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Johann Gottfried Seume: Miltiades - Kapitel 4
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authorJohann Gottfried Seume
booktitleProsaische und poetische Werke ? Sechster Theil
titleMiltiades
publisherBerlin. Gustav Hempel
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Zweiter Aufzug.

Wohnung des Miltiades.

Erster Auftritt.

Miltiades wird von Kriegern auf einem Sessel gebracht, schwer in den Schenkel verwundet. Elpinice.

Miltiades. Hier setzt mich her an meines Vaters Herd!
Hier vor den kleinen, stillen Hausaltar,
Hier, wo der ältere Miltiades
Die Thracier mit dem Orakelspruch
In kaum bewußter Tugend zu sich lud!
Das Glück und Unglück unsers Hauses kam
Von dieser Stunde –
(Zu den Kriegern.) Freunde, Eure Hand!
Das ist jetzt Alles, was Miltiades
Euch geben kann; verschmäht die Gabe nicht!
Ihr wart bei Marathon?

Ein Krieger. Wir waren, wir
Sind Bürger von Athen.

Miltiades. Für jenen Tag
Dankt Euch das Vaterland und Euer Herz.
Für diesen, ach, ich bin nun fast zu arm,
Euch nur zu danken; dennoch dank' ich Euch.
Lebt wohl, Ihr Bürger!

(Die Krieger gehen ab.)

(Zu Elpinice.) Meine Tochter, komm;
Komm an mein Herz, mein liebes, liebes Kind!
Du weinst? Gieb diese Thränen der Natur
Und dann sei Tochter des Miltiades!
Sei eine Griechin!

Elpinice. Wärst Du nie mit Sieg
Von Marathon gekommen, hätte nie
Das Volk mit Jubel hoch Dir zugejauchzt!
Das wird Dich tödten, Vater; Gott, das wird!

Miltiades. Sei ruhig, Mädchen! sammle Deinen Muth
Und sieh die Dinge, wie die Dinge sind!
Wärst Du so klein gesinnt, daß Du den Tag
Von Marathon dahin fürs Leben gäbst?
Das bist Du nicht: Dich wiegt der Augenblick
Nur etwas nieder. Ohne Marathon,
Was wären wir? und was das Vaterland?
Ich war Athener in dem Chersones;
Es ist mein Stolz, daß ich Athener bin.
Bei aller Narrheit unsers leichten Volks
Ist es vielleicht doch noch das menschlichste,
Das freundlichste von Hellas. Tapfer ist's,
Wie es die Ebne dort bewiesen hat.

Elpinice. Der Neid, die Mißgunst und der Undank wird
Dich der Parteisucht opfern. Ach, mein Herz
Bebt vor dem Markte, wo die Frechheit sich
In Gruppen stellt und über Tugenden,
Die ihren Seelen unerreichbar sind,
Mit Scheelsucht urtheilt und die Eifersucht
Für das, was ihre Horde Freiheit nennt –

Miltiades. Mein Kind, Du urtheilst eben jetzt wie sie.
Nicht unwahrscheinlich, daß Ihr Beide irrt.
Doch welcher Irrthum wol verzeihlicher,
Der Menschenwürde minder schädlich sei,
Das, liebes Kind, enträthselt nur ein Gott.
Nur gleiches Recht, nur gleiche Freiheit trägt
Das Vaterland an des Verderbens Rand
Durch Klippen hin, wo jeder Bürger sich
Mit edlem Stolze zu dem Ganzen reiht
Und Keinem Antwort giebt als dem Gesetz.
Nur dieser Geist hebt unser Griechenland
So hoch empor, daß es vor einer Welt
Von Söldnern, die der reiche Orient
Herübersendet, nicht erzittern darf;
Nur dieser Geist schuf Marathon und schafft
Der Flammentage mehr, wie dieser war.
Dein Vater müßte ohne diesen Geist
Vor dem Despoten, der in Susa thront,
Den Fußtritt mit der Stirn berühren; Du,
Du, liebes Kind, wärst ohne diesen Geist
Ein Sclavenmädchen einer Perserin,
Die, selbst halb Sclavin, nur in Pomp gehüllt,
Den Werth der freien Seele nie begreift.

Elpinice. Mein Vater, ach, wird nicht auch dieser Geist,
Der Dich und Deine Freunde so durchglüht,
Dich mit den Freunden ins Verderben ziehn?
Der Sturm braust hoch, und Glück und Unglück wird
Hier gleich Verbrechen; lauschender Verdacht
Und Leidenschaft der Demagogen ist
Genug zum Hingang in das Barathron.

Miltiades. Wol möglich, gutes Kind! ich fürcht' es selbst.
In Susa dort kennt man kein Menschenrecht;
Hier in Athen bewachet Angst und Furcht
Das Heiligthum, zum höchsten Mißbrauch oft
Des Heiligthums. Soll keine Rose sein,
Weil ihre Dornen stechen? Soll kein Kraut
Der Heilung wachsen, weil es in der Hand
Der Thorheit und der Bosheit Gift gebiert?
Der Strom, der einem Tempe Fruchtbarkeit
Und Nahrung giebt, durchbricht oft seinen Damm
Und wälzet sich verheerend durch die Au';
Doch ohne seinen Segen wären auch
Die Tempefluren nicht.

Elpinice. O, könnten die
Athener alle, die mit Mißtraun jetzt
Vom Kynosarge bis zum Hafen hin
Verderben raunend, ängstlich brütend stehn,
Die große Seele schauen, wie sie ist,
Dir und dem Vaterlande wäre wohl!
(Cimon erscheint.)
Hier kommt mein Bruder. Ach, mir wird die Last
Mehr als zur Hälfte leichter, wenn er kommt.

Zweiter Auftritt.

Vorige. Cimon.

Miltiades. Wie steht es draußen, Cimon?

Cimon. Vater, schlecht.

Miltiades. Von innen steht es gut, bis auf den Fuß,
Der mich entsetzlich brennt.

Cimon. So kamst Du nicht
Vom Herakleum dort bei Marathon
Zum Herakleum nah hier vor dem Thor,
Wo von dem Kynosarge noch Dein Blick
Die Perser schreckte, daß die Flotte schnell
Die Höhe suchte –

Miltiades. Recht, so kam ich nicht.
Bin ich Dir jetzo minder werth, mein Sohn,
Weil nicht der Lorbeer meine Schläfe schmückt,
Weil nicht die Menge schwindelnd mich umjauchzt?

Cimon. Kann in der fürchterlichen Stunde noch
Mein Vater unsanft sein? Gewiß, so kennt
Er seinen Cimon nicht. Ich bin so stolz
Auf Dich noch jetzt, wie ich es damals war.
Das Unglück erst bewährt den großen Mann.

Miltiades. Stolz ist Gefühl des Werths. Ein Jeder sei
Nur stolz auf sich und übertreibe nie
Den wahren Werth, der wirklich in ihm ist!
Dann ist der Staat auf seine Bürger stolz.
Was Einer thut, giebt keinem Andern Werth,
Und wäre dieser Andere der Sohn.

Cimon. Mein Vater, zürne nicht! Du weißt es selbst,
Das wollt' ich nicht. Dein Heldenantlitz weckt
In mir das allgewaltige Gefühl,
Den tiefen Feuerdrang, Dir gleich zu sein,
Zu thun wie Du, und sei es auf Gefahr
Des Lohns sogar, wie Du ihn jetzt erfährst.

Miltiades. Ich glaube Dir. Mit solchen Bürgern steht
Athen gewiß. Thu Deine Pflicht, mein Sohn,
Mit allem Feuereifer Deiner Brust,
Und was Du thust, sei Lohn, der Dir genügt!
Die Tugend ohne Lohn ist doppelt schön.
In Allem übertriff mich, wenn Du kannst,
Und sei, wenn's sein muß, mir im Unglück gleich!
Wie steht's im Volk? Mein Sohn, verbirg mir nichts!
Ich war der Letzte nicht bei Marathon
Und kann es hören, Cimon. Damals galt's
Dem Vaterlande, jetzo gilt's nur mir.

Cimon. Du weißt, Dein Aufenthalt im Chersones
Giebt unsern Rädlern vielen reichen Stoff,
Ihr Gift zu kochen, und die Mischung wirkt.
Dein Ansehn in dem Staat, der Vorzug, den
Dir alle Feldherrn gaben, dann Dein Sieg
Und nun Dein Unglück, Alles, Alles wird
Dir zum Verbrechen. Braucht das Volk noch mehr?
Der Demagog ruft laut und hoch Verrath,
Und aus dem Munde jedes Miethlings hallt's,
Der sich für drei Obolen ihm verkauft.
Von seiner feilen Seele schließt er stracks
Auf Andere.

Elpinice. Die Götter wissen das,
Wie unaussprechlich thöricht und verkehrt
Die Menge handelt. Bruder, sammle Dich,
Gieb etwas von der strengen Tugend nach!
Sieh, welche Angst mir fast das Herz zerreißt,
Und welcher Schmerz mir von dem Auge glüht!
Rett uns den Vater, thue, was Du kannst;
Sprich, bitte, flehe, schmeichle; nimm den Schmuck,
Den Du zuletzt mir gabst; mein letztes Gold
Nimm, nimm, bestich! Was sich Miltiades
Nie, nie erlauben wird, nie darf, das darf
Sein Sohn für ihn, wo es den Vater gilt.
Den Thoren fasse kühn nach seiner Art
Und seinen Freund, den Schlechten: einst noch dankt
Der Staat Dir für den freundlichen Betrug,
Daß Du die große Tugend ihm erkauft!

Miltiades. Du rührst mich, Tochter; Deine Zärtlichkeit
Thut meinem väterlichen Herzen wohl.
Ich danke Dir. Allein Du irrst, mein Kind,
Das kann und soll nichts helfen; unser Haus
Steht in der Götter und der Tugend Schutz.
Kann es nicht sicher stehn auf diesem Grund,
So fall' es gut und ehrlich. Liebes Kind,
Wenn auch das Volk mein Unglück mir verzeiht
Und meine Freunde siegen, fürcht' ich doch,
Ich trag' unheilbar schon den Tod in mir.
Die Wunde war bedenklich, und die See
Hat sie verschlimmert; und die Unruh' hier
Wird sie nicht bessern. Zweifelnd blickt der Arzt,
Bekennet stumm die Ohnmacht seiner Kunst
Und scheint den Ausgang mir zu prophezeih'n.
Mich däucht, der Archon kommt. – Geh, geh, mein Kind,
Sei ruhig, wie Du Deinen Vater siehst!

Elpinice. Wär' ich ein Weib und Deine Tochter, wenn
Ich ruhig könnte sein, in dem Moment,
Wo meines Vaters Leben in Gefahr
So fürchterlich von allen Seiten ist?
Ich will versuchen, was die Kraft vermag;
Nur, Cimon, sage mir –

Miltiades. Entferne Dich!
Er soll Dir Nachricht bringen. Männer nur,
Und in dem engsten Sinne, brauchen wir
Zu dem Geschäft, das jetzt hier vor uns liegt.

(Elpinice geht ab.)

Dritter Auftritt

Miltiades. Cimon. Aristides und Themistokles kommen.

Miltiades. Das ehrt mein Haus, daß selbst der Archon kommt
Und es besucht, jetzt, da das Wetter sich
Rund um dasselbe thürmt; das thut mir wohl.
Und Aristides selber ist der Mann,
Der dieses thut; das ist noch mehr.

Aristides. Mein Freund,
Das wogende Getümmel unsers Volks
Drängt sich von allen Straßen nach dem Markt
Und ist voll Unmuths gegen Dich. Ich will
Versuchen, was ich kann, Gerechtigkeit
Dir zu verschaffen.

Themistokles. Ha, Gerechtigkeit,
Die schöne Göttin, Aristides, suchst
Du bei Athenern, die für ein Gericht
Aphyen sich zu Lanzenträgern bei
Pisistratus verdingen? Suche nur!
Wen die Gerechtigkeit hier retten soll,
Der ist verloren.

Aristides. Anders wollte sich
Doch wol Themistokles nicht retten?

Themistokles. Wenn
Gerechtigkeit beschützen kann, so sei's;
So bin ich froh, dann ist es, wie es soll.
Doch selten wird es sein. Das Gute wird
Nur selten rein gethan, und das Gewühl
Der Leidenschaften ist der Hebel, den
Der Kluge braucht.

Aristides. Ich weiß es schon,
In welchem Werth bei Dir die Tugend steht,
Und welche Mittel Du zum Zwecke wählst.

Themistokles. Ich nehme meine Leute, wie sie sind.
Der Mensch ist hier ein Gott und dort ein Vieh,
Durchkreist die Schranke jeder Wirklichkeit.
Die Meisten sind, was die Umgebung will:
Das Instrument in einer klügern Hand.

Miltiades. Nur zu wahr oft, und traurig, daß es ist!
Wie steht es aber? Hoffentlich werd' ich
Doch wol nicht unverhört verdammt? Ich bin
Doch wol noch in Athen? Athener noch,
Und habe mit dem Gerber gleiches Recht?

Aristides. Xanthippus klaget Dich des Hochverrats
Bei der Versammlung an, und Kleon hat
Mit seinem Anhang alle Viertel schon
Zu hoher, schlimmer Gährung aufgerührt.

Themistokles. Die Schuster und die Stockfischhändler ziehn
Von Platz zu Platz, als ob sie Griechenland
Befreien müßten, blicken mächtig dumm
Und werfen Apophthegmen wider Dich.
In Dir steckt hundertmal Pisistratus,
Wenn man den Gerber Kleon rasen hört.

Miltiades. Das fürchtet' ich. Der Kataraktensturz
Wird, muß mich niederwerfen, und kein Freund,
Kein Aristid als Archon rettet mich.
Ich bin in der Alkmäoniden Hand.
Sie prahlen stolz mit dem Verdienst, das sie
Durch der Pisistratiden Sturz im Staat
Sich einst erwarben, ob der böse Ruf
Gleich ihrer nicht geschont, als nach der Schlacht
Der Perser Flotten über Sunium
Herüberflogen. Um nun den Verdacht
Von sich zu wälzen, wälzen sie ihn kühn
Auf mich zurück. Ihr Einfluß ist zu groß,
Die listige Beschönigung zu schön:
Mein Unglück macht mich ganz zu ihrem Raub.

Themistokles. Was willst Du thun?

Miltiades. Was kann ich thun? Ich muß,
So wie ich lebte, sterben.

Aristides. Götter, soll
Mit uns es dahin kommen? Soll Athen
Die Schande tragen, seinen Retter selbst
Zu morden? Nein, so wahr ich Archon bin,
So wahr noch kein Athener es gewagt,
Mich einer Ungerechtigkeit zu zeihn,
Ich will Dich retten, lieber, alter Freund!
Ich bin von Deiner Unschuld überzeugt
Und überzeuge das verführte Volk.

Miltiades. Hier übernimmst Du mehr, als Du vermagst;
Doch dank' ich Dir. Wenn Aristides nur
Mich losspricht, ob mich jetzt die Welt verdammt,
So leb' ich bei der Nachwelt ohne Schuld.
Themistokles, ich denke so wie Du,
Doch fürcht' ich weiter nichts; der Tod ist uns
Ja wohl bekannt. Wer unter uns hat nicht
Ihm oft schon in das Angesicht geschaut?
Du kennst das Volk, und, Freund, Du kennest mich;
Du sollst mein Anwalt vor den Schranken sein.
Ich lege gern mein Loos in Deine Hand;
Ich weiß, daß Du der Würde nichts vergiebst,
Die mir und Euch gebührt. Mir mangelt Kraft,
Für mich zu sprechen, und vielleicht geziemt
Es mir auch nicht. Es würde Stolz und Trotz
Mich übereilen vor dem Blutgericht.

Themistokles. Du ehrst mich damit mehr, Miltiades,
Als würde mir im Feld der schönste Sieg.
Ich will versuchen, was die Seele kann,
Wenn sie nach ihrem besten Wunsche ringt.
Mein Lehrer, Freund und Vater warest Du
Und sollst mir's doppelt sein, erkämpf' ich Dich.
Der Archon wird mich unterstützen.

Aristides. Ja,
Hier kann ich das mit meiner ganzen Kraft,
Themistokles; oft kann ich's leider nicht.

Miltiades (zu Themistokles). Du Feuereiferer fürs Vaterland,
Wir ehren Deinen Sinn; nur ehre Du
Die Art, wie Aristides ihn bestimmt!
So werdet Ihr in brüderlichem Bund
Des Vaterlandes Dioskuren sein.
Jetzt laßt mich ruhen!

Aristides. Deine Gegenwart
Vor der Versammlung wünscht' ich aber doch.
Wenn Du erscheinen kannst –

Miltiades. Ich werde, Freund.
Die Götter geben mir noch so viel Kraft.
Nur vor dem Lärm des Marktes banget mir.
Ich bin nicht mehr an Körper und an Geist,
Was ich noch war, als Datis vor uns stand
Und Ihr mir Eure Tage übergabt.
Kämpft Ihr mich los, wahrscheinlich ist es nur
Für mich noch wenig Frist, was Ihr erringt.

Aristides. Der Brandfleck wäre desto schwärzer, wenn
Nur eine kleine Stunde früher wir
Den Mann zum Hades sendeten, der uns
Davon befreit. Wenn ich etwas vermag,
Soll Deiner Krankheit wegen nicht der Markt,
Das Prytaneum soll Gerichtsort sein.
Wir gehen jetzt; ermanne Dich durch Ruh',
Die fürchterliche Stunde zu bestehn,
Auch jetzt vorzüglich für das Vaterland!
Denn was gewonnen wird, gewinnt Athen,
Die treue Freundschaft führet nur das Wort.

Themistokles. Miltiades, mir banget zwar um Dich,
Doch neid' ich Dir nicht minder diesen Tag
Als den bei Marathon.

Miltiades. Ich kenne das;
Du bist Dir immer gleich. Ein andermal

(Aristides und Themistokles gehen ab.)

Vierter Auftritt

Miltiades. Cimon.

Miltiades. Mein Sohn, Du sprichst kein Wort?

Cimon. Ich geh' und handle mit. Es tröstete
Mich mächtig dieser Anblick, Vater, jetzt
Von diesen Männern so verschiedner Art
So innig einig Dich geliebt zu sehn.

Miltiades. Das ist es, was die Tugend sich erwirbt,
Daß, wenn Gefahr ihr furchtbar näher rückt,
Die gleiche Tugend sich zu ihr gesellt.
Bleib jetzt bei mir, mein Sohn! ich brauche Dich.
Du siehst, ich bin ein armer, kranker Mann
Und fühle jetzt den Trost, daß so ein Sohn
Und solche Freunde mein sind. In der Stadt
Ist meine Sache, glaub' ich, gut bestellt;
Bestelle Du nunmehr mein Haus! es ist
Das Deinige nun bald.

Cimon. Mein Vater, ach,
Mein Vater, kennte Dich das Volk wie wir,
Es würde dankbar um Dein Lager stehn
Und zu den Göttern beten.

Miltiades. Sohn, das Volk
Thut wie das Volk, zu wenig und zu viel.
Es sieht mit Leidenschaft und handelt so;
Du thust ihm Unrecht, wenn Du mehr verlangst.
Die Demagogen und die Könige
Sind oft auch um kein Haar gemäßigter.
Die Rede hat mich sehr entkräftet, und
Der Schmerz brennt heftiger. Geh, lieber Sohn,
Und sende mir den Arzt! sonst tödtet mich
Vielleicht die Wunde, eh man mich verdammt.

Cimon. Wirf doch noch nicht, nicht alle Hoffnung weg!
Geduld und Muth und Kraft! Vielleicht wird noch
Das Ende besser.

Miltiades. Junger Mensch, Du sprichst
Mit Deinem Vater, mit Miltiades.
Gut wird es enden, end' es, wie es will.
Zum Leben hab' ich freilich wenig Kraft,
Zum Tode Kraft und Muth genug. – Mein Sohn,
Geh, schicke mir den Arzt! ich brauche Ruh'.
Und geh und tröste Deine Schwester dann!
Vor Allen braucht wol sie am Meisten Trost.
Geh, lieber Cimon!

(Cimon geht ab.)

Fünfter Auftritt

Miltiades (allein).

Miltiades. Ach, Metiochus,
Mein Sohn, mein Sohn, der hinter Susa jetzt
Der Perser Ketten trägt! Wärst Du bei mir!
Könnt' ich nur einmal noch Dich an mein Herz
Mit Vaterliebe drücken! Cimon, Du,
Themistokles und Aristides, was
Was würdet Ihr dem Vaterlande sein!
Ich Glücklicher im Tode, wärst Du hier!
Nun wirst Du mir zum Vorwurf. Vaterland,
Es wird mir schwer, nicht bitter gegen Dich
Zu werden; Deinen Undank fühl' ich tief,
Und fast setzt sich Verachtung mir ins Herz.
Doch nein, das Göttliche, das in mir glüht
Hält fest sich an das Göttliche in Dir.
Die Sclaven nur sind ohne Vaterland,
Die Aermsten aller Sterblichen, wär' auch
Die Kette, die sie tragen, Seid' und Gold.
Des Vaterlandes schönes Heiligthum,
Ich war so glücklich – – ach, Metiochus
Dort in der Knechtschaft, diese Wunde schmerzt
Mich brennender als die von Paros. Du
Hast jetzt vielleicht im Taumel süßes Wahns
Vergessen, daß Du je ein Grieche warst.
Mein Cimon tröste mich für den Verlust! –
Noch kommt der Arzt nicht. – Nur ein Wenig Schlaf,
Nur etwas Stärkung, gütige Natur,
Daß mich ein heller Sinn begleite, wenn
Man mich zu dem Gericht des Todes trägt!

(Er schlummert ein.)

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