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Millionen-Studien

Multatuli: Millionen-Studien - Kapitel 9
Quellenangabe
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typeessay
authorMultatuli
titleMillionen-Studien
publisherVerlag von Otto Hendel
editor
firstpub1873
translatorKarl Mischke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Demologie

Ich sah auf meine Uhr.

»Was gibt's, du hast Eile,« rief Adolf ärgerlich. »Dich verlangt nach den Millionen ...«

»Entschuldige, Meister, ich dachte ...«

»Daß es Zeit wäre für die Abendsitzung. Der Saal ist bereit. Die Lampen brennen. Die Stühle sind gesetzt, und auch das Zuckerwasser ist da. Willst du wissen, worauf noch gewartet wird? Weißt du, was nicht fertig ist? Sieh nach.«

Adolf wies mir den Weg nach einer Öffnung, die gewiß den Eingang zum Versammlungssaal bedeutete. Ich ging hin, wurde aber von ein paar Türstehern abgewiesen, die eine Art von Eintrittskarte zu verlangen schienen.

Enttäuscht kehrte ich auf mein Armesünderbänkchen zurück und klagte Adolf meine Not. Aber er tröstete mich nicht.

»Siehst du denn nicht,« sagte er, »daß alles bereit ist bis auf dich selber? Dachtest du, daß wir hier unsere Millionen für nichts weggeben, und an jeden Beliebigen? Hattest du nicht auf die Uhr gesehen, wärst du beinahe fertig. Du warst recht aufmerksam und hast wohl behalten, was ich dir sagte, das muß ich zugeben. Aber deine Ungeduld verdirbt alles. Wer das Gute will, muß sich die Zeit dazu nehmen. Du, der das Verkehrte ausroden will, mußt die Geduld haben, dich gehörig zu wappnen. Wo war ich stehen geblieben?«

»Meister, du sagtest, daß die Völker ...«

»Immerhin! Ja, sie taugen auch nichts. Und wenn einmal die Fürsten die Geschichte ihrer Untertanen schrieben, ... es würde etwas Schönes herauskommen! Das will ich dir zeigen. Aber gib dir Mühe, etwas weniger töricht zu sein, als in deiner sentimentalen Pfahlzeit. Und sei nicht so verdammt oberflächlich, wie damals, als du dich aufregtest über den verwüsteten Garten zu Biebrich. Das haben die Preußen getan, sagtest du, als ob es etwas gar so Häßliches wäre. Es wäre zu wünschen, daß preußische und andere Soldaten nie etwas Schlimmeres verbrochen hätten. Es war im Vergleich ein ritterlich Stück, und wenn ich Verse liebte, bestellte ich mir ein erlöstes Jerusalem ... Das Verwüsten jener Orangerie war der schönste Peitschenschlag, den je ein hohenzollerscher Kutscher ausgeteilt hat. Erstens, der Schlag traf den Lord nicht, sondern Tom und Billy selbst, was ich in der Ordnung finde. Diese Gewächshäuser waren für den sehr privaten Genuß meines Namensvetters gebaut. Das Volk hatte nichts davon. Zum zweiten, findest du es so unedel, laut anzurufen, wenn man jemand anfällt? Das Geklirr der Treibhausfenster war eine ehrliche Mahnung an meinen Neffen, den Herzog, auf seine Sachen zu passen. Die preußischen Soldaten wollen ... fechten. Alle Geschmäcker gibt es in der Natur ... das war ihre Sache. Und wenn ich als Eisen- und Kohlen- Industrieller – aber ich mache auch in Steinsalz – wenn ich auch nicht gerne fechte, so muß ich doch, wenn einmal einer mit einem solchen Geschmack behaftet oder von Tom aufgereizt ist, es anständiger finden, seinen Feind beim Namen zu rufen als ihn im Schlaf ... zu schonen, von wegen der Salbe, Diese Orangerie diente als Türklopfer oder Hausglocke. Konnten die Preußen dafür, daß der Herr nicht zu Hause war und die Frau keine Bestellungen annahm? Die Wette meines Neffen mit von Dreyse – Gott habe ihn selig – daß nie ein Gewehr erfunden werden könne, das weit genug schösse, um ihn zu treffen – Donnerwetterkreuzsappermentnochmal ... ich glaub's gern, wenn du weit vom Schuß bleibst! – nun, diese Wette ging die Soldaten nichts an. Sie klingelten an der Eingangstür: eine schone Empfehlung vom Vetter in Berlin ... er läßt um euer Land bitten! Einmal, zweimal ... keine Antwort? Zum drittenmal: die Klingel entzwei, der Hammer fiel. Nassau wurde zugeschlagen durch ...«

»Den Auktionator?«

»Absolut nicht. Durch Logos, der es nicht vertragen konnte, daß sie da Herzogchen spielten und nicht Herzog waren, als es darauf ankam, etwas wirklich zu herzogen. Wie, seit Jahrhunderten dynastierten sie und ließen sich die Hände küssen, und behoheiten und bedurchlauchten und bedomänen! Und sie ließen fechten ... und das Volk focht. Und als sie wieder fechten ließen ... focht das Volk und blutete. Und wieder wurde gefochten, und das Volk, fechtend und blutend, bezahlte. Und wenn sie heirateten – immer mit einer Base ... zahlte das Volk für Würzwein und Morgengabe. Und wenn die Base im Wochenbett lag, genesen von einem Prinzlein – einem neuen Neffen von Melchisedek – dann lieferte das Volk Wochensuppen und Bleisoldaten zur Apanage. Und wenn der Landesherr Lust zu etwas Abwechselung im Eheglück bekam, dann bezahlte das Volk Schmerzensgeld, Abstandssumme, Ablaß und Prozeßkosten, nicht ohne die Aussteuer an die neue Passion ... die gewöhnlich drei, vier Schlösser und Auen brauchte für ein Unterröckchen – rechne einmal aus, was dann ein Schleppkleid kostete ... und dann schmälte man noch, daß die Hofdamen unanständig nackt liefen! Und so ein Herzog putzte sich mit einer Perlenkette von Ministern, Hofräten, Geheimräten, Oberkammerräten, Hofmarschällen, Ceremonienmeistern, Kammerjunkern ... ja, hol' mich der Teufel, ich glaube, sie geruhten manchmal höchstgnädig Obergeheimehofbettjunker an ihre Schnur zu reihen, und ... das Volk bezahlte all den Schmuck, der seinen Hals schabte wie eine Hundekette. Und wenn so ein Herzog starb, heulte das Volk allergehorsamst, und bat Gott in den Kirchen um ein wenig Seligkeit für so einen Geheimherzog. Und wenn ein neuer »auf den Thron« kam, denn dankte es seinem Gott für solche Gunst, als ob man die Erschöpfung der himmlischen Güte befürchtet hätte, die ab und zu in gütiger Laune zwei Herzöge zugleich gab mit ... ein bißchen Bürgerkrieg, der Sauce auf dem Gericht. Und inzwischen ... betend, blutend, heulend, dankend, kirchenlaufend, bürgerkriegführend ... zahlte das Volk! Welche Ausgabe war wohl die größte?«

»Meister, ich habe jetzt ausgerechnet, daß so ein Kleid einer unbekleideten Hofdame ... fünf Bahnen ... neun Achtel breit ... mit Schleppe ...«

»Zum Teufel auch! Unsinn! Die größte Ausgabe war: Verlust an Männlichkeit, Menschenwürde, Charakter, gesundem Verstande! Was steht unter so einem Herzog, sprich!«

»Nichts.«

»Fehlgeschossen! Rate besser!«

»Eine Herzogin?«

»Beileibe nicht. Die Frau eines regierenden Fürsten ist in der Regel besser als ihr Gemahl. Ohne das Brett zu erreichen, auf dem der Schnaps steht, hat sie gewöhnlich die abschreckende Aussicht auf einen betrunkenen Heloten vor Augen. Schnaps ist hier Macht, weißt du. Rate tiefer.«

»Unter so einem Herzog? Meinst du die Schleppdamen?«

»O nein. Nichts derartiges. Rate tiefer.«

»Meinst du vielleicht« – ich wurde verlegen – »jene geheimen Ober- oder Unterhof...bettjunker?«

»Auch. Aber wieder nicht als solche. Tiefer, tiefer, allgemeiner, gemeiner!«

Ich wurde ängstlich. Sollte er wieder einen Melech verlangen?

»Meister, ich weiß nicht, was tiefer stehen könnte ...«

»Das ist sehr beschränkt von dir. Solche Jungens ... genug davon. Hältst du etwas vom Vater Arndt

»Nein, Meister.«

»Das lasse ich gelten. Ich auch nicht. Er ist eine Art Tyrtäus auf Pantoffeln, und es zeugt nicht für meine Deutschen, daß sie sein vaterlandprunkhaft Gereimsel so hoch stellen. Es muß wohl Mangel an Patriotismus sein, daß man Arndt's Pfuschwerk als Leier- und Schwertlieder nötig zu haben glaubt. Der schönste Reim von Körner ...«

»Reimt nicht: Vater, ich rufe dich, himmlischer Führer der Schlachten.«

»Faule Fische. Ist ein Unsinn. Gott: Oberfeldmarschall! Ja, es reimt nicht, und das ist noch das mindest Ungereimte am ganzen Dinge. Nein, Körners schönstes Gedicht war ... sein Tod. Das reimte! Nun, Arndt ließ sich nicht totschießen. Im Gegenteil. Er reimte achtzig Jahre lang. Ich höre, daß er endlich gestorben ist, und hoffe, wir kriegen ihn nicht hierher. Logos ist sehr wählerisch in seinem Personal. Dieser Arndt also ... hast du eine Ahnung, was ich dir sagen will?«

»Meister, ich denke, daß du ein Verschen dieses Patriotismuskrämers aufsagen wolltest.«

»Dann verurteile ich dich dazu. Mach's kurz, wie Barnevelt zum Henker sagte.«

»Ich werde wohl müssen, Meister, denn ich kann nur wenig Arndtsche Verse auswendig.«

»Macht nichts. Ein kleines, ganz kleines Beispiel dieses Gereimsels, das so entzückend schön gefunden wird ... Gottsdonnerwetter!«

»In den neuen Anlagen, die Königin Augusta den Spaziergängern zu Koblenz schenkte ...«

»Sehr gut. Du siehst, sie regiert nicht und tut etwas Gutes fürs Volk ... weiter!«

»Meister, da steht eine Herme ... eine Büste von Max von Schenkendorf ...«

»Auch ein Lieferant ungereimten Reimpatriotismus.«

»Ja, Meister. Und die Devise auf dem Sockel ist von Arndt ...«

»Gleich und gleich gesellt sich. Laß hören.«

»Da steht:

Er hat vom Rhein,
Er hat vom deutschen Land
Mächtig gesungen,
Daß Ehre auferstand,
Wo es ...«

»Reime zu, nur feste. Arndt mußte es auch, ob es gut wurde oder nicht.«

»Wo es ... erklungen. Meister, ich muß zugeben, es ist prächtig.«

»Ja, und hart für Schenkendorf. Aber das kommt davon. Schenkendorf machte auch solche Grabschriften. Ich weiß, was euer Beeloo dazu sagen würde. Du auch?«

»Wahrhaftig nicht.«

»Der würde noch ein zweites Reimchen drauf machen, wie 1831, als Jan van Speyk – der reimte gut! – in die Luft flog. Was kam auf die Explosion?«

»Ich denke, daß Stücke und Trümmer in die Schelde fielen.«

»Auch. Aber die Hauptsache waren: Verse, Verse, Verse ... ach du gnädiger Gott, was für Verse! Beeloo machte auch einen, und der gefiel mir:

Von Speyk verschwand,
Ein Dichterling erstand ...
Unglück kommt nie allein gerannt!

... Statt Dichterling mußt du lesen: eine ganze Bande von dem Pack. So ist's gemeint. Wenn Beeloo hierher kommt, der soll es gut haben. Ich gebe zehn Henriaden ... und noch etwas Eisen ... für die drei Zeilen. Eisen, richtig. Dieser Arndt wagte auch von Eisen zu sprechen. Er sagt irgendwo:

Der Gott, der Eisen wachsen ließ ...

... das erste Wort schon ein Fehler. Gott tut nichts dazu ... Logos ist der Mann. Also:

Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
Der ...

... Wie geht es weiter? Und weißt du nun, wer noch tiefer steht als so ein Herzog und so ein Bettjunker?«

»Ich beginne zu verstehen, Meister.«

Adolf fluchte ... heidenmäßig. Meine arme Feder sträubt sich. Auch verstand ich bloß ein klein Teilchen davon. Es kam darin vor, wie »Gott soll mir selig dreiundachtzigtausend Millionen Mal sieben Doppelschock Merinoschafe geben mit Sauglämmchen ... jedes 'n blaugoldseidenes Bändchen am Halse ... und ein Schwert!«

*

»Ja ... ein Schwert!« fuhr er fort, nachdem er sich etwas erholt hatte. »Ein Schwert, ... dann mag unser lieber Herr seine Schafe behalten. Ein Schwert, für die Hunde ... sage, hast du schon mal in einem Luftschiff gesessen?«

»Ach nein, Meister. Das fehlt meiner Erfahrung.«

»Als ob die sonst vollkommen wäre! Kannst du dir vorstellen, wie dem Luftschiffer zu Mute ist, wenn er alle Herrschaft über das Steigen und Fallen seines Ballons verloren hat? Wenn die Klappe, die das Gas halten soll, nicht schließt? Wenn kein anderer Ballast mehr auszuwerfen ist als der Schiffer selbst? Das geschah einmal zu Kassel, zur Zeit, als da auch noch einer meiner Neffen wohnte, ein Kurfürst ... jetzt ist er wegannektiert. Erzähle mir etwas Schlechtes von dem Neffen und seiner Familie.«

»Meister, als Amerika um seine Unabhängigkeit focht, brauchte Engsand Soldaten, viel Soldaten, und vor allem die Sorte, die vor der Gefahr blind sind ...«

»Blinde Hessen, ja! Ich sehe, du kennst die Geschichte. Infam, nicht wahr? Die Untertanen zu verkaufen? Man sollte Fluchgesänge drauf machen? Ob's je geschehen ist? Ich glaube kaum, und warum nicht?«

»Vielleicht, weil Fluchgesänge niedriger bezahlt werden als Triumphlieder, Meister. Mein Freund Roorda ...«

»Nicht so dumm. Nun wieder unser Luftschiffer. In der Residenz meines Neffen war alle Welt auf den Beinen, um den Ballon zu sehen. Das Ding war beinahe außer Sicht, aber nicht ganz. Plötzlich merkte man, da haperte etwas, und der Luftmann war noch weniger Herr darüber als sonst. Er warf allen Sand aus, und das Ding sackte, sackte, schlingerte schrecklich. Der Mann versuchte an einer der Leinen, die das Schiffchen an den Ballon knüpfen, hochzuklettern. Offenbar wollte er die Gasklappe schließen, die undicht oder gebrochen war. Er verhedderte sich mit dem Bein in die Tauenden, die in der Luft hinundherpeitschen ... ließ ... von Schreck gelähmt wohl ... denn der Ballon fiel mit zunehmender Geschwindigkeit ... los, was er in den Händen hatte ... und blieb an einem Bein unter der Gondel hängen. Nun erzähle du weiter ... Schreiber! Erzähle, wie einem ist, wenn man so an einem Bein in der Luft hängt.«

»Entsetzlich! da schlingert er im endlosen Raume ...«

»Habe ich schon gesagt. Übrigens, kein Pathos, wenn ich bitten darf.«

»Ich will mir Mühe geben, Meister. Da hängt er an einem Bein, und fühlt, wie er fällt, während der Horizont von allen Seiten drohend auf ihn losrückt und sich schließt wie das Maul eines Ungetüms. Eben übersah er noch eine ganze Zahl Fürstentümer, jetzt nur noch Hessenland. Jede Sekunde verengt der Kreis der Punkte, die er übersieht, und macht zu Kreisen, was eben Punkte waren. Das Ganze schrumpft, aber größer und größer werden die Teile. Die zunehmende Schärfe, womit sich die Umrisse vor ihm abzeichnen, fällt mit grausamer Genauigkeit sein Urteil, und martert ihn mit spottenden Gedanken an die nahende Vollstreckung. Jeder Punkt wird ein Fleck. Jeder Fleck ein Kreis. Diese Kreise nehmen unregelmäßige Formen an, langsam und launisch zuerst, als wüßten sie noch nicht recht, wie, bald aber schnell, als hätten sie sich nun zu ihren wahren Formen entschlossen. Was ein Bogen schien, ist ein Winkel geworden. Das Gerade krümmt sich, das Glatte wird ein Zickzack. Das Schimmernde wird kantig, Rundungen werden gebrochene Linien. Das Zufällige nimmt bestimmte Formen an. Das Zerrissene vereinigt sich, und was geschlossen schien, bröckelt auseinander. Millionen Punkte, durch Strahlen fortgespritzt, die im Centrum entstanden, springen in rasendem Lauf über den Rand der Figur, in der sie entstanden, dann über den Horizont, der sich immer mehr zusammenzieht. Und jeder Punkt will Figur werden, ehe er vergeht, und jeder dieser Versuche bringt neue Punkte, die aus der Mitte herausstieben, um am Rande zu sterben ... oder gerade unter dem Unglücklichen sich mit Eifer ausbreiten, um Platz zu machen für den zerschmetternden Zusammenstoß.

Und immer fallend erkennt er Kassel, Wilhelmshöhe ... die Kasseler Aue ... die poetische Aue! Soll das schreckliche Urteil da vollstreckt werden?

Noch immer weiß er sich von seinem Zustand Rechenschaft zu geben. Keine wohltätige Ohmacht hindert ihn, den dunklen Fleck zu sehen, gerade unter ihm, den Markt ...

Ach, vor wenig Augenblicken noch hatte ihm eine Grafschaft und ein Platz mit johlendem Volk keinen Unterschied gemacht. Wie nahe muß man der Erde sein, wenn so ein Unterschied bemerkbar wird?

Und er fällt noch immer! Und schon unterscheidet er Schlösser von anderen Häusern. Wirklich, das Ende naht.

Erst fürchtete er, daß der Strick, der seine Füße grausam festhielt, ebenso grausam loslassen würde. Jetzt fürchtet er es nicht mehr, aber es nutzt ihm wenig, von dieser ersten Angst erlöst zu sein. Mit oder ohne seine Gondel – verurteilt ist er auf alle Fälle. Er fällt mit dem Ballon, der nun sein letztes Gas verloren hat und jetzt flatternd dem unerbittlichen Gesetz der Schwere preisgegeben ist, ohne irgend ein Hindernis als das bißchen Reibung mit der Luft. Die läßt sich bereitwillig spalten, die Ungetreue, die eben noch das steigende Gefährt zu den Wolken hob, als es heil war!

Und er fällt schneller und schneller. Da beginnt die quadratische Rechnung einzusetzen, beinahe in all ihrer betäubenden Kraft. Keine Gnade, schneller, schneller, bis zur äußersten Grenze erreichbarer Eile. Wenige Augenblicke noch ... Das sind Kirchen ... das ist eine Kirche ... die Kirche! Dächer ... Schornsteine ... Giebel ... Menschen. Noch ein Augenblick, dann kann er Personen unterscheiden, Frauen von Männern, Männer von Kindern, Kinder von Kindern!

Und er fällt!

Und noch immer hat er Bewußtsein; er weiß, was ihn erwartet, wenn auch nicht klar genug, um zu hoffen, daß es ihn verlassen wird – wie zu vermuten – vor dem Ende seiner gräßlichen Fahrt. Er ist noch bei Sinnen, um die Furcht zu fühlen, all die Furcht seines Zustands.

Noch kann er sehen und hören. Der Strick um sein Bein drückt nicht mehr. Die Gondel, nicht länger von der beinahe leeren Gashülle getragen, nähert sich dem Boden ebenso schnell wie er, schlingert neben und unter und um ihn herum. Alles saust und kreischt. Er hört das Rauschen und Pfeifen der Luft, die er verdrängt. Ungeatmet streift sie an seinen kraftlosen Lippen vorbei und höhnt die gepreßte Lunge, die vergeblich versucht, sie als Atem zu fassen. Das Geräusch der Volksmenge dringt an sein Ohr, deutlicher und deutlicher. Bald wird er einzelne Stimmen unterscheiden können unter dem Getöse, das ihm die Anwesenheit einer großen Menschenzahl ankündigt. Er fühlt und riecht den warmen Atem des Volkes ...

Und noch immer fällt er!

Noch einen Augenblick, und er wird ...

Gefallen bis zur Tiefe der höchsten Gebäude, treibt ihn der Wind gegen das Dach des Theaters.

Verstaucht, geschrammt, verwundet, hat er noch Bewußtsein, um den Schrei zu verstehen, den der Selbsterhaltungstrieb ihm zuruft: festhalten, festhalten! Kraft auch – aber es war die letzte – um zu tun, was der Instinkt ihn heißt. Er schlägt durch die Schiefer, greift und erfaßt die Balken, klammert sich an, und widersteht dem Ruck des vorbeisausenden Fahrzeugs, das ihn von seiner Zuflucht wegreißen will ... er ist gerettet.

*

»Für einen, der nie aus der Luft fiel, ist die Beschreibung so schlecht nicht,« sagte Adolf trocken. »Es freut mich, daß du mehr Optik drin verwendet hast als Gefühl. Die schwangere Frau und die Kinder des Mannes hast du weggelassen ... ganz gut. So weiter. Trachte zu verstehen und verständlich zu machen, das Gefühl kommt von selbst ... das wahre! Und das falsche ... das dient zu nichts ... hm, ein richtiger Trainbub! Wer Gefühle diktiert, erlebt sie nicht, und wer solche Diktate nötig hat ... Narrheit! ... Von der Optik gesprochen, hast du vergessen zu bemerken, wie jede Spitze, jedes Senkrechte unter dem armen Teufel zu ihm emporzusteigen scheint, wie die Spitze eines Dolches, in Verkürzung gezeichnet ... wie Gustav Doré die Dinge zeichnet, weil er mehr Geschick als Geschmack hat. Dieser Künstemacher gefällt gewiß den Leuten da oben? Ein stürzender Luftreisender denkt, er werde gespießt. Ach, es ist für euch Menschen so schwer, euch richtig vorzustellen, wie man fällt, solange ihr festen Boden unter den Füßen habt. Studiere das. Es wird dir gut tun ... Und was geschah nun mit diesem – Kasseler Luftschiffer?«

»Ich denke, daß das Volk ihn bejubelt hat, Meister.«

»Volk, Volk, du mit deinem Volk! Das Volk schrie, wie immer. Das Volk hatte sich amüsiert. Sprich mir nicht von diesem Gejubel. Es bedeutet gar nichts. Das Volk jubelte auf, als Nero Komödie spielte und Rom in Brand steckte ... Ich will dir sagen, was nun kam.

Der erste Gruß, der den armen Schiffbrüchigen empfing, als er sich durch das Fachwerk hindurchgewürgt hatte und bewußtlos auf den Boden des Hoftheaters niedersank, war ein Schimpfwort und eine Drohung. Der Intendant nannte ihn: einen frechen Hund, der sich an einem kurfürstlichen Gebäude vergriffen hatte! Er werde ihn vor Gericht bringen wegen Beleidigung der königlichen Majestät ... ja königlich! Wie das mit der Kurfürsterei reimt, frage Metternich und Genossen. Man sieht, der alte Kurfürst, dessen Untertanen nach England verschachert wurden, hatte sehr zu Unrecht die beiden Großväter im Lande gelassen, die mit Hilfe eines Satzes Ehegatten diesen Intendanten gezeugt hatten. Wirklich, wenn man sich die Sorte ansieht, die unverkauft auf Lager blieb, bedauert man die Käufer der anderen. Die Hessen haben in Amerika gut gefochten, ich weiß. Aber wird die Sache dadurch besser? Was ist schandbarer, das Verkaufen selbst oder die Feigheit, sich verkaufen zu lassen? Mit einem kleinen Teil der Männlichkeit, die nun gegen die amerikanischen Freiheitshelden verwendet wurde, hätte man diesen Kurfürsten weggejagt. Das wagten sie nicht ... die alte Salbengeschichte! Ich habe keinen Familiensinn und ich nehme wahrlich nicht für einen Kurfürsten Partei, weil er mein Neffe ist, aber ich habe noch lieber ihn in der Sippe, als daß ich Uronkel dieses Intendanten oder der vielen sein sollte, die ihm alleruntertänigst gleichen! Die sind es, die schlechte Fürsten machen. Ein Prinz ist kein Salzpfeiler, der unverdorben bleiben kann, wenn alles um ihn verfault ist.

Ihr Demokraten schimpft immer auf die Fürsten, und ich gebe zu, es sind viele drunter, die es verdienen. Aber liegt die Schuld nicht an den Völkern selbst? Kannst du dir denken, daß ein Domitian oder ein Caracalla nur einen Monat seine blutigen Narrheiten fortsetzen konnte, wenn keine Handlanger zur Ausführung der Befehle gewesen wären, und keine Untertanen, die diese Handlanger duldeten? Eure Geschichtschreiber melden – aus Bequemlichkeit, und ganz wie andere Märchenerzähler – alle Dinge, die die Könige betreffen. Und wenn sie es auch nur mangelhaft tun, die Märchen nehmen Platz genug ein, sodaß ihr bloß noch auf die Missetaten der Könige achtet. Wo ein Stier grasen konnte, muß Gras gewachsen sein. Neben und unter den Fürsten gab es Völker, die das Terrain lieferten, auf dem königlicher Wahnsinn sich loslassen konnte.

Wenn ihr den aufgeblasenen Louis XIV. verurteilt – ja verachtet, wie ich hoffe: der Kerl war ein Hanswurst! – vergeßt ihr stets, daß er durch seine Umgebung so blöde gemacht worden ist. Hebe dir also die Hälfte deiner Verachtung für seine Zeitgenossen auf, und miß etwas freigebig. Und so ein anderer Louis, der Fünfzehnte! Man schimpft auf die Hirschparke dieses Elenden – und ich habe nichts dagegen – d. h. gegen das Schimpfen – aber höre, Tausende von Vätern in Frankreich boten ihm um die Wette ihre unerwachsenen Töchter an, um dem erhabenen Pläsier seiner königlichen Majestät zu dienen. Man hat die Briefe gefunden, die zu der Annahme zwingen, daß von allen Souveränen Seine Majestät das souveräne Volk der allergemeinste ist. Hast du je in der ganzen Geschichte den tollsten Tyrannen so wahnwitzig wüten gesehen wie eine losgelassene Volksmenge? Darfst du es also dem Volke zur Ehre rechnen, daß es nicht tobt, mordet, brennt und verwüstet, solange es nicht losgelassen ist? Genau so brav war Nero auch ... als er in der Wiege lag. Um zu wissen, ob einer den rechten Weg einschlägt, muß man ihn laufen sehen, und ein Volt, das zu angefressen melchisedek-fromm ist, um einen bösen Herrscher wegzujagen, darf sich wahrlich nicht auf die Tugend berufen, die es ausüben würde, wenn es etwas ausübte. Überhaupt beschäftigt ihr Demokraten euch viel zu viel mit Politik. Oder besser, ihr meint zu unrecht, daß Politik hauptsächlich im Studium von Gesetzen und Regierungssystemen besteht. Bessert an euch selber, dann wird kein verkehrtes Gesetz, kein mangelhaftes System bestehen können. »Dieser König oder Kaiser tut seine Pflicht nicht,« klagt der Tischler ... er macht aber selber schiefe Schränke und krumme Tische, »Weg mit der Konstitution!« ruft ein Volksredner ... und seine eigene Verfassung ist so krumm, daß kein Umsturz nötiger ist als der von dieser. Büchermacher erzählen viel von der Unsittlichkeit der Höfe – sie brauchen in ihren Märchen Seide und Sammet und den Glanz der Titel, um Mangel an Talent zu verbergen – aber sieh dir doch die niederen Stände an! Sind die so heilig? Der Adel und die Vornehmen sind nicht auf der Höhe ihres Berufes, lange nicht! – Aber ist euer Bürgerstand adlig in seinen Gedanken? Vornehm in seinem Streben? Wenn all das Schlechte, das man gewöhnlich von Fürsten erzählt, wahr ist, könnte man in Versuchung kommen, euer ganzes Publikum von Bürgersleuten für eine Versammlung von Königen zu halten, die ihre Salbe abgewischt haben, um inkognito Skandal zu treiben. Und eure Gemeinheit ... ist kaiserlich?

Spielt nicht überall, und in den niederen Klassen nicht zum mindesten, die elende Jagd nach dem Gelde die Hauptrolle?«

» Rouge gagne et couleur« klang es durch die Ritzen des Gewölbes, wie ein Ausrufungszeichen hinter Adolfs Schelten.

»Kannst du behaupten, daß der Mittelstand uneigennütziger ist als die Reichen? Fühlt der Arme Mitgefühl mit dem Elend seiner Genossen? Mißachtet nicht der Arbeiter seinen Mitarbeiter? Herrscht eine Art von Brüderschaft unter den Minderbemittelten, ihnen, die so klagen – und mit Recht! – daß die Reichen so unbrüderlich sind? Ist nicht Habsucht und verfluchte Geldsucht ...«

» Trente louis au billet

»Ach ja,« fiel Adolf sich selbst ins Wort. »Auch du befaßt dich ja mit dem Reichweiden ... in Ermangelung eines Besseren. Nun, du brauchst mein Schelten nicht auf dich zu beziehen. Ich weiß, daß du nichts für dich selbst willst, und daß du geopfert hast, was so auf eurer kleinen Welt geopfert werden kann. Meinst du, daß mit und durch Geld etwas zu erreichen ist ... immerhin! Aber sei nicht so beschränkt demokratisch einseitig. Eure Königlein da oben taugen nicht viel, aber was ihr das Volk nennt ...

Weißt du, wie, Theseus geendet hat? Ich will dir es sagen. Der alte Ägeus hatte ganz recht, als er in die See sprang. Sein Sohn war wirklich nicht an Bord, wenn eure Mythologiebücher das auch anders erzählen ... aus Schamgefühl wohl. Theseus wurde nach der Tötung des Minotaurus vor den Richter gestellt, um sich zu verantworten, er hatte ein Knäuel Garn aus Ariadnes Nähkorb gestohlen. Man marterte ihn mit Verhören und Kontraverhören so lange, bis er schwach wurde, und gab ihn dann den Bürgern von Kreta zum Zerreißen, die es nicht verwinden konnten, daß er sie von dem Ungetüm erlöst hatte. So ist das Volk!«

»Meister, ich weiß davon ein Lied zu singen! Und doch ... doch ...«

»Desto besser! Auch du wirft zerrissen werden. Wenn dich das nicht abschreckt ...«

»Es schreckt mich nicht. Wenn ich nur hoffen kann, daß später ...«

»Schon gut! Später ist später. Trachte du, jetzt deine Pflicht zu tun. Suche die Wahrheit und sage, was du fandst, und kümmere dich nicht um die Kreter ...«

»Aber Meister, wenn sie nun eine liberale Zeitung machen und drin erzählen, daß ich an die Konservativen verkauft bin?«

»Liberale Zeitung? Konservativ? Was sind das für Dinge? Sprich verständliche Rede, wenn du willst, daß wir uns hier unten mit dir abgeben.«

»Meister, sie greifen meinen Charakter an ...«

»Wenn du dich daran kehrst, ist's ein Beweis, daß sie recht haben. Analysiere den Gedankengang der vielen, die du angreifen mußt, um wahr zu sein, dann wirst du sehen, daß ihnen wenig anderes übrig bleibt, als um ein Knäuel Garn zu prozessieren. Theseus hätte sich mit so etwas gar nicht einlassen sollen. Solch Schwatz schmerzt nur so weit, als man sich dadurch verwunden läßt. Was die Schärfe der Waffen betrifft, mit denen man dich bekämpft ... es ist die alte Geschichte von dem Dolch in Verkürzung ... optische Täuschung, Kerlchen! Es sieht nur so aus, solange es dir beliebt zu fallen. Halte dich über dem Park, oder besser noch, steige weiter. Dann wirst du Hohlheit entdecken in allem, was unter dir ist. Was spitzig schien, wird eine Mulde ... wie das Terrain meines Sonnenberges, über den du so gelacht hast.«

»Aber wenn sie mir nun inzwischen durch üble Nachrede, Wortverdrehen und Verleumdung das Leben verbittern?«

»Wer? Könige? Kaiser?«

»Nein, Meister. Von Beruf sind sie Büchermacher, Zeitungsschreiber, Stenographen, sprachkundige Doktoren der heiligen Theologie, Generalgouverneure außer Dienst ...«

»Ei, Bürgersmenschen also! Ich wette alles, was du willst, nicht einmal ein Markgraf ist drunter! Siehst du, wie falsch ihr Demokraten es anfangt, das Niedere immer unter den Hohen zu suchen? Leben verbittern? Unsinn! Hast du denn Lebenssüßigkeit von anderen erwartet? Verbittern? Ja, das gehört dazu. Wolltest du wohltun, und noch obendrein gepriesen werden? Das ist zu viel verlangt, mein Junge. Wer durchdringen will, muß in seinen Wünschen mäßig sein.«

»Aber sie legen es darauf an, mir das Leben unmöglich zu machen. Dort oben wird alles durch Geld regiert, und ...«

»Tout va!«

»Hm ... tout? Das ist eine Lüge, das ist eine verdammte Lüge! Nicht alles steht auf dem Spiel ...«

»Aber doch sehr viel, Meister! Und solange ich umherstreife, manchmal ohne Brot, und selten sicher, ob ich morgen zu essen habe, fällt es mir schwer, gehörig zu arbeiten ...«

»Steige nach oben, und schließe die Klappe, und paß auf, daß du das Bein nicht in dem Tau verwickelst, und halt dich fest, wenn du irgendwo an Land kommst, und mache dir nichts aus der Sünde, ein paar Schieferplatten von irgend einem Puppenkasten einzutreten ... mag das Ding auch mal königlich heißen. Potztausend, mein Junge, der wahre Ballonmann muß selbst Kurfürst, König, Luftkaiser sein ... und der Herr Hofintendant ist ein Narr.«

Ein Gnom kam fragen, ob der Lehrling endlich bereit wäre.

»Hm ... ja ... so so. Sehr vorgeschritten ist er nicht,« antwortete der Meister. »Wie viele von dem ungestorbenen Zeug, ist er etwas dumm ... widerlich beschränkt. Ich spreche von dir, Geldsucher! Meinetwegen kann er hineingehen. Ob es ihm viel nutzen wird? Immerhin ... gib ihm das Wachtwort. Und du, Menschlein, höre mal, wenn du nachher wieder auf die Kruste kommst und etwas verbessern willst, sieh dann um dich, in dich. Nicht immer nach oben ... und auch nicht immer nach unten. Was du dein Volk nennst ...«

Der sonderbare Adolf beschloß die Sitzung mit seinem kräftigen Fluche über alle die Säuglämmchen ... »und ein Schwert!«

»Der Meister ist noch ein bißchen menschlich,« sagte der Gnom, der mir den Weg nach dem Gewölbe wies, wo ich lernen sollte. »Ich war auch so, wie ich noch nicht lange hier war.«

»Wie alt bist du denn?« fragte ich das graue Männchen.

»Wie ich hier ankam, waren alle Affen noch in den Wäldern.«

»Lange her?«

»Ansichtssache. Alles vergleichsweise zu beurteilen. Der Stein, auf dem du gesessen hast, ist älter als ich, und mein Kamerad Semi-ur, der da drüben beim Krystallisieren ist, hat ihn werden gesehen. Vielleicht sagt er nachher etwas in seinem Vortrage. Er ist einer der Sprecher, weißt du, und geht nie aus seinem Fache.«

»Krystallisation?«

»Ja.«

»Und der Meister hat mir versprochen, ich sollte etwas von Spielbanken und Wahrscheinlichkeitsrechnung hören!«

»Na ja, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Krystalle ... es kommt auf eins heraus. Alles in allem, siehst du, das ist gerade heute das Wachtwort. Geh hinein!«

»Alles in allem!« rief ich, und die wachthabenden Koboldchen ließen mich durch.

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