gott sei Dank, sie sind am Ziel! »Wie komisch dies Schelesnowodsk ist,« sagt Mimi, »es ist ja das reine Dorf!«

*

Drei Wochen waren vergangen. Mimi hatte sich nicht gelangweilt, sondern war nur immer schöner erblüht. Ein Tag verging wie der andere unter Beobachtung des kurgemäß festgesetzten Programmes. Um sieben Uhr standen Mimi und Wawa auf und waren schon um acht bei der Morgenmusik, wo sie ihren Brunnen tranken und bis zum Thee promenierten. Hierauf folgte das Bad, dann das Mittagessen, dann wieder der Brunnen und wieder eine Promenade und wieder Musik, und dann noch einmal der Brunnen, und noch einmal die Promenade und so fort bis zum Abend, bis sie müde vom Spazierengehn zu Bett gingen und wie die Toten schliefen, Dr. Waräschski, der zwei Tage vor ihnen in Schelesnowodsk eingetroffen war, kam ihnen mit der größten Liebenswürdigkeit entgegen. Er war es, der ihnen die Wohnung empfahl, einen Koch für sie ausfindig machte, ihnen einen Arzt für Wawa, einen Spezialisten für Nervenkrankheiten, nannte. Er empfahl auch Mimi das Reiten und erbot sich sie persönlich auf ihren Spazierritten zu begleiten.

Maman war dies alles um so erwünschter, als sie ja zu Waräschski ein felsenfestes Vertrauen hatte!

Und wie gewissenhaft Mimi ihrer Kur nachkam! Maman sah streng darauf, und wenn es einmal geschah, daß ihr Glas am Brunnen ein wenig über die Hälfte gefüllt wurde, so bestand sie darauf, daß es ausgegossen und aufs neue gefüllt werde … Wie durfte sie denn anders! Hat man sich einmal einer Kur unterzogen, so heißt es darin auch gewissenhaft sein. Mit dem Mineralwasser ist nicht zu spaßen …

Die gewissenhafte Kur bekam Mimi ausgezeichnet. Auf ihre Wangen kehrte die Röte wieder, die Augen leuchteten lebhafter und lustiger … Sie war nicht mehr so leicht ermüdet, schlief und aß besser.

Am zweiten Abend erschienen unsere Damen bei der Musik, wo sie durch die Eleganz ihrer Toiletten und ihr vornehmes Wesen Aufmerksamkeit erregten. Maman fand die Badegesellschaft ganz entsetzlich. Die Damen trugen alle eine Art sei es spießbürgerlichen, sei es kleinjunkerlichen Gepräges an sich, und mit den Herren war es wo möglich noch ärger bestellt. Petersburger waren hier nur sehr wenig vertreten, und von ihren Bekannten kein einziger. In den ersten Tagen wechselte maman auch höchstens mit Waräschski und mit noch einem alten Fräulein aus Petersburg einen Gruß, welches nun schon den dritten Sommer ihren Bruder hierhergebracht hatte, der an beiden Füßen gelähmt war. Dies alte Fräulein fühlte sich hier ganz wie zu Hause und wahrscheinlich auch allen anderen weit überlegen, da sie sich gegen jedermann sehr von der Höhe herab benahm. Sie kannte alle Ärzte sowie deren Frauen, ihre Romane, Skandal- und Klatschgeschichten. Und obgleich die Frauen der Ärzte in mamans Augen kaum über jenes spießbürgerliche Niveau hinausragten, so richtete sie dennoch, während sie die Erzählungen von m-elle Kassowitsch anhörte, ihre Lorgnette nicht ohne Interesse auf dieselben.

Wawa saß unterdes ganz gehorsam und ehrbar neben maman, spähte jedoch in der Menge nach einem Washington und Wilhelm Tell aus, und als dieselben sich nicht finden wollten, wandte sie ihr Interesse den spielenden Kindern zu, die in dem Rondel hin- und herliefen.

Mimi lächelte Dr. Waräschski zu, während ihr Blick »ihn«, l'homme au chien, suchte. Allein er war nicht da.

Erst zwei Wochen nach ihrer Ankunft, als Mimi ihn schon beinah vergessen und den Gedanken aufgegeben hatte, ihm wieder zu begegnen, erschien er zum Badekonzert, und zwar als Begleiter von Damen, die nichts weniger als zur guten Gesellschaft gehörten. Außer den schon genannten Spezies gab es unter der Damenwelt hier im Bade auch Schauspielerinnen. Beinah die ganze Truppe aus Kiew hatte sich hier eingefunden, und unter ihnen auch Fräulein Lenski, eine sehr hübsche Schauspielerin vom Vaudeville-Theater, mit ihrer Schwester, die nicht Schauspielerin, aber dafür eine ausgesprochene Schönheit war. Beide Schwestern waren stets geputzt und auffallend gekleidet, immer lustig und von einer Schar Herren umgeben. Jeder in Schelesnowodsk Neuangekommene schloß sich in den ersten Tagen seines Aufenthalts der Zahl ihrer Trabanten an. Hernach, wenn er sich in der Gesellschaft ein wenig umgesehn und akklimatisiert hatte, pflegte er sich wohl einen anderen Bekanntenkreis zu suchen, und jene dann kaum noch zu grüßen, indessen da jeder Tag immer wieder neue Erscheinungen brachte, so fehlte es ihnen nie an Kavalieren. Und so war denn auch »er« mit ihnen im Konzert erschienen. Am Arm führte er die ältere Lenski, nicht die Schauspielerin, welche heute noch ganz besonders vergnügt lächelte, indem sie ihre herrlichen weißen Zähne sehen ließ. Ihnen folgte die jüngere Lenski mit der Schauspielerin Morosow und einer ganzen Schar junger Leute. Allen voran schritt Rex, dessen Herr schon wieder in einem anderen Kostüm erschien. Heute war er in einem hellen Sommeranzuge und trug einen Hut mit weißem Schleier, aber mit demselben Gepräge des Stutzerhaften. Wawa rief den Hund laut am Namen, was dessen Herrn sich umsehn und die Damen wiedererkennen ließ. Aber er sah nur flüchtig nach ihnen hin, um gleich darauf seiner Begleiterin etwas zuzuflüstern. Hierauf ließ sich die ganze Gesellschaft in einem Halbkreise, gerade Mimi gegenüber nieder, was dieser sehr unangenehm war.

Wer war er denn, daß er an einer solchen Gesellschaft Gefallen finden konnte? … Zum erstenmal kam die Schwester der Lenski Mimi ganz unausstehlich vor. Sie ist hübsch, nun freilich, aber von einer so brutalen Schönheit … Und was für garstige Augen sie hat … so schwimmende, und dabei von braunen Ringen umgeben. Auch die Hände sind häßlich. Und dann, wie vulgaire und auffallend sie gekleidet ist! … Rex liegt zu ihren Füßen und sie streichelt ihm den Kopf mit der bloßen Hand und lacht und strahlt vor Vergnügen, weil »er« ihr offenbar irgend etwas Schmeichelhaftes und Angenehmes sagt.

Mimi empfand ihre augenblickliche Lage fast wie eine Kränkung. Sie saß allein und verlassen neben maman und m-elle Kassowitsch, die in ihre Konversation vertieft waren. Wawa war mit ihrer neuen Bekannten auf den Turnplatz gegangen, Waräschski war nicht da, ebenso wenig wie der Offizier von ihrer Division. Und so war sie denn genötigt, allein hier zu sitzen gegenüber diesem langweiligen Beschtau und der unfeinen Gesellschaft da.

An diesem Abend kehrte Mimi sehr verstimmt heim. Es fehlte nicht viel, so wäre sie in Thränen ausgebrochen. Wahrscheinlich hatte sie sich heute zu viel Bewegung gemacht, oder es war das vielleicht nur eine ganz natürliche Reaktion.

Am Morgen war die Verstimmung übrigens schon wieder verflogen. Ja, es kam ihr sogar lächerlich vor, daß sie sich die Gleichgültigkeit eines ihr wildfremden Menschen so sehr hatte zu Herzen nehmen können. Sie braucht niemand. Als wenn es ihr darum zu thun wäre, daß man ihr den Hof mache! Gütiger Himmel, ja wenn sie nur wollte … Die ganze Division thäte es nicht mehr wie gern, und nicht allein die Offiziere. War sie denn etwa nicht hübsch? Jedenfalls stand sie diesen Schauspielerinnen in ihren bunten Toiletten in diesem Punkt nicht nach.

Und was fragt sie überhaupt nach ihnen allen! Sie ist bloß hierher gekommen, um ihre Kur zu brauchen, und ist froh einmal allein zu sein, ohne Spiridon Iwanowitsch und Baby. Sie weiß, daß ihre Toiletten hier die gewähltesten sind, und überhaupt niemand hier sich mit ihr messen kann. Sie liest das ja deutlich in den Blicken der ihr begegnenden Männer und Frauen … Und das genügt ihr vollständig, mehr verlangt sie gar nicht.

Und so fuhr sie denn fort gewissenhaft ihren Brunnen zu trinken, beschäftigte sich mit ihrer Toilette und der Sorge für ihr Äußeres und bei gelegentlichen Begegnungen mit »ihm« (er war unterdes nach Schelesnowodsk übergesiedelt), sah sie über ihn hinweg wie über den ersten besten Laternenpfahl. Aber obgleich sie ihm nicht die geringste Beachtung schenkte, so wußte sie doch jedesmal ganz genau, wie er gekleidet gewesen, in wessen Begleitung und in welcher Stimmung er sich befunden, und wie er sie angesehn hatte.

Wawa schwamm unterdes in Seligkeit, denn sie streifte allein umher. Maman hatte zwar nicht gerade ihre Einwilligung dazu gegeben, aber sie sah ihr dabei durch die Finger. Wawa fürchtete sich weder vor Schlangen noch vor Taranteln; sie drang durch Steppengras und Nesseln in das tiefste Waldesdickicht und kehrte nach Hause mit zerrissenen Schuhen zurück, Gesicht und Hände ganz zerkratzt, mit Kletten und Grashalmen in den Haaren und Raupen und Zwecken auf den Kleidern und der Wäsche … Katja hatte auf maman's Befehl dann die Aufgabe sie umzukleiden und von all diesen Zeugen ihres nahen Umgangs mit der Natur zu befreien. Den Morgen verbrachte Wawa größtenteils aus dem Eisenberge. Daselbst befand sich ein wenig unterhalb des Gipfels eine kleine, von wilden Malwen und Nußsträuchern überwucherte Terrasse. Wawa legte sich ins Gras oder setzte sich auf ihren Stein und sah nach dem Beschtau hinüber, nach den in blauem Duft verschwimmenden Thälern und dem kleinen Schelesnowodsk, das tief unten an den Fuß des Berges geschmiegt dalag. Die sauberen kleinen Häuschen schimmerten so hell und freundlich, das goldene Kreuz auf der Kirche strahlte im Sonnenschein, man hörte deutlich unten die Hähne krähn und die Hunde bellen … Und etwas weiter nach links stiegen aus dem dichten Blätterdach der Bäume die Töne des Orchesters auf, welches den Walzer »Unwiederbringliche Zeit« spielte. Dort kribbelten und bewegten sich, einander begegnend und grüßend und gegenseitig musternd, die Kranken durcheinander, die Wawa nun schon alle so genau kannte. Wawa senkte den Blick zu Boden und es wollte ihr fast scheinen, daß sich dort zu ihren Füßen dasselbe Bild wiederholte. Auch hier Musik und lebhafteste Geschäftigkeit. Ein Heer von Grillen zirpte seine Walzer. Ameisen huschten geschäftig und unruhig hin und her, genau so wie die Ärzte … während die Marienkäferchen und alle anderen Käfer, die Raupen, Schmetterlinge und Bienen das Publikum darstellten … Wawa jedenfalls klang diese Musik viel lustiger als jene dort unten. Hier streckte sie sich ins Gras und fühlte sich so wohl, so unaussprechlich wohl. Die Sonnenstrahlen durchdrangen ihren blutarmen Körper mit wohltuender Wärme und ihr Herz war erfüllt von Frieden und Freude, die ihr zu Hause fremd gewesen waren. Hier fühlte sie sich unmittelbar in Gottes Nähe und empfand eine volle, durch nichts getrübte Seligkeit. So aus der Ferne gedachte sie auch der Mutter mit Liebe und in der Erinnerung erschien ihr deren Bild in dem allersympathischsten Licht … Thätig, verständig, sorgsam, obgleich streng … Und Wawa träumt, daß einst eine Zeit kommen werde, wo sie einander verstehen werden, und Wawa wird beweisen können, daß auch an ihr noch etwas Gutes dran ist … Der Bruder wird sich verheiraten und aus der Familie scheiden, und auch die Schwester wird heiraten … Sina sagt, sie werde nur einen Mann mit Rang und Titeln heiraten … Nun, was ist denn auch dabei, es kann sich ja am Ende auch ein solcher noch finden … Und Wawa bleibt dann mit dem Vater und der Mutter allein zu Hause … dann wird sie es natürlich viel leichter haben und alles wird gut sein. Derweilen aber geht es ihr hier ganz ausgezeichnet. Hier fühlt sie sich weder unglücklich noch verlassen. Freundlich wird sie von der Sonne durchwärmt, der Wald rauscht, die Bienen summen über der sich unter ihrer Blütenlast neigenden weißen Akazie … Schmetterlinge schweben in der Luft … Und Wawa fühlt sich so wohl, so wohl, daß sie im tiefsten Herzensgrunde überzeugt ist, daß bei Gott kein Wesen einsam, unglücklich und vergessen sein könne! … Und so im Grase hingestreckt liegend, sieht sie hinauf in den Himmel, wo gerade über ihr ein Adler sich leicht in die Luft erhebt, als trüge er auf seinen breiten Schwingen ihre Träume und Hoffnungen und ihren Glauben zu Gott empor.

Diese einsamen Streifzüge Wawas regten maman, obgleich sie darüber ein Auge zudrückte, doch in Wahrheit ganz ungeheuer aus. Um der Schlangen und tollen Hunde schon ganz zu geschweigen, wohinein konnte sie nicht geraten, wem nicht alles begegnen! … Im Gebirge trieben sich sowohl wandernde Musikanten als auch Bettelvolk umher … Daher war maman teilweise ganz zufrieden, als Wawa Bekanntschaften machte und Freundschaften anknüpfte. Und wenn diese Bekannten auch durchaus nicht zu denen gehörten, welche sie für sich selbst oder Mimi erwählt hätte, so war es doch immerhin gut, daß Wawa jetzt wenigstens nicht mehr allein war. Ganz zuerst war Wawa auf dem Turnplatz mit einigen Kindern bekannt geworden, danach mit deren Wärterinnen, Bonnen, Eltern und es waren keine drei Wochen vergangen, als schon die Bande der innigsten Freundschaft sie mit einem jungen Mädchen verknüpften, welches soeben erst das Institut verlassen hätte, mit deren Bruder, einem Fähnrich, einer Gouvernante, einem obskuren kleinen Doktor aus Moskau sowie dessen Frau, und einem Studenten, dem Erzieher des zehnjährigen Sohnes der Schauspielerin Morosow.

Sie bildeten ihren besonderen Kreis. Man ging miteinander spazieren, unternahm Ausflüge in die Berge und die Umgegend, lieh einander Bücher, unterhielt sich und disputierte … Wawa war ganz entzückt von ihren neuen Bekannten. Freilich waren es noch keine Washingtons, aber es waren doch prächtige, gute Menschen und so ganz anders als ihre Petersburger Bekannten. Sie machten sich über niemand lustig, bildeten sich selbst auf nichts etwas ein, waren streng gegen sich und nachsichtig anderen gegenüber, sie klatschten nicht und waren stets mit irgend einer Arbeit beschäftigt. Sie hatten sich nicht nur bereits mit allen den Gedanken getragen, die sie, Wawa beschäftigt hatten, sondern sie hatten noch ihre eigenen Ideen und Anschauungen, die für Wawa ganz neu waren und eine Flut neuer Gedanken in ihr anregten. Das alles freute sie so sehr. Nunmehr, was sie auch hören oder lesen mochte, sie hatte doch jemand, dem sie sich über die empfangenen Eindrücke mitteilen konnte.

Gewiß, es waren ganz herrliche Menschen und o, um wie viel besser als sie! … Insbesondere gefiel ihr die Gouvernante: so klug, so geduldig und stets sich gleich bleibend … Wawa war nicht ihren kleinen Finger wert!

Von den Ihrigen, von der Mutter, sprach Wawa niemals zu ihren neuen Bekannten. Sie hatte es für eine Niedrigkeit angesehn, sich ihnen gegenüber zu beklagen, oder sich durch die Schilderung erlittener Kränkungen und Kümmernisse in ihren Augen ein interessantes Air zu geben. Aber sie ersah doch nichtsdestoweniger aus manchem rein abstrakten Urteil und aus anderen gelegentlich angeführten Beispielen, daß von ihrem Gesichtspunkte aus, sie im Recht war, wenn ihr der ganze Zuschnitt ihres Hauses nicht gefiel und sie nach einem anderen Verlangen trug.

Und indem sie nun über die künftige Gestaltung ihres Lebens nachdachte, war es hauptsächlich eine Idee, die für Wawa einen besonderen Reiz hatte. In ihr erkannte sie ihren Beruf, fand sie eine Thätigkeit nach ihrem Herzen und ein Lebensziel, das zugleich erreichbar und anziehend war.

So dahinzuleben wie Sina, nein, dazu ist sie gar nicht imstande. Hätte sie ein hervorragendes Talent, so würde sie diesem Talente leben, aber sie hat durchaus gar keine Talente; und daher will sie Folgendes thun. Sobald sie fünfundzwanzig Jahre alt geworden ist, und jedermann nun doch wohl eingesehn haben wird, daß sie eine alte Jungfer bleibt, wird sie drum bitten, daß man ihr ihren Anteil am Vermögen auszahle. Und mit diesem Gelde wird sie dann ein Findelhaus eröffnen. Sie wird alle jene fremden Kinder aufnehmen, die sonst ausgesetzt, versteckt, verheimlicht und umgebracht werden … sie wird sie alle bei sich aufnehmen und auf diese Weise viele, viele Kinder haben, anfangs hundert, dann zweihundert und dann immer mehr und mehr … Und sie wird sie alle selbst baden und trocknen und ankleiden und schlafen legen und dann sie gehen lehren und sprechen, lesen, denken, lieben, verzeihen …

Wawa sah im Geist schon ihre Säle angefüllt mit Kinderbettchen, die alle in blendender Weiße leuchteten und in denselben Kinder, kleine, zarte, hilflose, süße Kinder. Sie schliefen ein und wachten wieder auf, sie lächelten und schrieen und weinten und nannten sie »Mama.« Und sie hatte sie alle, alle lieb … Einige waren gesund und hübsch und lustig und bildeten ihren Stolz; andere dagegen waren schwach und elend und verkrüppelt und bildeten den Gegenstand ihres Mitleids und ihrer zärtlichen Sorge … Und sie hatte sie alle, alle lieb … Danach wachsen sie auf und die Charaktere beginnen sich zu entwickeln … Sie helfen ihr bei der Erziehung der neuhinzugekommenen Kleinen. Sie arbeiten und lernen und entwickeln sich immer weiter … Und da sind sie denn, jene Gracchen und Wilhelm Tells, auf welche sie so sehnlich gewartet hat … Sie treten ins Leben, und sie, die mittlerweile schon alt und grau geworden ist, begleitet sie mit ihrem Segen und ihrem tröstenden Zuspruch.

Wenn sie doch nur erst fünfundzwanzig Jahre alt wäre! Immerhin – erreichen läßt sich dieses Alter schon. Mimi hat es ja doch bereits erreicht. Und unterdessen muß man lernen, sich vorbereiten, und was die Hauptsache ist, an sich arbeiten und das Gleichgewicht der Seele zu erreichen streben. Bei ihrer Charakteranlage ist das keine leichte Aufgabe, aber was ist es denn doch schließlich? Sie wird schon an sich arbeiten. Und dann – später wird sie in ihrer Aufgabe selbst die nötige Kraft finden; wird sie ja doch auch Gehilfinnen haben. Sie wird junge Mädchen bei sich aufnehmen, nur gute junge Mädchen, die ganz vermögenslos sind, und wird ihnen eine insoweit gesicherte Stellung geben, daß sie sich in ihrer Lage nicht gedrückt fühlen. Und dann wird sie auch alte Frauen bei sich aufnehmen, solche ganz alte, einfache Weiberchen, die genötigt sind ihre Zuflucht zu den Armenhäusern zu nehmen. Die können ja auch Wärterinnen sein. Sie braucht weder Gymnastik noch englische Bonnen, es wird alles auf dem allereinfachsten Fuß eingerichtet sein, ohne alle Raffinerien oder jegliche Faxen. Dafür aber … später …

Diese Phantasien übten einen so belebenden Einfluß auf Wawa, daß sie mit jedem Tage kräftiger wurde, der Mutter die herzlichsten und ehrerbietigsten Briefe schrieb und der Tante alles zu Gefallen that, so daß diese eine aufrichtige Zuneigung zu ihr faßte und häufig Mimi gegenüber äußerte: » Décidément, Julie est une femme de beaucoup d'esprit, mais elle manque de coeur.«

In der ersten Zeit hatte Dr. Waräschski Mimi ein wenig den Hof gemacht. Er war mit ihr spazieren gegangen, hatte bei der Musik neben ihr gesessen, war mit ihr ausgeritten und auch ein paar Mal bei ihnen zum Thee geblieben, aber bald war er der Sache überdrüssig geworden. Maman langweilte ihn mit ihrem Geschwätz und auch Mimi selbst war so wenig unterhaltend, so schwerfällig und wenig erfinderisch in der Konversation.

Mimi fühlte sich ihrerseits auch von Dr. Waräschski enttäuscht, der ihr anfangs schon sehr gefallen hatte. Sie war verwöhnt und verzärtelt und gewohnt, daß jedermann in erster Reihe auf ihr Wohl und ihr Vergnügen Rücksicht nahm, während Dr. Waräschski ein ganz »schrecklicher« Egoist war.

Aber noch mehr wurden maman und Mimi gegen Dr. Waräschski eingenommen, als sie erfuhren, derselbe liege völlig gefangen in den Schlingen seiner Patientin und Nachbarin, einer Frau von Tschereschneff.

Bald hatten sie Gelegenheit sich mit eigenen Augen von der Richtigkeit dieser Mitteilungen zu überzeugen. Waräschski promenierte mit der Tschereschneff, er ritt mit ihr, war häufig bei ihr zum Thee – mit einem Wort, sie waren unzertrennlich. Das alles ließ unsere Damen gegen Waräschski sehr viel kühler werden. Selbstverständlich hätte maman durchaus nicht gewünscht, daß ihre Tochter so kompromittiert würde, wie er die Tschereschneff kompromittierte. O, und er hätte es auch gar nicht gewagt. Mimi und die Tschereschneff – da war denn doch noch ein kleiner Unterschied. Mimi konnte wohl Verehrer haben, aber keinen Roman. Und sich von einem Arzt den Hof machen zu lassen, dem man zehn Rubel für die Visite zahlt, maman mußte sich über die Tschereschneff wohl sehr wundern! … Wenn Mimi nur erst wollte, so würde die ganze Division ihr den Hof machen … Und hatte doch Waräschski für einen ernsten, achtungswerten Mann gehalten … statt dessen sitzt er, der doch auch kein Jüngling mehr ist, den ganzen ausgeschlagenen Tag bei der Tschereschneff! à son âge!

Nein, was man doch nicht alles erlebt! … Und das leichtfertige Betragen Dr. Waräschskis übte eine insoweit erkältende Wirkung auf maman und Mimi aus, daß für diesmal definitiv beschlossen wurde, ihm nur hundert und nicht hundertundfünfzig Rubel zu zahlen.

Maman hegte fortan auch nicht mehr das felsenfeste Vertrauen zu ihm.

*

Kißlowodsk rüstete sich für die bevorstehende Saison. Die Preise in den Hotels wurden bereits in Erwartung des Andrangs von Kranken erhöht, welche die Nachkur brauchen mußten und denen es noch oblag, sich hier zum Zweck eines letzten Schliffs und der Erholung von der strengen Diät einzustellen. »In Kißlowodsk,« sagt Lermontoff, »finden alle Romane ihre Lösung, die sich am Fuße des Beschtau, des Maschuk und der Schelesnaja angesponnen haben.« Hier wird überhaupt das Facit gezogen; hier lösen sich die Intriguen, spielt sich das grandiose Finale der Badesaison ab.

Kißlowodsk also rüstete sich für die bevorstehende Saison, während in den anderen Gruppen sich mittlerweile alle jene Romane anspannen und entwickelten, die in Kißlowodsk ihre Lösung finden sollten.

Die Kranken, die sich nun schon erholt hatten, waren miteinander bekannt geworden und gaben sich mit vollen Zügen dem Vergnügen hin, nachdem sie sich einmal an das müßige und unruhige Badeleben gewöhnt hatten. Die Abende wurden immer dunkler, die Sterne leuchtender, die Gewitter häufiger.

Mimi langweilte sich nicht, sondern erblühte von Tag zu Tag nur immer schöner.

Sie hatte keinen Roman – o, Gott behüte! Schlug denn etwa ihr Herz so überaus ruhig oder gab es in ihrer Umgebung nichts, was der Leidenschaft wert gewesen wäre? Weder das eine noch das andere. Sie war einfach nur zu wohlerzogen für irgend eine Abweichung von dem Wege der Pflicht. Und obgleich rund um sie her und vor ihren Augen die Pärchen einander begegneten, zulächelten und den Hof machten, obgleich sie geradezu von einer Atmosphäre der Verliebtheit umgeben war, so blieb Mimi doch vollständig kalt und ruhig. Was gingen sie alle diese Spießbürger an? Was alle diese Käfer und Grillen, welche zu ihren Füßen im Grase hinkrochen und es sich im Sonnenschein wohl sein ließen? Sie lebten nach ihrer Art hin, wie es ihnen der Augenblick eingab, sie dagegen lebte, wie es sich gehörte nach Pflicht und Recht.

Und stolz im Bewußtsein ihrer Tadellosigkeit und Unnahbarkeit wandelte die junge hübsche Mimi leichten und graziösen Schrittes durch die Alleen, ohne das geringste Interesse weder für die beifälligen oder glühenden Blicke, die sie im Vorübergehn trafen oder ihr nachgesandt wurden, noch für die Begegnungen mit »ihm,« l'homme au chien (aber wie er sich noch verschönert hatte!).

O nein – Mimi war frei auch von dem leisesten Schatten eines Romans. Sie konnte mit maman so recht von Herzen über ihre Balkonnachbarin, eine junge Witwe aus Smolensk, lachen, die, ohne noch die Trauer um den verstorbenen Mann abgelegt zu haben, einer Bekannten gegenüber geäußert hatte: »Ich hätte nichts gegen einen Roman, nur dürfte die Initiative nicht von mir ausgehn.« Und als bald darauf ein jünger Linienoffizier bei ihr als stehender Gast auftrat, gab maman ihm den Spitznamen »der Offizier mit der Initiative.« O, und wie er ihnen zuwider wurde, dieser Offizier! Er spie um sich und hustete und rauchte eine Cigarette nach der anderen, und noch dazu von der abscheulichsten Sorte, während die Witwe schmachtend sang:

»Und die Nacht, und die Liebe, und der Mond …« Maman hatte ihre Unterhaltungen angehört; sie waren ja bloß durch ein Stück Leinwand voneinander getrennt.

»Haben Sie nicht irgend etwas zum Lesen?« sagte die Witwe, »es ist hier so langweilig! … Geben Sie mir irgend ein Buch, nur eine Bedingung, wenn ich bitten darf, von Liebe darf da nichts vorkommen. Giebt's überhaupt solche?«

»Wie sollte es nicht. Haben Sie Gleb Uspenski gelesen?«

»Gleb? Nein. Ist es hübsch?«

»Nun, sehn Sie sich's einmal an. Ich werde es Ihnen bringen.«

»Ach ja, bringen Sie es nur, bringen Sie es.«

Und so lasen sie denn gemeinsam Gleb Uspenski; danach lasen sie Schopenhauer. Und maman, die mit ihrer Arbeit auf dem Balkon saß, hörte gleichfalls Schopenhauer an und dachte still für sich lächelnd: »Lest nur, lest! man sieht: tout chemin mène à Rome

Müde vom Vorlesen legte der Offizier das Buch auf den Tisch und zündete sich eine Cigarette an.

»Wie wahr das ist, o, wie wahr das ist,« sagte die Witwe gedankenvoll nach dem Beschtau hinblickend. »Ich sehe das Leben genau so an wie Schopenhauer. Es giebt überhaupt nichts, das der kritischen Analyse stand hielte und nicht bei der ersten Berührung mit ihr wie ein Hauch zerflösse. Nein, es löhnt sich in der That nicht zu leben.«

»Nun ja, freilich ist es mit dem Leben eine ziemlich trostlose Geschichte. Aber warum sollte man nichtsdestoweniger nicht auch so ganz gern ein Weilchen dahinleben, ohne zu analysieren und sich viel mit Gedanken zu plagen?«

»Ach nein, weiß man es erst einmal, daß es nicht der Mühe wert ist zu leben, so kann man den Gedanken nicht wieder los werden.«

»Ja, aber warum sollte es sich nicht lohnen? Schopenhauer hat ja doch auch gelebt, bevor er das alles geschrieben hat.«

»Das heißt, wie hat er gelebt? Um zu erfahren, daß alles nur eitel Lüge, Wahn und Nichtigkeit ist, womit wir uns selbst betrügen. Und dahin gelangen wir zuletzt ja doch alle. Lohnt es sich da also der Mühe alle seine Kräfte einzusetzen, um zu einem Resultat zu gelangen, das uns, wenn auch nicht anders so doch auf dem Wege der Litteratur bereits bekannt ist?«

»Nun, Sie nehmen da einen etwas allzu hohen Standpunkt ein. Ich sehe die Dinge viel einfacher an.«

»Ach, was sollen wir so viel darüber reden. Lesen Sie lieber, lesen Sie nur.«

Natürlich war das alles höchst abgeschmackt und Mimi hätte es sich nie gestattet, sich in solcher Weise lächerlich zu machen wie diese Witwe. Fi! Sie fühlte sich so glücklich und zufrieden ohne Roman. Der Offizier von ihrer Division ritt mit ihr spazieren und stellte ihr seine Bekannten vor. Allen gefiel sie, alle hatten ihre Freude an ihr. Es wäre ihr ein Leichtes gewesen auch mit ihm, l'homme au chien, bekannt zu werden, aber sie selbst wollte es nicht. Das fehlte wohl auch noch gerade! Mimi nicht weniger als Wawa war vor allen Dingen froh in dem Bewußtsein ihrer Freiheit, der Abwesenheit jeder beengenden Schranke und Vormundschaft. Hier übte maman keinen lästigen Druck mehr auf sie aus, indem sie sie wie sonst auf allen Spaziergängen begleitete. Sie hätte es zwar nicht mehr wie gern gethan, allein die kaukasische Glutsonne verhinderte sie daran. Maman konnte die Hitze nicht ertragen. Morgens, wenn sie die Kinder ausgerüstet, und gleich der wachenden Vorsehung für den ihnen unentbehrlichen Komfort gesorgt hatte, schloß maman sofort nach ihrem Weggang die Fensterläden, ließ die Stores herab, und legte sich, nachdem sie solchergestalt für kühle Dämmerung gesorgt hatte, mit einem Buch aufs Bett. In Gedanken begleitete sie natürlich ihre armen Kranken, welche sich unterdes in der Sonne rösten lassen mußten. Mimis wegen war sie ja völlig ruhig, aber um Wawa war sie oft in nicht geringer Aufregung. Wawa war bei allem gleich so Feuer und Flamme, so stürmisch und leicht hingerissen (diese Feingebauten sind immer so leidenschaftliche Naturen –), und dazu noch in einer solchen Atmosphäre, unter dieser Sonne! … Und dabei war Wawa jetzt immer so fröhlich und liebenswürdig, sie hatte sich so verschönert und war mit allem zufrieden … Lag es nicht nahe hierfür einen tieferen Grund anzunehmen?

Maman war in großen Ängsten; und nicht selten in stiller Nacht schwebten die Gestalten des Kriegsschülers sowie des Studenten gleich ein paar Dämonen, die sie um Schlaf und Ruhe brachten, zu Häupten ihres Bettes. Nachdem sie alles wohl überlegt und sich ihre Rede zurechtgelegt hatte, war maman sogar mit einer Art Warnung an Wawa herangetreten. Auf diese Warnung hatte Wawa nur mit dem Blick, aber mit einem solchen Blick geantwortet, daß maman das Herz in die Schuhe gefallen war und sie beschlossen hatte, nie wieder auf diesen Gegenstand zurückzukommen. Zur Beruhigung ihres eigenen Gewissens und um sich der Verantwortlichkeit Julie gegenüber zu entledigen, rief sie das Kammermädchen Katja herbei und befahl ihr aufs strengste, dem Fräulein auf Schritt und Tritt zu folgen und ihr darüber Bericht zu erstatten, mit wem das Fräulein spazieren gehe, wohin es gehe, und ob es mit jemand unter vier Augen verkehre.

Und so begab sich denn Katja, nachdem sie Mimis Röcke überplättet und alles Nötige für den Abend besorgt hatte, hinaus in den Park mit der guten Absicht dem Fräulein auf Schritt und Tritt zu folgen. Aber da das Fräulein ein solches Quecksilber war, daß es sehr ermüdend gewesen wäre, in der Sonnenhitze hinter ihr herzulaufen, so setzte sich Katja vernünftigerweise in den Schatten eines breitästigen Baumes auf eine Bank, an welcher Wawa notwendigerweise vorüber mußte, wenn sie zu Mittag heimkehrte, und saß da und sah sich das vorübergehende Publikum an.

Gegenüber der Bank auf einer Erhöhung standen Händler mit ihren Glaskästen: Italiener mit Korallen und Mosaiken, und Orientalen mit kaukasischen Waren. Dort stand unter anderen auch ein kleiner Armenier mit listigen schmalen Äuglein und einer Riesennase, auf dem Kopf eine hohe schwarze Mütze. Und indem er so neben seinem Glaskasten dastand, in welchem kaukasische Türkisen und mit schwarzer Emaille gezierte Silbersachen: Gürtel, Dolche, Broschen, Nadeln mit der Aufschrift »Kaukasus« prangten, sah er so listig und vielsagend zu Katja hinüber, als wüßte er genau, wie sie ihre Generalin hinters Licht führte.

Drei Tage nach der Reihe setzte sich Katja auf diese Bank, während der Armenier, indem er vor seiner Ware auf- und niederging, glühende Blicke auf sie schoß. Katja zeichnete mit der Spitze ihres Sonnenschirmes in dem Sande und that als bemerkte sie nichts. Danach knüpfte er ein Gespräch mit ihr an. Sie ging gerade an ihm vorbei und sah über ihn hinweg den Beschtau an, als er ihr sagte: »Wie heiß es ist! Wozu jetzt spazieren gehn! Jetzt ist's nicht schön spazieren zu gehn. Am Abend ist's nicht heiß, am Abend ist's schön.« Katja that wieder als hörte sie nichts und stieg, kokett ihren Sonnenschirm schwenkend den Berg hinan. Dann fing er an sie zu grüßen, darauf sie die Grüße zu erwidern, anfangs mit ernster Miene, danach mit einem Lächeln. Endlich begann er sie einzuladen etwas von seinen Waren zu kaufen.

»Ihr seid mir zu teuer,« sagte Katja, »das ist nichts für unsere Tasche.«

»Aber so erkundige dich doch erst und dann rede … Wo verkaufen wir denn teuer! … So erkundige dich doch … Sieh dir doch die Sachen erst einmal an …«

Und Katja fing an die Sachen in seinem Glaskasten zu besehen und Verschiedenes auszuwählen. Nach einer Woche schon kannte sie jedes Stück in demselben auswendig; sie wußte wie er hieß, wie alt er war und besaß eingehende Kenntnisse über Tiflis und Kißlowodsk. Sie wußte, daß es abends im Park um vieles angenehmer war als am Tage, weil nicht mehr so heiß, und dabei dunkel, ganz dunkel! … Das alles wußte Katja und hatte sich trotzdem noch nicht entschlossen etwas aus dem Glaskasten zu wählen, sondern verschob es bis Kißlowodsk.

Wawa, die in maman's Seele einen so schwarzen Verdacht erregt hatte, saß unterdes mit ihrer Freundin, dem Institutsfräulein, ganz ruhig auf dem Turnplatz, und setzte ihr, da sie nicht länger damit an sich halten konnte, das Projekt ihres Kinderasyls auseinander. Das Institutsfräulein war mit dieser Idee vollkommen einverstanden, wollte aber nicht so recht an die Möglichkeit ihrer Verwirklichung glauben und schüttelte ungläubig lächelnd dazu den Kopf.

»Das ist alles ganz schön,« sagte sie, nachdem sie Wawa zu Ende gehört hatte, »aber es wird doch nichts draus werden. Sie werden sich verheiraten und Ihre eigenen Kinder pflegen. Und das wird ja auch viel besser sein.«

»Inwiefern?«

»Insofern als es ja viel natürlicher ist. Man kann fremde Kinder niemals so lieben wie seine eigenen.«

»Wie sollen sie denn aber fremde sein, wenn sie fast von dem Tage ihrer Geburt an mir gehören werden?«

»Es ist immer nicht das. Mein Gott, ich kann ja natürlich diese Vergleiche nicht von mir aus machen, ich wiederhole nur, was ich gehört habe. Es will mir selbst freilich auch so scheinen, als könnte man ein fremdes Kind nicht so wie sein eigenes lieben. Ich wenigstens könnte es nicht.«

»Nun aber ich kann es jedenfalls … Wie soll man sie denn auch nicht lieb haben? Sie jammern einen ja doch, diese armen, ohne ihre Schuld verstoßenen Kleinen.«

»Nein, nichtsdestoweniger bleibt es etwas Unnatürliches. Ich würde es verstehen, wenn Sie überhaupt unglücklich wären, wenn Sie in Ihrem persönlichen Glück eine Enttäuschung erfahren hätten, nun dann meinetwegen wäre das ja ganz schön; aber sich so etwas auszudenken, wo Sie noch so glücklich sein könnten! …«

»Ja, ich kann überhaupt nur auf diese Weise glücklich sein …«

*

Mimi saß währenddessen allein in der Archereilaube und las » la grande manière«, aber das Lesen wollte ihr nicht recht von statten gehn. Der Roman interessierte sie nicht, und sie war genötigt eine und dieselbe Seite mehrmals zu lesen. Außer ihr befanden sich noch zwei Geistliche und ein paar Wärterinnen mit Kindern in der Laube, und obgleich die Gespräche derselben herzlich uninteressant waren, so zogen sie doch Mimis Aufmerksamkeit ab. Nichtsdestoweniger hatte Mimi keine Lust fortzugehn und sich einen anderen Platz zu suchen, weil es hier immerhin doch noch am kühlsten und angenehmsten war.

Die beiden Geistlichen erhoben sich und beim Hinausgehn aus der Laube prallten sie auf ihn, l'homme au chien, der in Begleitung seines Neufundländers eben im Begriff stand einzutreten. Der junge Mann ging bis an die Balustrade heran und ließ, indem er sich auf dieselbe lehnte, den Blick in die Ferne schweifen. Mimi vertiefte sich noch eifriger in ihre Lektüre, während die Wärterinnen, nachdem sie den neuen Ankömmling genügend gemustert hatten, den Faden ihres Gesprächs verloren zu haben schienen, sich gleichfalls erhoben und die Laube verließen, die Kinder mit fortführend. Mimi blieb mit ihm, l'homme au chien, allein in der Laube zurück. Sie wandte die Seiten, ohne den Blick von dem Buch zu erheben. Er hatte sich ihr schräg gegenüber niedergelassen, eine Zeitung aus der Tasche gezogen und gleichfalls zu lesen angefangen. Beide standen unter dem Eindruck ihrer gegenseitigen Nähe und fühlten, daß es für beide Teile sehr viel angenehmer und vergnüglicher wäre, wenn sie anstatt jeder für sich zu lesen, eine Konversation anknüpften, allein er wagte es nicht und sie wollte es nicht. Selten nur erhob Mimi ihre blauen Augen, um sie in die blaue Ferne zu richten, während er verstohlen seinen Blick an ihr weidete, und sich nicht satt sehen konnte an ihrer anmutigen Haarfrisur, den kleinen Füßchen und ihrer ganzen jugendlichen eleganten Gestalt … Mimi fühlte seinen Blick auf sich ruhen und dachte nicht ohne Schadenfreude: »Aha, so sind also doch nicht allein die Schauspielerinnen hübsch!« Danach steckte er seine Zeitung in die Tasche, zog ein oxydiertes Porte-Cigarres heraus und bat Mimi um Erlaubnis rauchen zu dürfen. Mimi gab ihre Einwilligung durch eine Neigung des Kopfes zu verstehn, aber plötzlich wurde ihr unheimlich zu mute. Nun wird er sogleich eine Konversation anknüpfen und was soll sie ihm antworten? Wozu soll es überhaupt führen? Bisher war alles so schön und gut, so interessant gewesen, und nun soll plötzlich alles verpfuscht werden! Sie weiß, daß wenn er sie jetzt anredet wie die erste beste Kokotte, sie sich beleidigt fühlen wird. Sie – eine Generalin und anständige Frau! … Und dann – was soll sie überhaupt sagen? Sie liebt so gar nicht zu sprechen. Und das Buch schließend, erhob sich Mimi und verließ mit ihrem leichten, graziösen Schritt die Laube, während er ihr nachblickte und leise den Asra zu pfeifen begann. Weiter passierte nichts, aber Mimi war so froh, so froh ums Herz. Und obgleich sie die größte Lust verspürte zu ihm zurückzukehren, so ging sie doch nach Hause, ohne sich auch nur mit einem Blick nach ihm umzusehn.

Zu Mittag fanden sich alle vier in der allerbesten Laune zusammen. Man speiste einmütig und heiter, indem man über die mißratenen Speisen (insbesondere über den Hammelbraten, der allen schon so zuwider geworden war), seine spöttischen Bemerkungen machte, den gelungenen hinwiederum alle Ehre anthat und maman's Kochkunst hohes Lob angedeihen ließ, denn maman bereitete auf ihrer Petroleumküche nicht allein Beefsteaks und Kotelettes, sondern unternahm es auf derselben sogar Kuchen, Gelés, Kompotte u. dgl. herzustellen.

Katja säuberte Wawa von Raupen und Zwecken, Mimi stand vor dem Spiegel und wischte sich etwa vorhandene Spuren von Staub und Sonnenbrand aus dem Gesicht, während maman die Resultate ihrer Beobachtungen in betreff ihrer Nachbarn und Nachbarinnen zum besten gab. Diese Romane, die sich rings um sie her abspielten, interessierten maman aufs lebhafteste und konnten sie geradezu aufregen. Daß die Heldinnen derselben einfache Bürgersfrauen waren, kam hier nicht weiter in Betracht – maman drehte sich deshalb nicht weniger den Hals aus, um allen Phasen in der Entwickelung dieser Romane zu folgen … Katja, die die Speisen reichte, ergänzte in aller Bescheidenheit mamans Erzählungen durch ihre Bemerkungen.

»Jetzt ist mir ja alles klar,« sagte maman, die sich soeben verschluckt hatte, und nach Atem ringend, die Worte nur erst mühsam hervorbrachte, von dem kleinen obskuren Doktor in ihrer Straße sprechend: » Le mari sait tout … c'est clair comme le jour … Nein, was man doch nicht alles erlebt! …«

Nach dem Mittagessen machten Mimi und Wawa sich wieder aus dem Staube, während maman mit aller Muße nach Petersburger Weise Toilette machte, sich das Gesicht abrieb und frisch überpuderte, und nachdem sie sich ganz stattlich ausstaffiert hatte, in den Kursaal begab, wo sie erst die Zeitungen las, und sich darauf mit einem alten Geheimrat, der an der Leber und dem Magen litt, auf dem Balkon zu einer Partie Piket niedersetzte.

*

Gegen Ende Juli, in den letzten Tagen dieses Monats, wenn bei uns im Norden die Eberesche sich zu röten und reif zu werden beginnt, in Schelesnowodsk dagegen auf den Mulden der brünetten Fruchthändler Aprikosen und Pfirsiche zu ganzen Bergen aufgehäuft zu sehen sind, erschienen eines schönen Morgens zwei fremde Damen bei Mimi, um sie im Namen der übrigen Hausbesitzerinnen der Stadt Schelesnowodsk zu bitten, an einem Wohlthätigkeitsbazar zum Besten der Kinderbewahranstalt teilzunehmen. Mimi erklärte sich dazu bereit. Sie hatte schon in vielen Wohlthätigkeitsbazaren in Petersburg mitgewirkt, und es gehörte sogar mit zu ihren Lieblingszerstreuungen.

Und so stand denn Mimi an dem festgesetzten Tage in der allerzartesten Toilette couleur pêche hinter dem mit grünen Guirlanden und Fahnen festlich geschmückten Tisch und verkaufte Thee. Neben ihr verkauften die Baronesse Benkenstein in einem blauen, Frau von Tschereschneff in einem roten Kleide, und noch zwei andere Damen der haute-volèe von Schelesnowodsk, Backwerk, Früchte und Konfekt. Am anderen Ende der Terrasse standen die Tische mit den Allegri, wo die Schauspielerinnen verkauften. Die Lenskis waren noch geputzter als sonst und hatten sich zur Feier des Tages sogar geschminkt.

Maman und der Offizier von der Division Spiridon Iwanowitschs waren Mimi beim Eingießen und Überreichen des Thees behilflich. Dr. Waräschski half Frau von Tschereschneff und l'homme au chien der Baronin. Mimi sah voraus, daß eine Bekanntschaft mit ihm nunmehr ganz unvermeidlich war, aber unter den augenblicklichen Verhältnissen sah sie derselben ruhig entgegen. Die Baronin hatte schon früher in der Badeanstalt die Bekanntschaft mit ihr angeknüpft, so daß bei gelegentlichen Begegnungen sie einander bereits grüßten … Mimi fand Gefallen an der Baronin. Sie war ein wenig excentrisch, aber doch sehr nett. Dazu war sie bien née et bien apparentée, was bei maman sehr ins Gewicht fiel. Die Baronin war mit dem Baron hierhergekommen, welcher fünf Tage in Schelesnowodsk zugebracht hatte und dann weiter gefahren war, die Frau der Kur wegen zurücklassend. Und der Kur unterzog sie sich in der That, indem sie eine heitere und jugendliche Gesellschaft um sich versammelte, in welcher l'homme au chien nicht die letzte Rolle spielte. Auf diesem Bazar wurden auch maman und die Baronin miteinander bekannt, und da maman viel gesprächiger und mitteilender war als Mimi, so kam es zu gegenseitigen Einladungen. Währenddessen wurde Er, l'homme au chien Mimi vorgestellt.

Wie graziös und lieblich Mimi an jenem Abend war, wie hold sie lächelte, indem sie das empfangene Geld überzählte und den Rest herausgab! Es machte sich gleichsam ganz von selbst, daß »er« fortan ihr behilflich war, während der Offizier von ihrer Division zu der Baronin überging. Es plauderte sich mit ihm so leicht, so einfach, nicht wie mit Waräschski, bei dem man immer das Gefühl hatte, als moquiere er sich. Als Einleitung hatte Mimi gefragt: »Sind Sie zum erstenmal im Kaukasus?« (es war das eine ihrer gewohnten Phrasen). O nein, er ist schon den vierten Sommer hier und wie bei sich zu Hause. Vor vier Jahren kam er hierher traurig, matt und krank mit einer schweren Last auf der Seele und fand hier Ruhe und Heilung … Und seit der Zeit … In dieser Weise floß die Unterhaltung leicht und unbefangen hin. Mimi war mehr schweigsam und zeigte sich wenig erfinderisch hinsichtlich des Gesprächsgegenstandes, er aber konnte dagegen für zwei sprechen und zugleich fragen und antworten. Sie hörte nur zu, lächelte, nickte mit dem Kopf und schlug, indem sie seiner Rede folgte, ihre Madonnenaugen zu ihm auf, die ihm irgend etwas zu sagen schienen, das ihn immer noch heiterer und beredter werden ließ.

Unterdessen betrachtete maman ihn von der Seite durch ihre Lorgnette und zog Erkundigungen über ihn ein. Kannte die Baronin ihn etwa schon früher? O, selbstverständlich! sie kennt ihn seit lange schon, er – ist ein Freund ihres Mannes. Er ist Advokat in Kiew, reich, das heißt, er hat eine reiche Frau geheiratet, die Tochter eines Kiewschen Gutsbesitzers und Fabrikherrn. Seine Frau ist eine reizende Erscheinung, nur ein wenig menschenscheu und ernst. Sie ist sehr häuslich, weil sie sich ganz ihren Kindern widmet, aber sie gehören jedenfalls zur besten Gesellschaft. Augenblicklich befindet sich die Frau mit den Kindern auf dem Landgute, während er jeden Sommer hierherkommt, um den Brunnen zu trinken. Jedenfalls gehört er zur abständigen Gesellschaft … Und maman, nachdem sie das alles in Erfahrung gebracht und mit dem Kopf genickt hat, fordert auch Valerian Nikolajewitsch auf sie zu besuchen.

Der Bazar war zu Ende. Der Erlös übertraf alle Erwartungen, und die Damen der beau-monde hatten fünfzehn Rubel mehr aufzuweisen als die Damen der demi-monde, was besonders Frau von Tschereschneff mit Genugtuung erfüllte. Die Baronin war erschöpft und erklärte, daß sie sterbe. Mimi dagegen fühlte sich frisch und munter. Wie sie sich erholt hatte, nein wie sie sich doch schon erholt hatte! … Sie ging mit maman und Valerian Nikolajewitsch sogar noch zum Tanzabende. Natürlich tanzte sie nicht, sondern sah nur zu, wie getanzt wurde. Valerian Nikolajewitsch saß neben ihr, und witzelte über die Tanzenden. Maman war so angeregt, daß sie sich zu einer kleinen Extravaganz entschloß; mit ihrer Einwilligung befahl Valerian Nikolajewitsch den Damen Kachetiner und Champagner zu reichen und bestellte Schaschlyk.

Man setzte sich zum Souper nieder: »Vor mir der Kaukasus …« deklamierte Valerian Nikolajewitsch, indem er Mimi den Kachetiner eingoß; sie dagegen sagte lächelnd, indem sie mit der Gabel die einzelnen Stückchen gebratenen Hammelfleisches spießte: » Mais c'est excellent, le chachlyk!«

Valerian Nikolajewitsch begleitete sie nach Hause. Es war ein wundervoller Abend. Der Vollmond glitt am Himmel hin, die weißen Häuschen und schlummernden Gärten mit seinem milden Licht überströmend … Beim Abschiede wiederholte maman ihre Einladung.

Heimgekehrt lächelte Mimi noch lange Zeit still vor sich hin, während maman in wenig wohlwollender Weise des genossenen Schaschlyk gedachte und nach ihrem Fläschchen nux vomica suchte. Mimi begann mittlerweile ihre Stirnlöckchen aufzuwickeln und dachte an »ihn.« Sie rief sich sein Gesicht, seinen Blick ins Gedächtnis zurück. Wie muß er doch den Frauen gefallen und insbesondere seiner Frau! Wie mag die wohl aussehn? … Warum ist sie nicht bei ihm? Vielleicht ist sie unschön und garstig … vielleicht aber, wer weiß es? – eine Schönheit … Was hat er ihr doch nur gleich alles gesagt? Wie gut er zu sprechen versteht und so klug und ungezwungen … Sie wüßte keinen, der so gut zu sprechen verstünde wie er. Und wie wohl und unbefangen sie sich in seiner Gesellschaft fühlt. Was für ein guter Mensch er doch ist! Und wie alles so gut klappte, sie sind einander in so angemessener Form vorgestellt worden. Sie hat seine Bekanntschaft nicht gesucht, sie hat ihrer weiblichen Würde nichts vergeben … Es hat sich alles ganz von selbst so gemacht. Schade, daß sie einander schon damals auf der Reise Blicke zugeworfen haben. Viel besser, wenn das nicht geschehen wäre, indessen ist das ja nicht der Rede wert, und er hat offenbar alles längst vergessen … O, er ist ja ein so anständig denkender Mann, er würde sich nie irgend etwas erlauben; und natürlich, auch sie würde es ja nicht dazu kommen lassen.

Wie schön ist es doch, daß sie miteinander bekannt gemacht worden sind! Was für eine edle reine Freundschaft kann nun zwischen ihnen erstehen. Gerade er könnte ihr ein Freund sein, wie sie sich ihn immer gewünscht hat! … Ein so vollkommener Gentleman … Oder sollte er nicht ehrenhaft, kein Gentleman sein?! Noch einige solche Persönlichkeiten und sie hat ihren eigenen sympathischen Kreis um sich versammelt, in welchem sie sich heiter und wohl fühlen wird, und in welchem ihre Seele von dem Druck aufatmen und alle Bitterkeit vergessen wird, welche ihre ungleiche – (nun freilich ihre ungleiche) Ehe in ihrem Herzen zurücklassen müssen. Und natürlich wird dieser Kreis nur aus durchaus anständig denkenden Leuten der guten Gesellschaft bestehen. Sie ist keine Freundin der ausgelassenen Lustigkeit. Sie möchte nicht so leichtsinnig sein wie Netti, und so tapageuse! Gott behüte! Sie wird sicherlich niemals auf jenen gefahrvollen Weg geraten. Sie fühlt sich frei von dergleichen Regungen. Einen Freund hat sie bereits gefunden. Er ist verheiratet und sie gleichfalls, sie sind beide nicht mehr frei, folglich kann ihren freundschaftlichen Beziehungen nichts mehr im Wege stehn. Wie schön, daß sie miteinander bekannt geworden sind.

»Was er jetzt wohl thun mag?« dachte Mimi, indem sie ihre zwölfte und letzte Papillote vor dem Spiegel zusammendrehte. »Ob er wohl an mich denkt? Was mag er wohl denken? …«

Und nachdem sie sich entkleidet und das Licht ausgelöscht hatte, legte Mimi ihr niedliches, mit einer Reihe fester Papilloten umkränztes Köpfchen auf das Kissen nieder … Aber Gedanken sowohl wie Papilloten sich aneinander drängend, hinderten sie am Einschlafen … Was mochte er jetzt wohl thun, woran mochte er wohl denken? …

Valerian Nikolajewitsch dagegen, nachdem er ins Hotel zurückgekehrt war, setzte sich zu dem Fürsten Kakuschadse, dessen Bekanntschaft er tagsvorher gemacht hatte, und sagte, indem er sich Kachetiner einschenkte: »Nun, da hätte ich also die Bekanntschaft mit meiner Generalin angeknüpft. Durch Verstand leuchtet sie eben nicht, aber Augen hat sie – ein unergründliches Meer! Und dabei ein Händchen, ein Füßchen! …« und Valerian Nikolajewitsch schickte mit den Fingerspitzen durch die Lüfte einen Kuß an Mimis Adresse.

*

Am folgenden Tage ritten sie nach Karaß. Die Kavalkade bestand aus neun Personen; Mimi ritt neben ihm, und es fanden sich Augenblicke, in denen sie ganz allein miteinander waren. Er war noch gesprächiger als am Tage vorher. Wo mochte er es nur immer hernehmen? Und mit welcher Leichtigkeit er von einem Gegenstande zum anderen überging! So fragte Mimi ihn, ob er seinen Hund schon lange besäße, und unmittelbar von der Antwort darauf kam er auf die Liebe zu sprechen. Die Worte strömten ihm nur so vom Munde. Er sagte unter anderem, daß ein Leben ohne Liebe so öde sei wie eine wasserlose Wüste, daß das Weib nur in der Liebe lebe, und außerhalb derselben sich wie der Fisch auf dem Trocknen fühle – daß die Frauen durch die unsinnige Erziehung zu völlig unnatürlichen Geschöpfen gemacht würden, indem sie sich freiwillig Ketten und Fesseln anlegten, unter deren Last sie hinterher erliegen, und daß, wollte man heute den Frauen eröffnen, daß morgen das Ende der Welt oder ihr eigenes ihnen bevorstehe, daß das ganze Gebäude ihrer Vorurteile und konventionellen Begriffe zusammenstürzen werde – sie die Maske abwerfen und ihre wahren Gefühle und Wünsche offen an den Tag legen würden … Der Damm würde durchbrochen werden … Und dazu bald hier ein Vers aus Heine, bald dort einer aus Byron … dann wieder ein lateinisches Citat … ein Couplet aus einer Operette …

Die Liebe ist die weltbewegende Kraft … Die Liebe ist die Blüte des Lebens, sein Aroma, sein Duft. Sie ist die Krone, sie bildet den Schlußstein in dem Gebäude menschlichen Glücks … Wie schön sagt das Musset … Und Schiller, wenn er von der Liebe spricht …

Mimis Pferd schien die Ohren zu spitzen und Mimi selbst strich einige Haarlocken zurück, die sich unter dem Hut hervorgedrängt hatten, und war so strahlend schön wie die kaukasische Sonne.

Sie ritten nebeneinander auf einem schmalen Waldwege. Die grünen Zweige trafen sie ins Gesicht; er bog sie mit der Hand zurück, während sie ihr Köpfchen tief herabneigte. Vor sich vernahmen sie das Stampfen der Pferdehufe und Helles Lachen und Ausrufe der Baronin und ihrer Begleiter.

Ein unerwartetes Gewitter überraschte sie im Walde. Im allgemeinen fürchtete Mimi sich vor dem Gewitter, aber mit ihm war es ihr nicht furchterregend, sondern nur aufregend und lustig. Der Regen stürzte herab, und die ganze Kavalkade jagte in rasender Karriere dahin. Er hatte seinen Filzmantel bei sich, den er Mimi um die Schultern legte. Als man Karkaß erreicht hatte, drängten sich alle in eine Art Schuppen zusammen, um vor dem Regen Schutz zu finden. Das Gewitter dauerte fort. Die Blitze zuckten zwischen den Bergen und der Donner rollte über den Köpfen der durchnäßten Gesellschaft hin. Alle waren sie lustig und angeregt durch den scharfen Ritt; die Baronin insbesondere war ganz entzückt und fand ihren Pick-nick ungewöhnlich gelungen. Die Dienerschaft schaffte Tische und Bänke herbei und stellte den Samowar auf, die mitgebrachten Vorräte wurden ausgepackt, und Wein … Man setzte sich zum Thee. Die gleichfalls durchnäßte Gesellschaft des Dr. Bobanin flüchtete sich in denselben Schuppen. Die Baronin lud sie zum Thee ein; man vereinigte sich zu einer Gesellschaft und es wurde nur noch um so lustiger. Und Mimi, nachdem sie die Burka abgeworfen hatte, trank Cognac, den Valerian Nikolajewitsch ihr eingoß. Er war es auch, der ihr den Thee reichte und sie bediente und unterhielt, und sie fühlte sich so behaglich und wohl, daß sie darüber sogar beinah vergessen hätte, sich über ihre, im Regen ausgegangenen Locken zu grämen.

Nachdem das Gewitter sich verzogen hatte und der Mond am Himmel aufgetaucht war, verteilte sich die Gesellschaft in drei Boote und man fuhr auf dem See spazieren. Jemand aus der Gesellschaft stimmte ein Lied an, die Baronin ruderte. Und man kehrte erst spät, sehr spät nach Hause zurück. Mimi war müde, aber bedauerte doch keineswegs mit bei der Partie gewesen zu sein. Wie wundervoll war die Lust nach dem Gewitter gewesen! Was für eine himmlische Nacht! Welch herrlicher Mondschein.

*

Es begann nun eine Reihe lichter, sorgloser Tage. Wenn Mimi aufstand, so wußte sie, daß sie ihn sogleich sehen werde. Und in der That begegneten sie einander schon morgens bei der Musik. Waren sie aber erst einmal beieinander, so war ja in der Hauptsache schon alles gut, alles übrige war Nebensache. Es hatten sich zwischen ihnen die allerfreundschaftlichsten Beziehungen herausgebildet, in denen durchaus nichts Tadelnswertes zu finden war. Sie begegneten einander, promenierten, unterhielten sich, lachten über die Baronin und deren Bekannte. Er erzählte ihr, wie er die Zeit während ihrer Abwesenheit verbracht, wen er gesehen, woran er gedacht habe, worauf sie dann miteinander berieten, wie sie den Abend verbringen wollten, ob spazieren reiten oder das Konzert besuchen. Gab es sonst nichts zu besprechen, so redete er von der Liebe, indem er aus Fet, Musset, Byron deklamierte, ohne sich jedoch jemals die geringste Freiheit zu nehmen, und natürlich hätte sie das ja auch nicht gestattet.

Mimi wußte, welche Haarfrisur und welche von ihren Kleidern ihm am besten gefielen, und bemühte sich es ihm in dieser Hinsicht zu Gefallen zu machen. Sie liebkoste Rex, während Valerian Nikolajewitsch seinerseits sich Monitschkas geneigtes Wohlwollen zu erwerben verstanden hatte. Er gab Mimi ganz unschätzbare Anweisungen in betreff der Toilette. Er besaß einen seinen ästhetischen Geschmack was die Farbenzusammenstellung anlangte, und war ein Kenner von Spitzen. Überhaupt konnte Mimi noch sehr viel von ihm lernen.

Beide liebten sie leidenschaftlich die Musik und versäumten kein Konzert. Und wenn Mimi an seiner Seite Romanzen anhörte, so schien es ihr gar nicht mehr dieselbe Musik zu sein, die sie im Winter im Saale der Adelsversammlung neben Spiridon Iwanowitsch sitzend, gehört hatte. Entweder sang Koseloff besser als Figner, oder sie hatte sich jetzt dermaßen erholt, daß ihr alles in einem anderen Licht erschien. Das jedenfalls stand fest, daß dies eine ganz andere Musik war. Maman besuchte nur höchst selten ein Konzert; erstens scheute sie die Ausgabe (für ihre Person war maman ein bißchen geizig), und dann mußte doch auch jemand bei Wawa bleiben, welche früh zu Bett zu gehen liebte und den Kursaal nicht ausstehen konnte. Und so ging denn Mimi mit Valerian Nikolajewitsch ins Konzert. Wenn sie den Abend im Saal verbracht hatten, kehrten sie nach Hause zurück. Er führte sie am Arm und summte eine der soeben gehörten Melodien, während sie ihre Madonnenaugen zu den Sternen emporrichtete und dann auf ihm ruhen ließ, wobei ihre Blicke sich trafen und einander etwas Freundliches und Zärtliches sagten, was die Lippen nicht auszusprechen wagten, weil er sich ja eben nicht die geringste Freiheit herausnahm, und sie es auch niemals gestattet hätte.

Sie waren glücklich. Und alles was Mimi umgab, alles was sie hörte und sah: diese dunklen Berge, der grüne Wald, das Flimmern der Sterne und Leuchten des Mondes, das Pferdegetrappel, das Rauschen der Zweige und Surren der Menschenmenge, die Romanzen der Sänger und Sängerinnen sowie das Zirpen der Grillen – es war alles nur Dekoration und Accompagnement zu dem einen neuen, süßen Liede, welches die Stimme der Natur ihr sang.

Sich über die Vorgänge in ihrer Seele Rechenschaft zu geben, dazu hatte sie keine Zeit und sie verstand es übrigens auch nicht. Es war ja gar kein Grund da, um sich zu beunruhigen, es war ja gar nichts passiert. Sie fand ja nur bloß Vergnügen an der Bekanntschaft und dem Umgange mit einem so klugen und liebenswürdigen Menschen. Das war doch endlich jemand mit dem man sich nicht zu langweilen brauchte, und Mimi sagte zu Wawa: »Noch nie in meinem ganzen Leben bin ich einem so klugen und gebildeten Menschen begegnet! Wie gut er französisch, deutsch und englisch spricht! Welch ein Verstand, welch ein Gedächtnis! Den ganzen Tag könnte man sich mit ihm unterhalten, ohne zu merken wie die Zeit vergeht.« Wawa gefiel er nicht, aber was wußte denn auch so ein dummes kleines Ding davon. Dafür aber gefiel Valerian Nikolajewitsch maman, die ihm in freundlichster Weise entgegenkam und Mimi des öfteren sagte: »Wie ist's denn, kommt Valerian Nikolajewitsch heute nicht zu uns? So fordere ihn doch zu einer Tasse Thee auf.« Und Valerian Nikolajewitsch kam und blieb zum Thee und hörte geduldig maman Erzählungen an, und war von einer so ehrerbietigen Ritterlichkeit Mimi gegenüber, daß maman sich ordentlich einen Zwang anthun mußte, um ihn nicht vor lauter Entzücken zu umarmen. maman sah in ihm eine Schönheit und fand sogar, daß er noch besser aussehe als der Husar Anjutin, der sich hier im Bade in dieser Hinsicht eines bisher unbestrittenen Ruhmes erfreut hatte.

Und Katja sagte, während sie die Stiefelchen an Mimis winzigen Füßchen zuknöpfte und gewandt mit dem Knöpfer hantierte: »Was für ein guter Herr, wie er mir gefällt! Dascha, das Hotelmädchen, ist mit seinem Diener bekannt, und der sagt auch, daß es ein sehr guter Herr sei. Er hat sein eignes Haus in Kiew. Und solch ein guter Herr, sagt er …«

»O freilich,« dachte Mimi, »und was die Hauptsache ist, ein wie kluger.« Abends, wenn sie sich zu Bett legte, versuchte sie sich ins Gedächtnis zurückzurufen, was er ihr gesagt hatte. Das war keine leichte Sache, weil er so viel gesprochen hatte. Aber wessen sie sich sehr wohl erinnerte, das waren seine Blicke. Wie er sie doch angesehn hatte, damals als sie den Weg zur Schwefelquelle eingeschlagen hatten, und dann, als er den Asra angestimmt und sie ihn nach den Worten gefragt hatte. Diese Augen, o diese Augen! Es war nur gut, daß er eine so aufrichtige Achtung für sie hegte, denn angenommen er hegte nicht diese aufrichtige Achtung für sie, so müßte sie für sich selbst fürchten. Jetzt freilich war sie ja ganz ruhig. Sie kannte ihn nun schon gut genug, um überzeugt zu sein, daß er sich niemals auch nur das Geringste erlauben werde. Sie ist ja auch eine anständige Frau, nicht so wie Netti. Sie liebt ihn wie ihren Freund … Wäre sie frei – so würde sie ihn vielleicht noch anders lieben, und wenn sie ihn gekannt hätte, jedenfalls keinen anderen gewählt haben … Aber sie ist eben nicht frei! …

Und inmitten der sie umgebenden Finsternis öffnete Mimi die Augen, um sich ihren künftigen Roman auszumalen. Sie gefällt ihm, und allmählich fühlt er sich von ihr mehr und mehr angezogen, bis er sie zuletzt lieb gewinnt, so lieb, daß er ihr nach Petersburg folgt. Und er wird unter ihrer Härte leiden müssen, der Arme, Liebe! … Er wird leiden und leiden, bis er sich zuletzt erklärt. Und auch sie wird leiden, aber dennoch ihm sagen: »Auch ich liebe Sie, liebe Sie seit lange schon, aber die Pflicht und meine Schuldigkeit … Wir müssen uns trennen.« Und so trennen sie sich denn, die Armen! … O, wie sie darunter leiden werden! Aber was hilfts, wenns einmal nicht anders sein kann … Und Mimi seufzte und wandte ihr Kopfkissen um, und zog die in Unordnung geratenen Betttücher wieder glatt. Im Zimmer mit der nach dem Balkon zu geöffneten Thür war es schwül und heiß, während nebenan die unermüdliche Witwe sang:

»Und die Nacht, und die Liebe und der Mond …« und der Offizier mit der Initiative hustete und laut gähnte.

»Sie lassen dich nicht einmal ruhig schlafen, diese unausstehlichen Menschen! Ich werde sogleich die Thür schließen,« sagte maman, indem sie aufstand, und die Stimme bis zum Flüstern dämpfend, um Wawa nicht aus dem Schlaf zu wecken, fügte sie hinzu: »Stell dir doch vor, was ich heute gesehn habe: sie haben sich vor meinen Augen geküßt. So, pour tout de bon … Ich trete auf den Balkon hinaus, um den Staub aus meinem Rock zu schütteln und diese sitzen da und küssen sich! Schopenhauer vor ihnen aufgeschlagen auf dem Tisch, während sie sich küssen. Wie widerwärtig! …«

*

Ein Tag folgte dem anderen ohne große Veränderungen mit sich zu bringen. Mimis Kur ging ihrem Ende entgegen und maman hatte in ihrem Kalender bereits den Tag notiert, an welchem sie nach Kißlowodsk überzusiedeln gedachten.

Wawa brauchte ihre Kur, ging spazieren, las, unterhielt sich und stritt bis sie heiser wurde mit ihren neuen Freunden über die Unsterblichkeit der Seele, die Frage der Frauenemanzipation und über die Ideen und Anschauungen Leo Tolstojs.

Mimi, sorglos und heiter, ließ sich von Valerian Nikolajewitsch den Hof machen. Das Kammermädchen Katja, nicht weniger heiter, ließ sich von David Georgiewitsch den Hof machen, während maman mit dem gallsüchtigen alten Geheimrat Pikett spielte, oder sich nach fremder Leute Romanen den Hals ausdrehte. Und Wawa sowohl als Mimi erholten und verschönerten sich von Tag zu Tage, und maman, die dies mit Freude wahrnahm, sagte zu ihrem Partner: »Da sieht man doch, wie sehr man es bei uns liebt, das Ausland in den Himmel zu erheben und alles Einheimische herabzusetzen. Was hat man uns nicht alles über den Kaukasus gesagt, und wie haben sich doch die Meinigen hier erholt! Sie hätten nur meine Tochter im Frühling sehen sollen – ein Schatten. Wir fürchteten schon für Schwindsucht. Nein, in der That, ich stelle unsere Mineralquellen höher als die ausländischen.«

Der alte Herr, welcher mit seinen Knochenfingern die Karten ausgab, hatte hierfür nicht einmal ein Lächeln als Antwort. Er maßte sich kein Urteil über die Krankheiten der Damen an; es lag das ganz außerhalb der Sphäre seiner Kompetenz. Möglich, daß Damen hier Besserung fanden, was verstand er davon … Was aber seinesgleichen, die Männer, betraf, so konnte er wohl kühnlich sagen, daß sich hier nur die Gesunden besserten. Zum Beispiel die Ärzte, dies Diebsgesindel, das besserte hier seine Verhältnisse in ganz glänzender Weise … Diese Tölpel, die nicht einmal einen Darmkatarrh von Hämorrhoiden zu unterscheiden imstande sind. (Der alte Herr hatte es bereits mit dem fünften Arzt versucht, und gestand maman, daß er auch diesen nicht recht verdauen könne.) Sie schleppen sich hierher, machen den Hof, reiten spazieren wie die Verrückten, während die Kranken im Wind für wahr, allem Ungemach preisgegeben sind. Und wo hat die Regierung ihre Augen? … Dem Kommissaren vor der Nase werden die Sporteln genommen. Die reine Plünderung – Diebstahl – Unordnung! … Aber nur Geduld! … Falls der fünfte Arzt den Geheimrat nicht vorher schon ins Jenseits befördert, so wird er noch über sie einen Artikel schreiben mit der Aufschrift »Unsere Bäder und unsere Ärzte,« und sie sollen sich darin richtig gezeichnet finden, o, sie sollen schon ihr Spiegelbild erkennen. Nur Geduld! …

Maman lächelte hierzu, indem sie ihre Karten aufnahm, mit sanfter Nachsicht. Lohnte es sich wohl mit einem Menschen zu streiten, der sich mit seinem eigenen Magen und seiner Leber abplagen mußte! Wie sollte der wohl seinen Arzt verdauen können, der nicht einmal sein Mittagessen zu verdauen imstande war! … Und mit ihrem gütigsten Lächeln und einer Stimme, welcher maman die Weichheit des Mandelöls zu verleihen wußte, sagte sie ihm: »Aber wissen Sie, was ich Ihnen raten würde zu probieren. Es ist ein einfaches, aber erprobtes Mittel. Mein Schwager hat jahrelang an dem hartnäckigsten Katarrh gelitten und alles Mögliche gebraucht und Kurorte besucht, und wissen Sie, was ihm zuletzt geholfen hat? Ich will es Ihnen sagen. Sie nehmen eine kleine Prise, nur etwa eine Messerspitze …« u. s. w.

*

Es war ein sehr heißer Tag. Nachdem Mimi ihr Bad genommen hatte, stieg sie den Berg hinan und setzte sich auf eine Bank, auf welcher sie sich gewöhnlich nach dem Bade zu erholen pflegte. Trotzdem sie ein leichtes Battistkleid anhatte, so war sie doch halbtot von der Hitze, welche in der unbehaglichsten Weise auf ihre Nerven einwirkte, und dazu kam noch, daß sie mit sich selbst unzufrieden war. Sie hatten sich am Tage vorher gezankt und nun fühlte sie darüber Beschämung und Verdruß. Er war böse auf sie gewesen und hatte ihr gesagt, daß er nicht nach Kißlowodsk kommen, sondern direkt von Schelesnowodsk aufs Land fahren und einer Einladung der Baronin folgen werde. Er hatte sich darüber geärgert, daß Mimi gestern mit ihm allein nicht hatte reiten wollen und ihm gesagt hatte, sie fände es »nicht ganz passend.« Wie einfältig sie doch gewesen war, nein, wie einfältig! Ihr halbes Leben hätte sie jetzt mit Freuden hingegeben, wenn sie jenes Wort dafür zurücknehmen könnte. Wie konnte sie nur so unhöflich und zugleich so dumm sein! Sie hatte ihm damit gezeigt, daß sie sich vor ihm fürchtete. Und was hatte sie denn zu fürchten? War sie denn nicht etwa schon mit Waräschski allein geritten, und ritt sie nicht noch jetzt allein mit dem Offizier von ihrer Division, oder ritt die Baronin nicht zu zweien mit ihm, mit Valerian Nikolajewitsch? Und fand wohl jemand darin etwas Unpassendes? Durchaus nicht. »Nicht ganz passend!« … nein, wie einfältig! Und was soll er jetzt von ihr denken? Guter Gott, was soll sie nur thun, wie das wieder gut machen! Nun werden sie kalt und feindselig voneinander scheiden, und wenn er sich ihrer gelegentlich noch erinnert, so wird es nur wie einer thörichten Person sein.

Plötzlich war er da. Er näherte sich ihr mit ernstem, feierlichem Gesichtsausdruck und grüßte kalt, worauf er vom Wetter zu sprechen anfing, und nachdem er von ihr die Erlaubnis sich neben sie zu setzen erbeten hatte, am anderen Ende der Bank Platz nahm. O, welche eisige Kälte seine ganze elegante Gestalt jetzt ausströmte! Der Gipfel des Elbrus konnte nicht eisiger sein, und von seiner Nähe erstarrten Mimis Hände und Füße und sie war dem Weinen nahe.

Aber die Sonne brannte und die Luft war heiß und schwül. Die ganze Natur verschmachtete von der Glut. Der ausgedörrte, von der Hitze rissig gewordene Erdboden schien den Himmel um Regen anzuflehen. Die dicht belaubten Bäume standen traurig und träge da, ohne daß ein Blatt sich geregt hätte, und der ganze Felsabhang erschallte vom lauten Gezirp der Grillen.

Das Gespräch stockte. Mimi war in der größten Befangenheit. Sie fühlte, daß sie jetzt ihrer Würde als Generalin etwas vergeben habe, und quälte sich mit dem Gedanken, was sie nun zunächst sagen solle.

Valerian Nikolajewitsch weidete sich stillschweigend an ihrer Aufregung und Verwirrung. Mimi gefiel ihm nicht bloß ihres Äußeren wegen, sondern auch um ihres schweigsamen und wenig findigen Wesens willen. Wie gut sie zuzuhören verstand! In Valerian Nikolajewitschs Augen war das eine goldeswerte Eigenschaft, weil er es liebte allein zu sprechen. Wie sie ihm zuwider waren jene geschwätzigen Frauen mit ihren Ansprüchen auf Verstand und Witz, welche stets etwas gelesen haben, um hinterher darüber schwatzen zu können, einem in die Rede fallen, niemals etwas bis zu Ende hören, sich pedantisch an das von ihm Bemerkte klammern, sich hinterher noch jedes Wortes erinnern … Da ist Mimi doch anders! Sie birgt in sich einen Abgrund von Weiblichkeit, sie besitzt wirklich, was der Dichter das ewig Weibliche genannt hat. Sie ist nicht klug, nun freilich, aber gerade das steht ihr so nett. Und wozu braucht sie auch Verstand? Was hätte dieser reine klare Blick wohl dabei gewinnen können? … Sie besitzt Takt und Grazie, und obgleich sie nicht viel Verstand hat, so versteht sie sich doch ausgezeichnet zu benehmen und ist ebenso frei von allem degagierten Wesen wie jeder unnützen Blödigkeit. O, sie ist sehr, sehr nett, und seit lange schon hat ihm niemand so gefallen wie sie. Die Lösung des Knotens versparte er sich für Kißlowodsk, aber dem Spazierritt en tête-à-tête, welcher seinem Programm gemäß am gestrigen Abende hatte stattfinden sollen, legte er eine vorlaufende Bedeutung bei, indem er Mimis Scheu hatte überwinden und ihre Unruhe beschwichtigen sollen, da er sah, daß sie nichtsdestoweniger auf ihrer Hut war … Und nun war sie plötzlich nicht geritten! Man denke nur! Also so sind wir! … Nun schön! Jetzt muß sie dafür bestraft und gezwungen werden, daß sie selbst ihn darum bittet nach Kißlowodsk zu kommen.

Und so saß er denn neben ihr und blickte kalt und schwermütig vor sich nieder, während er die Spitzen der Grashalme mit seinem Spazierstöckchen abschlug. Die Unterhaltung stockte.

Die Schwester der Schauspielerin Lenski ging am Arm eines alten Herrn vorüber, welcher vor Entzücken schmolz, sich als Begleiter dieser Schönheit fühlen zu dürfen.

Mimi lenkte das Gespräch auf sie. Die Lenskis interessierten sie aufs höchste, weil sie in bezug auf Valerian Nikolajewitsch so lange Zeit für sie ein Gegenstand der Eifersucht gewesen waren. Sie hatte Valerian Nikolajewitsch auch schon oft nach ihnen gefragt, und er hatte sie nach seiner jeweiligen Laune entweder zum Himmel erhoben oder in den Staub hinabgezogen. Diesmal traf die Lenski einen für sie günstigen Augenblick. Valerian Nikolajewitsch fing an ihr Lob zu singen. Das war doch noch einmal ein Weib, das dieses hohen und heiligen Namens würdig war. Sie lebte und ließ auch andre leben. Gleich der Sonne verbreitete sie Licht und Wärme über alles, was rings um sie her atmete … Wenn sie einst alt wird und stirbt, so wird sie ohne Vorwurf auf dem Gewissen scheiden. Sie hat ihre Aufgabe auf Erden erfüllt. Sie hat gelebt und geliebt … Das ist keine tote Gliederpuppe, die bloß dazu da ist, um Pariser Toiletten an ihr zu probieren, sondern ein lebendes Wesen, in welchem die Nerven spielen und warmes Blut pulsiert, und das von Leben überschäumt … Es ist keine bloße Puppe, die sich von der öffentlichen Meinung wie an einem Fädchen regieren und alle Bewegungen vorschreiben läßt … Und nun ergossen sich donnernde Strafreden wider die Frauen aus der Gesellschaft, diese Egoistinnen, diese gefühllosen, leeren Koketten … O, und schön werden sie ja auch erzogen! Die Mütter prägen ihnen ihre alberne Moral mit demselben Eifer ein, wie sie ihre Teppiche und Shawls mit Kampher durchtränken, um dieselben vor Motten zu schützen. Und sie erreichen in der That auch ihren Zweck. Ihre Teppiche und Shawls bleiben unberührt von Motten, wie ihre wohlerzogenen Töchter von jeder leidenschaftlichen Regung. Aber es wird einem beklommen in ihrer Nähe. Man kommt an Atem zu kurz … Es ist langweilig mit ihnen … Ja, ja, ganz unerträglich langweilig! … Und ist es wohl zu verwundern, daß man von ihnen fort zu solchen Frauen wie die Lenski seine Zuflucht nimmt?

Mimi war dem Weinen nahe. Er langweilte sich mit ihr … Er hatte sich stets mit ihr gelangweilt … Sie ist nur eine Gliederpuppe um Pariser Toiletten daran zu probieren … Er wird von ihr fort zu der Lenski übergehn! Schämte er sich denn gar nicht so was überhaupt nur auszusprechen! … Doch er fuhr fort auf die Frauen der Gesellschaft zu schelten, indem die Citate und Verse sich nur so von seinen Lippen ergossen. Die Liebe ist die weltbewegende Kraft. Es giebt Frauen, die der leidenschaftlichen Liebe nicht würdig sind, nicht würdig der hohen, heiligen Augenblicke … Ein Weib, das nicht zu lieben verstanden hat, ist eine Jungfrau ohne Öl … Selbst Christus spricht zu ihr: »Weiche von mir, ich kenne dich nicht …« Wachet, ja wachet! … Das Alter, das schreckliche erbarmungslose Alter mit seinen grauen Haaren und seinen Runzeln wird kommen und euch mit kalter Hand ans Herz fassen, und das Herz wird erschaudern und verschmachten nach Leben und es wird dann zu spät, zu spät sein! … Und dabei hier ein Vers aus Musset und dort einer aus Fet …

Valerian Nikolajewitsch ließ sich von seinem Redestrom immer mehr und mehr fortreißen. Bald hob sich seine Stimme, bald sank sie bis zum Flüstern herab … Er sah sich nicht nach Mimi um, er wandte sich auch nicht an sie, sondern sah gerade vor sich nieder, als wendete er sich an die Herrn Geschworenen. Und Mimi schien es in der That, daß die Grillen und die dunklen Baumstämme, welche hier die Rolle der Geschworenen vertraten, wie mit einer Stimme erklärten: »Sie ist schuldig, schuldig und verdient keine Nachsicht!«

Mimi wußte, daß sie schuldig war, aber sie wußte absolut nicht, wie sie die Sache wieder gut machen, und wie sie es anfangen sollte, daß er nicht mehr böse wäre und nach Kißlowodsk käme. Sie sah nach ihm hin. Wie hübsch er aussah! Er hatte den Hut abgenommen und sie sah seine weiße Stirn, sein welliges Haar, seine leuchtenden Augen … Und sie fühlte, wie es sie zu ihm hinzog … Und sie fürchtete ihn noch mehr zu erzürnen … Was sollte sie sagen, o großer Gott, was sollte sie jetzt nur sagen! …

Und sie neigte den Kopf immer tiefer und tiefer und zeichnete mit der Spitze ihres Sonnenschirmes im Sande, während er alle jene schrecklichen Dinge vorbrachte.

Ungeschlachte Armenierinnen in ihren Musselinschleiern gingen vorüber und glotzten die arme Mimi aus ihren runden schwarzen Augen an. Vorübergehende Männer lächelten verschmitzt, indem sie sich pfeifend nach ihr umsahen … Valerian Nikolajewitsch aber fuhr unbeirrt fort im Tone eines begeisterten Propheten zu dräuen.

»Die Frauen können und wollen nicht verständig werden. Wenn die Sonne ihnen einmal scheint, wenn der Himmel ihnen lacht, so schließen sie sich dagegen ab, indem sie die Stores vor den Fenstern herablassen … Für sie ist alles nur Spiel, Zeitvertreib und Scherz … Keine ist imstande sich zu einem ernsten Gefühl zu erheben … Koketten sind es, die nicht wert sind, daß ein Mensch von Gefühl und Herz seine Zeit und sein Herz an ihnen vergeude … Sehr treffend sagt Heine … Und welch bittre Wahrheit spricht doch Byron aus … während Montesquieu, der große Gesetzeskundige …« Mimi konnte definitiv nichts mehr verstehn. Eigennamen übten stets einen verwirrenden Eindruck auf sie. Ihr zitterten schon die Lippen vor der unwiderstehlichen Neigung in Thränen auszubrechen. Und weshalb schreit er überhaupt so auf sie ein, hier, wo alle vorübergehn und sie ihm nichts erwidern kann, aus Furcht sogleich in Thränen auszubrechen?

Einen Augenblick benutzend, in welchem er gerade schwieg, erhob sich Mimi und sagte: »Ich glaube, daß es für mich Zeit ist nach Hause zu gehen.« Er grüßte sie mit kalter Höflichkeit. »Und Sie begleiten mich nicht?« – »Wenn Sie es befehlen.« Und sie stiegen den Berg hinauf. Er spielte mit seinem Spazierstöckchen, Mimi blickte zu Boden, wahrend Rex mit dem Schwanze wedelnd träge hinter ihnen herschritt und sich darüber wunderte, daß sie ihres abgeschmackten Geredes selbst nicht schon überdrüssig geworden waren.

»Wann werden Sie nach Kißlowodsk fahren?« fragte Valerian Nikolajewitsch. »Morgen. Und Sie?« Mimi sah ihn mit dem allerzärtlichsten, allerflehendsten Blick an. »Ich werde überhaupt nicht nach Kißlowodsk kommen.«

Beide schwiegen eine Weile.

»Es zieht Sie also so sehr nach Hause?« begann Mimi aufs neue.

»Ich fahre nicht nach Hause. Ich habe, glaube ich, Ihnen bereits bemerkt, daß die Baronin mich auf ihr Gut eingeladen hat … Der Baron – ist mein Schulkamerad und ich freue mich ihn wiederzusehn! Und sie ist ja auch eine so nette Frau …«

Und wieder gingen sie schweigend nebeneinander. Mimi rang innerlich mit sich, nicht wissend, ob sie ihn bitten solle nach Kißlowodsk zu kommen oder nicht. Wenn er sie nun aber fragt, warum sie ihn darum bittet, und wie wird er es überhaupt aufnehmen? Wenn sie ihn aber nicht darum bittet, so wird er auch nicht kommen. Nein, sie wird ihn wohl bitten. Und noch ehe sie sich wirklich fest entschieden hatte, sprach sie schon: »Sagen Sie mir irgend welche Verse.« – »Ihnen Verse sagen? o, bitte sehr gern.« Er riß eine Blume ab, die am Wege blühte, und fing an zu deklamieren:

» Elle était belle si la nuit
Qui dort dans la sombre chapelle
… u. s. w.«

Als er mit der letzten Strophe höchst effektvoll geschlossen hatte, standen sie bereits vor der Thür des Hauses, wo maman mit dem Mittagessen auf Mimi wartete, und sie hatte ihn immer noch nicht gebeten nach Kißlowodsk zu kommen. Sie bemerkte, daß es noch früh zu sein scheine, Wawa aller Wahrscheinlichkeit nach nicht heimgekehrt sei und sie noch ein wenig umhergehen könnten. Valerian Nikolajewitsch bot ihr den Arm an und sie gingen weiter, kehrten dann um und gingen an dem Hause vorüber in entgegengesetzter Richtung. Allmählich wurde Mimi gesprächiger, und als sie zum drittenmal vor dem Hause stehen blieben, wo maman die Suppe zum zweitenmale auf der Petroleumküche wärmte, da war alles Nötige endlich gesagt. Er hatte ihr versprochen für einen Monat (d. h. für die ganze Zeit ihres Aufenthalts) nach Kißlowodsk zu kommen, während sie ihrerseits ihm zusagte, gleich am ersten Abend mit ihm spazieren zu reiten. Was konnte ihm nur so viel daran gelegen sein? Nun, gleichviel! Gottlob, daß sie sich nun wieder versöhnt hatten.

*

Wawa sowohl als Mimi hatten die Zeit in Schelesnowodsk so angenehm verbracht und es so liebgewonnen, daß sie bei ihrer Übersiedelung nach Kißlowodsk sich für nichts recht erwärmen wollten und bei der Behauptung beharrten, Schelesnowodsk sei bei weitem schöner. Wawa meinte Schelesnowodsk mache einen warmen, dunkelgrünen Eindruck, Kißlowodsk dagegen einen kalten, hellblauen. Mimi ihrerseits erklärte, daß ihr Spiegel alles schief zeige und ihr Bett hier bei weitem schlechter sei als dasjenige in Schelesnowodsk. Dazu kam noch, daß sie hier viele Petersburger Bekannte vorfanden. Die werden sie nun mit ihren Klatschgeschichten zu Tode langweilen und – fahre hin goldene Schelesnowodsker Freiheit! …

Bald übrigens waren sowohl Mimi als Wawa über diesen Punkt vollständig beruhigt. Es erwies sich, daß ein jeder hier nur mit sich und seinen eigenen Zerstreuungen beschäftigt war. Mimi sowohl als Wawa atmeten wieder frei auf. Der ganze Kreis der letzteren war hier bereits versammelt mit Ausnahme des Studenten, der mit Morosows schon nach der Krim gereist war. Wawa wurde mit Freude begrüßt, und gleich am Tage ihrer Ankunft unternahm die Gesellschaft einen Ausflug zur Besteigung des Kreuzberges, von dessen Aussicht Wawa so entzückt war, daß sie nach zwei Tagen schon erklärte, Kißlowodsk sei doch noch schöner als Schelesnowodsk. Und in der That war es hier schöner. Hier gab es weißschimmernde Birken, rauschende Gebirgsströme und was war nicht schon allein diese wundervolle reine Luft wert, die zugleich berauschend und anregend wirkte!

Maman ging mit Vergnügen auf das Anerbieten der Fürstin X. ein, beim Whist die Stelle eines vierten Partners zu vertreten, der soeben nach der Krim abgereist war. Das Whist war eine von maman's Leidenschaften, und um wie viel interessanter war dies als die Partie Pikett mit dem gallsüchtigen, verbitterten Geheimrat.

Am vierten Tage nach ihrer Ankunft zog Mimi ein weißes Kleid an, setzte einen roten Hut auf und ging mit Wawa in den Park. Beide tranken sie noch Kumyß und begaben sich daher in die Kumyßanstalt. Indem sie durch die Galerie der Narsanquelle schritten, stießen sie auf Valerian Nikolajewitsch – und in welchem Aufzuge! Im Beschmet Tatarischer Halbrock., in der Tscherkeßka und hohen Fellmütze und mit den obligaten Dolchen. Und was für einen Dschiggit Kaukasischer Ritter er abgab! Hoch, schlank und mit schwarzen Augenbrauen. Das war mal eine Überraschung für Mimi! Rex schritt majestätisch hinter seinem Herrn her.

»Ist das nicht geradezu lächerlich?« fragte Valerian Nikolajewitsch die Damen, nachdem er sich mit ihnen begrüßt hatte. »Ich führe dies Kostüm stets bei mir, aber im Anfang der Saison, in Schelesnowodsk finde ich nicht den Mut es anzulegen, aber hier wage ich es schon eher mich in dies einheimische Gewand zu hüllen, um so mehr als ich hier kaum vom Pferde steige. Die Umgegend ist so schön! Sie sind noch nirgend wohin geritten?«

»Noch nirgend. Mit wem sollte ich auch reiten?«

»Wie froh ich bin! Die Umgegend ist so schön, und ich wünschte so sehr Ihnen persönlich alle meine Lieblingspunkte zeigen zu können. So reiten wir denn also heute?«

»Schön, reiten wir! Haben Sie schon der Pferde wegen gesprochen?«

»Das versteht sich. Unsere Pferde sind hier, so daß wir gar nicht in den Fall kommen, uns nach anderen umzusehn. Osman ist gestern Abend herübergekommen.«

Nachdem sie ihren Kumyß getrunken hatten, geleiteten Mimi und Wawa Valerian Nikolajewitsch zu maman, damit er auch sie begrüße. Maman, die gerade im Freien Karten spielte, war höchst erfreut ihn zu sehn und stellte ihn der Fürstin vor, welche ihn, nachdem er sich von ihrem Tische wieder entfernt hatte, durch ihre Lorgnette betrachtete und gleichfalls hübscher als Anjutin fand.

Mimi und Valerian Nikolajewitsch aber gingen weiter bis ans Ende der Hauptallee, nachdem sie Wawa unterwegs verloren hatten, die einen der Ihrigen getroffen hatte. Mimi strahlte. Alle Zwistigkeiten waren bis auf die letzte Spur ausgeglichen, die alten freundschaftlichen Beziehungen wiederhergestellt. Mimi hatte selbst nicht erwartet, daß sie eine so lebhafte Freude darüber empfinden würde. Nun ja, er ist ihr doch notwendiger als alle anderen. Mit ihm lebt sich's überhaupt ganz anders als mit anderen Menschen. Und er ist so lustig, so zufrieden, so froh! Worüber ist er denn nur so froh? Natürlich doch darüber, daß sie wieder bei einander sind. Und ist sie denn etwa darüber nicht froh? O, so froh, so froh! Ach wie ist es doch so schön auf der Welt!

Nach dem Mittagessen legte Mimi sich hin um auszuruhen, konnte aber nicht einschlafen; sie lag da, und freute sich beim Gedanken an den bevorstehenden Ritt. Wie hätte sie jetzt wohl auch schlafen können? Sie erholte sich ja schon bei dem bloßen Gedanken an ihn. War denn wirklich allein schon die bloße Gegenwart und Nähe eines anderen Menschen imstande so viel Freude und Licht in ein anderes Leben hineinzutragen? Nun also er war auch hier! Und wieder inmitten einer bunten, fremden Menschenmenge werden sie sich nebeneinander finden. Das ist alles, wessen sie zum Glücklichsein bedarf. Mit ihm zusammen, und für ihn und durch ihn jung und hübsch sein. Denn wenn sie heute z. B. hübsch ist, so ist es ja nur infolge seines Erscheinens. Die Freude verschönt sie eben. O, wie hat sie ihn doch so lieb! So was hat sie doch bisher noch nie, nie an sich erfahren. Und was die Hauptsache, es ist so gar nichts Schlimmes bei dem allen. Kann denn das etwas Schlechtes sein, was die besten Kräfte ihrer Seele zum Leben erweckt? … O, sie fürchtet sich vor nichts, vor gar nichts … Sollte sie ihn am Ende gar doch wirklich nicht wie einen bloßen Freund lieben, sondern?! … Nun, und was wäre denn auch dabei, wenn es wirklich Liebe wäre? Dem Herzen läßt sich nicht gebieten, kein Halt zurufen. Wie es einmal schlägt, so schlägt es … Natürlich wird er davon nie etwas erfahren. Sie wird es nie dazu kommen lassen, und er wird sich ja auch niemals etwas erlauben … Was ist denn auch dabei, daß sie ihn liebt? Die allersittenreinste und ehrenhafteste Frau kann dennoch von ihren Gefühlen fortgerissen werden … Es kommt nur darauf an trotz alledem seine Ehre zu bewahren … Sie werden reiten, zusammen reiten und wieder den ganzen Abend allein miteinander sein! Wie schön, o wie schön! …

Darauf fing sie an sich anzukleiden. Noch nie in ihrem Leben war ihre Toilette ihr so gut gelungen wie heute. Die Haare schmiegten sich ihr gleichsam schon von selbst um den Kopf, die Taille saß wie aufgegossen, und als Mimi, nachdem sie ihr Taschentuch parfümiert und aus Katjas Händen die Reitgerte entgegengenommen hatte, noch einen letzten Blick in den Spiegel warf, da schaute sie aus demselben ein so engelhaft poetisches Köpfchen mit leuchtenden Augen und glückstrahlendem Lächeln an, daß sie einen Augenblick versucht war, ihrem eigenen Spiegelbilde einen Handkuß zuzuwerfen. Die Pferde standen bereits vor der Thür. Er saß zu Pferde und unterhielt sich durchs offene Fenster mit maman.

»Bitte Valerian Nikolajewitsch, seien Sie schon so gut darauf zu achten, daß sie nicht zu schnell reite und auch nicht zu viel. Jede Überanstrengung ist ihr so schädlich, und dabei will sie die Tapfre spielen und ist so unvorsichtig … Wie lange ist es denn her, daß sie sich überhaupt zu erholen angefangen hat … Bitte achten Sie doch nur ja auf sie – ich vertraue sie Ihnen an …«

»Seien Sie unbesorgt Anna Arkadjewna!« Mimi, welche unterdessen die Treppe hinabgestiegen war, schwang sich leicht in den Sattel und maman noch freundlich zulächelnd, ritt sie mit Valerian Nikolajewitsch und Osman, der sich in einiger Entfernung von ihnen hielt, davon, während maman ihnen nachblickte und bei sich dachte: »Das wäre einmal ein Paar! Lebten wir in Arkadien anstatt in Petersburg, so wäre dies eben der Mann, den wir brauchten. Aber es muß wohl auch so schon alles zum Besten sein. Ein solcher hätte sie wiederum auch nicht geheiratet, sondern wäre nach Geld ausgegangen, hätte sie schließlich verraten und verlassen … Les beaux maris ne sont pas les meilleurs … Und Kavaliere kann man schon stets zur Genüge finden, aber einen Mann wie Spiridon Iwanowitsch trifft man nicht alle Tage …«

Unter diesen Erwägungen hatte maman, die sich zurechtmachte um zur Fürstin zu gehen, angefangen sich zu frisieren. Aber wo war denn Wawa? »Wo ist das Fräulein?« wandte sie sich an Katja.

»Das Fräulein war soeben noch hier.«

»Soeben noch hier! Ich frage dich, wo sie sich jetzt im Augenblick befindet? Woran denkst du überhaupt, wenn ich bitten darf? Wofür wirst du überhaupt von Julie Arkadjewna bezahlt? Man hat dir ein für allemal gesagt, das Fräulein nicht für einen Augenblick allein zu lassen. Sofort gehst du und suchst das Fräulein auf.«

Katja hörte maman's Schelte mit der unterwürfigsten Miene von der Welt an, und nachdem sie Mimis zerstreut umherliegende Röcke und Haarnadeln aufgelesen hatte, kämmte und parfümierte sie sich mit Mimis Toilettenwasser, zog ein graues Jäckchen an, setzte einen Hut mit einem Flügel auf und eilte hinaus in den Park, wo David Georgiewitsch, der ihr nun schon eine kaukasische Brosche und zwei Ringe mit Türkisen geschenkt hatte, am Ende einer schattigen Allee bereits auf sie wartete.

*

Nachdem sie Kißlowodsk hinter sich gelassen hatten, ritten Valerian Nikolajewitsch und Mimi auf einem Landwege dahin. Sie ritten bald Galopp bald Schritt. (Valerian Nikolajewitsch ritt immer nur in der Gangart, die Mimi angenehm war, nicht so wie Waräschski.) Bei der ersten Pause fing er an von Pferden zu sprechen und erzählte Mimi, was für Pferde er in Kiew habe und was für welche auf dem Lande. Als sie hierauf die Furt passierten, gedachten sie Petschorins und der Fürstin Mary Aus dem Lermontoffschen Roman: »Ein Held unserer Zeit.« Univ.-Bibl. Nr. 768/69., und er brachte das Gespräch auf Lermontoff und die Litteratur im allgemeinen … Mimi war es einerlei bei welchem Thema sie die schweigende Zuhörerin machte, wenn sie ihm nur zuhören konnte. Dann begann er von der Natur zu sprechen und fragte, ob sie die Natur liebe. »O, gewiß.« Im Augenblick hatte Mimi ganz vergessen, daß sie früher die Natur nur hier und da in den Konzertgärten gern gehabt hatte. Es schien ihr wirklich, als liebte sie dieselbe und hätte sie stets geliebt. Gefiel es ihr denn etwa nicht so über die grüne Steppe dahinzureiten, die wie ein vom Winde bewegtes Meer wogte? Gefielen ihr nicht diese zarten Umrisse der Bergketten, die rings den Horizont einschlossen? O, gewiß, gewiß sie liebt die Natur. Sie hat sie früher nur gar nicht so gekannt. In Petersburg und Paris lernt man ja die Natur nur aus Bildern kennen, in der Ausstellung …

Während sie in dieser ruhigen Unterhaltung begriffen waren, kam ihnen eine Kalesche entgegen, in welcher der General Barajeff saß. Der General grüßte Mimi verbindlich, welche den Gruß durch ein Kopfnicken erwiderte. Valerian Nikolajewitsch begann über den General zu witzeln.

»Das war General Barajeff, der Freund meines Mannes,« sagte Mimi.

Bei Erwähnung ihres Mannes glitt allemal ein Schatten über Valerian Nikolajewitschs Gesicht. Mimi wußte das schon und es that ihr daher sehr leid, daß sie ihres Mannes jetzt so zur Unzeit erwähnt hatte. Beide schwiegen eine Zeitlang und trieben die Pferde an, als hätte die bloße Erinnerung an den armen Spiridon Iwanowitsch sie veranlaßt, sich dem Ziel ihres Rittes nur um so schneller zu nähern.

»Wohin reiten wir denn heute?« fragte Mimi, als die Pferde ermüdet wieder in Schritt verfielen.

»Wir reiten nach dem Schloß der Hinterlist und Liebe.«

»Ein Schloß? ist dort in der That ein Schloß?«

»Nein, ein Schloß giebt's dort nicht sondern nur Felsen, malerisch übereinandergetürmte Felsen … Ein hübsches Fleckchen Erde … Und an diese Felsen knüpft sich eine Sage. Wird es Sie nicht langweilen, wenn ich sie Ihnen erzähle?«

»Im Gegenteil; ich freue mich sehr darauf.«

»Nun denn, so hören Sie. Ein Kaufmann hatte eine Tochter – selbstverständlich war sie jung und hübsch.«

»Warum denn ›selbstverständlich‹?«

»Weil es sonst überhaupt gar nicht der Mühe lohnte von ihr zu sprechen. Nun also diese Tochter verliebte sich in einen gleichfalls jungen und hübschen Mann und beide liebten einander, wie man eben nur unter einer solchen Sonne und inmitten einer Natur wie diese lieben kann. (Ihnen wird das vielleicht weiter nichts erklären, mais passons!) Die jungen Leute liebten einander also, aber wie das ja fast immer zu geschehen pflegt, das Schicksal und die Verhältnisse legten ihnen Hindernisse in den Weg. Der Vater des Mädchens wies die Bewerbungen des Jünglings, welcher arm war, ab und machte für die Tochter einen anderen Bräutigam ausfindig, der gleichfalls Kaufmann und dazu sehr reich war. Die jungen Leute versuchten anfangs dagegen anzukämpfen, aber der Vater blieb unbeugsam. Da beschlossen die jungen Leute zu sterben. Eines schönen Morgens begaben sie sich zu diesen Felsen hinaus – (Sie werden sie sogleich zu Gesichte bekommen –) stellten sich an den Rand des Abgrundes, um sich hinabzustürzen und an dem Gestein zu zerschmettern – nahmen Abschied voneinander, vom Leben, vom Licht und der ganzen Natur. »Spring hinab!« sagte das Mädchen, »ich folge dir.« Er lächelte ihr zu, stürzte sich hinab und fand den Tod, während sie …«

»Nun, und sie?«

»Nach Hause zurückkehrte und den reichen Kaufmann heiratete.«

»O, das ist aber doch eine …«

»Hinterlist, nicht wahr? Sie heiratete den Kaufmann, während jene Felsen für immer die Erinnerung an seine Liebe und ihre Hinterlist lebendig erhalten haben. Bitte sehen Sie – dort sind sie schon sichtbar – sehen Sie? Dort, etwas mehr nach links … Wir reiten übrigens dort hinunter …«

»So sind Sie also schon hier gewesen? …«

»O, mehr als einmal! Aber noch nie in so reizender Gesellschaft …«

»Was soll das? un compliment

»Nein, Scherz beiseite. Ich liebe wirklich diese Felsen, dieses wilde, malerische Fleckchen Erde, wo jeder Pfad, jeder Stein so viel Gefühle und Gedanken in mir wachruft, die mit meinem ganzen übrigen langweiligen grauen Alltagsleben nichts zu schaffen haben … Und wenn ich sonst hier war, so habe ich mir immer vorgestellt, wie schön es wäre, wenn ich so wie heute einmal ein sympathisches und poetisches Wesen mit hierherführen konnte. Und wenn ich nach Hause zurückkehre, so werde ich mir sagen: »Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren …«

Mimi fuhr der Gedanke durch den Kopf: »Er wird sich doch jetzt am Ende nicht etwas erlauben? …« Aber nein, da sprach er schon wieder von Pferden, worauf beide schwiegen. Man mußte einen steilen, schmalen Pfad hinabreiten. Osman, der den Weg wies, ritt voraus.

Es dunkelte und der Mond war noch nicht aufgegangen.

»Was soll denn das aber für ein Mondscheinabend sein? Sie sagten ja doch, daß wir Mondschein haben würden …«

»Warten Sie nur, warten Sie nur, auch der Mondschein wird schon kommen.«

»Aber wir werden ja dort nichts sehen können!« Diese Dunkelheit fing an Mimi zu beunruhigen.

»Wieso werden wir nichts sehen können? Sehen Sie denn etwa nicht die Felsen? Wie hübsch diese Schlucht ist! Und der Mond wird auch sogleich aufgehen.«

»Ja, aber unterdessen, während wir auf den Mond warten, wird es spät werden und wann werden wir heimkehren?«

»Spät? wieso spät? Bei Mondschein zu reiten wird es so hell wie am Tage sein. Und inwiefern spät? Haben Sie für den Abend noch etwas vor?«

»Nein, ich habe nichts vor, aber maman wird sich beunruhigen.«

»Sie wird sich nicht beunruhigen, weil ich ja bei Ihnen bin. Und weshalb überhaupt an die Heimkehr denken, wenn es hier doch so schön ist! Übrigens verstehen ja die Frauen nicht, sich dem Glück des Augenblicks hinzugeben. Sie thun mir leid! … Gefällt es Ihnen denn hier etwa nicht? Ich habe bei Ihnen mehr Verständnis für die Natur vorausgesetzt. Sehen Sie sich doch einmal diese Felsen an, diesen Himmel, diese Sterne … Erinnern Sie sich jener Stelle aus Musset:

» J'aime! voilà le mot que la nature entière
Crie au vent qui l'emporte, à l'oiseau qui le suit!
Sombre et dernier soupir que poussera la terre,
Quand elle tombera dans l'éternelle nuit!
Oh, vous le murmurez dans vos sphère sacrées,
Etoiles du matin, ce mot triste et charmant!
La plus faible de vous, quand Dieu vous a créees,
A voulu traverser les plaines éthérées,
Pour chercher le soleil, son immortel amant.
Elle s'est élancée au sein des nuits profondes,
Mais une autre l'aimait elle-même; et les mondes
Se sont mis en voyage autour du firmament.
«

»Wie schön das ist, nicht wahr? Schade, daß ich Ihr Gesicht nicht sehen kann. Ich wüßte gern, ob Sie so wie immer aussehn.«

»Und wie sehe ich denn immer aus?«

»Kalt, streng … eben wie eine Generalin.«

»Wie eine Generalin? Nun freilich muß ich wohl nach dem aussehn, was ich bin.«

»Versündigen Sie sich nicht an sich selbst. Sie sind ein Weib und darum müssen Sie auch aussehn wie ein Weib, eben wie jenes zwischen Opfer und Verrat schwankende Weib, das dort auf jenem Felsen gestanden hat.«

»Aber ich wünsche durchaus nicht ihr zu gleichen.«

»Weshalb?«

»Nun, weil sie ganz abscheulich gehandelt hat.«

»Treubrüchig, nun ja, aber eben wie ein Weib, wie ein schwaches, wankelmütiges Weib und das eben gefällt mir. Ich liebe die Schwäche am Weibe und kann die starken Frauen, die Heldinnen nicht vertragen. Mögen andere sich für dieselben begeistern, ich werde niemals zu ihren Verehrern zählen. Die moralische Kraft steht dem Weibe ebensowenig an wie die physische. Das Weib muß ganz Schwachheit, ganz Liebe und Zärtlichkeit sein. Mag die Schwäche sie immerhin auch zur Treulosigkeit verleiten. Was thut's, wenn es nur ihrem Wesen angemessen ist. Und wie würden Sie denn an ihrer Stelle gehandelt haben? Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten sich in irgend jemand verliebt, nun nehmen wir meinetwegen an in mich. Ich hoffe, daß diese scherzweise Annahme für Sie weiter nichts Verletzendes hat. Stellen Sie sich vor, Sie hätten sich in mich verliebt, jetzt in diesem Augenblick, so wie Sie da sind in ihrer augenblicklichen Stellung.«

»In meiner augenblicklichen Stellung? … Nun, ich denke, daß wenn ich mich in Sie verliebte, ich mir alle Mühe geben würde, Sie davon nichts merken zu lassen.«

»Und warum das?«

»Nun, weil ich verheiratet – nicht mehr frei bin.«

» La belle raison! …«

» Comment, ce n'est pas une raison? … Was würden Sie denn sagen, wenn Ihre Frau …«

Bei Erwähnung Spiridon Iwanowitschs verdüsterte sich Valerian Nikolajewitschs Gesicht, bei Erwähnung seiner Frau dagegen nahm es einen gelangweilten und abgespannten Ausdruck an, den Mimi schon sehr genau an ihm kannte und der sie allemal mit Freude erfüllte. Obgleich sie durch die Baronin wußte, daß seine Frau eine ganz reizende Erscheinung sei, so war ihr der Gedanke doch angenehmer und sie weilte gern bei der Vorstellung, daß dieselbe eine ebenso langweilige, überflüssige und ihm nicht entsprechende Persönlichkeit war, wie Spiridon Iwanowitsch für sie selbst. Wenn er mit ihr glücklich wäre, so würde er sie nicht allein gelassen haben, und er hätte auch nicht ein so blasses, abgespanntes Gesicht und so eingefallene Wangen, nicht wahr? … Nein, sicherlich war er nicht glücklich und litt, und wenn er nicht klagte, so war es nur, weil er dazu zu stolz war, der Arme, Liebe! …«

Unterdessen waren sie unten in der Schlucht angelangt, und Valerian Nikolajewitsch machte Mimi den Vorschlag vom Pferde zu steigen und zu Fuß bis zu einer Stelle zu gehen, von wo aus seiner Meinung nach der Blick auf die Felsen am allerschönsten wäre. Osman führte die Pferde fort, während Valerian Nikolajewitsch und Mimi sich längs einem rauschenden Bergstrom über Gestein ihren Weg suchten. Hinter ihnen ragte ein hoher senkrechter Felsen gleich einer finster drohenden Wand auf. Mimi hatte ganz das Gefühl, als stiege sie in das Innere der Erde hinab, oder als befände sie sich auf dem Grunde eines tiefen Brunnens, so hoch über ihnen lag nun die Steppe, über welche sie vorhin geritten, so fern schien ihr der Himmel, an welchem nun endlich der ersehnte Mond erschien, der mit seinem Licht die malerisch mit grünem Laub geschmückten Felsen übergoß.

»Nun, wie gefällt es Ihnen? …«

» C'est féerique,« flüsterte Mimi, » c'est féerique!« Und diese Stille, diese Stille! Nein, sicherlich war sie nicht mehr auf dieser Erde. Und zum letztenmal ging Mimi für einen Augenblick der aufregende Gedanke durch den Kopf, ob sie auch recht daran gethan habe, hierherzukommen. Vielleicht, obgleich er selbst sie hierhergerufen, hätte er dennoch eine bessere Meinung von ihr, wenn sie nicht gekommen wäre. Doch nein, welch ein Unsinn! Was war denn Schlechtes dabei? Ein jeder kommt hierher, um die Natur zu bewundern und so ist sie auch hergekommen, bloß um die Natur zu bewundern. Man kann doch nicht im Kaukasus gewesen sein, ohne die Umgegend gesehn zuhaben! Hinterher, wenn sie einmal Photographien besähe, so würde es sich erweisen, daß sie nichts gesehen hat. Warum ritt denn auch Wawa nicht? Sie hätten sie mit sich genommen. Und was ist denn auch dabei, daß sie mit ihm allein hierhergekommen ist? Ja, wenn sie mit ihm irgend wohin, nach einem Restaurant geritten wäre, so wäre das ganz entsetzlich, aber sie wäre eben niemals dorthin geritten. Sie ist nur hierhergekommen, um sich an der Natur zu erfreuen. Und schließlich sind sie ja auch gar nicht allein, der Tatar ist ja mit ihnen. Dort, irgendwo in der Ferne hört man ja das Wiehern von Pferden. Das sind ihre Pferde.

Und nachdem sie ihr Gewissen mit solchen Erwägungen beruhigt hatte, wiederholte Mimi: » C'est féerique! …« und weidete ihre Augen mit ebenso aufrichtigem Entzücken an den malerischen Felsen wie Valerian Nikolajewitsch die seinigen an ihr, Mimi.

»Sind Sie nicht müde,« fragte er, indem er seine Burka auf der Erde ausbreitete, »setzen Sie sich. Schade, daß ich Ihnen die Legende von dem armen Jüngling, der hier seinen Tod gefunden hat, bereits erzählt habe. Jetzt wäre der rechte Augenblick es Ihnen zu erzählen, hier, angesichts dieser Felsen … Nun, ich werde Ihnen dann irgend etwas anderes erzählen.«

Nein, sicherlich war Mimi nicht mehr hier auf dieser Erde. Das war doch ganz unmöglich derselbe Mond, der auch Spiridon Iwanowitsch und Baby leuchtete. Jener Mond war irgendwo, weit in der Ferne zurückgeblieben, während dies ein ganz anderer Mond war, der sie hier mit seinem sanften Licht beschützte. Und was für ein schmachtend zauberhaftes Licht er über das Plätzchen ausgoß, wo sie so allein waren, so allein und fern von allen Menschen, allem Geräusch und der ganzen übrigen Welt …

Wie still es ist, wie still! … Was für selige, schöne, durch nichts getrübte Augenblicke! … Wer hier einschlafen – sterben, und nie mehr ins Leben zurückkehren dürfte! … Und er war bei ihr, saß an ihrer Seite und sah zu ihr auf wie ein unterwürfiger Sklave, wie ein ergebener Freund.

Und zum erstenmal in ihrem Leben dachte Mimi nicht mehr daran, ob das Kleid, das sie anhatte, ihr zu Gesicht stehe, und wie die Tanten über ihr Benehmen urteilen würden. Sie hatte die seltsame Empfindung halb als schliefe sie ein, halb als sei sie eben erst erwacht. Noch nie hatte sie etwas Ähnliches an sich erfahren. Es benahm ihr den Atem und auf Augenblicke fürchtete sie ohnmächtig zu werden.

Ein Stein fiel herab. Beide fuhren zusammen und er nickte noch näher zu ihr heran. »Sie haben sich erschreckt?« War er das? Ja, es waren seine Augen, die so glänzten. Wie bleich sein Gesicht ist, wie bleich der Mond erscheint! Was ist das, ist das Traum oder Wirklichkeit? Und in dem Bestreben dies seltsame, drückende Schweigen und diese sie mehr und mehr überwältigende Erstarrung abzuschütteln, wiederholte Mimi: » C'est féerique, c'est féerique! …«

Und in der That mußte dieser Abend etwas Zauberhaftes und ganz Ungewöhnliches an sich haben, aber das Alleraußergewöhnlichste war doch, daß Valerian Nikolajewitsch Mimi umschlang und küßte, ihre Augen, Lippen und Haare küßte. Wie das geschehen – ob er es sich erlaubt, oder sie es gestattet? … O über das Schloß der Hinterlist und Liebe! Danach sprach er zu ihr in leisem Flüsterton, daß das alles so hätte kommen müssen. Nun freilich, da es nun einmal geschehen war, so hatte es wahrscheinlich so kommen müssen, aber dennoch mußte man jetzt nur so schnell als möglich nach Hause reiten! … Und als er sie in den Sattel gesetzt hatte, sagte er ihr: »Du Liebe, Holde! …« während sie wie traumverloren ihre Frisur in Ordnung brachte und sagte: » Il fait tard, il fait tard!« aber von einer solchen Schönheit strahlte, wie Spiridon Iwanowitsch sie nie an ihr gesehen, ob er gleich eine ganze Division kommandierte, die sich nach seinem Befehl zu richten hatte.

Man mußte so schnell als möglich nach Hause reiten, aber zum Unglück verlor Mimi ihre Reitgerte. Osman und Valerian Nikolajewitsch liefen beide, um sie zu suchen. Die Reitgerte ward gefunden und alle drei jagten nun wie der Sturmwind über die mondbeglänzte Steppe dahin.

Kißlowodsk strahlte von Lichtern, als sie in die Pappelallee einbogen. Vom Centralhotel her ließen sich die Töne eines Walzers vernehmen. Maman saß am offenen Fenster und wartete schon voll Unruhe auf die Tochter.

»Nun da seid ihr endlich!« sagte sie. »Ich fürchtete schon, daß euch etwas zugestoßen sei, irgend ein Anfall … Nun? bist du müde?«

»Ja, wir haben uns so beeilt nach Hause zu kommen. Bitte treten Sie doch ein Valerian Nikolajewitsch und trinken Sie mit uns Thee!«

Valerian Nikolajewitsch dankte und lehnte ab. Er hatte einer Dame versprochen auf ihrer Abendgesellschaft zu erscheinen. Nachdem er Mimi aus dem Sattel gehoben hatte, geleitete er sie bis an die Treppe und flüsterte ihr zu: » A demain!« während er ihr mit dem Blick und einem Händedruck für den Ritt dankte.

Heimgekehrt schlug Mimi den ihr angebotenen Thee und jegliches Abendessen aus, und begann eiligst sich auszukleiden. Sie hatte das Verlangen niemand weiter zu sehen. Nachdem sie das Licht ausgelöscht hatte, barg sie ihr glückstrahlendes Gesicht in die Kissen. Wie hatte das nur geschehen können? Was war denn überhaupt geschehen? Sie fühlte weder Beschämung noch Reue über ihre That, sie fühlte sich nur glücklich und ruhig. »War das nicht schon ein Gefallensein? Es ist schon ein verhängnisvoller Schritt, ein Flecken, der sich nicht wieder abwaschen läßt, es ist – Sünde!« dachte sie, und doch – wie leicht war es ihr gefallen, sie zu begehen. Maintenant c'est ells est uns femme perdue! Und der Mann?! … Doch wozu, wozu daran denken, lieber an ihn denken: Val! Val! … Und Mimi schlief ruhig und fest ein wie nur glückliche Menschen schlafen, die ein ruhiges und reines Gewissen haben.

Morgens trafen sie sich in der Galerie. Es war nur noch ein Monat bis zu ihrer Rückkehr nach Petersburg und wie viel hatten sie noch durchzusprechen, wie viel einander noch zu sagen. Sie mußten vor allen Dingen einander doch erzählen, wie sie gleich bei der ersten Begegnung, schon damals in Rostow mit dem ersten Blick einander liebgewonnen hatten … Un coup de foudre! … Wie sie darauf einander nicht hatten vergessen können, sich gesucht und auf einander eifersüchtig gewesen waren, bis sie endlich wieder zusammengetroffen und miteinander bekannt geworden waren … Und wie alles eben so hatte kommen müssen. Sie mußten sich doch sagen, daß sie einander schon geahnt und in Erwartung Eines des Anderen gelebt hatten, und daß sie nun, wo sie einander endlich begegnet, für alle Ewigkeit verbunden seien. » Oui, c'est pour la vie, c'est pour la. vie! …« Und Was die Hauptsache war, sie mußten doch verabreden, wann und wo sie einander sehen könnten.

Er lebte für sich allein, und bei Beobachtung der gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln konnte Mimi sehr wohl ihn besuchen. Es war das das Allergelegenste. Er hätte ihr ja sicherlich nicht den Vorschlag gemacht, wenn irgend welche Gefahr dabei gewesen wäre, weil Mimis Ehre und guter Name ihm ja über alles teuer waren. Und Mimi, nachdem sie Umschau gehalten, und sich davon überzeugt hatte, daß maman ne se doute de rien, daß sie sowohl als die Fürstin X., sowie deren ganze Gesellschaft durch die Beobachtung des Husaren Aujutin und dessen Braut vollständig absorbiert waren, beruhigte sich, und begann in aller Vorsicht ihn zu besuchen.

Wie gut es ihr bei ihm gefiel! Alles was ihn umgab, wessen er sich bediente, trug das Gepräge seines ästhetischen Geschmackes an sich. Mimi besah alle seine Mappen und Albums, die Photographien seiner Kinder, seiner Frau … Die letztere war wirklich auffallend hübsch, was Mimis Eifersucht hervorrief, aber Valerian Nikolajewitsch beruhigte sie: »Hübsch? … Nun ja, sie ist hübsch, aber das will wenig bedeuten. Une femme doit plaire. Il faut savoir plaire. Das ist die Hauptsache. Seine Frau ist nichts für ihn. Eine kalte, leblose Schönheit, eine nüchterne Seele – ein Blaustrumpf, une lady Byron! … Sie ist – Mutter, einzig und allein nur Mutter, aber kein liebendes Weib. Sie lebt für die Kinder – Das ist ja aber eine Albernheit. Die Kinder werden sich schon selbst ihr Leben zu gestalten wissen. Er will auch selbst leben – man lebt ja doch nur einmal, und darum muß man leben – leben! …

Und er küßte Mimi, küßte ihre Augen, indem er sagte: »Laß mich Seligkeit aus diesem Meere trinken.«

Mimi hatte bisher keine Ahnung davon gehabt, daß in ihren Augen ein solches Meer gelegen.

Nachdem ihre Eifersucht sich gelegt hatte, versteckte Mimi die Photographie von Valerian Nikolajewitschs Frau so weit als möglich, damit sie nicht Gefahr lause ihr wieder vor Augen zu kommen, und fuhr fort in seinen Sachen zu wühlen.

Valerian Nikolajewitsch besaß nicht mehr und nicht weniger als vierzig Krawatten und vierzig Paar Socken, und zwar zu jeder Krawatte die entsprechenden Socken. Und welch eine Unzahl von Berlocks, Brustnadeln, Ringen, die er gleichfalls anpassend dem jedesmaligen Charakter der Krawatte wechselte! Er war überhaupt ein wenig Stutzer, aber Mimi gefiel das. Sie sah alle seine vierzig Krawatten durch, und ordnete sie in einem Kästchen aus Rosenholz, indem sie sein Lieblings-Sachet: Cherry blossom, zwischen dieselben legte. Sie sagte ihm auch, welche Krawatten sie liebte welche nicht und welche er am folgenden Tage anlegen sollte. Eine derselben nannte sie die Krawatte der »Hinterlist und Liebe,« und gerade die liebte sie am allermeisten. Nur selten, und vorzugsweise an den Tagen, wo die Briefe Spiridon Iwanowitschs einzutreffen pflegten, wurde Mimi, wie sie sich ausdrückte, von »blauen Teufelchen« heimgesucht, nämlich von Gewissensbissen hinsichtlich ihrer Schuld dem Manne gegenüber. » Je suis une femme perdue,« sagte sie. Wie dem auch sei, so habe ich ihn doch gekränkt und bin seiner Ehre zu nahe getreten … Und er hat das so gar nicht um mich verdient. Was wird aber erst sein, wenn er es erfährt, wenn alle es werden erfahren haben! Er wird mich einfach totschlagen, mich fortjagen … » Enfin, je suis une femme perdue, und du selbst mußt mich im Grunde verachten. Ja, du verachtest mich Val. Ich sehe ja …«

»Du bist ein Kind!« und er gab sich alle Mühe sie davon zu überzeugen, daß sie zu verachten, gar kein Grund vorhanden sei. » On vit comme on peut. Und Marie Petrowna, und Marie Ljwowna? …«

Mimi wurde nachdenklich und ging im Geist den Kreis ihrer Bekannten durch. In der That, sowohl Marie Petrowna als auch Marie Ljwowna und Netti erst, Netti! … Aber dafür wieder auf der anderen Seite Anna Wassiljewna, Tante Julie, maman … Nein, nein, es giebt immerhin noch ehrenhafte, gute Frauen, nicht solche wie sie. Weshalb anders auch diese harten, erbarmungslosen Urteile, weshalb so viel Heuchelei? … Valerian Nikolajewitsch suchte ihr indes dies alles zu erklären.

»Sieh einmal, die armen Menschen müssen deshalb so viel leiden und dulden, weil sie die Augenblicke des Glückes, welche ihnen vom Schicksal zugemessen werden, nicht auszunützen verstehen.«

»O, freilich! die Menschen leiden.«

Und sie erzählte ihm von Spiridon Iwanowitsch und wie trostlos für sie das Leben an seiner Seite sei. Sie hatte sich ein wenig davor gefürchtet, daß Val sie um ihres alten Mannes willen verachten werde – er, der die Verkäuflichkeit der Liebe so hart verurteilt hatte! Doch nein, dieser Umstand ließ ihn völlig kühl. Überhaupt war sein Verhalten gegenüber Spiridon Iwanowitsch seit jenem Ritt zum »Schloß der Hinterlist und Liebe« ein völlig verändertes. Sein Gesicht verdüsterte sich nicht mehr, sobald Mimi diesen Namen aussprach, sondern er bemühte sich im Gegenteil ihr einleuchtend zu machen, daß an der Seite eines solchen Mannes es sich sehr wohl und glücklich leben lasse, nur freilich müsse man verständig sein. Und er gab ihr alle möglichen Ratschläge.

Im Winter werde er nach Petersburg kommen. Die Frau mit den Kindern werde in Kiew zurückbleiben und sie würden unterdessen einen himmlischen Winter verleben. Nur ja keine Unvorsichtigkeiten! Er lobte Mimi wegen ihres allzeit gleichmäßigen, ruhigen und natürlichen Benehmens. Weder die zärtlich liebende maman, noch auch Wawa, die selbst das Gras wachsen hörte, hatten auch nur das Allergeringste gemerkt. So muß es auch sein, ja, so muß es auch sein. Sie lieben einander, und daher sind sie genötigt zwischen sich und der Welt eine Scheidewand aufzurichten. Das Geheimnis ist die Scheidewand, hinter welcher sie sich mutig und unbeschränkt ihrer Liebe hingeben können. Man muß sein Glück gleich einem Kleinod, einem Schatz, vor der Welt verbergen:

» L'amourette que i'on ébruite,
Est un rosier déraciné.
«

Mögen die Menschen ahnen, mögen sie vermuten was sie wollen, nur daß niemand etwas Bestimmtes wisse.

Mimi erzählte ihm, wie es dazu gekommen war, daß sie Spiridon Iwanowitsch geheiratet hatte. Wie alle ihr zugeredet hätten, während sie sich nimmermehr von selbst dazu entschlossen hätte. Valerian Nikolajewitsch begriff gar nicht warum. Das war ja doch höchst vernünftig gewesen, und sie hatte sehr wohl daran gethan. Das Geld ist durchaus nicht etwas so Unwichtiges im Leben. Wenn es nicht an und für sich schon das Glück bedeutet, so doch jedenfalls den Schlüssel zu demselben. Sie hat während dieser vier Jahre ihrer Ehe nur nicht zu leben verstanden. Sie selbst trägt die Schuld, daß ihr Leben sich so trostlos gestaltet hat. Alles Gute hängt schließlich nur von uns selbst ab.

Aber ihr hatte ja bisher noch niemand gefallen. Sie hatte noch nie geliebt, und wenn sie ihm, Val, hier nicht zufällig begegnet wäre, so hätte sie das Glück der Liebe wahrscheinlich überhaupt nicht kennen gelernt. Doch jetzt:

» C'est pour la vie, n'est ce pas?«
» Oui, c'est pour la vie!«

Er war ja doch auch tief unglücklich in seinem häuslichen Leben. Seine Frau war eine trockene, verknöcherte Pedantin, die dem Aufschwung seiner leidenschaftlichen Seele kein Verständnis entgegenzubringen vermochte … Warum hatte er sie geheiratet? … O, das war eine lange Geschichte, die er Mimi schon noch einmal erzählen werde, ein andermal, ein andermal, unterdessen … »Laß mich Seligkeit aus diesem Meere trinken! …« und er küßte ihre Augen.

In den ersten zwei Wochen sagte er Mimi, daß er ganz bestimmt nach Petersburg kommen werde, und sie träumten davon, was für himmlische Abende sie in Theatern und Konzerten verbringen würden. Jeden Tag wollten sie einander irgendwo treffen. Aber in dem Maße als der Augenblick der Trennung näher rückte, erlitten diese Pläne einige Veränderungen.

Er erhielt einen Geschäftsbrief aus Kiew. Es erwies sich, daß es ihm schwerlich gelingen werde sich loszumachen, um nach Petersburg zu kommen. Arbeiten lagen vor, ein großer komplizierter Prozeß, mit dessen Einzelheiten er Mimi bekannt machte. Er werde einen renommierten Dieb, einen ganz ausgemachten Schurken verteidigen. »Wie, einen Schurken verteidigen?« fragte Mimi. »Du hältst ihn ja aber doch für schuldig?«

»Überzeugt davon, daß er schuldig ist!«

»Und wirst ihn quand même verteidigen?«

»Jeder Mensch hat ein Anrecht auf Verteidigung. Es ist leicht den Unschuldigen freizusprechen. Seine Unschuld spricht schon selbst für sich. Aber um dem Schuldigen zu vergeben, um sich gegen ihn wie ein Christ seinem Nächsten gegenüber, wer immer er auch sei, zu Verhalten, dazu gehört viel Verstand und eine Kenntnis des menschlichen Herzens. Christus hat nicht gerichtet, Christus hat alle freigesprochen und eben um diesen göttlichen Funken in den Herzen der Geschworenen zu erwecken – und er findet sich in jedes Menschen Herzen …«

»Und man wird ihn doch nicht am Ende gar noch freisprechen? …«

»Vielleicht.«

»So einen Nichtswürdigen!! Ich würde ihn zur Zwangsarbeit verurteilen. Und seinetwegen sollen wir einander nicht wiedersehn! Wie ich ihn hasse! Und du willst ihn noch dazu verteidigen! …« und Mimi weinte.

»Du bist ein Kind,« sagte Valerian Nikolajewitsch und küßte ihr die Augen.

»So werden wir uns also wirklich nicht wiedersehn?«

»Was ist dabei zu machen! … Das Schicksal ist eifersüchtig …«

Und als Mimi drei Tage vor ihrer Abreise an seine Schulter gelehnt bitterlich weinte, streichelte er ihr Köpfchen, indem er zerstreut sagte: »Nichts zu machen! Man muß sich fügen. Wir sind miteinander glücklich gewesen … Das Schicksal ist eifersüchtig … Voyons, du courage … Man muß dem Unvermeidlichen fest ins Auge schauen. Laß uns dem Himmel danken für die lichten Augenblicke … Sie sind noch so jung … Sie werden noch andere Gefühle hegen, andre Freunde sich erwählen …«

» Jamais, jamais … Wie kannst du nur so etwas sagen! Ist es dir denn ganz einerlei, ob ich später noch einen Anderen liebe?! Tu ne m'as jamais aimée! … Oh Val, Val! …«

» Enfant! voyons, ne pleurez donc pas … Was ist denn auch dabei! Mir sind die Blüten des Frühlings zu teil geworden, anderen wird die reife Frucht zufallen … Seien Sie nicht so entsetzt! … Je connais la vie, voilà tout! … Du bist doch nicht böse? … Nein! … Laß mich deine Augen küssen! Wie ich sie zu küssen liebe! … Das Schicksal hat es nicht gewollt … Wir haben Blümlein gepflückt …« Und hier ein Vers aus Heine und dort einer aus Fet …

»Ich werde nicht vergessen, nie, nie vergessen, und du erinnere dich:

» Rappelles-toi, lorsque l'aurore craintive …«

Doch Mimi schüttelte nur den Kopf und weinte still vor sich hin, während sie seine Hände mit Küssen bedeckte und ihre reichlichen Thränen auf die Krawatte der Hinterlist und Liebe tropften.

Danach wechselten sie miteinander Ringe mit Türkisen. Mimi ließ sich für ihn im Reitkleide photographieren auf demselben Pferde, auf welchem sie damals nach dem Schloß der Hinterlist und Liebe geritten war, während er sich für sie in der Tscherketzka photographieren ließ. Sie hatten sich fest vorgenommen noch einmal nach dem »Schloß« zu reiten, aber es war nicht mehr möglich – irgend etwas kam dazwischen …

Maman packte währenddessen schon die Sachen und schalt auf Katja, welche rein aus Rand und Band war: Aufträge vergaß, alles aus den Händen fallen ließ, die schweren Gegenstände auf die leichten packte.

Wawa band die Heftchen mit ihren Reiseeindrücken und den Projekten für ihr Kinderasyl zusammen und schrieb sich die Adressen ihrer kaukasischen Freunde auf, während Katja, welche vor dem geöffneten Reisekoffer kniete, Mimis Plüschjacke in Seidenpapier einschlug, wobei große Thränen ab und zu auf die Jacke sowie die unter derselben befindliche Wäsche herabrollten. O, über die kaukasischen Türkisen! …

*

Früh morgens stand die Reisekalesche an der Auffahrt vor dem Baranoffschen Hause. Wawa drückte ihren Freunden, welche gekommen waren, um von ihr Abschied zu nehmen, kräftig die Hand. Sie hatte sich während des Sommers sehr erholt, hatte zugenommen, war eingebrannt und kräftiger geworden. Sie hatte hier einen so schönen Sommer verlebt und darum fiel ihr das Scheiden von diesen blauen Bergen, diesen Wegen und Stegen und allen guten Freunden schwer. Ach wie schade, wie schade! Und Wawa, die sich im Augenblick weder der Strenge der Mutter und der häuslichen Verhältnisse, noch auch aller ihrer bisherigen mißlungenen Versuche ihre Bekanntschaften einzuführen, erinnerte, lud alle, alle ihre Freunde zu sich ein – »Ach bitte, Sie müssen mir das ganz bestimmt versprechen, sobald jemand von Ihnen nur nach Petersburg kommt! Ich werde so glücklich sein! … Vergessen Sie nur ja nicht: Millionenstraße Nr. 6, Quartier 2 … O bitte – auf jeden Fall!«

Mimi im Reisehut und mit der Kouriertasche über dem Waterproof trat, in einen dichten Gazeschleier gehüllt, aus der Thür. Sie war ruhig und gefaßt. Sie hatte gestern bei ihm alle ihre Thränen ausgeweint.

Valerian Nikolajewitsch war so liebenswürdig sich zu erbieten, sie zu Pferde bis Essentuki zu begleiten. Er stand in der Tscherkeßka malerisch an den Sattel seines Pferdes gelehnt da und summte leise die Romanze von Kapri: »Ich gedenke der seligen Stunden …«

Katja kam atemlos und ganz verweint noch mit einigen Kartons herbeigestürzt … Maman sah sie voll Verwunderung an. Alles war nun hinaus- und glücklich untergebracht. Die Damen nahmen Platz und die Kalesche fuhr von Kißlowodsk hinaus.

In Essentuki nahm man Abschied. Valerian Nikolajewitsch küßte maman die Hand, welche die Hoffnung aussprach ihn in Peterburg bei sich wiederzusehn. Wawa lud ihn gleichfalls zu sich ein. Es that ihr so leid, daß mit ihm die letzte Spur vom Kaukasus für sie dahinschwand. Mimi sagte kein Wort, sondern sah ihn nur traurig an.

Und die Kalesche rollte weiter in der Richtung nach der Station der Mineralquellen.

*

Es war ein feuchter, trüber Morgen, an welchem ein feiner dichter Regen gegen die Scheiben schlug, als die Damen vom Schlaf erwachten und sich Petersburg bereits näherten.

Regen, Regen, Regen! … Ein trüber, grauer Himmel … Da zogen sich schon die Petersburger Villen mit ihren Fichtenwäldchen längs der Bahn hin; dazwischen blitzten die schmutzigen, vom Regen in einen förmlichen Sumpf verwandelten Wege aus, die zu beiden Seiten von Gräben eingefaßt waren, welche das Farrenkraut in dichten Büschen überwuchert hatte … Moos, Heidelbeergestrüpp, Sumpf, Nebel …

Und da sind ja auch schon die wohlbekannten Kohlgärten, die Kasernen … endlich die Plattform des Petersburger Bahnhofs …

Der Regen hatte aufgehört und die Sonne beschien die nasse Plattform.

Da ist Spiridon Iwanowitschs Bursche und dort Tante Julie's Diener …

Und hier steht ja Spiridon Iwanowitsch selbst in höchst eigener Person, mit seinen roten Aufschlägen schon von weitem wie ein Fliegenpilz leuchtend … Maman klopft voll Freude an die Fensterscheibe. Er hat sie bemerkt, bemerkt und erkannt!

Mimi sinkt der Mut. Wie alt er aussieht und wie fremd, wie fremd er ihr erscheint! … Wenn der Zug doch nicht stehen bleiben, wenn er doch nur weitergehn und sie mit sich forttragen wollte! … Doch er geht immer langsamer und bleibt endlich stehn. Es hilft nichts, es heißt aussteigen.

Da ist ja auch Sina und m-me Lambert und gütiger Himmel, sogar Baby mit der Wärterin! Baby ist gekommen, um seine Mama zu begrüßen! Wie der Kleine gewachsen ist, und wie hübsch er geworden, wie gesund er aussieht, das liebe Herzblättchen! Und seht doch nur wie er gar nicht scheu ist, er lächelt und begrüßt sich mit allen, indem er sein Mündchen der Mutter, der Großmutter und Wawa zum Kuß darbietet … Und er giebt schon die Honneurs ab, er hat unterdes gelernt die Honneurs abzugeben, indem er sein Händchen an den Hut legt und sagt: »Guten Mojen, Excellenz!« Das liebe Herzblättchen! …

Und die Großmutter erstickt Baby mit ihren Küssen, während Thränen des Stolzes und der Zärtlichkeit ihre Augen füllen, als Baby sich nun auch vor ihr stramm aufrichtend sagt: »Guten Mojen, Excellenz!«

Unterdessen schließt Spiridon Iwanowitsch Mimi in seine Arme.

*

Eine Woche nach ihrer Heimkehr versammelte sich die ganze Familie bei Tante Julie, woselbst Freude herrschte, indem Wowa sich verlobt hatte und zwar mit einer Braut, die allen Anforderungen durchaus entsprach, sowohl hinsichtlich des Reichtums als auch der Verbindungen … Vorläufig wurde die Verlobung noch geheim gehalten und niemand angezeigt, aber die Sache war abgemacht. Die Braut war nicht hübsch und auch nicht mehr ganz jung, aber bis über die Ohren in Wowa verliebt. Tante Julie äußerte sich den Schwestern gegenüber dahin: » Elle n'est pas futile

Tante Julie dankte maman mit vielem Gefühl für das, was sie an Wawa gethan hatte. Ganz abgesehen davon, daß Wawa sich körperlich sehr erholt, hatte sie sich auch geistig sehr herausgemacht; sie war maßvoller, sanfter und gehorsamer geworden. Dafür hatte sie nun auch ein eigenes Zimmer erhalten, in welchem sie allein, ohne m-me Lambert nach Herzenslust schlafen, schreiben und studieren konnte.

»Nun und überhaupt seid ihr also von eurer Reise befriedigt?« sagt Tante Julie zum Schluß.

»O sehr, sehr! Ich bin so zufrieden, daß wir damals Waräschskis Rat gefolgt sind.«

»Aber wie Mimi sich verschönert hat! Man kann sie faktisch gar nicht wiedererkennen.«

»Ganz unglaublich!« sagt Tante Mary. »Nächsten Sommer reise ich auch nach Kißlowodsk, um dort jünger und hübscher zu werden.«

Mimi lächelt bescheiden und gleichgültig.

»Aber Netti,« sagt Tante Sophie, »habt Ihr nicht von dem Skandal gehört?«

»Nein, was ist's mit ihr? Sina schrieb da wohl so etwas flüchtig, aber wir konnten nicht klug draus werden.«

»Sie hat sich von dem Manne getrennt und treibt sich jetzt in Paris umher, indem sie die Liebhaber wie die Handschuhe wechselt. Es ist ganz schrecklich! Sie hat stets wie eine Thörin gehandelt. Kurz vordem der Mann sich zur Seereise aufmacht, fühlt sie plötzlich Gewissensbisse. Hätte sie nun doch wenigstens bis zu seiner Heimkehr geschwiegen! Aber nein, sie geht zur Beichte und erzählt alles dem Priester, so und so, wie es gewesen und erklärt sich dem Manne gegenüber für schuldig. Der Priester fragt natürlich sogleich, ob der Mann darum wisse. »Nein,« sagt sie. »Nun so sagen Sie ihm auch nichts,« und fängt an ihr zu erklären, warum sie es ihm verschweigen solle. Da sie sich versündigt, so möge sie nun auch darunter leiden, es sei aber kein Grund da, ihn deshalb leiden zu lassen.

»Das sagen sie immer –« schaltet Tante Mary unüberlegter Weise ein und fügt, da sie Tante Julie's fragenden Blick aus sich gerichtet sieht, hinzu: »Ich habe von vielen ähnlichen Fällen gehört, wo die Geistlichen dies ausgesprochen haben.«

»Nun, sie kehrt also von der Beichte nach Hause zurück und sagt ihrem Manne: »Ich bin bei dem Priester gewesen und habe ihm meine Sünde gebeichtet.« – »Welche Sünde?« »Nun die und die.« – »Wie?!« Es folgt eine Scene, eine gegenseitige Erklärung. Er will sich erschießen, sie will sich gleichfalls erschießen. Er will sie töten, den Anderen, sich selbst … Schließlich geht er auf die See, während sie, alle Kinder den alten Poltawzeffs auf dem Halse lassend, sich ganz bei dem Geliebten einquartiert und anfängt Himmel und Hölle für ihre Scheidung in Bewegung zu setzen. Nach zwei Monaten hat jener sie auch satt und läuft auf und davon. Sie nimmt Gift, wird von den Ärzten noch glücklich gerettet und fährt endlich nach Paris. Drei Wochen ist sie nun schon dort und es gehen sehr, sehr schlimme Gerüchte über sie …«

»Ach, aber thun mir die alten Poltawzeffs leid!« sagt maman. »Wie müssen sie darunter leiden!«

»Ich habe es längst vorausgesagt, daß sie sich auf gefährlichem Wege befand,« sagt Tante

Mimi nickt beistimmend mit dem Kopf.

»Nun aber, apropos der Romane,« sagt Tante Sophie, »ist's wahr, daß im Kaukasus und in den Bädern so viel der Hof gemacht wird?«

»Ach, fangt schon davon gar nicht an!« antwortet maman lachend. »Nein, was wir in dieser Hinsicht nicht alles erlebt, gesehen und gehört haben! … Stellt Euch vor, sogar Waräschski …«

»Und hat man Mimi den Hof gemacht? … Est-ce qu'il y a eu quelqu'un pour te faire la cour? … Et personne ne t-'a donné l'oeil?«

» Quelle idée, ma tante! … Da war ja übrigens auch niemand. Das heißt, da waren ja sehr viele ganz sympathische und angenehme Menschen, aber solche, die einem hätten gefallen können …« Und mit ihrem früheren Petersburger Lächeln auf den Lippen schüttelt Mimi verneinend den Kopf.

»Nun und die Natur, ist sie in der That so schön?« fragt Tante Julie »Wawa ist ganz entzückt von den Bergen.«

»Ja, sie haben ja leider nichts gesehen,« sagt Spiridon Iwanowitsch bedauernd. »Wie kann man nur auch nicht den Bermamut besteigen! Ich schrieb euch doch noch, ihr solltet dorthin. In Kißlowodsk zu sein und den Bermamut nicht gesehen haben!! Ach ihr! … Wirkliche Berge habt ihr also überhaupt gar nicht gesehen.«

»Ja es war ja niemand da, mit dem man hätte reiten können,« sagt Mimi sich rechtfertigend. »X.' waren schon vor unserer Ankunft dort gewesen und zu dreien allein konnten wir uns immer nicht dazu entschließen. Ich habe mich schon so viel ich nur konnte bemüht überall hinzureiten und alles zu sehen.«

»Ja es muß dort wohl schön sein,« sagt Tante Mary, welche die von Wawa mitgebrachten Stereoskopansichten vom Kaukasus betrachtet. »Wie hübsch dies ist! Was ist das eigentlich?«

»Dieses?« sagt Mimi sich zu Tante Mary niederbeugend, um durchs Stereoskop zu sehn. »Dies ist das Schloß der Hinterlist und Liebe. Es sind Felsen, die in ihrer Bildung an ein Schloß erinnern und deshalb so genannt werden.«

»Und ist es in der That so hübsch? Bist du dort gewesen?«

»Ja, ich war dorthin geritten … Es ist sehr hübsch. Besonders bei Mondschein … C'est féerique.«

 

Ende.

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