Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Johann Gottfried Seume: Miltiades - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/seume/miltiade/miltiade.xml
typedrama
authorJohann Gottfried Seume
booktitleProsaische und poetische Werke ? Sechster Theil
titleMiltiades
publisherBerlin. Gustav Hempel
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090411
projectid9f848ee5
Schließen

Navigation:

Erster Aufzug

Ein offener Platz nicht weit vom Hafen

Erster Auftritt

Kleon mit einigen Bürgern geht wartend umher. Epizelus, der Blinde sitzt auf einem Steine. Lysikrates kommt.

Kleon. Ist der Verräther da, der Bösewicht,
Der den Barbaren uns verkaufen will?
Ich bin in Angst, ich sehe schon den Feind
Dort auf der Burg, so lange dieser Mann
Noch nicht den Elfen übergeben ist.
Sprich, ist er da?

Lysikrates. So eben lief er ein.
Wie die geschlagne Hoffnung zog das Schiff
Sich scheu ans Land, kein Päan wird gehört.
Man schweigt am Ufer, schweigt auf dem Verdeck,
Die Segler thun die Arbeit und sind stumm.
Nur ein Gemurmel in der Ferne läuft
Von Haus zu Haus, ein trauriges Gemisch
Von Fluch und Mitleid.

Kleon. Mitleid ist Gefahr.
Des Fluches Wirkung ist hier Sicherheit.
Den Weibern Mitleid, Männern strenges Recht.
Wo ging er hin?

Lysikrates. Es standen Aristid
Und Einige, des Hauses Freunde, dort
Am Ufer, die begleiteten ihn still
Nach seines Wohnung.

Kleon. Ins Gefängniß nicht?

Lysikrates. Er kann nicht gehen; seine Wunde macht,
Daß man den Kranken in der Sänfte trägt.

Epizelus (der sich genähert hat). Ihr Götter, ist das noch mein Vaterland?
Athener sprechen von Miltiades
In diesem Ton; von ihm, dem sie allein
Verdanken, daß sie noch Athener sind,
Daß noch ihr Name bei den Griechen steht!

Kleon. Wer bist Du, Mensch?

Epizelus. Das weißt Du nicht? Ich bin
Ein Mann von Marathon; der bist Du nicht.

Kleon. Wie weißt Du das?

Epizelus. Es spricht in diesem Ton
Kein Ehrenmann, der dort im Kampfe stand.

Lysikrates (zu Kleon). Es ist der Blinde, Epizelus, der,
Du hast ja wol gehört – –

Kleon. Nun kenn' ich Dich.
Du bist der Fasler, der durch ein Gesicht
Dort sein Gesicht verlor und nun umher
Am Markt, am Kynosarg und auf dem Pnyx
Den Knaben lieblich die Geschicht' erzählt.

Epizelus. Du, Du erzählst den Knaben freilich nichts,
Und Dein Ruhm stört gewiß sie nie im Schlaf;
Durch Dich wird kein Athener, was er soll.
Damit Du gerben könntest, schlugen wir;
Und frevelnd lästerst Du das Heiligthum,
Das Deiner Seele fremd ist.

Kleon. Guter Mann,
Ereifere Dich nicht! Das Heiligthum
Ist mir so lieb als Dir. Du thatest brav
An jenem Tage Deine Pflicht; dafür
Hast Du den Tisch im Prytaneum; den
Sollst Du behalten, bis die Moere Dich
Ins Elyseum ruft. Wir rechten nicht
Mit dem Miltiades von Marathon.
Dort war er gut; bei Paros war er schlecht,
Hat dort vielleicht das Vaterland verkauft
Wie Histiäus, Aristagoras
Und Strattis und der andre feile Troß.

Epizelus. Und wäre hier? Und Aristides gab
Ihm seine Hand, als er ans Ufer stieg?
Wem Aristides seine Rechte reicht,
Ist losgesprochen vom Areopag.

Kleon. Mein blinder Freund, Du siehst nicht die Gefahr.

Epizelus. Doch, doch; ich sehe sie: ich seh', wie Ihr
Das Vaterland, das kaum gerettete,
Mit Euerm Wahnsinn ins Verderben stürzt.
Ich traure laut, daß ihn mein Auge nicht,
Den Mann, an dessen Seite mir die Schlacht
Ein Opferfest, der letzte Tag des Lichts,
Ein Tag der Flamme war, ihn nicht mehr sieht!
Ich freue mich, daß Ihr, Verworfene,
In tiefer Nacht unsichtbar vor mir steht,
Ihr Undankbaren! Euer Anblick ist
Dem Ehrlichen der Amphisbäne Gift.

(Er geht fort.)

Zweiter Auftritt

Kleon, Lysikrates sehen ihm nach.

Lysikrates. Der ist ein heißer Mann. Der Sturm der Schlacht,
Die Gluth des Ehrentags der Rettung hat
Ihn um das Licht gebracht. Sein frommer Wahn
Ist unserm Volke heilig, daß ein Strahl
Von einem Gott, der den Athenern half,
Ihn weihend in dem Kampfe blendete. –
Mir banget wirklich um Miltiades.

Kleon. Und mir um uns.

Lysikrates. Sollt' er denn in der That
Der Feile sein, zu dem der Pnyx ihn macht?

Kleon. Feil oder nicht, Tyrann ist er gewiß.
Erwäge nur, hat Alles, was er that,
Seit langer Zeit nicht dahin abgezweckt?
Wär's mit den Inseln ihm gelungen, wir,
Wir lägen schändlicher in seinem Netz
Als in der Perser Joch.

Lysikrates. Ist der Beweis
Denn so vollendet überzeugend, daß
Man gegen ihn mit Recht verfahren kann?

Kleon. Wer sich so furchtbar in Gefahr gesetzt,
Wer so viel Schritte hier zum Ziel gethan,
Das er in Thracien einst schon erreicht,
Ist Der Republikaner? Jeder Mann,
Der unbedingt den Staat in Händen hat,
Vor dem mit Ohnmacht das Gesetz verstummt,
Ist schon Despot, führt er auch nicht das Wort.

Lysikrates. Doch war er immer milde, sanft und gut.

Kleon. Der Tiger auch blickt milde, bis der Raub
Ihm in den Klauen liegt. Freund, ein Despot
Ist nur gerecht, um ungerecht zu sein,
Und wirft Obolen nach Talenten aus.
Geh, frage nur, was war Pisistratus?
Wie lange täuschte sich nicht Solon selbst?
Despoten auszuspähn, ist nie zu früh,
Fast immer nur zu spät. Geh die Geschichte durch!
Willst Du denn warten, bis der Satellit
Den Lanzenkreis um ihn gezogen hält?
Bis seine Kataphrakten Dir den Weg
Am Markt vertreten? Bis mit dem Gesetz
Der Bürger schweigen muß? Bis Cekrops' Volk
Um seinen Wagen sclavenähnlich steht?

Lysikrates. Du malest Dir ein fürchterliches Bild.

Kleon. Ob's wahr sei, frage die Akropolis!
Kaum hat uns Marathon davon befreit,
Ein zweites Marathon brächt' es zurück.
Des Volkes öffentlicher Dank schweift oft
Im Rausch vergessend bis zum Wahnsinn aus.

Lysikrates. Sowie sein Undank.

Kleon. Dieser Undank ist
Nie so gefährlich als der Thoren Dank.
Die Dummheit giebt das köstlichste Juwel
Unwiederbringlich hin. Das Ungeheuer,
Das tausendarmig uns sodann ergreift,
Umgiftet uns mit Pesthauch, daß der Geist,
Der bessere, bis in das tiefste Mark
In schrecklicher Unendlichkeit verdirbt.
Blick über See, sieh nur nach Susa hin,
Wie dort sich hündisch ohne Menschenwerth
Das Sclavenantlitz auf die Erde drückt!

Lysikrates. Zum Glück erschreckt Dich der Empusenblick
Umsonst; denn so tief sinken Griechen nicht.

Kleon. Wer bürgt dafür? Hat nicht das Vaterland
Der niedrigsten Verworfenheit genug?
Du brauchst nicht erst nach Samos hinzugehn.
Kaum ist die Burg vom Satellitentroß
Der blutigen Pisistratiden frei.
Was unser Mann im Chersones verlor,
Das sucht er hier in der Akropolis
Des alten Mutterlandes. Hat er nicht
Mit stolzer Willkür seinen Inselzug,
Als trüg' er schon das Strahlendiadem,
Umher gemacht? Den Pariern sei Dank,
Trotz ihrem Sclavensinn nach Osten, daß
Sie nicht den neuen Dreizack fürchteten!

Lysikrates. Du bist also gesonnen? –

Kleon. Freund, ich will
Noch mit dem letzten Tropfen meines Bluts,
Mit meinem letzten Hauch die Tyrannei,
Die uns bedroht, verfolgen; folge, was
Dann will, für mich! Athener will ich sein!
Und Freiheit ist Athen's Palladium.

Lysikrates. Hier kommt Xanthippus.

Dritter Auftritt

Vorige. Xanthippus.

Xanthippus. Habt Ihr ihn gesehn?
Mit welchem Trotz im Blick er um sich schaut,
Als folgt' ihm jetzt schon ein Trabantenheer!
Nein, bei des Vaterlandes Göttern, nein,
So wahr ich ein Alkmäonide bin,
Und war' er zehnmal noch der erste Mann
Von Marathon, Despot soll er nicht sein!
Er soll zertrümmert werden, eh er's wird!
Und daß er's will, das ist nur allzu wahr.
Was kümmert ihn das alte Vaterland?
Er schlug die Schlacht bei Marathon für sich.
Er denkt vielleicht, er ist in Thracien;
Er soll erfahren, er ist in Athen,
Wo man nicht ungestraft Verräther ist!
Will er nicht Bürger sein, so sei er nichts!

Lysikrates. Der Mann wird stark, wenn ihn das Unglück schlägt.
Ist's ein Verbrechen, muthig in den Sturm
Zu blicken, der ihm hoch entgegenbraust?
Der Trotz, der Dich beleidigt, ist vielleicht
Der sich bewußten Unschuld Hochgefühl.
Ein großer Mann, der mit dem Schicksal kämpft,
Wenn Alles rund um ihn zusammenstürzt,
Ist in der vollen Sammlung seiner Kraft
Der Götter Lieblingssohn.

Xanthippus. Pisistratus
War ehmals ebenso. Ich zweifle nicht
An seinem Muth und seiner Klugheit, Freund;
Die ist uns Allen längst bewährt genug.
Und desto schlimmer nur! – Ich will den Gang
Für unsre Freiheit mit ihm wagen, will
Dem Volk den Vorhang lüften, der ihn deckt,
Und noch vor der Geburt mit aller Kraft
Die Hyderköpfe tödten. Wenn mich nicht
Die Stimmung täuscht, so ist es eben Zeit.

Kleon. Ich folge Dir, und mir der ganze Pnyx.
Die mehrsten unsrer Viertelsmeister sind
In meiner Hand. Man murrete schon laut,
Als herrisch er mit dem Geschwader fuhr,
Als wär' er unbedingt der Mann des Tags.
Es läuft von Markt zu Markte das Gerücht:
Seit Hippias dort in dem Treffen fiel,
Sei der Pisistratiden Herrschsucht ganz
In ihn gefahren. Jeder weiß etwas
Zu sagen, das etwas zur Sache thut;
Und sein Charakter bei den Bürgern gilt
Jetzt als Gemisch von Löwen, Wolf und Fuchs.

Xanthippus. Gilt, was er ist. Es sei! Ich klag' ihn an.
Der Chersonesus macht ihn schon verhaßt,
Und was er jetzt theils that, theils unterließ,
Erweckt von allen Seiten Furcht. Die Furcht
Giebt hier zu der Verdammung schon das Recht.
Erwartung endlichen Beweises führt
Zu dem Verderben. Bei Athenern braucht
Es nur Verdacht, und ihre Scherben sind
Zu dem Gericht bereit: und hier ist mehr.

Lysikrates. Thut, was gerecht ist! Möge nie der Staat
Bereuen, was Ihr jetzt, mit Leidenschaft
Vielleicht, dem ersten Mann der Republik
Zu thun bereit seid!

Kleon. Sprich nicht Unsinn, Freund!
Der Archon ist der erste Mann des Staats;
Und nach ihm kommt die nächste Obrigkeit.
Sonst ist ein Bürger Bürger, Keiner mehr,
Und Keiner weniger, wie das Gesetz
Dort in den Tafeln auf der Burg bestimmt,
Und wie es die Natur der Sache heischt.
Der erste Mann der Republik! Dies Wort
Allein macht zu Verbrechern ihn und Dich!
Gleichheit des Rechts und Ehrengleichheit sind
Der Freiheit Grund und der Gerechtigkeit;
Und ohne diese Göttergaben ist
Es eins, ob er hier, ob Darius herrscht.

(Geht mit Xanthippus ab.)

Vierter Auftritt

Lysikrates (allein).

Lysikrates. Wer taucht empor aus diesem Zweifelmeer,
Das uns umfluthet? Sieht der Demagog,
Was wirklich ist? Spielt seine Leidenschaft
Nur frevelnd mit des Volkes Heiligthum?
Nur Ihr Olympier dort oben wißt,
Was in der Seele tief verschlossen liegt;
Wir greifen blind nur in die Finsterniß.
Miltiades, vielleicht ist er der Mann,
Der göttlich rein in seiner Würde steht;
Vielleicht nur übertünchter Herrschergeist,
Wie von Sesostris bis Pisistratus
Wir Viele sahn. Ihr Götter, schützt Athen!

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.