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Johann Gottfried Seume: Miltiades - Kapitel 5
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authorJohann Gottfried Seume
booktitleProsaische und poetische Werke ? Sechster Theil
titleMiltiades
publisherBerlin. Gustav Hempel
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Dritter Aufzug

Erster Auftritt

Gruppen von Bürgern, nach ihrer politischen Stimmung. Xanthippus. Kleon. Ihr Anhang. Demosthenes, Aeschylus, Bürger und Freunde des Miltiades. Lysikrates, gemäßigt.

Kleon. Die Klage soll im Prytaneum sein,
Sagst Du, Xanthippus? Wieder Neuerung.
Seit Theseus' Zeiten war der Markt der Platz,
Wo man die öffentliche Sach' entschied.
Hier soll Gericht sein! Was hat er voraus?
Die Halle dort ist klein. Er hat am Volk
Gesündiget: er soll sich vor dem Volk
Vertheidigen, wenn er es kann! Denkt er
Der freien Untersuchung zu entgehn?
Das soll er nicht!

Demosthenes (zu Aeschylus). Wenn man den Menschen hört,
Man kommt doch fast zu glauben in Gefahr,
Er sei der Mann, der die Unsterblichen
Des Perserheers allein geschlagen hat,
So hoch spricht er; und dennoch ist er nur
Der Gerber Kleon unten an dem Pnyx,
Der mit Aegyptern sich zuweilen laut
In Gerstenwein berauscht, nicht weiter kam
Als bis zum Kynosarge, wo er sieht,
Wie seine Lederarbeit uns den Fluß verderbt.

Kleon. Demosthenes, ich kenne Dich.

Demosthenes. Da kennst
Du einen Mann, den kein Athener noch
Mit einer Klage hier verfolgte, der
Dort in dem Feld und auf dem Markte hier
Stets seine Pflichten that.

Kleon. Wir wissen, Du
Bist des Tyrannen Freund.

Demosthenes. Wär' er Tyrann,
Das glaube mir, Du sprächest längst nicht mehr
Und hieltest nicht Gericht jetzt über ihn.
Denn wäre ja Miltiades so schlecht,
Als Du ihn lügst, denkst Du, er wäre hier,
Wo man Aristogiton Hymnen singt?
Er will dem Volke wohl; das wollt Ihr nicht.
Die Eupatriden und die Wucherer
Säh'n gar zu gern den Laurischen Gewinn
Ohn' allen Abzug in die Säcke gehn,
Die sie besitzen. Daß er Unglück hat,
Daß Paros so nicht war wie Marathon,
Ist das Verbrechen? Perser fochten hier,
Dort fochten Griechen.

Xanthippus. Freund Demosthenes,
Das wird sich zeigen, wenn's zur Sache kommt.

Demosthenes. Ich hoff', es wird. Denn bei Minervens Schild,
Nie soll der Oelbaum unsrer Polias
Mich mehr beschatten, wenn ein Mann wie er
Nicht sicher an des Vaters Herde sitzt!

Kleon. Du kannst ja mit ihm gehen.

Demosthenes. Allerdings.
Viel lieber in dem Barathron mit ihm,
Als dort in der Akropolis mit Dir!

Kleon. Wir wissen, daß ein Mann von Marathon
Nicht sehr bescheiden redet, wenn er spricht.

Aeschylus. Wir dürften schweigen, Marathon spricht selbst;
Wenn nur die schlimmeren Athener nicht
Das Werk zerstörten, das wir dort gebaut!

Kleon. Auch Du warst dort, ich weiß es; überdies
Schriebst Du noch Verse, die ich nicht verstand.

Aeschylus. Ich glaub' es wohl.

Kleon. Und das zusammen macht
Dich nicht erträglicher.

Aeschylus. Das ist mir lieb.
Den Thoren zu gefallen, wünscht der Thor.

Xanthippus. Erbittert Euch doch nicht! Was recht ist, wird,
Muß Jedem werden in Athen. Du wirst
Es doch nicht tadeln, daß wir einen Mann,
Der so viel Bürger in den Tod geführt,
In einem so geheimnißvollen Gang,
Wovon noch jetzt das Volk nur wenig weiß,
Der so viel Schätze stolz verschwendet hat,
Als wären's Feigen, nun zur Rechenschaft
Nach dem Gesetz in Untersuchung ziehn!
Hier ist der Eupatrid', der Idiot
Und Jeder gleich: die Frag' ist nur das Recht;
Und es ist der Gerechtigkeit Natur,
Daß sie für Alle gleich sei.

Demosthenes. Alles dies
Klingt schön und gut, und Alles ist sehr wahr.
Wenn nur des Unmuths Gährung nicht voraus,
Durch Euch emporgerüttelt, überall
Das Volk mit blindem Undank angefüllt,
Zur Wuth entflammet hätte. Wird Vernunft
Wol je gehört im Sturm der Leidenschaft?

Xanthippus. Auch er ist Eupatrid', und die Partei,
Die ihn beschützt, hat ihrer noch genug.
Auch sitzen keine Lästrygonier
Hier zu Gericht; es sind Athener, die
Mit ihm gelebt, und die von Solon her,
Von Kodrus und von Theseus Menschlichkeit
Mit Freiheit und Gerechtigkeit vereint.

Demosthenes. Ich fürchte Deine Klage nicht so sehr –
Ob Du gleich fein genug sie drehen wirst –
Als Deine Schleicher hier und dort am Pnyx
Und an dem Hafen unten, mit dem Gold
Von den Alkmäoniden in der Hand.

Xanthippus. Du, Lästerer, beschimpfst das ganze Volk
Und seine Edelsten. Ich werde die
Verleumdung ahnden, wenn die Stunde kommt.

Demosthenes. Ich glaub' es freilich wohl. Was werden dann
Nicht Alles die Alkmäoniden thun
Durch Dich und Kleon und die Sippschaft, die
Ihr um Euch zieht! Allein noch hoffe nicht
Zu zuversichtlich! Wenn's Euch auch gelingt,
Das Volk im Taumel zu des Mannes Mord
Frech zu empören – noch sind Männer da
Von Marathon, die dort den Feinden und
Den Schwindelgeistern hier gleich furchtbar sind:
Und das sind die Alkmäoniden nicht!

Xanthippus. Du drohst wie Einer, der des Hinterhalts
Bewußt sich ist; das Volk wird aber frei
Und kühn, was recht ist, thun. Zwar sind nun die
Pisistratiden fort, doch wuchert der
Pisistratiden Geist noch in Athen.
Und diesen endlich auszurotten, sei
Die Arbeit jedes Redlichen im Staat!

Demosthenes. Hier kommt der Archon; macht dem Archon Platz!

Zweiter Auftritt

Vorige. Aristides und Themistokles erscheinen mit einigem Gefolge.

Aristides. Ihr Bürger, höret mich! Xanthippus klagt
Miltiades des Hochverrats beim Volk
Gesetzlich an. Es hat nun der Senat
Das Prytaneum zum Verhör bestimmt.

Kleon. Der Markt und nicht das Prytaneum ist
Der Ort, wo nach dem ältesten Gebrauch
Man dieser Art Gerichte hält. Es soll
Hier keine Neuerung gestattet sein.

Aristides. Der Angeklagte ist ein kranker Mann,
Ist schwer verwundet in dem Dienst des Staats,
Ist alt und schwach; die Witterung ist rauh.
Der Saal ist groß; das Prytaneum ist
Zu dem Verhör bestimmt.

Xanthippus. Mir gilt es gleich.

Kleon. Die Neuerung kann nur gefährlich sein!
Der alte Brauch gilt hier wie ein Gesetz.

Aristides. Hier auf dem Markte kann der kranke Mann
Unmöglich jetzt erscheinen, wenn Ihr ihn
Nicht vor den Schranken wollet sterben sehn.

Kleon. So sei es denn! Allein der Volksbeschluß,
Der ihn verurtheilt oder losspricht, wird
Dann hier gefaßt; das kann nur hier geschehn,
Nach Vierteln, wie die alte Ordnung heischt.

Aristides. Das wird sich finden, Kleon. Glaube mir,
Wol kein Athener kann in ganz Athen
Für Ordnung und Gesetz und Recht und Pflicht
Besorgter sein, als Aristides ist.
Jetzt gehe Jeder, dessen Gegenwart
Dort nöthig ist! Der Thesmothet besorgt
Die Anstalt schon, und die Versammlung wächst.
Ich gehe selbst, den fürchterlichen Tag
Für unser Vaterland zu ordnen, der
In aller Griechen Augen uns vielleicht
Mit Schande zeichnen wird.

(Er geht mit seinem Gefolge ab.)

Dritter Auftritt

Vorige, ohne Aristides und Themistokles.

Kleon. Der Archon giebt
Sich heute viele Müh' um das Gericht,
Als wär' es eben jetzt das erste Mal,
Daß so ein Mann in Untersuchung kommt.

Lysikrates. Daß so ein Mann in Untersuchung kommt,
Ist allerdings das erste Mal, mein Freund.
Von Cekrops bis zu Solon war kein Tag
Wie Marathon.

Demosthenes. Kein Mann, wie dieser ist.
Selbst die gigantische Heroenwelt
Hat ihrer wenige.

Kleon. Wir zweifeln nicht
An seinem großen Geist. Er reißt mit sich
Wie ein Koloß die kleinen Seelen fort.
Um desto fürchterlicher ist, was er
In seines Geistes Tiefe kühn beginnt.
Das Schicksal nur hat seinen Lauf gehemmt,
Sonst, fürcht' ich, war er zehnfach in Athen,
Was er vorher im Chersonesus war.

Xanthippus. Ihr Bürger, kommt! Wir müssen diesmal wol
Dem Archon folgen, der das Hochgericht
Vom Markt ins Prytaneum trägt. Es soll
Dem Angeklagten wenig helfen, daß
Man alle Mittel sucht, ihn vor dem Zorn
Des aufgebrachten Volks zu decken. Nichts
Als der Beweis von seiner Unschuld kann
Ihn retten, und ich glaube, der ist schwer.
Er wird das Opfer seines Frevelsinns.

(Er geht mit seinem Anhang ab.)

Vierter Auftritt

Demosthenes. Aeschylus. Lysikrates.

Lysikrates. Dergleichen Tage sah Athen noch nie.

Demosthenes. Ich fürcht', es ist der Anfang mehrerer.
Gelinget dieser, dann wird das Verdienst
Die Loosung zu des Pöbels Allgewalt.
Die Scherben werden schon das Vaterland
Von Männern säubern, deren Werth etwas
Emporsteigt aus den Hefen an dem Pnyx.
Des Gerber Kleon's Enkel werden dann
Noch stärker reden, als ihr Ahnherr spricht,
Der doch an Unverschämtheit Keinem weicht.

Lysikrates. Doch kommt mir vor, man thut Miltiades
Auch nicht so Unrecht, wie Ihr, Freunde, meint,
Ist er gleich nicht das Ungeheu'r, zu dem
Ihn seine Gegner machen. Das Gericht
Des ganzen Volks muß, wird den Ausspruch thun,
Was von dem Mann, der unser Retter war,
Das Vaterland jetzt auch zu fürchten hat.
Des Bürgers Pflicht war, was er ehmals that,
Tilgt aber kein Verbrechen.

Aeschylus. Ständen nur
Hier um den Löwen die Hyänen nicht
Von allen Seiten her! Wohin er blickt,
Blickt er auf Haufen Undankbarer, die
Durch ihn allein nur sind, was sie noch sind.

Lysikrates. Ob dies ganz Wahrheit sei, beweise Du!
Wir wollen gehn. Der große Kampf beginnt.
Ich wünsche heiß des Vaterlandes Heil
Und will mich freun, wenn er durch Unschuld siegt.
Mein ganzes Haus sei dann ein Opferfest
Für jeden Bürger, welcher kommen will.
Doch muß er fallen – der Gedanke greift
Mir durch das Mark –, so sei mein nasser Blick
Ein Zoll dem großen, wunderbaren Mann!

Demosthenes. Verleiht mir Fassung, Götter, daß der Zorn
Mir nicht das Herzblut durch die Schläfe jagt!
Die nächste Stunde sagt bestimmt, ob wir
Athener oder Lästrygonier,
Ob Hellas' Ehre oder Schandfleck sind.
Von unsern Richtern fürcht' ich Alles; kommt!

(Sie gehen zusammen ab.)

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