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Johann Gottfried Seume: Miltiades - Kapitel 6
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authorJohann Gottfried Seume
booktitleProsaische und poetische Werke ? Sechster Theil
titleMiltiades
publisherBerlin. Gustav Hempel
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Vierter Aufzug

Das Prytaneum

Erster Auftritt

Archonten, der Eponymus Aristides an der Spitze. Andere obrigkeitliche Personen. Xanthippus, Ankläger. Bürger beider Parteien.

Aristides. Hier ist der Platz des Angeklagten, hier
Der Deinige, Xanthippus! Bürger, hört
Mit Ruhe jedes Wort; laßt Leidenschaft
Und Vorurtheil in Euern Seelen nicht
Den Ausschlag geben! Nur Gerechtigkeit,
Durch welche nur allein die Staaten stehn,
Sei Eurer Stimmen feste Leiterin!
Bedenkt, der Tag, den Ihr jetzt halten wollt,
Bleibt frei und offen vor ganz Griechenland.
Olympiaden werden untergehn:
Er kehrt zurück mit seinem großen Schluß,
Liegt ewig in der Weltgeschichte da.
Man wird die Richter richten ohne Furcht,
Mit unbestochnen Gründen; nicht allein
An dem Ilissus; bei den Indiern
Und hinter des Herakles Säulen wird
Von Volk zu Volk mit strenger Wage man
Das Urtheil wieder wägen. Wohl dann Euch,
Wenn jeder Bessre für Euch unterschreibt!
Die Völker scheiden von dem Erdball weg
Wie Einzelne; nur was sie waren, bleibt:
Der Geist, der sie in ihrer Zeit gebar
Und ihre Ehr' und ihre Schande hält.
Und seid Ihr Griechen, wie ich glaub', Ihr seid's,
So faßt in dem Moment der Gegenwart
Zugleich Vergangenheit und Zukunft auf!
Des Jünglings Preis ist Schönheit, Kraft und Muth,
Der Männer Würde, Licht, Vernunft und Recht.
Hier kommt der Mann, dem jüngst Ihr mit Vertraun
Für Eure Freiheit in den Arm Euch warft,
Als Hippias hoch mit Tyrannenzorn
Vom Tigris her Verwüstung, Sclaverei
Und Untergang auf Eure Fluren trug!

Zweiter Auftritt

Einige Krieger tragen Miltiades auf einem Sessel und setzen ihn auf die angewiesene Stelle. Themistokles und Cimon folgen ihm. Der Chor.

Miltiades. Hier bin ich; klagt, Athener! Richtet mich,
Eh Euch der Tod die Beute raubt! Seid kurz!
Ich bin nicht sehr geduldiger Natur,
Das wißt Ihr noch von Marathon. Nicht mehr,
Als recht und nöthig ist! Und jetzt ist nicht
Viel Zeit; das sehet Ihr. Xanthippus, sprich!
Ich habe kaum noch Kraft zu hören, kaum
Noch Hauch genug, den Freund zu bitten, mir
Mit seiner Rede freundlich beizustehn.

Aristides. Xanthippus, rede, sprich nach dem Gesetz!
Du klagst ihn an; was willst Du gegen ihn?

Xanthippus (nach einer feierlichen Pause). Athener, hört! Den Göttern dank' ich erst
Mit heißem Danke und der Göttin, die
Die Burg bewacht, daß so ein Tag noch ist,
Daß unsre Stimme frei noch reden darf,
Daß kein Pisistratus, kein Hippias
Und kein Miltiades bis jetzt es wagt,
Den Gang zu hemmen, der das Vaterland
Mit gleichem Rechte schützt!

Aristides. Den Göttern Dank!
Sprich weiter, was zur Sache nöthig ist!

Xanthippus. Ich klage rechtlich hier Miltiades,
Den Sohn des Cimon, an des Hochverrats
An seinem Volk, an seinem Vaterland.

Aristides. Sprich und beweise!

Xanthippus. Geht sein Leben durch!
Sein Leben ist ein redender Beweis,
Daß Ehrgeiz, Willkür, Herrschsucht, Tyrannei
In seiner Seele liegt. Sein ganzes Haus
Ist ähnlich den Pisistratiden und
Wird endigen wie diese, wenn Ihr nicht
Noch, weil es Zeit ist, es zu hindern sucht.
Der ältere Miltiades war sonst,
So sagt man, dem Pisistratus verhaßt.
Ich glaub' es wohl; denn wie kann ein Tyrann
Den andern lieben? Einer nur hat Statt
Im Staate. Was die Machtvollkommenheit
Des Einen sichtet, ist verbrecherisch.
Wie künstlich weise, daß Apollo kam
Und diesen Männern aus einander half!
Miltiades, der Alte, war schon stark
Genug hier in Athen, daß der Tyrann,
Der wirklich herrschte, ihn mit Furcht nur sah.
Bei solchen Spielern ist ein Götterspruch
Der Würfel, welcher immer herrlich trifft.
Was sagt der Pythier nicht Alles, wenn
Man ihn nur sprechen läßt! – Miltiades
Fuhr mit dem Anhang in den Chersones.
Die Halbbarbaren wollten einen Mann
Zum Schutz im Felde gegen ihren Feind,
Voll Kraft und Wissenschaft, wie sie Athen
Nicht selten zeugt. Der Mann kam an und ward –
Der Stempel seines Geistes trat hervor –,
Ward schnell, was hier bei uns Pisistratus.
Nachdem nun er und dann Stesagoras,
Der Neffe, klug das Werk getrieben, ging
Nach ihrem Tode dieser unser Mann,
Von den Pisistratiden abgeschickt,
Und übernahm dort die Tyrannenschaft.
Sprecht, sag' ich nicht die Wahrheit? Alles ist
Selbst den Aphyenhändlern wohl bekannt.

Hemichor. Es ist, wie Du sagest; ich glaube fast
Die Sache steht schlimmer, als ich gedacht.

Xanthippus. So waren die Pisistratiden seiner los
Hier in Athen; dort in dem Chersones
Könnt' er den Herrschern hier behilflich sein.
Geht hin und fragt, ob er es nicht versteht,
Das Volk nach seinem Zweck zu leiten! Er
Ist, trotz Pisistratus, Ihr saht es schon,
Als er von Marathon nach Paros zog,
Der Mann, der klug und kühn durch Wogen bricht.
Als hier wir unsre Rettung feierten,
War er in seinem Thracien Hipparch,
Der unsern Namen dort zur Schande trug.
Gewiß, er hätte seinen Chersones
So bald nicht aufgegeben, hätt' er nur
Dort vor Darius freie Hand gehabt.
Ein Mann wie er kann nie der Zweite sein.
Durchs Meer getrennt, sich seiner Kraft bewußt,
Voll kühnen Muthes, wie er immer war,
That er den Vorschlag an dem Ister dort,
Die Brücke zu zertrümmern, um das Heer
Der Morgenländer der Verzweiflung preis-
Zugeben. Er allein, er konnt' ihn thun.
Doch die Ionier, sie wagten's nicht,
Ihm beizutreten, weil die Rache nah
Um ihre Häupter war. Miltiades,
Was er gewesen in Milet, was er
Im Chersonesus war, er hätte klug,
Was Histiäus that, gethan. – Er floh zu uns,
Als alle Aussicht dort verloren war.
Ein Bürger von Athen nahm sich ein Weib
Aus den Tyrannentöchtern Thraciens.
Auch diese neue Sippschaft half ihm nichts;
Selbst die Barbaren fühlten, was er war.
Die Feinde nahmen auf der Fahrt ein Schiff
Von seinem Zug; der Führer war sein Sohn
Metiochus: nicht unwahrscheinlich war
Es weiser Vorbedacht. Darius nahm
Den Jüngling auf, so freundlich, wie man nur
Den Freund bewillkommt; und dort lebt er noch,
Geliebt, in Weichlichkeit und Pomp und Pracht.

Nun war er Bürger hier; wer aber bürgt
Uns ganz für ihn? selbst als bei Marathon
Er uns die Feinde schlagen half? Er war
Darius schon vorher bekannt genug;
Und trotz der Herrschsucht war Darius stets
Ein Feind voll Großmuth und ein Freund, wie ihn
Selbst Hellas selten zeigt. Miltiades
War endlich doch gewiß, in Susa noch
Gewürdiget zu werden, was er hier
Bei den Athenern galt. Sein Geist ist kühn,
Und kühner ging er nun mit Riesenschritt
Gemessner weiter vorwärts. So ein Mann
Sucht erst Charakter und mit diesem Macht.
Als der Pisistratide Hippias
Noch bei dem Heere war und der Monarch
Sein Ehrenwort verpfändet hatte, ihn
Mit seiner Macht zurückzuführen, war
Für unsern Mann noch keine Hoffnung hier
Zur Herrschaft. Dieser fiel bei Marathon,
Und aus dem Oriente stieg nunmehr
Ein neuer Strahl. Wer mit dem Diadem
Des Mederkönigs nur Athen beherrscht,
Wie wäre der nicht Herr von Griechenland
In kurzer Zeit? Die Aussicht ist zu schön,
Ist zu verführerisch für einen Geist,
Wie wir den seinen kennen. Daß der Druck
Den Unterkönig nicht zu sehr beschränkt,
Zu schwer nicht wird, dafür hat die Natur
Durchs Meer gesorgt; und die Erfindungskraft
Des neuen Meisters wird das Werk für sich
Bald zu vollenden wissen. So geschah
Auf seinen Rath der schöne Inselzug.
Wer wird es glauben, daß ein Mann, der jüngst
Der besten Krieger zehn mit einem schlug,
Der Mann des Tags, den man in Griechenland
Mehr als Herakles' Kraft zu ehren schien,
Mit einer großen, selbstgebauten Macht
An einem Inselstädtchen scheiterte?
Wenn ihn nicht Säcke mit Dariken schon
Voraus bezahlt, wie ich kaum glauben kann,
So sind wir für die Zukunft hier verkauft
Dem großen Mäkler in dem Orient.
Was hat der Mann mit seinem Zug gethan,
Der gegen eine Welt in Waffen stand?
Nun braucht Darius nicht der Saker Speer;
Habt nur Geduld, es wirkt Metiochus!
Der Unterhändler schickt versteckt sein Gold,
Kauft Satelliten sich in unserm Volk,
Hebt unsre Knaben zu Eunuchen aus,
Und unsre schönsten Töchter sendet er
Den Lieblingsköniginnen oder weiht
Der morgenländischen Astarte sie.

Hemichor. Weh, wehe dem Manne, der dieses wagt!
Fort, fort den Verräther ins Barathron!

Xanthippus. Mir ist von ihm die Bosheit ganz gewiß,
Die That sei Heil, die That sei Hochverrath.
Ein Mann wie er thut niemals etwas halb.
Auch die geheimnißvolle Wunde schon
Macht ihn verdächtig. Fragt, woher sie kam!
Kein Krieger weiß es, wie er sie erhielt,
Weiß nicht, wohin er in der Mitternacht
Allein oft ging; was fordert Ihr nun noch?
Verlangt Ihr den Beweis vollendeter,
So wartet, bis er die Akropolis
Mit Persersöldnern eingenommen hat,
Wo kein Aristogiton retten kann!

Hemichor. Weh, wehe dem Manne, der dieses wagt!
Fort, fort den Verräther ins Barathron!

Xanthippus. Ins Barathron mit ihm, eh er sich dort
Mit seinen neuen Satelliten setzt
Und stolz herab auf unsre Ohnmacht schaut!
Eh er es wagt, mit ihm ins Barathron!
Nun sprich, vertheidige Dich, wenn Du kannst,
Und hebe die Beschuldigungen weg,
Die man sonst murmelnd nur, jetzt aber laut
Mit Ueberzeugung durch die ganze Stadt
In unverhaltener Verwünschung sagt!
So spricht Athen; ich bin nur das Organ.

Miltiades (nach einer Pause). Wie Du vorher sprachst, spricht Athen, nun sprichst
Du wieder nach. Xanthippus, ich gesteh',
Du bringst mich in Erstaunen über mich.
Die schlechten Menschen kennest Du sehr gut;
Doch nimmst Du hier mich falsch nur aus Dir selbst.
Wär' ich noch Der an Körper und an Geist,
Der ich noch kürzlich war vor Marathon,
Ich würde sprechen hier, wie ich dort schlug,
Und Deine Seele würde Scham und Angst
Ergreifen über meiner Rede Sinn.
Jetzt bin ich schon halb todt und brauche noch
Zu bessern Worten meinen Rest von Kraft.
Miltiades soll hier sich in Athen
Vertheidigen; wird man in Susa wol
Den Unsinn glauben? – Doch ich bin zu schwach.
Ist Jemand ein Tyrannenhasser, so
Ist es Themistokles; ich lege mich
In seine Hand. Er sage, was er kann,
Und was er will! Mir ist nunmehr der Tod
Mehr Ehre als das Leben, das Ihr gebt.
Doch wird mir's schwer, mit Eurer Schande schwer,
Zu Hades' Thor hinabzusteigen. Du
Hast nun gesehen, wie ich Dich gehört,
Xanthippus; was von mir ein Besserer
Nun sagen wird, und auch vielleicht zu viel,
Das kann, das will ich nicht mehr hören. Bringt
Mich fort nach Hause, daß ich wenigstens
An meines Vaters Herde sterben kann!
Mir bleibt mein Selbstgefühl. Thut, was Ihr wollt!

Kleon. Nach Hause will der Mann, hier auf den Tod
Des schrecklichsten Verbrechens angeklagt
Und nicht vermögend, die Vertheidung
Zu führen? Das Gesetz verweiset ihn
In das Gefängniß, uns zur Sicherheit.
Soll er die Burg besetzen, während wir
Hier richten, was mit ihm geschehen soll?
Ist's denn unmöglich? Wißt Ihr denn gewiß,
Was er für Anhang hat, was noch für Kraft?
Den Elfen übergiebt ihn das Gesetz,
Und das Gesetz sei heilig in dem Staat!

Demosthenes. Der Kerker dem Erretter? In Athen?

Kleon. Nicht dem Erretter, dem Verderber nur;
So will es das Gesetz. Ist das Gesetz
Schon stumm vor ihm? Dann war es schon zu spät.

Hemichor. So lange das Vaterland unser ist,
Ehrt, ehrt die Gesetze mit Heiligkeit!

Miltiades. Bringt mich, wohin es das Gesetz befiehlt;
Wohin Ihr wollt: nur bitt' ich, bringt mich fort!
Ich bin ein Mensch; sonst zwinget mich der Schmerz
Vielleicht zu mehr, als meiner Würde ziemt.
Verurtheilt bald! sonst thut es die Natur,
Wenn ich dem Spruch des Arztes glauben darf.

Aristides (zu einigen geringeren Magistratspersonen). Begleitet
ihn dahin und sorget für
Gerechtigkeit und Menschlichkeit zugleich!

(Miltiades wird weggetragen. Cimon und Einige folgen ihm.)

Dritter Auftritt.

Vorige, ohne den Angeklagten.

Aristides. Themistokles, der Angeklagte trug
Dir die Vertheidigung mit Worten auf,
Die seiner und die Deiner würdig sind.
Das Vaterland denkt, hoff' ich, gleich mit ihm
Von Deinem Werth. Erhältst Du uns den Mann,
Thust Du den Bürgern seine Unschuld dar,
So hast Du heute einen höhern Preis
Gewonnen als im Feld bei Marathon,
Wo Du an Tapferkeit der Erste warst.
Verdammen ist ein schreckliches Geschäft;
Erspar' es den Athenern, wenn Du kannst!

Themistokles (nach einer kleinen Pause). Ihr Männer von Athen, besinnet Euch!
Habt Ihr gehört, daß je Themistokles
Den freien Nacken bog, wo es den Werth
Des Bürgers galt? Es soll Miltiades
Hier keine Stimme haben. Ganz Athen,
Ganz Griechenland, wo man von Marathon,
Wie es der Tag verdiente, spricht, bezeugt
Euch, wer ich war. Noch bin ich, wer ich war,
Und werd' es sein, so lange dieses Blut
Vom Herzen mir zum Herzen wieder strömt.
Der Mann, den Ihr verklagt, verdammen wollt,
Er ist der erste Mann von Marathon;
Und als der erste Mann von Marathon
Ist er zugleich der erste Mann der Welt:
Das fühlt der Stolz des Griechen ganz gewiß,
Und doppelt des Atheners. Wär' er, was
Der böse Geist der Lästerzunge sagt,
So wahr auch ich ein Mann von Marathon
Und Grieche bin, ich würde nicht ein Wort
Für ihn verlieren; wie ein Krebsgeschwür
Würd' ich ihn hassen und der Erste sein,
Gerechten öffentlichen Rächern ihn
Zu überliefern! – War Themistokles
Als Knabe nicht hinlänglich schon bekannt,
Daß seine Seele keinen Herrn ertrug?
Und an der Burg Athen's sollt' er als Mann
Die Proskynese dulden? Glaubt Ihr das?
Wen Aristides, wen Themistokles
Der Herrschaft nicht beschuldigen, dem könnt
Ihr sicher folgen; es ist nicht Gefahr.
Er bleibet Bürger, und Ihr bleibet frei.
Sein Haus war dem Pisistratus verhaßt. –
Und das mit Recht, sag' ich. Haßt der Tyrann
Denn nur Tyrannen? Ist der Bürger nicht,
Der des Tyrannen Unfug untersucht
Und zu beschränken wagt, ihm gleich verhaßt?
Es wären also alle Die, die wir
Vom Beile der Tyrannen sterben sahn,
Mit gleichem Schluß der Freiheit Feinde nur.
Er ging nach Thracien. – Was konnt' er sonst?
Er war dort selbst Tyrann. – Er erbte nur
Die Macht, vor den Barbaren Euch
Von dort zu sichern. Gehet hin und fragt,
Wie er sie brauchte: ob ein Grieche dort
Von seinem Werth verlor, ob Menschenrecht
Durch ihn gelitten hat, ob nicht sein Haus,
Heroen gleich, noch dort verehret wird!

Als Der von Susa stolz mit einer Welt
Von Söldnern über See herüberkam
Und einen Troß von Griechen mit sich zog,
Halb Griechen nur, was that Miltiades?
Er mußte folgen; wie er folgte, that
Sein kühner Muth bald an dem Ister kund.
Die Sicherheit gebot ihm, still zu sein,
Wie den Ioniern; er aber war
Der Einzige, der wie ein Grieche sprach.
Und hätte man dort seinen Rath befolgt
Und kühn die Isterbrücke nur zerstört,
Die Perser kamen nie nach Marathon.
Das Schicksal aber wollte seinen Ruhm
Und unsre Schande nun vielleicht. Er floh
Zu uns, zu seinem väterlichen Herd.
Daß er auf seiner Fahrt den Sohn verlor –
Den Vater schmerzt noch täglich der Verlust –,
Legt nur die Bosheit als Verbrechen aus.
Er brachte Lemnus mit von seinem Zug,
Dem Vaterland ein wichtiges Geschenk,
Das er durch Klugheit, durch Entschlossenheit
Und schnellen Muth den Feinden abgewann.
Ist dies Verrath, was wäre Bürgersinn?
Ob er uns Bürger war, das frag' ich Euch!
Wo war das Gold, womit Tyrannen sich
Und ihren Troß zu decken pflegen? wo
Der Zug von Söldnern vor und hinter ihm?
Wo war die Herrlichkeit, die ein Satrap
Pon Susa zeigt? Sein Haus ist alt und klein,
Noch, wie es ehmals unter Solon war,
Bescheiden bürgerlich; und Bürger nur
Besuchten es in alter Traulichkeit
Und saßen mit dem Hausherrn gleich und gleich
Am freundlichen Kaminstrahl oder dort
Am Oelbaum der Athene Polias
Und dachten auf des Vaterlandes Wohl.
Hat er nach Macht gegeizt, um Gunst gebuhlt?
War er nicht Jedes brüderlicher Freund?
Und ernst dabei und strenge? Half er nicht
Ohn' alle kleinliche Hetärenkunst?
Hat mancher Bürger nicht durch seinen Rath
Sein Glück im Sinken wieder aufgebaut?

Hemichor. Sein Haus war den Guten ein Zufluchtsort;
Er war uns ein Vater, er war uns Freund.

Themistokles. Ihr wißt, was Ihr bei Sardes thatet, wißt,
Daß täglich ein vergoldeter Trabant
Den großen König in Ekbatana
Erinnern mußte, wenn er bei dem Mahl
Den letzten feierlichen Becher hob:
»Gedenke der Athener!« und er that's.
Was Ihr den Boten thatet, die von Euch
Für ihn hier Erd' und Wasser forderten,
Wer weiß das nicht? Ihr fühltet nur den Schimpf,
Das Ungeheure des Tyrannenrechts,
Daß Ihr darüber selbst das Recht vergaßt.
Als nun aufs Neue sich verstärkt der Strom
Herüberwälzte von dem Orient
Und des beleidigten Monarchen Stolz
Die Griechen alle schon in Ketten sah:
Athener, denkt Ihr noch daran, es ist
Die Zeit so lange nicht vorbei, wie Ihr,
Halb Angst, halb Heldenmuth, entgegen ihm
Euch stürztet mit dem heiligen Entschluß,
Zu sterben in des Vaterlands Ruin,
Nicht knechtisch zu ertragen fremdes Joch?
Es ruhte damals auf Miltiades
Mit kindlichem Vertrauen jeder Blick.
Er forderte den Kampf mit Jugendgluth
Und männlicher Vernunft; der Polemarch
Trat seiner hohen Feuerrede bei.
Man gab die Schlacht, und so errangen wir
Vielleicht der Weltgeschichte Flammentag.
Es waren keine Lydier, die dort
Mit Knechtschaft uns bedroheten, es war
Das Heer, das stolz das Morgenland bezwang,
Vom Nil hinauf bis an den Kaukasus,
Vom Strom des Indus bis nach Ilion.
Wir schlugen die Unsterblichen, die sich
Zu Weltbezwingern Cyrus selber schuf.

Miltiades hat Euch zum ersten Volk
Der Völker, die die Sonne sehn, gemacht:
Er war der Geist, Ihr waret nur der Arm;
Ihr wäret ohne ihn vielleicht vertilgt.
Glaubt Ihr die Führer Eurer Heere denn
So feige, feile Seelen, daß sie Euch
Und sich der Willkür eines Einzigen
Blind anvertrauten, wenn der Einzige
Nicht auch ein Mann von Bürgertugend war?
Könnt Ihr Themistokles und Satellit
In einem Mann zusammen denken? Nein,
Bei der Aegide unsrer Göttin, nein,
Das könnt Ihr nicht! So bin ich nicht bekannt.
Er unternahm den Seezug. Dieser war,
Ich weiß, das Gegentheil von Marathon.
Athener sind der Wogen nicht gewohnt;
Sie werden's werden, wenn das Schicksal will;
Jetzt schwingen sie nur mächtig Schild und Speer
Auf festem Boden. Wenn Miltiades
Sich hierin irrte, war es Menschlichkeit.
Er rechnete für Euch als Patriot;
Hat Jemand mehr Verlust dabei als er?
Er war kein Gott, die Zukunft durchzuschaun.
Die Absicht sprach für ihn, und der Entwurf,
Die Inselvölker für das Vaterland
Zurückzubringen, war der Griechen werth,
War Euer werth und seiner. Daß er nicht
Wie ehemals mit Sieg nach Hause kam,
Nimmt seinem Werthe nichts. Es zeiget nur,
Mit Stolze sprech' ich's, noch den Unterschied,
Der zwischen Griechen und Barbaren ist,
Noch zwischen Paros und Ekbatana.
Wo wäre denn das Gold, das er bekam?
Von wem erhielt er's? Und sodann, wozu?
Kann er wol mehr sein als der erste Mann
Von Marathon, vor welchem Susa bebt?
Glaubt Ihr, daß Zeus mit Plutus tauschen wird?
Der Stahl beherrscht das Gold, der Muth den Stahl,
Und die Vernunft den Muth; ist dieses nicht,
So taumeln Mann und Staat zu ihrem Sturz.
Ich bitt' Euch, fleh' Euch, Männer von Athen –
Bedenkt, es ist Themistokles, der spricht –,
Bei den Erschlagenen in Marathon,
Bei Eurer großen Thaten Ewigkeit
Beschwör' ich Euch, beschließet nichts im Sturm
Der Leidenschaft, die Euch gewiß verführt!
Der alte Mann hat nur noch einen Hauch
Zu leben; bringt die Schande nicht auf uns!
Verdammt Ihr ihn, Beweise habt Ihr nicht,
So gebt Ihr dadurch ihm des Ruhmes mehr,
Als er sich dort bei Marathon erwarb.

(Er schweigt. Pause).

Aristides. Du hast gesprochen wie für Deinen Freund,
Wie Deinem bessern Geist es ziemt, als Mann,
Der mit dem Vaterland es redlich meint.
Die Götter schauen jetzt auf Euch herab,
Athener, vom Olymp, und zeichnen ernst
Des Tages Ausspruch zur Berechnung auf.
Athener, denkt, die Nachwelt richtet Euch!
Und dem Athener ist die Nachwelt mehr
Als in dem Flug die Gegenwart.

Xanthippus. Hinaus!
Fort auf den Markt, daß man die Stimmen dort
Gehörig sammle! Jetzt hab' ich gethan,
Was Ihr gewollt; nun sollt auch Ihr, was ich
Und das Gesetz will. Draußen sag' ich kurz,
Was ich gesagt, dann spreche, wer noch will.
So geh' es in der Ordnung vor dem Volk;
Das Volk ist Richter, und das Volk allein
In öffentlicher Sache. Das Gesetz
Bestimmt es so, und weise, wie mich dünkt,
Wie Solon und die Alten wohl gewußt.
Herrscht hier Pisistratus? Ich frage nur
Das Volk und sage weiter dann kein Wort.

(Er geht ab. Sein Anhang folgt ihm.

Aristides. Der Strom reißt furchtbar, Freunde, folget ihm
Und suchet dort den Sturm zu bändigen,
Den er erregt! ich thue, was ich kann.

(Alle verlassen den Saal bis auf Demosthenes.)

Vierter Auftritt

Demosthenes (allein).

Demosthenes. Mein Bruder Eukles focht bei Marathon
Merkwürdig mit, das sagt die ganze Zunft;
Und als die Perser flohen, floh er schnell
Im Waffenkleide heiß den Weg zur Stadt
Mit voller Brust, der frohen Botschaft voll,
Der erste Freudenbringer hier zu sein.
Die Götter halfen ihm; er kam ans Thor
Und stürzte schweres Athemzugs herein
Und rufte: »Freuet Euch, ich bringe Sieg!«
Dann fiel er hin und starb. – Ein solches Wort
Dem Vaterlande zuzurufen, wer
Erwählte sich nicht einen solchen Tod?
Hätt' ich den Sieg vom Herakleum dort
Bis an das Herakleum vor der Stadt
Zuerst hierher gebracht und wäre dann
Mit dieser Freudenbotschaft hingestürzt
In Hades' Thor, wie glücklich wär' ich jetzt!
Miltiades verliert am Leben nichts,
Sein Ruhm ist ewig in der Welten Buch.
Doch wer nimmt uns den Schandfleck wieder ab,
Den sich Athen jetzt einzubrennen eilt?
Erhabene Beherrscherin der Burg,
Der Cekropiden große Göttin, gieb
Dem Volke Weisheit, daß es sehe, was
Dem Vaterlande frommt, und was sich ziemt!

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