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Johann Gottfried Seume: Miltiades - Kapitel 7
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authorJohann Gottfried Seume
booktitleProsaische und poetische Werke ? Sechster Theil
titleMiltiades
publisherBerlin. Gustav Hempel
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Fünfter Aufzug

Das Gefängniß

Erster Auftritt

Miltiades (allein).

Miliades. Jüngst bebte Susa noch vor diesem Mann,
Nun trägt er Ketten in Athen, das ihm
Noch für die Rettung dankt; und bald vielleicht
Bringt man das Urtheil auch, er sei verdammt.
Das ist der stolze Mensch! die Handlung sei
Mit jedem Grund, der sie ans Licht gebar,
Die nämliche: hier lohnet ihr ein Kranz
Der Jauchzenden und dort das Barathron.
Nicht was man ist, nur was man scheint, bestimmt
Der Menge Meinung, die man dann sofort
Verfälschter in die Weltgeschichte trägt.
Wer hier nichts hat, der ist ein armer Mann.
(Die Hand aufs Herz legend.)
Die Volksgunst, von des Indus Fabelwelt
Bis zu Herakles' Säulen, ist ein Dunst,
Vom Hauch geweckt und von dem Hauch verweht.
Wer in sich nichts ist, wird durch Opferduft,
Den man für ihn den Göttern raubet, nichts.
Der Ruf ist noch kein Ruhm, und Ruf und Ruhm
Sind lange noch nicht Ehre. Ehre nur,
Wie sie Vernunft und Recht und Freiheit prägt,
Ist eines Mannes Stempel, welcher oft,
Sehr oft die Schuld hat, daß kein Ruhm gedeiht.
Mein Vaterland! Des Herzens letzter Puls
Schlägt bei dem theuern Namen hoch und heiß.
Mit tiefer Wehmuth denk' ich nur an Dich,
An Dich, an Dich allein, mein Vaterland.
Des Vaters Schmerz ist vor des Bürgers Angst
Ein Tropfen nur in einem Wogenstrom.
Der Gott des Lichts, der unsern Geist durchschaut,
Sah, was ich dachte, als ich meine Kraft
Erhöht und ganz und rein dem Staate gab.

Zweiter Auftritt

Voriger. Aristides, Cimon und Demosthenes kommen traurig schweigend herein.

Miltiades. Ich sehe, was Ihr bringt, in Euerm Blick.
Es fromme nur dem Vaterlande! Mir
Soll es Erlösung sein; ich bin gefaßt.
Am Ister war ich's und bei Marathon
Und unter Paros' Wall. Der schöne Tag
Lag in der Mitte; und das Schönste war,
Das Ihr ihn mit mir theiltet. Dieser ist
Für mich nicht minder schön, nur nicht für Euch.
Doch keinen Vorwurf! Meiner Freunde sind
Sehr viele von den Besten. Aristid,
Sprich Du das Wort des Todes! Zwar ein Wort,
Wie dieses ist, ist nicht für Deinen Mund;
Doch sprich es aus!

(Aristides schweigt.)

Cimon. Mein Vater, ach, man hat
Den Wahnsinn und die Grausamkeit –

Miltiades. Es ist
Das Volk, mein Sohn; ein Sturm der Felsenkluft,
In dem Gewitter schwarz herangewälzt.
Ich bin verdammt. Das fürchtet' ich sogleich,
Als ich den Namen hörte und den Bund,
Der wider mich geschlossen war.

Aristides. Mein Freund!
Was wird das Vaterland, wenn so ein Mann,
Wie Du uns warest, solchen Lohn erhält?
Das schlägt mich nieder, meine Kraft ist fort.

Miltiades. Das muß sie nicht. Ließ denn der Pädagog
Erst heute meinen Aristides los?
Sei Du gerecht, wie Du es bist, und greif,
So viel Du kannst, ins Rad des Schicksals ein!
Du hemmst es freilich nicht; doch Deine Kraft
Ist eingerechnet in den großen Lauf.
Im Buch der Welt ist nichts als nur ein Kampf
Der Leidenschaften und des bessern Sinns,
Des blinden Irrthums und des Strahlenlichts,
Das in uns leuchtet. Nur ein Funke fährt
Oft in die Höhe, sonst ist Alles Nacht.
Die Ungerechtigkeit ist überall,
Der nämlichen Natur, verübe sie
Kambyses dort und hier der Demagog;
Der Letzte macht der Schuldigen nur mehr.
Tyrannensprüche oder Volksgericht
Sind beide Ungeheuer gleicher Art,
Wenn Unvernunft und wilde Selbstsucht stürmt.

Demosthenes. Das that sie ganz. Noch eh Xanthippus sprach,
War schon sein böser Geist in jedem Blick
Der Menge rund umher. Man rufte laut
Von allen Seiten: »Fort, ins Barathron!
Stürzt alle Säulen um, wo obenan
Vor bessern Bürgern noch sein Name steht!
Auf dem Gemälde streicht sein Bildniß aus!
Straft Polygnotus, seinen Schmeichler, daß
Er als Despoten dort ihn schon gemalt!
Er ist Tyrann; gebt ihm dem Schierlingskelch!«
So tönt' es tief und dumpf wie Wogensturz
Durch hohle Felsen rund umher im Volk.
Die Freunde standen stumm vor dem Orkan,
Der jeden andern bessern Laut verschlang.

Cimon. Themistokles, mein Vater, sprach für Dich
Mit allem Feuer, wie bei Marathon
Er in des Vaterlandes Feinde drang.
Der Gluthstrom seiner Rede goß mit Macht
Durch die Versammlung sich; schon ward umher
Die Rührung sichtbar, als der Troß vom Pnyx
Und von dem Hafen wie ein Donnersturm
Auf Deine Freunde brach. Man drohte hoch
Dem Redner und dem Archon, sie mit Dir
Zugleich zu opfern, und der ganze Markt
War wilder Aufruhr, wie wenn dumpf und hohl
Um eine Bergschlucht tief die Erde bebt;
Und was ich im Getümmel hörte, war,
Mein Vater, ach –

Miltiades. War Tod und Barathron.
Mein Sohn, ist denn der Ton so fürchterlich
Für einen Mann, der oft dem Dinge selbst
Ins Auge sahe? Nicht die Todesart
Bringt Ehr' und Schande: wie man sie verdient,
Prägt einst den Stempel bei den Bessern aus.
Nicht selten fällt mit Wuth des Henkers Beil,
Wo die Gerechtigkeit den Lorbeerkranz
Zu fordern hatte, Freund, und umgekehrt.

Dritter Auftritt

Vorige. Elpinice.

Elpinice. Mein Vater, ach, ich unglückseligste
Der Töchter Griechenlands! Sie tödten Dich!
Miltiades, die Ungeheuer ziehn
Mit Blutdurst durch die Stadt und jauchzen hoch,
Als hätten sie die Heldenthat gethan,
Die sie vergöttert. – Cimon, konnte nichts,
Nichts unsern Vater retten? Mich ergreift
Entsetzen und Vernichtung. Ach, ich will,
Will mit Dir sterben, Vater; ganz Athen
Ist Barathron für mich. O, wehe mir,
Mein Vater, wehe mir, sie tödten Dich!

(Sie sinkt neben ihm nieder.)

Miltiades (zieht sie zu sich). Ich bitte, fasse Dich, mein liebes Kind;
Sei meine Tochter! meine Tochter muß
Ein Heldenmädchen sein. Es ist für uns
Ein Ehrentag; Geliebte, habe Muth!

Elpinice. Du Schützerin, Athene Polias,
Der Mann, durch dessen Arm noch Deine Burg
Dort auf dem Felsen steht, der große Mann
Wird hingewürgt von einer wilden Schaar.
Ihr Allbarmherzigen dort im Olymp,
Sie tödten meinen Vater –

Miltiades. Gutes Kind!
(Zu seinen Freunden.)
Das macht die Trennung auch für Männer schwer.
Komm, fasse Muth! Du bist in meinem Arm.
Als Deine Mutter Dich mir zum Geschenk,
Die liebe, kleine Neugeborne gab,
Ich weiß, ich zog so eben in den Krieg,
Da sah ich Dir ins liebliche Gesicht,
Wie Du dem Vater freundlich blicktest, und
Ich nannte Dich die Siegeshoffnung. Kind,
Dein schöner Name hat mich nicht getäuscht;
Oft bracht' ich Dir den Kranz, den ich erwarb.
Erquickung war mir Deine Kindlichkeit,
Wenn ich ermüdet aus den Schlachten kam.
Auch bracht' ich Dir den Kranz von Marathon,
Eh ich den Göttern ihn zur Weihe gab.

Elpinice. Die Wehmuth und der Jammer – Vater, ach,
Ich werde das verlassenste Geschöpf,
Das ärmste, traurigste von Griechenland!

Miltiades. Das, meine Tochter, nein, das sollst Du nicht.
Noch bin ich nicht so freundlos in Athen,
Nicht so verlassen, daß mein Kind so ganz
Verwaiset sollte sein. Der Archon selbst,
Der Guten viele, liebes, liebes Kind,
Dein Bruder Cimon, der Dich zärtlich liebt –

Elpinice. Die Mutter starb mir, eh ich den Verlust
Empfinden konnte; meine ganze Welt
War nur des Vaters Liebe. Dieses Herz
Sah nur den Vater, nie den großen Mann,
Nie den Gepriesenen von Griechenland.
Ich war so unaussprechlich selig, war
Wie Göttertöchter; und ich sinke nun
Hinab, hinab in undenkbares Graun. –
Sind das die Griechen, die der Weisheit sich,
Der hohen Bildung rühmen und der Kunst?
So blutig ist man bei Barbaren nicht;
Das hätten meiner Mutter Freunde nie gethan.
(Sie spricht gebrochener.)
Bei dem Gedanken wird es Mitternacht;
Das Auge dunkelt mir, mein Geist vergeht.
Ihr unterirdischen Erbarmer, nehmt,
Nehmt mich hinab, eh ihn, eh –

(Sie verliert die Besinnung.)

Miltiades (sucht sich zu sammeln). Bringt sie fort!
(Man führt sie ab.)
Vergebt mir alten Mann! Das Mädchen war
Der Erdenfreuden beste für mein Herz,
War, wenn der Bürger seine Pflicht gethan,
Des Hauses Charis für den Vater. – Komm,
Mein Sohn, mein Cimon! Du bist Mann und ehrst,
Es täuscht mich nicht, mich einst in Griechenland;
Ich gebe Deiner Bruderliebe ganz
Das Mädchen hin; sei ihr, was ich nicht kann!

Cimon. Mein Vater, unaussprechlich fürchterlich
Ist der Gedanke mir; allein ich will,
Will mich ermannen, Deiner werth zu sein,
So lange noch ein Athem in mir ist!

Vierter Auftritt

Vorige. Themistokles.

Themistokles. Die Fassung reißt. Die Kechenäer sind
Gesindel, unwerth, daß ein Fuß sich nur
Für ihre Narrheit hebt. Gigantensturm
Ist in dem Zwerggeschlecht, das kocht und braust,
Als ob die Hefen den Cyklopenberg
Zersprengen wollten, und dann gehn sie hin
Und bitten sich die drei Obolen aus.

Miltiades. Dir bleibt mein Dank, mein Freund, als hättest Du
Mich im Triumph hinauf zur Burg geführt.
Du thatest, was Du konntest, und ich sah
Voraus, Du würdest gegen diesen Sturm
Der wild empörten Fluthen nicht bestehn.
Gieb nach wie ich! sie haben nur sich selbst
Gericht gesprochen.

Aristides. Eben dieses ist
Das Tödtendste für uns. Die Hoffnung stirbt,
Wenn Alles, Alles in dem Vaterland
Mit solchem Unsinn sich am Abgrund dreht.

Miltiades. Der Wahnsinn wird verfliegen, wie er kam.
Er ist nur Täuschung um das Heiligthum.
Geh auf den Grund! es ist noch Göttliches
In der Verirrung selbst. Nicht Alle sind
Obolensöldner; Viele treibt die Furcht
Vor Tyrannei zur Ungerechtigkeit.

Themistokles. Das sagest Du? Um desto größer ist
Die Schande, die uns trifft, daß so ein Mann
Durch des Gesindels Wuth zu Grunde geht.

Miltiades. Sehr schlimm für sie, wohl wahr; allein Du willst
Deswegen doch nicht, ich soll schuldig sein? –
Der Ausspruch ist gethan. Ich glaube, nun
Wird es auch zur Vollendung Zeit. Man stürzt
Buchstäblich doch mich nicht ins Barathron?
Ich bin bereit; die Hüfte mahnt mich heiß,
Euch um Erlösung anzuflehn. Den Schmerz
Hab' ich bestanden wie ein Mann; nun gebt
Mir schnell den Tod! mein Geist sehnt sich hinaus.
Der Kerker ist dem freien Mann der Tod
Und mehr als Tod. Wie soll ich sterben? Sprecht!

Aristides. Du hast die Wahl; doch die Gewohnheit ist –

Miltiades. Ich kenne sie und folg' ihr.

Aristides. Du hast Zeit;
Man übereilt Dich nicht.

Miltiades. Ich aber bin
Des Zauderns müde, sehne mich nach Ruh'.
Die Augenblicke, die die Freunde noch
Mir schenken, sollen mir noch Wohlthat sein;
Dann geh' ich, mit dem Ziele meines Laufs
Zufrieden, zu dem Erebus hinab.

Fünfter Auftritt

Vorige. Aeschylus, Epizelus und mehrere Bürger kommen.

Aeschylus (froh). Der Sturm hat sich gelegt, die Woge sinkt,
Und das Getümmel ordnet nach und nach
Sich zur Besinnung. Hoffnung bring' ich, mehr
Als Hoffnung schon, gewisse Rettung Dir.
Es kamen Männer noch von Marathon
In großer Zahl, mit mächtigem Gewicht,
Die sprachen, wie sie schlugen, Jeder ein
Themistokles; die Ueberlegung kam;
Sie wirkten allgewaltig. Der Beschluß
Ist aufgehoben, und das Volk verlangt
Nur fünfzig attische Talente zum Ersatz,
So viel der Seezug sie gekostet hat.

Miltiades. So gönnen sie mir die Erlösung nicht!
Ich soll im Kerker kümmerlich vergehn.
Talente! Fünfzig! Freunde, könnt ich die
Bezahlen, gäb' ich fast dem Volke Recht.
Beseht mein Haus, fragt, was mir sonst gehört,
Und kommen zehn Talente nur heraus,
So unterschreib' ich jeden Klagepunkt
Der Feinde wider mich!

Themistokles. Bei Marathon
Erfochten wir der reichen Beute viel;
Dort nehmt Ersatz, und Glück und Unglück kommt
Ins Gleiche wieder! Sage das dem Volk!

Aristides. Jetzt, wie es ist, hofft keine Aenderung!
Es giebt sich Alles, habet nur Geduld!
Der Irrthum schwindet, und die Wahrheit siegt,
Und Dankbarkeit behauptet noch ihr Recht.

Miltiades. Das glaub' ich selbst; nur daß ich dieses nicht
Erwarten kann. Mich ruft das Schicksal ab
Und hätt' es jetzt auch ohne Volk gethan.
Ich fühle, wie der Tod schon in mir sitzt
Und immer weiter greift; ruft mir den Arzt!
Ich sterbe, Freunde, sterbe ganz gewiß;
Die Rechnung ist geschlossen. Dieser Tag
Ist mir nur traurig für Athen und Euch;
Ich kann nicht besser enden.

Themistokles. Habe Muth!

Miltiades. Sprach das Themistokles? Ich habe Muth,
Auch wo die Kraft mich schon verlassen hat.

Sechster Auftritt

Vorige. Philippus, Arzt.

(Pause, während sich der Arzt naht.)

Miltiades. Arzt, bei dem Heiligsten in Dir und uns,
Kann ich genesen? Sprich!

Philippus. Das kannst Du nicht.

Miltiades (sieht seine Freunde an). Sprich bei den Göttern laut und feierlich
Für Diese hier! ich brauche keinen Spruch.

Philippus. Dich rettet selbst nicht Podalirius.

Miltiades. Schon gut. Es ist genug, wenn Du nicht kannst,
Du bist hier Podalirius für uns.
Und sterb' ich bald?

Philippus. Sehr bald.

Miltiades. Sehr bald also,
So bald als möglich.

Philippus. Die Zerstörung hat
Für uns schon ohne Rettung Dich gefaßt.

Miltiades. Genug! nicht weiter! Reiche mir den Trank!

(Alle sind betroffen.)

Themistokles. Miltiades, ist dies Dein letztes Wort?

Miltiades. Für mich; für Euch noch nicht. Das erste ist
Bei mir das letzte, wenn der Mann beschließt;
Doch hier vollstreck' ich nur den Volksbeschluß.

Cimon. Mein Vater, wehe mir, mein Muth verläßt
Mich in dem fürchterlichsten Augenblick!
Kannst Du so grausam sein?

Miltiades. Du hast gehört.
Mein Sohn, komm, sammle Deinen Muth! Du wirst
Ihn nöthig haben in dem Leben.

Cimon. Nie,
Nie mehr als jetzt.

Miltiades. So hab ihn also jetzt!

Cimon. Du selbst, mein Vater, willst mit eigner Hand –

Miltiades. Wie lange greif' ich vor? Zwei Tage kaum.
Geduldet hab' ich furchtbar schon; Ihr habt
Es nicht gesehn; der Mann erstickt den Schmerz;
Nun kocht die Gluth mir zu dem Herzen auf.
Soll ich denn meinen Leichnam vor mir sehn,
Wie er verwest? und wie der Ekel Euch
Bei meinem Anblick faßt? Ich leide, wie
Herakles auf dem Oeta litt.

Aristides. Ich seh',
Mit Schrecken seh' ich die Notwendigkeit
Und wag' es nicht, die kalte, eiserne
Mit der Vernunft zu zwingen.

Themistokles. Dunkel wird's
Um meinen Blick, als ob zum Erebus
Ich so auch gehen müßte.

Miltiades. Freunde, schließt
Euch dichter an! Ich sammle meine Kraft,
Die letzte, noch für Euch. Die Stunde sei
Euch feierlich; vergessen könnt Ihr nicht!
Ich sterbe, meiner Ewigkeit gewiß;
Das bürg' ich mir. Hört einen alten Mann,
Der immer Euer Freund und Vater war!
Mein Aristides, mein Themistokles,
Das Göttlichste für einen freien Mann,
Der Erde Himmel, ist das Vaterland;
Den Sclavenseelen nur ist das Gefühl,
Das heiligste der bessern Seelen, fremd.
(Zu Cimon.)
Mein Sohn, sei ruhig! lebe so wie ich,
Und Alle leben wir zusammen einst
Im Strahlenkranz des unbestochnen Ruhms!
Seid Männer, wie Ihr waret! die Gefahr
Wächst fürchterlich; prophetisch seh' ich das.
Der Tage kommen mehr wie Marathon.
Seid einig, bei den Göttern Griechenlands
Beschwör' ich Euch, bei Eurer Väter Herd,
Bei Euerm Namen in dem Buch der Zeit,
Seid einig in dem Kampf fürs Vaterland!
Vereinigt trotzen Griechen einer Welt,
Woher sie auch die Sonne schickt. Nur Zwist
Und blinde Selbstsucht gräbt der Freiheit Grab,
Des Ruhms, der Ehre und des bessern Sinns.
Ein Volk, das fällt, fällt immer nur durch sich.
Gerechtigkeit und Freiheit sind der Grund,
Nur sie allein, zu festem, steten Wohl;
Doch sichtet ernst! es ist nicht Alles ächt,
Was man Gerechtigkeit und Freiheit nennt.
Die Sclaverei ist durchaus kein Begriff,
Was auch Sophistendünkel sagen mag.
Es dämmert dunkel in der Seele mir;
Vielleicht hellt nach Jahrtausenden die Nacht
Sich Andern besser auf. – Ich werde schwach;
Hier glühet es und tobt.
(Auf die Wunde zeigend.)
Gebt mir den Trank!
(Man zaudert. Er wiederholt stark.)
Gebt mir den Trank! Wollt Ihr mich foltern? Gebt!
(Ein Sclave bringt den Becher, den er nimmt. Zu dem Sclaven)
Du armer Mann! Ich danke Dir. Ich bin
Nicht Zeus, sonst sollten keine Sclaven sein.
Geh, geh hinaus! ich brauche weiter nichts.

(Der Sclave geht furchtsam ab. Alle stehen stumm um ihn her. Eine Pause. Er gießt einige Tropfen zur Libation.)

Den Unterirdischen, zu denen ich
Hinuntergehe!

(Er trinkt den Trank. Cimon verhüllt sich schmerzlich das Gesicht. Aristides und Themistokles sehen traurig standhaft zu. Die Uebrigen nach ihrer verschiedenen Stimmung.)

Nun ist der Zug gethan.
Was hier war, weiß ich; was dort drüben ist,
Werd' ich sogleich erfahren.

Epizelus. Könnt' ich's auch!
Was ich von hier weiß, nimmt mir den Verstand.
Warum verlor ich statt des Lichts nicht ganz
Bei Marathon, was zu verlieren war,
Und der Verlust war herrlicher Gewinn!

Miltiades. Ha, Epizelus! Alter, alter Freund,
Ich danke herzlich Dir für den Besuch.
Nein, Du mußt leben, mußt die Knaben noch
Zu Männern bilden durch der Rede Gluth.
Athen wird besser werden, als es ist,
Und schöner auch.

Epizelus. Es scheint, verderbter nur;
Von Besserung hör' ich vom Hafen bis
Zum Kynosarge nichts. Dein Hiersein war
Doch wol der Anfang nicht. Miltiades,
Das Prytaneum ekelt nun mich an;
Ich mag nicht essen, wo man Dich verdammt.

Miltiades. Du Feuerkopf, Du bist der Alte noch!
Geduld, und lebe wohl! – Mein Aristid!

Aristides. Besorge, was Du noch zu ordnen hast!
Gewissenhaft soll, was Du sagst, geschehn.

Miltiades. Ich danke; das erwart' ich von dem Freund. –
Mein Sohn, mein Cimon, Cimon, sei ein Mann!

Cimon. An meiner Stelle, wer vermag es hier?
Mein Vater, ach, mein Vater!

Miltiades. Aristid,
Sei Du sein Freund! ich weiß gewiß, er hat
Einst großen Werth noch für sein Vaterland.
Ich weiß, ich sollte wandeln auf den Trank;
Das kann ich nicht. Ich fühle, daß sich Eis
In meinen Adern setzt; daß Hand und Fuß
Mir von dem Schierling stockt. – Entfernet Euch
Ein Wenig! schon der Hades haucht um mich.
Begrabt mich draußen an dem Hohlweg, wo
Mein Vater Cimon liegt! Ihr wisset, die
Pisistratiden haben ihn erwürgt;
Und mich erwürgte – Nein, das Vaterland
Soll keinen Vorwurf hören – –
Freunde, wir leben in Ruhm vereint
Zusammen im Glanze der Zeiten fort.
Muster ist unsere That für den Mann,
Welchen einst besserer Geist glühend beseelt.
(Er sinkt ermattet zurück.)

Themistokles. Sein Tod ist, wie sein ganzes Leben war.
Athen, Athen, und Diesen opferst Du!
Die Reue kommt zu spät.

Miltiades. Das Schicksal that's,
Der Stahl des Pariers gab mir den Tod.
Metiochus! – Ihr Götter, rettet ihn!
Der Schierling und der Stahl des Pariers
Sind gegen diese Bilder Linderung.
Mein Sohn, mein Sohn! Er ist in Susa Knecht!
(Er ermattet und spricht dann schwächer und langsamer.)
Ich dank' Euch, Freunde; grüßt von mir das Volk!
(Eine Trauermusik von Flöten wird in der Vorhalle gehört.)
Sagt, daß ich keinen Groll zum Hades trug!
Grüßt die Platäer von dem Waffenfreund,
Und lebet wohl, und liebt das Vaterland,
Und lebt und sterbt ihm! Götter, schützt Athen!
Mein Cimon, Deine Schwester – Erebus,
Ich komme schon. – Mein Sohn, das Vaterland!
Das Vaterland, Athener –
(Er bedeckt sich mit dem Mantel.)

Chor. Gehe zu Kodrus und Solon hin!
Die Seligen nehmen Dich freundlich auf.
Götter, gebt Männer wie er Griechenland,
Und es steht gegen den Sturm Asiens fest!

(Die Musik schweigt.)

Cimon (kniet neben dem Leichnam nieder). Jetzt darf ich Mensch sein; seht es, wenn Ihr wollt,
Und hört mich weinen! Hat wol je ein Sohn
So einen Vater so verloren? – Nun
Bin ich gesetzlich Erbe seiner Schuld
Und bin an meinem Ort und bleibe hier!

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